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Josephes Flucht

Als Ulrike am folgenden Nachmittag, es war ein Sonntag, in die Dorotheergasse kam, um dem Hofrat, wie sie versprochen, das Geld zu bringen, blieb sie vor der Flurtür betroffen stehen. Aus der Wohnung vernahm sie die Klänge einer Geige, und zwar der Guarnerigeige, sie kannte den Ton. Es war als höre sie die Stimme eines seit langem befreundeten, seit langem vermißten Menschen. Eine Weile lauschte sie, dann klopfte sie leise an die Tür; läuten wollte sie nicht, damit der unbekannte Spieler nicht aufhörte. Wer mochte es sein? Stand ein Geheimnis vor der Entschleierung?

Die Smirezinska lugte mißtrauisch heraus und entschloß sich nach einigem Zaudern, Ulrike einzulassen. Ihre Haltung verriet, daß auch sie gelauscht hatte; sie gab Ulrike durch Zeichen zu verstehen, daß sie nicht ins Zimmer treten dürfe und ihr dies gleichfalls nicht erlaubt sei. Ihr Wesen hatte etwas Finsteres und Trauriges, und Ulrike fühlte, daß die Situation, in der sie die alte Dienerin antraf, keine ungewohnte mehr für sie war. Es bestätigte sich bald; als das Spiel mit einer schön gesteigerten Kadenz abbrach, drängte Ulrike die Smirezinska in die Küche und fragte sie hastig aus. Die Smirezinska zuckte zu allem die Achseln, nicht gewillt, der gehaßten Nichte ihres Herrn einen Gefallen zu erweisen. Schließlich drückte ihr Ulrike einen Silbergulden in die Hand; das hatte Erfolg.

In ihrem weichen polnischen Idiom erzählte sie eintönig, es sei ein dreizehnjähriger Knabe, der seit einem halben Jahr jeden Sonntag um dieselbe Stunde komme und dem Hofrat vorspiele. Er heiße Tino Waldbauer und sei der Sohn einer armen Federnschmückerin in Mariahilf, uneheliches Kind. Ob diese Federnschmückerin nicht in früheren Jahren einmal zum Hofrat anders gestanden sei, als der Alte jetzt glauben machen wolle, ob es, wahrscheinlicher noch, deren Mutter sei, mit der er etwas gehabt, darüber könne man Genaues nicht sagen. Sicher sei bloß, daß dieser Tino sein Patenkind sei, daß man seine musikalische Begabung schon entdeckt, als er sieben Jahre alt gewesen, und daß der Hofrat ihn bei einem bekannten Violinlehrer habe unterrichten lasten. Er verdiene schon Geld; er sei Mitglied einer Vorstadtkapelle, auch schenke ihm der Hofrat jeden Sonntag dreißig Kreuzer dafür, daß er bei ihm spielte. Mit der Geige wisse er umzugehen, das sei nicht zu leugnen, in allem übrigen aber sei er ein bißchen blöde.

Drinnen begann daö Spiel von neuem. Ulrike sagte: »Ich muß einen Blick hineinwerfen. Ich gehe dann gleich wieder fort, denn ich hab keine Zeit. Sagen Sie dem Hofrat, daß ich morgen wiederkomme. Haben Sie keine Angst, ich paß schon auf, daß er nichts merkt.« Sie schlich an die Zimmertür, öffnete leise und bog vorsichtig den Kopf vor. Der Hofrat und der geigenspielende Knabe befanden sich aber im Schlafzimmer, und so wagte es Ulrike, in das vordere Zimmer zu treten. Als sie durch die Schlafzimmertür spähte, bot sich ihr dieses Bild. In der Mitte des Raumes stand der Knabe, mit dem Rücken gegen sie, in einer ruhigen, gelassenen Haltung, und es schien, als werde der auf- und abgleitende Geigenbogen von einer Geisterkraft getragen und befehligt; nicht bloß, daß die dem Instrument innewohnende Stimme sich mit ihrem bestrickendsten Wohllaut entfaltete, war es auch ein machtvolles Anschwellen des Klanges, wie man es dem gebrechlichen Körper und schwachen Arm nie und nimmer zugetraut hätte. Dem Knaben gegenüber saß in seinem jahrhundertalten Lehnstuhl der Hofrat. In einer vollkommenen Versunkenheit und Abgekehrtheit, so unbeweglich, daß man hätte glauben können, eine Leiche sei vor einem. Das Kinn lag dicht vor der Brust; die Augen waren geschloßen, daS Gesicht war starr und wächsern, der Mund linienschmal, die Nase einem Geierschnabel gleich.

Ulrikes Verwunderung war nachhaltig. Sie wußte nicht, was sie denken sollte. Sie faßte nicht, daß das der nämliche Hofrat Woytich war, den sie nun so lange kannte. Still hatte sie sich entfernt; auf der Treppe blieb sie stehen und sann. Eine jähe Befürchtung erwachte. Sie beschloß, die Sache nicht auf sich beruhen zu lasten.

Das Erlebnis beschäftigte sie dermaßen, daß man zu Hause beim Abendtisch die Veränderung ihres Wesens bemerkte und ihr mit Fragen zusetzte. Sie berichtete alles von Anfang bis zu Ende. Bei ihrer Gabe, Gesehenes zu schildern und einen Eindruck mitzuteilen, verfehlte die Erzählung ihre Wirkung nicht. Christine, die schon ganz die Art reicher Damen hatte, alles was es in der Welt an Besonderem gibt, selbstsüchtig in Beschlag zu nehmen, sagte, Ulrike möge doch den kleinen Virtuosen ins Haus bringen, vielleicht könne man etwas für ihn tun. Ulrike wollte zuerst nichts davon wissen, da aber auch Josephe darum bat, die heute nach langer Pause und auf Christines ausdrücklichen Wunsch auf ihre Gewohnheit, allein in ihrem Zimmer zu essen, verzichtet hatte, versprach sie es. Außer den Geschwistern waren Lex, Althann, Melander und ein junger Legationsrat von der deutschen Botschaft zugegen. Melander lobte Ulrike wegen ihres Entschlusses und tauschte einen raschen Blick mit ihr, den Josephe zufällig auffing.

»Schade, daß er uns nicht auf Onkel Klemens' Guarneri vorspielen kann«, sagte Ulrike; »man muß sogar ein Instrument besorgen, da ich ihn ja von der Dorotheergasse direkt herführen will. Er soll ein sehr scheuer Bursche sein, mit dem man vorsichtig verfahren muß. Aber Sie werden alle sehen, daß ich nicht zuviel von ihm gesagt habe. Franz wird große Augen machen über die Konkurrenz.«

Nach aufgehobener Tafel ging sie mit Eduard Melander ins Billardzimmer, angeblich um eine Partie Preference zu spielen, doch ließen sie sich in einer halbdunkeln Ecke nieder. »Du begreifst natürlich, was mir an der Geschichte unbehaglich ist?« fing sie an.

»Ich begreife vollkommen«, war die Entgegnung, »du hast Angst wegen der Erbschaft.«

»Angst wegen der Erbschaft und vor allem Angst wegen der Geige. Die ist mir nun einmal zugeschworen. Die hab ich mir zugeschworen. Wenn mir die entgeht, dann ist mir, als sollt ich kein Glück mehr haben auf der Welt.«

»Du überschätzt die Magie der Gegenstände«, sagte Melander lächelnd. »Gib dir nicht nach. Im Aberglauben steckt immer sehr viel Freiwilligkeit. Du bist zu klug für sowas.«

»An irgendeinem Punkt hört die Klugheit auf und beginnt das Geisterhafte«, erwiderte Ulrike, mit gefalteten Händen vor sich hinschauend. »Wie liegt denn der Fall juristisch?« erkundigte sie sich, indem sie sich der wunderlichen Anwandlung mit einem Ruck entzog; »er hat mir doch das Instrument verschrieben, wie du weißt …«

Abermals lächelte Melander. »Ein solcher Vertrag hat wenig Aussicht, vor dem Gesetz als gültig anerkannt zu werden«, sagte er; »jedes später abgefaßte Testament wirft ihn um. Das wußte der Alte nur zu gut.«

»Wenn aber kein Testament vorhanden ist, kann dieser Tino trotzdem erben?«

»Bei einem illegitimen Verhältnis, nein. Man müßte nachforschen, ob von der Mutter rechtmäßige Ansprüche erhoben werden können. Es ist aber unwahrscheinlich. Leute wie der Hofrat binden sich nicht und haben keine heimliche Verwandtschaft, die Geld kostet.«

»Das ist wahr, aber ich will mir doch Aufklärung verschaffen. Denkst du, ich werde mir vor der Nase wegschnappen lassen, um was ich mit Nägeln und Zähnen gekämpft habe? Hab ich zum Spaß meine Tage und Nächte drangesetzt und mein Herzblut verredet, um den alten Narren zur Räson zu bringen? Wer bin ich, daß man mir ins Gesicht hinein freundlich grinst und hinterm Rücken ein Schnippchen schlägt? Nicht ein Stuhlbein wem anders als mir und meines Vaters Kindern, kein Knopf von einem Rock, kein Fetzen Papier im Spind. Das würde mir passen, wenn da auf einmal so eine Bettelmadam und ein Dreikäsehoch von einem Bankert kämen, sich ihren Sündenlohn zu holen und denen, die das Blutsrecht haben, den Anteil zu schmälern. Nichts da, mein Lieber.« Sie lachte herausfordernd und schlug sich auf die Brust. Es war ein elementarer Ausbruch.

Melander blieb stumm. Der rasche Prozeß der Verfeinerung, den er in wenigen Monaten durchgemacht, hatte das Ergebnis gezeitigt, daß Ulrikes bisweilen hervortretende Ungeschlachtheit, diese Zügellosigkeit einer Bäuerin unter der dünnen Schicht von Kultur, ihn erschreckte und abstieß. Aber da sie ihn in einem entscheidenden Moment seines Lebens mit kühner und entschlossener Hand von dem Abgrund zurückgerissen hatte, der ihn unvermeidlich zu verschlingen drohte, bewahrte er ihr eine Treue, die seiner Natur sonst fremd war und die mit dem sinnlichen Reiz nichts zu tun hatte, den sie auf ihn ausgeübt und Aug in Auge noch immer ausübte. Er machte die Erfahrung, daß es Frauen gibt, die man nicht verlassen kann, weil sie zu stark sind und weil sie auf allen Wegen Posten stehen, die ein Mann geht. Er, der sich aus Menschen so wenig machte, daß er auch in schwerwiegenden Beziehungen immer noch mit ihnen spielte und, um seinem Ehrgeiz zu dienen, nutzlos gewordene Freundschaften ohne Bedenken zerbrach, fand sich hier durch Ketten gebunden, die zu lockern er keine Macht besaß. Unbequem war ihm das Heimliche des Verhältnisses, unbequem die Erinnerung an die proletarische Vergangenheit, unbequem die Selbstverständlichkeit, mit der sie von seiner Person Besitz ergriff; aber dagegen sich aufzulehnen hatte er nicht den Mut. Er fürchtete sich einfach.

Um nicht merken zu lassen, was in ihm vorging, bemühte er sich, die Sache ins Scherzhafte zu wenden, und als Ulrike barsch erklärte, ihr sei nicht zum Lachen, sagte er, wenn der kleine Geiger eine solche Gefahr für die Erbschaft sei, wie sie argwöhne, könne man ja seine Angehörigen durch Geld und gute Worte bestimmen, daß sie ihn aus dem Gesichtskreis des Hofrats brächten; jedenfalls sei es ein leichtes, den Knaben in dieser Hinsicht unschädlich zu machen.

Ulrike hatte die Arme verschränkt und blickte finster zu Boden. Sie wollte antworten, da kam Josephe, die in allen Zimmern nach ihr gesucht hatte, und sagte, der Vater habe heruntergeschickt und verlange dringend nach ihr. Mit unwilligem Seufzer erhob sich Ulrike. Sie fragte Melander, ob er warten wolle, bis sie zurückkomme, Melander erwiderte, er sei um elf Uhr abends zum Präsidenten bestellt; zugleich lächelte er Josephe unsicher zu, denn er entsann sich plötzlich, daß er vor Tisch eine Verabredung mit Althann getroffen hatte, die diese Angabe Lügen strafte, und daß Josephe, die in der Nähe gestanden, es gehört haben könne. Josephe war ahnungslos, doch machte sie etwas im Ton seiner Stimme stutzig, und sie warf einen raschen Blick auf ihn. Als sie in sein schönes Gesicht schaute, war es ihr auf einmal, als ob ein Vorhang zerriße und sie ein ganz anderes Gesicht dahinter sähe. Eine Sekunde bloß, aber es genügte, um ihr Herz zusammen zu pressen.

Als sie den Raum verließen, entfiel ihr das Taschentuch; sie bückte sich, er gleichfalls, sie stießen mit den Stirnen aneinander, Josephe ließ einen leisen Schmerzensruf vernehmen, Melander zeigte sich bestürzt, sie beruhigte ihn errötend, lachend bat er um Verzeihung für seine Ungeschicklichkeit, mit lachenden Mienen kamen sie zu den andern, und Christine, froh, Josephe heiter zu sehen, schritt ihr entgegen und umarmte sie.

Gerade dies aber trieb Josephe wieder in die Traurigkeit zurück. Es war nicht mehr das Gesicht der Mutter von ehedem, nicht mehr die Gebärde. Alles war geschnürt und im Innern verhalten, was einmal frei und unvergleichlich gegeneinander wirkend sie beide umfaßt hatte. Josephe wußte und spürte es; Christine wußte und spürte es schon nicht mehr; das war der Unterschied und Josephes Kummer. Ihr Auge drang nicht hinein in das Ummauerte, ihr Laut regte nichts auf, zu fest waren die Fugen verkittet, treffliche Arbeit war getan. Die Wächterin konnte sich sogar getrost von ihrem Platz entfernen, ohne daß die Gefangene sich rührte; sie war allgegenwärtig und ihrer Mittel sicher. Und Josephe fragte sich verzweifelt: warum ist das so? warum darf es sein? warum erleuchtet mich Gott nicht, daß ich es verstehen kann?

Ihre Tätigkeit bei den Blinden hatte ihr monatelang über den Schmerz hinweggeholfen. Aber sie hatte sich zuviel zugemutet. Ihr Körper war den Anstrengungen auf die Dauer nicht gewachsen. Schlimmer noch war es, daß ihr die Freude abhanden gekommen war, denn nicht bloß, daß der beständige Umgang mit den blinden Menschen ihr Gemüt täglich mehr verdüsterte, konnte sie alsbald die Wahrnehmung nicht abweisen, daß gerade das Unglück der Blindheit die von ihm Heimgesuchten nicht selten ungut macht, mißtrauisch, zänkisch, neidisch und zur Verstellung neigend. Sie hatte Auftritte erlebt, die nie mitangehört und -angesehen zu haben sie herzlich wünschte, Beispiele niedriger Sucht und Tücke, und das bei so mitleidswerten Geschöpfen. Oder war es nur eine Welt, ganz so wie die übrige? Zu alldem hatte sie sich der Zudringlichkeit eines jungen Blinden zu erwehren, der außer sich geriet, wenn er ihren Schritt vernahm und durch ihren Zuspruch und ihre sanfte Mäßigung nur immer ungebärdiger wurde, so daß sie Klage führen mußte, um sich Ruhe zu verschaffen. Es war eine nicht leicht zu verwindende Enttäuschung, die sie aber von allgemeinen Beglückungsideen heilte.

Sie wartete auf etwas, das nicht kommen wollte und vielleicht niemals kam. In ihr gedieh Form wie Wille mit einer frommen Langsamkeit, und sie war beharrlich wie die Wurzel in der Erde. Sie beobachtete die Dinge, die Figuren; ihr Herz war eine reine Tafel, auf welche das Leben Buchstabe für Buchstabe seinen eindringlichen Text schrieb. Und sie stand und las: aufmerksam, gewissenhaft, Buchstabe um Buchstabe, bis sich der Sinn erschloß.

Ulrike hielt es nun nicht mehr für nötig, um sie zu werben und einen besondern Augen- und Ohrentrug für sie zu spinnen. Sie gab sich keine Mühe mehr mit ihr; es war ja nun alles auf dem besten Weg und ein ernstliches Hemmnis kaum zu befürchten. Josephe wunderte sich manchmal, stutzte über ein Wort, eine spöttische Bemerkung, eine ärgerliche Abfuhr, dabei blieb es; sie trug Ulrike nichts nach und ließ im Verkehr die Entfernung gelten, die man ihr anwies.

Am nächsten Sonntagabend brachte Ulrike, wie sie versprochen, den kleinen Geiger mit. Aber auch ohne das Versprechen hätte sie sich seiner bemächtigt; sie wollte wissen, wie sie mit ihm dran war, und in das Geheimnis dringen. Die Erkundigungen, die sie im Lauf der Woche eingezogen, waren ziemlich erfolglos gewesen; sie hatte nichts anderes erfahren, als was die Smirczinska bereits angedeutet hatte. Tinos Mutter aufzusuchen, konnte für den Zweck so nachteilig sein, wie es bestimmt töricht und verkehrt war, den Hofrat zur Rede zu stellen. So hatte sie sich an die Smirczinska gewendet und sie neuerdings mit Geld bestochen. Sie sollte den Knaben, ehe er die Wohnung verließ, vorbereiten und günstig beeinflussen. Ulrike wollte ihn dann an der Stiege erwarten. Die Smirczinska, die ihre Aussichten nicht minder bedroht sah als Ulrike, ließ sich zu einer Verschwörung nicht ungern herbei, von deren Zielen sie zwar nichts ahnte, von der sie aber bei dem Charakter ihrer Rivalin Vorteilhaftes hoffte.

Es geschah wie vereinbart. Die Smirczinska geleitete Tino sogar geradeswegs in die Arme Ulrikes. Er war außerordentlich schüchtern, und Ulrike mußte erst lange in ihn hineinreden, bis er nur begriff, was sie wollte. Sie tat ihm auf alle Weise schön. Sie sagte, vornehme und reiche Leute verlangten sehnlich, ihn spielen zu hören; man werde ihm Geld und herrlich zu essen geben und was er sonst noch wünsche, könne er haben. Am Tor stand der Myliussche Wagen, der Kutscher in Livree; sie führte den Knaben an den Schlag und bedeutete ihm, er dürfe mit ihr in das wunderbare Haus fahren, wo man ihn erwarte. Das besiegte seine Scheu; Karosse mit Kutscher und zwei Pferden, dagegen war er wehrlos; seine Augen leuchteten, er stieg ein.

In einem blauen, ärmlichen Leinenanzug, unzureichender Schutz gegen den November, betrat er mit Ulrike den Salon. Die Lichterfülle, der Farbenprunk, die geschmückten Frauen, der feierlich hohe Raum, alles verwirrte ihn in gleicher Weise. Bei Tisch saß er zwischen Ulrike und Josephe und mußte von beiden ermuntert werden, zu essen, was man ihm vorlegte. Es war ein eigentümlicher Anblick, dieses Kind der Armut, den Unbekannten von der Straße, im Kleid der Straße, inmitten der Geräte des Luxus, der von Sorglosigkeit und lachender Befriedigung strahlenden Gesichter. Josephe spürte es wie Schmach und herzlosen Übermut. Sie suchte den Knaben vergessen zu machen, was er sicherlich ebenso wie sie erlitt, wenn auch dumpfer und furchtsamer. Sie fragte ihn nach seinem Lehrer, nach seiner Mutter, was er den Tag über tue, wo er wohne, alles zart, liebevoll, geduldig, aber Tino gab nur die notdürftigsten Antworten und zog sich immer ängstlicher in sich selbst zurück.

Man ging dann in den Musiksaal, und er wurde gebeten zu spielen. Der Vizekonsul hatte eine Geige verschafft, Tino nahm sie, probierte, zog die Saiten an, erhob den Bogen, ließ die tief melancholischen Augen im Kreise schweifen und schien in Schlaf zu versinken. Da erschallte ein lautes Lachen in die erwartungsvolle Stille. Lothar war es; das traumhafte Wesen des Knaben, die gespannten Mienen der ringsum Sitzenden waren ihm auf einmal komisch vorgekommen; vielleicht war er auch sonst überreizt und zur Herausforderung aufgelegt; genug, er ließ sich gehen, und die entrüstete, teils stumme, teils laute Zurechtweisung von allen Seiten kam zu spät. Tino setzte den Bogen ab, legte die Geige hin und sagte, er könne nicht spielen. Vergeblich das Drängen, vergeblich Christines Vorstellungen, Esthers und Josephes Zureden; vergeblich, daß Lothar auf ihn zutrat, ihm beschämt die Hand reichte und um Verzeihung bat; er schüttelte bloß den Kopf mit den langen schwarzen Haaren und schien sich trotzig zu verschließen. Ulrike wurde wütend und sagte, das gehe zu weit, man könne doch vor so einem Buben nicht kniefällig werden; es war so vergeblich, wie daß der Vizekonsul am Flügel lockend zu präludieren begann, um die verscheuchten Geister der Musik wieder herbeizurufen.

Inzwischen hatte Eduard Melander seinen Arm um Tinos Schulter geschlungen, hatte ihn einige Schritte beiseite geführt und sprach nun leise und heiter vertraulich auf ihn ein. Und wunderlich, er vermochte es, den Widerstand zu brechen. Der Knabe sah zur Erde, erhob langsam die Augen zu Melander, dessen Stimme unzweifelhaft eine gewisse Macht über ihn gewann, lächelte sogar ein wenig, und als Melander mit ihm zu den übrigen zurückkehrte, verkündete er mit etwas selbstgefälliger Gelassenheit: »Tino ist versöhnt, er wird spielen.«

Und Tino spielte wirklich; ein Schubertsches Lied, dann irgendwelche Variationen; dann ein Air von Bach.

Die Zuhörer waren bewegt. War es auch keine reife Meisterschaft, so war es doch seelenhafter Strom, durch Schicksalswunder aus der Stummheit erlöster Gesang. Nur Ulrike entbehrte alles, da ja nicht das Instrument zu ihr redete, für das allein ihr Ohr geöffnet war.

Josephe, auf die das Vorhergegangene einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hatte, konnte nicht genießen. Sie verhielt sich auch bei den Beifallsäußerungen still. Ihr war als sollte sie jemand, der in den Wellen um sein Leben kämpft, wegen seines guten Schwimmens beloben. Alle Gesichter erschreckten sie, alle Worte peinigten sie. Sie spürte soviel Unterirdisches, soviel Böses und Häßliches ringsum und hinter den Stirnen. Sie ging herum und glaubte jeden Augenblick, es müsse etwas Furchtbares geschehen, Wände müßten niederfallen oder die Erde sich spalten.

Die Gäste schickten sich zum Aufbruch an. Christine reichte Tino ein Lederbörschen mit einigen Goldstücken. Auch dies peinigte Josephe, das Öffentliche, das Gönnerische, sie begriff kaum, daß nicht alle vor Scham erröteten. Tino war zu benommen, um zu danken. »Sag doch was«, rief ihm Ulrike zu und stieß ihn am Ellbogen. Er blieb verstockt, und Ulrike brummte: »Die Smirczinska hat recht, er ist wahrhaftig ein kleiner Idiot und zu nichts imstande, als zu fiedeln.«

Melander erbot sich, Tino nach Hause zu begleiten und seiner Mutter zu erklären, wo er den Abend verbracht. Christine wünschte es so, da sie vermutete, der Knabe habe Angst, ausgescholten zu werden. Wieder dünkte es Josephe, als tauschten Ulrike und Melander einen raschen Blick. Lothar ergriff mit Begier den Vorwand, noch in der Gesellschaft des Freundes sein zu dürfen, und verließ mit Melander und Tino das Haus.

Es begab sich nun, daß Josephe in derselben Nacht einen Traum hatte, der, wie es bei sensitiven Naturen häufig vorkommt, eine Reihe von Vorahnungen und halbgereiften Furchtgedanken in ein unendlich quälendes Bild zusammenpreßte, ohne jedoch über die Ursache der Beunruhigung Klarheit zu verbreiten.

Sie träumte nämlich, sie sehe in einer Dämmerungslandschaft, einem kahlen, von nassem Schnee bedecktem Hügelgelände, eine Person von nicht erkennbarer Gestalt hangaufwärts gehen. Auf diesem Hang hockten in bösartiger Gravität viele Hunderte von schwarzen Krähen, hockten auf dem mit Grün untermischten Schnee, und als die Person sich näherte, fingen sie mit ebenso bösartiger Langsamkeit an, sich zu erheben, bis sie in ihrer Zahllosigkeit und Schwärze jene als unheimlich bewegte Wolke umflatterten. Da legte die Person, von welcher Josephe auf einmal wußte, daß es Ulrike war, eine blaubekleidete Holzpuppe auf den Schnee; die Krähen stürzten sich unter scheußlichem Krächzen auf die Puppe, und dadurch entging die Person, Ulrike also, im Sinne des Traumes der Gefahr, von den Vögeln in Stücke zerhackt zu werden. Sie erwachte mit dem Schrei: Ulrike! Aber was als Angst in ihr bohrte, trug einen andern Namen, der ihr sofort auf den Lippen schwebte, den Namen des kleinen Geigers.

Als sie am Vormittag fortging, hörte sie, daß Lothar in der Nacht nicht heimgekommen, auch jetzt noch nicht da war. Sie achtete nicht sonderlich darauf, aber statt ins Institut zu gehen, wie sie vorgehabt, fuhr sie mit der Pferdebahn nach Mariahilf und suchte in der Kaserngasse das Haus, wo Tino wohnte. Er hatte wohl die Nummer genannt, Josephe erinnerte sich aber nicht mehr genau; erst nach einigem Herumfragen fand sie das Logis der Federnschmückerin im Erdgeschoß eines weitläufigen Zinshauses, mit alten Steintreppen, Fluren und Höfen. In einem reinlich gehaltenen Zimmer trat ihr eine ebenso reinlich aussehende Frau von etwa fünfunddreißig Jahren entgegen und erkundigte sich nach ihrem Begehr. »Sind Sie Frau Waldbauer, die Mutter von Tino?« fragte Josephe. »Ich bin Lena Waldbauer, gewiß«, war die Antwort, und der betonte Vorname sollte wohl andeuten, daß hier kein Recht auf den bürgerlichen Titel Frau bestand; »bringen Sie mir vielleicht Nachricht? Der Bub ist gestern nachmittag so wie jeden Sonntag zu seinem Paten gegangen und seitdem nicht heimgekommen.« Das Gesicht der Frau, ein kräftiges, festes, angenehmes Gesicht, drückte tiefe Sorge aus.

»Nicht heimgekommen?« stammelte Josephe; »gestern nicht heimgekommen?« Alles Blut strömte ihr zum Herzen.

Es gab einen hastigen Austausch der Mitteilungen. Lena Waldbauer sagte, sie sei spät am Abend noch in die Dorotheergasse; die Haushälterin des Hofrats habe behauptet, nichts zu wissen, und sie wegen der nächtlichen Störung noch beschimpft. Dann sei sie auf das Kommissariat und zum Schluß planlos straßauf, straßab gelaufen. Frühmorgens sei sie wieder auf dem Amt gewesen, dann sei ihr eingefallen, ob er nicht zu einem seiner Kollegen von der Kapelle gegangen sein konnte, doch sei es ganz unmöglich, diese alle zu erfragen und aufzufinden.

»Es war unverzeihlich von uns, daß wir Sie nicht gleich in Kenntnis gesetzt haben«, sagte Josephe, und sie erzählte, wo Tino gewesen, wer ihn in ihr Elternhaus gebracht und daß ihr Bruder und dessen Freund ihn um halb zwölf Uhr begleitet hätten. Es werde sich aufklären, schloß sie und drückte der etwas beruhigten Frau die Hand; sie werde sofort ihre Leute unterrichten und spätestens am Nachmittag wiederkommen, wenn sie aber vorher Nachricht bringen könne, schon vorher.

Als sie heimkam, war es Mittag. Ulrike wußte nichts. Lothar war immer noch nicht da. Man hatte zu Melander geschickt; auch der war seit dem gestrigen Nachmittag nicht in seiner Wohnung gewesen. Nun erzählte Josephe von Tinos Verschwinden. Ulrike stutzte. Sie stellte ein regelrechtes Verhör mit Josephe an über den Grund ihres Besuches bei Lena Waldbauer. Josephe konnte keinen Grund nennen, was Ulrikes befremdeten Argwohn nicht verringerte. Esther und Ulrike hielten Rat; jene meinte, man solle die Anzeige erstatten, doch Ulrike wehrte erschrocken ab; Alarm dürfe auf keinen Fall geschlagen werden, man müsse warten. Zum schwarzen Kaffee kam Pillersdorf. Christine hatte Migräne und war im Bett geblieben. Ulrike zog sich mit Pillersdorf in den Rauchsalon zurück und sie tuschelten erregt. Esther und Aimée witterten Schlimmes und sahen Josephe fragend an.

Josephe ging in ihr Zimmer und zwang sich zu einer Arbeit. Von Weile zu Weile erhob sie sich und preßte die Hand auf die Brust. Es war so widrig still im Hause. Unruhe erfaßte sie in dem Wissen um die vielen Räume. Sie legte ihre Uhr auf den Tisch und verfolgte den vorrückenden Minutenzeiger mit den Augen. Sie fühlte sich so einsam wie noch zu keiner Zeit in ihrem Leben. Alle Seelenbeziehung war aufgelöst; nur zu dem einen göttlichen Wesen nicht, dessen Opfertod und strahlende Auferstehung ihr einen Weg aus der Menschenwirrnis wies und ihr ein beständiges Gefühl gab als habe ihr Herz einen Saum von Gold, der es feite. Sie dachte ihn nicht, einmal unterschiedene Gestalt war er, nur ein Ruhen in der Gnade ging von ihm aus.

Bei Anbruch der Dämmerung schlüpfte sie in den Mantel, setzte den Hut auf und ging. Die große Auffahrtstreppe herabschreitend, warf sie wie zufällig einen Blick in den Garten, da gewahrte sie Lothar. Er stand gegen die Sandsteinstatue eines keulenbewehrten Herkules gelehnt, im Regen. Sein Radmantel war kotbespritzt, der Anzug abscheulich besudelt. Hut hatte er keinen, die braunen Locken hingen ihm wirr in die Stirn, das Gesicht war erloschen, aschgrau, mit roten Flecken und geschwollenen Lidern. Fünf Schritte, und Josephe war bei ihm. »Mensch, wie siehst du aus!« flüsterte sie entsetzt. Da er sich weder rührte, noch antwortete, noch sie anschaute, rüttelte sie ihn am Arm und fragte zitternd: »Was ist dir? wo kommst du her? wo ist Tino?«

Bei diesem Namen öffnete er die Augen, sah Josephe scheu an, kehrte aber den Blick gleich wieder ab. »Wo ist Tino?« wiederholte Josephe gebieterisch ihre Frage.

»Er ist … ich weiß nicht … man hat ihn zu seiner Mutter gebracht.«

»Wann?«

»Ich weiß nicht. Laß mich.«

Ohne weiteres Wort stürzte Josephe davon. Sie flog durch die Straßen. Der Atem stach sie, der Regen peitschte ihr das Gesicht. Schwindelnd stand sie endlich im Hausflur in der Kaserngasse und mußte sich gegen die Mauer stützen, ehe sie hineinging. Zuerst betrat man die Küche, deren Tür beim Öffnen eine Glocke in helles Bimmeln versetzte. In der Stube fiel ihr hastig suchender Blick auf Tino; er lag im Bett, bis ans Kinn in eine rotkarierte Decke gehüllt. Das auffallend zusammengeschrumpfte Gesicht glich einem kleinen weißen Häufchen, die Augen waren vollkommen ausdruckslos und unabänderlich auf einen Punkt an der Wand gerichtet, der Mund zuckte in fast regelmäßigen Pausen wie ein Fisch, bevor man ihn abschlägt. Eine Sekunde des Anschauens genügte Josephe, um zu sehen, daß der Knabe in einem bedenklichen Zustand war.

»So, da ist er nun«, sagte Lena Waldbauer finster.

Nach langem Schweigen berichtete sie: gegen halb vier Uhr sei zweimal in schneller Folge an die Flurtür geklopft worden; als sie hinausgegangen sei und aufgemacht habe, sei Tino auf der Schwelle gelegen wie tot. Niemand sonst. Später habe ihr der Kammacher von nebenan gesagt, ein Fiaker habe am Haustor gehalten, ein Mann sei, mit dem Knaben auf dem Arm, ausgestiegen, habe ihn ins Haus getragen und sei mit großer Eile wieder in den Wagen gesprungen und davongefahren. Der Hausmeister habe dann den Doktor geholt, der habe den Knaben genau untersucht und immer nur den Kopf geschüttelt. Der Atem rieche nach Wein, habe er geäußert; es habe den Anschein, als sei er betrunken; dann wieder: nein, das sei es doch nicht bloß; und habe abermals untersucht; einen Schaden am Leibe könne er nicht konstatieren, aber innerlich müsse etwas geschehen sein, in seinem Geist und Gemüt nämlich; ohne Zweifel habe er einen schweren Chok erlitten; er werde morgen wieder vorsprechen, vielleicht könne der Knabe dann selbst Auskunft geben.

»Daran glaub ich aber nicht«, sagte Lena Waldbauer, die ruhelos hin und her ging; »er sieht nicht, er hört nicht, er wird auch nicht reden. Sie müssen etwas Gräßliches mit ihm gemacht haben. Aber was? und wer? und warum?«

Josephe stand mit gesenktem Kopf und grübelte.

»Er ist nicht wie andere seines Alters«, fuhr Lena fort; »einerseits ist er weit über seine Jahre hinaus, andrerseits ist er wie ein sechsjähriges Kind. Kein Mensch ahnt, wie empfindlich er ist. Er zerbricht, wo andre kaum was spüren. Was soll ich nur tun!«

»Hat er gar nichts gesprochen?« fragte Josephe.

»Doch, einmal. Er wolle den schönen Ring haben, den Ring mit dem grünen Stein. Er hat an sich herumgetastet, nach seinen Kleidern verlangt und wie geistesabwesend alle Taschen durchsucht. Es war aber kein Ring zu finden. Was mögen sie nur mit ihm angestellt haben!«

Josephe erinnerte sich plötzlich, daß sie an der Hand Eduard Melanders einen Ring mit einem Smaragd gesehen hatte.

»Man muß es herausbringen«, sagte Lena entschlossen; »aber ich bin ganz allein. Ich kann ihn doch nicht da liegen lassen und fortgehn. Und Zeit dürfte nicht verloren werden. Wer hilft einem nur?«

»Ich«, erwiderte Josephe, »wenn Sie mir vertrauen wollen: ich.«

Ein prüfender Blick der Frau überflog sie. »Was für ein Interesse haben Sie daran?« fragte sie mit dem Mißtrauen der Deklassierten. »Ich weiß gar nicht recht, wer Sie sind. Ich habe noch nicht einmal begriffen, weshalb der Bub zu Ihnen und zu Ihren Leuten gebracht worden ist. Natürlich, Vorspielen sollte er, Sie haben mirs ja gesagt, in der Aufregung hab ich nur nicht darauf geachtet. Sie haben auch von Ulrike Woytich geredet; den Namen kenn ich allerdings; sie ist die Nichte des Hofrats, von ihr hab ich oft gehört. Aber das ist ja ganz gleichgültig jetzt. Ich muß wissen, wo der Bub gewesen ist. Auch der Arzt muß es wissen. Wenn es einen Schuldigen gibt, muß er es verantworten. Wollen Sie mir wirklich helfen?«

»Ja«, sagte Josephe.

»Wie werden Sies anfangen?«

»Ich weiß es noch nicht genau. Vertrauen Sie mir und glauben Sie mir, mehr will ich nicht, mehr brauch ich nicht. Sobald ich Ihnen etwas Bestimmtes mitteilen kann, bin ich wieder hier.«

»Das kann lange dauern.«

»Ich hoffe, es wird noch heute sein.«

»Schön, so erwart ich Sie also.«

Wieder begegnete Josephe dem prüfenden Blick. Das Gesicht der jungen Frau erschien ihr von Minute zu Minute anziehender, verschönt durch einen Ausdruck, der ihr neu war, die unmittelbare Lebendigkeit eines Menschen, der mit sich und seiner Sache im schaffenden Tag steht. Auch ihre Sprache war nicht die einer gewöhnlichen Frau aus dem Volk; sie hatte trotz volkshafter Frische die Färbung jener Leute, von denen man sagt, daß sie bessere Zeiten gesehen haben. Aber diese Eindrücke huschten nur flüchtig vorüber, und nachdem sie noch einen Blick auf Tino geworfen hatte, der kein Zeichen der Teilnahme oder des Verstehens gab, verabschiedete sie sich.

Eine halbe Stunde später läutete sie an Melanders Wohnung in der Reißnerstraße. Es war auf einmal unendlich viel Mut in ihr entstanden, unter dessen Antrieb sie alle konventionellen Rücksichten außer acht ließ. Ein Diener kam; es war überhaupt ein herrschaftlicher Trakt, den sich Melander im Gefühl seiner jungen sozialen Stellung eingerichtet hatte. Josephe fragte, ob Herr Doktor Melander zu Hause sei; der Diener verneinte; ehe sie eine weitere Frage an ihn richten konnte, erschien Pillersdorf in der offenen Tür und machte ein sehr erstauntes Gesicht, als er sie erblickte. Sie aber verlor keineswegs die Fassung. »Gut, daß ich Sie hier treffe, Herr von Pillersdorf«, sagte sie; »haben Sie ein paar Minuten Zeit für mich? Ich möchte mit Ihnen sprechen.«

Er verneigte sich, schien jedoch in Verlegenheit, da er offenbar nicht wußte, ob er mit ihr gehen oder sie ins Zimmer führen sollte. Dieses verbot sich wegen des Unschicklichen, jenes wegen des Unwetters draußen. Josephe kratzte ungeduldig mit dem Schirm auf den Steinfliesen. Sie traf selbst die Entscheidung, indem sie ins Vorzimmer trat. »Da Doktor Melander nicht anwesend ist, können wir doch auf kurze Zeit in sein Zimmer gehen«, sagte sie und trocknete mit ihrem Taschentuch die vom Regen durchnäßten Handschuhe. Pillersdorf folgte ihr in wachsender Verlegenheit. Drinnen wandte sie sich ihm mit vollem Blick zu und fragte ohne Einleitung: »Ist Ihnen bekannt, wo Doktor Melander und Lothar vergangene Nacht gewesen sind?«

Er prallte wie bei einem Stockhieb zurück und verfärbte sich. »Sie? Sie fragen das, gnädiges Fräulein?« stotterte er.

»Gewiß, Sie hören doch, daß ich frage«, entgegnete sie stirnrunzelnd. »Ihr Benehmen zeigt mir, daß ich an die richtige Adresse geraten bin. Sie wissen es also. Haben Sie es von Lothar erfahren oder von Doktor Melander?«

»Von Lothar«, sagte Pillersdorf zögernd; »er kam in unbeschreiblichem Zustand heim; Fräulein Ulrike und ich haben ihn ins Gebet genommen. Es bedurfte nicht vielen Zuredens. Er war so niedergebrochen, daß er bei der ersten Frage alles gestanden hat. Melander ist bis zur Stunde nicht aufzufinden gewesen. Er war weder beim Präsidenten, noch auf der Universität, noch zu Hause. Ich hatte mich entschlossen, hier auf ihn zu warten. Es ist unerklärlich, wo er steckt. Es scheint, daß … aber verzeihen Sie meine Neugier, gnädiges Fräulein, meine besorgte Neugier, muß ich sagen, was haben Sie mit diesem … diesem unglücklichen Zwischenfall zu schaffen?«

Josephe schüttelte den Kopf, als gehöre die Erkundigung nicht zur Sache. »Also Lothar hat gestanden«, sagte sie; »und hat er auch gestanden, was mit Tino Waldbauer geschehen ist? Und warum er in einem Zustand zwischen Leben und Tod, näher dem Tod als dem Leben, erst vor zwei Stunden seiner Mutter vor die Tür hingeworfen worden ist, wörtlich, Herr von Pillersdorf, vor die Tür hingeworfen wie ein Sack Kartoffeln? Hat er das gestanden?«

Pillersdorf nickte. Sein Gesicht wurde immer ernster.

»Und wollen Sie es mir sagen?« fragte Josephe.

»Nein«, war die rasche und entschiedene Antwort.

»Weshalb nicht?«

»Weil es sich dabei um Dinge handelt, die für Ihre Ohren gänzlich ungeeignet sind, mein gnädiges Fräulein.«

»Wenn ich aber darauf bestehe?«

»Und wenn Sie noch so hartnäckig darauf bestehen, es ist unmöglich.«

»So werde ich Mittel und Wege finden, es trotzdem zu erfahren, seien Sie sicher.«

»Das bezweifle ich, mein gnädiges Fräulein«, sagte Pillersdorf mit verletzender Kälte.

»Wollen Sie, Herr von Pillersdorf«, rief Josephe erglühend, »für die Dauer der Viertelstunde, während welcher wir uns gegenüberstehen, das gnädige Fräulein beiseite lassen. Ich bin es nicht gewohnt. Ich bin dabei nicht erzogen. Ich bin nicht gnädig geboren. Mags bloß eine Gesellschaftsfloskel sein, sie kommt mir nicht zu. Und weil sie mir nicht zukommt, sehen Sie, deshalb, und nur deshalb bin ich hier und bitte Sie nochmals, wende mich an Ihre Ehre als Mann und an Ihr Gewissen als Mensch und bitte Sie, mir nichts zu verhehlen. Und wenn es das Allerabscheulichste ist, ich kann es, ich muß es hören, denn viel abscheulicher wäre es, die Mutter, die dort bang bei ihrem Kind wacht, in Unwissenheit zu lassen, als käme sie gar nicht in Betracht dabei. Sie können mir natürlich einwenden, daß sie es nicht von mir zu erfahren braucht; aber das nehm ich nicht an. Wenn es Handlungen gibt, Herr von Pillersdorf, die so schlecht sind, daß sie mir um jeden Preis verschwiegen werden müssen, um so schlimmer dann für die Menschen, die sie begehen. Und wenn sie so nah bei mir verübt werden, daß ich sie wohl greifen, aber nicht benennen kann, dann hab ich auch ein Recht, sie zu wissen, oder es ist nur Feigheit und Heuchelei und Mitschuld, so zu tun, als dürft ich mich nicht drum kümmern. Nein, ich kümmere mich sehr darum.«

Pillersdorf machte große Augen. Solche Beredsamkeit und um solchen Gegenstand bei einem jungen Mädchen von siebzehn Jahren war ihm durchaus unerwartet, und er hatte nicht im entferntesten geahnt, daß diese stille Josephe, Aschenbrödel im Hause Mylius, Zielscheibe des Spottes für die funkelnde Ulrike, sich eines Tages ganz anders vor ihm enthüllen könnte. Er hatte wenig Geist, und seine Bildung war mehr als mittelmäßig, aber er war redlich und gutmütig, und innere Bescheidenheit ermöglichte es ihm, einen überlegenen Charakter zu erkennen und sich ihm zu beugen. Er schwieg eine Weile, dann sagte er gezwungen lächelnd und mit beengter Handbewegung: »Wollen wir uns nicht setzen?«

Josephe nahm Platz. Er rieb mit den großen Händen seine Knie, schluckte ein paarmal und fing an: »Abgesehen von meiner peinlichen Lage Ihnen gegenüber hat die Geschichte auch noch die besondere Schwierigkeit für mich, daß Eduard Melander geschont werden muß. Erstens hab ich es jemand ehrenwörtlich versprochen, habe versprochen zu tun, was in meiner Macht ist, um ihn heil aus dieser häßlichen Affäre zu ziehen …«

»Ich kann mir denken, wem Sie es versprochen haben«, fiel Josephe mit gesenkten Blicken ein.

»Zweitens verpflichtet mich das freundschaftliche Gefühl dazu. Für ihn, der im Anfang einer glänzenden Laufbahn steht, hängt zuviel davon ab, daß ihn die Freunde vor den Folgen einer leichtsinnigen Handlung bewahren. Seine Stellung, sein Ruf, seine Ehre, das wiegt doch etwas. Können Sie mir die Zusage geben, daß Sie meine Mitteilung in keiner Weise benutzen werden, um ihm zu schaden? Nur dann könnte ich sprechen, so schwer es mir auch fällt.«

Josephe dachte nach. »Ich glaube, ja«, sagte sie mit Überwindung. »Wenn es nicht anders sein kann, muß ich es eben tun. Es handelt sich nicht um Strafe, für mich nicht und wahrscheinlich für Lena Waldbauer auch nicht. Es handelt sich um Verantwortung. Die kann zwischen den beiden vor sich gehen. Es handelt sich auch darum, daß man Menschen, die einem teuer sind, davor schützt, daß sie mit einem solchen dieselbe Luft atmen. Den eigenen Bruder darf ich ja auch nicht ausliefern, und Tinos Mutter wird einsehen, daß meine Zwangslage berücksichtigt werden muß. Fürchten Sie also nichts.«

»Ich bin wahrhaftig der Brauchbarste nicht für diese Sache«, seufzte Pillersdorf. »Indem Sie da vor mir sitzen und ich Ihnen zuhöre, Fräulein Josephe, kommt mir erst zu Bewußtsein, was für eine Welt das ist. Der reine Zufall, daß ich nicht in das Netz mitverstrickt bin. Ich habe da auch manches auf dem Kerbholz. Einer wie ich, der geht so gedankenlos seiner Wege, tappst dahin und dorthin und merkt nicht, was er treibt und wo er endet. Alle wollen das Grummet vor dem Heu einholen und das Korn auf dem Halm vermahlen, und er tut mit, obgleich er wissen könnte, denn das hat er gelernt, daß es ein Ding der Unmöglichkeit ist. Raubbau; Raubbau mit der Kraft, mit der Zeit, mit der Gottesgabe. Und das übrige, was dann folgt: Mißkennung des Liebsten, Wüten gegen das eigene Herz. Sie müssen mir die Litanei nicht übelnehmen, es ist mir plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen, und ich bin Ihnen dankbar.«

Er machte eine Pause, räusperte sich bedrängt, hierauf erzählte er mit Behutsamkeit und zartfühlenden Umschreibungen, was sich mit Melander, Lothar und Tino zugetragen hatte.

Sie waren zunächst in ein Nachtlokal gegangen, eine Art Varieté, wo gesungen und getanzt wurde, und hatten eine Menge Sekt getrunken. Tino hatte sich anfänglich gesträubt, war aber dann der Freundlichkeit und den Überredungskünsten Melanders erlegen. Auch hatte ihm Melander einen Ring geschenkt, und dies wirkte auf den phantasievollen Knaben, als wäre er in den Besitz eines märchenhaften Schatzes geraten. Während der ganzen Zeit in dem Lokal hielt er den Ring fest in der Hand und betrachtete ihn mit glückstrahlenden Augen. Melander sagte ihm nun, er habe da und da schöne junge Freundinnen, wenn er mitgehe und denen vorspiele, bekäme er noch was viel Herrlicheres. Der Knabe war schon halb von Sinnen, sowohl durch den ungewohnten Champagnergenuß sowie auch durch den wüsten Lärm und nicht am wenigsten durch den Smaragdring. Sie gingen in das Haus, wo die schönen jungen Freundinnen waren.

Was sich dort ereignete, konnte Pillersdorf kaum andeuten. Es schien, daß sich alsbald eine regelrechte Orgie entwickelt hatte. Es schien, daß die Gegenwart des schüchternen, fremdartigen, unberührten und leidenschaftlich verträumten Knaben Melander ganz toll gemacht hatte. So konnte man nur in Geistesverdunkelung handeln oder von geheimnisvollen Rachegelüsten bewegt, oder wenn man aus sonst einem Grund entschlossen ist, ein Wesen zu verderben, über dessen zarten Organismus es keinen Irrtum gibt. Es waren noch andere Leute dazugekommen, Nachtgänger der Großstadt, widrig-elegantes Gesindel; man hatte Tino als Wunderkind eingeführt; eine Violine war herbeigebracht worden; man hatte ihn nackt ausgezogen, ihn mit einem blutroten Fetzen bekleidet, auf den Tisch gestellt und ihn unter Drohungen zu spielen gezwungen. Man hatte auch noch was anderes mit ihm getan.

Pillersdorf standen die Schweißperlen auf der Stirn. Sein Bericht wurde zusammenhangslos. Gegen fünf Uhr morgens hatte man den Knaben auf einen Strohsack geworfen, der sich in einem Holzverschlag befand. Er war nämlich ohnmächtig geworden oder, noch schlimmer, in einer Verfassung, die einem Starrkrampf ähnlich war. Man achtete nicht darauf, und da niemand mehr Lust hatte, sich mit ihm zu beschäftigen, entledigte man sich seiner Person, indem man ihn sich selbst überließ. Ein paar Stunden später jedoch wurden Lothar und Melander, die ihre Ruhe mit den jungen Freundinnen teilten, an Tinos Lager gerufen. Er bot einen schrecklichen Anblick. Er hatte bereits eine halbe Stunde lang erbrochen, nun wand er sich in Zuckungen, phantasierte, schrie nach seiner Mutter, schlug wild um sich und weißer Schaum drang aus seinem Mund. Einen Arzt getraute man sich nicht zu rufen, da sonst alles ausgekommen wäre. Melander, selbst bleich bis in die Lippen, versuchte jedes Mittel, ihn zu beruhigen. Er legte heiße Tücher auf sein Herz, er ließ Tee kochen, er hielt seine Hände fest und beschwor ihn mit den dringlichsten Worten, aber erst um zwei Uhr nachmittags war die Wut des Anfalls vorüber, und Tino versank in einen schweren Schlaf. Wie sich zu alldem die Hausbewohnerinnen verhielten, blieb unerwähnt. Lothar war durch den Vorgang nicht sowohl erschüttert als zur Besinnung gebracht; aber noch ganz anders traf ihn Melanders unerwartete Erklärung, daß sie miteinander nichts mehr zu tun haben dürften, daß es aus sein müsse zwischen ihnen. Er hatte dann einen Wagen holen lassen und Tino auf seinen Armen hinuntergetragen.

Oft stockte Pillersdorf. Dem klaren strengen Antlitz des jungen Mädchens gegenüber dünkte ihn schon das Verschleierte zuchtlos-roh; bei manchem wurde ihm selbst erst, und während er es berührte, das Menschenunwürdige offenbar. Josephe faßte es nur als ein Allgemeines, trüben und entlegenen Kontinent des Lebens, der nun im Bereich ihrer Einbildungskraft als unabwälzbare Last verblieb. Das einzelne nahm sie nicht auf, doch spürte sie überall schlammig-klebrigen Stoff an sich. Tiefe Traurigkeit malte sich in ihren Zügen. Als Pillersdorf geendet hatte, erhob sie sich und reichte ihm die Hand. Er wagte das Wort nicht mehr an sie zu richten, und sie ging.

Langsam legte sie den kurzen Weg nach Hause zurück. Anastasia wollte ihr im Vorraum gefällig Hut und Mantel abnehmen; sie bemerkte es nicht und fragte, wo Ulrike sei. Da kam diese aus dem Küchentrakt und blieb stehen.

»Ich habe mit dir zu sprechen, Ulrike«, sagte Josephe.

Ulrike führte sie in ihr Zimmer. »Warum ziehst du den Mantel nicht aus?« erkundigte sie sich gereizt; »du machst mir den Teppich naß. Du triefst ja.«

»Ich muß etwas von dir verlangen«, sagte Josephe und stand steif und still.

»Und das wäre?«

»Ich verlange, daß Doktor Melander unser Haus nicht mehr betritt.«

Ulrike war einen Moment sprachlos. »Du bist wohl nicht recht bei Trost!« rief sie dann, vor Zorn erbleichend.

»Es kann nicht gut mißverstanden werden, Ulrike. Ich verlange, daß dieser Mann nicht mehr über unsere Schwelle kommt.« Ihr Ton hatte etwas so Bestimmtes und Kaltes, daß Ulrike sie betroffen anstarrte.

»Hat man dir vielleicht die Polizeigewalt im Hause übertragen?« höhnte sie. »Was ist in dich gefahren, daß du dich einmischst? Einmischst in solche Dinge? Überhebe dich gefälligst nicht. Bedenke, was dir zusteht und was nicht. Willst du vielleicht Eduard Melander richten, Pharisäerin? Wer gibt dir die Befugnis? Was weißt du von ihm?«

»Genug«, erwiderte Josephe hart. »Du weigerst dich also, zu tun, was ich fordere?«

»Die Frage kannst du dir sparen. Selbstverständlich weigere ich mich.«

»Trotzdem dir bekannt ist, was mich dazu veranlaßt?«

»Ich spreche dir die Fähigkeit ab, darüber zu urteilen«, sagte Ulrike und verschloß böse den Mund.

»Gut«, antwortete Josephe, »dann können wir beide nicht länger unter einem Dach bleiben.«

Sie drehte sich um und verließ das Zimmer. Festen Schrittes eilte sie über die Korridore, durch den Musiksalon und die Bibliothek und klopfte an die Tür der Mutter. Ein müdes Herein ertönte.

Christine kauerte in einem gelben Seidenumhang auf der Ottomane und las » Le cœur humain dévoilé«. Ohne die Augen vom Buch zu erheben, streckte sie Josephe die Hand hin.

Josephe setzte sich neben sie und sagte herzlich: »Mutter, willst du mir ein wenig Gehör schenken?«

»Ein wenig!« rief Christine vorwurfsvoll und kehrte der Tochter das großgewordene erschlaffte Gesicht zu; »wann wäre ich je für meine Josephe taub gewesen?«

Josephe unterdrückte einen Seufzer. »Eigentlich habe ich dir nur ein einziges Wort zu sagen, Mutter«, begann sie; »du mußt wählen zwischen mir und Ulrike.«

Christine fuhr mit einem Ruck empor.

»Nur eine von uns zweien kann von nun an um dich sein, Ulrike oder ich«, fuhr Josephe ruhig fort. »Du mußt mich aber nicht nach dem Grund fragen, denn ich werde ihn dir nicht sagen. Du mußt mir einfach so viel Glauben schenken, daß du annimmst, es ist der allerzwingendste Grund. Ich bin mir vollkommen klar darüber, daß das Entweder-Oder sehr schmerzlich für dich ist, denn ich weiß genau, was du an Ulrike hast oder zu haben dir einbildest. Und wenn deine Entscheidung zu ihren Gunsten ausfällt, werd ich auf keinen Fall murren, auf keinen Fall Einspruch erheben und dich andern Sinnes zu machen suchen, und um nichts weniger will ich dich lieben; aber wählen mußt du.«

»Um Gottes willen, Kind, was heißt das alles?« rief Christine und sprang auf. »Warum diese Feierlichkeit? warum sitzest du da in Hut und Mantel? woher kommst du? wohin willst du? Ich soll zwischen dir und Ulrike wählen, jetzt auf einmal, eine halbe Stunde vor dem Souper, wo ich doch gar nicht weiß, was ihr miteinander auszumachen habt? Josephe, ich bitte dich, nimm Vernunft an. Wie soll ich denn auf Ulrike verzichten? wie kann ich denn? oder gar auf dich? kann man denn da wählen?«

»Wenn es die Notwendigkeit gebietet, muß man wählen«, sagte Josephe.

»So erkläre mir diese Notwendigkeit.«

»Ich habe dir schon gesagt, daß ich das nicht kann.«

»Dann ist deine Forderung der bare Unverstand und läßt mich geradezu an dir zweifeln.«

Josephe biß sich die Lippe blutig. Sie hatte noch nicht erfahren, daß ein Mensch, wenn er sich zu handeln entschlossen hat, wie es ihm sein Gewissen vorschreibt, auf Worte stößt, und daß es stets das einzige Bestreben dieser Worte ist, sein Handeln nichtig und seinen Entschluß wesenlos zu machen. Sie aber blieb fest. Antworten wollte sie nicht mehr. Es war für sie erledigt und der Würfel war gefallen. Als die Tür aufging und Ulrike eintrat, verweilte sie bloß noch aus trauriger Neugier. Daß Ulrike sie bei der Mutter vermutet hatte und einen Vorwand finden würde, sich einzudrängen, hatte sie gewußt. Aber Ulrike verschmähte den Vorwand. Sie griff unmittelbar zu, und die Art, wie sie es tat, zeigte wieder ihre vollendete Meisterschaft auf dem Register der menschlichen Schwächen und Täuschungsmöglichkeiten.

»Die Törin«, sagte sie im Ton einer rauhen Gutherzigen, die gekränkt ist, aber gern verzeihen will, »sie hat einen Pik auf mich, weil ich Leute ins Haus ziehe, die ihren moralischen Grundsätzen nicht genügen. Aber es hieße doch alle Geselligkeit mit Stumpf und Stiel ausrotten, wenn man jeden Menschen erst verpflichten wollte, sein Leumundszeugnis beim Portier vorzuweisen. Bomben werfen sie bei uns nicht, und Wintermäntel stehlen sie auch nicht, und was die Leute unter sich treiben, um sich zu amüsieren, da brauchen wir unsere Nasen nicht hineinzustecken. Sie kennen doch jetzt Doktor Melander einigermaßen, Frau Christine? Was ist Ihre Meinung von ihm?«

»Ich finde, er ist ein Gentleman durch und durch und mir zudem sehr sympathisch«, antwortete Christine überzeugt.

»Nun also«, trumpfte Ulrike auf und spielte jetzt die Entrüstete, die sich beherrscht, »Josephe aber findet, daß man ihm das Haus zu verbieten hat. Verleumderische oder übelwollende, jedenfalls aber völlig unbewiesene Gerüchte laufen über einen Mann um; der Mann hält es unter seiner Würde, sich dagegen zu wehren; Fräulein Josephe aber, von der Höhe ihres sittlichen Bewußtseins, befiehlt: der Mann muß boykottiert werden, der Mann muß gebrandmarkt und gemieden werden. Sprich nicht, Josephe«, wandte sie sich zu dieser, obgleich sie nicht im geringsten Miene gemacht halte zu sprechen, sondern nur mit einem blassen, etwas verzerrten, dabei ungemein erstaunten, über so viel Verwegenheit und Lüge erstaunten Lächeln dastand, »sprich nicht, du machst deine Sache nicht besser damit. Deine Mutter ist so grenzenlos gütig gegen mich, gegen dich, gegen Freund und Feind, daß sie solche Ausgeburten eines exaltierten Hochmuts gar nicht fassen kann. Du siehst es ja. Es quält sie. Und Hochmut muß ichs nennen. Alles, was du tust und denkst, ist voller Hochmut. Mich betrübt so was, das kann ich ehrlich sagen; mir ist jeder Mensch, wenn er nicht gerade ein Mörder ist, achtungs- und liebenswert. Lerne erst das Leben kennen, meine liebe Josephe, dann sitze zu Gericht.«

Christine schritt auf die regungslose Josephe zu und sagte: »Ulrike meint es wirklich gut, Kind. Ich will deine Unbesonnenheit vergessen. Geh jetzt. Später oder morgen können wir ja noch darüber reden. Lieber morgen, wenn der Zorn verflogen ist, nicht wahr?«

»Ja, Mutter«, hauchte Josephe und neigte ihren Kopf, um den gewohnten Kuß auf die Stirn zu empfangen.

Auf der Treppe zum Zwischenstock begegnete sie ihrem Vater. Jedesmal, wenn sie ihn sah, schien er um Jahre gealtert. Den kalten Virginiastummel im Mund, einen schottischen Schal um den Hals, in einer alten Joppe, an der die Mehrzahl der Knöpfe fehlte, und in Hausschuhen, von denen die Fetzen hingen, so schlich er zu gewissen Tageszeiten scheu und still durch das Haus. Er wollte sehen, wie sie es trieben und wie lang sie es noch treiben würden; sein Geist beschäftigte sich mit nichts anderm als mit dem kommenden Zusammenbruch; er erwartete ihn; er rechnete mit ihm; daß sie sich gegenseitig zerfleischen würden, daß dieser sündige Palast mit seiner auf List, Betrug und Diebstahl gegründeten Pracht zu einer Stätte der Verwüstung werden würde wie der des Belsazar, hoffte er zuversichtlich. Dann wollte er sich für gerächt halten.

In ihrem Zimmer packte Josephe ein wenig Leibwäsche, ein Kleid, einige Bücher und die Gegenstände für den täglichen Bedarf in eine Ledertasche, schrieb ein paar Zeilen, steckte sie in einen Umschlag, legte den Brief auf den Tisch, wartete, bis das Zeichen zum Abendessen gegeben war, und ging dann rasch die Dienerschaftstreppe hinunter und auf die Straße.

Zum drittenmal an diesem Tag schlug sie den Weg zu Lena Waldbauer ein.


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