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Barabas, der böse Jude von Malta

Wir bleiben im Bereich des Mittelmeers, wenn wir nun die Gestalt des abscheulichsten jüdischen Bösewichts heranholen, der je die Bühne betreten hat – jenen Barabas, den Titelhelden von Christopher Marlowes Tragödie »Der Jude von Malta«.

Das Stück ist etwa in den Jahren 1589-90 in London zum ersten Male aufgeführt worden und eines der erfolgreichsten Dramen seiner Zeit gewesen. Einer der bedeutendsten Londoner Schauspieler, Edward Alleyn, war der erste Darsteller der Rolle und er wurde mit ihr ungemein populär.

Barabas, nach jenem Aufrührer und Räuber genannt, den die Juden nach dem Evangelienbericht statt des christlichen Heilands von Pilatus losbitten, ist selbst ein Mörder, Räuber und Aufrührer. Woher er stammt, darüber läßt der Dichter keinen Zweifel, denn er legt ihm spanische Worte und Sätze in den Mund, die freilich des Segens der spanischen Sprachlehre nicht teilhaftig geworden sind.

Er hat unter Karl V. als Kriegsingenieur gewirkt. Er muß also, wovon Marlowe wahrscheinlich wenig oder gar keine Ahnung gehabt hat, Marrane gewesen sein. Schon im Dienst des spanischen Königs und deutschen Kaisers hat Barabas nichts anderes im Sinn gehabt, als Christen ums Leben zu bringen. Aber er ist auch Arzt in Italien gewesen und hat dort, wie er sich rühmt, die Totengräber und Leichenprediger mächtig in Nahrung gesetzt. Gift war seine Waffe, mit der er Kranke und Gesunde ins Jenseits befördert hat.

Wenn das Stück einsetzt, ist er ein großer, unendlich reicher Kaufmann auf der Insel Malta. Aber er ist überall zu Hause. Seine Schiffe fahren auf allen Meeren und liegen in allen Häfen vor Anker. Seine Waren sind auf allen Märkten. Seine Gelder zinsen in allen Ländern. In Florenz, Venedig, Antwerpen, London, Sevilla, Frankfurt, Lübeck, Moskau hat er Außenstände, Bankdepots und Vorräte an Edelsteinen. Er ist, wie im »Kaufmann von Venedig« Shylocks Gegner Antonio, ein wahrhaft »königlicher« Kaufmann.

Was freilich seinen Wohnsitz auf Malta anlangt, so wird der Dichter der Historie nicht gerecht. Die Insel gehörte noch in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zur spanischen Machtsphäre und war daher den Juden verschlossen. Eine Ahnung davon ist allerdings in Marlowes Stück übergegangen, denn es setzt mit einer Judenverfolgung ein.

Die Insel gehört den Johannitern, die aber der Türkei tributpflichtig sind. Gerade ist Selim Calymath, der Sohn des Sultans, mit einer Flotte im Hafen eingelaufen, um den Tribut zu holen. Der Gouverneur lädt die Juden vor den Senat und eröffnet ihnen, sie hätten zur Aufbringung des Tributs die Hälfte ihres Vermögens abzugeben oder sie müßten Christen werden. Die Juden geben nach – ausgenommen Barabas; dafür verliert er sein ganzes Hab und Gut. Sein Haus wird in ein Nonnenkloster umgewandelt.

Nun beginnt Barabas das Werk der Rache. Um die Schätze, die er in seinem Haus vergraben hat, zu retten, läßt er seine einzige Tochter Abigail zum Schein Nonne werden. Wie Shylock hat er außer dieser einen Tochter keine nahen Verwandten. Und wie Jessica liebt Abigail einen Christen, Don Mathias, den Sohn einer Witwe. Aber auch Don Ludovico, der Sohn des Gouverneurs, wirbt um ihre Liebe. Barabas hetzt die beiden Rivalen gegen einander. Sie gehen in den Tod. Mit und nach ihnen aber fällt dem Kaufmann jeder zum Opfer, der ihm in den Weg tritt: Nonnen, Mönche, Ritter, eine Buhlerin und schließlich seine eigene Tochter.

Genug gemordet! Nun kommt der Verrat. Barabas liefert die Insel der türkischen Flotte aus, die sie belagert. Zum Dank dafür wird ihm das Amt des Gouverneurs übertragen. Aber auch die Türken will er verraten und vernichten. Er schließt mit dem besiegten und abgesetzten Gouverneur ein Abkommen, wonach er, Barabas, das türkische Heer in die Luft sprengen wird. Selim und sein Gefolge sollen in einen Abgrund mit glühender Flüssigkeit gestürzt werden. Dem Gouverneur genügt es aber, das türkische Heer zu vernichten. Dem Prinzen Selim verrät er den Anschlag des Juden, der nun selbst in dem todbringenden Abgrund verschwindet. Nun ist der Gouverneur der Sieger. Er behält Selim und seine Offiziere als Geiseln, um so die Freiheit der Insel gegen die Türken zu sichern.

 

Christopher Marlowe, der Autor dieses Stückes ist im gleichen Jahr wie Shakespeare – 1564 – geboren, aber schon vor Vollendung seines dreißigsten Lebensjahres gestorben – als Opfer eines Raufhandels, der angeblich um die Bezahlung einer Zeche ausgebrochen war. Der eigene Dolch ist dem Dichter ins Auge und Gehirn gedrungen und hat ihm ein qualvolles Ende bereitet.

Wie dieser Tod, so war auch Marlowes Leben. Der Sohn eines Schusters hat die Mittlere und Hohe Schule besucht. Aber schon als Student erregt er Ärgernis und gibt nicht ganz freiwillig das Studium auf. Insbesondere gilt er schon in Cambridge als Gottesleugner und er ist es wohl bis an sein Ende geblieben. Er war ein echtes Kind seiner Zeit, ein wilder, roher, genialischer Bursche, der zwischen Randalieren, Saufen und Huren seine dramatischen Werke hinausschleuderte. Er ist als Dramatiker der wahre Vorläufer Shakespeares. Durch Lockerung des jambischen Blankverses schuf er die innere und äußere Freiheit der dramatischen Sprache, in der Shakespeare Meister wurde.

Drei von Marlowes Dramen gehören stilistisch und thematisch zusammen: »Doktor Faustus«, »Tamerlan« und »Der Jude von Malta«. In ihnen hat er große und großartige Figuren aus dem wirklichen oder dem nachwirkenden Mittelalter geschaffen, drei Übermenschen, drei Inkarnationen der Gesetzlosigkeit aus Überfluß an Kraft, Wille und Trieb. Faust – der Inbegriff der geistigen und sinnlichen Unersättlichkeit. Tamerlan – die asiatische Maske eines Barbarenhäuptlings, der eine ganze Welt zertritt. Barabas – eine Verkörperung der Geld-, Blut- und Machtgier.

Dieser Barabas, der lateinische Zitate und antike Gleichnisse in seine Reden einstreut, hat zugleich etwas von Fausts geistiger Überbeweglichkeit und von Tamerlans orientalischer Starrheit. Er ist, wie Faust, eine vollkommen mittelalterliche und, wie Tamerlan, eine exotische Figur. Er fühlt sich zum Herrschen geboren und ist sich selbst für die Königswürde nicht zu schlecht. Alles, was er an Untat vollbringt, ist ihm Mittel zum Zweck, sich auszuleben und mit seinen dunklen Anschlägen die Welt um sich herum zu verfinstern. Motive gibt es kaum für ihn. Er lebt nach macchiavellistischem Rezept.

Um dies vollends deutlich zu machen, läßt Marlowe den (1527 gestorbenen) Macchiavelli in eigener Person als Prologus auftreten. Macchiavelli sagt etwa: Obwohl die Welt glaube, er sei tot, so sei doch seine Seele nur über die Alpen geflogen. Und nun, nach dem Tode des Herzogs von Guise, komme er aus Frankreich, um England kennenzulernen und mit seinen englischen Freunden fröhlich zu sein. Er werde von denen bewundert, die ihn am meisten haßten, und obwohl einige öffentlich gegen seine Bücher sprächen, würden sie diese doch heimlich genießen und dadurch auf Petri Stuhl gelangen. Er selbst halte Religion für ein kindisches Spielzeug und nichts für Sünde, es sei denn die Unwissenheit. Doch er sei nicht gekommen, um eine Vorlesung zu halten, sondern um die Tragödie eines Juden darzustellen.

Marlowe tut hier ein Übriges: Nicht nur mit Macchiavelli, sondern auch noch mit dem Protestantenmörder Guise, dem größten Übeltäter jener Zeit, bringt er den Juden in Verbindung. Dann setzt das Werk mit einem Monolog des Barabas ein, der in seinen Schätzen wühlt. Der tausendfältige Mörder macht jetzt und später aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er spricht sich, nach Art aller Marlowe'schen Helden, über seine Art freimütig aus. Auch über Juden-Art im allgemeinen, so im zweiten Akt (nach Fr. Bodenstedts Übersetzung):

»Wir Juden schmeicheln hündisch, wenn wir wollen,
Und beißen, fletschen wir, doch unsere Blicke
Sind schuld- und harmlos wie des Lammes Blicke.
In Florenz lernt ich meine Hände küssen,
Die Schultern zucken, nennen sie mich Hund.
Und tief wie ein Barfüßermönch mich bücken.«

In diesem, wie in anderen Monologen des Barabas wird das Thema »Jude« im Zeitstil behandelt: die legendären Vorstellungen, die über die Juden in Umlauf sind, illustrieren die Untaten des Helden aus dem angeblichen Wesen des Judentums heraus. Das ist schon kein Mensch mehr, der durch dieses Stück rast und es mit Bluttat oder mit ruhmredigen Berichten über bereits begangene Frevel erfüllt, das ist ein mythische Ausgeburt.

Barabas gewinnt in einer jenseits aller Psychologie verlaufenden explosiven Theatralik ein wahrhaft über- und außerdimensionales Leben. Der Verismus einer verbrecherischen Natur wird bis ins Allegorische hochgetrieben. Ein Jude (der Jude!) öffnet die Hölle in seiner Brust – eine giftgeschwollene Seele vergiftet die Welt – ein Mensch wird zum Teufel oder gar der Teufel selbst, dessen Subjekte die Juden nach der mittelalterlichen Mythologie sind, nimmt in diesem Einen Menschengestalt an.

 

Barabas ist in allen seinen entscheidenden Zügen das Widerspiel von Shylock. Denn dieser ist der Ghetto-Jude, der nach den Gesetzen und kraft der Gesetze lebt. Jener dagegen ist der Überjude, der übermenschliche Jude, für den es Gesetz und Recht nicht gibt. Das Mittelalter hat der englischen Vorstellungswelt kaum Beispiele eines solchen Judenwesens überliefert. Und daß Marlowe, der ein Dichter historischer oder mythischer Stoffe war, diesen Barabas erfunden hätte, ist so gut wie ausgeschlossen.

Marlowe siedelt ihn auf Malta an, auf der handelspolitisch und strategisch gleich wichtigen Mittelmeerinsel zwischen Europa und Afrika, zugleich Wall und Brücke zwischen Okzident und Orient, zwischen Christentum und Islam. Hier, auf Malta, laufen die Interessen des Sultans und des Papstes, des Königs von Spanien und eigentlich auch schon der neuen Großmacht Englands zusammen. Hier ist internationaler Boden, fast eine Art von Niemandsland zwischen den Mächten des Ostens und des Westens.

Tamerlan und Faust sind historische Figuren, jener wirklich der Geschichte entnommen, dieser einem Volksbuch, in dem die Kulturgeschichte in einen mythischen Zustand getreten ist. Es liegt also nahe, auch für Barabas nach einem Vorbild zu suchen, nämlich nach einer bedeutenden jüdischen Figur, die bei den Kämpfen zwischen Islam und Christentum um die Vorherrschaft im Mittelmeer eine Rolle gespielt hat.

Es hat einen solchen Juden gegeben.


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