Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zehntes Kapitel

Patrick Onslow kehrte mit drei Revolvern aus dem Kartenraume zurück, wovon er einen dem Kapitän gab, während er die andern in seine eigenen Taschen steckte, so daß also jeder zwei hatte. Von der andern Seite des Quarterdecks stieg wüstes Geschrei der Leute in die Nacht empor, und der Fockmast des Dampfers begann unregelmäßig vor den Sternen zu schwingen. Die Maschinen standen still, der Schiemann hatte das Steuerrad verlassen und der Golfstrom trug das Schiff wie Treibholz, wohin ihm beliebte.

Auf der Steuerbordseite befand sich keine nach der Kommandobrücke führende Treppe, aber Kettle schwang sich mit Benutzung einer Schlotstütze hinauf, und Onslow folgte ihm gewandt. Der Steuermann von der Wache empfing sie mit angsterfüllten Seitenblicken, aber ohne Worte und verschwand dann in der Dunkelheit.

Kapitän Kettle schritt hurtig über die Brücke nach Backbord und sah hinab. Unter ihm schob sich eine dunkle Masse hin und her, dem Anscheine nach die gesamte Bemannung. Das elektrische Glühlicht, das im Innern des Eingangs zur Kajütentreppe brannte, warf seinen vollen Schein auf sie. Mit untergeschlagenen Armen und einem stummen, höhnischen Lachen schaute sie der Kapitän eine volle Minute an, bis die nach oben gerichteten Gesichter, die die Erwartung zum Schweigen gebracht hatte, wieder anfingen, zu lärmen. Nun gebot er durch eine Handbewegung Ruhe und begann zu sprechen.

Seine Worte waren nicht vom Geiste der Versöhnung getragen; er redete seine Zuhörer wie gewöhnlich als Hunde an und verlangte, zu wissen, warum sie sich unterstanden hätten, ihre Arbeit und ihr Hundehaus zu verlassen und sein Quarterdeck zu besudeln.

Die Ansprache war kurz und traf den Nagel auf den Kopf. Ein gewöhnlicher Matrose trat vor und beantwortete sie in einem Englisch, dem man den Holländer anhörte.

»Sie nennen uns Hunde, und Sie behandeln uns wie Hunde, aber das lassen wir uns nicht mehr gefallen. Wir verlangen unser Recht.«

»Oho!« rief Kettle. »Also einen Holländer habt ihr euch zum Sprecher gewählt. Sagt, was ihr wollt, aber in gutem Englisch, das ist die amtliche Sprache hier auf diesem Schiffe, das vergeßt nicht und haltet mich nicht zu lange auf.«

Der Holländer schien geneigt, aufzubegehren und seine Stellung behaupten zu wollen, allein er fand keine Unterstützung.

»Wenn ihr nicht wißt, was ihr thun sollt,« schlug der Kapitän vor, »dann nehmt doch den Nigger, der unter euch ist, zum Sprecher. Wäret ihr Männer, würde ich das nicht sagen, aber er ist ebenso gut wie jeder andre von euch, und vielleicht gibt er einen Niggertanz als Zugabe, damit ein bißchen Leben in die Geschichte kommt.«

Der Neger, der irgendwo am äußeren Rande stand, brach in ein lautes Lachen aus, bis ihm ein andrer einen Tritt vor die Schienbeine versetzte, so daß er sich heulend entfernte. Ein grimmiges Murren stieg von den Weißen bei dieser höhnischen Herausforderung auf, und einer von ihnen, ein bärtiger Schiemann in einer braunen Friesjacke, trat vor. Er spuckte aus, sah seine Genossen an, um sich Mut aus ihren Blicken zu holen, und erhob dann sein Gesicht zur Kommandobrücke empor.

»Hören Sie mich an, Kapitän Kettle. Treiben Sie die Sache nicht auf die Spitze und reizen Sie uns nicht allzusehr. Dies ist kein Sklavenschiff, sondern ein ganz gewöhnlicher englischer Frachtdampfer, und das Gesetz schützt die Mannschaft vor Uebergriffen.«

»Das nenne ich eine offene Aussprache,« entgegnete Kettle. »Ich habe die größte Hochachtung vor den Schiffahrtsgesetzen, und wenn du glaubst, dich über etwas beklagen zu können, mein Söhnchen, dann suche deine Zeugen zusammen und geh mit ihnen zum englischen Konsul in New Orleans.«

»Das würde uns was Rechtes nützen,« erwiderte der Mann. »Wo hat's wohl jemals einen Konsul gegeben, der einem alten Seemann gegen den Kapitän Glauben geschenkt hätte? Nä, mein Mann, wir würden für unsre Mühe bloß eingespunnt. Außerdem, was wir verlangen und worauf wir bestehen, ist, daß sofort eine Aenderung eintritt.«

»Also jetzt kommt's! Und was wäre euch denn gefällig? Soll ich einen Teil des Raumes frei machen und Himmelbetten für euch aufstellen und einen Empfangssalon einrichten? Soll ich dem Steward befehlen, die Herren, die so gütig sind, Kohlen in den Feuerraum zu schaffen, mit eisgekühltem Sekt zu bedienen? Na, heraus mit der Sprache!«

Der kleine Mann reizte die Leute mit voller Ueberlegung, und Onslow war erstaunt über seine Tollkühnheit, aber Kettle verstand sein Spiel und spielte es gut.

Nur einer von den Leuten lachte, aber sein Lachen brach gleich wieder jäh ab. Einige machten finstere Gesichter, ein paar fluchten, und nur der Schiemann in der braunen Friesjacke blieb unbewegt. Kettles unerhörter Herausforderung schenkte er keine Beachtung, sondern fuhr in eintönigem, langsamem Singsang in seiner Beschwerde fort.

»Zunächst beklagen wir uns über das Futter und ganz besonders den Zucker. Das ist weiter nichts als der Bodensatz von Melasse.«

»Daran ist eure eigene Faulheit schuld,« antwortete Kettle. »Auf dem Boden eines Zuckerfasses ist das immer so, wenn's nicht jeden Tag gerüttelt wird. Zum Donnerwetter!« fuhr er, sich zum erstenmale zur Wut hinreißen lassend, fort, »seid ihr deswegen zu einer Bande heulender Meuterer geworden und laßt mein Schiff wie einen Hühnerkorb nach dem New Foundland treiben?«

Der Schiemann wurde durch diesen Gegenangriff offenbar etwas aus der Fassung gebracht, in der That so sehr, daß er die nächsten Punkte der Beschwerde vergaß und sofort zur Hauptsache kam.

»Vor allem bestehen wir auf einer Lohnerhöhung,« sprach er. »Wir sind der Ansicht, daß wir zu dieser Reise nach New Orleans unter falschen Angaben geheuert worden sind. Es ist uns verheimlicht worden, was für eine Art von Ladung wir führten, die natürlich diese Anarchisten zu Gewaltthätigkeiten reizt, so daß wir ungewöhnlicher Gefahr ausgesetzt sind. Eine solche Teufelsmaschine haben wir ja schon gefunden, und wer weiß, wie viele noch zwischen den Kohlen stecken. Dieser alte Kasten kann jeden Augenblick in die Luft fliegen, und wenn wir das riskieren müssen, dann wollen wir auch entsprechend bezahlt werden. Die Ladung kann eine kleine Anzapfung aushalten, und wir haben uns entschlossen, das selbst zu besorgen.«

Kettle antwortete nicht gleich. Er schien die Worte in seinem Munde hin und her zu wälzen und sie dann hinunterzuwürgen, um andre heraufzuholen. Eine volle Minute dauerte es, bis er die Sprache wieder fand, aber dann kam sie wie ein Sturzbach.

»Ihr unglaublichen Dummköpfe,« rief er, »das ist keine gewöhnliche Ladung, wovon ihr nach Belieben etwas wegnehmen könnt. Daß der Versicherungsagent, wenn ihm die übliche Redensart vorgemacht wird: ›auf der Fahrt beschädigt!‹, kein Auge zudrücken wird, darauf könnt ihr Gift nehmen. Wenn auch nur ein lumpiger Halbsovereign fehlt, marschiert die ganze Bande in New Orleans, ins Loch, bis es gefunden worden ist, und dann werdet ihr mit Zeugnissen entlassen, die ihr nicht hinter den Spiegel steckt. O, ihr Schafsköpfe!«

Onslow betrachtete den Mann mit neuem Interesse. Er hatte den rohen Ton vollständig fallen lassen, seine Hände ruhten nicht mehr auf den Kolben seiner Revolver in den Taschen, sondern umklammerten das Geländer der Kommandobrücke und seine Ellbogen schlugen nervös gegen die Rippen.

Ein im tiefen Schatten stehender Mann ließ ein höhnisches Lachen ertönen.

»Wer will denn überhaupt nach New Orleans?« fragte wahrscheinlich derselbe Mann. »Wer will denn noch weiter fahren, als bis zum nächsten Key oder Riff? Da wollen wir den häßlichen alten Kasten auflaufen lassen und dann mit den Booten nach Cuba fahren, wo's hübsche, versteckte Buchten genug gibt und die guarda costas keine neugierigen Fragen stellen, und wenn sie's doch thäten, würde ihnen ein Pröbchen von dem gelben Ballast in den Booten das Maul stopfen.«

»Wer hat da eben gesprochen?« fragte der Kapitän.

Der Oberheizer wurde in den Lichtkreis vorgeschoben.

»Du?«

»Ich bin Ihr Mann, Kapitän,« antwortete der Oberheizer, »aber ich möchte lieber helfen, die Wünsche der Besatzung durchzusetzen, als gegen sie auftreten. Mit Ihnen werden wir ehrlich verfahren, Kapitän, anständig, und der Dampfer kann als auf hoher See verschollen gelten, durch eine Anarchistenbombe in Stücke geschmettert. Das ist ein ganz natürlicher Tod für ihn.«

Kettle starrte den Sprecher mit weit aufgerissenem Munde und aus den Höhlen tretenden Augen an und trommelte wie geistesabwesend mit den Fingern auf der weißen Handleiste des Geländers.

In diesem Augenblick erhob der erste Sprecher der Besatzung seine unglückliche Stimme wieder.

»Ach, Kameraden, wir vertrödeln die Zeit. Wir wissen ja, was wir wollen, und warum sollen wir das Gold nicht ohne weiteres Geschwätz teilen? Guter alter Mann, komm herunter und hol' dir deinen Teil, wie wir andern.«

Langsam richtete sich Kapitän Kettle auf. Seine Augen verloren den starren Blick, und ein unheilverheißendes Funkeln erschien darin; sein Mund schloß sich mit einem hörbaren Schnappen, seine Fäuste glitten in seine Jackentaschen und ergriffen dort etwas.

»Muß ich den Tag erleben, wo ich nach der Pfeife einer solchen Bande tanzen soll? Ist einer unter euch, der sich einbildet, er könne auf meinem Schiffe auch nur ein Haar breit von seinem eigenen Willen haben?

»Na, na, Kapitän Kettle,« antwortete der Schiemann, der vorhin gesprochen hatte, »seien Sie doch nicht unvernünftig. Der Holländer meint's gut, wenn er sich auch nicht gerade seegerecht ausdrückt. Außerdem haben wir beschlossen, uns in das Gold zu teilen, und es wäre am besten, wenn Sie ohne weitere Umstände mitteilten. Wir sind alle entschlossen, und wir sind doch wohl etwas zu viele für Sie, selbst wenn sich Mr. Onslow auf Ihre Seite stellte.«

In Kettles Gesicht erschien das Licht der Kampflust.

»So?« stieß er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. »Das wird sich finden. Ich würde ganz allein mit euch fertig werden, und wenn euer doppelt so viele wären. Das wäre nicht das erste Mal, daß ich eine Bande klein gekriegt habe, und jetzt soll's nochmal so gehen. Diesmal steht auch Mr. Onslow zu mir, und wir verfügen über zwanzig Kugeln, die in zwanzig von euren Dickschädeln Löcher machen werden, ehe mir einer von euch auf Armeslänge nahe kommt. Nicht einer von euch hat 'ne Pistole.«

»Oho! Meinen Sie?« fragte eine näselnde Stimme in den äußeren Reihen des Haufens. »Da sind Sie auf dem Holzwege, Mister, ich habe eine!«

Bang!

Der Mann schrie auf und stürzte zusammen, seine Waffe fiel polternd aufs Verdeck. Kettle hielt den rauchenden Revolver so stetig und fest, als ihn eine eiserne Faust nur halten konnte.

Die andern wichen zuerst unwillkürlich von dem Gefallenen zurück, nur ein gewöhnlicher Matrose, jünger und beherzter als die andern, sprang vorwärts, um den Revolver aufzuheben. Als sich seine Finger um die Waffe schlossen, blickte er unbewußt zur Kommandobrücke auf.

Onslow hatte seinen Revolver auf den linken Ellbogen aufgelegt, Kettle hielt den seinen mit ausgestrecktem Arme, und beide Waffen waren auf ihn gerichtet.

»Schmeiß das Ding über Bord, oder du bist ein toter Mann, ehe du blinzeln kannst.«

Die einzige Schußwaffe der Meuterer flog über Bord und fiel klatschend ins Wasser.

»Nun laßt die beiden Dummköpfe, die eure Sprecher waren, mal vortreten.«

Die Leute standen wie versteinert.

»Wird's bald? Sonst schieße ich mitten unter euch.«

Der Schiemann in der braunen Friesjacke trat aus freien Stücken vor, und der Holländer folgte seinem Beispiel.

»Hast du ein Geldstück, Schiemann?«

»Nein, Herr!«

»Du, Hanswurst?«

»Ja, Herr.«

»Dann schüttle es, und du, Schiemann, rätst Kopf oder Schrift, aber rate richtig, denn den, der verliert, schieße ich über den Haufen.«

Der Holländer legte etwas zwischen seine Handflächen, schüttelte sie heftig, schloß dann eine Hand und streckte die geschlossene Faust mit einem Ruck vor.

»Kopf!« rief der Schiemann.

Der andre öffnete zögernd und langsam seine schmutzigen Finger, einen nach dem andern und ließ das Geldstück sehen. Es war ein halber Penny, und die Schrift lag oben. Der Schiemann knöpfte seine Jacke zu, reckte sich und sah nach der Kommandobrücke hinauf.

»Halt' deine Hand hoch!«

Mit gespreizten Fingern flog sie empor, soweit der Arm reichte; dann bang! und eine Kugel durchbohrte die Mitte der Handfläche. Der Mann stieß einen kurzen Schrei der Ueberraschung aus und steckte das verwundete Glied in die Achselhöhle. Die vollkommen eingeschüchterten Leute standen in eisigem Schweigen um ihn herum, und Kapitän Kettle bewegte langsam die Mündung seines Revolvers über ihren Köpfen hin und her. Dann schob er beide Waffen in die Tasche und gab seine Befehle scharf, schneidig und entschieden.

»Dienstfreie Wache unter Deck! Wache im Dienst an eure Posten! Schiemann der Wache hierher ans Rad! Südwest bei Süd!«

Ein Schiemann beeilte sich, die Brückentreppe emporzuspringen.

»Südwest bei Süd liegt an!« erwiderte er vorschriftsmäßig. Das war die einzige Bemerkung, die einer der Bemannung Kapitän Kettle gegenüber über seine Methode machte.



 << zurück weiter >>