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Fünftes Kapitel.
Shylock


Shakespeare und der Jude

Als sich im sechzehnten Jahrhundert die Distanz zwischen der englischen Insel und den Mittelmeerländern (mit denen jene entweder Krieg führte oder Handel trieb) verringerte, mußten sich auch die englischen Seefahrer und die Juden näher kennenlernen. Denn die Juden hatten ja wichtige, wenn nicht gar führende Positionen in den Häfen und an den Stapelplätzen des Mittelmeers. Sie saßen an den Rändern der drei Erdteile – in der Tat Randfiguren, auf die man immer wieder treffen mußte. Die englischen Seefahrer brachten Geschichten und Anekdoten über sie nach Hause. Die Juden gehörten zu den Ausländern, mit denen man Geschäfte machte, Abenteuer erlebte und dadurch eine lockere, dunkle Zeitgenossenschaft herstellte. Zwischen dem Bild dieser (vorwiegend sephardischen) Juden und dem aus dem Mittelalter überkommenen Bild war eine Diskrepanz: der Gegensatz zwischen Erlebnis und Erinnerung. Dies schon ergibt die Spannung, der die Juden in dem England Shakespeares neuerdings unterstanden.

Einerseits waren sie »lebende Leichname«, Schatten der Vergangenheit und Schatten der Fremde. Andererseits traten sie als Handelspartner, als Vertreter einer neuen Welt und endlich auch – sogar im Inland – als Marranen auf, also als Flüchtlinge aus dem verhaßten Spanien und als zweifelhafte Christen. Es gab damals in Konstantinopel neben dem Herzog von Naxos einen zweiten jüdischen Würdenträger, Alvaro Mendez, der zu England in besonders nahe und wichtige politische Beziehungen trat. Er war ein portugiesischer Marrane, 1510 geboren, der sich in Indien große Reichtümer erworben hatte und dann nach Europa zurückgekehrt war. Er hielt sich in Venedig, Florenz, Rom und anderen von Juden besiedelten Städten auf, um dann in Konstantinopel zum Judentum zurückzukehren und hier neben seinem Verwandten und Freund Joseph Mendez-Nassi eine große Rolle als Diplomat zu spielen.

Der Sultan ernannte ihn zum Herzog von Mytilene. Er muß an dieser Stelle zitiert werden, weil er die Verhandlungen zwischen der Hohen Pforte und dem Hof der Königin Elisabeth über ein türkisch-englisches Bündnis gegen Spanien führte. Er stand in enger Verbindung mit Burleigh, dem er es wohl auch zu verdanken hatte, daß Elisabeth ihn in den Ritterstand erhob.

Es wäre also wohl die Zeit und Gelegenheit gewesen, ein neues Judenbild an Stelle des legendären mittelalterlichen für England zu schaffen. Aber Shakespeare war kein »Neuerer«, sondern ein Sammler und Sichter des Überkommenen. Er dichtete das Nach- und Übereinander der englischen Geschichte und Überlieferung in die Ordnung einer neuen Gesellschaft hinein. Es war und blieb in seinem Werk eine Herrenordnung.

Er hat sich mit dem kaum abgegeben, was man heute »Volk« nennt, mit der unteren Klasse und dem Mittelstand. Wo er die Unteren auf die Bühne bringt, macht er aus seiner geringen Meinung von ihnen keinen Hehl. Er findet sie bestenfalls komisch. Sie interessieren ihn nur als Staffage, als Füllsel, als Träger kleiner, wenn auch oft genug göttlicher Späße oder Intrigen oder Störungen des Spiels der Großen und des Spiels um die Größe. Sie bleiben, wie groß auch ihre Komik oft sein mag, dramatische Zutat.

Wie also sollte sich Shakespeare dafür interessieren, ob das Volk der Juden ein politisches und soziales Schicksal hatte? Diese Fremdlinge waren so »unshakespearisch« wie nur möglich. Sie standen, als Gemeinschaft, außerhalb seines Blickfeldes und unterhalb der Ebene, auf der die Visionen des Dichters vom englischen Volk sich bewegten und nach Form verlangten.

 

Noch mehr: Shakespeare lebte in einer Zeit, in der das englische Bürgertum angefangen hatte, reich und mächtig zu werden und seine Rolle im Staatsleben vorzubereiten – und doch findet sich in seinem Werk nicht eine Spur davon, nicht eine einzige bürgerliche Gestalt von selbständigem dramatischem Maß und Leben. Macaulay hat darauf hingewiesen, daß die Alleinherrschaft der Königin Elisabeth auf ihrer vollkommenen Übereinstimmung mit den Meinungen, Instinkten und Bedürfnissen des ganzen Volkes beruhte. Elisabeth war allmächtig, weil sie die innere Macht aller repräsentierte und realisierte. Und trotzdem hat Shakespeare diesem Volk keinen Raum in seinem Werk gegeben, so unbürgerlich, so widerbürgerlich war dieser Bürger als Dichter gestimmt.

Entschließt man sich dazu, die Juden jener Zeit als bürgerliche Erscheinungen anzusehen, so ist Shylock die einzige problematische »Mittelstandsfigur« bei Shakespeare. Er ist ein Untertan, ein Privatmann, ein rechtsuchender Vertreter der regierten Klasse. Schon darum ist er ein Fremdkörper in der shakespearischen Dichtung. Es ist keine Übertreibung, wenn man feststellt, daß Shylock nach dem Sinn der ihm zugeteilten Rolle durchaus kein Jude zu sein brauchte. Er könnte genau so gut ein biederer venezianischer Bourgeois sein. Auch als Christ wäre dieser Shylock ein störendes dramatisches Subjekt, dem in der Welt Shakespeares die anderen, die vornehmen Träger des Spiels, im Bund mit den Justizbehörden und Spitzen des Staates so übel mitspielen dürfen wie nur möglich.

Shylock steht im Werk des Dichters chronologisch hinter Zettel, dem Weber im »Sommernachtstraum«, und vor Sir John Falstaff in »Heinrich IV.« – jener aus dem unteren Volk, dieser aus dem unteren Adel, beide durch den Dichter von oben gesehen und wie aus einer anderen (unteren) Welt in die Lebensbahn der Herren und Herrschenden heraufgehoben. Beide sind aus grobem Stoff gemacht und in Metiers und Milieus versetzt, in denen sie stören. Beide Gestalten einer Zwischenwelt, auch Zwischenspieler, zugleich Fund und Erfindung.

Dies alles gilt auch für Shylock. Wie Zettel und Falstaff ist auch er von dunkler Herkunft und er ist einer Verwandlung anheimgegeben, die den dichterischen und theatralischen Zweck mehr ehrt und höher stellt, als die soziologische Stellung der Figur. Zettel hat sich ins Reich der Künste und Geister verirrt, der andere ist den Kneipen und sonstigen üblen Häusern verfallen. Das Verirrt- und Verfallensein – das ist das dramatische und dichterische Element der beiden Figuren. Es ist auch das Schicksal Shylocks! Dämonie treibt alle drei ins Spiel – eine Dämonie der Verwandlung, in der Herkommen und Realität versinken. Wo bleibt das Webertum, das Ritter- und Sirtum und vollends das Judentum? Es verschwindet im Mythischen der Figuren.

 

Das Judentum mochte als innere oder äußere Macht an den geistigen Auseinandersetzungen des sechzehnten Jahrhunderts wenig beteiligt sein, als Träger der für den christlichen Glauben grundlegenden Überlieferung war es doch nicht zu übersehen. Als dieser Glaube zum Problem wurde, war es vielmehr im geistlichen Sinn und durch die unverrückbare Schwere seiner Überlieferung bedeutsamer als je. Die Haltung Luthers zur Judenfrage hat ihren tiefsten Grund darin, daß er bei all seiner Größe seiner Zeit zu sehr verbunden war, um das Problem eines anderen Glaubens mit seiner Neugläubigkeit in Einklang zu bringen.

Luthers Genie war nicht nur religiös orientiert, sondern auch politisch und polemisch. Er konnte das Judenproblem nicht aus dem Mittelalter lösen und es in einer neuen Sicht finden.

Calvin, als Theologe leidenschaftlicher und folgerichtiger als Luther, rückte das Alte Testament als die wahre und erste Offenbarung Gottes in den Vordergrund und gab damit seiner Lehre eine judaistische Tendenz. Diese vermischte sich im Calvinismus auf zugleich einfache und seltsame Art mit weltlichen Forderungen antidespotischer und sogar republikanischer Art.

Als nach Heinrichs VIII. früh verstorbenem Sohn Eduard VI. die katholische Maria, Tochter der Spanierin Katharina und Frau des späteren spanischen Königs Philipp II., die Anhänger der Reformation verfolgen ließ, waren viele von ihnen auf das reformierte Festland geflohen und brachten später, mit der Thronbesteigung Elisabeths, aus den schweizerischen, rheinischen und niederländischen Städten die calvinistische Lehre in ihr Vaterland. Sie wurden Gegner der Staatskirche, an der die religiös indifferente Elisabeth aus Machtgründen interessiert war. Die Staatskirche war den Puritanern noch zu papistisch und zu katholisierend, zu macht- und zu prachtvoll. Sie pflanzten durch Predigt und gelebtes Vorbild eine neue Bibelfreudigkeit ins englische Volk ein. Sie waren Judaisten.

In der englischen Nation sahen sie das neue auserwählte Volk. Schwärmer wollten sogar in den Engländern Nachkommen der spurlos verschwundenen zehn israelitischen Stämme sehen. Geistliche und Laien bauten an englisch-jüdischen Mythen. Fanatiker schlugen vor, den Samstag statt des Sonntags als »Sabbath« zu heiligen, ja überhaupt die mosaische Gesetzgebung einzuführen. Ein Prediger schwärmte, er wünsche dem Volke Gottes auf den Knien zu dienen.

Man braucht nur die Reden und Schriften aus dem Jahrhundert vom Beginn der Regierung Elisabeths bis zum Ende der Cromwellzeit flüchtig zu lesen und man staunt, wie tief die Phraseologie und der Stil des Alten Testaments in die englische Art zu sprechen, zu schreiben und zu denken damals eingedrungen ist. Eine Reihe von Schriften des jüdischen Volkes aus der nachbiblischen Zeit fanden überdies englische Übersetzer. So ist schon im Jahre 1558 das Geschichtswerk »Sefer Josippon«, Josef ben Gorion, also dem jüdischen Geschichtsschreiber Josephus Flavius fälschlich zugeschrieben, von Peter Morwyng übertragen worden, und die englische Ausgabe mit dem Untertitel »A Compendious and most marveilous History of the latter tymes of the Jewes commune weale« hat nicht weniger als zehn Auflagen in der Zeit von 1558 bis 1615 erlebt. Sie hat übrigens Thomas Nashe als Quelle für sein schon erwähntes Buch »Christs Teares over Jerusalem« gedient. Ebenfalls noch zu Shakespeares Zeit wurde auch das originale Werk des Josephus Flavius ins Englische übersetzt. Um noch ein drittes Beispiel zu nennen: Wohl zwischen 1598 und 1618 erschien ein Buch »Canaans Calamitie Jerusalems Misery or The doleful destruction of faire Jerusalem by Tytus, the Sonne of Vespasian«. Als Autor zeichnet ein gewisser »T. D.«, vielleicht Thomas Deloney, der als Pamphletist und Balladen-Dichter bekannt gewordene Weber.

Die jüdische Antike feierte also in England neben der heidnischen Wiederauferstehung. Bibelzitate aus dem Alten Testament so gut wie aus dem Neuen würzten Unterhaltung und Diskussion und vollends die Kundgebungen und Predigten der Puritaner. Ovid und Seneca, Aristoteles und Plutarch, die Literaturheiligen der Renaissance, wurden von ihnen verachtet, wenn nicht gehaßt. Statt ihrer erteilten Sie Abraham und Moses, Jesaia und Jeremia das Wort.

Dies war schon zu Shakespeares Zeiten so, während er selbst sich in hellenischen Reminiszenzen, Bildern und Vergleichen, kurz in sowohl unjüdischen wie unchristlichen Gedankengängen erging. Gewiß war er auch bibelkundig. Aber er ist mit biblischen Zitaten und Anlehnungen verhältnismäßig sparsam. Wie er übrigens Shylock sein Recht, Zinsen zu nehmen, mit dem Trick Jakobs bei der Fortpflanzung der Schafe rechtfertigen läßt, das ist weder ein überzeugendes noch ein frommes Argument – eher schmeckt es nach Parodie.

Der puritanische Haß galt, wie schon angedeutet, dem weltlichen Gepränge der elisabethanischen Zeit, in dem sie so groß war, den schönen Künsten und vor allem dem Theater. Die Bildlosigkeit und Bildfeindlichkeit des jüdischen Ritus wurde, wie bereits zwei Jahrhunderte vorher von Wycliffe und den Lollarden, von dem calvinistischen Bürgertum mit Emphase aufgenommen, so wie es auch dem »heidnischen« Latein und Griechisch die »heilige« hebräische Sprache vorzog. Das Theater war ihnen verhaßt. Sie bekämpften und mieden es – eine Erfindung des Teufels, eine Höhle und Hölle der Laster, die Stätte der Verführung und Verderbnis.

Je stärker die Bühnen die hohen und die niederen Stände anzogen, desto ablehnender und aggressiver verhielten sich die Puritaner gegen Stückeschreiber und Schauspieler. Die Theaterleute galten als Vorhut der apokalyptischen Reiter, zugleich auch als die Exponenten der prachtliebenden Despotie. Sie waren ein geistliches und weltliches Ärgernis. Wahrscheinlich brauchte die elisabethanische Nationalbühne auch diesen Widerstand und diese Spannung, um sich zu ihrer letzten Höhe zu erheben.

Shakespeare kam, ob er wollte oder nicht, mit der anglisierten und christianisierten Spielart des jüdischen Geistes in Berührung und Konflikt. Nicht nur, daß dieser Geist seinem eigenen heidnisch-hellenischen Geist aufs schärfste widersprach, er bedrohte auch des Dichters Element und Existenz. Bei vielen Gelegenheiten, insbesondere in »Maß für Maß«, aber auch an einigen Stellen des »Kaufmann von Venedig«, hat er sich an der moralisch-geistigen Überheblichkeit und Engherzigkeit der Puritaner gerächt. Natürlich kannte er die Gründe und Hintergründe ihres eifervollen Kampfes. So mußte er das Judentum in seiner religiösen Gestalt antreffen. Im eigenen Land, im eigenen Beruf. Er mußte ihm nahe kommen – zu nah! Er mußte den jüdischen Geist für die puritanische Kunst- und Theaterfeindlichkeit verantwortlich machen. Er mußte das Jüdische im calvinistischen Christentum ablehnen, vielleicht auch hassen.

Dies ist, wenn schon davon die Rede sein soll, Shakespeares »Antisemitismus«; von seinem »Philosemitismus« wird in anderem Zusammenhang die Rede sein.

 

Mag sein, daß ihn diese Einstellung veranlaßt hat, das Judenproblem anzurühren. Judenproblem – das Wort steht hier nur, um abgelehnt zu werden. Denn Shylocks Problematik reicht nicht in den vom Dichter erlebten jüdischen Bezirk zurück. Das Judaistische gab nur, kriminalistisch gesprochen, zu einer »Voruntersuchung« Anlaß. Der Fall Lopez beschwor das »Hauptverfahren« herauf. Die »Hauptverhandlung« aber senkt sich mit allen ihren Elementen ins Mythologische und Mittelalterliche hinein, das noch die ganze Breite des englischen Raums, wenn auch schon nicht mehr die ganze Tiefe des englischen Bewußtseins erfüllte.

Es wäre, wie schon gesagt, Zeit und Gelegenheit gewesen, ein neues Judenbildnis, das des sechzehnten Jahrhunderts, zu schaffen. Aber Shakespeare, das elisabethanisch-englische Genie, formte das Bild, das im Bewußtsein seines Publikums lebte, den mittelalterlichen Mythos vom Juden. Dessen Ausdruck wird Shylock, der Jude vom Mittelmeer.


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