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Zwanzigstes Kapitel

Obgleich das große aus Holz erbaute Gasthaus, worin Miß Kildare wohnte, ein Telegraphenamt besaß und die nächste Eisenbahn bequem in einem Tage zu erreichen war, lag es doch in gerader Linie nicht allzu fern von dem auf keiner Karte verzeichneten Flusse, worin die »Port Edes« auf einer Sandbank gestrandet war. Es stand thatsächlich dicht vor den Everglades und überschaute die blauen Wogen des Golfs von Mexiko. Eine baufällige hölzerne Landungsbrücke erstreckte sich wohl eine Meile in die See hinein wie ein ungefüger, graubeiniger Tausendfuß.

Im Winter war Point Sebastian ein Erholungsort für Nabobs aus dem Norden und ein Sammelpunkt für die reizenden amerikanischen Frauen, deren gefällige Gatten irgendwo in der Dollarmühle zurückbleiben. In den warmen Monaten hingegen suchten diese Leute ihr Vergnügen in den nördlichen Seebädern oder in den Sommerfrischen der Alleghanies, und dann verschloß und verhüllte das Erholungshaus zu Point Sebastian den größten Teil seiner Herrlichkeiten, da für die Wenigen, die in dieser Jahreszeit kamen, die Hälfte der verfügbaren Zimmer vollkommen ausreichte.

Immerhin gab es doch eine Art von Sommersaison in Point Sebastian, die in ihrer Art ganz lustig war. An den meisten Abenden drehten sich einige Dutzend muntere Paare auf dem gebohnten Fußboden des großen Saales im Scheine der elektrischen Lampen nach den Klängen der Musik, und in der kühlen Dämmerung der Veranden konnte sich selbst unverhüllte Mittellosigkeit die Freuden eines kurzen Liebesgetändels verschaffen. Mr. Kent-Williams und seinesgleichen waren unterhaltend genug, vorausgesetzt, daß man nicht allzu lange auf den Verkehr mit ihnen angewiesen war, und die holden Mägdlein, die ihre jährliche Erholungsreise nach dem Gasthause geführt hatte, ließen sich die hübschen Redensarten dieser Herren ganz gern gefallen.

Patrick Onslow traf mindestens fünf Bekannte dort, und das zeigt, wie vorteilhaft es ist, wenn man eine Universität besucht hat, denn da Oxford und Cambridge mit dem besten Erfolge davon Abstand nehmen, irgend etwas zu lehren, was für andre Menschen als Pastoren, Aerzte und Schulmeister von wirklichem praktischen Nutzen ist, so folgt daraus, daß es vielen Leuten, die an den Brüsten dieser Mütter der Weisheit gesogen haben, nicht gelingt, sich zu Hause ihren Lebensunterhalt zu erwerben, und daß sie ihr Glück jenseits des Meeres versuchen müssen.

Einen Versuch, seine Ankunft geheim zu halten, machte Patrick Onslow nicht. Durch die Zeitungen war es bekannt geworden, daß er auf der unglücklichen »Port Edes« gewesen war, als ihr Verhängnis sie ereilt hatte, und daß es ihm wie durch ein Wunder gelungen war, die Küste zu erreichen, und zwar an einer Stelle, wo er vor weniger als einem Jahre gejagt hatte. Von da war er in einem Kanoe, das er von einem Seminolen erstanden hatte, nach Point Sebastian gerudert. V'là tout!

In dieser Zeit war Patrick Onslow mit sich selbst außerordentlich zufrieden. Die Arbeit, wozu er sich verpflichtet hatte, war ihm natürlicherweise verhaßt, denn es muß einem jeden widerwärtig sein, mit einem Schwindel, sei er groß oder klein, zu thun zu haben, und nun schien das Ende nahe zu sein, ein von vollständigem Erfolge gekröntes Ende.

Er hatte dafür ringen müssen, denn Kapitän Kettle hatte große Neigung verraten, die Sache lieber auf eigene Rechnung durchzuführen, statt alles für einen Arbeitgeber zu thun, der ihn vergleichsweise so schlecht bezahlte. Damals, als Onslow aus dem todähnlichen Schlafe erwacht und nach der Kajüte heruntergekommen war, wo er den schauerlichen Vorfall mit den Vogeljägern erfuhr, hatte er zuerst etwas gemerkt. Der kleine Kapitän empfing ihn mit kalter Zurückhaltung, war einsilbig, wenn Onslow mit ihm über die weiteren Maßnahmen beraten wollte, und grob, wenn er ihn fragte, was ihm fehle. Der Oberheizer war die Veranlassung, daß die Sache endlich zur Sprache kam.

»Na, Kapitän,« fragte er eines Tages, »wie viel verdienen Sie denn bei der ganzen Geschichte?«

»Fünfhundert Pfund.«

»Donnerwetter, das ist ein gewaltiger Haufen Geld, aber doch furchtbar wenig. Ich wollte, ich hätt's, und ein bißchen mehr. Ich wünsche mir ein Haus am Lande, eine Frau und einen Eselwagen, in dem ich sie spazieren fahren könnte wie eine große Dame, und noch vieles andre.«

»Ach, schweigen Sie stille, Sie brauchen mir nicht zu sagen, was einer thun könnte, wenn er sich die Taschen mit dem Geld aus diesem Schiffe füllte. Das kann ich mir ungefähr schon selber ausrechnen, ohne daß mir so'n verfluchter Irländer zu helfen braucht.«

»Na, na, liebes Kapitänchen, Sie brauchen ja nicht gleich grob zu werden, weil ich Ihnen sagen wollte, daß ich im Falle – im Falle es zu Meinungsverschiedenheiten käme, zu Ihnen halten werde. Mr. Onslow, Sie sind ein feiner Mann, und Sie gefallen mir auch recht gut, aber, sehen Sie, der Kapitän ist einmal mein Vorgesetzter, und das Hemd ist mir doch näher als die Jacke, besonders, wenn eine so schöne Gelegenheit zur Hand ist. So eine kommt nicht zweimal im Leben.«

»Wahrscheinlich nicht,« entgegnete Onslow, der mit hinter dem Kopfe gefalteten Händen auf seinem Stuhle lag. »Kapitän Kettle,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »wenn Sie die Absicht haben, mich totzuschießen, so holen Sie Ihr Schießeisen heraus und machen Sie es kurz. Dann können Sie und Sullivan mit der Ladung machen, was Sie wollen. Aber das ist auch die einzige Art, wie Sie meine Einwilligung dazu erlangen, daß Sie mehr nehmen, als Ihnen gebührt. Shelf hat mir vertraut, und ich würde ehrlich gegen ihn handeln, selbst wenn er ein zehnmal größerer Spitzbube wäre, als er ist, wie ich sehr wohl weiß. Nun zu, machen Sie kurzen Prozeß, daß es überstanden ist.«

Sie saßen im Kartenraum. Kapitän Kettle runzelte die Stirn und kratzte sich einen Augenblick hinter den Ohren. Dann erhob er sich und verschloß die Steuerbordthür. Er zog den Schlüssel dieser, ebenso wie den der Thür, die nach der Kajütentreppe führte, ab und reichte beide Onslow.

»So, Herr,« sprach er, »nun können Sie mich und den Oberheizer hier einschließen und dann thun, was Sie wollen. Aber ich gebe Ihnen den guten Rat, nehmen Sie Ihr Gold aus diesem Schiffe heraus, denn falls es noch hier ist, wenn ich diesen Raum verlasse, dann, so wahr ich lebe, nehme ich mir so viel davon, als ich Lust habe. Dort ist mein Lager, gerade über der Stelle, wo es verstaut ist, und ich habe jede dienstfreie Wache wie eine Henne auf diesen Sovereigns gesessen und mich gefragt, was ich wohl ausbrüten würde. Sie verstehen vielleicht, was ich meine.«

Onslow nickte.

»Dann nehmen Sie mir den Geruch aus der Nase und karren Sie Ihre Kisten so rasch als möglich weg. Arme Leute wie mich darf man keinen großen Versuchungen aussetzen. Es ist nicht gesund für meine Nebenmenschen. Nein! Machen Sie, daß Sie fortkommen, Mr. Onslow, oder ich thue Ihnen doch noch etwas an, und vergessen Sie nicht, die Thüren zu verschließen. Oberheizer, da unten in der Kiste ist Whisky –, nehmen Sie das reine Glas für sich und geben Sie mir das gebrauchte.«

Onslow las in der Seele des kleinen Mannes wie in einem Buche und verbeugte sich ernst. Dann that er mit Thür und Schlüssel, wie ihm vorgeschlagen worden war, stieg hinunter und machte sich an die Herkulesarbeit, die eisenbeschlagenen Goldkisten eine nach der andern hinauszutragen. Er lud sie ins Backbordachternboot, das er an seinen Davits so weit herabgelassen hatte, daß es mit dem Deck auf gleicher Höhe hing, und als es beladen war, brachte er es zu Wasser. Weit stromaufwärts ruderte er, an Buchten und Nebenarmen des Flusses vorüber, bis er einen kleinen toten Arm fand, der sich durch dichte Mangrovengebüsche zog. Diesen ruderte er hinauf und gelangte in ein von feierlichen Cypressen umstandenes rundes Becken schwarzen Wassers.

Eine Kiste nach der andern hob er über den Rand des Bootes und ließ sie mit dumpfem Schlage ins Wasser fallen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis aufsteigende Blasen an der Oberfläche ihre üblen Dünste aushauchten und anzeigten, daß die Kisten den Grund erreicht hatten. Dann holte er eine zweite und dritte Ladung. Das tintenschwarze Wasser schloß sich über allen und verriet nichts, was versenkt worden war.

Daß dieses Versteck gefunden werden würde, war nicht zu besorgen, und zwei Tage später telegraphierte er vom Telegraphenamt in Point Sebastian an Theodor Shelf: »Alles in Ordnung.«

Die moderne Wissenschaft macht es uns möglich, zur Frühstückszeit eine Botschaft um die halbe Erde herumzusenden und gegen Mittag, noch ehe die Glocke zum Speisen ruft, die Antwort zu empfangen, und in Erwartung eines solchen raschen Austausches von Mitteilungen hatte sich Onslow nach dem nächsten vorgeschobenen Posten der Civilisation begeben.

Er hatte eine halbe Million Pfund in Gold verborgen, die beiden Männer aus dem Kartenraum befreit, sie angewiesen, wenn sie Lust dazu hätten und sich hinreichend gekräftigt fühlten, sich daran zu machen, das äußere Aussehen des Dampfers gründlich umzugestalten. Dann hatte er sich auf den Weg nach Point Sebastian gemacht. Obgleich ihm die flüchtige Erscheinung Miß Kildares in ihrem weißen Schoner am Morgen des Schiffbruchs ihre Anwesenheit in jener Gegend verraten hatte, war das Zusammentreffen mit ihr in Point Sebastian doch eine vollkommene Ueberraschunq, aber kein Schreck für ihn.

Auf seine Kabeldepesche erhielt er allerdings eine Antwort, aber erst am Mittag des folgenden Tages: »Keine weiteren Schritte. Brief folgt.« Dies schien auf eine Aenderung des Planes zu deuten.

An einem andern Orte wäre Onslow über diesen Aufenthalt vielleicht ungehalten gewesen, denn es mußten mindestens elf Tage vergehen, bis ihn ein Brief erreichen konnte, und während dieser ganzen Zeit war er zur Unthätigkeit und zu ängstlichem Warten verurteilt. Unter den gegebenen Umständen las er Shelfs Telegramm jedoch mit einem nur ganz vorübergehenden Stirnrunzeln und fühlte eine leise Befriedigung über die Frist. Am Nachmittag fuhr er mit Miß Kildare hinaus auf den Tarponfischfang, und infolge eines merkwürdigen Zufalls, wie er alle hundert Jahre mal vorkommt, fingen sie wirklich schon am ersten Tage einen Tarpon.

»Den haben wir zusammen gefangen,« sprach Miß Kildare. »Es ist mein erster, und ich habe es schon unzählige Mal auf ihn abgesehen gehabt.«

»Auch mein erster ist es, obgleich ich früher schon wochenlang auf Tarpons gefischt habe.«

»Wir scheinen uns Glück zu bringen.«

»Ganz entschieden thun wir das, Elsie.«

Diese Schlußfolgerung schien besondere Gedanken in beiden anzuregen und sie ließen während der nächsten paar Minuten ihre Augen über den blauen Golf schweifen, ohne zu sprechen. Ein Tümmler, der einen Schwarm Seebarben verfolgte, schoß an ihnen vorbei, und über ihren Köpfen flog eine Schar roter Flamingos mit mißtönendem Geschrei nach einem Tage mühseligen Fischens den Everglades zu.

»Sie alle müssen sich ihren Lebensunterhalt sauer erwerben,« sprach Onslow.

»Wer?« fragte das junge Mädchen.

»O, ich dachte an diese Tiere im Wasser und in der Luft und schloß daraus auf die übrige tierische Welt. Wir alle gehen auf Beute aus, bis hinab zum Esel, der Gras stiehlt, sonst müssen wir sterben.«

»Eine sehr weise Bemerkung, Pat. Hast du in der letzten Zeit Schopenhauer gelesen, oder befindet sich deine Bankrechnung nicht in gesundem Zustande?«

Onslow lachte. »Bin ich pessimistisch gewesen? Das ist sonst im allgemeinen nicht meine Art, aber ich dachte gerade daran, daß meine Lebensgeschichte ganz anders lauten würde, wenn ich reich und wenn – manches nicht vorgefallen wäre.«

»Du meinst, du könntest jetzt Ihrer Majestät Gesandter am Hofe von Timbuktu sein?«

»Oder wenigstens etwas Aehnliches, ja.«

»Mabel,« sprach das junge Mädchen leise, »ist jetzt frei.«

Onslow nickte träumerisch und ließ seinen Blick wieder über das blaue Wasser schweifen. Das Boot schaukelte sich, wie es mochte, auf den leichten Wellen, und das Brausen der Brandung an den fernen Riffen traf sein Ohr und sang ihm ein spätes Lied von dem, was Hütte sein können. Mabel frei! Das Weib, das einst gelobt hatte, die Seine zu werden, das Weib, dessen Bild ihn während dieser langen, wüsten Jahre von Ort zu Ort getrieben hatte, weil seine standhafte Liebe für sie eine zu große Qual war, als daß er sie hätte ertragen können, wenn er einmal an einer Stelle zum Atemholen rastete und Zeit hatte, zu denken, dieses Weib war jetzt frei! Das Weib, das dem Zwange nachgegeben und einen Mann geheiratet hatte, den es weder am Hochzeitstage, noch jemals später geliebt hatte, war wieder frei! Jetzt Mabel Duvernay und nicht mehr Mabel Kildare – aber immer noch Mabel – und frei!



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