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Viertes Kapitel.
Das Pfund Fleisch


Die Geschichte einer Fabel

Was wäre Shylock ohne die Fabel von dem Pfund Fleisch? Wo sind ihre Quellen zu suchen?

Ihr Thema im weitesten Sinn ist zuerst in frommen Legenden des Orients aufgetaucht. Dort gipfelt es darin, daß heilige Männer ihr eigenes Fleisch zum Opfer bringen, um das Leben einer tierischen Kreatur zu retten. Versionen dieses Inhalts finden sich in der Hindu-Mythologie und im jüdischen Talmud.

In der Hindu-Dichtung, der Mahabharata (etwa 200 vor unserer Zeitrechnung), nimmt das Götterpaar Indra und Agin die Gestalten von Vögeln an, um den König Usinara auf die Probe zu stellen. Agin sucht als verfolgte Taube vor einem Falken, dem verwandelten Indra, Zuflucht an des Königs Brust. Der Raubvogel verlangt von ihm, er solle ihm die Taube als die ihm von der Natur bestimmte Beute ausliefern, ist aber schließlich damit zufrieden, daß der König ihm das Gewicht der Taube mit seinem eigenen Fleisch ersetzt. Für diese Opferbereitschaft wird der heilige Mann in einen Gott verwandelt.

Eine ähnliche Legende gibt es im Talmud: Moses, mit den eben empfangenen Gesetzestafeln vom Sinai herabsteigend, erblickt über sich in den Lüften einen Adler mit einem Lamm im Schnabel. Zornig rügt er den Vogel, daß er ein brüderliches Tier zu töten beabsichtige, just wenn er, Moses, vom Herrn das Gebot erhalten habe: Du sollst nicht töten! Da läßt der Adler sein Opfer los, nähert sich aber Moses mit dem Verlangen, daß nun er seine Jungen füttere. Moses entblößt darauf seine Brust und bietet dem Vogel sein eigenes Fleisch als Beute dar.

Ähnliche Versionen, unter Ausschaltung der Tiere, finden sich im Persischen und Byzantinischen. In Byzanz war es wahrscheinlich, daß sich das religiöse Motiv der Fabel in ein juristisches verwandelte. Es ist von augenfälliger Symbolik, daß aus dem verfolgten, wehrlosen Tier ein Schuldner und aus dem Raubvogel ein Wucherer wird.

Die erste nachweisbare Stelle, wo in der europäischen Literatur das Motiv des Pfundes Fleisch, so wie wir es kennen, vorkommt, ist eine französische Rahmenerzählung des zwölften Jahrhunderts, »Dolopathos aut De Rege et Septem Sapientibus« (Dolopathos oder Der König und die Sieben Weisen), deren Verfasser der Mönch Johannes de Alta Silva ist. In dieser Fassung ist der Schuldner ein Ritter und der Gläubiger ein vormaliger Höriger von ihm, der sich an seinem früheren Herren damit rächen will, daß dieser ihn einst in einem Wutanfall verstümmelt hat. Der König selbst ist der Richter. Auf den Rat eines fremden Ritters, der an der Gerichtsstätte erscheint und in Wirklichkeit die Frau des Schuldners ist, fällt er dasselbe Urteil wie der Doge bei Shakespeare.

Bezeichnend ist an dieser Fassung, daß sie in einer primitiven und realistischen Form bereits das Rache-Motiv in die Fabel einführt. Was einst im Orient fromm und göttlich gewendet war, ist nun grob weltlich und menschlich-allzumenschlich geworden. Der Herr steht gegen den Knecht und der Knecht gegen den Herrn. Natürlich bekommt der Knecht Unrecht und die Liebe einer schlauen Frau gibt dem Herrn sein Recht und mehr als das! Eine neue Reihe von Motiven liegt damit für die mittelalterliche »Karriere« der Fabel offen. Sehen wir zu, wie diese sich weiterentwickelt, bis in ihr ein Jude Platz hat.

Im dreizehnten Jahrhundert hat die Fabel in die »Gesta Romanorum« Eingang gefunden, die das verbreitetste Geschichten- und Legendenbuch des Mittelalters war und auch ins Englische sowie ins Deutsche übersetzt wurde. Diese »Gesta« enthalten erbauliche, aber auch erotisch gewürzte Erzählungen, die meistens am Hof von mehr oder minder sagenhaften römischen Kaisern spielen und vorwiegend heidnisches Erinnerungsgut in manchmal sehr fragwürdiges christliches Licht rücken. Shakespeare hat ihnen vermutlich auch das Motiv von den drei Kästchen, das er bei der Werbung um Porzias Hand verwendet, entnommen. Da die Fassung in den »Gesta« als die populärste Lesart der Fabel im Mittelalter zu gelten hat, wird sie hier, in der Übertragung von Theodor Graesse (1842), wiedergegeben.

Von dem Kaiser Lucio

»Einst herrschte der gewaltige Kaiser Lucius zu Rom, der eine schöne Tochter hatte, die ihm gar lieb war. Nun war ein Ritter an seinem Hofe, der alle seine Dienste der Jungfrau weihete. Nun kam es aber eines Tages, daß er sie allein in einem Fenster sitzend fand, und er sprach also zu ihr: ›Edle Jungfrau, lange Zeit hab ich meine Liebe für Euch dem Wind und Wetter ausgesetzt und Ihr habt das alles nicht bedenken wollen. Nun will ich aber auch mein Gut um derselbigen Willen aufs Spiel setzen, damit ich Eure Gunst verdienen möge und bitte Euch, daß Ihr mir saget, was ich darum tun soll, auf daß Ihr mir gestattet, daß ich eine Nacht bei Euch schlafen darf.‹

Da vertröstete sich die Jungfrau auf ihre Kunst und forderte tausend Mark. Des war der Ritter froh und brachte ihr das Geld. Da führte ihn die Jungfrau verstohlen in ihre Kammer und ließ ihn sich niederlegen, und sowie er in das Bett kam, da schlief er ein und schlief die ganze Nacht hindurch. Am Morgen aber stand die Jungfrau auf und weckte den Ritter. Er aber erschrak sehr, daß er alles verschlafen hatte und bat die Jungfrau, daß sie sich wieder zu ihm legen solle. Die aber wollte ihm solches nicht gewähren. Da dung er mit ihr um die andere Nacht und gab ihr abermals tausend Mark, und da er des Nachts in ihr Bett kam, entschlief er abermals, und alles ging wie zuvor.

Da sie ihn aber des Morgens früh aufweckte, erschrak er gar sehr und tat sehr kläglich und bat die Jungfrau, daß sie sich wieder zu ihm legte. Das versagte sie ihm aber gar zorniglich und da er merkte, daß ihm all sein Bitten nichts half, dung er wiederum für die dritte Nacht um tausend Mark und schied also traurig von ihr und ging zu einem Kaufmann und bat ihn, er solle ihm tausend Mark auf seine Habe leihen. Das wollte der Kaufmann jedoch nicht, aber Eins, wenn ihm das gefiele, wolle er für ihn machen, daß er ihm das Versprechen gäbe, wenn er innerhalb von drei Tagen ihm die tausend Mark nicht entrichten könne, ihn alsdann ein schweres Stück Fleisch von seinem Leibe schneiden zu lassen, wo er es nur haben wollte und er sollte ihm einen Brief darüber geben, der mit seinem Blute geschrieben sei.

Dieses Pfand und Gelübde nahm der Ritter an und gab ihm darüber einen Brief, so wie er begehrt hatte. Darauf gab ihm der Kaufmann das Geld, und er ging mit demselben gen Hofe und begab sich zu der Jungfrau. Unterwegs aber begegnete ihm ein weiser Philosoph, der sprach also zu ihm: es nimmt mich Wunder, daß Ihr also einfältig seid, der zu trauen, die Euch schon zweimal betrogen hat. Da fragte ihn der Ritter, wie er das meine. Da sprach jener: die Jungfrau, bei der Ihr zwei Nächte geschlafen habt, hat einen Brief in ihrem Bett, durch den Ihr alle Nächte eingeschlafen seid und doch geht Ihr abermals zu ihr. Nun rate ich Euch aber ungebeten, wenn Ihr nicht verderben wollt, daß Ihr diese Nacht, wenn Ihr Euch schlafen legt, unter das Kopfkissen in dem Bett greifen möget, da findet Ihr einen Brief, den ziehet heraus und werft ihn von Euch, so weit Ihr könnt, darauf leget Euch nieder und tut, als ob Ihr auf der Stelle eingeschlafen wäret, da wird sich die Jungfrau sogleich zu Euch legen.

Wie das der Ritter vernahm, dankte er dem Meister gar sehr und ging zu der Jungfrau und gab ihr das Geld. Da wies sie ihn in ihre Kammer und hieß ihn sich niederlegen. Das tat er, vergaß aber das nicht, was ihn der Meister gelehrt hatte, und wie die Jungfrau des gewahr geworden war, daß er eingeschlafen sei, da legte sie sich zu ihm. Er aber griff sie an, drückte sie an sich und sprach: Frau, es ziemt sich, daß ich mein Geld nicht allzu unnütz verlieren soll. Des erschrak die Jungfrau gar sehr und bat ihn mit heißen Zähren, er solle sein Geld alles wiedernehmen, sie aber in Frieden lassen.

Des wollte er aber sie nicht erhören und sprach: nicht allein mein Geld, ja alle Habe Eures Vaters nähme ich darum nicht an. Und alsbald überwältigte er sie und vollbrachte seinen Willen an ihr. Aber in demselben Augenblick war auch das Herz der Jungfrau so verwandelt, daß er ihr gar hold wurde und sie behielt ihn eine ganze Woche bei sich in ihrer Kammer, ohne daß jemand davon wußte. Aber mitten unter diesen Freuden vergaß er das Gelübde, welches er dem Kaufmann getan hatte, und als er daran dachte, da erschrak er sehr und begann kläglich zu weinen.

Da fragte ihn die Jungfrau, warum er also tue und was ihm geschehen sei. Da sagte er ihr, wie er sich gegen den Kaufmann verpflichtet und wie er nun den Tag versäumt habe und das sei die Ursache seiner Klage. Da tröstete ihn die Frau und sprach: gehe zu ihm und biete ihm sein Geld an und ist es, daß er es nicht nehmen will, so frage ihn, was er denn von dir haben will, und komme dann zu mir, daß ich es dir geben kann. Dies tat der Ritter und ging zu dem Kaufmann und bat ihn, er solle sein Geld nehmen, der aber wollte ihn schlechterdings nicht erhören und sprach, er wolle sich an seinen Brief halten und nicht anders tun, und führte ihn sogleich vor den Richter.

Nun aber war das Recht des Gesetzes, daß, wozu sich einer willig verbunden hatte, das mußte er also ausrichten. Es hatte aber die Frau Boten ausgesandt, die nachsehen und sich erkundigen sollten, wie es ihm erginge. Die kamen aber zu ihr zurück und sagten ihr, er stehe gefangen vor Gericht. Dies erschreckte sie sehr und sie legte eilig Männerkleidung an, setzte sich auf ein Pferd und ritt zu dem Gerichte und ward von jedermann für einen Ritter gehalten. Da ging sie zu dem Kaufmann und fragte ihn, ob er Geld nehmen und sich seines Zornes gegen den Ritter abtun wolle.

Das wollte der Kaufmann aber nicht erhören und da die Frau vernahm, daß ihr kein Gut bei ihm helfen möge, da sprach sie: wohlan, da sich dieser Ritter des verbunden hat, so soll er seinem Versprechen also nachkommen. Nur wisset ihr wohl, daß des Gesetzes Recht ist, wer eines Menschen Blut vergießet, dessen Blut soll wieder vergossen werden. Nun hat sich dieser Ritter verbunden, daß, so er den gesetzten Tag versähe, man ihm dann ein schweres Stück Fleisch von seinem Körper schneiden könnte, wo ihr es haben wollt. Nun ist der Ritter bereit, seinem Gelübde nachzukommen, aber du mußt das so machen, daß du sein Blut nicht vergießest. So du aber doch sein Blut vergießen wirst, so wird billig erkannt, was du ihm dafür schuldig bist. Da das der Kaufmann vernahm, hätte er sein Geld genommen. Da sprach aber die Frau: nein, das geschieht nun nicht, da du es vorher hast nicht annehmen wollen, und rief den Richter darum an, daß er sagte, was rechtens wäre. Der entschied aber allerseits, daß der Kaufmann schneiden dürfe, von Blutvergießen aber nicht die Rede sein könne und der Ritter also billig zu entlassen sei. Wie jene das vernahm, dankte sie dem Richter und zog also von dannen, ritt wieder an ihren Hof, legte das Gewand von sich und kleidete sich wieder in ihre Kleider, als ob sie gar nicht fort gewesen wäre.

Während dieser Zeit kam auch der Ritter zu ihrem Hof und begab sich zu der Frau. Die fragte ihn, wie es ihm gehe, ob er sich mit dem Kaufmann vertragen hätte, und er hub an und sagte ihr alles, wie es ihm vor dem Richter ergangen und wie ein Ritter gekommen sei, der allen Leuten unbekannt gewesen wäre, der habe ihn mit seiner Weisheit vom Tode errettet. Da fragte ihn die Frau, warum er ihn nicht mit an den Hof gebracht hätte, er aber sagte, er sei allsogleich von dannen gezogen und sie wüßten nicht, wohin er gekommen sei, eines aber wisse er, daß er alle seine Tage nie einen klügeren Ritter gesehen habe.

Da sprach sie: So du den Ritter sähest, ist dir so, als ob du ihn erkennen würdest? Er aber sagte: Jawohl. Da eilte sie in ihre Kammer und legte die Kleider wieder an, die sie soeben angehabt hatte, und trat also vor ihn hin. Da erkannte er, daß sie es gewesen sei, und empfing sie und sprach: gesegnet ist der Tag, wo du geboren wurdest. Danach brachte es die Jungfrau mit ihrer Klugheit zuwege, daß sie ihr Vater dem Ritter zum Weibe gab, und sie brachten ihre Tage in Seligkeit zu.«

 

In diesen beiden mittelalterlichen Fassungen fehlt noch der Jude. Er fand Eingang in die Fabel in zwei literarischen Werken des Mittelalters, deren Entstehungszeiten und Entstehungsorte eines gemeinsam haben: Judenverfolgungen! Diese immerhin bemerkenswerte Tatsache sei registriert, ohne daraus Folgerungen zu ziehen. Denn immer und überall im Mittelalter hat sich der Jude durch seinen Beruf als Geldverleiher für die Rolle des hartherzigen Gläubigers den Nacherzählern der Fabel geradezu aufgedrängt.

Die eine der beiden Fassungen gehört der englischen Literatur an. Sie ist im »Cursor Mundi« enthalten, einem anonymen Werk des ausgehenden dreizehnten Jahrhunderts, also der Zeit der Austreibung der Juden aus England. »Cursor Mundi« ist eine heute kaum lesbare, unendlich lange Erzählung (von über 30 000 Versen), die in der Hauptsache Bibel-, Apostel- und Heiligengeschichten mit mehr Umständlichkeit als Kunst wiedergibt. Die Geschichte ist hier in die Legende von der Auffindung des Heiligen Kreuzes eingewoben, bei der die Kaiserin Helena, die christliche Mutter des ersten christlichen Kaisers Konstantin des Großen, die führende Rolle spielt. Auch dies ist bemerkenswert, weil zu oder vor der Zeit der Entstehung der frommen Dichtung eine andere Helena (Eleanor), die Mutter des englischen Königs Eduard I., wie bereits erwähnt, eine glaubenseifrige Rolle spielte.

Zum anderen Male wurde der Jude durch den Florentiner Novellisten Giovanni Fiorentino in die Fabel eingeführt. Er erzählt sie in seiner Novellensammlung »Il Pecorone« (Der Dummkopf), entstanden 1378. Etwa dreißig Jahre vorher war die Pest in Europa ausgebrochen und gegen die Juden, wie erwähnt, die Beschuldigung erhoben worden, sie hätten sie verursacht und verbreitet. In diesen dreißig Jahren und darüber hinaus fanden grauenhafte Judenverfolgungen statt und wurden alle mittelalterlichen Mythen über die Juden wieder hervorgeholt. So mag es für den Erzähler nahegelegen haben, in die, wahrscheinlich den »Gesta« entnommene, Fabel einen Juden einzuführen. Damit war, nach der mittelalterlichen Anschauung, dem Juden die Rolle des grausamen Gläubigers auf den Leib geschrieben. (Nebenbei: zu Shakespeares Zeit waren erst wenige Novellen aus dem »Pecorone« ins Englische übertragen. Unter ihnen befand sich die mit dem Motiv vom Pfund Fleisch nicht. Da ihr aber Shakespeare den Namen des Schlosses Belmont und viele andere Einzelheiten entnommen hat, muß man annehmen, daß er entweder die Novelle im Originaltext gelesen oder eine uns unbekannte Quelle des florentinischen Dichters benutzt hat.)

 

Im nächsten Jahrhundert, im Jahre 1493, ist in Bamberg ein sogenannter Meistergesang »Kaiser Karls Recht« erschienen. Darin begibt sich folgendes: Ein reicher Kaufmann hinterläßt seinem Sohn ein großes Vermögen. Der Sohn verschwendet das Erbe. Dann borgt er bei einem Juden tausend Gulden, um sein Glück im Ausland zu versuchen. Wenn er am Verfallstag die Schuld nicht zahlt, soll der Jude das Recht haben, ihm ein Pfund Fleisch aus dem Körper zu schneiden. Der Schuldner kehrt rechtzeitig und bemittelt zurück, kann aber seine Schuld trotzdem nicht pünktlich bezahlen, weil er den Juden nicht zu Hause antrifft. Beide reiten zum Kaiser Karl, um dessen Entscheidung anzurufen. Unterwegs schläft der Schuldner auf seinem Pferde ein und reitet ein Kind nieder, das daran stirbt. Der Vater des Kindes folgt den beiden, um ebenfalls seine Klage vor den Kaiser zu bringen. Am Hof angekommen, stürzt der Schuldner aus dem Fenster seiner Herberge und fällt auf einen alten Ritter, der unten auf einer Bank sitzt. Der Ritter stirbt. Nun tritt auch noch sein Sohn als Kläger auf.

Der Jude ist nun schon eine »stehende Figur« in der Fabel. Sie kann ohne ihn nicht mehr auskommen. Die Rechtsmythologie hat den Judenmythos an sich gezogen und ihre Deutbarkeit dadurch sinnfälliger und leichter gemacht. Ja, es hat fast den Anschein, als ob die Fabel ohne Hinzutritt des Juden ihren Reiz würde verloren haben. Denn indem die Rolle des grausamen Gläubigers einem Juden zugeteilt wird, ist aus der verblaßten Rechtshistorie ein neues Erlebnis geworden, das Erlebnis vom mittelalterlichen Juden.

Der Meistergesang von Bamberg, als Dichtung übrigens eine Beckmesserei ohne jeden literarischen Wert, ist für die Geschichte der Fabel dadurch besonders kennzeichnend, daß sein Verfasser die Rechtsfälle häufte und daß ihr unzweideutiger Sinn nach einer Richtung weist: auf das Recht der Wiedervergeltung. Die weise Entscheidung des Kaisers Karl – gemeint ist wohl Karl der Große – lautet bezüglich des Juden so wie in allen anderen Fassungen. Dem Vater aber des getöteten Kindes sagt der Kaiser: »Leg ihn (nämlich den am Tod des Kindes Schuldigen) zu deinem Weib, daß er ihr ein anderes Kind macht.« Worauf der Kläger begreiflicherweise erwidert: »Nein, das Kind laß ich eh fahren.« Im Fall des Ritters entscheidet der Kaiser, der Beklagte habe sich selbst auf die Bank zu setzen, auf der er jenen durch seinen Sturz aus dem Fenster getötet habe und der Sohn dürfe sich aus dem gleichen Fenster auf ihn herunterfallen lassen.

Der dreifach Beklagte verläßt also die Gerichtsstätte, ohne seine Schuld an den Juden zahlen zu müssen und ohne Buße dafür, daß er zwei Menschenleben vernichtet hat. Hier ist die Fabel schon in den Zustand der Satire getreten, ohne aber den Boden der Rechtspsychologie verlassen zu haben. Denn sie unterscheidet zwischen dem Vorsatz des Juden, der seinem Schuldner an Leib und Leben will, und dem mangelnden Vorsatz des Schuldners, der nur fahrlässig handelt. Jedenfalls war der Verfasser des »Meistergesangs« ein rechtskundiger Mann, dem man einen gewissen Sinn für sarkastischen Humor nicht absprechen kann.


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