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Weinen um ein Ding

»Ich habe nicht mehr geglaubt, daß Sie kommen«, sagte Lena. Sie blickte verwundert auf die Reisetasche.

»Ja, es ist spät und ich bin müde«, antwortete Josephe. »Ich komme sogar, um Sie zu bitten, ob ich bei Ihnen bleiben darf. Es sind Umstände eingetreten, die mich gezwungen haben, das Haus meiner Eltern zu verlassen. Ob auf Tage oder Wochen oder noch länger, weiß ich nicht. Ich werde Ihnen alles erzählen. Können Sie mich beherbergen bis ich ein Quartier gefunden habe? Im Notfall kann ich ja auch im Institut logieren, nur tat ichs ungern.«

»Sie können ganz gut bei mir wohnen«, erklärte Lena nach einigem Besinnen; »Sie müssen eben Vorlieb nehmen, es ist eine finstere Hofkammer, die ich eine Zeitlang vermietet hatte. Jetzt will sie niemand. Ein verwöhntes Fräulein wie Sie wird sich schwerlich da einleben können.«

»Ich bin nicht verwöhnt«, gab Josephe lächelnd zurück.

Außerstande, an diesem Abend noch zu sprechen, fiel sie ins Bett und schlief elf Stunden. Am Vormittag saß sie dann bei Lena an deren Arbeitstisch, und während diese mit einer Geschicklichkeit, die unterhaltend anzusehen war, die weißen Federn kräuselte, von welchen der Tisch bedeckt war, und die Kiele abschnitt, während Tino mit demselben ausdruckslosen Blick wie gestern auf denselben Punkt an der Wand starrte, berichtete sie, was ihr Pillersdorf eröffnet hatte, der entsetzt Lauschenden, die ihre Beschäftigung nur deshalb nicht abbrach, weil sie dabei besser Gesicht und Miene beherrschen konnte.

Das in Pillersdorfs Schilderung schon Abgeblaßte wurde nun abermals gemildert, denn Josephe wollte Schonung üben, zudem hatte das Abscheuliche des Geschehnisses im Mund der Unwissenden einen Klang von hilfloser Naivität, der die erfahrene Lena bei aller Empörung rührte.

Sie hörte auf zu arbeiten und stützte den Kopf in die Hand. Nach langem düstern Schweigen öffnete sie die Schublade, zog einen Brief heraus und gab ihn Josephe zu lesen. Er war von Melander; ein Bote hatte ihn vor einer Stunde gebracht.

Das Schreiben lautete: »Es kommt mir nicht in den Sinn, die Schuld, zu der ich mich in vollem Umfang bekenne, beschönigen zu wollen. Wenn Sie aber nach dem Grund und Antrieb meiner Handlungsweise fragen, so bin ich nicht fähig, Ihnen Rechenschaft zu geben. Ich kann nichts anderes glauben oder als ärmliche Entschuldigung anführen, als daß ein Dämon in meiner Brust wohnt, der von Zeit zu Zeit erwacht, um zerstörend in die Welt hinauszulangen. Zweck dieser Zeilen ist, Sie nicht bloß zu bitten, daß Sie auf öffentliche Verfolgung des Geschehenen verzichten, sondern hauptsächlich, Ihnen zu sagen, daß ich aus innerstem Willen und Vorsatz bereit bin, das Unheil nach Möglichkeit wieder gutzumachen und Sie um die Erlaubnis zu ersuchen, daß ich alle materielle Sorge für die Zukunft ihres Sohnes auf mich nehmen darf. Um meinen Fehltritt aus der Phantasie derer hinwegzuwischen, zu deren Kenntnis er leider gelangt ist, habe ich mich entschlossen, die nächsten Monate im Ausland zu verbringen, doch möchte ich vor meiner Abreise noch zu einer kurzen Unterredung bei Ihnen vorsprechen, um zu ordnen, was in dieser unglücklichen Angelegenheit geordnet werden kann.«

Den Brief noch in der Hand haltend und darauf niedersehend, erzählte Josephe ihre Auseinandersetzung mit Ulrike und der Mutter.

Lena Waldbauer sagte: »Das erklärt manches. Da man bei Ihnen zu Hause schon wissen wird, wo Sie sind, ist der Brief ebensosehr an Sie wie an mich gerichtet. Mehr noch an Sie vielleicht, denn wie kann er glauben, daß eine einfache Federnschmückerin solche Worte wie die vom Dämon verstehen kann. Fräulein Ulrike hat ihm natürlich ganz genau mitgeteilt, daß Sie Ihre Hand im Spiel haben, sein Freund wird ihm auch das Nötige gesagt haben, und nun baut er vor. Fährt ins Ausland, und Sie haben es sogar durchgesetzt, daß er nicht mehr ins Haus kommt. Ein kluger Herr.«

»Ja, gewiß, ein kluger Herr«, flüsterte Josephe. »Aber das ist nun alles zu spät.«

»Wie es auch ist, jetzt sind mir die Hände zweifach gebunden«, fuhr Lena fort; »er hat sie mir gebunden durch sein Geständnis, und Sie haben sie mir gebunden durch den Bruch mit Ihrer Mutter. Was kann ich noch fordern? Soll ich vielleicht zum Richter laufen? Wozu? Unsereins weiß, wie's dabei hergeht. Das hieße Schmutz zum Schmutze werfen. Der Arme wird immer beleidigt, auch wo ihm dem Scheine nach sein Recht wird. Er redet von dem Dämon in seiner Brust; ich kann bloß von dem Jammer in meiner reden. Was hat das mit Recht und Gerechtigkeit zu tun? Es ist das Leben, und so sind wirs gewöhnt.«

Am Nachmittag kam ein Universitätsprofessor, von Melander geschickt. Die Untersuchung war gründlich und dauerte lang. Er sagte, es liege eine außerordentlich schwere psychische Störung vor, zu der die Anlage vorhanden gewesen sei. Völlige Heilung in absehbarer Zeit könne er nicht versprechen, möglich sei sie. In einigen Tagen wolle er die Visite in Gegenwart des behandelnden Arztes wiederholen und diesem seine Anweisungen geben.

Gegen Abend, während sich Josephe im Institut befand, erschien Melander bei Lena Waldbauer. Er blieb ungefähr eine halbe Stunde, in der er sie von seiner tätigen Reue überzeugte und sie trotz ihres Sträubens dazu brachte, daß sie eine ziemlich beträchtliche Geldsumme von ihm annahm, die er als vorläufigen Sühnepfennig bezeichnete. Lena teilte wohl Josephe mit, daß er dagewesen, auch daß sie ihm auf seine Bitte den Brief zurückgegeben; das mit dem Geld verschwieg sie jedoch und war den ganzen Abend bedrückt. Sichtlich litt sie darunter, daß sie sich hatte bezahlen lassen, statt dem Verderber mit Verachtung und Zorn die Tür zu weisen. »Man ist kein richtiger Mensch«, sagte sie einmal vor sich hin; »man ist ein zermürbtes feiges Tier.«

Am nächsten Morgen sandte Ulrike die hübsche Nanette mit der Aufforderung zu Josephe, sofort nach Hause zu kommen. Ulrike hatte, bei der »Zuneigung für geringes Volk«, die sie Josephe nachsagte, gleich vermutet, wohin sich diese gewendet; Eduard Melander hatte die Vermutung nach seinem Besuch bei Lena bestätigt. Josephe begehrte nur zu wissen, wie es der Mutter ging; darüber konnte Nanette sie beruhigen, und sie entließ das verwunderte Mädchen, ohne auf Ulrikes kategorischen Befehl nur zu antworten.

Ulrike geriet in Verlegenheit. Christine war so von ihr umgittert worden, daß sie von Josephes Entfernung nur erfuhr, was sie für gut fand, ihr mitzuteilen. Den von Josephe für die Mutter bestimmten Brief hatte sie unterschlagen. Sie sagte, Josephe sei für ein paar Tage in die Blindenanstalt gezogen und wolle dadurch nur ihren bösen Trotz zeigen. Als Christine dann ängstlich wurde, zankte sie und meinte, die Ausreißerin werde schon wiederkommen, wenn ihr die Sache unbehaglich würde und sie merke, daß der Brotkorb zu hoch hing. Christine schüttelte den Kopf und erwiderte, das einzige, was auf Josephe keinen Einfluß habe, sei der Brotkorb. Sie wollte Josephe holen und bestellte den Wagen. Dies zu verhindern, gab es kein Mittel, als ihr zu sagen, daß sich Josephe nicht im Institut, sondern bei einer Freundin aufhielt; diese aber, fügte Ulrike hinzu, habe sich vorgenommen, Josephe der Mutter abspenstig zu machen, namentlich aber sie, Ulrike, bei der schlecht Beratenen zu verleumden. Es sei eine verwickelte Geschichte, die sie Christine bei Gelegenheit einmal erzählen werde; wie die Dinge lägen, käme alles darauf an, daß man Josephe gegenüber nicht schwach und nachgiebig sei, und wenn Christine ihre Ungeduld nicht bezähmen könne und Josephe in ihrem Eigensinn unterstütze, werde sie, Ulrike, wissen, was sie zu tun habe.

So verstand sie es, Christine einzuschüchtern und hinzuhalten, streute Zwietrachtsamen, entfremdete sacht und langsam Josephe dem Gemüt der Mutter, hielt aber dabei jene umstellt und sandte ihr täglich kurze scharfe Mahnungen, die Josephe erregten und zu keinem Frieden kommen ließen.

Sie und Lena pflegten gemeinsam den Knaben. Man mußte bei ihm sitzen, ihm zu essen geben, ihn umbetten, waschen und die kleinen Handreichungen leisten. Abends las und lernte sie, und die Gespräche mit Lena dauerten oft bis in die tiefe Nacht. Josephe erschloß sich dabei das Leben des Volkes, und sie gewann Einblick in seine Arbeit, seine Not, seine Freuden. Schon das mannigfaltige Treiben im Haus beschäftigte sie. Da war der Kammacher überm Gang; nebenan der Knopfdrechsler, oben der Fächermaler, der Schuster, der Buchbinder, der Glasschleifer, der Graveur, der Zinngießer, die Strumpfwirkerin, die Weißnäherin, Heimarbeiter und selbständige Produzenten, Bettgeher und Bettgeherinnen, Schweifende und Festangestellte; das wimmelte treppauf, treppab, türein, türaus und lachte und murrte und mühte sich und liebte und haßte und hoffte und verzagte tagein, tagaus. Es war Josephe, als höre sie eine bisweilen traurige, bisweilen heitere, bisweilen laute, bisweilen leise, aber niemals ganz verstummende Melodie.

Am Freitag schrieb Lena an den Hofrat, daß Tino krankheitshalber verhindert sei zu kommen und daß es ungewiß sei, wann und ob er überhaupt wieder bei ihm spielen könne. Sie zeigte Josephe den Brief, der eigentümlich steif und hinterhältig stilisiert war, und als Josephe sie fragend anschaute, sagte sie, auf Tino weisend: »Er ist nicht bloß sein Patenkind, er ist sein Enkel.«

Am Abend erzählte sie dann: »Meine Mutter war in den fünfziger Jahren eine beliebte Soubrette. Sie hatte viele Verehrer, denn sie war sprühend luftig und eine Frau ganz nach dem Herzen der Männer. Eine Zeitlang wurde sogar ein förmlicher Kultus mit ihr getrieben, wie das hier nicht ungewöhnlich ist. Ich weiß nicht, wie es kam, aber neben all den flüchtigen Verhältnissen, die sie hatte, und die ihrer Natur entsprachen, ließ sie sich auch in ein ziemlich ernsthaftes mit dem Hofrat Woytich ein, der damals eine Rolle spielte und Einfluß und Macht besaß. Ich sage, ich weiß nicht, wie es kam, denn der Hofrat war wegen seines Geizes berüchtigt und meine Mutter wegen ihrer Verschwendungssucht; da paßten sie also schlecht zueinander. Müßig, darüber zu spintisieren, jedenfalls verdanke ich der Beziehung mein Dasein, wenn man von verdanken bei sowas reden kann. Mein Herr Vater hat sich nie im geringsten um mich gekümmert, und ich habs ihm redlich vergolten. Wollt ich behaupten, daß in meinem Herzen eine Spur von Gefühl für ihn ist, so müßt ich einfach lügen. Ich erhielt eine ganz gute Erziehung, das heißt so bis in mein fünfzehntes Jahr etwa, dann verlor meine Mutter die Stimme, und es ging rapid abwärts mit ihr. Sie ist sehr alt geworden, erst vor sechs Jahren ist sie gestorben, und die Armut hat sie nie verwinden können. Von mir ist nicht viel zu sagen; ich hab mich so durchgebissen; es war immer auf der Scheide; ich hab mein Teil Liebe gehabt, mein Teil Sorgen, und aus dem Teil Liebe ist dann das Kind geworden. Eines Tages hatte nun meine Mutter den Einfall, mit dem Kind zu seinem Großvater zu gehen, der, seit es getauft war, keinen Atemzug nach ihm getan hatte; war ihm das Patengeschenk schon hart genug angekommen. Wir hatten zufällig die musikalische Begabung Tinos entdeckt, meine Mutter erwähnte es gegen den Hofrat, und wider alles Erwarten erklärte er sich bereit, ihn ausbilden zu lassen. Dann ließ er ihn rufen, erst selten, mit der Zeit öfter, aber immer in größter Heimlichkeit; schließlich mußte er ihm jeden Sonntag nachmittag vorspielen. Meine Mutter nahm mir noch vor ihrem Tod das Versprechen ab, daß ich den Buben nicht davon abhalten solle, es könnte einmal ein Segen für ihn draus erwachsen. Ich habs nie geglaubt, glaube auch heute noch nicht, aber wunderlich wars, dieses Sonntagskonzert auf der schönen alten Geige. Das eine oder andre Mal hab ich an der Tür gehorcht, wenn das Fräulein Smirczinska gerade gut aufgelegt war, und jedesmal sind mir die Tränen in die Augen geschossen. Jetzt ist das auch zu Ende.«

Josephe saß an Tinos Bett und streichelte sinnend die Hand des Knaben, schmale feine Hand, einem erstarrten Tongebilde ähnlich.

Am Sonntagnachmittag, gegen fünf Uhr, kam in größter Aufregung die Smirczinska. Tino müsse sogleich zum Hofrat, sagte sie; er warte seit einer Stunde auf ihn, habe die Geige bereits auf den Tisch gelegt und bestehe darauf, daß ihm vorgespielt werde.

Lena zuckte die Achseln und wies mit einer Kopfbewegung gegen das Bett des Knaben.

Er gehe herum und schreie, fuhr die Smirczinska fort, die mit dem Kapotthütchen auf dem schlohweißen Scheitel und dem modischen cul de Paris unter dem verknitterten Rock einen lächerlichen Anblick bot; er schreie, daß er nicht umsonst all das viele Geld ausgegeben haben wolle; Entschuldigungen und Ausreden nehme er nicht an; er lasse sich keinen Sonntag wegnehmen; er habe nicht mehr so viele Sonntage vor sich, und wenn der Bub nicht gutwillig käme, werde er ihn mit Gewalt bringen lassen.

»Hat er denn meinen Brief nicht erhalten?« fragte Lena kühl.

Freilich, entgegnete die Smirczinska, aber er habe erklärt, das notiere er nicht; das akzeptiere er nicht; er lese keine Zuschriften von fremden Frauen.

»Hören Sie?« wandte sich Lena lächelnd an Josephe.

Er habe aber den Brief doch gelesen, sagte die Alte, und sei hernach in helle Wut geraten, habe in seinen Papieren gewühlt, Schachteln und Laden ausgeräumt und die halbe Nacht ununterbrochen vor sich hingeschimpft. Heute habe er sich geweigert, zu Mittag zu essen, und von drei Uhr an jeden Augenblick auf die Uhr geschaut. Ob der Bub nicht doch mitgehen könne? auf eine Viertelstunde bloß? Der Hofrat hänge nun einmal dran, Gott könne wissen warum; sie habe ihn noch nie so gesehn wie heut, und sie traue sich gar nicht allein nach Hause.

Lena sagte: »Gehen Sie hinüber zu Herrn Doktor Reitlinger; er wohnt ganz nahe, Neubaugasse 15, und hat jetzt Sprechstunde. Erklären Sie ihm, daß Sie von Tinos Großvater kommen. Ja, das erschreckt Sie; Großvater, so ist es. Er soll Ihnen auf einem Zettel bescheinigen, daß mein Kind krank ist, schwer krank, und daß von Geigenspielen gar keine Rede sein kann. Das wird den Herrn Hofrat vielleicht beruhigen.«

Die Smirczinska stand eine Weile mit offenem Mund. »Gut, ich wills so machen«, sagte sie dann.

»Mich aber soll er gefälligst in Frieden lassen«, schloß Lena erbittert; »ich habe genug.«

Die Smirczinska schaute stumm in Tinos weißes Gesicht, stieß einen Seufzer aus und ging.

»Zumutung«, murmelte Lena zwischen den Zähnen; »nach einem Leben der herzlosen Kränkung und Verachtung auch noch das. Er nimmts nicht an! Das glaub ich. Er hat nie was angenommen, was ihm unbequem war. Am liebsten hätte er die Sonne mit Ruß bestrichen, wenn er wünschte, daß es finster bleiben sollte. Finsternis, ja, da war ihm wohl dabei. Warum darf Schlechtigkeit so alt werden!« Sie schluchzte auf, faßte sich aber schnell und zog die Vorhänge über das Fenster.

Josephe spürte, daß nicht bloß Zorn und Gram in Lena weiterbrannten, sondern daneben auch eine Unruhe entstanden war, deren sie sich nicht zu erwehren vermochte, von deren Beschaffenheit sie möglicherweise auch nichts wußte. Sie sagte aus ihrem Grübeln heraus: »Lena, wenn es Ihnen recht ist, und ich denke mir, es ist Ihnen recht, geh ich zu dem alten Mann hin und mache ihm begreiflich, was Tino zu kommen verhindert. Diese Smirczinska hat sicher keine gute Art, es ihm beizubringen, und das ärztliche Attest hat am Ende eine ganz verkehrte Wirkung. Überleg ich mirs genau, so will mir scheinen, daß er das Kind liebt; kein Zweifel, in seiner Weise liebt er das Kind, und Sie, Lena, wissen es. Das mit der Geige ist vielleicht nur ein Vorwand, den sein verhärtetes Herz zur Beschönigung oder zur Täuschung braucht. Ich gehe also zu ihm, nicht? Ich will mit ihm sprechen. Wer weiß, wozu es gut ist.«

Statt zu antworten, nahm Lena Josephes Hand und preßte sie fest in der ihren.

Als Josephe die vier Treppen in der Dorotheergasse erklommen hatte, stand die Smirczinska mit allen Zeichen äußerster Verstörtheit vor der Wohnungstür. Sie schoß auf Josephe los und stieß hervor: »Wo ist sie? kommt sie bald? ist sie schon unterwegs? war sie nicht daheim?« Offenbar wußte sie nicht, wer Josephe war, und erinnerte sich nur dumpf, sie heute schon gesehen zu haben.

»Wer? wen meinen Sie?« fragte Josephe.

»Die Ulrike. Ich hab das Mädchen vom dritten Stock nach ihr geschickt. Was hätt ich tun sollen. Jemand muß zum Doktor. Vielleicht wärs besser gewesen, gleich um den Doktor zu schicken. Aber er hat mirs immer auf die Seele gebunden: nur keinen Doktor, Marianka; niemals einen Doktor für mich. Mein armer Hofrat! Er hat den Verstand verloren.«

Und sie berichtete, vor Angst und Verwirrung plappernd, der Hofrat habe sie, als sie ihm die Bescheinigung des Doktor Reitlinger gebracht, in der Tinos Erkrankung mit dürren, aber düstern Worten beschrieben war, unter fürchterlichen Schimpfreden hinausgejagt, sei dann in die Küche gegangen, habe das Küchenbeil genommen und mit Flüchen und Verwünschungen, dessen sei sie grauende Zeugin gewesen, die alte kostbare Geige, an der er so gehangen, die er gegen Ulrike wie sein leibliches Kind verteidigt, in Splitter zerschlagen. Jetzt sitze er davor und rede nicht und rühre sich nicht.

Während ihrer letzten Worte hatte Josephe rasch abgesetzte Schritte gehört. Ulrike kam herauf. Die Smirczinska gestikulierte. »Was führt denn dich daher?« fragte Ulrike atemlos vom raschen Treppensteigen, als sie Josephe gewahrte, aber die Smirczinska ließ ihr nicht Zeit, die Antwort zu erwarten, sie zog sie in die Wohnung. Ulrike verschwand durch die Zimmertür, gleich darauf vernahm Josephe einen heisern wilden Aufschrei. Sie wagte es, der Vorangegangenen zu folgen, trat in das erste Zimmer, verharrte auf der Schwelle zum zweiten und sah und hörte.

Ulrike kniete vor dem in unkenntliche Stücke zerhackten Instrument; ihr schlanker Rücken zitterte konvulsivisch. Der Hofrat saß in seinem jahrhundertalten Lehnstuhl, genau so, wie er gesessen, wenn ihm Tino vorgespielt: in einer vollkommenen tiefen Versunkenheit und Unbeweglichkeit; das Kinn lag dicht vor der Brust; die Augen waren geschlossen; das Gesicht war starr und wächsern, der Mund linienschmal, die Nase einem Geierschnabel ähnlich.

Wieder war ihm in der Nacht der greuliche Unhold erschienen, laut brüllend. Je mehr die Dämmerung herangerückt war, je unterscheidbarer war die Gestalt geworden; nacktes, haariges, fettglänzendes Scheusal. Kein Hinweis und kein Betteln hatte diesmal verfangen; von keinem Ersatzmann hatte er was hören gewollt; mit dem Knöchel seiner Faust hatte er auf den Bettpfosten gepocht und unnachgiebig seine unverschämte Forderung geltend gemacht. »Nur ein weniges noch«, hatte der Hofrat gewimmert, »nur ein paar Wöchelchen noch; nur daß ich mich gewöhnen kann; nur daß ich mich langsam darauf vorbereiten kann, das süße einzige Leben zu lassen.« Da hatte der Unhold eine Grimasse geschnitten und war verduftet.

Ulrike erhob sich, fuhr auf den Hofrat zu und schrie mit gellender Stimme: »Du alter neidischer heimtückischer Hund, was hast du getan! Gib mir zurück, was mein ist! Gib her das Gestohlene! Wirst du oder nicht? Das sieht dir ähnlich, du diebischer Schleicher, du Zuchthäusler, daß du andern noch im Grab mißgönnst, um was du sie begaunert hast. Gib zurück, sag ich dir, oder ich reiß dir deine schurkischen Augen noch aus, bevor du abkratzt, alter Schuft!«

Sie packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn wie einen Hampelmann.

Die Ungeheuerlichkeit dieser Worte machte Josephe schaudern.

Der Hofrat, schien es nur so, oder hatte er die Tobende wirklich verstanden, zog die welthassende Unterlippe empor, so daß etwas wie ein hämisches Lächeln entstand, und öffnete halb die Augen. Aber in den Augen schimmerte es entsetzt auf, als er bemerkte, daß ihm aus der Tasche des Schlafrocks ein Papier gefallen war. Noch vor der Rückkehr der Smirczinska hatte er ein auf fünfhundert Gulden lautendes Türkenlos aus dem geheimen Schrank genommen, das für Tino bestimmt war, wenn er kam. Damit hatte er dem Schicksal schmeicheln wollen. Ulrike hob das Wertpapier auf und steckte es hastig zu sich. Die ohnmächtig und verzweifelt nach ihr langende Geste des Greises beachtete sie nicht.

»Er lebt noch«, sagte sie finster zur Smirczinska, »er wird noch lange leben. Solche sind nicht umzubringen, solche Halunken. Ich will jetzt alles aufschreiben, was in der Wohnung ist, alles, Möbel, Kleider und Geld, damit mir nichts verschwindet. Und wenn ich fortgeh, soll die Anastasia kommen und aufpassen, daß die Sachen keine Beine kriegen.«

Ohne Josephe zu gewahren, schritt sie an ihr vorüber, blind vor Ingrimm und Schmerz. Sie wollte in das dritte Zimmer, wo das Wandfach war, ließ sich aber plötzlich auf einem Stuhl nieder und schlug die Hände vors Gesicht. Da dachte Josephe bekümmert: Weinen um ein Ding! Weinen um ein totes Ding! Und sie sah das ganze Leben dieses Menschen, den Teil, den sie wußte, und den andern, den sie bloß ahnte. Mitleidig flüsterte sie: »Ulrike.«

Ulrike schaute empor. »Was stehst du denn da, Josephe, sag mir nur?« sprach sie hart; »hat dich wer zum Trösten bestellt? mußt du überall herumschnüffeln und dich an meine Fersen heften? Geh fort aus dem verfluchten Haus. Hier färbt die Gemeinheit und die Bosheit ab wie das Weiße an einer Kalkwand. Jetzt hat er mir die Violine zerhämmert, der elende Narr, siehst du, das ist soviel, als hätt er mir die Seele im Leib zerquetscht. Gut, schon recht; da wird man eben ohne Seele im Leib leben, schon recht.«

Josephe schwieg entsetzt.

»Geh deiner Wege, Josephe«, fuhr Ulrike fort. »Indessen deine Mutter sich abgrämt um dich, streunst du durch die Welt, wo sie am tristesten ist, und hast deine Hände in anderer Leute Angelegenheiten. Geh heim, ich rate dir gut.«

In widerstreitenden Gefühlen wanderte Josephe zur Vorstadt. Sie erzählte Lena, was sie in der Dorotheergasse erlebt hatte. Lena nahm es schweigend auf und zuckte die Achseln, als wolle sie sagen: Was dort geschieht, ist für mich nicht geschehen. Auch Ulrikes Mahnung enthielt Josephe der Freundin nicht vor, und Lena erriet ihr inneres Schwanken.

Später am Abend sagte sie zu Josephe: »Ich an Ihrer Stelle würde den Rat befolgen. Mutter ist Mutter. Der Mutter gegenüber ist man nie im Recht; beim Vater ists was anderes. Und dann: soviel ich sehe, sind Sie die einzige, die das Unheil abwenden kann, das diese Ulrike vielleicht noch anstiftet. Sie dürfen ihr die Mutter nicht ganz und gar ausliefern. Ich verlier ja viel, wenn Sie mich wieder verlassen, verliers, auch wenn Sie jeden Tag zu mir kommen. Es ist nicht mehr dasselbe. Wir waren so schön Tür an Tür und gleich und gleich. Aber das darf nicht mitsprechen. Sie sind nicht schwach, wenn Sie heimkehren, Sie sind nur klug. Mit dem Kopf durch die Wand, das ist Schwäche. Glauben Sie mir, Josephe, die Schuldigen sind nicht so schuldig wie man sie macht, und die Unschuldigen sind nicht so unschuldig wie sie sich fühlen. Es geht immer alles ineinander über. Und alles geht seinen unabänderlichen Weg und spottet unserer Mühe. Nur die Zeit ists, die uns einen Possen spielt. Als ich ein Kind war, befand sich in der Nähe unseres Hauses ein fließender Brunnen. Wie ich dann zwanzig Jahre später zum erstenmal wieder dorthin kam, war ich ganz erschrocken und dachte: Herrgott, läuft das Wasser immer noch? Als obs dasselbe Wasser gewesen wäre. Verrückt, nicht?«

Am andern Tag kehrte Josephe nach Hause zurück.


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