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8

Als sie die Tür öffnete, kam Mama Tröger aus ihrem Zimmer. »Ich habe euch sprechen gehört, da wollte ich nicht hereinkommen. Was hat es denn gegeben?«

»Ach nichts!« sagte Frau Hella übellaunig.

Vor dem Haus bebte der glänzend schwarze Leib eines wundervollen Autos. Verhaltene Kraft pulste in seinen Flanken, rotes Juchtenleder dehnte sich in geschmeidiger Schwellung über die Sitze, ein Haufen von Pelzen und Decken wartete auf den Einschlupf der schlanken Frau. Am Schlag stand Georg Christoph Förster und schwenkte übermütig die Mütze. Sein blonder Spitzbart hatte einen unternehmenden Schnitt, seine Augen lachten: »Küß die Hand, die Damen! Fahr'n mer, Euer Gnaden!«

Eine plötzliche Lebenslust, ein unbändiger Andrang süßer Raserei durchströmte Frau Hella. Mit einemmal sah die Welt so überaus glückhaft und verheißungsvoll aus. All das Zermürbende, Quälende, Unzulängliche war abgefallen und in dem Haus dahinten geblieben.

Der Bildhauer hatte den Damen die Hände geküßt. »Ist das nicht fesch von Mister Beckers, daß er uns seinen Wagen zur Verfügung stellt? Er hätte die Damen gern selbst abgeholt, aber er hatte noch vorher eine geschäftliche Besprechung, Sie müssen also mit mir vorlieb nehmen.«

Plötzlich stürmte Rex daher. Er hatte sich irgendwie aus der Küche gestohlen und tanzte um seine Herrin, fassungslos, daß sie wirklich das Haus verlassen wollte und noch dazu in einem Ungetüm, dem gar nicht recht zu trauen war.

Er umschnupperte das Ding, konnte nicht recht mit sich ins reine kommen, wie man sich zu ihm stellen sollte, und als der Mann, der vorne hinter einer Glasscheibe sah, auf einen Ball drückte und das Ungetüm einen plötzlichen Schrei ausstieß, da fuhr Rex zurück und begann es wütend zu verbellen.

Seine Meinung ging jetzt dahin, daß man nichts damit zu schaffen haben dürfe.

»Willst du mitfahren, Rex?« fragte Frau Hella. Rex wußte nicht recht, wie das zu nehmen sei und sah seine Herrin zweifelnd an.

»Versteht er etwas von Kunst?« fragte Förster.

»Wir haben uns heute ein wenig gezankt, und da hat er den Vermittler gespielt.«

»So, Sie haben sich mit Ihrem Mann gezankt,« sagte der Bildhauer bedeutungsvoll und sah Mama Tröger an, aber in deren Gesicht war eine eisige Starre, als sei sie an den Vorgängen im Haus des Doktors völlig unbeteiligt.

Die Damen stiegen ein und hüllten sich in die Pelze, und als Rex sah, daß es mit dem Wegfahren ernst wurde, war er mit einem gewandten Satz neben dem Chauffeur. Mochte kommen was da wollte, er war entschlossen, seine Herrin nicht zu verlassen und wenn es in Tod und Verderben ging.

Als der Wagen losfuhr, da gab es ihm einen ganz abscheulichen Ruck durch sein Inneres und diesem folgte ein niederträchtiges Gefühl von Unsicherheit im Magen und Gedärm, als ob er etwas gegessen hätte, das durchaus wieder hinaus müßte. Er stemmte sich mit den Pfoten gegen den Sitz und eine stille Verzweiflung bemächtigte sich seiner bei der Gewißheit, daß er jetzt einer Macht preisgegeben war, die mit ihm dahinraste.

Der Mann neben ihm lachte, und da dieses Menschenlachen etwas war, das man am allerwenigsten vertrug, sah ihn Rex wütend aus den Augenwinkeln an. Sobald man aber erst eine Weile gefahren war, legte sich das peinliche Gefühl, und Rex sah ein, daß auch dieses schwarze, schnaubende, blökende Tier den Menschen Gehorsam zu leisten hatte. Er begann nach und nach Gefallen an diesem Dahinstürmen zu finden, und während er anfangs nur mit seinem eigenen Elend beschäftigt gewesen war, konnte er jetzt seine Aufmerksamkeit den Dingen zuwenden, an denen man vorbeikam. Man fuhr auf einer schnurgeraden Landstraße dahin, und die Bäume flogen nur so entgegen und vorüber. Man schoß mit Gebrüll durch Ortschaften, und wenn die Dorfköter dem Wagen in den Weg sprangen und zur Seite geschleudert wurden, empfand Rex das Bewußtsein einer unerhörten Überlegenheit über diese niedrigen Existenzen. Er saß hinter der Glasscheibe neben dem Mann, der an einem Rad drehte, und hatte ein kühnes Herrengefühl. Je länger die Fahrt dauerte, ein um so hochmütigeres Gesicht machte er, als sei diese ganze Veranstaltung eigentlich seinetwegen unternommen worden. Ab und zu überzeugte er sich durch einen Blick nach rückwärts, daß seine Herrin noch da saß und war stolz, daß sie die Zeugin seines Triumphes war.

Schließlich drängten sich die Häuser immer näher zusammen, wuchsen immer höher empor und hörten gar nicht mehr auf. Die Fülle wechselnder Eindrücke wurde verwirrend, es wimmelte von Menschen, und ein Lärm erhob sich rings, der einen betäubte. Man hielt, nachdem dies eine Weile gedauert hatte, vor einem Haus, zu dem eine breite Treppe hinaufführte, an deren Beginn links und rechts zwei vielfarbige, bauchige Töpfe standen. Da Rex sah, daß seine Herrin ausstieg, sprang er mit einem Satz von seinem Platz und stürmte auf sie los, sie eifrig beglückwünschend, daß es so gut abgelaufen war.

Ein Gedränge von Menschen war in dem Haus, zwischen deren Beinen man sich kaum auskannte. Frau Hella war sogleich mit einigen von ihnen im Gespräch so in Anspruch genommen, daß sie sich um den Hund nicht kümmern konnte. Gekränkt versuchte Rex, sie auf sich aufmerksam zu machen, als ein Mann in einem schwarzen Rock mit weißer Halsbinde herantrat und sagte: »Gnädige Frau, den Hund dürfen Sie aber nicht mit hineinnehmen.«

»Ich bitte Sie, Peterleitner,« sagte Herr Förster, »die anderen Kritiker sind ja auch da.«

Peterleitner aber verstand keinen Spaß: »Es ist Vorschrift, daß Hunde nicht mitgenommen werden dürfen.«

»Schauen Sie, Peterleitner, ein Hund ist doch kein Regenschirm, daß er in der Garderobe abgegeben werden muß.«

Der Diener öffnete ein dunkles Kämmerchen, in dem allerlei Kram beisammenlag. »Geh da hinein!«, sagte Frau Hella, »Frauerl kommt gleicht« Rex war enttäuscht, empfand Undank, daß er verstoßen wurde und schlich mit angelegten Ohren und gesenktem Schwanzstummel in die Finsternis. Hinter der Tür, an der Schwelle stehend, die Nase an der Bodenspalte, roch und hörte er noch eine Weile die Anwesenheit seiner Herrin. Dann wurde es draußen still, und Rex war jetzt völlig verlassen und aus der Schwärze und Einsamkeit kroch eine tiefe Kümmernis und Bangigkeit in sein Herz.

Inmitten eines zahlreichen Gefolges schritt Frau Hella durch die Ausstellungsräume, die im Glanz des Firnistages strahlten. Kollegen Försters waren herangekommen, alte Bekannte drängten sich zum Handkuß. »Daß sich gnädige Frau doch auch endlich einmal wieder dem Volke zeigen!« Mama Tröger genoß mit aufgeschlossenen Sinnen und sog den berauschenden Duft der Huldigungen ein. Sie nahm ihren mütterlichen Anteil an allem, teilte Gnaden aus und war bemüht, zu zeigen, daß ihre Tochter, was man an ihr als Geist bewunderte, der Mama verdankte.

Hella sprühte, lächelte, lachte silbern.

Ein Minister, der die Eröffnung beehrte, wurde vorgestellt. »Gnädigste sind hier, wie ich höre, auch im Bild vorhanden. Wir werden also Gelegenheit haben, zu vergleichen, ob die Kunst oder die Natur den Vorzug verdienen.« Er ließ aber keinen Zweifel darüber, daß er seinerseits sich bereits für die Natur entschieden habe.

Der Obmann des Künstlervereines hatte die Führung: »Wir haben uns bestrebt, ohne jede Einseitigkeit auch die jüngsten Strömungen und Richtungen zu Wort kommen zu lassen. Wenn wir uns auch von allen Auswüchsen frei halten, so werden Exzellenz doch bemerken, daß wir keine Pedanten sind.«

»Gott grüß die Kunst!« sagte der Minister ernst. »Sie erhebt den Menschen über das Elend des Alltags.« Die Herren des Ausschusses nickten beifällig, und die Bleistifte der Berichterstatter setzten sich in Bewegung, um die tiefsinnigen Äußerungen Seiner Exzellenz für ihre Zeitungen festzuhalten.

Plötzlich wurde ein langgezogenes Heulen hörbar, das aus dem Innern der Erde zu kommen schien und durch die bedeutungsvolle Stille nach den Worten Seiner Exzellenz jämmerlich dahinschwebte. Der Minister erhob den Kopf und sah ein wenig betreten aus.

»Das ist mein Hund!« sagte Frau Hella verlegen.

»Er sehnt sich nach seiner Herrin,« erwiderte der Minister geistesgegenwärtig und lächelte, also daß jedermann sehen konnte, er meine, es sei kein Wunder.

Den Schöpfungen Georg Christoph Försters war ein bevorzugter Abteil eingeräumt; von der blaugrauen Wandbespannung hoben sich die weißen Plastiken wirkungsvoll ab. Vor der Büste Frau Hellas staute sich die Woge der Geladenen und die Blicke gingen prüfend zwischen dem Vorbild und dem Marmor hin und her. Frau Hella heuchelte Unbefangenheit, als sei sie persönlich völlig unbeteiligt und nur wesenhaft andächtig ganz in die Kunst versenkt.

»Es ist entzückend!« sagte die Ministersgattin, die vor noch nicht allzuferner Zeit, als ihr Gemahl noch Parteisekretär gewesen war, einen Grünzeughandel betrieben hatte. »Das muß sehr schwer sein, das aus dem Stein so herauszuhauen. Malen stell' ich mir leichter vor.«

Der Klagegesang Rexis erhob sich wieder, er schien sich unter dem Boden hinzudehnen und die Luft zu erfüllen, das Geheul eines Verdammten, der ohne Hoffnung auf Erlösung im tiefsten Abgrund schmachtet. Er schwoll an und ab, durchdrang alle Gespräche und kam bruchstückweise an den unvermutetsten Stellen zum Vorschein.

Während man noch vor der bewunderten Büste stand, wölbte sich der Ring um Frau Hella, barst auseinander und ein junger, schlanker Mann stand vor ihr.

»Da sind Sie ja, Mister Beckers,« sagte Förster, und mit einer weltmännischen Wendung an alle und besonders an Frau Hella setzte er hinzu: »Unser Amerikaner!«

Herr Beckers bedauerte ungemein, daß er, durch geschäftliche Angelegenheiten in Anspruch genommen, erst jetzt habe der freundlichen Einladung Folge leisten können. Er beugte sich ganz tief auf die Hände Frau Hellas, der Mama Tröger und der Ministersgattin herab und hatte im Augenblick alle Herzen gewonnen. Der Minister zog ihn, während man weiterschritt, ins Gespräch, die Kollegen Försters, die darum wußten, daß er als Käufer in Betracht kam, hefteten sich an seine Fersen, und die Berichterstatter hielten sich in seiner Nähe, um seine Meinung über die Lage und die Aussichten für die Zukunft zu hören.

Erst nach einer geraumen Weile gelang es ihm wieder, zu Frau Hella abzuschwenken. »Ich muß Sie noch nachträglich um Ihr Einverständnis bitten, daß ich Herrn Förster dazu bestimmt habe, die Büste der gnädigen Frau zu wiederholen. Sie haben ein Recht darauf, Ja oder Rein zu sagen.«

»Und wenn ich nun Nein sage,« lächelte Frau Hella übermütig. Mister Beckers ließ den Kopf hängen: »Das können Sie nicht verantworten,« sagte er leise und indem er seine grauen Augen wieder bittend erhob: »Ich glaube, ich könnte nicht mehr leben ohne einen Abglanz Ihres Lebens in dem meinen.«

Donnerwetter, dachte Frau Hella, nicht ohne Wohlgefallen, der geht scharf ins Zeug. Und Mama Tröger, die einen halben Schritt hinterdrein kam, sog all diese starken, heißen Worte und Blicke, diese beim Anschauen ihrer Tochter unbeherrscht werdenden Gebärden wie einen lang entbehrten Trank in sich. Es war eine Erneuerung, sie verjüngte sich, erhob sich über sich selbst und vor allem über noch jemanden: »Ihn«, der daheim saß und dem sie all das von Herzen vergönnte, was sich hier gegen ihn zu bereiten schien.

Der Rundgang war beendet und Seine rötlich schimmernde Exzellenz empfahl sich ganz im Stil vergangener Zeiten: Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut. Zu Hella aber sagte er: »Das große Ereignis dieser Ausstellung ist Ihre Büste, gnädige Frau!« Die Bleistifte der Berichterstatter flogen. Man war wieder im Vorraum angelangt, und in der dunkeln Kammer tobte Rex, der die Annäherung seiner Herrin verspürte, wie irrsinnig gegen die Türe. Sie bebte unter seinem Ansturm, er heulte ruckweise, bald unten und bald oben, in tiefen, bellenden Orgeltönen und einem schrillen, winselnden Gezeter.

Als ihm geöffnet wurde, schoß er hervor, verstört, vom Licht geblendet, und warf sich dann mit einem Aufschrei der Verzückung auf Frau Hella, ganz ohne Rücksicht auf ihr Kleid und die Haltung, die ihr inmitten des Kreises ihrer Bewunderer geboten war.

»Das ist ein prachtvolles Tier,« sagte Mister Beckers und versuchte, den Hund zu streicheln. Aber Rex wich zurück mit gesträubten Nackenhaaren wie eine Hyäne und knurrte aus tiefer Brust.

Der Mann roch nicht gut ...

Und es war etwas da, etwas zwischen ihm und der geliebten Herrin, das Rex ganz und gar nicht gefiel, und es entschied sich in diesem Augenblick, daß dieser Mann nur mit verhaltener Feindseligkeit zu behandeln sei.


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