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Ich finde,« sagte der Doktor eines Tages, »daß deine Mama nun lange genug bei uns zu Besuch gewesen ist.«

»Findest du?« fragte Frau Hella mit einem hellen, gefährlichen Ton von Gereiztheit.

»Ja, sie könnte wieder nach Graz fahren.«

»Du bist ein liebenswürdiger und gastfreundlicher Schwiegersohn.« Frau Hella beendete ihre Frisur und stellte mit Hilfe des Handspiegels vor dem großen Spiegel fest, daß es gut sei.

Rex, der auf seiner roten Decke vor dem Ofen saß und das Feuer anbetete, legte die Ohren zurück, irgend etwas gefiel ihm an dem Ton nicht, in dem seine Herrenleute miteinander sprachen und sein treues Herz wurde bänglich und betrübt.

»Ich möchte wissen, was du gegen die Mama einzuwenden hast?« nahm Frau Hella den Kampf wieder auf.

Nun hatte der Doktor sehr viel einzuwenden, unter anderem, daß er Mama Trögers Einfluß auf seine Frau keineswegs besonders vorteilhaft finde, daß er zu bemerken glaube, sie wirke im Sinne einer Temperaturabnahme ein, eine Art schwiegermütterlicher Eiszeit der Ehe. Eine spröde Frostigkeit wehte ihm allenthalben entgegen, herbe Zurückhaltung entzog ihm seine Frau und die kleinen alltäglichen Unzulänglichkeiten wuchsen in dieser Atmosphäre zu großen Haupt- und Staatsaktionen heran. Die gemeinsamen Mahlzeiten litten unter einer ständig zur Schau getragenen Mißbilligung, der Schittelhelm keinen anderen Grund wußte, als eine allgemeine Abneigung seitens des Gastes. Was er zu sagen hatte, begegnete einem eisigen Schweigen oder wurde so geringschätzig abgelehnt, als hätte er besser getan, nicht den Mund auszumachen. Der Geist der Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen erhob sich wieder mächtiger als zuvor, und eine spöttische Abwehr schien künftige Umwälzungen vorzubereiten.

Alles das hätte der Doktor sagen können. Es schien ihm aber geratener, das Gemüt seiner Frau anzurufen und auf ihre töchterlichen Gefühle Bedacht zu nehmen. Er fuhr fort, an seinem Schreibtisch sitzend, aus dem Kontobuch die Honorarnoten seiner Patienten auszuziehen. Dann schob er das Buch von sich und sagte friedsam innig: »Möchtest du nicht wieder lieber mit mir allein sein?«

Frau Hella erwiderte seinen suchenden Blick nicht, aber der Doktor sah, wie sie höhnisch den Mund verzog, während sie sich mühte, ihr Kleid rückwärts zuzuhaken.

Plag dich nur, dachte er, erzieherischer Weisheit voll, du sollst mich rufen, wenn du mich brauchst! Übrigens ist es ein Blödsinn, sich Kleider anzuschaffen, die hinten hundertfünfzig Hafteln haben und die man allein gar nicht anziehen kann.

Frau Hella aber, erbittert durch solche Rücksichtslosigkeit und mangelnde Aufmerksamkeit, machte die unerhörtesten Anstrengungen, um einen gewissen Punkt der Wirbelsäule unterhalb der Schulterblätter zu erreichen. Ein Ahnungsloser und in den Vorgang Uneingeweihter hätte bei plötzlichem Eintritt ins Zimmer vermuten müssen, diese junge Frau übe Stellungen für einen expressionistischen Plastiker ein, vielleicht zu einer Statue der Verbogenheit. Als sie endlich das letzte widerspenstige Haftel bezwungen hatte, ließ Frau Hella keuchend die Arme sinken und sagte, hochroten Gesichtes und zornfunkelnd: »Was dir immer für eine Sehnsucht nach dem Alleinsein mit mir einschießt, wenn die Mama da ist. Und wenn wir allein sind, dann sitzt du da wie ein Ölgötz und weißt nichts mit mir anzufangen.«

»Weil ich dir leider immer wieder anmerken muß, daß du dich langweilst,« sagte Schittelhelm im Tone sanftesten Vorwurfs, »da erfriert mir das Gefühl und die Worte werden lahm. Ich weiß, diese häuslichen Abende sind dir ein Greuel, du wärest lieber Gott weiß wo, unter Menschen, wo ein rechtes Getümmel ist, Lärm, blödsinniger Unterhaltungstrubel, da fühlst du dich wohl.«

Frau Hella war dabei, mit einem Läppchen einen leichten Hauch von Puder über die Wangen zu wischen: »Mit der Langeweile ist das so: der, der sich langweilt, ist meistens nicht selber daran schuld, sondern der andere. Langeweile ist ein Reflex der Leerheit eines anderen. Übrigens,« unterbrach sie sich, indem sie einen wütenden Blick hinüberblitzte, »wenn ich dir zu vergnügungssüchtig bin, so hättest du irgendein deutsches Gretchen heiraten müssen, dein sanftes Tuchmachertöchterlein, dein meistersingerliches, das bescheidene Hausveilchen, das auch im Topf der Ehe blüht.«

Darauf erwiderte Franz Schittelhelm nichts, denn wenn Frau Hella die Erinnerung an seine erste Liebe in die Unterredung hereinzog, so war es ein Anzeichen von Wolkenbruch und Hagelschlag. Er hatte früher die Unvorsichtigkeit besessen, einige Eigenschaften jenes erstgeliebten Tuchmachertöchterleins als vorbildlich und nachahmenswert zu bezeichnen. Das blieb ihm unvergessen und wurde zu gelegener Zeit immer wieder hervorgeholt.

Er schwieg also, aber er konnte es nicht verhindern, daß ein Schimmer träumerischen Nachsinnens über sein Gesicht schwamm. Obzwar Frau Hella so tat, als sei eben auf der Welt nichts wichtiger als das matte Elfenbeinweiß ihrer Stirne, entging ihr dieses wehleidige Leuchten doch nicht; und überhaupt ist in solchen gespannten Seelenzuständen das Schweigen ebenso gefährlich wie das Wort, denn es kann nach Belieben ausgelegt werden. Frau Hella legte es als ein Bekenntnis trauervollen Bedauerns aus. »Drittens bis siebentens,« sagte sie giftig, »glaubt so ein Herr Gemahl, schon durch seine bloße Anwesenheit zu beglücken. Er bemüht sich nicht im mindesten mehr, das hält er nicht für nötig. Er denkt nicht daran, galant zu sein. Wenn es nach ihm ginge, könnte sich seine Frau beim Anziehen die Schultergelenke auskegeln und das Rückgrat brechen, er würde keinen Finger rühren.«

Der Doktor hielt den Zeitpunkt für gekommen, seinen pädagogischen Trumpf mit Nachdruck auszuspielen: »Man trägt eben keine Kleider, die man nicht anziehen kann, ohne daß man Gefahr läuft, das ganze Knochengerüst in Unordnung zu bringen.«

»Ha!« schrie Frau Hella auf, »ha! Das ist gelungen! Das machst du gut! Weißt du, wie alt dieses Kleid ist? Drei Jahre; drei Jahre!« Sie wühlte mit Wollust in der Blöße, die sich der Gegner gegeben hatte. »Du hast wohl noch gar nicht bemerkt, wie unmodern es ist? Was? Glaubst du, es bereitet mir ein besonderes Vergnügen, wie ein Modejournal von gestern herumzulaufen, nur darum, um vielleicht einmal doch von dir der Gnade gewürdigt zu werden, daß du mir hineinhilfst. Weißt du, was modern ist? Schlupfkleider, die man über den Kopf wirft und in die man einfach hineinschlüpft. Kleider im ganzen, ohne Hafteln und dergleichen. Wenn du daran dächtest, was du deiner Frau schuldig bist, so hättest du keinen Anlaß, dich über die Umständlichkeit meiner Toilette aufzuhalten.«

Es war eine Niederlage, die sich gewaschen hatte, und der Doktor saß wie hingeschmettert an seinem Schreibtisch.

Beunruhigt sah Rex von einem zum andern. Was da vorging, war im höchsten Grad aufregend, und in seinen Tiefen wurde das dringende Bedürfnis wach, irgendwie Frieden zu stiften. Er stand leise auf und ging, getrieben von seiner Angst, im Zimmer auf leisen Pfoten suchend umher.

Wie aber gerade in vernichtenden Niederlagen sich der Geist der Erneuerung erhebt und zu ungeahnter Widerstandskraft ermutigt, so geschah es jetzt dem Doktor. Die lammherzige Gelassenheit entwich und an ihre Stelle trat eine löwenmähnige Empörtheit. »Von der Mode verstehe ich nichts,« sagte er scharf und tapfer, »ich merke nur wieder auch darin den freundlichen Einfluß deiner Mama. Glaubst du, ich weiß nicht, daß sie dich aufhetzt?«

»Aufhetzt!« gab Frau Hella erbittert zurück, »sie will mich nur nicht als Aschenbrödel herumlaufen lassen.«

»Kurz und gut,« sagte Schittelhelm, mit der flachen Hand auf den Tisch schlagend, daß die Honorarnoten flatterten, »Kurz und gut, diese Szene bestärkt mich nur in dem Wunsch, daß uns deine Mama möglichst bald verlassen möchte.«

Frau Hella warf den Kopf zurück und sagte so verletzend geringschätzig als möglich: »Sie wird bleiben, so lang es ihr und mir gefällt.«

»Schließlich,« schnob der Doktor mit mühsam gebändigter Entrüstung, »möchte ich darauf aufmerksam machen, daß dies mein Haus ist.«

»Aber der Schreibtisch, an dem du sitzt,« fuhr ihm Hella entgegen, »der Sessel und dieser Tisch und alles, alles sind Mamas Möbel, die sie uns geliehen hat, damit wir uns einrichten können. Und wenn sie ihre Möbel zurückverlangt, dann sitzt du da ... in deinem Haus ... zwischen den vier kahlen Wänden.«

»Ich werfe ihre Möbel zum Fenster hinaus!« schrie der Doktor.

»Das sieht dir ähnlich!«

In diesem Augenblick bemerkte Frau Hella, daß Rex zu ihren Füßen saß und etwas Langes, Haariges in der Schnauze trug. Er saß da, hielt ihr das Ding entgegen und sah mit treuen, verängstigten, bittenden Augen zu ihr auf. Es war Hellas Fuchsboa, die er aus irgendeinem Winkel des Zimmers geholt hatte und brachte, bestrebt, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und das böse Wetter zu zerstreuen.

»Da schau den Hund,« sagte sie gerührt, »er bringt mir meine Boa. Rexi, mein lieber Kerl ... Frauerl will ausgehen? Was?« Sie nahm das Fell ab und streichelte Rex' glänzenden Kopf. Freudig bewegt sprang der Hund auf und sein Schwanzstummel gab ein verzücktes Wedeln an.

Sie sahen einander an, der Doktor und Frau Hella, ein wenig beschämt, als hätten sie sich im Beisein eines Dritten allzusehr gehen lassen.

Vor dem Haus erhob sich ein urweltliches Blöken und Grunzen.

»Gott sei Dank, das Auto,« sagte Frau Hella.


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