Anonym
Der Heliand
Anonym

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Des Täufers Enthauptung

                                                                Andern Weg fuhr derweil
Mit den Jüngern Johannes,   Gottes Amtmann.
Er lehrte die Leute   langwährenden Rat,
Hieß sie Frömmigkeit üben   und die Frevel meiden,
Mein- und Mordtat,   und war manchem lieb
Der guten Menschen.   Er besuchte den Judenkönig
In seinem Hause, den Heerführer,   der geheißen war
Nach den Eltern Herodes,   der übermütige Mann.
Er wohnte bei der Frau,   die zuvor sein Bruder
Zur Ehe gehabt,   bis er anderswohin ging,
Die Welt wechselnd.   Das Weib nahm sich da
Der König zur Gattin,   die schon Kinder gebracht
Zuvor seinem Bruder.   Das verwies der Frau
Johannes der gute   und sprach, es wäre Gott
Dem Waltenden zuwider,   daß wer das täte,
Daß er seines Bruders Weib   in sein Bett nähme
Und zur Gattin hätte.   »Wenn du mir hören willst
Und meinen Lehren glauben,   so behalte sie länger nicht,
Meide sie in deinem Gemüt,   laß die Minne zu ihr,
Versündige dich nicht so schwer.«   Da begann zu besorgen
Das Weib nach den Worten,   daß den weltlichen König
Seine Mahnung verleiten möchte,   die Macht seines Worts,
Sie zu verlassen.   Da begann sie ihm Leides viel
Zu bereiten und zu raten,   gebot den Recken,
Den Unsündigen   einzufangen
In des Kerkers Kluft,   ihn mit schließenden Ketten,
Mit Blei zu belasten.   Das taten die Leute;
Ihn zu töten wagten sie nicht:   ihm waren alle freund,
Wußten, daß er gut war   und Gott auch wert;
Sie hielten ihn für einen Weissager,   wie sie wohl auch mochten.

Nun war in dem Jahrgang   des Judenkönigs
Zeit gekommen,   der Zählung gemäß
Erfahrner Volksmänner,   das Fest seiner Geburt,
Da er ans Licht gelangt war.   So war der Leute Brauch,
Daß der Juden jeglicher   das begehen sollte
Und fröhlich feiern.   Da ward in dem Festsaal
Eine mächtige Menge   der Mannen versammelt
Und der Herzoge,   im Hause, wo der Herr saß
Auf dem Königstuhle.   Da kamen in Menge
Die Juden in den Gastsaal   und wurden guter Dinge
Und froh zufrieden,   da sie ihres Festgebers
Wonne gewahrten.   Man trug Wein in die Halle,
Schieren, in Schalen;   Schenken schwärmten umher,
Aus Goldgefäßen gießend.   Da ward Jubel laut
Erhoben in der Halle,   da die Helden tranken.
In der Lust überlegte   der Landeshirt,
Was er die Wonne recht   zu mehren gewährte.
Da ließ er kommen   die kecke Dirne,
Seines Bruders Erzeugte,   wo er zechfroh saß
Auf der hohen Bank.   Da hub er zu ihr an,
Sie vor den Gästen grüßend,   begehrte dringend,
Daß sie vor den Tischgenossen   zu tanzen begänne,
Über dem Estrich schwebend.   »Laß uns alle schauen,
Was du gelernt hast,   der Leute Menge
Zu erfreuen beim Festmahl.   Und erfüllst du die Bitte,
Mein Gesuch hier im Saale,   so versichr ich dir wahrhaft
Laut vor den Leuten,   und leist es auch so,
Ich will dir willig   alles gewähren,
Was du von mir forderst   vor den Festgenossen.
Und heischtest du die Hälfte   meiner Herrlichkeit,
Meines Reiches hier,   der Recken keiner sollt es
Mit Worten wenden,   ich würd es gewähren.«
So ward der Magd   das Gemüt geworben,
Das Herz ihrem Herrn,   daß sie im Hause dort
Zu tanzen begann   vor der Gäste Bänken,
Wie es der Leute   Landweise brachte,
Der Juden Sitte.   Die Jungfrau sang
Und hüpfte in dem Hause,   daß das Herz erfreut ward,
Im Gemüt die Männer.   Als das Mädchen nun
Dort zu Danke   gedient dem Fürsten
Und all der Gesellschaft,   die versammelt war
Von Gästen im Gastsaal,   da begehrte die Gabe
Die Magd vor der Menge.   Mit der Mutter sprach sie
Und fragte sie zuvor   geflissentlich,
Was sie von dem Burgherrn   erbitten sollte:
Die unterwies sie, ihrem Wunsch gemäß,   weiter nichts
Zu begehren vor den Gästen,   als daß man des Johannes
Haupt ihr brächte   in die festliche Halle,
Vom Leibe gelöst.   Das schuf den Leuten Harm,
Im Gemüte den Männern,   als die Magd das sprach.
Auch den König kümmert' es;   doch konnt er sein Geheiß,
Sein Wort nicht wenden.   Er hieß seinen Waffenträger
Aus dem Gastsaal gehn   und den Gottesmann
Des Lebens erledigen.   Unlange währt' es da,
Bis man in die Halle   das Haupt brachte
Des Volksfreundes   und es vor die Dirne trug,
Zu der Magd in der Menge:   die bracht es der Mutter.

So endete von allen   Erdenmännern
Der weiseste wohl,   der in die Welt gekommen,
Des je eine Frau   zu Kind sich erfreute,
Vom Ehmann die Ehfrau;   der eine zählt nicht her,
Den die Magd gebar,   die vom Manne nie
In der Welt gewußt:   nur der waltende Gott
Von der Himmelsau   durch den Heiligen Geist
Hatt ihn ausgegossen:   seinesgleichen hat er nicht,
Vorher noch nachher.   Volksmänner drängten
Sich um Johannes,   seiner Jünger Menge,
Ein selig Gesinde:   im Sande begruben sie
Des Geliebten Leiche   und wußten, daß er Gottes Licht,
Entzückende Himmelsluft   mit dem Herrn zusammen
Genießen dürfe   und die Heimat droben,
Ein Seliger, suchen. –   Da schieden die Gesellen,
Johannes' Jünger,   jammermütig,
Die heiligen Seelen,   um ihres Herren Tod
In schmerzlichen Sorgen.   Zu suchen gedachten sie
Weit in der Wüste   des Waltenden Sohn,
Den kraftreichen Christ,   um ihm kundzutun
Des Gottesmannes Hingang,   wie der Judenkönig
Mit des Schwertes Schärfe   dem seligsten der Männer
Das Haupt enthauen.   Nicht harmvoll sprach darum
Der Sohn des Herrn:   er wußte die Seele
Heilig aufbehalten   wider die Hassenden,
Befriedet vor den Feinden.


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