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Ulrike erscheint

Von dem Tag an widmete Valerian der kleinen Fanny ziemlich viel Beachtung. Bei Tisch richtete er bisweilen in höflicher Weise das Wort an sie, lauschte ernsthaft und mit leicht geneigtem Haupt ihrer Erwiderung, und wenn sie ihrerseits sich an ihn wandte, mit einer Frage oder einer Bitte, bezeigte er eine außerordentliche Bereitwilligkeit und Freundlichkeit. Ein recht wunderliches Gesicht bekam der Verkehr dadurch, daß Fanny ihn dutzte, während er sie in unerschütterlicher Würde mit Sie anredete. Niemand konnte sich des Lächelns enthalten, sogar über das traurige Gesicht der alten Exzellenz glitt ein Strahl von Ergötzen. Fanny hatte vernommen, daß de Groot ein berühmter Geigenkünstler war; dies flößte ihr nur geringen Respekt ein, da sie unter einem Geiger einen Mann verstand, der in Höfen und Biergärten das Volk durch Fiedeln belustigte. Ganz unverfroren verlangte sie von ihm, er möge ihr vorspielen, und als er sie darauf vom Olymp herab spöttisch anschaute, versprach sie ihm, daß sie dazu singen wolle; sie wisse hübsche Lieder zu singen. »Nun, so geben Sie uns eine Probe Ihrer Kunst«, forderte sie Valerian auf. Sie ließ sich nicht bitten, erhob sich von der Tafel, stützte beide Arme leicht auf die Hüften und sang mit überraschendem Ausdruck und einem biegsamen, klangreichen Altstimmchen das schweizerisch-romanische Lied: Son tre mesi che fo il soldato.

»Bei Gott, sie hat Musik im Leibe!« rief Valerian applaudierend aus, als sie geendet hatte, und Josephe, der gleichsam das Herz schluchzte, so lieblich war ihr der Anblick und der Gesang des Mädchens erschienen, wagte sich nicht zu rühren und nicht die Augen aufzuschlagen.

Als Fanny dann ihr Verlangen, daß er spielen solle, wiederholte, fuhr er sie grob an und ging aus dem Zimmer. Josephe suchte ihr begreiflich zu machen, wer der Mann war und was sein Spiel bedeutete; sie begriff es aber nicht und wunderte sich bloß. Doch ließ sie ihn von da an in Ruhe, auch als sie in seinem Zimmer in zwei kostbar gefütterten Kästen seine Instrumente sah, die er bis jetzt noch nicht berührt hatte. Von ihrer Zurückhaltung befriedigt, zeigte er ihr zur Entschädigung den Himmelsglobus, den er mitgebracht, und das Fernrohr, das in dem Erkervorbau mit den großen Spiegelscheiben als Wänden auf einem metallenen Stativ mit drehbarer Scheibe stand. Wenn sie Lust habe, dürfe sie einmal abends zu ihm kommen, und sie wollten dann die Sterne im Teleskop betrachten, sagte er. Das wollte Fanny gern.

Indessen war Elisabeth voller Sorge. Nur schwer hatte sie sich dazu bereit finden lassen, Fannys selbständige Wanderungen zu decken und zu verhehlen. Es war so plötzlich gekommen; das Mädchen hatte sie überredet, überrumpelt, durch Schmeichelei und Liebkosung wehrlos gemacht. Am ersten Tag schon des gemeinschaftlichen Spaziergangs war sie ihr entschlüpft. Sie saß unruhig auf einer Bank am Wege und schaute gebannt in die Richtung, aus der Fanny wiederkommen mußte. Endlich erschien sie, strahlend und dankbar. Es bereitete ihr, wie sie nicht müde wurde zu versichern, die größte Wonne, allein ins Unbekannte hinauszugehen, kreuz und quer, bergauf, bergab, und sie beschwor Elisabeth, der Frau Baronin nichts zu verraten; sie wolle sie ewig dafür lieb haben, sagte sie, und ihr jeden Gefallen dafür tun. Was habe man davon, wenn die Frau Baronin es wüßte; dann verbiete sie es vielleicht und man müsse gehorchen; die Frau Baronin sei alt und furchtsam, sie aber, Fanny, sei weder alt noch furchtsam. Elisabeth konnte der honigzüngigen Beredsamkeit nicht widerstehen; sie stellte nur die Bedingung, daß Fanny die gewährte Zeit nicht überschritt. Sie verabredeten dann, am Vormittag oder Nachmittag, wie jeweils die Ausgangsstunden von Josephe bestimmt wurden, einen Platz, wo Elisabeth warten sollte, und Fanny drückte einen Kuß auf die Wange der bestochenen Wächterin und eilte davon. Stets zitterte Elisabeth um sie, obgleich die Gegend von selten gestörter Sicherheit war, folgte ihr auch manchmal heimlich ein Stück, gab es aber bald auf, denn das Kind war wie ein Vogel. War die erste Stunde vorüber, so zählte sie die Minuten, schaute sich die Augen aus dem Kopf und machte sich Vorwürfe, weil sie die Herrin hinterging, deren wachsende Neigung für Fanny sie mit Freude wahrnahm. Freilich, war dann Fanny heil zurückgekehrt, begeistert von ihren kleinen Erlebnissen und Entdeckungen, so war die Angst rasch vergessen, und sie lachte mit der Lachenden. Die ganze Landschaft war verwandelt durch Fanny; der Wald war geheimnisvoller, die Wiesen leuchteten tiefer, der Himmel wölbte sich blauer, die Wolken waren fantastischer gruppiert. Und auch Elisabeth war verwandelt; ihr Herz war nicht mehr so verwaist.

Nun war aber eines Abends Fanny in einer Verfassung zurückgekommen, die sich auf den ersten Blick schon von jener der früheren Tage unterschied. Sie war erregt, aber die Erregung war nicht dieselbe wie sonst; sie plauderte lebhaft, aber es war etwas Verstelltes dabei, und nach einer Weile schwieg sie ganz. Elisabeth fragte; das Kind schüttelte den Kopf. Sie bedrängte sie nachdrücklicher; Fanny wich aus und blickte sie mit verlegener Miene von der Seite an. Sie drohte mit dem Verbot der einsamen Ausflüge; Fanny erhob bittend die Hände. »Später«, vertröstete sie flüsternd die Hartnäckige; »heut Abend sag ich dirs. Dir kann ichs ja sagen. Du wirsts gewiß für dich behalten, wirst mir das Herrliche nicht verderben.«

Während des Abendessens blieb sie in der nämlichen Erregung. Josephe merkte nichts davon, da ihre Gedanken mit Exzellenz Herbst beschäftigt waren. Er hatte die Zeugenvorladung erhalten und hatte sich entschlossen, am nächsten Morgen zu reisen, obschon bis zur Verhandlung noch zehn Tage waren. Er war nicht bei Tisch erschienen, und Josephe sprach mit Valerian über seinen mitleidswürdigen Zustand. Fanny bezeigte wenig Eßluft; Elisabeth wartete den letzten Gang nicht ab, führte sie auf ihr Zimmer und brachte sie zu Bett. Und als sie nun mit großer Dringlichkeit wieder zu fragen anfing, auf die weiche Dämmerungsstunde vertrauend, in der sich bei Kindern Heftigkeit und Wirrnis rascher sänftigen, erzählte Fanny alsbald. Erzählte von der Puppe; förmlich fiebernd, beide Händchen an Elisabeths Wangen, und mit glänzenden Augen. Wie sie ans Haus gelangt; wie man sie hineingeführt; die Puppe; und wie die Puppe unversehens gesprochen habe und geschritten sei. Elisabeth lauschte mit Verwunderung; als aber dann der Name Ulrike Woytich fiel, erschrak sie. Und als sie erfuhr, daß das alte Fräulein dem Kind eingeschärft habe, zu Hause zu schweigen, erschrak sie noch mehr. Daß zwischen der Villa Woytich drüben im Ried und dem Eckerngut unversöhnliche Feindschaft bestand, wußte sie aus gelegentlichen Andeutungen der Baronin sowohl wie aus gängigem Gerede. Kasimir hatte sich erst vor ein paar Tagen über diesen Punkt etwas ausführlicher als sonst vernehmen lassen, und was er über die Woytich geäußert, hatte nicht eben achtungsvoll geklungen.

Elisabeth befand sich nicht im Zweifel über ihre Pflicht, war aber unbesonnen genug, es gegen Fanny verlauten zu lassen. Darauf stieß das Kind sie von sich und begrub sein Gesicht in den Kissen. Elisabeth wollte den Fehler wieder gut machen und redete zärtlich auf sie ein. Sie schüttelte wild den Kopf und verkrampfte die Fäuste. Elisabeth fragte, es sei doch möglich, daß die Frau Baronin ihr die Erlaubnis gebe, die Puppe öfters zu besuchen. Fanny entgegnete, wenn man es aber gestanden habe und sie die Erlaubnis nicht gebe, was dann? Die Puppentante habe fest behauptet, daß sie nicht mehr kommen dürfe, wenn sie sich verplaudre; nun, was dann? Dann werde sie auf und davon laufen, bei Nacht und Nebel auf und davon.

Es brach eine Leidenschaftlichkeit aus dem Kind, deren es Elisabeth nicht für fähig gehalten hatte. Seine Lippen bebten, alles war Glut, Wille und Verlangen in dem schönen Antlitz. Die Puppe erschien ihr als der Gipfel menschlichen Strebens und Glücks; die Zauberei stand in Wirkung; das Leben war Magie der sprechenden Puppe. Um sie nur zu beruhigen, gelobte Elisabeth Schweigen, wenigstens heute noch, morgen noch. Fanny umarmte sie stürmisch und wollte es wieder und wieder versichert haben; endlich gab sie sich zufrieden, und Elisabeth blieb am Lager sitzen, bis sie entschlummert war. Sie dachte hin und her, wie sie sich aus dem Netz ziehen sollte. Sie ahnte die Gefahr mehr als sie sie erkannte, doch das Flehen des Kindes und die Erinnerung daran, der süße Klang im Ohr, das Glück, dieses Elfenwesen glücklich zu machen und ihm zu willfahren, ließ den Zustand der Unschlüssigkeit andauern, und dadurch verstrickte sie sich in Schuld. Am andern Tag gelang es ihr noch, Fanny zurückzuhalten; sie las ihr Märchen vor, spielte Ball mit ihr, führte sie zu einem Erdbeerplatz im Wald; nachmittags wurde dann das Wetter trüb, und man konnte sich ausreden, man konnte hoffen, daß mit vergehender Zeit das Bild verblassen, der ungestüme Wunsch sich mildern werde. Hierin täuschte sie sich, denn am nächsten Morgen, als die Sonne schien, rüstete sich Fanny, sobald es anging, zu dem Weg ins Ried. Alles, was Elisabeth zu erreichen vermochte, war, daß Fanny es duldete, von ihr bis in die unmittelbare Nähe der Villa Woytich begleitet zu werden. Sie wollte sie am Wald erwarten, mußte aber hoch und heilig versprechen, sich nicht sehen zu lassen.

So geschah es, und am dritten Tag ebenfalls, und im Verlauf von anderthalb Wochen noch viermal. Und Elisabeth machte die Hehlerin. Es bedrückte sie. Sie fand, daß sie nicht anständig gegen ihre Herrin handelte. Aber sie fand auch, von Mal zu Mal stärker, eine Veränderung an Fanny, die sie bedenklich stimmte. Wohl war das Fieber der Erregung noch das gleiche, gesteigert eher, so daß Gesicht und Hände flammten und die Augen in ihrer blauen Tiefe funkelten. Aber es hatte nicht mehr dieselbe Freudigkeit wie zu Beginn. Es lastete etwas auf dem Kind. Oft schritt es während des ganzen Heimwegs stumm an Elisabeths Seite, was diese berührte wie das plötzliche Stillstehn einer Uhr, an deren trauliches Ticken man gewöhnt ist; oder wenn sie auf Elisabeths Fragen antwortete, klang es matt und zerstreut. Auch Josephe bemerkte die Nachdenklichkeit und Trübung und sprach mit Elisabeth darüber, die sich in verlegenen Ausflüchten erging. In die Enge getrieben, nahm sie Fanny ernstlich ins Gebet.

Erst überlegte Fanny; geraume Zeit blickte sie sinnend vor sich hin. Sie schien nicht genau zu wissen, was Elisabeth meinte, schien auch nicht zu wissen, daß sie nicht mehr so war wie vor den Gängen in die Villa Woytich. Geduldig und liebevoll bemühte sich Elisabeth; da sagte Fanny mit einem leichten Zusammenschaudern der Schultern: »Eigentlich fürcht ich mich vor Tante Ulrike.«

Das war vorläufig alles. Tante Ulrike; die Bezeichnung wollte Elisabeth nicht gefallen; eine wildfremde Frau doch. Sie ließ es hingehn und fragte flüsternd nach dem Grund. Fanny konnte oder wollte ihn nicht nennen, und als Elisabeth, ihre beiden Hände ergreifend, zu ihr sagte, dagegen gebe es doch ein einfaches Mittel, nämlich die Besuche zu unterlassen, schüttelte Fanny den Kopf und erwiderte mit sonderbarer Bestimmtheit, sie könne nicht anders, es ziehe sie immerfort hin, es sei gar zu herzaufrührend, wenn die Puppe sich bewege und sich verbeuge und die englischen Worte spreche.

Damit sagte sie aber nicht die ganze Wahrheit. Ebenso herzaufrührend, wie sie erstaunlich genug sich ausdrückte, war ihr allmählich das alte Fräulein geworden, und bisweilen trat sogar das Interesse an der Puppe zurück gegen dieses andere, das sie mit Bangigkeit und unruhiger Neugier erfüllte. Stets wurde sie von Ulrike Woytich wie ein hoher Gast empfangen und mit allerlei Ehrenbezeugungen geräuschvoll begrüßt. Hatte dann die Puppe ihre Kunststücke gemacht, so ließ Fräulein Woytich Fanny dicht neben sich setzen und erzählte Geschichten. Und lachte laut; und trieb Scherze; und fragte nach Fannys Vater und Mutter und erkundigte sich eingehend nach der Frau Baronin: was die tue und rede und was für Leute in Eckern seien und was für Speisen auf den Tisch kämen. Wenn Fanny mit der Antwort zögerte oder halbe Antwort gab, sah sie sie böse an und murmelte; dann wieder tätschelte sie ihr die Wange und das Haar und sagte zehnmal nacheinander: armes Kind. Aber was am ärgsten war und was sie Elisabeth um keinen Preis hätte gestehen mögen, war, daß sie immer wieder anfing, über die Baronin in verächtlichen Ausdrücken und hämischen Anspielungen zu sprechen. Fanny saß unbeweglich und starrte sie an, aber Fräulein Ulrike kümmerte sich nicht im geringsten um ihr Entsetzen, und ein Wort war immer galliger und häßlicher als das andre. Dies verwirrte Fanny unsäglich und verdunkelte ihr Gemüt. Seit sie die Baronin erblickt, war sie ihr schlechtweg das Verehrungswürdige in der Welt, so hoch über andern Menschen, daß nicht einmal der Schatten eines Unglimpfs zu ihr reichte, und daß von ihr gehegt und geachtet zu sein so viel hieß, wie selber hoch sein. Nun war das Licht verdeckt, das alles erhellte. Nicht zu begreifen warum. Es war schmerzlich. Was hatte die Baronin begangen? wie war es möglich, daß man sie so liebte, wenn sie schlecht war, wie jene alte Frau behauptete? Und diese Gewalt der alten Frau; wie sie einen packte und anschaute und wie streng sie befahl, daß man wiederkommen müsse. Und man kam wieder, man hätte gehorcht, auch wenn die Puppe nicht gewesen wäre. Warum nur?

Sie war wie vergiftet. Eines Abends, als sie mit beengtem Herzen in ihrem Bett lag und Elisabeth wieder bittend auf sie einredete, entschlüpften ihr in der Ratlosigkeit einige Hinweise, die die Fragerin geradezu verstörten. Längst hatte Elisabeth begriffen, daß das zarte Gebild einem gefährlichen Einfluß ausgeliefert war, aber was sie jetzt vernahm, obschon nur im flüchtigsten Umriß, öffnete ihr die Augen über die Tragweite des Geschehens. In Angst und Reue faßte sie den Entschluß, für den es vielleicht schon zu spät war. Als Fanny schlief, ging sie über den Flur und klopfte an das Zimmer der Baronin. Josephe saß vor dem offenen Balkon und schaute in die blaudurchleuchtete Nacht. Die Stehlampe brannte in der Mitte des Raums. Elisabeth bat um Gehör in einer Angelegenheit, die leider durch ihr Verschulden dringend geworden sei. Josephe wandte ihr mit furchtsamer Verwunderung das Gesicht zu. Auch sonst nicht eben begabt zu faßlicher Darstellung, verstrickte sich Elisabeth in ihren eigenen Sätzen und stammelte mehr als sie sprach. Aber Josephe verstand sofort. Die Unglückliche war längst noch nicht fertig mit ihrer Erzählung, als sich Josephe mit einem dumpfen Laut erhob. Sie stand vor Elisabeth, übergossen von fahler, schrecklicher Blässe. »Weiter, weiter«, hauchte sie und hielt sich an der Stuhllehne fest. Niemals hatte Elisabeth sie so gesehen. Mit zitternder Stimme brachte sie ihren Bericht zu Ende.

Ein langes Schweigen folgte. Josephe regte und rührte sich nicht. Die fahle Blässe ließ ihr etwas schwammiges Gesicht leichenhaft erscheinen. Endlich kam es röchelnd aus ihrem Mund: »Sie haben sich schwer vergangen, Elisabeth, an mir und an dem Kind schwer vergangen. Nur Ihre Ahnungslosigkeit verringert Ihre Schuld. Lassen Sie mich allein jetzt, ich will sehen, was zu tun ist.«

Elisabeth brach in Tränen aus und küßte ihrer Herrin die Hand. Dann ging sie. Und Josephe war allein.

Da war es nun, das Gespenst. Da war die Erfüllung des lebenslang geschleppten Grauens. Da war die Wiederholung und Wiederkehr. Man hatte es nicht anders erwarten können vom Schicksal, als daß es in das erste Aufatmen, in das erste Frührot einer Hoffnung sein donnerndes Nein schleudern würde; man war seinem Argusauge und seinem drohenden Anruf nie entgangen, wenn auch nur der schmalste Fluchtweg aus der Schwärze sich zeigte. Da war die Unheilbringerin, der Alb aller Träume.

Wie entrinnen? Das erste, woran Josephe dachte, war Abreise. Dawider standen ihre Pflichten als Hausfrau und Freundin, dawider stand der Abscheu vor der Welt. Das Kind fortschicken, war die andre Erwägung. Wohin? wem es anvertrauen? wodurch vor ihm eine solche Maßregel rechtfertigen, die ihm als Strafe erscheinen mußte? Kaum wohlig angeschmiegt an ein Nest, die erste Heimstätte ihres seit je verwaisten Daseins, sollte sie wieder hinausgestoßen werden? Sie war ohne Schuld; sie war der Lockung der Rattenfängerin erlegen wie ganze Heerscharen von Betrogenen zuvor.

Wäre nur einer dagewesen, bei dem sie sich Rats hätte erholen können, ein Mensch mit erbarmender Weisheit, der die Furcht ermessen und verstehen konnte, die von der höllischen Gestalt ausging, der ihr von Gott gesetzten Widersacherin. Aber sie hatten alle ihr Teil zu tragen, alle waren abgewandt durch Vernunft oder Kälte des Gefühls, keiner konnte das Schicksalsphantom sehen und hören, wie es mit trompetenhaftem Schreien über die nächtlichen Hügel raste. Es reckte seine habsüchtigen Hände nach Fanny; mit quälender Deutlichkeit, im Gefühl ihrer neuen, in der Stille der Brust gereiften Liebe, in einer höheren Art von Eifersucht gleichsam, spürte Josephe die Leidenschaftsentzündung und -begierde dort, die Listen und Verführungen; denn auch dort war Wiederkehr und Wiederholung, Erinnerung an Blutgesetz und Pochen auf das Fatum. Was war also notwendiger, als Fanny aus dem Bereich der Teuflischen zu entfernen? Es litt Josephe aber nicht bei dem Gedanken, auf das Kind verzichten zu sollen. Sie sah, daß sie es nicht mehr vermochte.

Da geschah es, daß sie in der Nacht an das Lager Fannys ging und die Kerze, die sie mitgebracht hatte, auslöschte. Das elektrische Licht wollte sie nicht aufdrehn, aber auch die Kerze erschien ihr dann überflüssig, und sie löschte sie aus, weil der Vollmond am Himmel stand und das Zimmer hell machte. Sie saß lange auf dem Stuhl neben dem Bett und versenkte sich in den Anblick des schlafenden Mädchens. Ergreifend Schöneres glaubte sie nie gesehen zu haben. Das Gesicht war so rein und friedlich wie die Natur draußen. Da wurde ihre Seele wie ein Strom, der in einem überirdischen Bezirk lautlos und gewaltig fließt und die unzerriebenen Lebensblöcke in seine Tiefe zieht. Auf einmal erwachte das Kind, wie es Josephe ja gewünscht; wie meistens ganz junge Menschen, wenn der Schlaf sie auf natürliche Weise verläßt, erwachte sie ohne Trunkenheit, und als sie ihre Beschützerin so unerwartet neben sich sitzen sah, im jähen Mondlicht, lächelte sie erstaunt. Da fand Josephe Worte, die sie bei Tag nie gefunden hätte; eine innige Beredsamkeit war ihr plötzlich eigen; mütterliche Sorge mischte sich mit überlegener Warnung; nichts von Vorwurf und keine Plage des Verhörs, das Häßliche und Schmerzhafte blieb verborgen.

So nahm sie das Kind gänzlich in Besitz und öffnete sein Gemüt, aber auch sie selbst wuchs an Kraft und Zuversicht. Die wenigen Fragen, die sie stellte, wurden ohne Scheu beantwortet. Wieder tauchte die Puppe auf gleich einem Geistersymbol, welches eine erste Jugend hier und ein spätes Alter dort geheimnisvoll umschlang. Evelyn war der Name der Puppe; so hatte das Fräulein Woytich gesagt, daß sie heiße; sie trug ein weitgebauschtes Kleid aus blaßgrünem verschlossenem Brokat mit Borten und auf dem Kopf ein Spitzenhäubchen und um den Hals eine vielreihige Kette kleiner Perlen und Ringe an den Fingern und Saffianschuhe und grünseidene Strümpfe.

Die Beschreibung war hinlänglich enthusiastisch.

Aber Josephe forderte von Fanny, daß sie nie mehr, unter keinen Umständen und von keiner Verheißung betört in das Haus von Fräulein Woytich gehe. Fanny machte große Augen; ein Schleier von Betrübnis senkte sich über ihr Gesicht. Dann legte sie ihre winzige Hand in die Josephes und ihre Stimme klang feierlich, als sie es versprach. Soviel verstand sie nun nach allem Gehörten und Gesprochenen, daß es keine bloße Erwachsenenlaune war, die sie dazu zwang, und daß es für die Frau Baronin von Bedeutung war, wenn sie gehorchte.

»Ich weiß, daß es schwer für dich ist«, sagte Josephe, »und damit du erkennst, daß ich es würdige, will auch ich etwas Schweres für dich tun. Ich will versuchen, ob ich dir die Puppe schenken kann. Ich will versuchen, ob man sie dem Fräulein Woytich abkaufen kann.«

»Gott, Frau Baronin, du bist aber auch zu gut!« rief Fanny aus, beide Hände gegen ihr Herz drückend und vor Freude und Überraschung erblassend; »so gut war noch niemand mit mir.«

Josephe lächelte. »Wir wissen ja durchaus nicht, ob es gelingt. Es ist sogar ganz unwahrscheinlich«, sagte sie.

»Das macht nichts«, erwiderte Fanny, »aber daß du es willst! daß du es willst!«

»Schlaf jetzt wieder, mein Herzchen«, sagte Josephe, und küßte die Stirn des Kindes, »schlaf wohl.«

Am andern Morgen ließ Josephe Fräulein Elisabeth kommen und sagte: »Ich will nicht mit Ihnen hadern, Elisabeth, wegen des Fehlers, den Sie gemacht haben. Er sei vergeben und vergessen. Ich habe aber eine heikle Aufgabe für Sie, und wenn Sie die geschickt ausführen, sollen Sie auch noch belobt werden.«

»Ich hoffe, Frau Baronin zweifeln nicht, daß ich für Frau Baronin durchs Feuer gehe«, beeilte sich Elisabeth zu beteuern. Fanny hatte ihr von dem nächtlichen Gespräch schon berichtet, und sie war außerordentlich gespannt und tatendurstig.

»Auf eine so harte Probe will ich Sie nicht stellen«, fuhr Josephe fort; »man tue nur immer richtig, was verlangt wird, das genügt. Gehen Sie zu Fräulein Woytich. Es soll ungefähr aussehen, als ob Sie im Vorübergehen einen Besuch abstatten wollten. Sie haben von den Schätzen des Hauses gehört. Bringen Sie das Gespräch auf die Puppe und erkundigen Sie sich vorsichtig, ob man sie käuflich erwerben kann. Der Preis soll keine Rolle spielen. Nennen Sie nicht meinen Namen. Lassen Sie nicht merken, daß Sie beauftragt sind. Sie sind eine Dame, die sich für eine Antiquität interessiert. Natürlich wird Fräulein Woytich sofort durchschauen, wer und was dahintersteckt. Aber dann leugnen Sie und zeigen sich entrüstet über die Zumutung, daß Sie nicht aus eigenem Vornehmen kommen. Ihr Ziel muß sein, die Geldgier des Fräuleins zu reizen. Von allem, was sie Ihnen sagen wird, ist Ihnen einfach nichts bekannt. Sie wird vielleicht schlimme Dinge sagen, aber Sie brauchen ja nicht mit ihr zu disputieren. Haben Sie begriffen? Sie verstehen, um was es sich handelt?«

»Gewiß, Frau Baronin, ich verstehe genau und werde mich genau nach den Anweisungen von Frau Baronin richten«, erwiderte Elisabeth, stolz auf ihre Mission und vom Erfolg im voraus überzeugt.

Es war elf Uhr, als sie sich auf den Weg begab; um halb eins kehrte sie in aufgelöstem Zustand zurück. Josephe hatte gerade eine Besprechung mit dem Pächter der Wiesengründe; Elisabeth konnte kaum erwarten, bis er gegangen war. Sie berichtete. Sie war atemlos. Ihr Gesicht war gerötet. Sie war empört.

Die Woytich hatte sie ganz liebenswürdig, wenn auch etwas mißtrauisch empfangen und sie eine Zeitlang ruhig reden lassen und ruhig angehört. Plötzlich hatte sie den Blick starr auf sie geheftet und unvermittelt gefragt: »Also hat der kleine Kalfakter doch aus der Schule geschwatzt?« Elisabeth hatte sich erstaunt gestellt, aber das Fräulein, wie zum Sprung geduckt, hatte sie angefahren: »Kommt sie oder kommt sie nicht, die falsche Kröte? das will ich wissen und nichts anderes. Hat mans ihr verboten, zur alten Ulrike Woytich zu gehen oder nicht?« Elisabeth, nach der Vorschrift, wollte nicht verstehen. Da lachte die Woytich boshaft und rief aus, man solle sie doch nicht für so einfältig halten und glauben, sie krieche auf den blöden Leim; wenn andere noch längst in den Federn schnarchten, stehe sie bereits in ihren Schuhen; ihr brauche man keinen Blümelblamel vorzumachen, auf derlei Handelsgeschäfte lasse sie sich nicht ein, sie sei keine Schacherjüdin und betreibe keinen Kramladen. Sie sei nicht wie die noblen Herrschaften, die alles zusammenramschten, was ihnen unter die Finger gerate; sie gebe sich mit dem zufrieden, was sie habe, und bei ihr komme man mit Flausen nicht durch. Das Kind mit Beschlag belegen und die Puppe mit Beschlag belegen, das könnte der Frau Baronin so passen; aber daraus werde nichts, nie und nimmer, nicht für alles Melanderische Geld. In dieser Tonart ging es noch eine Weile fort; sie regte sich immer mehr auf und fing an, von Fanny zu reden und von der Puppe zu reden, nannte Fanny einen tückischen Racker und drohte, die Puppe, die süße Evelyn, wie sie nachäffend sagte, zu verbrennen: ganz irr und wirr; sie krähte zornig und verfiel in eigentümliche Ausbrüche von Zärtlichkeit, als ob sie das Kind beschwören wolle, als ob ihr bitteres Unrecht von Fanny geschehen sei und sie es ihr klagend vorhalte; dann pflanzte sie sich vor Elisabeth auf, sah sie mit ihren violetten Augen (Elisabeth versicherte allen Ernstes, daß sie violette Augen habe) scharf an und fragte, ob es nun unabänderlich und unwiderruflich sei, daß Fanny sie nicht mehr besuchen dürfe? Elisabeth, die jetzt die Verstellung aufgab, da sie keinen Nutzen mehr darin sah, bejahte. Da sagte die Woytich auf einmal ganz gefaßt, sie lasse sich der Frau Baronin gehorsamst empfehlen und sie könne die Puppe haben; ja, sie könne die tote Evelyn haben, fügte sie auf eine überraschte Bewegung Elisabeths grinsend hinzu, aber nur im Tausch gegen die lebendige Fanny; das möge man der Frau Baronin von ihrer alten Freundin und ergebenen Dienerin melden. Nach diesen Worten hatte sich Elisabeth in schweigender Entrüstung entfernt.

Josephe zuckte resigniert die Achseln. »Das ist alles traurige Posse und Theaterspielerei«, sagte sie; »ich danke Ihnen, Elisabeth, Sie haben jedenfalls das Mögliche getan.«

Am Nachmittag, einige Minuten nach fünf Uhr, kam Josephes Jungfer in das Zimmer, wo sie ausruhend auf dem Sofa lag, und sagte etwas scheu: »Es ist eine Dame unten im Gartensalon, die die Frau Baronin zu sprechen wünscht.«

»Wer ist es? Hat sie ihren Namen nicht genannt?« erkundigte sich Josephe ahnungsvoll.

»Doch; Fräulein Woytich.«

Es überfiel Josephe wie Lähmung. Sie bedurfte ihrer ganzen Selbstbeherrschung, um vor dem Mädchen ihre Haltung zu bewahren. Sie antwortete mit kaum vernehmlicher Stimme: »Ich bin nicht zu Hause. Ich lasse bitten, das Anliegen, falls ein solches vorhanden ist, schriftlich mitzuteilen. Sagen Sie vor allem Fräulein Schönholz, daß sie sich mit Fanny nicht aus dem Zimmer rühren soll. Wundern Sie sich nicht lang, es hat seine Gründe.«

Als die Jungfer das Zimmer verlassen hatte, drückte sie die Hand wider ihre Brust, aber unwillkürlich ballte sich die Hand zur Faust, und Purpurröte überzog Wangen und Stirn. »Gott schütze mich und verleihe mir Kraft«, murmelte sie.


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