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Zacharias und Zadoch, die Juden von Rom

Im Jahre 1594 ist in London ein Buch erschienen: »The unfortunate Traveller or The life of Jacke Wilton« – Der unglückliche Reisende oder Das Leben Jacke Wiltons. Thomas Nashe, sein Verfasser, hat es ebenfalls dem Grafen Southampton, dem Freund von Shakespeare und Essex, gewidmet. Es ist also in der Nähe der Essex-Clique entstanden und vielleicht ist der Teil, der sich auf die Juden bezieht, sogar bestellte Arbeit gewesen.

Das ist bei Nashe nicht unwahrscheinlich, zumal es so gut wie feststeht, daß er dem Prozeß gegen Lopez in der Guildhall beigewohnt hat. Er war Pamphletist mit Leib und Seele. Er hatte eine scharfe Zunge und Feder. An fast allen literarischen Fehden seiner Zeit war er beteiligt, ob sie sich im Wirtshaus oder auf dem Papier abgespielt haben. Dieser witzige und spritzige Schriftsteller, der wie ein moderner Journalist oder wie ein kleiner Heinrich Heine wirkt, war einer der begabtesten Prosaisten seiner Zeit, reich an Phantasie, voll von Einfällen und wie betrunken von sich und vom Leben. Er ist 1567 geboren, etwa drei Jahre nach Shakespeare, und spätestens 1601 gestorben – er gehörte also wohl auch zu jenen elisabethanischen Stürmern und Drängern, die ihre Gier zu wirken und zu leben früh verbrauchten.

Nashe hat in den Jahren 1593 und 1594 ein aufsehenerregendes Werk geschrieben »Christ's Tears over Jerusalem« – Christus weint über Jerusalem –, das, mit vielen biblischen Zitaten gespickt und sogar die Gestalt des christlichen Heilands als Redner einführend, eine grandiose Moralpauke gegen das elisabethanische London darstellt. Es wimmelt darin von Angriffen gegen die Wucherer, die Puritaner und sogar, wenn auch versteckt, gegen die Königin selbst. Uns interessiert hier am meisten, daß Nashe in der ersten Hälfte des Buches unter anderem einen ausführlichen Bericht über den Fall Jerusalems und über das Schicksal des jüdischen Volkes gibt. Das Pathos, dessen er sich dabei bedient, wirkt heute nicht anders als eine Parodie auf das biblische Pathos der damaligen Puritaner.

Der Held seines anderen im Jahre 1594 erschienenen Buches, der »Unglückliche Reisende« ist ein Page, ein halber Knabe noch: Jacke Wilton. Er reist im Gefolge des Grafen Surrey (1517? bis 1547), eines bekannten englischen Kriegshelden und Dichters, den Heinrich VIII. aus einem nichtigen Grund hat hinrichten lassen, über das Festland nach Italien. Sie kommen schließlich nach Rom. Hier nun erlebt Jacke Wilton nach der Abreise seines Herrn mit seiner Freundin Diamante die tollsten Abenteuer, die der Dichter ihn, wie den ganzen Bericht des Buches, selbst erzählen läßt. Was er mit zwei Juden erlebt, sei hier – mit einigen Kürzungen – wiedergegeben. Es ist ein kulturhistorisches Dokument.

Jacke Wilton erzählt:

»Ich ging, um meine Kurtisane Diamante zu suchen, bis zum Abend in der Stadt auf und ab. Ich hatte einen Kater, als ob ich am Nachmittag zu viel getrunken hätte, und wollte unter dem Vordach des Hauses eines Juden namens Zadoch, wo ich gerade vorbei kam, unterkriechen. Aber die Kellertür war entriegelt und ich stürze Hals über Kopf hinunter. Kaum war der erste Schreck überwunden, riß ich meine Augen auf, um zu eruieren, unter welchem Kontinent ich mich eigentlich befand. Da, o Zufall, erblickte ich meine Diamante, wie sie mit einem jungen Burschen zärtliche Küsse tauschte … Gerade wollte ich mit Schmähungen über sie herfallen, da raste der Jude, durch meinen Sturz aus dem Schlaf geschreckt, die Treppe herunter, alarmierte sein Gesinde und attackierte die Kurtisane und mich, wir seien in sein Haus eingebrochen und wollten zusammen mit seinem Burschen ihn berauben.

Damals galt in Rom das Gesetz: Wem ein Missetäter beim Versuch eines Straßenraubs oder Einbruchs in die Hände gefallen war, der konnte ihn entweder zu seinem Leibeigenen machen oder ihn dem Strang überliefern. Zadoch, habgierig wie alle Juden, rechnete sich aus, daß er vom Hängen keinen Vorteil hätte, und nahm sich was ganz Schlaues mit mir vor. Er ging zu einem Doktor Zacharias, dem päpstlichen Arzt, der ebenfalls ein Jude und ein Landsmann von ihm war, und eröffnete ihm, er habe das denkbar beste Geschäft für ihn.

›Es ist mir nicht unbekannt‹, sagte er, ›daß der Termin für Eure alljährliche anatomische Demonstration bevorsteht, für die Ihr sorgfältig vorbereitet sein müßt, wenn Ihr nicht die Unterstützung Eurer Fakultät verlieren wollt. Die Pestseuche ist groß. Ihr werdet schwerlich einen gesunden Körper zum Zerschneiden bekommen. Da Ihr mein Landsmann seid, komm ich zuerst zu Euch. Laßt Euch also sagen: Ich habe einen jungen Mann zu Haus, der mir als Leibeigener verfallen ist, etwa achtzehn Jahre alt, große Gestalt, kräftige Glieder, ideales Aussehen, wie ein Modell für gewisse Maler. Also, Ihr seid ein ehrlicher Mann und gehört zu den zerstreuten Kindern Abrahams – für fünfhundert Kronen sollt Ihr den Jungen haben.‹

›Laßt mich ihn anschauen‹, erwiderte der Doktor Zacharias, ›und ich will Euch so viel geben wie jeder andere.‹

Er ließ mich holen. Ich wurde gefesselt durch die Straßen geführt. Dabei kamen wir unter den Fenstern einer gewissen Juliana vorüber, der Frau des Marchese von Mantua, einer munteren Lebedame, die eine von des Papstes Konkubinen war. Sie hatte einen Fensterflügel geöffnet, sah heraus und ihr Blick fiel auf mich. Und auf den ersten Blick verliebte sie sich in meine Jugend und in mein Milchgesicht. Sie schickte nach mir, um zu hören, was mit mir los sei, was ich verbrochen hätte und wohin ich gebracht würde. Meine Begleiter verschwiegen nichts. Als sie die Wahrheit erfuhr, brach sie in geile Klagen aus, daß ich unter die Juden und daß mein schöner Körper in die Hände dieser verfluchten Menschensorte gefallen sei. Sie überlegte sich, wie sie mich befreien könnte.

Aber zuerst will ich erzählen, was mit mir beim Doktor Zacharias geschah. Der kurzsichtige Arzt riß seine Augen weit auf und glotzte mich genau an. Als er mein Gesicht durch und durch betrachtet hatte, verlangte er, daß ich nackt ausgezogen werde, um handgreiflich festzustellen, ob jedes Glied gesund und ob meine Haut nicht infiziert sei. Dann stach er mich in den Arm, um eine Blutprobe zu machen. Nach diesen Untersuchungen und Experimenten zahlte er Zadoch den vollen Preis und schloß mich dann in ein dunkles Zimmer ein.

O, wie kam mir der kalte Schweiß, als mir klar wurde, daß ich zerschnitten werden sollte. Schon glaubte ich, das Blut beginne mir aus der Nase zu schießen. Biß mich ein Floh, schon meinte ich, das Messer sei angesetzt. Dies ist nicht der richtige Weg, um aus einem Menschen einen wahren Christen zu machen: wenn er nämlich weiß, daß er für eine anatomische Prozedur aufbewahrt wird. Aber ich gestehe, ich habe damals mehr gebetet als in den sieben Jahren vorher. Kein Tropfen Schweiß floß mir über Brust und Lenden, ohne daß ich träumte, ein zweischneidiges Rasiermesser gehe mir zart darüber. Klopfte jemand an die Tür, so glaubte ich, der Pedell des Hauses der Ärzte komme, um mich zu holen. Nachts träumte ich von nichts anderem als von Phlebotomie, Blutflüssen, Fleischwunden und offenen Geschwüren. Ich wagte nicht, etwas von mir zu geben – aus Furcht, mich zu verbluten. Mittlerweile bekam ich eine Zwetschgenbrühe zu essen, die eine Abführung nach der anderen verursachte, um mein Blut zu reinigen, daß es nicht dickflüssig werde …

Kehren wir zu Juliana zurück. Sie dachte heftig an mich und schickte einen Boten an Doktor Zacharias, um meine Herausgabe zu verlangen und, falls dies nichts fruchtete, mich zu jeder beliebigen Summe, die er verlangte, zu kaufen. Zacharias, jüdisch und besitzgierig, lehnte beide Bitten ab und äußerte, wenn es keinen anderen Christen mehr auf der Welt gäbe, so würde er sofort ein scharfes Messer in meine Kehle stoßen. Dieser Bescheid brachte sie in arge Verzweiflung und sie beschloß ihm nun so ans Bein zu fahren, daß er es nie vergessen würde.

Der Papst wurde (ich weiß nicht, ob mit oder ohne ihr Zutun) binnen zweier Tage krank. Doktor Zacharias wurde geholt, um ihn zu behandeln. Er fand etwas Verdächtiges im Urin, gab ihm ein leichtes Mittel für den Magen ein und sprach den Wunsch aus, man möchte Seine Heiligkeit überreden, auch noch den Rest zu nehmen, dann würde es ihm ohne Zweifel bald wieder gut gehen. Wer anders sollte diese milde Arznei vom Doktor entgegennehmen als die Konkubine Juliana, seine ärgste Feindin? Sie hatte ein strenges Gift zur Hand, das sie im Vorzimmer des Papstes in die Arznei tat. Als der Vorkoster kam und sie versuchte, sank er steif und tot zu Boden. Da rief der Papst nach Juliana und fragte sie, was für eine üble Brühe sie ihm da gebracht habe. Sie warf sich vor ihm auf die Knie und jammerte, so hätte es ihr Zacharias, der Jude, mit eigenen Händen übergeben – wenn es ihm also nicht bekommen sei, so möge er ihr verzeihen.

Drauf wollte der Papst, ohne die Sache weiter zu prüfen, den Zacharias und alle Juden in Rom hinrichten lassen. Aber sie klammerte sich an seine Knie und flehte ihn unter Krokodilstränen an, seinen Spruch zu mildern und sie alle auszuweisen. ›Denn Zacharias‹, sagte sie, ›Euer zehnfach undankbarer Arzt, wie treulos nun auch seine Absicht war, ist im Besitz großer Künste und vieler unübertrefflicher Kräuter, Öle, Wässerchen und Syrupe in seinem Haus, die Eurer Heiligkeit von Nutzen sein könnten und so erbitte ich mir, all sein Hab und Gut, aber nur zu Eurem Besten, verwahren zu dürfen.‹ Diese Bitte wurde mit einem Kuß besiegelt und bald wurde in ganz Rom die Verordnung verkündet, daß das ganze beschnittene Volk, Mann und Weib, soweit sie der alten Judenheit angehörten, binnen zwanzig Tagen abzuziehen hätte – bei Vermeidung der Todesstrafe durch den Strang.

Schon zwei Tage vor dieser Proklamation ließ Juliana auf des Zacharias liegendes und bewegliches Gut und auf sein Gesinde durch ihre Leute Beschlag legen. Sie führten ihren Auftrag genauestens aus und ließen nicht so viel wie einen Nachthafen oder eine Ölfunzel zurück. Es war etwa sechs Uhr abends, als zwei Schlepper in mein Zimmer stürzten. Ich saß gerade da, die Ellbogen aufgestützt, und dachte darüber nach, was für eine Art von Tod es wohl sei, zur Ader gelassen zu werden, bis man stirbt.

In dieser Meditation wurde ich gestört und in einen Mantel gewickelt, daß man mich nicht erkennen konnte. Ich selbst aber konnte sehen, welchen Weg man mit mir nahm. Und der erste Boden, den ich nach dem Haus des Zacharias betrat, war das Zimmer der Gräfin Juliana. Eigentlich vermutete ich, daß es mir hier zu sterben vergönnt sein würde. Ich rechnete mit nichts anderem, während man mich auf den Schultern trug, als daß dies der Ritt in den Himmel wäre und die Fahrt zur Kirche, von nun an ausgeschlossen von jedem Trunk Bier. Als ob ich völlig unerwartet käme, fuhr Juliana ihre Leute an: ›Was für einen kleinen sauberen Junker bringt Ihr mir da? Was hat er verbrochen? Oder wo habt Ihr ihn her?‹ Sie antworteten, sie hätten mich in einem Zimmer des Zacharias als Gefangenen gefunden und sich gedacht, sie würden dem Befehl der Herrin zuwiderhandeln, wenn sie mich dort ließen.

›Oh‹ sagte sie, ›ich lobe Euren großen Eifer, daß Ihr dachtet, ich sei ein einsames Weib, das Liebe braucht. Aber da bringt Ihr mir nun einen frischen bartlosen Knaben (ich weiß nicht, woher er ist und was er will) und gefährdet meinen guten Ruf. Ich sage Euch, Ihr habt mir so schlecht gedient, daß ich es kaum ruhig hinnehmen kann. Ihr hättet ihn zum Magistrat bringen müssen. Von mir hattet Ihr nur Auftrag in Bezug auf die Güter und Leibeigenen.‹ Die Leute baten sie um Verzeihung für ihren Irrtum, er sei aus übergroßem Pflichteifer und nicht aus Nachlässigkeit geschehen.

›Aber warum sollte ich nicht das Schlimmste vermuten?‹ meinte sie. ›Ich sage Euch offen heraus, ich habe fast den Verdacht, das ist irgend so ein Jüngling mit einem Liebeszauber, der Euch zu dieser List verleitet hat, um mir die Ehre zu nehmen. Es ist doch eine verdächtige Sache, daß ein Mann wie Zacharias aus seinem Haus ein Gefängnis machen und sich in die staatlichen Angelegenheiten mischen sollte. Mit Verlaub, schöner Herr, Ihr werdet bei mir hinter Schloß und Riegel wohnen, bis ich mich über Euch erkundigt habe. Ihr werdet genauestens geprüft werden, bevor wir uns trennen. Geh, Mädchen, und zeig ihm sein Zimmer am Ende der Galerie mit dem Blick in den Garten! Euch, meine lieben Kuppler, bitte ich, ihn dort mit der gleichen Sorgfalt zu verwahren, mit der Ihr ihn hergebracht habt. Dann macht die Türen fest zu und geht Eurer Wege.‹

Das war die Rolle einer schlauen Dirne. Sie brauchte nicht erst nach Kunstgriffen und Listen zu suchen: So sind alle Weiber …!

Nicht zu viel von dieser Madame Marchesa, wir wollen nachholen, was der Jude Zadoch mit meiner Kurtisane getan hat, nachdem ich an Zacharias verkauft war. Ihr werdet, hoffe ich, nicht so kurzsichtig sein, von einem üblen Baum gute Frucht zu erwarten. Er war ein Jude und benahm sich daher wie ein Jude. Unter dem Vorwand, Diamante zum Geständnis zwingen zu wollen, wieviel Geld ihr sein Bursche in den Keller gebracht habe, zog er sie aus und schrubbte sie vom Kopf bis zu den Zehen. Täglich gab er ihr etwas zum Abführen ein …

Zacharias kam sofort zu Zadoch gerannt in Sack und Asche, nachdem man ihm seinen Besitz konfisziert hatte, und erzählte, was ihm geschehen sei und was ihnen allen bevorstehe. Seine Schilderungen glichen den Wutausbrüchen Luzifers, als er wegen seiner Lästerungen aus dem Himmel verwiesen wurde.

Es gibt einen Krötenfisch, der, wenn man ihn aus dem Wasser herausnimmt, sich aufbläht, daß man nicht glauben möchte, seine Haut halte das aus, und dann zerplatzt er auch – dem, der ihn anschaut, mitten ins Gesicht hinein. So blähte sich Zadoch auf und schien aus seiner Haut herausfahren zu wollen. Er feuerte sein Innerstes dem Zacharias ins Gesicht, als der so elende Nachrichten brachte. Seine Augen funkelten und brannten wie Schwefel und loderten wie Aquavit. Seine Riesennase leuchtete wie Glühwürmchen. Seine Zähne klapperten wie die Fugen eines mächtigen Hauses, die sich spalten und wie eine Wiege schaukeln, wenn sich ein Sturm gegen sie wirft.

Er schwur, fluchte und schrie:

›Das ist die Gesellschaft, die jenen gekreuzigten Gott von Nazareth anbetet, das sind die Früchte ihres Neuen Testaments. Pulver und Schwefel befördere sie allesamt in die Hölle! Ich würde gerne meine Seele dafür hergeben, wenn ich diesen dreiköpfigen Papst nebst seinen von der Sünde losgesprochenen Huren und seinen gesalbten Priestern, geboren mit einem schwarzen Fleck auf dem Teufelsrücken, in einer Prozession in den Abgrund schicken könnte. Könnte ich jetzt in die Erde sinken, so möchte ich dieses Rom, diese Hure Babylon, mit meinem Atem in die Luft blasen. Wenn ich denn in die Verbannung muß, wenn diese heidnischen Hunde mir rauben wollen, was ich habe, so will ich ihre Brunnen vergiften und ihre Quellen rings um die Stadt. Ich will ihre kleinen Kinder in mein Haus locken, soviele ich nur erwischen kann, ihnen ihre Gurgel durchschneiden, sie zerkleinern und, in Fleischtöpfen verpackt, als Proviant den päpstlichen Galeeren liefern. Bevor die Beamten dahinter kommen, will ich hundert Pfund einem Brotbäcker schenken, damit er Skorpionenöl ins Brot mischt, das tödlicher sein kann als die Pest.

Ich will dafür sorgen, daß sie ihre Oblaten und Hostien auf die gleiche Art mischen, damit sie im Eifer für ihre abergläubige Religion dahinwelken und wie Aas niedersinken. Und wenn es gar einen widergöttlichen Zauberer gibt, der die Winde aus ihren versteckten Winkeln rufen und die Wolken ziehen lassen kann vor ihrer Zeit, dem will ich nochmals hundert Pfund geben, damit er den Himmel eine ganze Woche lang mit Donner und Blitz in Unruhe hält, wenn es auch zu nichts anderem dient, als alle Weine in Rom sauer werden zu lassen und sie in Essig zu verwandeln. Solange sie Öl oder Wein haben, vermag die Pest nur wenig über sie.‹

›Zadoch, Zadoch‹, unterbrach ihn Doktor Zacharias, ›du schickst deine Drohungen in die Luft, während wir hier auf der Erde in Gefahr sind. Die Gräfin Juliana, Frau des Marchese von Mantua, und niemand anders hat uns das Unglück eingebrockt. Frag' nicht, wieso, sondern glaub meinen Worten und hilf mir bei der Rache.‹

›Wieso, wieso?‹ fragte Zadoch zappelnd und zuckend, ›glücklicher als die Patriarchen wäre ich, wenn unter den größten Qualen, die die römischen Tyrannen ausprobiert haben, die Masse sterben müßte und das könnte durch mich mit Hilfe eines Viertels kostbaren Giftes geschehen. Ich habe ein offenes Glied – soll ich es aufschneiden und aus dieser verdorbenen Quelle ein Gift herausziehen, das schlimmer ist als alle Schlangen? Wenn du willst, gehe ich in ein verpestetes Haus, wo ich mich anstecke, und wenn ich dann ein eiterndes Geschwür habe, will ich zu ihr gehen, ihr eine Bitte vortragen und sie dabei anhauchen. Ich weiß, daß dann mein Atem schon so stinkt, daß er bereits eine halbe Pest ist. Ich werde ihr heimzahlen, wenn ich es mit noch mehr Fäulnis tun kann!‹

›Nein, Bruder Zadoch‹, erwiderte Zacharias, ›das ist nicht der Weg. Kannst du mir nicht lieber eine Leibeigene besorgen von besonderer und begnadeter Schönheit, die du als ein Geschenk von unserer Synagoge ihr darbringen könntest – mit dem Wunsch, sie möchte gut und huldvoll zu uns sein?‹

›Ich habe eine, ich steh dir zu Diensten‹, sagte Zadoch, ›Diamante, komm her! Siehe ein Mädchen von einer so reinen Haut wie Susanne. Nicht einen Pickel hat sie auf ihrem Körper von der Fußsohle bis zur Haarkrone. Wie meinst du, Meister Doktor, wird sie unserem Zweck dienlich sein?‹

›Ja‹, sagte Zacharias, ›und so will ich dir sagen, was ich mit ihr vorhabe, aber ich möchte es ihr gleich selbst entdecken: Mädchen (wenn du wirklich noch ein Mädchen bist), komm her zu mir, du mußt zur Gräfin von Mantua gehen wegen eines kleinen Dienstes, durch den du, die du jetzt eine Leibeigene bist, frei werden und dir auch eine ansehnliche Mitgift für deine Heirat sichern wirst. Ich weiß, dein Herr liebt dich sehr, obwohl er es dich nicht so merken läßt. Aber er beabsichtigt dich zu seiner Erbin zu machen, da er ja keine Kinder hat. Sei ihm gefällig, so wie ich's dir sage und du bist gemacht für immer.

Es ist nämlich so, daß der Papst der Gräfin von Mantua, seiner Mätresse, überdrüssig ist und in mich, seinen Arzt, das Vertrauen gesetzt hat, daß ich sie in aller Stille und Schonung beiseite schaffe. Ich kann mir's aber jetzt nicht vornehmen, denn ich habe gerade viel mit Kuren zu tun, die mich stündlich beanspruchen. Wenn du aber bei ihr als Zofe oder Servierfräulein in Stellung bist, kannst du versuchen, ihr Brot zu vergiften, ihre Speisen, ihre Getränke, ihre Öle, ihre Salben, ohne je entdeckt zu werden. Ich will gar nicht davon sprechen, ob du sie nicht beim Papst als sein Liebchen wirst ersetzen können, wenn du dich geschickt anstellst. Wie, hast du das Herz, das zu machen oder nicht?‹

Diamante überlegte sich, in welch schrecklicher Knechtschaft sie bei dem Juden lebe und daß sie keine Aussicht habe, daraus erlöst zu werden, sondern daß sie das Übel nur vergrößere, wenn sie diese Gelegenheit versäume. Also ergab sie sich in ihr Schicksal und erklärte, sie sei bereit und stehe den beiden zu Diensten. Darauf wurde ohne weiteres ihre Garderobe reich ausgerüstet, ihr eine sanfte und glatte Sprache beigebracht und die Mittelchen ihr anvertraut. Dann wurde sie von Zadoch, ihrem Herrn, der Gräfin präsentiert, zusammen mit einigen neuen Kleinigkeiten, als von der ganzen Gemeinde kommend, um die Gräfin zu verpflichten, Fürbitte beim Papst einzulegen. Seine Ungnade sei ja doch nur durch die Untat eines einzigen Mannes unverdient über alle gekommen und so hätten sie sich das harte Verdikt – Verlust ihrer Habe und Verbannung – zugezogen.

Juliana, der das hübsche runde Gesicht meiner schwarzäugigen Diamante wohl gefiel, zeigte sich dem Juden gewogener, als sie es sonst getan hätte und sagte ihm, sie für ihre Person sei ja nur eine Private und könne nichts Gewisses für Seine Heiligkeit versprechen. Denn obwohl er sich von ihr bei guter Laune halten zu lassen pflege, sei ihm doch diese Sache so nahe gegangen, daß sie nicht wisse, wie er nun würde gestimmt sein. Aber was an ihr liege, um ihn zur Friedlichkeit umzustimmen, so könnten die Juden sich auf sie verlassen.

Nachdem er fortgegangen war, fragte sie Diamante, was für eine Landsmännin sie sei, was für Freunde sie habe und wieso sie sich in den Händen dieses Juden befinde. Sie antwortete, sie sei ein Mädchen von Stand aus Venedig, sie sei in ihrer Jugend gestohlen und an den Juden verkauft worden.

›Der‹, fuhr sie fort, ›hat mich jüdisch und herrisch behandelt, daß ich den Tag preisen muß, an dem ich seiner Gewalt entkommen bin. Ach', – seufzte sie – warum erzähl ich von meiner eigenen Schande? Man wird glauben, das, was ich jetzt aufdecken muß, sei Verleumdung und nicht Wahrheit. Madame, Euer Leben ist bedroht von diesen Juden, die Euch umwerben. Werdet nicht rot und nicht unruhig, denn meine Warnung wird Euch vor allen ihren Anschlägen schützen!‹ So und so (sagte sie) habe Doktor Zacharias zu ihr gesprochen, dieses Gift hier habe er ihr übergeben. Und sie fuhr fort: ›Bevor ich von den beiden zugezogen wurde, habe ich die Unterhaltung zwischen ihnen durch die Tür hindurch gehört. Sollen sie es leugnen, wenn sie können; ich werde es beschwören. Nur flehe ich Euch an, mir eine gnädige Herrin sein zu wollen und mich nicht wieder in die Gewalt dieser Nattern fallen zu lassen.‹

Juliana sprach wenig. Sie war erschüttert. Sie dankte dem Mädchen für die Enthüllungen und gelobte, ihr – der Leibeigenen – eine Mutter zu sein. Sie nahm ihr das Gift ab und legte es behutsam auf ein Brett in ihrem Kabinett, um es für irgendwelche guten Zwecke aufzubewahren, wie etwa: wenn ich verbraucht wäre und ausgesogen bis auf die Knochen, würde sie mir davon nur einen Schluck geben und mich ins Dunkel befördern. So hatte sie es einige Male mit ihren Geliebten gemacht und hätte mir Gott nicht Diamante als Erlöserin geschickt, hätte ich ohne Zweifel aus dem gleichen Kelch getrunken …

Zacharias, nachdem er dem Mädchen das Gift und die teuflischen Instruktionen gegeben hatte, wagte aus Furcht vor Entdeckung nicht eine Stunde länger zu verweilen. Er floh zu dem Herzog von Bourbon, der später Rom geplündert hat, und zettelte mit seinem Anhang dort alles Unglück gegen den Papst und gegen Rom an, das nur ein Feind ersinnen kann.

Zadoch aber blieb für den Henker zurück. Gemäß seinem Eid hielt er Feuerbälle bereit und ließ Strähnen von Schießpulver an hundert Plätzen der Stadt ausstreuen, wie er auch die Bälle im Freien niederlegen wollte, wenn nicht die Spione, die auf der Hut waren, ihn festgenommen hätten. Er wurde in den strengsten Kerker von Rom gebracht, wo er von oben bis unten gefesselt und gebunden wurde. Juliana berichtete dem Papst von dem Verhalten der beiden Juden … Es erging der Befehl, daß Zadoch, der auf Nummer Sicher saß, mit allen Foltern exekutiert werde, die man nur ausfindig machen konnte …

Zadoch wurde auf den Richtplatz geschleppt und zu allererst entkleidet. Dann wurde er mit dem Gesäß auf einen spitzigen eisernen Pfahl gespießt, der in seinen Körper eindrang wie ein Speer. Unter seinen Armhöhlen waren zwei Pfähle von der gleichen Art. Ein großes Freudenfeuer wurde nun um ihn herum angefacht, das sein Fleisch röstete, ohne es zu verbrennen. So bald seine Haut von der Hitze Blasen bekam, wurde das Feuer beiseite geschoben und man begoß ihn mit einer Mixtur von Aqua fortis, Aluminiumwasser und Merkur-Sublimat, die bis in seine innerste Seele schmerzte und ihn heimsuchte bis ins Mark. Dann peitschte man seinen Rücken mit brennenden Peitschen aus rotglühenden Schnüren, bis er barst. Darauf übergossen sie seinen Kopf mit Teer und zündeten ihn an. An seinen Genitalien befestigten sie ein strahlendes Feuerwerk.

Die Haut von seinen Schultern, seinen Ellbogen, seinen Hüftknochen, seinen Knien und Knöcheln rissen sie mit scharfen Zangen ab. Von Brust und Bauch schabten sie die geröstete Haut ab, wobei einer auf die Stellen, wo sie schabten und kratzten, glühende Flüssigkeit und Aquavit goß. Seine Nägel, halb abgerissen und unterpfählt mit scharfen Stacheln, glichen dem Fenster einer Schneiderwerkstätte, das am Sonntag halb offensteht. Jeden Finger rissen sie ihm einzeln ab bis zum Gelenk, seine Zehen brachen sie ihm bei den Wurzeln und ließen sie noch an einem Restchen Haut hängen. Schließlich hatten sie noch ein kleines Ölfeuer, so eines wie zur Glasbläserei, und ließen ihn, bei den Füßen anfangend, langsam Glied für Glied brennen, bis sein Herz verbrannt war. Dann starb er …«

 

Diese Greuelgeschichte von der Hintertreppe der elisabethanischen Literatur, heute nur noch von Fachleuten gelesen, mußte ans Licht gezogen werden, schon weil sie zeigt, was man über die Juden dem elisabethanischen Publikum erzählt hat. Thomas Nashe war ein bekannter, beliebter Schriftsteller, der eine Nase dafür hatte, was seinen Zeitgenossen gefiel. Sein Buch entspricht denn auch einer Mode, die Reise- und Abenteuerlektüre, mit den tollsten Erfindungen gespickt, bevorzugte. Der Inhalt ist reines Phantasieprodukt, das mit Hilfe einiger historischer Figuren und Daten den Schein der Wahrheit zu erwecken sucht. So etwa wird die Universität von Wittenberg und werden die berühmtesten Humanisten und Reformatoren des Festlandes von den beiden Reisenden »besucht«. Die Judenepisode vollends entbehrt jeder geschichtlichen Unterlage.

Ihre erfundene Parallelität zum Fall Lopez ist so dick aufgetragen, daß einem heute die Entscheidung schwer wird, ob man darin etwa nicht nur eine plump tendenziöse, sondern sogar eine satirische Absicht zu sehen hat. Für die zweite Möglichkeit spricht, daß der jüdische Leibarzt zu Unrecht eines Vergiftungsversuches seinem päpstlichen Patienten gegenüber beschuldigt wird und daß den beiden Juden die groteskesten verbrecherischen Absichten untergeschoben werden. Alles andere freilich und die größere Wahrscheinlichkeit spricht für eine antijüdische Tendenz.

Päpstlicher Leibarzt, königlicher Leibarzt – deutlicher kann die Anspielung nicht sein. Der Umgang mit Gift zum täglichen Gebrauch bei allen möglichen dunklen Zwecken – auch diese Anspielung ist deutlich genug. Dann Geiz und Habgier – auch diese Eigenschaften wurden dem Roderigo Lopez nachgesagt. Darüber hinaus werden unter der Hand alle Judenmythen aus dem Mittelalter verwendet: Mord an Christenkindern, Vergiftung von Brunnen und Quellen, Lästerung der christlichen Religion, Christenhaß; auch Menschenhandel und Mißhandlung von Christenmädchen wird so wenig vergessen wie die verbrecherische Absicht, eine ganze Stadt und ihre Bevölkerung zu vernichten. Eine Reihe der schändlichen Eigenschaften und Taten sind offenbar dem »Juden von Malta« entlehnt.

Der pamphletistische Griff der Erzählung offenbart sich auch darin, daß neben den Juden das Papsttum und die Sittenverderbnis im Vatikan dem protestantischen England vorgeführt wird. Nashe schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum Dritten versäumt er auch nicht, die Episode erotisch zu würzen und letztens befriedigt er in der Detailmalerei, mit der er die Hinrichtung des Juden schildert, das Bedürfnis seiner Leser nach aufregender Lektüre. Kurz: Nashe hat, wie es in der Theatersprache heißt, seinem Affen Zucker gegeben.

Wir finden in seinem Buch Geist, Ton und Stil der Tagesliteratur seiner Zeit. Daß ein solcher Ton und Stil, die Juden betreffend, durch den Fall Lopez brennend aktuell geworden war, dies zu fühlen und ihm Rechnung zu tragen, war Nashe ganz der Mann. Er kann Juden – von Lopez und vielleicht einigen Marranen abgesehen – kaum gekannt haben; übrigens war er, aller Wahrscheinlichkeit nach, nie außerhalb Englands, so daß ihm auch die Stadt Rom unbekannt geblieben ist. Um so klarer wird es, daß seine abscheuliche Schilderung der dortigen Juden auf London gemünzt war. Er hat, was ihm aus dem »Juden von Malta« bekannt war, bis in die letzte Abscheulichkeit hinein verzerrt. Er hat einen Bürgerschreck aus dem Juden gemacht, eine furchterregende Moritat, der man in London die Nutzanwendung auf den Fall Lopez entnehmen konnte. Wobei es, wie schon gesagt, nicht ausgeschlossen ist, daß Nashe ein paar Tropfen seiner beißenden Ironie hat einfließen lassen.

Nashes Judenepisode gibt den Hintergrund der Zeit und der Zeitstimmung, vor dem das Bild Shylocks entstanden und zu verstehen ist.


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