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Das vergebliche Opfer

Ulrike und Anastasia fuhren in der dritten Klasse des Personenzuges, eng gedrängt wie Sardinen in der Büchse. Touristen, Bauern, Arbeiter, Nahrungsmittelsuchende, die auf dem Lande Butter, Eier, Fett und Mehl gekauft oder eingetauscht hatten und nun mit gefüllten Rucksäcken in die Stadt zurückkehrten, saßen bei der trüben Beleuchtung einer winzigen Öllampe zwischen, unter und über Koffern, Ballen, Kannen, Mänteln, Stöcken und Schirmen lachend, streitend, rauchend, singend, politisierend, erzählend dicht beieinander. Erst um Mitternacht trat einige Ruhe ein, und Köpfe sanken schlaftrunken auf die Schultern von Nebenmännern, von allen Seiten und in allen Tonlagen erklangen Schnarchlaute, während der Zug von Station zu Station rumpelte.

Die Schwestern saßen an einem Fenster einander gegenüber. Sie hatten noch kein Wort gewechselt. Beider Gesichter waren fahl, mumienhaft ausgedörrt das von Anastasia, in krampfhaft niedergehaltener Angst erstarrt das von Ulrike. Anastasia war bestrebt, die Haltung einer Dame zu bewahren; in gewissen Zeitabständen murmelte sie das Vaterunser vor sich hin. Ulrike, wenn überhaupt eine Bewegung in ihre Züge kam, mahlte mit dem Unterkiefer wie eine wiederkäuende Kuh.

Nicht einen Augenblick verringerte sich die Angst. Brennend vor Ungeduld, sich bäumend unter dem Druck der Ungewißheit, verfluchte sie innerlich die Langsamkeit des Zuges und wünschte den Beamten, den Schaffnern, der Verwaltung, den Aus- und Einsteigenden einen qualvollen Tod, so qualvoll, wie diese Nacht und die Erwartung des Tages für sie war.

Sie hatte nichts erfahren als Philipp Gentilis Selbstmord. Nichts als diese Tatsache hatte die Depesche enthalten. Was an Fürchterlichem dahinter lauerte, sollte erst noch kommen. Aber vielleicht hatte es kein Unglück weiter gegeben, vielleicht hatte sich der Einfaltspinsel wegen irgendeiner Liebelei erschossen. Vielleicht hatte er sich überarbeitet, die Nerven hatten ihn verlassen, der Lebensekel hatte ihn gepackt; die jungen Leute heutzutage pflegten kurzen Prozeß zu machen, sie hingen nicht eben hartnäckig an der ganzen Herrlichkeit. Das alles war denkbar; jedes einzelne stand zu hoffen; man würde zu seiner Beerdigung gehen, einen hübschen Grabstein mit einer pietätvollen Inschrift für ihn beschaffen, etwa so: Philipp Gentili, geliebt von seinen Freunden, geachtet von der Welt. Das hatte sie einmal auf einem Kirchhof in Turin gelesen; es hatte ihr recht gut gefallen.

Aber warum hatten alle diese harmlosen Möglichkeiten etwas so Unglaubwürdiges, so höhnisch Unglaubwürdiges an sich? Im Grunde lag schon das Wissen, das war es; es gibt auch in den skeptischesten Gemütern ein Gefühl von der Unerbittlichkeit des Verlaufs, vor dem Hoffnung und Trost wie Wasserblasen zerplatzen.

Die Nacht verging, das Ziel wurde erreicht. Die Schwestern fuhren in Philipps Wohnung; die Leiche war bereits weggebracht worden. Um neun Uhr waren sie angekommen; um halb zehn Uhr wußte Ulrike, daß sie ihr ganzes Vermögen verloren hatte.

Sie warf sich auf den Boden des Zimmers und raufte sich ihr Haar. Sie stieß Schreie aus wie ein Jaguar. Sie wand sich in Krämpfen und drohte jeden, der ihr nahte, zu erdrosseln. Sie riß das Fenster auf und wollte sich in den Hof stürzen. Mehrere Personen mußten sie halten und auf ein Sofa drücken. Ihre Stimme überschlug sich, kein Mensch verstand, was sie redete. Sie nahm ein Wasserglas und zerdrückte es zwischen ihren Händen, so daß diese von Blut überströmt wurden. Sie verwünschte ihr Leben, das Leben aller Geborenen und Ungeborenen, sie lästerte gegen Gott, sie winselte irgendeinen Unsichtbaren, der vor ihr stand, um Gnade an, sie riß Kratzwunden in ihren Hals, die ungezügelte Wildheit ihrer Natur trat schrecklich und erschreckend hervor.

Durch ihr unsinniges Geschrei alarmiert, erschien eine ganze Anzahl von im Hause wohnenden und verkehrenden Menschen auf dem Stockwerk. Die Tür stand zufällig offen; das alte Ehepaar, bei dem Philipp Gentili Mietsherr gewesen, bemühte sich vergeblich, die Eingedrungenen abzuweisen und hinauszudrängen, indem es ihnen, so gut es ging, das Vorgefallene zu erklären suchte; doch es kamen immer mehr, wohl an die zwanzig: ein Advokaturschreiber, ein Maschinenfräulein, ein Kommis aus dem Pelzgeschäft von unten, eine dicke Dame in einem rotkarrierten Leinenkleid, einige Mädchen aus einer Tanzschule, ein Gymnasiast mit einer blauen Mütze, ein Zahnarztgehilfe, ein Beamter mit einer Schmarre im Gesicht. Diese waren die Vordersten, auf der Stiege standen noch andere.

Ulrike, mit den Armen in der Luft herumfuchtelnd, hatte sich dem beschwörenden Zureden Anastasias entwunden, raste auf den Flur und schrie in die bestürzt zurückprallende Menge hinein: »Da ist nichts zu gaffen. Gaffen könnt ihr im Zirkus. Hier ist kein Zirkus. Hier ist ein Irrenhaus. Hier wird man verrückt. Hier ist eine Verbrecherhöhle. Wo sind eure Richter? wo sind eure Gesetzbücher? Her damit! Und wenn ihr sie habt, dann verbrennt sie. Mehr sind sie nicht wert. Diebsgesindel! Diebsvolk! Diebsstaat! Ja, reißt nur die Mäuler auf. Schaut mich nur an, ja, ja, ja. Vierzig Jahre gespart, Gulden um Gulden zusammengespart, nichts verurscht, nichts vertan, immer munter, immer fleißig, immer vorne dran, und was ist jetzt? Was ist dieses selbige Weib jetzt, dem ein gottverfluchter Hund all sein Hab und Gut gestohlen hat, um sich dann aus dem Staub zu machen und seine Dreckseele auszuspucken? Was ist sie, he? wie steht sie da in eurer beschissenen Welt?«

Die besagten Gesichter waren in breites Grinsen gebadet. Es gelang, die Tobende wieder in die Stube zu bringen. Als sie ein wenig ruhiger geworden war, wanderte sie unablässig auf und ab, die Hände an den Wangen, als wäre sie von Zahnschmerzen gefoltert, monoton stöhnend. Anastasia kauerte auf dem Schemel, die Ellbogen in den Schoß gestemmt und wehklagte: »Wenn du auch dein Geld nicht mehr hast, so hast du doch dein Haus. Du kannst deine Möbel verkaufen, von jedem einzelnen kannst du ein halbes Jahr leben. Aber ich, was hab ich? Alles hin. Kein Taglöhnerweib ist so arm wie ich. Der einzige Sohn, in Redlichkeit erzogen, als Betrüger hat er geendet. Schande über Schande. Du hast deine Möbel, du hast dein Haus. Aber ich, was hab ich?«

»Schweig, blöde Närrin«, knurrte Ulrike und fuhr fort zu stöhnen.

Eine Stunde später erschien ein Kollege Philipps bei Anastasia und teilte ihr unter anderm mit, daß Lothar Mylius drei Tage vor dem durch Gentilis abenteuerliche Baissespekulationen verschuldeten Zusammenbruch des Bankhauses Remscheid sein gesamtes Einlagekapital zurückgezogen habe. Ulrike horchte auf. Sie stellte eine Reihe wirrer Fragen, mit denen sie aber auf ein bestimmtes Ziel zusteuerte. Von einer Minute zur nächsten faßte sie den Entschluß, nach Berlin zu reisen. Sie bildete sich plötzlich ein, Mylius habe bei dieser Gelegenheit auch ihr Geld, oder wenigstens einen beträchtlichen Teil davon gerettet. An diese Hoffnung klammerte sie sich mit aller Gewalt, und nichts hätte sie ihr rauben können. »Der schlaue Fuchs«, brebbelte sie aufgeregt vor sich hin, »er hats vorausgewußt; er hat mir nichts gesagt, um mich wieder einmal durch seine Genialität zu verblüffen; er hat an seine alte Freundin gedacht, das ist gewiß, das ist ganz gewiß, und wenn ich mich nicht gleich selber auf die Strümpfe mache, so geschieht noch ein zweites Malheur, oder er vergißts, oder er beschummelt mich, was weiß man denn in so einer Hundezeit, in so einer Hundewelt, sicher ist sicher.«

Ihre ganze Tatkraft erwachte. Bis zum andern Mittag hatte sie sich unter Aufgebot eines Heerbanns von Hilfeleistenden Paß und Visum verschafft. Daß Lothar Mylius in Berlin weilte, erfuhr sie durch den jungen Remscheid, der am selben Morgen mit ihm telephonisch gesprochen hatte. Am Nachmittag fuhr sie zur Bahn. Da sie die billigste Reisemöglichkeit benutzte, war sie zweiunddreißig Stunden unterwegs. Keine Ermüdung fiel sie an. Unbeweglich saß sie in überfüllten Zügen, stand sie stundenlang wartend auf Stationen, ließ die Quälereien an der Grenze über sich ergehen; sie nahm hie und da ein Stück Brot und einen Schluck Wasser zu sich, trug ihr Köfferchen selbst, mied Gespräche, starrte mit festverpreßten Lippen ins Leere. Abgerissen, verschmutzt, verstaubt langte sie abends an und schleppte sich zu Fuß in Mylius' Wohnung, die in der Nähe des Potsdamer Platzes lag.

Er war nicht zu Hause. Es hieß, er käme vor Mitternacht kaum, er sei in Gesellschaft. Sie beschloß zu warten. Da man sie kannte, führte man sie in sein Arbeitszimmer. Die Unruhe ließ sie nicht rasten, nicht sitzen. Die Totenstille des Hauses machte sie nervös. Sie ging von Raum zu Raum und drehte überall das elektrische Licht auf. Sie tat es in einer Mischung von Neugier, Furcht und Erregung. Sie kannte das Haus. Nie zuvor war ihr seine krankhafte Phantastik so beklemmend gewesen. Im übrigen war vieles neu (der Krieg hatte Neues gebracht und gehäuft), tollgewordener Mode gehorsam eingefügt, morbide Laune und fiebrige Verfassung jüngster Kunstströmungen mit kalter Berechnung unterstützend.

Da waren primitive, roh bemalte Götterbilder; feuerländische Kriegs- und Schreckmasken, afrikanischer Kopfschmuck und Schnitzereien aus Neuseeland. Überall lag groteskes Spielzeug: winzige Marionetten, holzgeschnittene Schutzmänner als Nußknacker, Felläffchen an Gummischnüren zwischen Türpfosten. In italienischen Fayencetöpfen wucherten unangenehm üppig zahllose Arten von Kakteen, dazwischen sah man kleine erotische Gegenstände aus Porzellan: Frauenbeinchen, umgeworfene Frauen mit Spitzenröckchen, scharwenzelnde Soldaten mit prallen Beinen und freche Amoretten; ferner Tierdarstellungen und Karikaturen von Tieren aus Yade, Speckstein, Elfenbein, Ton, Bronze und Ebenholz. Es gab eine Unmenge von Dosen, solche aus überseeischen Nüssen, japanische und chinesische mit unzüchtigen Bildern, edelsteinverzierte Riechdöschen, bemalt mit heroisch-sentimentalen Landschaften und hinter einer Attrappe eine Schamlosigkeit zeigend. Da standen rote Lackschränke, innen mit Spiegeln und Beleuchtungskörpern versehen; die enthielten Rubingläser, Bernsteingläser, geschliffene und geätzte Kelche aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, große blaue Delfter Nachbildungen chinesischer Vasen auf Ebenholzpostamenten. Da waren Empiremöbel, Aubussonteppiche, Spitzen, Stickereien, englisches Tafelsilber, Körbe, Teller, Karaffinen, Salzfäßchen und Teekannen aller Formen und Arten und Uhren aller Zeiten und Stile. In einer Ecke standen zwei lebensgroße vergoldete Bären aus Holz, die den Rachen aufrissen und die Augen rollten, in einer andern fackeltragende vergoldete Karyatiden aus einem französischen Schloß. Im Speisesaal hing ein überaus kostbarer Meißener Lüster, und metallene Leuchter aus Kirchen und Tempeln standen herum. Die Wände waren bedeckt mit Gemälden der manieristischen Schule, alle von schmerzhafter Grellheit und häßlicher Gliederverzerrung, auf die Spiegeltäfelung und die Schränke im Schlafzimmer waren wollüstige Szenen gemalt, und im Badezimmer lagen auf den Kacheln und der Wannentreppe Hunderte von farbigen Muscheln und seltsam perverse Spielereien.

Ulrike schob den Unterkiefer immer weiter vor und wunderte sich freudlos. Ihr war, als sei sie in einen tropischen Sumpf mit geil schießender Vegetation geraten. All dies Überzüchtete, Prahlende, Schreiende, Maßlose, gespenstisch Verrenkte und dabei Programmhafte, als ob ein Satyr in grimmigem Zynismus Schönheit und Häßlichkeit, Zucht und Unzucht, Himmel und Hölle durcheinandergemengt hätte, erregte ein Gefühl eisiger Verlassenheit in ihr, fremd und niederdrückend. Es sammelte sich zu einem Antlitz, dem unglückselig verworrenen, unwahr lächelnden, über und über geschminkten, sein Greisentum und seinen Verfall höhnisch und schwächlich leugnenden Antlitz der Zeit. Plötzlich wurde sie sich bewußt, daß die Reise ein albernes und nutzloses Vornehmen gewesen war, daß sie nichts zu hoffen hatte, daß sie ebensogut auf den javanischen Götzen dort an der Tür ihre Zuversicht hätte setzen können wie auf den Herrn dieses Hauses; daß sie eine Bettlerin war.

Gebrochen fiel sie auf einen Sessel. Vielleicht träumte sie dies in der Erschöpfung, die sich nun geltend machte, vielleicht war es eine Wachvision: sie stand auf goldgrünem Moos im Wald, und zu ihren Füßen rieselte eine Quelle. Deutlich hörte sie das silberne Plätschern des Wässerchens, und als sie genauer hinhorchte, glaubte sie bestimmte Worte zu vernehmen, die dem Quell entstiegen. Bin ich denn schon kindisch geworden? dachte sie. Ein Menschenstimmchen war es, ganz ohne Zweifel. Was sie zu dem Wasser hingetrieben hatte, war ein Durst, den sie schon seit langer Zeit verspürte, über dessen Beschaffenheit sie sich aber nicht hatte klar werden können, kein gewöhnlicher Durst, der sich in der Begierde zu trinken äußert, sondern ein Verlangen, das ihren ganzen Organismus erfüllte, eine tiefe quälende Sehnsucht, die zu befriedigen nie möglich gewesen war und von deren Vorhandensein sie erst in diesem Augenblick eine deutliche Erfahrung gewann. Anfangs wähnte sie, das Wohlgefühl, das sie durchdrang, rühre von dem Kontrast zwischen der düstern, von unheilvollen Schatten bevölkerten Myliusschen Hauses und dieser hold-unschuldigen Natur her, aber es mußte doch noch etwas anderes dabei sein, da die verzehrende, brennende, durstige Sehnsucht auf keine Weise zu stillen war, auch nicht, als sie sich niederbeugte und von dem kristallenen Wasser trank. Denn seltsam, das Wasser schmeckte bitter, und es vermehrte nur das Brennen, und als sie wieder hinabsah, gewahrte sie zwei nackte Ärmchen, die nach ihr langten, aber jählings vom Wasser weitergewirbelt wurden und verschwanden.

Sie fuhr zusammen und öffnete die Augen. Narrenpossen, schalt sie unwillig, hol der Teufel die Einbildungen. Da hörte sie das Menschenstimmchen sagen: »Gib mir doch, gib mir doch, wie soll ich dir denn glauben, wenn du mir nicht gibst?«

Scheu blickte sie umher. Ihre Stirn verfinsterte sich. Armut, das war das Los, das sie von Kindesbeinen an gefürchtet. Es zu vermeiden hatte jede Regung, jeder Gedanke, jeder Schritt und jede Tat ihres Lebens gegolten. Wie ruhig machte es, zu besitzen! wie königlich, sagen zu können: ich besitze. Nicht bloß, was der Markt des Lebens bot und was vor der Notdurft schützte; die Dinge waren nur Ausdruck. Das Wesen war jenes andere, das mysteriöse heilige ehrfurchtgebietende ehrfurchterweckende zaubermächtige Element, das Geld hieß. Noch stand es in ihrer Erinnerung wie ein flammender Pfahl, als der alte Mylius, schon mit dem Tode ringend, ausgerufen hatte: mein Geld! Unvergeßlich, dieses Mein! Inbegriff von Lust und Stolz und Angst und Macht: Mein! Mein! Seitdem, als ob sie aus dem gewaltigen »Mein« die Kraft geschlürft, zu erringen und zu halten, hatte ihr das Schicksal in dauernder Gunst in den Schoß geworfen, was zu besitzen sich lohnte.

Und nun: Verlust; die Leere; das Nichts; die Verzweiflung.

Woher aber kam der Durst im Leibe, der von Stunde zu Stunde glühender wurde und die Verzweiflung so überdeckte, daß sie fast gering daneben erschien? Es war etwas versäumt worden, das war es. Etwas Ungeheures, trotz allem, war versäumt worden. Hier fehlten Wort, Begriff und Anhalt. Im Blute lag es, oder tiefer drinnen noch. Wie Ackerschnee brach es auf und entblößte verborgenes Geäder und Gewurzel. Und aus der Höhlung schwebte ein Geistchen empor und zirpte: »Gib mir doch, gib mir doch!« Mit angstvoller Bewegung strich sie über ihre Brust und murmelte verstört: »Du, Fanny, du?« Und das Stimmchen forderte beharrlich: »Gib mir doch, gib mir doch!«

Da starrte Ulrike lange vor sich nieder und sagte dann, mit dem Hauch eines Lächelns bloß: »Gut, du sollst es haben. Sei still, du sollst es haben.«

Ein Finger tippte an ihre Schulter, und jemand rief sie mürrisch an: »Na, Ulrike, wie kommst denn du daher?«

Vor ihr stand Lothar Mylius, im Frack, in nachlässiger Pose, unneugierig, die wulstigen Schmeckerlippen gegeneinanderreibend, den etwas stieren Blick des erschlafften Wollüstlings zur Seite gelenkt, da es ihm stets unbehaglich war, einem Auge zu begegnen. Ein sehr bleicher Mann, mit käsiger, aufgeschwemmter Haut, ein sehr fetter, ein sehr finsterer Mann. Ein Mann, den es Überwindung kostete, einen Satz zu Ende zu sprechen, weil er seinen Nebenmenschen das Vergnügen nicht gönnte, eine vollständige Aussage von ihm zu hören. Ein Mann, der zu faul und zu hochmütig war, Untergebene zu grüßen und Freunden die schwammige Hand zu reichen. Der Mann der geheimnisvollen Geschäfte und des blutsaugerischen Mäzenatentums. Der Mann, der Frauen verachtete wie giftige Tiere und sie vernichtete, indem er sie bezahlte. Der Mann, der zu reich war, um nach fremder Not nur hinzuschielen, und zu satt, um etwas anderes zu empfinden als Ekel; Ekel vor dem Fleisch und Ekel vor dem Geist. Der Mann, den seine Ausschweifungen berühmter gemacht hatten als sein Luxus und seine Reichtümer, und besten Zynismus gefürchteter war als seine Härte. Der höhnische Sieger auf dem Trümmer- und Leidensweg einer Nation, der große Gemästete, dessen Fett Glorie einer Epoche war, der Letzte eines Geschlechts von arbeitsamen Bürgern, deren einfache Lebensideale unter seinen muskellosen Händen Sinnbilder des Mordes und der Zerstörung geworden sind.

Ulrike fand sich mühsam im Augenscheinlichen zurecht. »Ich hab mich da ein wenig in deiner Sardanapalswirtschaft umgeschaut«, sagte sie; »das erschlägt einen ja. Vor Zeiten hat man nicht solchen Lärm mit seinen Sachen gemacht und konnte auch ein großer Herr sein. Heutzutage freilich, das räum ich dir ein, muß man den Leuten die Faust aufs Hirn schmettern, damit sie überhaupt was sehen. Gib mir einen Bissen zu essen, ich bin hungrig, dann will ich dir erzählen, weshalb ich da bin.«

Mylius brachte mißlaunig herbei, was ihm zu der späten Stunde, es war drei Uhr nachts, erreichbar war: Schokolade, Kakes, Früchte, Likör und Wein. Ulrike schlang alles gierig hinunter und trank, bis ihr der Kopf glühte. Mylius wartete in trägem Schweigen. Als sie fertig war und von ihrem Unglück berichtete, verzog er die Miene nicht. Schläfrig erkundigte er sich nach der Höhe ihres Verlusts. Sie zählte auf: dreihundert englische Pfund, viertausend Dollar, zwanzigtausend Schweizer Franken und über zwei Millionen Kronen. Mit einem Schimmer von Bedauern drehte Mylius den Kopf nach links und zuckte die eine Achsel. Ulrike brauchte die Frage gar nicht zu stellen, die der Anlaß ihrer Reise gewesen war; ein Blick auf den Mann genügte vollkommen. Sie blieb regungslos sitzen.

Lothar Mylius gähnte und sprach mit jenen Pausen, die ihm das Gefühl der Kostbarkeit seiner Worte aufnötigte: »Habe den Burschen überschätzt. Erbärmlicher Narr. Leute glauben, wenn sie eine einzige Kuh im Stall haben, können sie ganze Provinzen mit Milch versorgen. Blödsinn. Hat ohne Deckung manövriert. Tracht Prügel. Schade um den Schuß.« Einige andere orakelhafte Aussprüche verloren sich im Gähnen.

»Aber du, du hast Lunte gerochen, du hast dein Geld in Sicherheit gebracht«, brauste Ulrike auf.

»Das hab ich«, erwiderte er und musterte mit stierer Aufmerksamkeit einen Negerschild an der Wand. »Wollte dich warnen. Habs vergessen. Zu viel los momentan.«

Ulrike erhob sich schwerfällig. Sich an der Lehne des Armstuhls festhaltend, stieß sie hervor: »Schufterle.«

Mylius blickte sie überrascht an.

»Miserables Schufterle«, sagte Ulrike mit rauher Stimme.

Ein widriges Lächeln glitt über Lothar Mylius' Züge. Es schien, als fühle er sich geschmeichelt. Mit zweien seiner weichen Finger tätschelte er die knöcherne Hand Ulrikes und sagte: »Hättest dir wenigstens was vergönnen sollen. Hast alles auf die hohe Kante gelegt. Wozu? Dumm. Jetzt hast du das Nachsehen. Der Mensch muß genießen. Hast immer nur auf fremde Kost genießen wollen. War entschieden Mangel an Herz. Wer Herz hat, zeigt es, indem er Geld ausgibt. Sieh mich an. Mir rinnts nur so aus den Taschen. Und alles bückt sich, alles bückt sich. Ich seh nur Rücken, nur Rücken. Höchst amüsant.«

»Kann wohl sein«, antwortete Ulrike bitter, »denn die Gesichter, die sind betrüblich. Brauch nur dich anzuschaun.«

Wieder tätschelte er Ulrikes Hand und fuhr fort: »Begreife deinen Schmerz. Aber weißt du, ob heut oder morgen, das ist egal. Morgen komm ich dran. Alle kommen dran. Rutschbahn, meine gute alte Ulrike, Rutschbahn.« Er meckerte leise. Seine Stimme klang wie ein Quieken. »Willst mal mit mir in den Keller hinunter? Da kannst du die Fundamente krachen hören. Sehr impressionierend. Ehrenwort. Überall in Berlin kannst dus hören, in jedem Keller. Die reine Musik. Rutschbahnmusik. Hübsch, was?« Er war ohne Zweifel vergnügt, wenigstens im Rahmen seiner Fähigkeit. »Übrigens«, fügte er hinzu, plötzlich wieder verschlafen den Negerschild anstarrend, »wenn du in Verlegenheit bist, einiges von deiner Einrichtung kann ich brauchen. Keine Bange. Stehe zur Verfügung.«

Ulrike schaukelte senil den Kopf. Neue Spezies, dachte sie, neue Spezies der Gattung Mensch; ist schneller gelaufen als ich, da kann man nicht mehr mit.

»Du hast da zum Beispiel die englische Puppe«, sagte Mylius in gleichgültigem Ton; »die würd ich dir abkaufen. Ist einen Batzen Geld wert, das Ding. Will sie nehmen.«

Ulrike schrak zusammen. Hastig, mit aufgellender Stimme erwiderte sie: »Willst sie nehmen? Eiei. Nicht übel, Herr von Mylius, nicht übel. Aber kriegen, das ist die Sache, kriegen wirst du sie nicht.«

»Warum denn nicht?« fragte Mylius harmlos; »für hunderttausend Mark kann ich sie nicht kriegen? Wär noch schöner. Hoffe, du überlegst dir das Geschäft.«

Ulrike hielt ihm die geballte Faust dicht vor die Nase und rief mit sonderbarer Leidenschaftlichkeit: »Nicht für zehnhunderttausend, nicht für zwanzighunderttausend! So. Daß dus nur weißt. Die ist nicht feil, daß dus nur weißt; es gibt Sachen, die nicht feil sind, und wenn du deine Brieftasche so weit aufmachst wie dein Maul, daß dus nur weißt.«

Lothar meckerte. Er begriff nicht. Er führte Ulrike in eines der Gastzimmer. Im Bette liegend, warf sie sich von einer Seite auf die andre. Plötzlich sagte sie laut: »Du sollst es haben; sei still, du sollst es haben.«

Am Morgen fuhr sie heimwärts. Fuhr stumm versunken durch deutsches Land, das seinen Kindern die zerspaltene Brust wies und dem Fremdling ein zerfleischtes Antlitz, durch deutsches Leben, das wie ein Körper ohne Haut war. Sie sah es nicht. Am zweiten Abend kam sie an. Wie in den Städten schleppte sie auch jetzt ihren Handkoffer anderthalb Stunden Wegs. Und von Zeit zu Zeit sagte sie halb zänkisch, halb als wolle sie sich rechtfertigen: »Sei still, du sollst es haben.«

In ihrem Hause verfiel sie in Brüten. Sie beachtete es nicht, als Kreszenz über ihre Schweigsamkeit murrte. Gegen Mitternacht trat die Magd an ihr Lager und fragte: »Was soll jetzt werden?«

»Ich weiß nicht, was werden soll«, antwortete Ulrike und schaute gegen die Wand.

»Die Butter kostet vierhundertfünfzig Kronen, von nächster Woche an fünfhundert«, sagte Kreszenz kassandrahaft.

»Der Mensch kann ohne Butter leben«, erwiderte Ulrike.

»Soll ich bei Ihnen bleiben, oder schmeißen Sie mich hinaus?« fragte Kreszenz herrisch.

Da richtete sich Ulrike empor und starrte sie an. »Dummes Luder«, murrte sie. Das genügte der Kreszenz. Sie nickte und ging. Ulrike schaute wieder die Wand an.

Am andern Abend, gegen sieben Uhr, schleppte sie die Puppe Evelyn aus dem getäfelten Kabinett in ihr Schlafzimmer. Sie nahm einen Brief, den sie zuvor geschrieben hatte, faltete ihn zusammen und band ihn mit einem rosa Schnürchen derart an den Daumen der Wachshand, daß es aussah, als hielte die Puppe den Brief, um ihn zu überreichen.

Der Brief lautete: »Mein süßes Fannylein, da hast du sie also. Da hast du deine Evelyn. Die alte Ulrike schenkt sie dir. Und sie verlangt keinen andern Dank dafür, als daß du ihrer mit einem Schatten von der Zärtlichkeit gedenkst, mit der sie dir dieses schreibt. Evelyn kommt, um dich hold zu grüßen und dir zu sagen, daß die alte Ulrike immer, immer, immer mit offenen Armen auf ihr süßes Fannylein wartet. Immer, immer, immer wartet.«

Sie hüllte die Puppe in ein grobes Stück Linnen, trug sie ächzend vors Haus, holte einen kleinen Handleiterwagen herbei, der im Schuppen stand, verlud die Fracht auf dieses Gefährt, ergriff die Deichsel und begann zu ziehen. Da beugte sich Kreszenz aus dem Küchenfenster. »Was treiben Sie denn da?« fragte sie mißtrauisch.

Ulrike antwortete nicht. Sie sah sie nur an und jene verstummte.

Dreiviertelstunden später langte sie in Eckern an. Sie versteckte das Wägelchen unter einem Busch und schlich vorsichtig um das Haus. Es war schon dunkel. Beim Kücheneingang blieb sie stehen. Sie wußte, daß die Baronin vor kurzem eine Riednauer Häuslerstochter zur Aushilfe in Dienst gestellt hatte; dieses Mädchen kannte sie, und sie paßte den Augenblick ab, wo es ihr möglich war, sie herauszurufen. Es dauerte ziemlich lange, bis sie ihr zuwinken konnte, ohne daß es bemerkt wurde. Das Mädchen, Romana war sein Name, kam, Ulrike führte sie zu dem Busch, wo der kleine Wagen war, und sagte, sie schenke ihr einen Rock, wenn sie etwas Bestimmtes für sie tun wolle. Romana begehrte zu wissen, was es sei. Tuschelnd setzte ihr Ulrike auseinander, sie solle in der Nacht, wenn alle im Haus bereits schliefen, die Puppe in Fannys Zimmer tragen und neben dem Bett des Kindes aufstellen. Weiter nichts. Es habe keine Gefahr, und es geschehe kein Unrecht damit. Es solle eine Überraschung sein, weiter nichts. Trotzdem zögerte Romana in scheuer Unsicherheit, da ihr das ganze Wesen des alten Fräuleins nicht geheuer schien. Da legte Ulrike zu dem versprochenen Rock noch ein rotes Bauerntuch; beides hatte sie vordenkend mitgenommen. Die Romana konnte nun nicht länger widerstehen und erklärte sich willig, zu tun, was Ulrike forderte. »Aber das Kind nicht aufwecken!« mahnte Ulrike, als sie sich bereits zum Gehen gewandt hatte, »nicht aus dem Schlaf wecken. Erst in der Früh soll sies sehen, erst in der Frühe.« Sie warf noch einen Blick zu den Fenstern empor und war dann in der Dunkelheit verschwunden.

Es geschah, daß Fanny um halb sechs Uhr morgens erwachte, weil die Sonnenstrahlen auf ihr Gesicht fielen. Elisabeth hatte vergessen, die Vorhänge zu schließen. Da fiel ihr erster Blick auf die Puppe, die drei Schritt von ihrem Bett entfernt stand. Ihre Augen wurden rund wie Räder. Sie glaubte zu träumen und packte mit der einen Hand fest die andre. Als sie sich überzeugt hatte, daß sie wach war, rann es ihr gruselig über den ganzen Leib.

Längst war die Puppe nicht mehr wirklich, längst war sie zum Abbild der Verfolgerin geworden. In ihr steckte Ulrike und Anastasia und die Mutter und der Irrweg und die falsche Lockung und die Lüge; vor allem aber Ulrike, vor allem die. Wo Evelyn war, konnte Ulrike nicht weit sein, das war Fannys Schreckensgedanke. Sie sprang aus dem Bett. Sie erhob bittend die Hände. Sie flüchtete zitternd in eine Ecke. Sie schaute verstört um sich.

Nein, es half nicht zu rufen. Keiner konnte ihr beistehn, keiner hatte die Macht, diejenige, die hinter der Puppe stand oder vielleicht in ihr drin war, am Erscheinen zu verhindern. Da war es wieder, das Entsetzen, das Ertastete und Ertastetwerden, das fiebrige Verlangen, an die Oberfläche zu kommen, als ob sie unter Wasser sei. Nicht zum andernmal durfte es sein, daß sie in sich selber starb vor Scham und Furcht und Pein und Schuld, o Gott nein. Niemand hatte da Macht, auch die Frau Baronin nicht, denn daß die Puppe hier im Zimmer stand, war ja der Beweis. War Beweis auch ihrer Verlassenheit, und daß sie wahrscheinlich ausgeliefert werden sollte, und daß man sich mit der Mutter und der Anastasia und mit der Ulrike vertragen hatte, und daß sie keines Schutzes mehr genoß und keinen erwarten durfte.

Die Angst raubte ihr alle Besinnung. Wirre Worte murmelnd, den Blick so viel als möglich von der Puppe abwendend, schlüpfte sie in ihre Kleider, raffte den Mantel, den Hut, den kleinen Rucksack zusammen, schob in diesen die Sandalen, vergewisserte sich, daß niemand auf dem Flur war, lief zur Stiege, die Stiege hinab, über den untern Flur zum Tor und kam ungesehen ins Freie.


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