Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Folgsamkeit

Am gleichen Tag hatte ein Depeschenwechsel zwischen Josephe und Exzellenz Herbst stattgefunden. Die Schwurgerichtsverhandlung hatte mit dem Freispruch Marie Helenes geendet, während Rutowsky zu achtjährigem Kerker verurteilt worden war. Das unerwartete Verdikt war dem Umstand zuzuschreiben, daß Marie Helene ihr starrsinniges Leugnen aufgegeben und ihrem Verführer und Vernichter eine Anklage zugeschleudert hatte, derengleichen in einem Gerichtssaal noch nicht vernommen worden war.

Josephe erfuhr zunächst die Tatsache. Kurz nach dem ersten Telegramm traf ein zweites ein, worin Exzellenz Herbst meldete, daß er mit Marie Helene reisen werde. Für diesen Fall, den er als letzte, kaum zu erhoffende Möglichkeit erwogen, hatte er sich vorher mit dem protestantischen Pfarrer des Kurorts verständigt, mit dem er seit langem befreundet war. Dieser hatte sich bereit erklärt, der Unglücklichen in seinem Hause Zuflucht zu gewähren, damit sie sich in völliger Stille zu einer neuen Existenz unter den Menschen sammeln konnte. Denn es empfahl sich nicht, sie nach solchen Erlebnissen den Augen Neugieriger preiszugeben, an denen es selbst auf dem Eckerngut nicht mangelte; sie konnte nicht einmal wünschen, vor Josephe zu erscheinen, während die Obhut des geistlichen Herrn, der zudem ein ungewöhnlicher Mann war, neben seinem Kirchenamt Naturforscher und Philosoph, in jeder Hinsicht sänftigend auf sie wirken mußte. Der Vorschlag war von Josephe ausgegangen; Exzellenz Herbst hatte ihn damals nur mit ungläubigem Kopfschütteln angehört, hatte sich aber dann doch entschlossen, mit dem Pfarrer darüber zu sprechen.

Der Pfarrer und Josephe waren abends am Bahnhof, das Gewitter tobte gerade mit voller Macht, als Exzellenz Herbst mit Marie Helene ankam. Es wurde nicht viel gesprochen. Das tief verschleierte junge Mädchen wurde vom Pfarrer zu einem draußen wartenden Wagen geführt, in welchem auch Josephe und Herbst Platz nahmen. Am Tor des Pfarrhauses wurden sie von der Pfarrerin erwartet. Als Marie Helene ausstieg, erlitt sie einen Schwächeanfall und brach auf den Stufen in die Knie. Sie erhob sich aber sogleich wieder, wehrte Hilfe ab, und die Pfarrerin geleitete sie in ihr Zimmer. Josephe lud den Pfarrer ein, auf dem Eckerngut noch eine Tasse Tee zu trinken, der Wagen könne ihn ja wieder zurückbringen. Er verbeugte sich schweigend und fuhr mit.

Der Tisch war im Bibliothekszimmer gedeckt. Die Fenster waren geöffnet, auf das Blattwerk rauschte der Regen, feuchter Pflanzenduft zog herein, die Blitze verzuckten jetzt, und der Donner erstarb in der Ferne. Elisabeth schenkte den Tee ein und entfernte sich auf einen leisen Wink Josephes. Exzellenz Herbst hatte den schmalen magern Kopf auf den Arm gestützt; nach dem lastenden Schweigen, das bis auf die wenigen notwendigen Worte gedauert hatte, seit sie einander getroffen, sagte er nun mit tiefem Aufatmen: »Ich will Ihnen erzählen, wie es war. Ich hoffe, daß ich dazu imstande bin. Es ist besser, ich tue es heute noch, denn morgen, wer weiß, ist alles schon blasser oder ich bringe es nicht mehr über mich. Und es ist besser, Sie erfahren es von mir als in der Entstellung von wo andersher. Großer Gott des Himmels, was für eine Stunde war das!«

Er faltete die Hände und seine Augen füllten sich mit dem Schrecken, der eine Erneuerung des Schreckens jener Stunde war. Er wollte beginnen, da ging die Tür auf und Valerian trat ein. Er stutzte und fragte höflich-bestürzt, ob er störe. Josephe wies ausdrucksvoll bittend auf einen Stuhl, und er gehorchte seltsam verschüchtert. Exzellenz Herbst ließ noch einige Sekunden verstreichen; der Neuankömmling, obschon er ihn achtete und schätzte, machte ihn zunächst befangen.

»Der Saal war trotz der brütenden Sommerhitze zum Bersten voll«, fing er mit seiner tiefen, gezogenen Stimme an, »auf den Korridoren und im Stiegenhaus sogar standen die Leute Kopf an Kopf. Man sah eine Menge ziemlich verdächtiger Gesichter, besonders die Zeugenbank war eine Galerie von Galgenphysiognomien, Menschen, denen der Ort, wo sie waren, nichts bedeutete, und die ein Gelächter hatten, wenn man sie auf die Würde des Gerichtshofs aufmerksam machte, was der Vorsitzende mehrmals zu tun gezwungen war. Das Verhör Rutowskys brachte nichts Neues zutage. Seine früheren Straftaten leugnete er. Das Verbrechen, wegen dessen er vor den Geschworenen stand, leugnete er. Bei jedem Vorhalt berief er sich achselzuckend auf das Zeugnis Marie Helenes. Ich möchte dabei nicht verweilen. Ich möchte nur sagen, daß ich einen solchen Menschen kaum je gesehen habe. Stellen Sie sich vor: ein Mittelding zwischen Apache und Lebemann. Etwas unbeschreiblich Kalt-Glattes und unbeschreiblich Niedrig-Gewalttätiges. Das rötlichbraune Haar geölt und zurückgestrichen; die Stirn entsetzlich eng und hoch mit zwei Intelligenz-Ausbuchtungen; eine Hornbrille, die ihm das Aussehen eines Uhus gab; die Züge maskenartig verdorrt und zusammengedrückt, dabei unheimlich munter, mit einem beständigen süffisanten Lächeln um die Lippen; der Anzug tipptopp, wie man sich ausdrückt, aber komödiantisch; immer wenn er auf eine Frage geantwortet hatte, knipste er ein Stäubchen von seinem Rockärmel, dann schaute er gelangweilt gegen das Fenster. Wenn von Marie Helene die Rede war, schaute er in die Richtung, wo sie sich befand, und rieb sich lächelnd das Kinn. Das war das Furchtbarste an ihm, dieses Kinnreiben. Nun, ich will dabei nicht weiter verweilen. Marie Helene wird aufgerufen. Sie tritt mit niedergebeugtem Kopf an die Schranke. Sie nennt ihren Namen, Geburtsdatum, Vater, Mutter; Sie können sich denken, wie mir zumute war. Im Saal ist es lautlos still geworden. Sie wird gefragt, ob sie sich schuldig bekenne. Sie besinnt sich; sie hebt den Kopf; sie sieht sich um; ihr Blick fällt auf mich; ich kann nicht ermessen, was in ihr vorgeht; sie erbleicht und wankt; ich stehe auf; ich weiß nicht, warum, aber ich muß es; sie streckt den Arm gegen mich; der Vorsitzende wiederholt seine Frage. Sie antwortet mit einem deutlichen klaren Ja. Durch die Zuhörer geht ein Ruck. Aufgefordert, den Hergang zu erzählen, tut sie es. Es sind nicht mehr als zehn Sätze. Über die rätselhafte Natur ihrer Beziehung zu Rutowsky befragt, erwidert sie, auch darüber wolle sie sich äußern, aber nur Aug in Auge mit ihm. Sie wird mit dem Angeklagten konfrontiert. Er bemerkt sofort die veränderte Situation und stiert sie wutbleich an. Sein Blick will sich ihrer bemächtigen, und sie kämpfen eine Weile stumm voreinander, unter atemlosem Schweigen des Saals. Dann beginnt sie zu reden. Man kann es nicht wiedergeben. Ich glaube nicht, daß irgend jemand es vermöchte. Stellen Sie sich einen Aufschrei aus der dunkelsten Tiefe der Natur vor, den ungeheuren Versuch einer Erniedrigten und Zertretenen, vor sich selbst und vor der Menschheit, ihre Seele wiederzugewinnen, die Raserei vor dem Unerklärlichen, wie sie Schritt um Schritt hinuntergerissen worden. Er war einer jener geistigen Brandstifter, von denen es in unserer Welt wimmelt, dazu begabt mit Beredsamkeit und düsterer Erfahrung. Sie, mit ihren Sinnen und ihrem Blut in einer Krise, abgleitend mit uns allen an der steilen Wand, sieht ihn vorüberstürzen und greift nach ihm, um ihn zu retten. Sie hat sich einem Verzweifelten preisgegeben und verzweifelt selbst. Sie hat keinen Halt mehr gehabt, das gesteht sie zu, alles war Zersetzung und verwester Schleim, wohin sie trat und blickte, und sie hat nur erlebt, was fast unsere ganze Jugend erlebt, die schreckensvolle Götterdämmerung; warum sollen wir darüber reden. Sie greift nach dem Menschen, weil er den verdammten Mut zum Untergang hat, weil er ihr Vater und Mutter und Herkunft und Heim und Freund und Freundin und Gott und göttliches Walten und den ganzen Körper der Gesellschaft in Stücke zerstampft und weil dies glaubhaft ist und weil es endgültig scheint und weil es keine Hoffnung mehr gibt und weil die Selbstzerstörung als eine Beschleunigung des Endes und das Verbrechen als ein Akt der Rache glorifiziert wird. Wir wissen es ja. Wir haben es gelitten. Sie gab die Welt verloren so wie sich. Sie war zu unschuldig und zu rein im Gemüt, um die Finsternis, die da plötzlich in ihr Leben trat, nicht als ein Ergebnis des allgemeinen Unglücks zu betrachten. Sie glaubte zu sehr, darum fiel sie so tief. Sie liebte Welt und Menschen zu sehr, darum sagte sie sich so grauenhaft von ihnen los. Es ist das Schicksal vieler Liebenden heute. Reiche und Nationen können nicht versinken, ohne daß ihre Stützen sich selbst zerfleischen. Wir haben viel auf dem Gewissen, die wir zugesehen haben, in anderer Zeit untätig zugesehen. Wie falsch war alles Gedachte, wie lügenhaft unsere Tröstungen, wie kurzsichtig unsere Zukunftserwartungen. Aber das gehört vielleicht nicht hieher. Ich kann auch nicht einmal andeuten, wie in Marie Helenes qualvollen und dabei doch wunderlich erlösten Worten das einzelne ohne ihr Wissen ins Weite griff und wie die Männer des Gerichts es spürten, Richter und Beisitzende, Anwälte und Geschworene, wie sie spürten, daß es auch ein Gericht über sie war, als da eine aufstand, die sich zurückhaben wollte, nicht nur von ihrem Vertilger, sondern von allen ringsherum und von allen draußen und auch von mir, denn ich war ja vielleicht der Schuldigste, weil Blindeste. Und als man sie fragte, weshalb sie bis jetzt geleugnet und geschwiegen habe, da schrie sie auf: »Weil ich in seinen Armen gelegen bin!« Und als der Vorsitzende sie fragte, wie sie es über sich habe bringen können, in seinem Dienst auf die Straße zu gehen, da schrie sie wieder: »Das Schlechte sollte ja gut sein, und was hätte ich, als seine Geliebte, tun sollen, was schlechter gewesen wäre?« Und ehe man sichs versah, hing sie an seinem Hals und es war, als wolle sie ihn mit ganzer Gewalt und allem Schmerz hinüberreißen in ein anderes Dasein, wo ihre Täuschung und Verblendung keine mehr war; er aber stieß sie zurück, daß sie taumelte, und im selben Augenblick stehen unter den Zeugen welche auf, umringen das Mädchen, schreiten gegen den Gerichtstisch vor und ballen die Fäuste, auch aus den Bänken des Saals, wo wahrscheinlich Genossen Rutowskys verteilt waren, kommen Rufe und wilde Drohungen; da war der Aufruhr der Teufel fertig, da hab ich verstanden, wohin wir steuern. Es ist nirgends ein aufnehmendes Herz mehr, nirgends eins, das aufnehmen kann oder will, das ist es. Nun, der Saal wurde geräumt; dann kam der Freispruch, und mit Mühe und unter polizeilichem Schutz brachte ich Marie Helene nach Hause, und sie lag die Nacht über wie im Starrkrampf. Am Morgen aber könnt ich mit ihr sprechen, und sie willigte in alles, was ich ihr vorschlug. Nun muß man sie schonen, nur schonen.«

Der alte Herr deckte die Augen mit der Hand zu und verstummte.

Nach einer langen Stille nahm der Pfarrer das Wort und sprach: »Ich glaube, daß ich unserm Freund im Namen von uns allen sagen darf, daß wir seine vertrauende Enthüllung mit Ehrfurcht angehört haben und daß wir die Größe zu würdigen wissen, mit der er sein Schicksal trägt. Freilich hat er auch mir wieder das Gefühl bestätigt, wie schlimm es mit uns bestellt ist. Ich versehe nun einunddreißig Jahre mein Amt dahier; mit Freude und Willigkeit. Aber wie es sich jetzt mit allen Dingen wendet, das schnürt einem die Brust zusammen, es ist wahr. Mich gemahnt es oft an die Verfluchung des Propheten, gegen die große Hure Babylon. Ist es denn nicht als sei die ganze Erde ein Babylon geworden? In meinem kleinen Wirkungskreis als protestantischer Priester steh ich ja dahier ziemlich außerhalb, aber Zerrüttung überall; Geist des Abfalls und der Leugnung. Die aufbauen möchten, vernichten bloß; keiner achtet mehr die Überzeugung des andern, der Glaube ist öffentliches Gespött oder Vorwand zum Haß und die politische Brunnenvergiftung hat eine neue Art von Pest gebracht. Kein Leben ist mehr kostbar, kein Heiliges unantastbar, kein Opfer gültig, kein Auge blickt mehr nach oben. Was ists denn mit uns? warum sind wir denn gar so verlassen? woran krankt denn die Welt?«

Zum erstenmal erhob Valerian den Blick, ließ ihn wie träumend in die Runde gleiten und sagte: »Die Sterne sind es, Herr Pfarrer. Es sind Unordnungen im Kosmos eingetreten. Wäre die Wissenschaft weiter in der Erkenntnis, so könnte man vielleicht die Ursachen nennen und ihre Wirkungen erklären. Es haben sich Veränderungen ereignet in der Bahn von Gestirnen; irgendwo in der Unendlichkeit entsteht ein Chaos oder bildet sich in siedender Katastrophe eine Welt. Ich spür es manchmal in stillen Nächten. Wenn ein Mensch es über sich vermag, ganz still zu lauschen, spürt er es, als ob ein geisterhaftes Seufzen über das Firmament zöge. Und ist es nicht denkbar, daß dieser Planet darunter erzittert und die verloren auf ihm schwärmenden Seelen daran wie an einer unbekannten Krankheit leiden? Alles ist ja ein einziger Stoff, nicht wahr?«

Der Pfarrer schüttelte sein weißhaariges Haupt. »Das ist mir zu verantwortungslos«, sagte er mild; »so leicht möchte ich es der Menschheit nicht machen, sich loszubinden. Wobei ich die Möglichkeit nicht leugne und auch die Hoheit des Gedankens nicht. Aber wenn Schäden an meinem Hause sind, muß ich trachten, sie zu beseitigen und darf mich nicht auf die astralen Einflüsse berufen.«

Valerians Stirn verfinsterte sich; er vertrug Widerspruch schlecht. Josephe aber, mit einem Blick auf Exzellenz Herbst, setzte der Erörterung ein Ende und man brach auf, da es auch schon nahe an Mitternacht war.

Als Josephe in ihr Schlafzimmer kam, fand sie den Brief Ulrike Woytichs, der während ihrer Abwesenheit gebracht worden war. Sie las ihn mit Unwillen und Abscheu. Aber es konnte nicht an sie heran, was da geschrieben stand, es war zu weit drunten. Wie sie allabendlich zu tun pflegte, bevor sie sich zu Bett begab, ging sie noch in Fannys Zimmer, um zu sehen, ob sie ruhig schlief, ob das Fenster offen sei und hauptsächlich um ungestört das schöne Gesicht betrachten zu können. Die Erlebnisse und das Gehörte des Tages bebten in ihr nach, aber als aus dem Schlummer des Kindes ein Lächeln aufleuchtete, glättete sich alles und es gab keine Bitternis mehr. Sie fühlte sich wieder fromm werden wie in ihren Mädchenjahren, aber in einfacherer und stillerer Art.

Es war so fremd und neu. Nach Stürmen, deren Beginn sich in den Zeiten verlor, Ruhe und Zutrauen. Die Taube war erschienen in der Sintflut. Sei bedankt, Taube, für deinen Flug und deine Botschaft. Die spät Liebende trug das Geschenk in schweigender Demut, darauf gefaßt, daß das Schicksal es ihr jeden Augenblick wieder aus der Hand reißen konnte. Nicht zu gedenken derer, die sich vielleicht wieder auf ihren natürlichen Anspruch besannen, wie von jeher entschlossen, aus Beziehungen des Herzens ihren Vorteil zu schlagen, war auch mit der Unheimlichen zu rechnen, die in wiederkehrender Bestimmung aus der Verschollenheit emportauchte und die gierigen Arme, unerforschlich warum, nach diesem lebendigen Gut ausstreckte.

Aber Josephe war bereit. Sie wollte wachen. Sie wollte die Stärke des Herzens messen an der Wut des Schicksals. Sie wollte versuchen, höher zu sein als die Dämonen, die das Schwert gegen sie zückten, und folgsamer als bisher.

Eine tiefentschlossene Ruhe zog in ihr Gemüt ein. Sie malte sich so kenntlich in ihren Zügen, daß Fanny, als sie an einem der folgenden Regentage bei ihr im Zimmer weilte, sie mehrmals verwundert anschaute. Sie hatte das Kind gerufen, um ihm ein goldenes Kettchen zu schenken, weil man ihr doch hatte sagen müssen, daß der Plan mit der Erlangung der Puppe mißglückt war. Aber Fanny wollte das Kettchen nicht annehmen; es war eine stolze Empfindung, die sie widerstreben ließ; sie fühlte, daß es eine Entschädigung sein sollte, und sie sagte zu Josephe mit lächelndem Aufblick, der etwas von Verständigung von Frau zu Frau hatte, sie brauche nichts, wirklich nichts, sie habe die Puppe schon ganz verschmerzt, ja beinahe vergessen. Zwischen ihnen stand die offene Schatulle, aus der Josephe das Kettchen genommen hatte, und da gewahrte Fanny eine goldgerahmte Miniatur mit dem Bild des Freiherrn Eduard Melander. Es lag schon viele Jahre in dem Behältnis, Josephe wußte gar nicht mehr, daß es darinnen war. Es stammte aus ihrer Brautzeit, und sie erinnerte sich, daß es ihr damals als der Inbegriff von Unglück, Schmach und Selbstverlust erschienen war. Sie erschrak, als sie Fannys Blick darauf haften sah, und wollte es verbergen. Wie im Stadthaus, hatte sie auch in Eckern alle Bilder des Freiherrn wegräumen lassen, als sie das Kind zu sich genommen; nun trat doch dieses aus der Vergangenheit hervor. Fanny hatte ihre hastige Bewegung bemerkt und fragte: »Wer ist der schöne Mann?« Und ehe Josephe es verhindern konnte, nahm sie das kleine Bildnis und sah es mit Aufmerksamkeit an. Josephe schwieg. »Weißt du, Frau Baronin, es sieht meinem Vater ähnlich«, sagte Fanny staunend. Es geschah zum erstenmal, daß sie von ihrem Vater sprach. Ihre Brauen hatten sich zusammengezogen, auf ihrer Stirn war ein eigentümlicher Schatten von Leid. Und als Josephe sie anschaute und ihr Blick dann zu dem Bild niederglitt, sah sie, wie ähnlich das Mädchen selbst diesem war, und angesichts des Zeugnisses der Natur erschauderte sie und wagte nicht, es vor den richtend klaren Augen des Kindes zu leugnen. Sie erkannte das Gesetz und beugte sich folgsam. »Dieser Mann steht dir sehr nahe«, sagte sie mit leiser Stimme, »aber es ist noch nicht die Zeit, daß ich es dir erklären kann. Hab Geduld, mein liebes Herz.« Und Fanny gab sich zufrieden.

Zu einer Stunde gegen Abend war es, da stürmte sie erregt zu Josephe ins Zimmer und deutete auf die Bergkuppen im Osten, die in Flammen standen. »Schau doch, Frau Baronin, schau doch?« rief sie atemlos. Vor Freude und Bewunderung bebte sie an allen Gliedern, und Josephe, beunruhigt von der Heftigkeit des Gefühls, zog sie auf ihren Schoß. So blickten sie eine Weile stumm zu den erglühten Felsen hinauf, und Josephes Glück war wie ein Schmerz, als sie den Körper des Kindes so nahe fühlte. Das war niemals gewesen: ein Menschenleib in liebender Berührung an ihrem. Den Kopf an ihre Schulter geschmiegt, sprach Fanny mit der schaurigen Neugier und phantastischen Sehnsucht, die so eigen bei ihr waren, wenn sie unter dem Eindruck eines Erlebnisses stand, daß es ihr größter Wunsch sei, auf einen Berg zu steigen, womöglich ganz allein. Sie sagte es, wie wenn es eine Himmelfahrt wäre, und ihre Erwartung davon war so gewaltig, daß Josephe Angst hatte vor der Erfahrung, die sie zerstören mußte. Alles war noch Wahrheit in dieser Seele und alles war noch Traum. Und Josephe beugte sich und war folgsam dem Wort, folgsam dem Bild.

Es war Folgsamkeit, als sie, wegen der gefährdeten Lage ihrer Institute in die Stadt berufen, sich in diese Notwendigkeit ergab. Die Reise hatte lange gedroht, die Existenz vieler Menschen hing davon ab, anstrengende Verhandlungen standen bevor, materielle Schwierigkeiten fast unübersteiglicher Art waren zu regeln: sie zögerte also nicht, ihre Pflichten zu erfüllen. Sie wollte dienen um ihres neuen Glückes willen, so wie sie früher gedient hatte, um ihr Unglück zu verhindern, sie gänzlich zu zerbrechen. Wenn es dem Schicksal beliebte, einen vor noch größere Entscheidungen zu stellen, mußte man auch die Kraft haben, alles preiszugeben, um vielleicht alles zu gewinnen. Nachdem sie Elisabeth eindringlich belehrt hatte, wie sie sich zu verhalten habe, traf sie mit Ruhe ihre Vorbereitungen für eine zehn- bis vierzehntägige Abwesenheit und nahm schmerzlichen, wenn auch äußerlich lächelnden Abschied von Fanny.


 << zurück weiter >>