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Alles dies lernte Rex nicht an einem Tag, sondern nach und nach in eifrigem Bemühen, die Welt, in die man gestellt war, zu verstehen und sich in sie zu finden.

Kurz nach seinem Eintritt in sie ereignete sich aber etwas, das ihm fast dieser Mühe für immer enthoben hätte.

In einer nahrhaften Gegend geboren, hatte er nach Entzug der Muttermilch keinen Mangel an anderer Milch gehabt. Die Bäuerin, in deren Hof seine Geburtsstätte gewesen war, hatte etliche Kühe im Stalle stehen und deren Euter gaben genug ab, daß auch für die jungen Hündlein reichlich mitgesorgt war. Sie schleckten sich aus dem irdenen Schüsselchen, das im Zwinger stand, etliche Male im Tag weiße Bärte an. Nun aber war Rex in eine Landschaft verschlagen, in der Mangel und Not daheim waren. Die große Stadt dahinten schluckte und sog alles ein, und die Küche des Hauses Schittelhelm war sehr auf ein Genügen an Ersätzen eingestellt.

Die tränenfeuchte Jungfrau aus Oberösterreich nahm dies mit Mißvergnügen wahr, und wenn sie sich vor Augen hielt, welche selbstverständliche Fülle von Butter, Milch und Eiern in ihrer Heimat herrschte, flossen ihre Tränen immer wieder von neuem.

Rex indessen stürzte sich gutwillig und heißhungrig auf den Napf, den man ihm reichte und fraß das Gemüse ohne Zutaten in sich hinein, als wäre es köstlichste Speise. Am dritten Tag aber widersetzte sich sein milchverwöhnter Magen solcher Zumutung, die Eingeweide brannten ihm wie Feuer und sein Herr fand ihn morgens mit aufgetriebenem Bäuchlein, matt und unfähig sich zu erheben in seiner Kiste.

»Mir scheint, der Hund ist krank,« meldete er im Schlafzimmer, wo Frau Hella, selbst an einer leichten Erkältung erkrankt, im Bette lag.

Dann ging er wieder hinunter und stand an der Kiste, ratlos und mitleidsvoll vor dem stummen Leiden der Kreatur. Er sah, wie es in dem mageren Körper wühlte und arbeitete, wie Krämpfe die Beine zusammenzogen und unter dem Fell hinzuckten. Der Kleine wedelte ergeben zum Dank für die streichelnde Liebkosung der Hand, dann nahm er seine Kräfte zusammen, stolperte aus der Kiste und wankte zur Türe.

Draußen im Garten erbrach er sich, aber als ihn der Doktor wieder ins Haus mitnehmen wollte, verkroch er sich ins Gebüsch, ganz tief hinein und war nicht zu bewegen, hervorzukommen.

»Es steht schlecht mit ihm,« berichtete der Doktor am Krankenbett seiner Frau, »wenn sich die Tiere verkriechen, so ist das ein Zeichen dafür, daß es ihnen nicht gut geht.«

Frau Hella, noch von einer morgendlichen Auseinandersetzung mit dem Gatten übler Laune, gab keine Antwort. Sie tat, als schliefe sie, ließ Schittelhelm, der im guten Glauben war, auf Zehenspitzen aus dem Zimmer schleichen und schlug die Augen erst auf, als sie ihn unten das Haus verlassen hörte. Es war ein böser, ergrimmter Blick, den sie über den Raum und die Dinge in ihm sandte, spöttisch zugespitzt und erbittert zugleich. Wie armselig und zusammengestoppelt diese Einrichtung war, jedes Stück aus einem anderen Land, abgeschabt und verbraucht, eine Armeleutewohnung. Wo war der Glanz, den sie vom Leben zu erwarten, ja zu fordern berechtigt war?

Sie nahm den Handspiegel vom Nachttisch und besah sich darin. Goldblond umrahmte das offene Haar das sanfte Oval ihres Gesichtes, dessen Regelmäßigkeit ohne Makel war. Ihre klare Stirn leuchtete, ihre Augen blühten im blauen Licht, Nase, Mund und Wangen so wohlgebildet und in wundersamster Beziehung untereinander. Sie sei noch immer die Schönste im ganzen Land, flüsterte ihr der Spiegel zu.

Wie sie den Spiegel aber ein wenig drehte, sah sie von seinem perlmutterumrandeten Oval wieder Teile des Zimmers gefaßt, Kasten und Waschtisch, die Ottomane mit dem schäbigen Überwurf, das wackelige maurische Tischchen, die langweiligen Jagdbilder an den Wänden, die ganze billige Herrlichkeit aus den ersten Zeiten der Ehe, Strandgut aus den schimmernden Tagen des Einst. Und der Spiegel flüsterte ihr zu, daß dies für die Schönste im Land eine unwürdige Umgebung sei.

Und plötzlich erstand aus jenen gefährlichen, rätseldunklen Tiefen des Spiegels, aus jenen Hintergründen, die hinter den gespiegelten Dingen wartend zu schlummern scheinen, ein anderes Bild, als zeige dieses Glas nicht nur die Wirklichkeiten, sondern manchmal auch die Träume, die von ihnen überdeckt sind. Es war ein Zimmerchen mit blaßblauen Seidentapeten, einem spitzenbedeckten Bett, das von einem schleierdünnen, in zärtliche Falten geschmiegten Baldachin behütet war, einem Ankleidetisch in blaugeädertem Marmor mit Lapislazuli ausgelegt, weißtürigen, in die Wand eingelassenen Schränken, das Ganze ein Märchen in Blau und Weiß; und daneben, einem geblendeten Blick halb geöffnet, eine strahlende Muschel von Badezimmer mit vertiefter Wanne, zu der leuchtende Stufen hinabführten.

So sah es im Reich von Frau Hellas Wünschen aus.

Das Bild wich aus dem Spiegel, die Hand, die ihn hielt, sank herab, verwühlte sich in die Decken des Nachbarbettes. Da war die Gemeinsamkeit wieder, diese dumpfige Gedrängtheit von Bett an Bett, zu der sie vom Leben gezwungen war, anstatt in der königlichen Einsamkeit eines eigenen Schlafzimmers Herrin ihrer Nächte sein zu dürfen. Wie sie diese bürgerliche Enge, diese nichtssagende Alltäglichkeit haßte. In ihr war Hellas Nähe keine Gnade, sondern eine schmale Selbstverständlichkeit nach dem Gebot der Zeit und zugleich nach dem unentwickelten, rückständigen Geschmack des Gatten.

Sie richtete sich ein wenig auf, kramte hinter den Kissen und zog einen Brief hervor. Sie strich die knisternden Falten glatt und las zum zehntenmal:

»Schönste Frau! Ich darf Sie noch so nennen, aus guten Gründen, mit, wie die Philosophen sagen, objektiver und subjektiver Berechtigung. Einmal, weil Sie es ja doch vor Gott und den Menschen sind, und dann, weil ich noch immer glaube, mir das Recht des Freundes herausnehmen zu dürfen, Ihnen die Wahrheit zu sagen. Daß die Wahrheit für Sie wie eine Schmeichelei aussieht, ist eine Sache, für die ich nichts kann; aber ich freue mich, daß es so ist und daß gerade mir als Künstler der seltene und immer wieder überwältigende Jubel zuteil wird, einen Fall zu wissen, in dem Wahrheit und Schönheit eins sind. Hören Sie, welch ein Fanatiker Ihrer Schönheit sich Ihnen Freund nennt. Vor einigen Tagen kam ein Amerikaner in mein Atelier, geführt von einem guten Geist, einer Fee namens Valuta. Sie wissen, die Amerikaner sind die Leute aus einem Land, wo die Dollars gemacht werden. Mit diesen Dollars kann man jetzt sehr viel kaufen, vorausgesetzt, daß man sie hat. Mein Amerikaner hatte eine ganze Tasche voll davon, klimperte mit ihnen und sagte, er wolle mir einiges abkaufen. Ich ließ ihn also herumschnüffeln und er fand auch etliches, was ihm beachtenswert erschien. Endlich kam er auch an mein Allerheiligstes: Sie wissen, die blaue Nische, in der Ihre Büste steht, die ich in jenen, ach schon so fernen Tagen gemacht habe. Als ich den Vorhang zurückzog, da taumelte, ich bitte, Sie dürfen es mir glauben, er taumelte, der Amerikaner, wie geblendet zurück und stand in sprachloser Ergriffenheit da. Ob das ein Gebilde meiner Phantasie oder ob es nach einem lebenden Vorbild gemacht sei? Es war wie im Märchen, wenn der Königssohn das Bild jener fernen Frau sieht, bei deren Anblick er ausruft: »Die oder keine!« Ich kann Ihnen nicht sagen, in welche Aufregung der Mann geriet. Alles, was ihm bisher von meinen Sachen gar wohl gefallen hatte, war vergessen, und sein ganzes Verlangen stürzte sich auf diese Büste; er benahm sich durchaus unamerikanisch und entflammte wie der heißblütigste Südländer, zu welchem Zweck er sogar seine Pfeife aus dem Mund nahm. Er bot mir die unerhörtesten Summen, aber – und nun staunen Sie oder staunen Sie vielmehr nicht – ich wies ihn ab. Obzwar ich noch immer nicht besser mit Glücksgütern gesegnet bin als dazumal, ich wies ihn ab. Ich war außerstande, mich von einem Stück Marmor zu trennen, das mir mehr als ein Werk meiner Hände, das mir eine lebendige Erinnerung ist. Er überredete mich schließlich, mein Gott, Kunst geht nach Brot, ihm eine Wiederholung Ihrer Büste zu machen, aber wenn ich mich dazu bereit fand, so war es ebensosehr auch aus dem Wunsch, noch einmal die tiefe Freude zu genießen, Ihre Züge wieder aus dem toten Stein hervorzurufen.

Sie sehen, die Welt, die Sie nicht kennt, sehnt sich nach Ihnen wie nach einem besonderen Glück des Daseins. Wie denn erst die Welt, die Sie kennt. Ja, Sie haben in dem Kreis, den Sie einst beherrschten, eine Lücke hinterlassen, eine Wunde, die sich noch nicht geschlossen hat. Wenn wir, Ihre Getreuen von damals, jetzt einmal zusammenkommen, so sehen wir uns manchmal an und seufzen, und ohne daß wir uns es sagen zu brauchen, wissen wir, warum wir seufzen. Wäre es nicht diese Erinnerung, die uns zusammenhält, so wären wir längst zerfallen. ›Wir anderen sind einzelne Trümmer,‹ sagt der Dichter, das Band, das uns einte, waren Sie. Ja, Sie! Manchmal fängt einer zu erzählen an, aber was er auch aus den vergangenen Tagen erzählen mag, alles dreht sich irgendwie um Sie.

So geht es uns! Und nun: Wie geht es Ihnen? Was macht der gute Doktor? Noch immer bemüht, als Wohltäter in Röhrenstiefeln und Lodenjanker, ein fester Naturmensch und guter Bürger? Sie haben ja jetzt ein eigenes Haus, haben rechtzeitig einen Besitz erworben, der Sie aller Wohnungsnot enthebt. Ich male mir manchmal aus, wie der gute Doktor abends heimkommt, wie Sie ihn mit ungeduldiger Zärtlichkeit erwarten, geschmückt mit allen hausfraulichen Tugenden, und wie Sie es ihm so recht behaglich machen, auf daß es ihm wohlergehe auf Erden. Nein, ich will nicht spotten, das haben Sie nicht verdient. Ich sprach vor kurzem Ihre Mama, sie machte mir aus der Tiefe ihres liebevollen Mutterherzens Andeutungen ... aber sie konnte mir nichts andeuten, was mir mein ahnendes, immer noch Ihnen verbundenes Gefühl nicht schon längst gesagt hätte. Warum haben Sie sich gerade an den Mann verschenkt, der von uns allen am wenigsten von Ihrem Wesen verstand? Ich begreife, es war die Verwirrung der ersten Zeit nach dem Zusammenbruch Ihres väterlichen Hauses. Sie, in Üppigkeit und Sorglosigkeit des Reichtums erzogen, sahen sich mit einemmal gegenüber dem Nichts, ringsum tobte der Krieg, da nahmen Sie die Hand, die Ihnen am ehesten von uns allen eine Sicherung des Lebens zu bieten schien. Die Zeit war nicht darnach angetan, solche Entschlüsse sorgfältig zu überlegen, sie förderte vielmehr ganz unverantwortlich unbedachtes, flüchtiges Zueinanderstreben, sie schlang um oberflächliche Neigungen mit törichter Raschheit vor vollendeter Prüfung das unzerreißbare Band der Ehe. Ich weiß eine ganze Anzahl von Kriegstrauungen, denen die Erkenntnis der inneren Unzugehörigkeit und die Reue gefolgt sind.

Verzeihen Sie mir diese offene Sprache. Mit demselben aus meiner Freundschaft abgeleiteten Recht, mit dem ich Ihnen sagte, daß Sie schön sind, sage ich Ihnen jetzt: ich weiß, daß Sie nicht glücklich sind. Sie kommen mir vor wie eine entthronte Prinzessin, eine Königin in der Verbannung, entwürdigt und schmählich vom Geschick verraten. Wo ist die große Welt, in der Sie zu herrschen berufen waren? Sie haben gegen sie ein ländliches Dasein eingetauscht, die Einöde Ihrer Ehe, die bürgerliche Sicherheit eines knappen Auskommens, einer Lebenshaltung, die sich inmitten der Bedrängnis der Zeit nur mit Mühe behauptet. Ein Heim, in dem man von Ihnen zum Entgelt dafür, daß man es Ihnen bietet, die Tugenden der Hausfrau verlangt, obzwar Sie zu nichts weniger geeignet sind und in dem man mit Ihnen unzufrieden ist, wenn Sie nicht sind, wie Sie nicht sein können. Während andere Frauen, die nicht den hundertsten Teil des Anspruches darauf besitzen, den Sie erheben dürften, aus dem Vollen schöpfen, fehlt es Ihnen an allen Ecken und Enden und man macht noch Ihnen Vorwürfe ...

Ach, genug davon! Nun wissen Sie um meinen Kummer. Er wäre noch größer, wenn ich nicht hoffte, Sie im Herbst zu sehen. Es soll eine Ausstellung meiner Werke im Künstlerhaus stattfinden und man wünscht meine Anwesenheit. Darf ich diesen Anlaß wahrnehmen, um zu kommen und das Jetzt wieder an das Einst zu knüpfen?

Ihr unverbrüchlich innig ergebener
Georg Christoph.«

Frau Hella faltete den Brief wieder zusammen und lächelte ins Wesenlose. So weit war es also schon, daß man um ihren Jammer wußte, daß man darüber sprach und davon schrieb. Daß man diesen unverschämten, diesen entzückenden, diesen niederträchtigen Brief an sie zu richten wagte mit dem kaum verhüllten Wunsch, sich ihr wieder zu nähern und mit der Hoffnung, sie trösten zu dürfen. Sie fühlte die Absicht, mit der man eine verklärte Erinnerung an die Triumphe ihrer Mädchentage in ihr wachrief und sie zur Empörung reizte.

In einer sonderbaren Gefühlsverworrenheit kreuzte Hella die Arme unter dem Kopf und starrte zur Decke, von der ein langer grauer Spinnenfaden herabhing, ein Zeichen ihrer hausfraulichen Unzulänglichkeit, das jetzt in einem sonst unfühlbaren Luftzug leise baumelte. In diese Verlorenheit drang fern vom Rande des Bewußtseins her ein leichtes Geräusch, ein leises Kratzen an der Türe des Schlafzimmers. Es war schon längere Zeit unbeachtet geblieben, jetzt aber drang es endlich in Hellas Ohr und breitete eine seltsame lebendige Wärme durch sie aus.

Wie von einem Ruf getroffen, erhob sie sich und öffnete die Türe, da saß das kleine Hundetier auf der Schwelle, armselig, zitternd, mit struppigem Fell, und sah sie mit einem solch tiefen Blick des Jammers und der Angst an, daß Hella vor seiner Menschenhaftigkeit fast erschrak. Sie bückte sich, hob es auf die Arme und nahm es mit sich ins Bett.

Wie hatte das Tier den Weg, den noch nie zuvor gegangenen Weg in den Raum gefunden, in dem ein Wesen war, von dem es Mitleid und Hilfe erhoffte? Welcher dunkle Drang hatte ihm gesagt, wohin es sich wenden sollte? Wie hatte es sich mit seinen Schmerzen und in seiner Not von einer der hohen Stufen zur andern geschleppt, um an der richtigen Tür ein Zeichen seiner Anwesenheit zu geben?

Jetzt lag es dicht an Hella geschmiegt, von einer Schulter zur andern, wie ein kleiner, lebender Pelzkragen, durchschüttert von Krämpfen. Es hatte seinen Schmerz zum Menschen getragen, wie der Mensch den seinen zu Gott hinträgt, mit demselben Vertrauen auf Erbarmung und gnädige Abwendung des Übels. Es genoß in völliger Hingegebenheit die Wärme des Bettes und des Leibes der Frau und blies seinen leichten Atem über ihre Haut hin, während seine weichen Pfoten ihren Hals umklammert hielten.

Vor der runden, schwarzen, heißen Nase hing eine winzige Bettfeder, die von jedem Stoß des Atems gekräuselt wurde.

Eine seltsam selige Glücksstimmung hatte sich der Frau bemächtigt, eine unbewußte Regung von Mütterlichkeit, die ihr tiefstes Leben berührte, ohne sich in Klarheit selbst aufzuheben. Und während sie von ihrer Wärme an den Körper des kranken Hündleins Genesungskräfte abgab, war es, als ströme von diesem kleinen, bedrängten Wesen her ein Gefühl in sie, in dem sich ihr Wollen reinigte und sich ihre Verworrenheit in Zufriedenheit löste.

Von diesem Tag an war Rex Frau Hellas Hund.


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