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Erstes Kapitel.
Blick auf den Dichter


Shakespeare und Elisabeth

Die Frage nach Shakespeare steht diesem Buch voran. Shakespeare ist der Schöpfer des großartigsten, dichterisch erschauten Schicksals- und Geschichtspanoramas, das jemals ein einzelner von einer Zeit und einem Volk, von einer Zeitwende und von einem Gipfel menschlicher Entwicklung hinterlassen hat. Er ist eine wahrhaft insulare Erscheinung – einer Inselwelt geschenkt, als diese sich aus dem mittelalterlichen Habitus der Tudor-Dynastie des siebenten und achten Heinrich mit jähem Aufschwung in den Stand der Reformation und Renaissance versetzte, in den Stand und Besitz der »Humaniora«, der humanistischen Freiheit des Denkens und Planens.

Diesem beispiellosen Eintritt Englands in die Neuzeit ist Shakespeares Werk dichterischer Ausdruck, geistiges Zeugnis, seelische Beglaubigung. Der unbegreifliche Genius eines Volkes verlangte nach einem genialen Individuum und ließ es erstehen.

 

Wo so gewaltig Männliches gedacht und getan wurde wie im England der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, saß auf dem Thron die vorgeblich jungfräuliche Königin Elisabeth, nach damaligem Rechtsstand ein halber Bastard, durch das Testament des Vaters für thronwürdig erklärt.

Die Mutter, Anna Boleyn, war als angebliche Ehebrecherin und Hochverräterin enthauptet, der Vater nach vielen Ehe-, Wort- und Vertragsbrüchen zu Tode gefault. Die Tochter kam aus halber Verbannung auf den Thron und sie suchte sich ihren Weg zwischen intriganten Anschlägen und königlichen Vorsätzen, zwischen reformatorischen und katholisierenden Neigungen, zwischen Volkskönigtum und Despotie, zwischen greller Liebe und krassem Haß, hoch über einem noch im Mittelalter befangenen Volk.

Eine Königin? Eine Bäuerin? Eine Hellenin? Eine Britin? Wer weiß die Wahrheit über Elisabeth?

Diese Frau, allzu weiblich und wiederum allzu unweiblich, hielt den Thron fünfundvierzig Jahre lang mit Klauen und Krallen, bedeutsame anderthalb Menschenalter von 1558 bis 1603, die aus der Inselzeit in die Weltzeit ihres Reiches führten, aus dem Mittelalter in die Neuzeit. Es ist, als durchlebe Elisabeths Regierung mit einem Zeitraffer Jahrhunderte.

Wäre Elisabeth um ein Geringes weiblicher und schwächer gewesen, so wäre aus ihr vielleicht – mit einem Mann an der Seite – eine zweite Cleopatra geworden, deren Vorbild einer anderen Zeitwende zum Opfer gefallen ist. Und wäre sie um ein Geringes männlicher und hartnäckiger gewesen, so hätte sie vielleicht ihren Namen einer »Isebel des Nordens« wahrgemacht. Sie aber, eine Amouröse und eine Bluthündin zugleich, schuf ein neues Reich und eine neue Zeit.

Elisabeth Tudor steht, aus der Distanz gesehen neben William Shakespeare wie eine Schwester neben dem Bruder. Auch er war von einer einmaligen Empfängnisfähigkeit. Auch er hat Jahrhunderte um seinen Thron versammelt.

Wer also ist Shakespeare? Er ist der elisabethanische Dichter, so wie Elisabeth die shakespearische Königin ist. Sein Name ist Rätsel, Shake-Speare – der Speerschüttler! Shake-Scene nennt ihn ironisch sein verbitterter Zeitgenosse Greene – Szenenerschütterer!

Er erschüttert die Szene und sie erbebt im Umkreis eines Jahrtausends, Abgründe reißen auf und Gründe heben sich ins Licht, die eine neue Welt tragen.


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