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Sechstes Kapitel.
Wirklichkeit gegen Mythologie


Judas und Ahasver – die Sinnbilder

Im Talmud, der Schrift gewordenen mündlichen Überlieferung und Auslegung der heiligen Bücher, stehen hunderte von Legenden über die Heiligen und Helden der Thora oder Pentateuch. In ihnen ist, wer oder was fromm war, ins noch Frömmere, und, wer oder was unheilig war, ins noch Unheiligere gedichtet. Das jüdische Volk erhebt und ereifert sich in diesen Legenden zur Dichtung. Die Hagada des Talmud – die »Erzählung«, womit man die Gesamtheit jener Legenden bezeichnet – überliefert in einem bis zur höchsten Phantastik überschäumenden Fluß die jüdische Lust am frommen Fabulieren und an der Weisheit, für die es zwischen Himmel und Erde keine Grenzen gibt.

Was im Mittelalter aus den Tiefen der christlich gewordenen Völker und aus der Höhe der kirchlichen Sinngebung und Umschreibung mit den Figuren des Neuen Testaments geschehen ist, entspricht jenem jüdischen Vorgang und Vorbild. Die heiligen Figuren erwachten zu neuem Leben, zu neuen Gesichten. Was man anbetete, hob man in eine neue Helligkeit und Heiligkeit, was man verabscheute, stieß man in eine neue Dunkelheit und Dumpfheit hinunter.

Das letztgenannte Schicksal wurde dem Verräter des Heilands, seinem Jünger Judas, bereitet. Er wurde eine Lieblingsfigur der Volksmythen. Die Evangelien haben ihr Raum genug gelassen. Denn sie befassen sich weder mit der Herkunft des Judas, noch mit den Umständen, unter denen er Jünger wurde, und kaum mit den Gründen des Verrats an seinem Herrn.

Dieser dürre Tatbestand konnte dem Volk nicht genügen. Es dichtete dem Judas alle Schlechtigkeiten der Welt an. Er wurde in den Bezirk des Teufels verwiesen, oft auch mit diesem gleichgesetzt. Wie ihn Dante in der Hölle sieht, das ist die grandiose Darstellung der volkstümlichen Visionen vom Judas. Er findet ihn natürlich im tiefsten Abgrund der Verdammnis. Luzifer, der Dreiköpfige, hält ihn mit dem Mund seines roten Kopfes fest, während die Mäuler seiner beiden anderen Häupter die Verräter Cäsars, Brutus und Cassius, gepackt und gefangen halten.

Die kirchliche Poesie aller Länder befaßt sich im Mittelalter mit Judas. Von Loki, dem Verräter der germanischen Götterwelt, bis zu Ödipus, dem grauenhaft Verdammten der Antike, reichen die Quellen, aus denen die Judaslegende gespeist wird. Aber auch der Prophet Elias und viele kirchliche Heiligen haben ihren Anteil am neugedichteten Schicksal des Verräters. Alle darin zusammenlaufenden Spuren aus dem christlichen, jüdischen und heidnischen Bereich gipfeln in diesem einen Bild, das von Haß, Verachtung und Verwerfung strotzt. Judas war der Verbrecher par excellence.

Schon sein Name wies auf die Juden hin. Judas galt nicht mehr so sehr als Jünger des Heilands denn als Vertreter des Judentums. In der Bild- und in der Bühnendarstellung der Mysterienspiele trug er rotes Haar und den im Mittelalter üblichen Judenbart. Bei Prozessionen, die sich gelegentlich an die frommen Spiele anschlossen, wurde er in einem Verbrecherkarren gefahren. Da und dort bestand auch der Brauch, eine ihn darstellende Puppe am Galgen aufzuhängen oder zu ertränken oder zu verbrennen, und immer war er, sowohl durch sein Aussehen, wie auch durch sein Gebaren und insbesondere durch seine Behandlung, ein Repräsentant des Judentums. Das wurde natürlich am deutlichsten bei den Spielen. Sie nutzten den dramatischen Vorgang der Auszahlung des Verräterlohnes in mannigfaltigen Abwandlungen aus, etwa so, daß sie den Juden Judas jeden der dreißig Silberlinge auf seine Echtheit prüfen ließen. Diese und andere Züge stellten die volkstümliche Identität zwischen Judas und dem Judentum her und dar.

So ergibt sich, daß auch Judas in die Vorgeschichte Shylocks gehört. Die Verbindung zwischen beiden war im Bewußtsein des Publikums, auch ohne Anspielung Shakespeares, gegeben. Es ist fast überflüssig hinzuzufügen, daß die englische Literatur vor Shakespeare die Judaslegende einige Male behandelt hat. Eine Fassung, vom Beginn des sechzehnten Jahrhunderts stammend, gehört zu den berühmten »Towneley Mysteries« (Ausgabe der Surtees Society, London, 1836). Übrigens muß hier daran erinnert werden, daß auch Roderigo Lopez in dem Prozeß mit Judas verglichen wird und daß sogar seine Bezeichnung als »that vile traitor« im Titel eines englischen Judasgedichtes vorkommt.

 

Auch der »Wandering Jew« ist im sechzehnten Jahrhundert zu neuem Leben erwacht. Allerdings nicht in England, sondern in Deutschland. Er heißt nun Ahasver. In einer Kirche zu Hamburg wird er gesehen und gehört. So oft der Name des Heilands fällt, entringt sich seiner Brust ein Seufzer. Er behauptet, der Schuster zu sein, der Jesus auf seinem Gang zur Richtstätte verwehrt habe, vor seiner Werkstatt zu rasten. Jetzt sei er selbst zur ewigen Ruhelosigkeit verurteilt. Zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts findet die Gestalt und ihre Legende in einem Volksbuch literarischen Niederschlag.

Es ist unverkennbar, daß der Legende ein Tropfen Mitleid mit dem »Ewigen Juden« beigemischt ist, eine erste christliche Ahnung von der jüdischen Tragödie. Schon daß man den Juden sein Unrecht an dem christlichen Erlöser bedauern läßt, ist ein Fortschritt gegenüber der mittelalterlichen Anschauung über die »Gottesmörder«.

Es ist gewiß kein Zufall, daß Ahasver in Hamburg, der großen Hafenstadt, auftritt. Hamburg ist zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts eine Zuflucht der sephardisch-marranischen Flüchtlinge geworden. Schon vorher aber mögen Schiffe genug im Hafen geankert haben, auf denen sie sich, einzeln oder in Gruppen, zeigten – als Träger des ewig jüdischen Wanderschicksals. Auch hat ihr jüdisch-christlicher Habitus die Vorstellung von einer Zwischenfigur zwischen Judentum und Christentum nahegelegt, so daß der Zusammenhang zwischen Ahasver und dem Marranenschicksal wahrscheinlich wird. Man könnte fast sagen, die neue Figur des Ahasver ist auf der Fahrt von Spanien in die nördlichen Gewässer entstanden.

Auch das nordisch-kontinentale Schicksal der Juden im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert war dazu angetan, Anregungen genug zur Erfindung eines mythischen jüdischen Wanderers zu geben. Denn in jenen Zeitläuften hat es auch in Deutschland und Frankreich zahlreiche territoriale Judenausweisungen gegeben: 1438 (auch 1462 und 1473) in Mainz, 1439 und 1456 in Augsburg, 1458 in Erfurt, 1478 in Passau, 1492 in Mecklenburg, 1493 in Magdeburg, 1499 in Nürnberg und Ulm, 1507 in Nördlingen, 1509 in der Mark Brandenburg und 1519 in Regensburg.

Diese nur auf Deutschland beschränkten Beispiele sind Beweis genug, daß auch im europäischen Norden von einer Seßhaftigkeit oder gar Sicherheit der Juden um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit keine Rede sein konnte. Sie waren gleich Ahasver seufzende und wohl sogar ächzende und stöhnende Wanderer.

Auf die gleichen Vorgänge geht die Entstehung der Gestalt des Ewigen und Wandernden Juden in Italien und Spanien zurück. In diesen Ländern ist sie, noch stärker christianisiert als der nordische Ahasver, unter den verschiedensten Namen, sogar unter Verquickung mit Heiligenfiguren und Heiligenlegenden, bereits im vierzehnten Jahrhundert, also in der Zeit der furchtbarsten Judenverfolgungen, aufgetaucht. In Italien war sie schon zur Zeit Dantes unter dem Namen Giovanni Buttadeo bekannt – zweifellos entstanden als Verkörperung der sich allmählich, wenigstens in der Theorie, mildernden mittelalterlichen Härte gegen die Juden. Dies ist das Minimum von geschichtlicher Substanz, die in der Figur enthalten ist.

Zu solchen Wandlungen war in England keine Gelegenheit. Hier hat die neue Zeit – außer ein paar, allerdings wohlhabenden und einflußreichen Londoner Marranenfamilien – keine Juden vorgefunden; also für die Menge keine deutlich erkennbaren. Hier dunkelte noch aus der Tiefe des Mittelalters der große unheimliche Schatten des »Wandering Jew« herauf. Er war in der englischen Vorstellung verwurzelt. In ihm war Geschichte schon Mythos geworden, der alles Dunkle und Fremde des jüdischen Daseins in sich vereinigt. In ihm war die Erscheinung des Juden ins Sinnbildliche erweitert.

Shakespeare hat die Figur – es ist nicht zu beweisen, aber es erweist sich von selbst – gekannt. Sie war da, wo von Juden gesprochen oder an sie gedacht wurde. Sie war ja das einzige körperähnliche Gebilde, das einzige Gleichnis, das die Juden in England zurückgelassen haben. Sie mußte auf jeden Versuch der Vorstellung vom Jüdischen sich erstrecken. So ist sie denn auch notwendig ein Vor-Bild Shylocks gewesen.

Mythisch der »Wandering Jew«, mythisch Shylock! In jenem hat sich das Biblisch-Antike zum Mittelalterlichen geformt, in diesem trifft das Licht der Neuzeit das mittelalterliche Bild.

Schon darum gehören beide zusammen, weil sie – bis zu Lessings »Nathan der Weise« – die einzigen bedeutenden europäischen, dichterischen Bilder vom Juden sind. Aber auch ihr innerer Sinn bindet sie aneinander. Der Fluch, der den einen zum Wandern zwingt, hat den anderen ins Ghetto getrieben. Die Fremdheit, das unabänderliche Fremdlingstum, ist beiden auferlegt und eingeprägt. Beide sind Schöpfungen und Geschöpfe mit mehr Schatten als Licht. Die Welt, die sie geboren hat und umfaßt, ist schwarz oder weiß. Ein Drittes gibt es hier nicht. Das Schwarze regiert das Judenschicksal!

 

Bei Schudt (1664-1722), in seinen »Jüdischen Merkwürdigkeiten«, heißt es von Ahasver: »Dieser umlauffende Jude seye nicht eine eintzelne Person, sondern das gantze Jüdische nach der Creutzigung Christi in aller Welt zerstreuete, umherschweifende und nach Christi Zeugniss biss an den Jüngsten Tag bleibende Volck.« In dieser nachmittelalterlichen, aber noch ganz im Geist des Mittelalters beharrenden Deutung ist der Sinn dieser Gestalt erschöpfend ausgesprochen. Die typologische Bedeutung der Figur ist klar: Fluch, Ruhelosigkeit, Wanderung. Nahtlos geht ein Begriff in den anderen über.

Das Biographische über jenen Türhüter des Pontius Pilatus, der den christlichen Heiland gestoßen hat und dafür von ihm verflucht worden ist, hat seine Quelle nicht in den Evangelien, sondern in einer der vielen mündlichen Überlieferungen, die an das Passionsthema anknüpfen, ohne daß ihre Entstehungszeit festgestellt werden könnte. Neben der Kreuzigung ist die Erfindung jeder kleineren Form der Mißachtung und Mißhandlung des Gottessohns ohne weiteres begründet. Damit erledigt sich auch die Frage, ob jener Cartaphilus ein Jude oder ein Römer ist. Er hat ein Jude zu sein. Also: er ist ein Jude.

Daß er einer ist, hat jedoch eine tiefere Begründung als der Mythos selbst. Denn die Genealogie des Ewigen Juden führt zu einem jüdischen Ahnen hin. Zu dem Propheten Elia. Er ist die jüdische Figur, die immer wiederkehrt, immer wandert, in allen möglichen Situationen und an allen möglichen Orten auftaucht. In dieser Eigenschaft hat Elia ja auch seinen Weg in die Evangelien gefunden. Im ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums fragen die jüdischen Priester und Leviten den Täufer: »Was denn? Bist du Elias?« Oder bei Matthäus 17/10 fragen die Jünger ihren Herrn: »Was sagen denn die Schriftgelehrten, Elia müsse zuvor kommen?« Verse 11-12: »Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Elia soll ja zuvor kommen und allen zurechtbringen. Doch ich sage euch: Es ist Elia schon gekommen, und sie haben ihn nicht erkannt, sondern haben ihm getan, was sie wollten.« Endlich Markus 17/15: »Etliche aber sprachen: er ist Elia«; und ähnlich Markus 6/28. Diese Fragen und Vermutungen gehen auf den Propheten Maleachi (3/23) zurück, den Gott verkünden läßt: »Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des Herrn.« In der Tat ist denn auch manches im Leben des Elia, wie es in den Büchern der Könige überliefert wird, ein Vor-Bild vom Leben Jesu; auch Elia entweicht für vierzig Tage in die Wüste, erweckt Tote und wird durch eine Himmelfahrt entrückt.

Im Alten Testament ist wenig über seine Herkunft enthalten. Er wird eingeführt als Elia, der Thisbiter. Mehr erfahren wir nicht über seine persönlichen Umstände. Dafür hat sich die Hagada seiner bemächtigt und die Biographie ausgeschmückt. Sie läßt Elia erscheinen, um Entscheidungen zu fällen und Gericht über Reine und Unreine zu halten, sie läßt ihn unter den Weisen und ihren Schülern sitzen, sie läßt ihn Heuchler bestrafen, Verkannte belohnen, Verirrte beraten. Meistens tritt er als Greis auf. Manchmal wird er mit Pinchas, dem Enkel Aarons, identifiziert, ihm also priesterliche Abkunft zuerkannt. Auch als Nachkomme Rahels wird er gelegentlich bezeichnet.

Bald tritt das Abenteuerliche seiner Erscheinung zutage. Hier ist er ein Araber, dort ein römischer Staatsbeamter, hier ein einfacher Pilger, dort ein stolzer Reitersmann. Wunder über Wunder verbinden sich mit seinem Namen. Er wird zum Mittler zwischen Himmel und Erde, er kennt alle Geheimnisse der Oberen Welt und hat sogar die Macht, Gesetzeslehrer in den Himmel zu entrücken und sie an den Beschlüssen der Oberen Welt teilnehmen zu lassen. »Elia-nabi«, Elia der Prophet wandert durch die Zeiten als ewiger Zeuge des Himmels.

Die Kabbala – die gesammelten Bücher der jüdischen Mystik – leitet sogar ihren Ursprung von Elia ab und versetzt ihn unter die Engel. Sie behauptet, er sei, zu des Königs Achabs Zeiten, vom Himmel herabgestiegen, er sei schon bei der Schöpfung dabei gewesen. Sie nennt ihn auch geradezu »Engel des Bundes«, des Bundes nämlich zwischen Gott und Abraham. Deshalb läßt ihn auch die jüdische Vorstellung bei jeder Beschneidung, also bei der Aufnahme in den Bund, dabei sein. Ein Stuhl wird für ihn bei der Zeremonie bereitgehalten, so wie am Vorabend des Pesachfestes, am Sederabend, ein Glas Wein. Auch nach der kabbalistischen Anschauung hat er richterliche Funktionen. Es sind ferner die guten und schlechten Taten bis zur Rückkehr nach Jerusalem verzeichnet. Bis dahin bringt er in dem unsichtbar fortbestehenden Tempel die vorgeschriebenen Opfer dar und windet aus den Gebeten des verstreuten Volkes Kränze für den Ewigen. Dereinst wird Elia, im Monat Nissan, als Vorläufer des Messias erscheinen, zuerst den »Sohn« in die Welt führen, der von Armilus, dem Bösen, getötet wird, wofür ihn hinwiederum Elia tötet, um dann den »König der Könige« auf den Thron zu geleiten.

Aus der jüdischen Mythologie ist Elia in die arabische eingegangen. Hier heißt er Khidr, der Ewiggrüne, Ewigfrische. Er lebt im Paradies, ißt vom Baum des Lebens und trinkt aus der Ewigen Quelle. Er ist vor den Juden durchs Rote Meer gezogen und hat Moses und das Volk als Führer durch die Wüste geleitet. Als Alchidr hat er auch im Heer Alexander des Großen gedient, wobei er die Quelle des Lebens gefunden und aus ihr die Unsterblichkeit getrunken hat.

Die christliche Sage entnimmt die Figur des Ewigen Wanderers und Gotteszeugen der Hagada und stattet sie mit neuen Zügen und Daten aus. Sie nennt Eltern und Großeltern des Elia, erkennt ihm ewiges Leben zu und sagt von ihm, er werde am Ende der Welt erscheinen und ans Kreuz geschlagen werden.

Die Karmeliter – Karmel der Berg, auf dem Elia zum Volk geredet hat! – sahen in Elia den Begründer und Patron ihres Ordens. Sie hingen Bildnisse von ihm in ihren Kapellen auf und erzählten von den Wundern, die er oder die Bilder von ihm getan haben. Damit nahmen sie einen Kult des frühen Christentums auf, das schon dem Elia zu Ehren Kirchen und Kapellen gebaut oder benannt hat.

Der Karmeliterorden wurde etwa um die Mitte des zwölften Jahrhunderts auf dem Berge Karmel begründet. Von da an datiert naturgemäß ein Wiederaufleben und eine neue Pflege des Eliakults. Ein Jahrhundert später tritt die Gestalt des Ewigen Juden in Europa auf. Seine Abstammung von Elia ist nicht zu bezweifeln.

 

Die Verwandlung des jüdischen Vorläufers des Messias in eine Gestalt, die mit dem Fluch des Messias beladen ist, ist ein – man möchte sagen: vorbildliches Werk der mittelalterlichen Mythologie. In ihm offenbart sich eine dämonische Kraft der Kirche und des Kirchenglaubens, der aus dem Wunsch und Bedürfnis kommt, Distanz zu den Bekennern der alten Lehre zu schaffen. Aus Hell wird Dunkel, aus Segen Fluch, aus Gnade die Gnadenlosigkeit und aus einer himmlischen und engelhaften Figur ein Nachtgespenst. In die Entwicklung des Mythos greift die überlebendige Anschauung ein, daß die Juden ruhe- und friedlos in der Welt herumirren. Hierdurch wird nicht ein großes Mitleid und Erbarmen geweckt, sondern die Erinnerung an den nach der Kirchenmeinung auf dem ganzen Volk lastenden Fluch, daß es den Messias getötet habe.

Aber noch einmal hat sich die christliche Mythologie der Figur angenommen: Jener Türhüter des Pontius Pilatus wird von einem armenischen Erzbischof getauft, erhält den Namen Joseph und führt seitdem das einsame Leben eines frommen Büßers. Durch die Bekennung zum Christentum wird er zurückverwandelt. Mit dem Jüdischen wird der Fluch abgestreift. Denkt man nun an die Verurteilung Shylocks zum Glaubenswechsel am Ende des Prozesses, so wird ihr mittelalterlicher, geradezu gleichnishafter Sinn klar. Aus dem unseligen Juden wird der selige Christ. Da die mittelalterlichen Juden diesen Weg zur Seligkeit nicht beschritten haben, wendet sich die ganze Macht der Mythenbildung gegen sie. Eine mörderische Negation trifft sie und stößt sie aus der Welt der Ordnung.

In diesem Sinn ist Shylock ganz und gar zugleich der Sohn und der Bruder des Ewigen Juden. Beide sind Judenfiguren des Mittelalters.


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