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9

Erst nach Mitternacht blökte das Auto des Herrn Beckers vor Schittelhelms Haus.

Man war von der Ausstellung weg zu Viert – oder Rex eingerechnet zu Fünft – zum Essen gefahren, hatte den großen Sieg gefeiert, war auf Vorschlag Försters nachmittags nach einem Vorort gerast, wo in einer großen, geheizten Glasveranda ein Schrammelquartett Lustbarkeit verzapfte, die von einer ansehnlichen Zahl anspruchsloser Menschen mit heurigem Wein heruntergespült wurde.

Das sei nicht das Richtige, hatte Förster gemeint, es sei ein Betrieb, und wenn man seine Seele der richtigen Weinbeschwingtheit überlassen wolle, so müsse man schon ein wenig vom Fahrdamm der allzubreiten Gemütlichkeit abbiegen und die dämmerigen Seitenpfade der Kundigen einschlagen. Nur der Wein sei wirklich gut, um den wenige wissen. Ihm sei durch Gottes Fügung und eigene eifrige Nachhilfe hier ganz in der Nähe ein solch edles Weingeheimnis bekannt, und man möge sich nur auf ihn verlassen.

Sie saßen also eine Weile in einer niedrigen, engen Stube, wo außer ihnen nur noch etliche Weinprofessoren hinter einem grüngoldenen Trank versammelt waren. Aber hier war es nicht nach Mama Trögers Geschmack gewesen, und da Frau Hella und Mister Beckers mit ihr übereinstimmten, hatte man Förster abgesetzt und die Führung war an den Amerikaner übergegangen. Er brachte sie in ein großes Rauchtheater, wo die Kellner Mister Beckers mit ehrfurchtsvoller Vertrautheit begegneten und wo man nach einer einaktigen Operette noch eine Kette anderer zweifelhafter Kunstgenüsse geboten erhielt. Den Beschluß machte man in einer Bar, in der einige wenig bekleidete Damen mit schwarzbefrackten welken Jünglingen als Partner die neuesten Modetänze vorführten.

Rex war ein totunglücklicher, gelangweilter, von den Kellnern scheel angesehener Teilnehmer an all diesen Vergnügungen, erging sich zuerst in ungeduldigem Gewinsel, dann, als er einsah, daß man auf seine Wünsche keine Rücksicht zu nehmen gedenke, ergab er sich dem Schlaf, streckte alle Viere von sich oder lag in wachen Zwischenzeiten da, den Kopf auf den Pfoten und beobachtete aus glänzenden Augen das unverständliche Getue der Menschen. Bisweilen versuchte er auch zur Musik seine Stimme zu erheben, aber da er sofort zurechtgewiesen wurde und da es auch nicht seine Herrin war, die sich und ihm diesen Schmerz antat, ließ er sich immer wieder beruhigen.

Hingegen war er auf keine Weise, weder durch gütigen Zuspruch, noch durch scharfen Befehl zu bewegen, die Bemühungen des Mister Beckers um seine Gunst zu dulden. Bei jeder Annäherung der fremden Hand setzte er sich auf, wies die Zähne, seine Augen funkelten grün, und aus seiner Brust kam ein warnendes Knurren.

Als er, wieder hinter der Glasscheibe des Autos sitzend, merkte, daß es jetzt endlich heimwärts ging, war er überaus glücklich und begrüßte die Heimat durch ein freudiges Gebell, worauf sämtliche Kollegen ringsum in den Gärten und Höfen auch ihrerseits ihre Stimmen abgaben.

In dieser Nacht wurde der Doktor Schittelhelm zweimal durch die Nachtglocke geweckt und zu Patienten gerufen. Und jedesmal schloß sich ihm Rex auf seinem Gang an, freudig durch das Schneetreiben trabend und geduldig wartend, bis der Doktor seinen Besuch beendet hatte.

Am nächsten Morgen hielt sich Frau Hella für verpflichtet, ihrem Mann einen kurzgefaßten Abriß der gestrigen Erlebnisse zu geben.

»Ich weiß, daß du dich sehr gut unterhalten hast,« sagte der Doktor ruhig, »ich sehe es deiner Mama am Gesicht an.«

»Mister Beckers wird uns besuchen,« kündigte Hella an, »er möchte sich das Vergnügen machen, dich kennen zu lernen.«

»Ganz meinerseits,« erwiderte Schittelhelm undurchdringlich, so daß Frau Hella ihn mit leiser Beunruhigung von der Seite ansah.

Etwa eine Woche später war er wirklich da, hatte Georg Christoph Förster mitgebracht und einen Strauß Rosen, die Frau Hella in Entzücken versetzten. Sie vergrub das Gesicht in die rote Flut von Blüten, und es war, als ob sie über Wangen und Stirn einen rosigen Widerschein würfen. Während man beim Kaffee saß, kam der Doktor heim, konnte sich jedoch nicht lange aufhalten, mußte gleich wieder fort.

»Ein schrecklicher Beruf,« sagte Mister Beckers bedauernd, »man hat eigentlich Tag und Nacht keine Ruhe.«

»Ja, man sollte eigentlich das Kranksein überhaupt abschaffen,« sagte der Doktor so höflich, daß sich Mister Beckers auf die Lippen biß.

Als der Doktor wieder draußen war, ging ein Aufatmen durch die kleine Gesellschaft, Frau Hellas Lachen wurde wieder klingend, und von Mama Trögers Zügen verschwand die Kriegsbemalung.

Mister Beckers setzte seine Erzählung fort. Er war Deutschamerikaner und hatte den Krieg auf Feindesseite mitmachen müssen. Als Flieger hatte er unerhört waghalsige Dinge vollbracht, er war es gewesen, der den damals berühmtesten deutschen Kampfflieger abgeschossen hatte, er war mit einem Kameraden hinter den deutschen Linien bei Nacht niedergegangen und hatte eine Brücke und ein Munitionslager in die Luft gesprengt. Seine Berichte waren voll grausiger Spannung, eine Anhäufung von blutigen Greueln, durch die er hindurchgeschritten war in tadelloser Haltung, immer glatt rasiert, ein Gentleman, der mit dem Tod jongliert.

Frau Hella, die mit im Schoß gefalteten Händen vorgebeugt dasaß und an seinen Lippen hing, sagte mit einem Beben der Schultern: »Schrecklich! War es Ihnen nicht schrecklich, gegen Ihre Landsleute kämpfen zu müssen.«

»Ich bin Amerikaner!« sagte Beckers kurz und fuhr fort, zu erzählen, welch hohes sportliches Vergnügen ihm das Fliegen gewährt habe, überhaupt sei der Sport das, was durch die Gefahr erst dem Leben seinen eigentlichen Reiz gebe. Das Fliegen, das Klettern, das Auto, die Jagd! Ob Frau Hella von den Zwerghirschen auf Formosa gehört habe, den reizendsten Tieren, die man ersinnen könne, ganz wie Hirsche sonst, nur halb so groß, etwa wie tüchtige Hunde. Er habe einmal zwei Monate auf Formosa gejagt.

»Jetzt ist kein einziger Zwerghirsch mehr dort!« schloß er lachend. »Ich habe an einem einzigen Tage eine Strecke von dreiundsiebzig Stück gehabt.«

Frau Hella schauderte ein wenig, wenn sie sich diese Reihen toter, blutender Geschöpfe vorstellte, dieser Tiere, die nach Beckers Schilderung so anmutig und zierlich waren.

Als sich Mister Beckers empfahl und mit Mama Tröger ins Vorzimmer ging, sagte Förster, der sich noch zögernd herumdrehte: »Othello und Desdemona!«

»Wie meinen Sie?« fragte Frau Hella.

»Ich meine, mit den Freunden ist es manchmal so, daß man sich selbst den Ast absägt, auf dem man sitzt.«

»Sind Sie auf einem Ast gesessen?« Frau Hella sah ihn mit schalkhaftem Neigen des Kopfes an.

»Es war ein Traum,« sagte Förster und machte ein wehleidiges Gesicht. Und dann, indem er Hellas Hand ergriff: »Also keine Hoffnung!«

»Haben Sie es nicht in der Zeitung gelesen, daß Sie unsere größte Hoffnung sind?«

Ja, dann bleibe ihm nichts anderes übrig, seufzte Förster, als wieder zu den Steinen zurückzukehren und ihnen eine Seele einzuhauchen, da die Menschen leider oft statt einer Seele einen Stein in sich hätten. Lieber früher als später. Gleich morgen ziehe er wieder seinen bestaubten Kittel an und beginne eine neue Gruppe: die Verzweiflung, einen Jüngling, der nach einem im Stein entschwindenden nackten Weib vergebens die Arme ausstreckt.

»Viel Glück!« sagte Frau Hella, »ich bin überzeugt, das wird etwas Großes.«

Als der Doktor heimkam und Frau Hella, noch erwärmt von den Geschichten des Mister Beckers, zu erzählen begann, unterbrach sie Schittelhelm: »Sag einmal, was hat der Hund gegen diesen Mann? Ich habe Rex beobachtet, wie er sich benimmt. Er sitzt die ganze Zeit da und läßt Beckers nicht aus den Augen, aber es ist nichts Gutes in seinem Blick und es sieht manchmal aus, als ob er zufahren wollte.«

»Er kann ihn halt nicht leiden,« meinte Frau Hella obenhin.

Rex, der neben dem Doktor stand, erhob die Pfote und legte sie seinem Herrn aufs Knie, und indem der Doktor die Kopfhaare des Tieres gegen den Strich streichelte, so daß er ein komisch-mürrisches Aussehen bekam, murmelte er: »Er wird wissen, warum.«

Eine Weile später, als er bereits die Zeitung vorgenommen hatte, fragte er über das Blatt hinweg: »Was macht denn dieser Mister Beckers eigentlich bei uns?« Und da Frau Hella verwundert entgegnete: »Besuch!«, erläuterte der Doktor: »Ich meine, bei uns in der Stadt, hierzulande, bei uns im weitesten Umkreis. Er wird doch, Gott behüte, kein Lohengrin sein, den man nicht fragen darf.«

Die Art, wie der Doktor dem neuen Bekannten eine spöttische Höflichkeit zumaß, wie er jedem scheinbar überaus ernsthaft gesprochenen Worte heimliche Narrenschellen anhängte, alle diese Anzeichen von Mißbilligung des eben erst angesponnenen Verkehrs empörten Frau Hella. Sie sah sich in ihrer Freiheit beeinträchtigt und um keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, wie sich die Sache verhalte, sagte sie sehr obenhinaus und ganz vom Geist der Mama Tröger überschattet: »Er hat hier im Auftrag seiner Regierung zu tun. In Amerika nämlich wird die persönliche Tüchtigkeit und Leistung noch geschätzt und wenn jemand etwas taugt, so stellt man ihn ohne lange Umstände auf den richtigen Platz. Förster glaubt, daß man von Mister Beckers noch hören wird.«

»O ja, das glaub' ich selber,« sagte Schittelhelm mit einem niederträchtigen Muskeltanz und Lichterspiel um die Mundwinkel. »Wie Goethe sagt: ›Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben.‹«

»Wie bitte?« fragte Frau Hella, steif im Stuhl zurückgelehnt.

»Na ja ... ich meine nur!« erwiderte der Doktor mit einem kindlichen harmlosen Aufblick zu Hellas majestätischer Höhe.


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