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Rex war durch diese Räubergeschichte zu einem ortsbekannten Helden geworden.

Wenn er mit Frau Hella ausging, so hörte sie oft ein Geflüster hinter sich, merkte ein Stehenbleiben und Umdrehen: »das ist der Hund, der den g'schliffenen Ferdl gestellt hat ...«

Rex selbst legte keinen Wert darauf, bewundert zu werden.

Frau Hella aber freute sich darüber und empfand einige Gehobenheit durch das Bewußtsein, daß dieses schöne und stolze Geschöpf ihr auf Leben und Tod gehorsam und ergeben war. Es machte ihr Vergnügen, eben angesichts solcher Bewunderung den Hund mit einem kurzen Pfiff zu sich zu rufen und seine schmeichelnden Beteuerungen völliger Zugehörigkeit entgegenzunehmen.

Auch der alte Oberlehrer Bartosch hielt mit seinem Lob nicht zurück, als er den Doktor bei einem Abendspaziergang traf. Um mit dieser gewandelten Welt fertig zu werden, seien mehr als je scharfe Zähne nötig. »Wir haben halt keine Zähne mehr,« sagte er mit jenem schwachen Lächeln, mit dem er seine endgültigen Schlüsse zu begleiten pflegte, »keine Zähne ... ich und mein Bimm!«

Im Hauswesen des Doktors Schittelhelm ging eine Veränderung vor, die darin bestand, daß Mama Tröger abreiste. Der Doktor und Frau Hella hatten sie zur Bahn gebracht, ein großes, brüllendes, schnaubendes Ungetüm mit einem langen, rasselnden Schweif hinter sich, in dem Menschen saßen, war angebraust und hatte sie mitgenommen. Rex ließ dies ohne sonderliche Gemütsbewegung geschehen, und als der Doktor und Frau Hella auf der langen, baumbestandenen Landstraße heimkehrten, trabte er fröhlich voraus, jagte hinter Spatzen drein und kam nur von Zeit zu Zeit zurück, um sich zu vergewissern, ob er auf dem richtigen Weg sei und sich zu melden: Hier bin ich!

»Na also, jetzt ist dein Wunsch erfüllt,« sagte Frau Hella, »die Mama ist fort!« Sie sagte es ohne Vorwurf und sogar mit dem still erblühenden Hoffen, es möge sich aus dieser Rückkehr in die eheliche Zweisamkeit wieder ein besseres Verstehen zwischen ihr und ihrem Manne erheben. Der Himmel war unendlich weit und hoch über das Land gespannt, die Waldberge zogen in wundersamer dunkler Schwellung dahin, auf der anderen Seite glänzte die Ebene mit einzelnen aufleuchtenden Ortschaften bis an ein fernes dämmerblaues, wolkenähnliches Aufbäumen, das ein anderes Gebirge bedeutet; und in dieser reichen, sommerreifen Welt war unendlich viel Raum für Liebe und ein Rufen nach Zärtlichkeit und Glück.

Dem Doktor aber war es versagt, sich diesem seligen Zustand der Erde zu erschließen. Er war so wund wie nur je und nun, da das erwünschte Alleinsein eingetreten war, fehlte ihm das Vertrauen, daß es noch zum Guten gedeihen könnte. Das Bruchstück eines Briefes wollte nicht aus seinem Sinn, als einziges, grelles Licht in einer nächtlichen Finsternis von Verrat, in der er herumtappte. In dieser Bedrängnis sah er als einzigen Ausweg ein klares, unumwundenes Gestehen, aber er kannte Frau Hella zu gut, um nicht zu wissen, daß es nicht erzwungen werden konnte, sondern aus ihr selbst ausbrechen mußte. Jedes Wort, das sie dazu hinführen wollte, konnte nur das, was zwischen ihnen einst gewesen war, noch mehr verschütten.

Er schwieg also, und da er Frau Hella nicht sehen lassen wollte, wie bekümmert er war, legte er eine Schichte von Verdruß über sein Gesicht, ganz wie ein griesgrämiger Ehemann, der seinen Launen freien Lauf läßt.

Wie Frau Hella dies bemerkte, fiel sie sofort wieder in ihren alten Trotz zurück und holte alle jene feindseligen Gefühle von Unzulänglichkeit und Unerfülltheit ihres Lebens wieder hervor, um sich hinter ihnen zu verschanzen. Hätte er nicht, sagte sie sich, alle Ursache, sich zu bemühen und um mich zu werben? Hat sich mir nicht die Welt wieder aufgetan, ist nicht einer da, dem jedes Lächeln, jeder Blick von mir Glückseligkeit bedeutet, dem jedes flüchtige Vorüberstreifen Ströme von Glanz und Inbrunst entzündet? Ich spiele mit dem Feuer, gut, aber soll ich dazu verurteilt sein, immer nur in der erloschenen Asche diese Ehe zu wühlen? Soll ich das Bewußtsein meiner Jugend, das Jauchzen des Sieges dahingeben, um nichts dafür zu haben als die graue Armseligkeit, eine anständige Frau zu sein? Wie aus der üppigen, leichten, sonnigen Sommerwelt herübergeweht, kam eine seltsame Gewalt über sie, die sie aus der Nähe dieses mürrischen Menschen wegtrieb und eine flüsternde, begehrliche, lockende Stimme mitbrachte, die sich in ihr Ohr schmeichelte.

Dennoch konnte sie sich nicht entscheiden, und da sie nicht frei vom Glauben an vorbedeutende Dinge war, durch die ein scheinbarer Zufall zu einem Fingerzeig geheimer Mächte wird, ersehnte sie irgend einen Hinweis auf den Weg, den sie zu gehen habe. Jetzt, jetzt muß es kommen, dachte sie in dem Zweifelszustand ihrer Seele, indem sie alle ihre Aufmerksamkeit darauf richtete, was etwa als solches Zeichen genommen werden könnte.

Wie sie so stumm nebeneinander her zwischen den ersten Häusern des Ortes in ein schmales Gäßchen einbogen, das nach einigen Windungen an Gartenzäunen hin wieder aufs Feld hinaus und abkürzend zu ihrem Haus leitete, kam ihnen ein Baumeister entgegen, der zu des Doktors Freunden gehörte. Er machte ein ernstes Gesicht und sprach den Doktor an: eben suche er ihn und es treffe sich gut, daß er ihn gefunden habe, denn er müsse ihn bitten, sogleich mit ihm zu kommen. Das Befinden seiner Frau habe sich so verschlimmert, daß er in großer Besorgnis sei und daß erwogen werden müsse, ob sie nicht nun doch auf die Klinik verbracht und der Operation unterzogen werden solle.

Der Doktor versprach, sogleich zu kommen, holte nur seine Tasche und ging mit dem Baumeister. Er kam spät zum Mittagessen, da alles schon kalt geworden war, und erzählte zwischen hastigem Löffeln der Suppe, die Operation sei nicht aufzuschieben. Morgen werde die Baumeistersfrau in die Stadt übergeführt, und da er selbst den unerläßlichen Schnitt vornehmen und die erste Nacht überwachen wolle, werde er erst übermorgen heimkehren.

Das Zeichen, dachte Frau Hella, das Zeichen!

Und als der Doktor in das Ordinationszimmer gegangen war, setzte sie sich hin und schrieb zwei flüchtige Zeilen: »Kommen Sie morgen, ich erwarte Sie hinter der Villa Ganz.«


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