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Shakespeare in Zeit und Raum

Die konventionelle Legende, daß der arme Dichter im engen Dachstübchen sein Erd- und Himmelreich aufbaut, ist nicht nur so aus dem Ungefähren entstanden. Denn es liegt ein tiefer Sinn in dem Kontrast zwischen der realen Existenz des Dichters und seinem Raum und Zeit überflügelnden Werk.

Auch Shakespeare hat sein »Dachstübchen«. Es besteht in seinem Beruf als Stückeschreiber, als »hack-writer«, Lohnschreiber für die Truppe, der er angehört. Wie weltenweit ist er davon entfernt, ein Olympier-Dasein zu führen. Er muß Stücke, eins ums andere, für das unersättliche Repertoire liefern, er muß sich gegen ein paar Dutzend Kollegen und Konkurrenten behaupten. Er ist ja nur einer unter vielen.

Keine Rede davon, daß er etwa der hohen Literatur angehörte! Hohe Literatur war damals die Klassizistik, die Kunst und die Gewohnheit, etwa nach Art Ovids oder Senecas zu dichten. Das Drama dagegen war ein Bedarfs- und Gebrauchsartikel. Es ist vorgekommen, daß sich ein hoher Herr die Widmung einer solchen Arbeit der Tagesliteratur verbeten hat.

Der Dramatiker Shakespeare also kann sich höchstens in seinen kühnsten Träumen vorstellen, daß er auch für die Nachwelt schreibe. In seinen nüchternen Berechnungen muß er kalkulieren, was die Truppe, für die er schreibt, braucht und was ihr über die Spielzeit hinweghilft. Sein Ruhm besteht vorläufig darin, daß er die brauchbarsten und attraktivsten Stoffe und Stücke liefert. Wirklich, auch Shakespeare sitzt in seinem »Dachkämmerchen«.

Er ist von weither durch die Schichten der elisabethanischen Zeit und des englischen Lebens zur Höhe der Menschheit vorgestoßen. Jede Schicht, durch die er sich hat durchringen müssen, hat ihm ihren Segen und ihren Fluch, ihre Urteile und Vorurteile auf den Weg gegeben. In seinem Werk ist einer, der, soviel wir wissen, als Kärrner angetreten ist, zum Pyramidenbauer, ein gemieteter und kärglich bezahlter Stückeschreiber zum König der Dichter geworden.

Weit muß dieser Adler der europäischen Bühne fliegen, um sich sein Futter zu holen. In die Antike zurück, ins Geschichtliche hinüber, ins Mythische hinaus und auf den Boden des Festlandes, wo Antikes, Geschichtliches und Mythisches in klassischer Bindung liegt, nach Italien, dem Mutterschoß der neu orientierten Menschheit. Also dichtet Shakespeare Römer- und Griechendramen, Dramen aus der englischen Geschichte, Märchendramen und bürgerlich-unbürgerliche Stücke, die nicht etwa in englischen, sondern in italienischen Städten spielen.

Die britische Insel hat nicht Raum genug für ihn. Er mußte weit ausholen, weit ausfahren, um sein Ingenium mit Stoff zu versorgen. Nicht anders als Drake und Raleigh hat er entdeckt und geraubt: Stoffe, an denen er sich entflammte. England – das war Geschichte, das war, alles in allem, Mittelalter. Englische Geschichte und englisches Mittelalter hat er bis auf ihren Grund, bis auf ihre Hintergründe entblößt und neu geschmückt. Er hat sie gegenwärtig gemacht und der werdenden Nation einverleibt; er hat durch sie Raum und Zeit für die Nation gewonnen. Aus der Antike hat er parallele Beispiele und Vorbilder geholt und aus Italien die gesellschaftlichen Bilder, die Bilder einer großbürgerlich-aristokratischen Ordnung.

Daß er, abgesehen von den »Lustigen Weibern von Windsor«, angeblich von der Königin »bestellt«, keinen zeitgenössischen Stoff auf englischem Boden angesiedelt hat, im Gegensatz zu anderen Dichtern seiner Zeit, findet seine letzte Erklärung (wenn auch nicht seine realistische Begründung) in der Mission eines Nationaldichters einer werdenden Nation gegenüber, sie, die um ihre politische und geistige Form ringt, von außen her, von allen zeitlichen und räumlichen Richtungen her zu bereichern. Zwischen den Zeilen und Gestalten steht: Unsere Insel ist zu klein, unser Reich ist die Welt! Shakespeare war, im Dichterischen, der Initiator des englischen Imperialismus.

Man sagt, er habe auch im alten Rom und Griechenland, in Dänemark, Böhmen und überall sonst nur Engländer, immer nur Menschen seiner Insel geschildert. Das zu sagen ist billig, denn der Engländer der Neuzeit, wie wir ihn kennen und wie er sich selbst kennt, ist ja mit ein Geschöpf Shakespeares, geradezu seine Erfindung. Seinem Kopf und Herz sind die Methoden des englischen Fühlens und Denkens, Verhaltens und Redens, des englischen Humors und Pathos mit entsprungen.

Er hat durch die Jahrhunderte die Engländer gelehrt, so zu sein, wie sie sind. Das Lehrmaterial aber hat er von überall herangeholt. Weil eben seine Mission ihn über die Meere und Länder geführt hat, darum hat er so englisch gedichtet – englisch im neuzeitlichen Sinn. Es ist das England, das mit der elisabethanischen Zeit beginnt. Unter Heinrich VIII. wäre es noch nicht möglich gewesen. Es ist das elisabethanische und shakespearische England, das sich aus überenglischen Räumen und Zeiten gesättigt und in Jahrhunderten ausgewirkt und durchgesetzt hat.

Die Dramen Shakespeares also sind elisabethanisch-englische Eroberungen, Gebietserweiterungen, Vermehrungen von Recht und Macht, Anreicherungen einer Nation, die eine Welt erst in sich erlebt, bevor sie ihre Hand darauf legt. Die Dramen folgen, soweit sie nicht in der Geschichte der Insel spielen, geradezu den Schiffahrtslinien, am meisten denen, die ins Mittelmeer führen und zumal an die Küsten Italiens, des alten und neuen klassischen Landes.

 

So begegnet dem Dichter zweimal Venedig, die Stadt im Meer, die zugleich ein Groß-Staat ist, gleichsam Vorgängerin und Vorbild Englands. In Venedig hat sich Shakespeare, ob er nun dort war oder nicht, heimisch gefühlt. Er kennt die Stadt fast so gut wie London. Er hat ihr das Politische und Merkantile, die Gassen, Kanäle und Plätze, die Menschen und Häuser und Paläste »abgelauscht«, abgedichtet.

Er hat Venedig zweimal erobert: im »Kaufmann von Venedig« und im »Othello«, dem Mohr von Venedig.

Beide Male lebt in diesem Venedig ein »monstrum unicum«, ein Mensch, der anders ist als die anderen. Shylock, der Jude und Othello, der Maure. Beide sind Orientalen, beide sogar, wenn man den Mauretanier Othello als Araber nimmt, Semiten. Beide tragen das Geheimnis einer fremden Menschenklasse, auch das Geheimnis des Ostens, überhaupt das Geheimnis des Ungewöhnlichen und Außerordentlichen. Mit besonderer Erwartung und Spannung sieht man sie auftreten.

Es ist kaum ein Zufall, daß die Frau, die durch Othello und durch die er selbst zu Grunde geht, und die andere, die Shylock richtet und vernichtet – daß beide, Desdemona und Porzia, von Shakespeare ausdrücklich als blond geschildert werden. Das zeigt den Gegensatz zu den beiden Dunklen nur noch stärker, zu den beiden Mittelmeer-Menschen, zu den Vermittlern zwischen Europa und Asien oder Afrika.

Schon im Jahre 1453, also etwa hundert Jahre vor der Thronbesteigung der Königin Elisabeth, haben die Türken Konstantinopel erobert und sind seitdem bis vor Wien vorgedrungen. Othello stammt aus dem türkisch-nordafrikanischen Reich, genau wie der Prinz von Marokko, der Bewerber um Porzias Hand. Im »Othello« spielt der Kampf zwischen Venedig und dem Türkenreich um den Besitz der Insel Cypern eine Rolle. Zu Shakespeares Zeit war dieser Kampf schon zu Ungunsten Venedigs entschieden.

Im »Othello« und im »Kaufmann« – zwischen der Entstehung der beiden Stücke liegt ein Zeitraum von sechs bis acht Jahren – hat Shakespeare also auch ein Stück zeitgemäßer politischer Geographie eingefangen. Das Ergebnis bleibt im Othello Staffage und ungefähre Zutat. Denn der Feldherr der Republik wird in privates Schicksal und in ein unpolitisches Ende hineingerissen. Shylock, der Jude, dagegen tritt vor ein öffentliches Gericht und in einen öffentlichen Rechtshandel ein. Er fordert Recht und Macht des Staates Venedig in die Schranken. Das ergibt einen Konflikt, der ohne Politik weder zu lösen noch zu begreifen ist.

Vor dieser Politik steigt das europäische Schicksal der über die Welt verstreuten Juden auf. In Shylock hat Shakespeare seinen Zeitgenossen, seinem englischen Publikum ein Bildnis des jüdischen Volkes dargeboten.

Wie er dazu gekommen und wie er damit verfahren ist, wird der Inhalt dieses Buches sein.


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