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» How do you do my little darling?«

Von der Stelle, wo sie sich zueinander gesellt, bis zum zweiten Treppenabsatz im Hause hatte Ulrike ungefähr die hauptsächlichen Ereignisse in Fannys Leben erfahren: die Jahre in Genf, an die sie sich kaum recht erinnerte, nur an ein blaues Wasser und an weiße Gletscher; die Jahre in Yverdon bei einer Lehrersfamilie; die Reise mit den Eltern nach Wien und das armselige Wohnen in einem einzigen Zimmer in der Vorstadt; der Aufenthalt in Dornbach; dann der märchenhafte Wechsel des Geschicks: das Leben im Hause der Baronin. Ulrike brauchte nur ihre dumpfen Augen auf sie zu heften, und was sie irgend zu wissen begehrte von der Herkunft des Kindes, zumindest was es selbst davon wußte, sprudelte beredt und heiter, in köstlicher Wahrheit und Frische aus dem schönen Mund. Und Ulrike hörte und überlegte und kombinierte und unterlag der Verführung des Stimmchens.

An den Wohnräumen im ersten Stock ging sie vorüber und geleitete Fanny gleich in das Museum im zweiten. Aber die Merkwürdigkeiten dortselbst machten auf Fanny nur geringen Eindruck; dergleichen zu sehen war sie gewohnt; im Melanderschen Stadthaus wie auch in Eckern war kein Mangel an kostbaren Gegenständen. Ulrike war enttäuscht. Sie hatte sich von dem Anblick ihrer Schätze eine größere Wirkung erhofft; sie konnte sich durchaus nicht erklären, wie das zuging. Da sie sich kaum jemals in ihrem Leben mit Kindern befaßt hatte, war ihr auch der Interessenkreis eines solchen Wesens unsäglich fremd; sie mußte sich von Schritt zu Schritt immer erst vergegenwärtigen, wen sie zur Seite hatte, und was sie sprach, klang unsicher und plump.

Sie öffnete ein Fenster, das einen weiten Blick über die Landschaft gewährte. Auch dies Bild veranlaßte Fanny, die überhaupt etwas bedrückt zu werden anfing, nur zu Äußerungen einer beiläufigen Bewunderung. Sie wollte sich ihrer Wirtin für die Mühe, die sie sich gab, erkenntlich zeigen und spielte ein wenig die Erwachsene. Aber die Zimmer gefielen ihr nicht; nichts gefiel ihr an ihnen; alles sah sie kalt und grämlich an. Ulrikes letzte Hoffnung war die Puppe in dem runden Kabinett; die hatte sie ja zu Anfang im Auge gehabt und sich verspart. Sie schmatzte genäschig mit den Lippen, als sie Fanny zur Schwelle führte; noch immer hielt sie, wie aus Gedankenlosigkeit, das Mädchen bei der Hand, und was nun geschah, übertraf ihre Erwartungen.

Fanny stieß ein Jauchzen der Überraschung aus, riß sich von Ulrikes Hand los und stürzte zu der Puppe. Sie erhob die Hände, schlug sie ineinander, sie lachte, stellte sich auf die Zehen, warf ihre Botanisiertrommel ab, streichelte den Arm der Puppe, berührte das Kleid, verschlang das ganze Gebild mit den Augen, fragte das wirrste Zeug, stand wieder atemlos, drückte die Hand gegen ihr Herz, kurz, sie war vollkommen außer sich.

Ulrike erschrak. Dies war das erste, daß sie erschrak. Solcher Ausdruck des Jubels hatte in seiner elementaren Gewalt etwas Geheimnisvolles für sie. Einen Augenblick war ihr zumut, als löse sich von all den Gegenständen in den Räumen eine tote Haut, die seit Jahrzehnten über ihnen lag, und sie wären dadurch einer Art von Krankheit ausgeliefert. Und das Kind in seiner Entzückung zu sehen, war wie ein Traum, eine sonderbare weltlose Vision, beunruhigend wie nie eine Erscheinung zuvor.

Damit war aber das Unerwartete nicht zu Ende.

Fanny umschlang die Puppe, als sei sie eine verloren gewesene und wiedergefundene Schwester, und da das Postament ihr nicht erlaubte, sie höher als am Gürtel zu umfassen, wollte ihr Ulrike das Vergnügen bereiten, sie bequemer bei sich zu haben, nahm sie und hob das ziemlich schwere Ding von der Erhöhung herunter, was nicht ohne Anstrengung zu vollbringen war. Fanny, mit benommenem Lächeln, ging zuerst rings um die Puppe herum, betastete sie wieder und wieder, bald an den Haaren, bald an den Schultern, ergriff vorsichtig den einen Arm und hob ihn auf, dann den andern, zupfte mit dem Finger an einer Kleidfalte, gewahrte unter der Achsel einen Schlitz und in diesem Schlitz, am Leib der Puppe selbst, eine nicht mehr als daumengroße Kurbel. Sie blickte Ulrike fragend an und begann die Kurbel zu drehen. Ulrike wunderte sich; sie hatte von dem Vorhandensein der Kurbel nichts gewußt.

Auf einmal bewegte sich die Puppe. Sie tat einen Schritt und noch einen Schritt. Wie von Feuer versengt zog Fanny die Hand weg, taumelte und erbleichte. Die Puppe ging. Und nachdem sie drei Schritte mit dem rechten Bein und drei Schritte mit dem linken gemacht hatte, blieb sie stehen und verbeugte sich. Und als sie sich aus der Verbeugung aufgerichtet hatte, kam aus ihrem Innern eine dünne blecherne, eigentümlich zirpende, eigentümlich ferne Stimme, die sagte diese Worte: » How do you do my little darling? don't you think we shall take a walk together?«

Dann schnarrte es, der Mechanismus stand still, und die Puppe ragte starr im Raum.

Und ebenso starr Ulrike. Sie hatte von der künstlichen Fähigkeit der Puppe nichts geahnt. Vierzig Jahre fast besaß sie sie, und obwohl sie ungefähr ihren Seltenheitswert und ihre Klassifikation kannte, auch gehört hatte, daß man in einer gewissen Epoche in England gehende und sprechende Puppen verfertigt hatte, war sie nie auf den Gedanken gekommen, diese daraufhin zu untersuchen. Der alte Mylius hatte damals nichts dergleichen erwähnt; vielleicht hatte er es selbst nicht gewußt. Da öffnete die Zeit ihren dunklen Schlund, viele, viele Jahre, labyrinthisch grauend, und es war nichts in der Vorstellung, was Ulrike spaßhaft oder angenehm war, daß dieses Kind kommen mußte, um mit seiner Frühlingsfreude und seinem Frühlingsstimmchen den Golem da zu Schritt und Rede aufzuwecken. Wunderlich frierend spürte Ulrike, daß die toten Dinge aus der Zeit allein, die sie hinter sich lassen, eine Form des Lebens schöpfen, durch die sie die Sinne der Menschen quälen und betrügen, und in finsterer Versunkenheit lauschte sie gegen ihr Herz, als ob dieses auch bloß eine Uhr sei, die ihren Ablauf der Drehung einer Kurbel zu verdanken hatte. Flüchtigste Bilder und Verstörungen; rasch richtete sich ihr ganzes Augenmerk auf Fanny, die in ihrer namenlosen Bestürzung auf die Knie gefallen war; hierauf färbten sich ihre Wangen wieder jäh mit freudigem Rot, die Augen funkelten, im Übermaß der Seligkeit warf sie sich Ulrike an die Brust; Erschütterung, Erstaunen und Dankbarkeit verwirrten sie gänzlich, und sie bedeckte das Gesicht der Alten mit Küssen.

»Na, na, na«, wehrte Ulrike knurrig und verlegen ab, aber der Hautgeruch und Haargeruch des Kindes wirkten berauschend auf sie. Vorsichtig rührte sie die Arme, als sei zu fürchten, daß sie durch eine heftige Bewegung den zarten Körper beschädige.

»Was hat sie gesagt?« fragte Fanny stammelnd, »was war das für eine Sprache? Bitte, bitte, was hat sie gesagt?«

»Es ist englisch«, erläuterte Ulrike; »zu deutsch heißt es: wie gehts dir, mein kleiner Liebling? meinst du nicht, daß wir zusammen spazieren gehen sollten? Das heißt es.«

»Und kann sie auch andere Worte? kann sie reden wie ich und du?«

»Das wohl nicht, das wohl nicht«, entgegnete Ulrike schmunzelnd und machte sich von Fannys Umschlingung frei, die nun selbst des Ungehörigen ihres Tuns inne wurde und beschämt die Augen senkte; »aber es ist jetzt Zeit geworden, daß du dich auf die Strümpfe machst, du Teufelsbraten«, fuhr sie scheltend fort, »sonst wird dir drüben in Eckern die Suppe kalt und deine Baronin weiß nicht, wo du steckst.«

Fanny sah es ein, doch konnte sie sich nur schwer trennen. Sehnsüchtig blickten ihre Augen auf die Puppe.

»Es ist ja noch nicht aller Tage Abend«, sagte Ulrike und klopfte ihr auf die Schulter; »ich habe nichts dagegen, wenn du wiederkommen willst. Komm nur; kannst jeden Tag kommen, morgen meinethalben, aber dann möcht ich dir empfehlen, daß du nicht schwatzest. Behalts bei dir; machs heimlich. Erfahren sies dort, so werden sie dich nicht mehr zu mir lassen, soviel kann ich dir verraten, Mädelchen. Das hat so seine Gründe, verstehst du, das sind alte Geschichten. Bei mir ist schon längst Gras darüber gewachsen, aber bei denen, glaub ich, wächst kein Gras, es freut sie nicht, wenn Gras wächst. Also sei klug, wenn du die Tante Ulrike Woytich in ihrem verwunschenen Schloß besuchen willst. Nicht einmal meinen Namen darfst du vor ihnen aussprechen, da hättest du alles verscherzt, und adieu Puppe dann, adieu schönes Kleid, adieu Spitzenhäubchen, adieu Verbeugung und how do you do. Hast du mich verstanden?«

»O ja, das hab ich verstanden«, antwortete Fanny nachdenklich, und obwohl ihr die Ermahnung wie die Art, in der sie vorgebracht wurde, Sorge einflößte und sie fast erschreckte, beschloß sie doch, ihr Folge zu leisten, denn die Puppe wollte sie um jeden Preis wiedersehen, um jeden Preis die beglückende Zauberei noch einmal erleben, die in ihrem Schreiten und Sprechen lag. Sie war so benommen und aufgeregt beim Abschied, daß sie ihre Botanisierbüchse vergaß; Ulrike mußte zurückhumpeln und sie ihr holen.

Am Wohnzimmerfenster stehend, schaute Ulrike in die Richtung, in die Fanny ging. Sie verweilte so lange, bis die mit schier unbegreiflicher Geschwindigkeit dahineilende Gestalt hinter einer Wegbiegung verschwunden war. Am Himmel schwammen feuerglühende Wolken und der Wind, der über die Wiesen strich, bog die Halme, daß das Grün sich in Silbergrau verwandelte.

Ulrike zündete ihre Pfeife an, schritt im Zimmer auf und ab, paffte und grübelte. Plötzlich begab sie sich zu dem alten Sekretär, suchte in einem seitlichen Schubfach nach einem Schlüssel und sperrte, als sie ihn gefunden, ein Mittelfach auf, welches mit Photographien angefüllt war. Es war eine Anzahl verschnürter Pakete; eine gewisse Ordnung waltete da, Einteilung nach Jahrzehnten und Lebensabschnitten. Sie nahm Stoß um Stoß heraus, einen von den letzten band sie auf. Darin befanden sich die Bilder von Lex, Pillersdorf, Althann, Philippsborn, Hartwich, Ittstein, und endlich kam auch das von Eduard Melander ans Licht, verblaßt und zeitverhangen wie die andern. Mit heftigem Griff riß sie es an sich, trat damit ans Fenster und betrachtete es.

Es war dasselbe Gesicht. Dieselbe Linie, derselbe Bau; dieselbe Stirn, derselbe Mund. Das war einer, dachte sie anerkennend, als sei sie die Urheberin von Melanders glänzender Laufbahn allein gewesen, ein verdammt schlauer Bursche war das und hats weit gebracht im Leben, hat alles niedergemäht, was ihm im Wege war, und alles an sich gerafft, wonach ihn gelüstete, und wurde geehrt und gepriesen dafür. Aber es wurde ihr unheimlich beim Anschauen des Bildes; sie liebte ihre Toten nicht so nah und wahr, es wurde ihr kalt im Rücken wie bei einem Betrug, und sie warf die Photographien wieder in die Lade. Dann ging sie auf und ab und grübelte über die Ähnlichkeit nach und den verwirrenden Umstand mit dem veränderten Namen des Kindes, das doch sicher Josephes Enkelin war und keine Kenntnis davon hatte. Josephe hatte keine Töchter gehabt, nur einen Sohn. Vielleicht war sie ein lediges Kind und sollte es nicht erfahren? Seit ihrem Auszug aus dem Hause Mylius hatte sich Ulrike mit Josephes Schicksalen nicht mehr beschäftigt; auch Eduard Melander war sie nicht mehr begegnet; ihre Pfade waren weit von seinen entfernt, und wie alle Emporkömmlinge hatte er rasch und gründlich mit den Zeugen und Genossen der Vergangenheit gebrochen. Dies und jenes war ihr zu Ohren gelangt, Gerüchte von unglücklicher Ehe und Zwist mit dem Sohn; sie hatte es vergessen.

Als Anastasia vom Garten heraufkam, war es dunkel geworden. Sie hatte Wicken- und Mohnblüten abgeschnitten, trug Vasen herbei, füllte sie mit Wasser und stellte die Blumen hinein. Hierauf machte sie Licht. Anastasia war eine lebendige Chronik der Begebenheiten in jenen Kreisen, an deren Peripherie, das heißt in deren Vorzimmern sie einstmals durch Ulrikes Protektion hatte weilen dürfen. Nach ihrer Heirat war es damit aus gewesen, aber aus verbliebener Anhänglichkeit und mit dem stechenden Interesse der Verwiesenen hatte sie an den Ritzen gehorcht und durch die Schlüssellöcher gespäht, und wenigstens was ihre Heimatstadt betraf, kannte sie alle kompromittierenden und skandalösen Vorfälle in der Gesellschaft und freute sich daran wie Ulrike an ihren Antiquitäten. Ulrike wußte es; sie brauchte nur die Frage hinzuwerfen, ob der Name Heinroth ihr nicht eine Erinnerung wachrufe, die mit dem Hause Melander in Zusammhang stand, so konnte sie auch schon Auskunft erteilen, breit und behaglich.

Heinroth, freilich, Anna Heinroth: das sei jene kleine Schauspielerin gewesen, die das Kunststück fertig gebracht habe, sich von dem jungen Stephan Melander heiraten zu lassen; infolgedessen habe er nicht bloß den Dienst quittieren müssen, sondern es sei auch zwischen ihm und seiner Mutter zu gänzlichem Bruch gekommen; ein schlechter Kerl sei er außerdem gewesen; es habe sich eine dunkle Geschichte abgespielt, über die man seinerzeit viel gemunkelt habe, zehn Jahre sei es etwa her, und kurz darauf sei er von der Bildfläche verschwunden. Was aus ihm geworden sei, könne sie nicht sagen.

Ulrike saß mit einem fleckigen kaffeebraunen Tuch um die Schultern im Lehnstuhl; kein Sommerabend war so warm, daß sie nicht bis auf die Knochen fror; die rotgesprenkelten Strümpfe hingen über die niedrigen Schuhe herunter. »Wunderliches Zeug«, brummte sie; »das soll einer begreifen. Heinroth. Und geheiratet hat er sie. Und das Kind heißt nach der Mutter. Hat er auf seinen schönen Freiherrntitel verzichtet, der Esel? Oder hat er sich zur Entschädigung dafür, daß das raffinierte Weibsbild die Hosen angezogen hat, mit ihrem schlechten Namen ausstaffiert? Daß mir der Lothar nie was davon erzählt hat. Aber alles, was Mylius heißt, hats mit der Heimlichkeit; von jeher; das liegt der Rasse im Blut.«

Anastasia hatte die Sache bereits durchschaut und legte sie auf ihre Weise dar. »Daß das Mädchen eine Melanderische ist, steht natürlich fest«, sagte sie dürr und selbstgefällig; »ich denke, es verhält sich so: der Stephan ist im Elend oder in der Schande verkommen. Die Baronin Josephe hat sich erbötig gemacht, das Kind erziehen zu lassen, hat vielleicht der Mutter eine Abstandssumme ausbezahlt, will aber nicht, daß es für ihre Enkelin gilt, weil sie gegen alle Ansprüche von dieser Seite auf der Hut ist. Den Namen mußte der Stephan damals ändern, das weiß ich, daran erinnere ich mich genau. Das Kind soll also eine Heinroth bleiben, aus ganz bestimmlen Gründen natürlich.«

»Aus welchen Gründen?«

»Nun, wie man hört, hat ja die Baronin Josephe das ganze Vermögen ihren gemeinnützigen Stiftungen verschrieben.«

»Was?« fuhr Ulrike empor und ließ ihre Zähne knacken, »redest du das im Ernst? Wer hat dir denn diesen Bären aufgebunden? Du meinst im Ernst, die ungezählten Myliusschen und andern Millionen, denn der Eduard muß ja auch einen stattlichen Batzen dazuverdient haben, du meinst, alle die Millionen will sie für ihre sentimentalen Schnurrpfeifereien hergeben? Das hältst du für möglich?«

»So heißt es allgemein, liebe Ulrike. Du müßtest dich nur etwas mehr um das kümmern, was in der Welt vorgeht.«

Ulrike rang nach Luft. »Da stehn einem ja die Haare zu Berg!« schrie sie und klopfte mit der Faust auf den Tisch. »Und das wird zugelassen? Solch himmelschreiendes Verbrechen soll geschehen dürfen? Freilich, eine ausgemachte Närrin war diese Josephe schon von Kindesbeinen an, und es ist ihr in der Beziehung das Verrückteste zuzutrauen. Aber warum soll die Kleine da es zu büßen haben? frage ich. Warum soll das unschuldige Ding um sein natürliches und angestammtes Recht verkürzt werden? frage ich. Mag sie mit ihrer übergeschnappten Charitas Unheil anrichten soviel ihr beliebt, aber da hats ein Ende, da täuscht sie sich, die Gute, da kann sie was erleben.«

»Ich verstehe nicht, weshalb du dich so echauffierst«, bemerkte Anastasia, argwöhnisch wie immer, wenn von Geld die Rede war; »ein Außenstehender kann sich da nicht einmischen, und ich möchte dich auch davor warnen.«

»Bleib mir mit deiner Warnung vom Hals«, grollte Ulrike, indem sie sich wieder setzte und den rechten Strumpf mit einem unwilligen Ruck über die Wade zog; »man wird ja sehn. Man wird die Augen offen halten. Maul zu und Augen offen, das ist der beste Wahlspruch. Jetzt will ich essen. Ich hab einen Wolfshunger.« Sie schlurfte zur Tür, riß sie auf und brüllte mit Stentorstimme: »Kreszenz! das Nachtmahl!«

Nachtmahl, höhnte Anastasia innerlich, zehn Kartoffeln und sechs Löffel Reis. Sie hatte Bratenhalluzinationen wie die Eismeerfahrer.

Bei Tisch hörte Ulrike nicht auf, sich zu erbittern. Die Myliusschen und Melanderschen Millionen wuchsen ins Gigantische. Sie rechnete, und die Zahlen, die sie nannte, wurden immer kühner; man hatte eine Vorstellung von Goldbergwerken und unterirdischen Schatzkammern, und ihre Erregung stieg mit der Schilderung. Anastasia wandte skeptisch ein, daß, wie so viele andere, auch das Melandersche Vermögen, da es ja nicht in Grund-, sondern hauptsächlich in Kapitalswerten bestehe, dem Untergang verfallen sei, und daß die Krösusse von gestern allesamt auf dem Weg seien, die Proletarier von morgen zu werden, eine Bemerkung, bei der Ulrike der Bissen im Mund stecken blieb und die sie im Hinblick auf den besondern Fall mit zorniger Beredsamkeit zu widerlegen suchte.

»Die haben was in der Hinterhand«, erboste sie sich, »die haben ausländisches Geld, so gewiß wie ich da sitze. Die sind nicht so blöd, sich von eurer verkrachten Republik in den Abgrund reißen zu lassen, und bei der großen Pleite können sie immer noch ein ganzes Schock von armen Schluckern unsersgleichen in den Sack stecken. Daß sie heulen und zähneklappern und Zetermordio schreien, will ich gern glauben, das gehört zum Geschäft, das ist seit Adams Zeiten so, aber man muß schon eine so dumme Gans sein wie du, wenn man sich davon ins Bockshorn jagen läßt.«

Anastasia schluckte die Beschimpfung und schwieg.

»Sieh dir nur den Lothar Mylius an«, fuhr Ulrike fort, »der frißt jeden Tag Austern und Hummer und sauft französischen Sekt und hat noch nicht den vierten Teil von dem, was die Josephe Melander hat.« Ihr Kopf brannte, sie fuchtelte mit den Armen in der Luft, und als Kreszenz kam, um den Tisch abzuräumen, appellierte sie plötzlich ungereimterweise an die. Sie habe doch ihren gesunden Menschenverstand, redete sie die Magd an, sie wisse doch ungefähr, das ganze Dorf, der Kurort, die ganze Gegend wisse, was es mit dem Melanderischen Reichtum auf sich habe; nun, da sitze Frau Anastasia Gentili, sitze da und habe die Stirn zu behaupten, bei denen wackle es genau so wie bei irgendwelchen beliebigen Holz- und Getreideschiebern, ob das nicht zum Lachen sei?

Anastasia preßte die dünnen Lippen zusammen und äußerte schnippisch, die Meinung von Kreszenz sei ihr nicht maßgeblich. Diese zuckte die Achseln und sagte roh, das gnädige Fräulein sei heute zu hitzig, sie müsse wieder einmal ihr Purgiermittel nehmen. Geschmeichelt von soviel Fürsorge brach Ulrike in ein wahres Fuhrmannsgelächter aus und fing zu erzählen an, daß die kleine Fanny an der Puppe im getäfelten Kabinett oben eine Maschinerie entdeckt habe. »Und denkt euch nur«, schloß sie pathetisch und mit hervorquellenden Augen, »da ist sie gegangen, das uralte Gestell, da hat sie geredet, ihr könnt es selber probieren morgen, hat englisch geredet, › how do you do my little darling‹, hat sich verbeugt, eine richtige Verbeugung gemacht wie in der Tanzstunde.« Sie ahmte die Verbeugung und den Gang der Puppe nach, die beiden Zuschauerinnen lachten ungläubig, und als sie dann noch berichtete, das Kind sei ihr vor Freude um den Hals gefallen und habe sie abgeküßt, auf Ehre und Seligkeit abgeküßt, schüttelte Anastasia betrübt den Kopf und Kreszenz, die Servierplatte zwischen den nackten Armen, kicherte spöttisch.

Es war wie ein niederländisches Bild.

Möchte wissen, ob der Balg morgen wirklich kommen wird, dachte Ulrike mehr als zehnmal im Verlauf des Abends. Und zehnmal rannte sie zum Barometer, um zu erkunden, wie das Wetter würde, um das sie sich sonst so wenig kümmerte. Wenn es regnet oder nur umzogen ist, wird sie nicht kommen, entschied sie; auch kann man nicht wissen, ob sie die Geschichte nicht doch ausplaudert; eine Miene verrät sie und man setzt ihr zu, bis sie gesteht. Dann werden sie höllisch aufpassen, denn für die Frau Baronin bin ich ja wahrscheinlich, was das rote Tuch für den Stier. Dann kann ich hier sitzen und warten.

Und gesetzt den Fall, erwog sie weiter, sie kommt überhaupt nicht mehr (ein Gedanke, bei dem ihr das Blut kochte), wer soll ihr dann beistehn gegen die Machenschaften dieser Josephe? wer soll den Betrug aufdecken? wer die Millionen und Aber-Millionen für sie retten? es verhüten, daß sie sich in Armeleutküchen, Notstandsgroschen, Studentenunterstützungen und Heiratsausstattungen für Beamtentöchter verwandeln? Da hätte dann das blonde Menschlein das Nachsehn. Nichts da, ihr Leute, daraus wird nichts, Ulrike Woytich leidet das nicht, sie wird das blonde Menschlein in ihren Schutz nehmen.

Ruhlos strich sie wie ein schwarzer Vogel durch das Haus. Als sich Anastasia zurückgezogen hatte, sehr befremdet von dem Gebaren der Schwester, begab sich Ulrike in die Küche und weihte Kreszenz in ihre Befürchtungen ein, die dem Ohr der Magd seltsam klingen mußten. Was Anastasia als Vermutung und Gerücht ausgesprochen hatte, war für Ulrike nun schon Gewißheit geworden, denn warum in aller Welt sollte man nicht das Schlechte glauben, da es doch kaum etwas anderes zu sehen und zu hören gab. Also berichtete sie der lauschenden Kreszenz, in welcher Gefahr die Melandersche Erbschaft schwebte. Da das Fenster offen war, drang ihre schallende Stimme in den nächtlichen Wald hinauf und kehrte als kahles Echo zurück. Und zum Schluß fragte sie Kreszenz gierig und erwartungsvoll, ob sie sich das blonde Menschlein angeschaut habe.

Kreszenz sagte: »Was schert Sie das fremde Kind und was schert Sie das fremde Geld? Aus Kindern haben Sie sich meines Wissens nie was gemacht, und was das Geld betrifft, so haben Sie reichlich zu leben, sollt ich meinen, wenn uns auch meistens der Magen kullert. Hat der Jud keine Sorgen, so schafft er sich welche, heißt es. Was mich nicht brennt, das blas ich nicht.«

Sie saßen eine Weile stumm, hierauf erzählte Kreszenz in ungeschlachten Ausdrücken eine ziemlich derbe Ehebruchsgeschichte aus dem Dorf, um die Unterhaltung wieder zu beleben, und Ulrike, die die gute Laune ihrer Herzensvertrauten nicht trüben mochte und die dergleichen immer gern hörte, benutzte den Anlaß zu einigen saftigen Zoten, die den kreischenden Beifall der Magd errangen. Männlein und Weiblein im Liebesspiel, das betrachtete sie von hoch oben, mit kalter Verachtung und bissigem Hohn, und diese Sache beim rechten Namen zu nennen, beim allerungeschminktesten, machte ihr einen Heidenspaß.

Ruhlos lag sie in ihrem Bett, wälzte sich von einer Seite auf die andre und konnte nicht schlafen. Sie seufzte erleichtert, als der Morgen graute, fragte sich aber beständig: was ist mir denn? was will ich denn? Zustände solcher Art hatte sie schon seit vielen Jahren nicht mehr gehabt. Es war als lodre aus glimmender Asche ein Feuer auf. Doch wo hatte es seine Nahrung? wer warf ihm Brennstoff hin? Sie verwunderte sich düster über sich selbst. Sie suchte in ihrem Innern nach Ähnlichem in der Vergangenheit. Es war nichts da. Sie schloß daraus, daß alte Menschen wesentliche Veranlagungen der eigenen Natur mit der Zeit vergessen. Das ängstigte sie.

Die Vormittagsstunden krochen mit bleiernen Füßen. Sie harkte im Garten. Sie ging in den Wald, um Unterholz einzusammeln. Alle fünf Minuten spähte sie zum Himmel. Schleieriges Gewölk stieg im Westen auf; da fluchte sie vor sich hin. Die Wolken zerstreuten sich, da begann sie zu trällern. Es klang wie wenn ein Dachsparren knarrt. Die Gewandung, in der sie herumwirtschaftete, erregte sogar Kreszenz' Ärger, und Anastasia, die stets wie aus dem Ei geschält war, kehrte indigniert die Blicke von ihr ab. Erst nach Tisch entschloß sie sich zu minder schmierigen Umhüllungen. Sie schickte Anastasia in den Kurort mit dem Auftrag, zwei Tafeln Schokolade zu kaufen. Anastasia traute ihren Ohren nicht; Schokolade; das Wort hatte sie nicht vernommen, seit sie im Hause war. Aber sie gehorchte, obwohl sie hin und zurück zweieinhalb Stunden zu gehen hatte.

Ulrike setzte sich ans Fenster und stopfte Strümpfe. Schwarze, gelbe, blaue Strümpfe, alle mit zeisiggrüner Wolle, da sie keine andre vorrätig hatte. Gegen fünf Uhr konnte sie es vor Ungeduld nicht mehr aushalten; aus einem Schrank holte sie ein schadhaftes Opernglas hervor, ging auf den Balkon und begann mit dem Glas die Landschaft abzugucken. Als der Himmel sich allmählich wieder umtrübte, reckte sie erbittert die Faust empor. Einige Häuslerkinder, aus dem Wald kommend, liefen über ihr Grundstück; im ersten Augenblick stockte ihr der Hauch in der Kehle, und die Pupillen erweiterten sich, dann erkannte sie den Irrtum und schrie die Rotte bösartig an, so daß sie in panischem Schreck die Wiesen hinuntersprangen.

Es wurde sechs, es wurde halb sieben, und als es im Dorf Riednau sieben Uhr schlug, ergriff sie einen tönernen Pflanzentopf und warf ihn wütend auf die Erde hinab, wo er zerschellte. Sie kehrte ins Zimmer zurück und suchte etwas, woran sie ihren Groll auslassen konnte, da kam gerade Anastasia; sie herrschte sie an, wo sie so lang geblieben sei. Anastasia erwiderte, sie sei in der Kirche gewesen, morgen sei Fronleichnam und man habe Gottesdienst abgehalten. Ei der Tausend, in der Kirche, spottete Ulrike giftig; Gottesdienst; was sie nicht sage; zu allem übrigen auch noch Betschwester; seit wann denn? Anastasia fragte scharf, wie sie das auffassen solle: zu allem übrigen? ob sie nicht stets im heiligen Glauben gelebt habe, nicht jeglichen Abend ihr Gebet verrichte? ob Ulrike in ihrer ketzerischen Wut jeden frommen Menschen zum Gaukler stempeln wolle? Zu Erläuterungen wenig aufgelegt, fuhr Ulrike fort zu lästern, und Anastasia, auf Widerpart verzichtend, setzte sich still hin und vergoß in etwas theatralischer Weise Tränen. Ulrike fegte zornig auflachend aus dem Zimmer. Sie hatte Durst; an der Wasserleitung drehte sie den Hahn auf und hielt den Mund ans Rohr. Das Wasser schmeckte gallbitter.

Während des Nachtessens sprach sie kein Wort. Es regnete draußen. Finster stierte sie auf ihren Teller. Nachher zündete sie die Pfeife an, holte einen zerlesenen französischen Roman aus dem Bücherkasten und setzte sich in den Ohrensessel. Aber sie las nicht eine Zeile. Sie saß und grübelte bis zwei Uhr nachts. Lange Zeit liefen ihre Gedanken zwangshaft im selben Kreis: der Regen; die unterschlagene Erbschaft; das vergebliche Warten auf das Kind; und wieder: der Regen; wie lange er dauern würde; die vorenthaltenen und mißbrauchten Millionen; sie selber als Verteidigerin des Rechts; das vergebliche Warten auf das Kind.

Die Millionen sangen ihr ins Ohr wie eine Orgel.

Dann schmiedete sie Pläne. Voll Wucht und Nachdruck mußte sein, was sie unternahm, aber auch voller Vorsicht und Schlauheit. Zuerst mußte Eckern ausgekundschaftet werden: wer dort hauste, wie man lebte und mit wem gerechnet werden mußte. Sodann wollte sie Briefe an frühere Freunde und Bekannte schreiben, die sie über die gegenwärtigen Verhältnisse der Baronin unterrichten sollten, ihre Beziehungen, ihre Geschäfte, ihre Neigungen, ihre Dienstleute. Und wieder drehte sich das Rad: der hoffnungslose Regen; die Millionen gleich einem Niedersturz von goldenen Barren, den sie zu dämmen hatte; das Kind, das auf einmal, sie schlief schon und haderte noch im Traum, an ihrem Halse hing und sie küßte; ein grausig-wohliges Gefühl, als ob man ein warmes Kätzchen am eisigen Busen hielte. Pfui, lallte sie, küß mich doch nicht.

Die ersten Vogelschreie trieben sie ins Bett, aber früh war sie schon wieder auf. Sie hatte in der Nacht gehört, daß eine Dachtraufe tropfte. Kreszenz mußte eine Leiter auf den Balkon schleppen und Nachschau halten. Die Traufe war leck. Sie ließ sogleich den Flaschner holen. Schäden am Haus erregten sie mehr als Wunden an ihrem Leibe. Dem Haus durfte nichts geschehen. Alle Zärtlichkeit und Obsorge, deren sie fähig war, galt dem Haus. Der Flaschner kam erst gegen elf Uhr. Während sie im Flur des ersten Stocks mit ihm unterhandelte und sich über den Preis entsetzte, den er für die Reparatur forderte, ging unten die Eingangstür. Ein heller Gruß tönte ihr entgegen. Da stand Fanny mit dem triumphierenden Lächeln eines Menschen, der Hindernisse überwunden hat, um ans Ziel zu gelangen, und winkte mit der Hand zu ihr empor. Da mußte sich Ulrike am Stiegenpfosten festhalten, und als sie sich vergewissert hatte, daß es kein Trugbild war, flackerten gebrochene Lichter in dem runzligen Gesicht und mit ihrer rauhen Stimme rief sie: »Na, da bist du ja, du Irrwisch, da bist du ja.« Und mit beziehungsvollem Blinzeln fügte sie hinzu: » How do you do my little darling?«


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