Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Heirats- und Erbschaftssachen

Der Hofrat konnte nicht sterben. Sein zäher Lebenswille kämpfte erbittert gegen das haarige Scheusal. Er lag gelähmt mit starren Augen, in denen bisweilen ein Strahl von Wut und Haß aufblitzte, wenn in der Nähe des Alkovens Gespräche stattfanden, die man in den Tagen der Gesundheit zu führen sich ängstlich gehütet hätte.

Er vermochte nicht einmal den Suppenlöffel zu halten. Alle Dienstleistungen verrichtete sklavisch die Smirczinska. Doch war als Aufpasserin von früh bis abends Anastasia Woytich zugegen. Dieses Amt hatte ihr Ulrike zugewiesen, die die Oberaufsicht und den Kontrolldienst übernommen hatte.

Sie kam einmal des Tages eine halbe Stunde oder länger, um zu sehen, wie die Dinge standen und ob die Lebensuhr des Achtundsiebzigjährigen noch lief. Sie trat an sein Bett, schaute auf ihn nieder und nickte, als wolle sie sagen: na, Alterchen, krabbelst du noch? wirst du uns noch lange von nützlichern Beschäftigungen abhalten?

Sie zählte täglich die Stühle, musterte die Decken und Vorhänge, versicherte sich, daß der Geheimschrank verschlossen war, dessen Schlüssel sie sich längst angeeignet, und ging die einzelnen Stücke der Sammlungen mit Hilfe eines Verzeichnisses durch, das sie verfertigt hatte.

Anastasia verfolgte ihr Tun mit scheelen Augen. Die Smirczinska, die sich im Testament geborgen glaubte, wagte nicht zu mucksen.

Im Hause Mylius war zu dieser Zeit das Schicksal Lothars das Ziel weitläufiger Erörterungen. Der Plan, ins Ausland zu gehen, hatte sich bei ihm befestigt; seit dem Bruch mit Eduard Melander und dessen Abreise war ihm das Leben im Elternhause verleidet. Auch war er beständig in Zwistigkeiten mit Ferry Lex verstrickt, der nun Esthers erklärter Verlobter war; am Neujahrstag war die offizielle Feier gewesen und ein paar Tage später, am Dreikönigstag, wurde auch Aimées Verlobung mit Althann verkündigt. Lothar machte sich über beide Liebespaare lustig; ihn verdroß das Turteltäubchenwesen, wie er es nannte, und die Schwestern hatten von seiner Streit- und Spottlust viel auszustehen. Der gesetzte Althann beachtete es nicht und tat ihn gutmütig ab. Lex aber geriet in ernstlichen Hader mit ihm.

Daher war er mit Ulrike für eine baldige Entfernung des Störenfrieds. Althann widersprach. Er meinte, ein so reicher junger Mann könne getrost müßig gehen; wozu solle er den andern das Brot wegschnappen und neuen Mammon zu altem häufen? Wenn er sich langweile und die Bürger durch Extravaganzen reize, könne er in Afrika Elefanten jagen. »Und die Töchter der Zulukaffern verführen«, warf Ulrike trocken ein.

»Du mußt Sinn und Vernunft in dein Leben bringen«, sagte sie zu Lothar; »die ersten Hörner hast du dir abgelaufen, jetzt sieh zu, daß du in ein reguläres Geleise kommst, und decke nicht vor jedem Esel deine Karten auf. In einigen Jahren bist du dein eigner Herr und kein Mensch hat dir mehr was dreinzureden. Dann wirf deine Trümpfe auf den Tisch.«

Es wurden Verhandlungen gepflogen, und er trat bei einem Amsterdamer Kunsthändler, einer berühmten Firma, die mit H. D. Mylius in langjähriger Beziehung gestanden, als Volontär ein. Zu Sinn und Vernunft kam es nicht. Die Entartung griff um sich. Aber er war nun weit vom Schuß und Ulrike fühlte sich erleichtert.

Sie und beide Brautpaare hatten ihn auf die Bahn begleitet. Christine, die von ihrer Migräne geplagt war, hatte zu Hause von ihm Abschied genommen. Josephe hatte er nur flüchtig die Hand gedrückt. Am selben Nachmittag hatte Lex eine Unterredung mit Ulrike wegen der Mitgift. Er verlangte eine bindende Erklärung. Ulrike hatte ihn bisher im Ungewissen halten müssen. Althann war leicht zu beschwichtigen gewesen; er machte sich nicht viel Gedanken und setzte sein Vertrauen in Ulrikes Tüchtigkeit und Umsicht. Lex wurde aber von den Gläubigern hart bedrängt, und das Arrangement wollte, trotzdem die Verlobung bekannt gemacht war, nicht glücken.

Ulrike war abgehetzt; sie fürchtete sich vor der entscheidenden Auseinandersetzung mit Mylius und hatte sie von Tag zu Tag aufgeschoben. Da nun die Umstände sie zum Handeln nötigten, entschloß sie sich kurz, und nach dem Abendessen ging sie hinauf zu ihm.

Er saß bei der Lampe am Tisch und hatte einen Berg von alten Briefen und Papieren vor sich aufgehäuft, in denen er mit zittrigen Fingern wühlte. Er war nur noch der Schatten seiner selbst. Das Gesicht war gelb. Die Augen hatten nicht den mindesten Glanz. Der fadenscheinige Anzug schlotterte um den Körper. Auf dem Kopf trug er ein gesticktes Käppchen. Die eisengrauen Haare hingen ihm wirr in die Stirn.

Er blickte kaum auf, als Ulrike eintrat, erhob sich aber und schlurfte zu einem andern Tisch, auf dem die Pikettkarten bereit lagen. Er griff nach einem Zettel, auf welchem Zahlen standen, Gewinn und Verlust der letzten Partien, hüstelte und begann langsam zu addieren.

»Lassen Sie das nur«, sagte Ulrike, »wir haben heute Wichtigeres zu tun.«

»Was denn, mein Kind, was denn?« brebbelte er mißmutig. »Ich bin kein Freund von Wichtigkeiten. Von euern da drunten schon gar nicht. Was mögen das auch für Wichtigkeiten sein. Kennt man. Will nichts wissen von euern Wichtigkeiten.«

Ulrike nahm Platz und verschränkte die Arme. Er hatte erfahren, daß diese Gebärde Kampf anzeigte, und wurde unruhig. »Na was denn, was denn?« keifte er und rückte die Schultern, »was denn wieder für Wichtigkeiten?«

»Esther und Aimée heiraten in drei Wochen.«

»Na und? Was geht das mich an? Sollen sie heiraten. Was kümmert mich das.«

»Wollen Sie Ihre Töchter in die Ehe schicken, wie man das liebe Vieh zum Schlächter treibt? Mit nichts? Nackigt? Ich denke, das hat Sie wohl zu kümmern. Wen sonst? Kinder erzeugen und, wenn es sich darum handelt, sie zu versorgen, den Kopf in den Sand stecken und sagen: ich bin nicht da, macht was ihr wollt, das wäre bequem. Das könnte jeder. Aber so haben wir nicht gewettet. Ganz im Gegenteil. Sie werden einer jeden von den zweien scchsmalhunderttausend Gulden Mitgift aussetzen. Verstanden?«

Mylius' Gesicht schien plötzlich einzuschrumpfen. Er stierte eine Weile vor sich hin, dann stand er auf, steckte die rechte Hand in den linken Rockärmel, die linke Hand in den rechten, ganz tief, als friere ihn, ging im Zimmer herum und begann einen höchst sonderbaren Singsang. Es sollte andeuten, daß er nichts gehört habe und gewillt sei, nie etwas Ähnliches zu hören. Es war ein eintöniges Leiern und klang halb stumpfsinnig, halb geistesgestört, ein endloses, schläfriges Lalala. Es war seine letzte Waffe, die verzweifeltste.

An diesem öden Singsang prallten Ulrikes Worte machtlos ab. Alle Argumente und Vorstellungen waren in die Luft geredet. Sie sah die Fruchtlosigkeit ihrer Versuche ein und ging zornig auflachend und die Tür hinter sich zuschmetternd hinaus. Nach einer Stunde kam sie wieder. Er wanderte noch immer herum, Hände in den Ärmeln, und kaum hatte sie das Zimmer betreten, als der kränkliche, irre Singsang von neuem anhob.

Ulrike schlug mit der Faust auf den Tisch. Vergeblich. Sie schrie ihn an und zwang ihn zum Stillstehen, indem sie sich vor ihm aufpflanzte. Vergeblich. Sie setzte sich ans Fenster und wartete. Es schlug zehn Uhr auf der Konsoluhr, halb elf, elf, der Singsang dauerte fort. Da begab sie sich in den Nebenraum, holte aus dem dort befindlichen Bett Matratzen und Kissen und richtete ein Lager auf dem Fußboden. Sodann lief sie in ihr Zimmer hinunter, nahm Frisiermantel, Kamm und Bürste an sich, erschien nach ein paar Minuten wieder, zog den weißen Mantel um die Schultern, setzte sich neben das improvisierte Bett, löste ihr Haar, ließ es herabfallen und fing an, sich zu kämmen.

Auf einmal wurde Mylius still. Fassungslos starrte er auf das reiche braune, langhängende Haar, in dessen Rahmen ihm das blühende junge Gesicht schöner als je vorkam. Er sank in den Lehnstuhl und schaute: erstaunt, neugierig, ängstlich. Ulrike sandte ihm von Zeit zu Zeit einen herausfordernden und spöttischen Blick zu, und ihr Mund lächelte.

Ob er sichs überlegt hätte? fragte sie.

Er darauf: »Ulrike, gutes Kind, haben Sie Erbarmen mit mir.«

Sie darauf: hiezu sei ganz und gar kein Anlaß, es gehe um Pflicht und Recht.

Er darauf: er habe sie in seinem Testament anständig bedacht, habe ein Kodizill verfaßt und für sie gesorgt; das werde er wieder annullieren, wenn sie auf der Forderung für die Töchter bestehe.

Ulrike horchte auf. Sie sagte, das glaube sie ihm nicht, er solle ihrs zeigen, sonst müsse sie annehmen, daß er nur flunkere, um sie loszuwerden. Er beteuerte es; sie verlangte das Testament zu sehen. Endlich räumte er ein, gelogen zu haben, schwor aber, daß der Zusatz morgen in ihrer Gegenwart gemacht werden würde, sie möge den Notar Helmbauer bestellen. Wieviel? fragte sie, nicht ohne Gier. Zwanzigtausend Gulden, erwiderte er. Sie darauf: das sei er ihr vor Gott und Menschen schuldig; ihr halbes Leben habe sie an ihn gehängt; wer hätte sich seiner angenommen, wenn nicht sie? wer habe ihn geliebt außer ihr? wer um ihn sich gesorgt? Aber das alles habe nichts zu schaffen mit dem Anspruch, den der Graf Lex und der Baron Althann auf eine standesgemäße Versorgung ihrer Frauen hätten.

Er wimmerte: »Kommen Sie, gute Ulrike, kommen Sie her; fühlen Sie, wie meine Hände kalt sind. Es ist gar kein Blut mehr in meinen Adern. Ihr habt mir all mein Blut ausgepumpt.«

Sie trat zu ihm und nahm seine Hände und rieb sie zwischen den ihren. Sünde sei es, vom Geld zu reden, als sei es das Herzblut, zankte sie. Er legte seine Arme um sie und schmiegte den Kopf an ihre Brust. Jetzt sei ihm wohl, stammelte er, so wohl sei ihm zeit seines Lebens nicht gewesen. Und sein verstörtes Gesicht blickte durch Ulrikes dichten Haarschleier wie eine welke Frucht. Er habe doch ein Weib gehabt, sagte Ulrike, hoch über ihm, habe doch Liebe genossen. Nein, erwiderte er, er habe nicht hinkommen können, habe sich zuviel gerackert. Er habe eben nur sein Geld lieb gehabt, versetzte Ulrike, das sei ihm Himmel, Weib und Welt in einem gewesen. Sich anschmeichelnd wie ein Kind wollte er wissen, ob sie denn nicht auch das Geld liebe. O ja, sie liebe es auch, gab sie zu, auf einmal eigentümlich versonnen und verstockt. Nun also, triumphierte er mit hektisch aufgellender Stimme, das habe er ja gespürt an ihr, deshalb habe er sie ja so geschätzt und ihr sein Vertrauen geschenkt. Da erwiderte sie grausam und parzenhaft, sein Lebensrund sei aber nun vollendet, das Grab könne er sich nicht mit Dukaten polstern, und wen die Mahnung des Todes nicht sanftmütig mache, der verdiene nicht, daß man ihm die Augen zum letzten Schlummer zudrücke.

Mylius schauderte. Er sagte: »Mein, mein, mein!« Und nach einer Pause: »Mein Geld. O mein Geld!«

Es war mehr die Ausgeburt eines Hexentraums als ein Menschengespräch zwischen vier Wänden eines Hauses.

Ihn noch weiter in die Schwäche hinunterzuzerren, war nun nicht mehr schwer für Ulrike. Plötzlich war er gehorsam. Sie brachte ihn ins Bett und deckte ihn zu. Im Winkel stand auf einem Querbrett eine alte Bibel, die nahm sie, schlug eine Seite in den Korintherbriefen auf und las mit strengem Ausdruck:

»Habe ich aber jemand übervorteilt durch derer einen, die ich zu euch gesandt habe? Ich habe Titus ermahnt und ihm gesandt einen Bruder. Hat euch etwa Titus übervorteilt? Haben wir nicht in einem Geist gewandelt? Sind wir nicht in einerlei Fußstapfen gegangen? Lasset ihr euch abermals dünken, wir verantworten uns vor euch? Wir reden in Christo vor Gott, aber das alles geschieht, meine Liebsten, euch zur Besserung. Denn ich fürchte, wenn ich komme, daß ich euch nicht mehr finde, wie ich will, und daß ihr mich auch nicht findet, wie ihr wollt; daß Hader, Neid, Zorn, Afterreden, Ohrenblasen, Aufblähen und Aufruhr dabei sei.«

Um zwei Uhr nachts erlangte sie seine Unterschrift zur Flüssigmachung des Mitgiftkapitals.

Am andern Morgen kam der Notar Helmbauer, den sie bestellt hatte, und das Kodizill wurde abgefaßt.

Die Vorbereitungen zur Doppelhochzeit füllten die Tage und forderten alle Hände. Und wieder war Ulrike die Lenkerin und der bewegende Geist. Wieder rief es aus jeder Tür: Ulrike; von jeder Treppe früh und abends. Ulrike feilschte, zahlte, schimpfte, lobte, war immer an drei Orten zugleich, verhandelte mit der Schneiderin und mit dem Tafeldecker, mit dem Pastor und mit dem Konditor, gab den Bräuten Verhaltungsmaßregeln und den künftigen Gatten Ratschläge und machte Regen und Sonnenschein im Haus.

Esther und Aimée konnten sich nicht genugtun an Käufen und Anschaffungen. Ihre Unersättlichkeit, ihre Verschwendungssucht brachte sogar Ulrike zum Staunen. Hier zeigte sich das Ergebnis ihrer Erziehung in seiner Glorie, und die Meisterin wurde gemeistert. Sie gierten hauptsächlich nach Geschmeide; jeder Gang in die Stadt führte sie zum Juwelier. Aimée hatte eine unstillbare Lust an Perlen; Esther bevorzugte Edelsteine. Die kostbarsten Pariser Toiletten wurden im halben Dutzend verfertigt, das edelste Pelzwerk fand gerade noch Gnade vor ihren Augen, Hüte und Schuhe wurden in unsinnigen Mengen geliefert. Es war keine Hemmung mehr; sie warfen das Geld weg, als haßten sie es, als müßten sie sich an ihm rächen für die Entbehrungen ihrer Jugend.

Das fängt vielversprechend an, dachte Ulrike und schmunzelte.

Trauung und Hochzeitsdiner gingen mit großem Glanz vor sich. Die Räume des Palastes konnten die Menge der erlauchten und minder erlauchten Gäste kaum fassen. Auf der Straße stauten sich die Wagen und das Volk stand andächtig vor dem Tor und bildete Spalier. Das Ausbringen der Toaste und der gereimten und ungereimten Glückwünsche bei der Tafel dauerte anderthalb Stunden. Christine strahlte; der alte Mylius lag oben krank.

Das Ehepaar Lex reiste in den Süden, um sich später in London niederzulassen; Althanns gingen nach Paris, wo sie für die nächsten Jahre wohnen wollten. Bevor sie aufbrachen, fielen beide Schwestern Ulrike um den Hals und küßten sie unter Tränen ab. Auch Ulrike vergoß Tränen. Der Abschied von der Mutter und Josephe verlief weit trockener. Vor dem Bett des Vaters standen sie wortlos, und Mylius schaute sie ebenfalls wortlos an und reichte ihnen zögernd die eisige Hand.

Es ging zu Ende mit ihm und Ulrike wußte es. Damit die Hochzeit nicht gestört oder gar hinausgeschoben würde, hatte sie alles darangesetzt, um die Schwere seiner Erkrankung zu verheimlichen. Den Arzt ließ sie erst am Tag nach der Trauung rufen. Der schüttelte bedenklich den Kopf; warum man nicht früher nach ihm geschickt? fragte er, das Übel hätte sich vielleicht noch bekämpfen lassen, vor einer Woche vielleicht noch; jetzt sei es zu spät. Ulrike schien ganz gebrochen. Sie antwortete, es habe sie Mühe genug gekostet, ihn zu überreden, er habe einfach nicht glauben wollen, daß er ärztlicher Hilfe bedürfe. Der Doktor ließ keine Hoffnung mehr, und Ulrike ging zu Christine, um sie schonend vorzubereiten.

Es war nur Schrecken, den Christine in ihrem verdumpften Gemüt empfand, und als man ihr seinen Tod mitteilte, nahm der Schrecken die Farbe der Trauer an. Bei der Totenwaschung fand sich unter Mylius' Kopfkisten ein Beutel, der fünfundsiebzig Goldstücke enthielt.

Sonderbarerweise starb der Hofrat Woytich in derselben Nacht wie Mylius. Sie wurden auch beide am selben Tag begraben, der eine auf dem katholischen, der andere auf dem protestantischen Kirchhof, der eine um vier Uhr, der andre um fünf Uhr, und Ulrike mußte sich sputen, um beiden die letzte Ehre erweisen zu können. Das schwarze Kleid stand ihr entzückend. Von Mylius' Kindern folgte nur Josephe seiner Leiche. Lothar hatte ein Telegramm gesandt; die Jungvermählten waren brieflich benachrichtigt worden, damit sie nicht in so kurzer Frist vom Traualtar zu einem Grab gehen mußten.

Zwischen den Geschwistern Woytich entspann sich ein hartnäckiger Erbschaftsstreit. Am schlimmsten gerieten sich Ulrike und Anastasia in die Haare. Eine bezichtigte die andre des Unterschleifs und der Beiseiteschaffung von Staatspapieren und Wertsachen. Ein Testament war nicht vorhanden. Da Anastasia den Hofrat bis zu seinem Abscheiden gepflegt hatte und Tag und Nacht um ihn gewesen war, erschienen die Beschuldigungen Ulrikes triftig und jene konnte sie nur durch Gegenbeschuldigungen und Unschuldsschwüre entkräften. Die Smirczinska, in einem Zustand haßerfüllter Enttäuschung, hielt sich bald zur einen, bald zur andern Partei, je nachdem das Kriegsglück schwankte. Eines Tages äußerte sie zu Anastasia den Verdacht, daß Ulrike das Testament, das bei Lebzeiten des teuern Hofrats gesehen zu haben sie Stein und Bein schwor, habe verschwinden lassen. Anastasia, nicht faul, warf Ulrike die Untat als erwiesen vor, und es kam zu einem fürchterlichen Auftritt, in dessen Verlauf die Smirczinska heulend und wutschnaubend das Haus verließ, in welchem sie siebenundvierzig Jahre beinahe die Herrin gewesen war. Der Vizekonsul stand mit seinem Herzen auf Ulrikes Seite, mit seiner Überzeugung auf Anastasias, doch suchte er zu vermitteln und Frieden zu stiften. Severin, ein Opportunist, gab jedem recht und erklärte sich von allen benachteiligt.

Jedenfalls hatte Ulrike nach dem Abschluß der Kämpfe und nachdem die bewegliche Habe des Hofrats verkauft war, annähernd dreiundzwanzigtausend Gulden für sich in Sicherheit gebracht, was mit dem Myliusschen Legat von zwanzigtausend dreiundvierzigtausend machte. Da ihre von den Interessenten willig anerkannten Bemühungen um das Eheglück von Esther und Aimée und die Ausfolgung der Mitgift nicht ohne klingenden Lohn geblieben waren, den sie im Bewußtsein ihrer Leistung und im Hinblick auf die Höhe der dabei erstrittenen Summen nach üblichem Prozentsatz berechnete und forderte; da ferner ihre Sporteln, Bezüge, Entschädigungen, Provisionen, Douceurs und sonstigen gelegentlichen Einnahmen mit der Vergrößerung des Haushalts, der Zahl der Festlichkeiten ordnungs- und erwartungsgemäß gleichen Schritt gehalten hatten, belief sich um die Mitte dieses Jahres ihr Barvermögen auf mehr als hundertsechzigtausend Gulden, was in Anbetracht ihrer Bedürfnislosigkeit und der bescheidenen Zeitverhältnisse ein stattliches Kapital zu nennen war, welches anzugreifen sie sich ängstlich hütete. Und Zinsen zu Zinsen zu schlagen hatte sie von ihrem unvergeßlichen Vorbild Mylius gelernt, dessen wohlgetroffenes, mit Immergrün umkränztes Konterfei an der Wand neben ihrem Bette hing.

Nun hauste sie in dem vielräumigen Palast nur noch mit Christine und Josephe. Doch nichts weniger als klösterlich war das Leben, das damit begann. Zweimal in der Woche hatte Christine ihre großen Empfangstage, die zu besuchen Mode geworden war. Alle Welt rühmte ihren Geist, ihre Bildung und ihre Gastlichkeit. Sie wußte jedem zu sagen, was ihm Vergnügen bereitete, und hatte sie ihn mit dem freundlichsten Wort überrascht, so schmeichelte sie durch eingehende Kenntnis persönlicher Umstände, die, obgleich sie auf umfangreichen Ermittlungen und dem feinverästelten Nachrichtendienst Ulrikes beruhten, doch nicht anders wirkten, als kämen sie aus herzgeborner Zuneigung. Aber auch sonst gab es kaum eine Mahlzeit, mittags oder abends, bei der sich nicht ein halbes Dutzend Freunde und Bekannte einfanden, und nach Tisch wurde musiziert oder es gab literarische Produktionen, denn an Talenten und Berühmtheiten aller Art war kein Mangel, und Christine setzte ihren Stolz darein, ihr Haus zu einem Asyl der Künste zu machen.

Ulrike hatte nach und nach eine vollkommen unbedingte Gewalt über sie erlangt. Meinung, Urteil, Sinn, Gesinnung, Anstalt, Form, alles war Ulrikes. Der Wille Ulrikes regierte ihr Nervengeflecht bis in die Regung des Geschmacks und der flüchtigsten Lust; diesem Willen sich zu widersetzen war so töricht und aussichtslos, daß sie sich ebensogut dem Gewicht der Atmosphäre hätte widersetzen können. Sie lag gebunden da und lächelte auf Befehl, zürnte auf Befehl, geizte und spendete Gaben auf Befehl. Ulrike bewachte ihre Schwelle und ihr Lager, lieh ihr die Augen, die Zunge und die Gedanken. Unter der telepathischen Macht der vom Ziel erfüllten Persönlichkeit spürte Christine nicht mehr, daß sie nur ausübendes und gehorchendes Organ war, und schmiegte sich wie schlafend an dieses starke Element.

Eines Tages wandelte sie Arm in Arm mit Ulrike durch die oberen Gesellschaftssäle. Ulrike äußerte ihr helles Entzücken über die Räume, wie schön jedes Möbelstück sei und sich ausnehme, als sei es nur eben hier an seinem Platz und nirgends sonst. Da lehnte sich Christine zärtlich an ihre Schulter und erwiderte, das sei ihr lieb zu hören, und was immer ihr in diesem Haus Freude mache, solle sie als ihr Eigentum betrachten. »So? das möcht ich ganz gern schriftlich haben«, rief Ulrike lachend aus; »man weiß ja nicht, in welche Lagen einen das Leben bringt.« Christine, gleichfalls lachend, versetzte: »Gut, Sie sollen es schriftlich haben. Wie sollen wirs machen? Ich schreibe auf einen Bogen Papier zwanzigmal, oder fünfzigmal, so oft Sie wünschen, den Satz: das gehört meiner teuern Ulrike Woytich. Ein zwanzig- oder fünfzigfacher Blankowechsel für alle Bedarfsfälle. Recht so, Ulrikchen?«

Und ob es Ulrike recht war! Sie setzten sich Seite an Seite an den Schreibtisch in der Bibliothek, und beständig lachend tat Christine nach ihren Worten.

Die stete Gegenwart und Hausgenossenschaft der allmählich zum Weibe heranreifenden Josephe war Ulrike ein Dorn im Auge. Sie scheute sich nicht, zu jedem, der es hören wollte, abschätzig von ihr zu sprechen, und sagte ganz unverblümt, den Tag werde sie im Kalender rot anstreichen, der sie von dem Anblick der Nonne befreie. »Ein gesunder Mensch hält ja was aus«, spottete sie, »aber wenn man immer darauf gefaßt sein muß, daß einem das Tugendthermometer unter die moralische Bettdecke praktiziert wird, reißt einem zuweilen die Geduld. Ich möchte mein Beefsteak ohne Gewissensbisse und memento mori verzehren.«

Da gewann ein neuer Plan, und der verwegenste von allen bisherigen, in ihrem erfinderischen Kopf Gestalt.

Zu Beginn des Herbstes war Eduard Melander aus dem Ausland zurückgekehrt. Sein vielvermögender Protektor hatte ihm wichtige und höchst verantwortliche Geschäfte übertragen, die an Bedeutung einer politischen Mission gleichgekommen waren. Es hatte sich um staatliche Anleihen und kapitalistische Operationen großen Stils gehandelt, und seine Tätigkeit war nicht nur informativ, sondern auch ausführend und wegebahnend gewesen. Er hatte in allen Punkten das in ihn gesetzte Vertrauen über die Erwartung gerechtfertigt. Kaum einen Monat nach seiner Rückkehr wurde er zum außerordentlichen Professor der Nationalökonomie ernannt, und gleichzeitig trat er in den Verwaltungsrat der ersten Bank des Reiches ein.

Diese erstaunliche Karriere bei solcher Jugend, er war kaum sechsundzwanzig, lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn, und Christine, die davon erfuhr, wunderte sich, daß er ihrem Hause fernblieb. Ulrike zerstreute also seine Befürchtungen in bezug auf Josephe und bestimmte ihn, den Myliusschen Salon wieder zu besuchen.

In seinem Äußern war er verändert. Er trug einen Schnurr- und Knebelbart wie Louis Napoleon, dem er überhaupt ähnlich sah, und statt des frei aufstrebenden Haares schlicht gescheiteltes. Die Haltung war strenger geworden, und er lächelte nur noch selten. Sie werden alle mit der Zeit ernste Männer und rücken in die Mitte vor, die wilden Schößlinge vom Rande der Gesellschaft.

Das Verhältnis zwischen ihm und Ulrike, den Augen der Welt sorgsam entzogen, war unerschüttert. Er hatte ihr gewissenhaft jede Woche einmal geschrieben; sie war von seinen Erlebnissen so genau unterrichtet wie von seinen Gedanken und Meinungen. Es lag ihr aber nicht gar soviel daran, die Rolle der schwesterlichen Freundin zu übernehmen, wie er sich vielleicht einbildete; er hatte trotz aller Kameradschaft und einer Neigung, die er für beruhigt und abgeklärt hielt, trotzdem sie beide das Leben in mancher Hinsicht zusammengeschweißt hatte wie die zwei Hebel einer Zange, keinen rechten Begriff von der Beschaffenheit ihrer Empfindungen und war nicht wenig überrascht, als sie sich plötzlich in vollem Lichte zeigten.

Er hatte in Petersburg eine Beziehung zu einer Tänzerin vom kaiserlichen Ballett gehabt, in Berlin einige Abenteuer von flüchtiger und heiterer Art. Von alledem wußte Ulrike. Bald nach seiner Rückkehr aber faßte er eine heftige Leidenschaft zu der schönen und umworbenen Frau eines Diplomaten. Die Liaison war gefährlich, er ließ sich zu unbedachten Schritten hinreißen, schon zischte das Gerede hinter den beiden. Zum erstenmal war Ulrike nicht Mitwisserin; sie erfuhr von dem Verhältnis mit der schönen Italienerin durch den Vizekonsul, der eine lebendige Zeitung war und ihr den ganzen Klatsch aus der großen und kleinen Welt in seiner ersten Frische zutrug.

Eine Stunde später war sie bei Melander. Das und das habe sie gehört; ob es wahr sei. Er konnte nicht leugnen. Sie legte ihm beide Hände auf die Schultern, sah ihn mit blitzenden Augen an und sagte: »Gut; du wirst das Verhältnis abbrechen, und zwar sogleich.«

Er lachte verwundert, wurde aber blaß und erwiderte, dazu könne ihn kein Mensch zwingen.

»Außer ich!« rief Ulrike, »das vergißt du.«

Er sagte finster, das verstehe er nicht; was ihr daran läge?

»Alles«, antwortete sie und schüttelte wild den Kopf, »alles. Ich leid es nicht, ich duld es nicht, und wenn du dich weigerst, ruinier ich dich. Du kennst mich, also richte dich danach.«

Er schaute sie sprachlos an. Da umschlang sie ihn und drückte ihn an sich, daß ihm der Atem stockte, dann stieß sie ihn mit unheimlicher Kraft von sich und brach in ein halb spöttisches, halb bitteres Gelächter aus. »Für so eine Schneegans wirst du mich doch nicht halten, daß ich eifersüchtig bin, weil wir vor Jahr und Tag ein Kollage gehabt haben«, sagte sie seltsam gurrend; »die Kissen sind schon kalt, und was ich davongetragen habe, kann mir keiner wegnehmen.« Sie ging auf und ab, mit funkelnden Blicken. »Was starrst du mich so blöde an?« fuhr sie plötzlich auf; »o Mannsleute! was seid ihr für Einfaltspinsel!« Und sie lachte wieder.

»Es macht dir offenbar Spaß, mir Rätsel aufzugeben«, murmelte Melander.

Sie wurde ruhig, strich die Frisur glatt, straffte elastisch ihren Körper, überlegte ein paar Sekunden und sagte: »Was dir nottut, ist Konsolidierung. Ein Mann wie du braucht einen festen äußeren Rahmen für sein Leben. Der Rahmen macht das Bild, und das Bild verlangt seinen bestimmten und anerkannten Platz an der Wand der bürgerlichen Welt. Damit stehst und fällst du. Gäbs die Ehe nicht, für dich müßte man sie erfinden. Etwas Ähnliches soll ja schon der alte Voltaire gesagt haben.«

Melander antwortete achselzuckend: »Du bist spekulativ wie immer. Zur Ehe gehören zwei. Ich weiß keine Frau, die für mich paßt. Ich habe noch keine getroffen.«

»Aber ich weiß eine«, sagte Ulrike.

»Nämlich?«

»Josephe. Josephe Mylius.«

Er stutzte; er verfärbte sich; er lächelte; er blieb die Antwort schuldig.

So war der erste Stich an dieser Schicksalsnaht getan.


 << zurück weiter >>