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Drittes Kapitel.
Geschichte, Mythos und Dichtung


Gerontus, der gute Jude von der Türkei

Vermutlich im Jahre 1582 fand die erste Aufführung von »The Three Ladies of London« statt, eine englische »Moralität«, angeblich von dem damals bekannten Bühnenautor Robert Wilson verfaßt.

Die drei Damen von London, die der Titel nennt, sind keine Frauen aus Fleisch und Blut; sie heißen Lucar, Conscience und Love – der Gewinn, das Gewissen und die Liebe. Es kommen noch mehr solche Gestalten in dem Stück vor: die Heuchelei, die Simonie, der Wucher, der Betrug, aber auch: der (gute oder schlechte) Ruf, die Gastfreundschaft, die Einfalt. Ferner gibt es da einen Sir Nicholas Nemo und einen Mister Artifex, deren Namen keines Kommentars bedürfen. Lauter Figuren mit wenig oder gar keinem Fleisch unter ihren bunten Gewändern, aber mit um so mehr Spruchweisheit und Moral, die oft genug mit ähnlichem Charme serviert werden wie etwa zweieinhalb Jahrhunderte später in den Stücken des Österreichers Raimund.

Aber neben den allegorischen Lebensbildern stehen in dem Stück auch realistische Szenen, Vorläufer des allmählich die Oberhand gewinnenden »modernen« Dramas. In einer solchen Szene betreten die Kaufleute Gerontus und Mercadorus, ein Jude und ein Venezianer, die Bühne. Schauplatz ist die Türkei.

Zwischen Gerontus (die latinisierte Form des deutschen Gernot) und Mercadorus ist ein Geschäft im Gang. Jener ist Geldverleiher (wie Shylock) und hat diesem zweitausend Dukaten auf drei Monate vorgestreckt. Schon vor Ablauf dieser Frist läßt Gerontus sich überreden, noch weitere tausend zu leihen. Das wird ihm schlecht gelohnt. Mercadorus, der im Dienst der Dame Gewinn steht und sich schon im Aufbruch nach London befindet, weigert sich hartnäckig, den inzwischen fällig gewordenen Gesamtbetrag zu zahlen und geht außer Landes. Dieses Verhalten quittiert der Jude mit den bitteren Worten: »Gewiß, wenn wir Juden untereinander uns so verhielten, würden wir das Vertrauen bei unseren eigenen Brüdern verlieren. Aber viele von euch Christen machen sich kein Gewissen daraus, ein falsches Wort zu geben und eine Frist nicht einzuhalten.«

Es klingt fast wie eine Vorbotschaft zum »Kaufmann von Venedig«. Es ist immerhin erstaunlich, daß der Autor diese moralisierende Feststellung durch einen Juden ans Londoner Publikum richten läßt. Offenbar will er ihr dadurch einen um so größeren Nachdruck geben, etwa mit dem stillschweigenden Notabene: sogar die Juden sind besser als ihr Christen! Aber drastischer noch wirkt das Exempel, das sich daraus entwickelt.

Zwei Jahre später nämlich treffen sich Gläubiger und Schuldner wieder. Gerontus mahnt Mercadorus zur Zahlung. Dieser bittet um einige Tage Frist. Sie wird ihm gewährt. Im Anschluß daran führen die beiden ein wirtschaftlich und kulturhistorisch interessantes Gespräch. Gerontus fragt, was für Ware Mercadorus für England einkaufen wolle. Der Italiener antwortet, es fehle ihm noch an hübschem, feinem Tand, an phantastischen Neuigkeiten für die englischen Damen. Gerontus erklärt sich bereit, ihn dorthin zu führen, wo ein großer Vorrat an solchen Waren zu besichtigen ist: Bisam, Ambra, Rubine, Smaragde, Saphire, Opale, Hyazinthe, Achate, Türkise und jede andere Art von Edelsteinen, mit denen man den »green-headed wantons«, den leichtsinnigen Dirnen, das Geld aus der Tasche ziehen könne. Mercadorus ist von diesem Anerbieten entzückt und verspricht dem hilfsbereiten Juden, schon in zwei bis drei Tagen seine Schuld zu begleichen.

Daß hier Gerontus sozusagen als Spezialist in Edelsteinen auftritt, entspricht einer Rolle, die die Juden im damaligen wie auch im früheren und späteren Handel gespielt haben. Im übrigen trägt die Szene ihre Moral deutlich in sich, nämlich eine puritanisch beeinflußte Kritik am Luxus und Wohlleben und an unnützem Geldausgeben. Wie diese moralisierende Linie entwickelt wird, wie reizvoll und effektvoll, zeigt die nächste Szene. Da tritt das Gewissen als Besenverkäuferin auf und bietet in einem Lied seine solide und nützliche Ware an. Dieses kleine Couplet sei, als dichterischer Kontrast zu der Unterhaltung der beiden Kaufleute, hier wiedergegeben. Das Gewissen also singt:

»New brooms, green brooms, will you buy any?
Come, maidens, come quickly, let me take a penny!
My brooms are not steeped
But very well-bound,
My brooms be not crooked,
But smooth-cut and round.
I wish it should please you
To buy of my broom,
Then would it well ease me
If market were done.«

In ziemlich genauer Übersetzung:

»Besen, neue Besen grün, wer will sie kaufen?
Ein Penny für mich – kommt, Mädchen, gelaufen!
Meine Besen nicht weich,
Sondern sehr gut im Bund,
Sie sind nicht verbogen,
Schön geschnitten und rund.
Ich wünsche, 's wär' euer Pläsier
So'n Besenkauf,
Dann bekäm' es recht gut mir,
Wenn's Geschäft wär' im Lauf.«

Nach dem Lied spricht die Besenverkäuferin – das Gewissen – vom schlimmen Wucher: er habe unter den Christen Eingang und Duldung gefunden – als notwendiges Übel, aber er überschreite die gesetzlichen Grenzen und stürze viele Leute ins Unglück.

Wenn es des literarischen Beweises bedürfte, daß im elisabethanischen England (wo die Juden so gut wie keine Rolle mehr spielten) der Wucher grassierte, hier wäre er schon. Zu allem Überfluß erscheint nun der Wucher in Person auf der Bühne und auf seinen Rat kauft der Gewinn dem Gewissen alle Besen ab. Womit der Wucher sogar im simplen Besengeschäft das Feld behauptet! Die Rückbeziehung auf die vorausgegangene Unterhaltung der beiden Kaufleute ergibt sich von selbst.

Wieder treffen sich dann Gerontus und Mercadorus auf der Straße und jener fragt nach seinem Guthaben. Der andere macht Ausflüchte. Der Jude fragt, ob er sich mit ihm einen Spaß erlauben und ihn verhöhnen wolle, und schwört bei … Muhamed, er werde ihn in Schuldhaft setzen lassen, wenn er nicht zahle. Mercadorus bittet um ein paar weitere Tage Geduld, er habe wichtige Briefe aus England bekommen, die er eiligst erledigen müsse. Nun verliert Gerontus seine Geduld: das gehe ihn nichts an – Zahlen oder Schuldhaft!

Da erst rückt der Italiener mit seiner wahren Absicht heraus. Er beginnt auf den Juden zu schimpfen und droht, ihm keinen Pfennig zu zahlen, sondern Türke zu werden, wodurch er von seinen Verpflichtungen gegen Andersgläubige frei werde. Der Jude will nicht glauben, daß der andere seinen christlichen Glauben so leicht verraten könne und erklärt sich bereit, noch eine Weile zu warten. Mercadorus aber, allein geblieben, berichtet, seine Herrin Gewinn schreibe ihm aus London, er solle den Juden betrügen – aus Liebe zu ihr.

Schon diese Szene ist nicht ohne realistische Spannung. Wenig realistisch allerdings ist es, daß der Jude bei dem Propheten Muhamed schwört. (Übrigens stimmen bei Shakespeare die jüdischen Schwüre ebenfalls nicht: er läßt Shylock einmal bei »Jakobs Stab« schwören, ein anderes Mal beim Sabbath – beides unjüdische Schwüre, ganz abgesehen davon, daß die jüdische Lehre unnütze Schwüre streng verbietet.)

Nun aber spitzt sich der Geldhandel zu einem Rechtshandel zu, wie im »Kaufmann von Venedig«, und zu einer Gerichtsszene, die in fast jedem Wort das Gegenstück und Gegenteil des Shylock-Prozesses ist. Sie hat gegenüber jener Szene, in deren Mittelpunkt ein jüdischer Wucherer steht, polemisches und apologetisches Gewicht.

Gerontus erscheint mit seinem christlichen Schuldner vor dem türkischen Richter und bringt seine Klage vor. Der Richter belehrt ihn, es sei in der Türkei Gesetz, daß ein Fremder, der seinen König, sein Vaterland und seinen Glauben abschwöre, von allen seinen Schulden frei werde. Mercadorus bestreitet die Schuld keineswegs und wiederholt seinen Entschluß, Türke zu werden. Nun beginnt ein Dialog, der an theatralischer Spannung nichts zu wünschen übrig läßt.

Der Richter zu Mercadorus: »Tritt näher, leg' die Hand auf dieses Buch« (offenbar den Koran) »und sprich mir nach!«

Mercadorus: »Gern, ich bin zu allem bereit.«

Gerontus: »Nicht aus wirklichem Glauben, sondern weil seine Herrin mein Geld begehrt!«

Mercadorus beginnt nach den Worten, die ihm der Richter vorspricht, den Pflichten gegen seinen Fürsten, der Ehrerbietung gegen seine Eltern, der Treue gegen sein Land und seinen christlichen Glauben abzuschwören – ein fürchterlicher Eid!

Gerontus unterbricht ihn beim letzten Punkt:

»Bedenke, Mercadorus, was du tust! Zahl' mir die Hauptsumme, die Zinsen erlasse ich dir; aber hab Ehrfurcht vor deinem Glauben und gib nicht vor, mich zu betrügen.«

Mercadorus: »Kein Pfennig Zinsen, kein Pfennig Kapital!«

Gerontus: »Dann bezahl' mir wenigstens die Hälfte, wenn du das Ganze nicht zahlen willst.«

Mercadorus: »Auch nicht die Hälfte, keinen Heller! Ich will Türke werden; ich bin der christlichen Religion überdrüssig, drum ging ich fort.«

Da erläßt ihm der Jude die ganze Schuld, um nicht daran mitschuldig zu werden, daß der andere seinen Glauben verrät. Und Mercadorus nimmt das Anerbieten mit Dank an.

Der Richter: »Aber Mercadorus, ich habe gemeint, du willst Türke werden.«

Mercadorus: »Nein, Herr, nicht um alles Gute in der Welt verrat' ich meinen Christus.«

Der Richter: »Dann ist es also so, wie Gerontus gesagt hat, daß du aus Habsucht und nicht aus Eifer und Neigung, Türke zu werden, gehandelt hast.«

Mercadorus: »Ihr greift mich hart an, Ihr dürft nicht mein Gewissen richten.«

Da bricht der Richter, bevor er abgeht, in die Worte aus: »Man kann richten und die Wahrheit sprechen, wie sich hier zeigt: Juden suchen sich durch Christlichkeit auszuzeichnen und Christen durch Jüdischkeit.«

Mercadorus, durch nichts beirrt, dankt dem Juden nochmals für die Erlassung der Schuld. Der erwidert, er bereue es nicht, nur möchte er nicht, daß Mercadorus sich dadurch berechtigt fühle, einen anderen ähnlich zu behandeln.

Zum Schluß gibt er dem Italiener den biederen Rat, er möge in Zukunft seine Schulden bezahlen und seine Termine einzuhalten versuchen, wenn er sich – einen guten Namen bewahren wolle!

Mercadorus bleibt triumphierend zurück: wenn nur seine Lady Lucar die Sache schon wüßte! »Ich will sofort nach England zurückfahren. Ich ein Türke werden? Nein, ich will meine Lady Lucar lächeln machen, wenn sie erfährt, wie ich den bösen Juden betrogen habe.«

Diese Szene bleibt, wenn auch ihre pädagogisch-satirische Absicht faustdick aufgetragen ist, immerhin ein Beweis dafür, daß dem elisabethanischen Publikum die Idealgestalt eines Juden und dieser als Vertreter der Moral und als Verteidiger der Glaubenstreue vorgeführt werden konnte. Aber die Folgerung darf nicht sein: so hoch hat ein elisabethanischer Dramatiker die Juden geschätzt, sondern: so niedrig hat er von den christlichen Handelsleuten gedacht. Und überdies: Mercadorus ist ja ein Italiener – Abneigung und Vorurteil gegen ausländische Handelsleute in London haben wohl auch mitgespielt.


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