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Vom Stehlen

Es ist ganz gewiß, daß Gerechtigkeit die Grundlage zum Glücke jeder Gesellschaft ist. Die Gerechtigkeit will, daß Jeder das Seinige habe und behalte und benutze, wie es ihm gut dünkt; und wer auf irgend eine Weise das Eigenthum des Andern anzutasten sucht, will die festeste Stütze des Wohlseins der ganzen Gesellschaft niederreißen. Geiz und Begierlichkeit ist oft die Wurzel aller übrigen Fehler, Laster und Verbrechen, die in dieser Rücksicht die Sicherheit und Ruhe der Menschen stören. Geiz erzeugt Habsucht und Mißgunst. Mißgunst führt zum Betruge. Wer einmal den Anfang auf dem Wege des Bösen gemacht hat, geht vom Betruge bald fort zum Stehlen. Der Dieb wird leicht ein Räuber, der Räuber ein Mörder. Wenn er es anfangs auch wirklich nicht gewollt hat, so zieht ihn immer eine Verlegenheit und eine Unbesonnenheit in die andere. »Ein Dieb kommt nicht nur, daß er stehle,« steht in der Schrift, »sondern auch, daß er würge und umbringe.« So geht der Mensch oft von einem kleinen Fehler zu einem großen, von dem Leichtsinne zum Laster, von dem Laster zum Verbrechen fort.

In der Jugend, ehe die Kinder nachdenken und überlegen können, wurzelt oft schon die unglückselige Neigung und wächst zu einer fürchterlichen Stärke, wenn Eltern nicht mit äußerster Wachsamkeit und Strenge sie auszurotten suchen. Freilich muß der Vater selbst ehrlich sein, wenn er den Sohn ehrlich erziehen will; und die Lehren würden hier wie überall nichts fruchten, wenn der Knabe im Beispiele des Vaters das Gegentheil von seinen Worten und Ermahnungen sähe. Das Exempel der Eltern ist durchaus die wirksamste Lehre; und vorzüglich hier. Mit aller Behutsamkeit, mit der unermüdetsten Aufmerksamkeit müssen also Väter über einen so großen, so wichtigen Punkt wachen. Wie Mancher hat sein Leben durch den Strick am Hochgerichte geendigt, zu dessen Verbrechen der erste Grund in der Jugend durch Vernachlässigung der frühen strengen Bestrafung gelegt wurde. Der Knabe, welcher jetzt einen Garten plündert, kann einst ein Haus erbrechen; der jetzt eine kleine Münze stiehlt, einst einen Geldsack rauben. Der Mensch wächst stufenweise im Laster wie in der Tugend, nachdem er sich in dem einen oder in der andern übt. Wenn ihn in der Jugend strenge Lehre und die Ruthe nicht ziehet, arbeitet vielleicht einst das Zuchthaus umsonst an seiner Besserung, und er läuft unaufhaltsam seinem Verderben entgegen, ist der Wegwurf und die Schande aller seiner Verwandten und die Pest der ganzen Gegend. Es ist traurig, daß vorzüglich dieses Laster der Dieberei noch so sehr in der Welt herrscht, da doch die Abscheulichkeit desselben so deutlich einleuchtet und es so ganz aller menschlichen Ordnung zuwider ist. Es ist nichts schändlicher und niederträchtiger, als wenn man von Jemand sagt: »Er ist ein Dieb!« Und doch sind der Diebe in allen Gestalten noch so viele! Man nennt das eine goldene Zeit, wo man nicht nöthig hatte, Riegel und Schlösser vor sein Eigenthum zu legen, wo Mauern und Zäune nur gegen unvernünftige Thiere waren: wie soll man aber die Zeit nennen, wo kein Schloß stark genug, keine Mauer hoch und fest genug gegen die Menschen sein kann? Jeder sollte nicht allein selbst ehrlich und rechtschaffen sein, sondern auch dafür sorgen helfen, daß es alle seine Nachbarn und Bekannte seien. Es bringt einer ganzen Gesellschaft keine Ehre, wenn ein Mitglied aus derselben so ganz schlecht, so ganz weggeworfen ist. Der Geist der Ehrlichkeit und Redlichkeit und Rechtschaffenheit muß immer mehr und mehr athmen und Kraft gewinnen, daß jede Lüge, jeder Betrug im Keime erstickt werde und man von den groben Vergehungen und Lastern nicht mehr höre. Nicht die Schande, sondern das Laster muß man fürchten und fliehen und ausrotten, das Laster, welches die Schande nach sich zieht. Der Dieb ist ein Dieb und ein Bösewicht, wenn er auch nicht entdeckt wird; so wie jeder Lasterhafte lasterhaft ist, wenn auch die Welt nichts davon erfährt. Alle Gesinnungen und Grundsätze sollen wir zu vertilgen suchen, die uns gegen Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit gleichgültig machen könnten. Der Finder ist nicht eher rechtmäßiger Besitzer des Gefundenen, als bis er wiederholt ohne Erfolg alle Mittel angewendet hat, den wahren Eigentümer ausfindig zu machen. Nur durch seinen Fleiß findet der Mensch auf eine ehrenvolle Weise. Man pflegt wol leichtsinnig genug zu sagen: »Ehrlich sein bringt wenig ein!« Wenn dieses wahr wäre, so wäre unsere Zeit eine sehr böse Zeit; das heißt, die Menschen wären durchaus sehr schlecht. Aber es ist nicht wahr: am Ende währt ehrlich doch am Längsten; und ehrlich sein bringt immer ein. Die Menschen sind nie so schlecht, daß sie nicht Redlichkeit und Rechtschaffenheit zu schätzen wüßten, auch wenn sie selbst keine besitzen. Auch die Lasterhaftesten haben vor den Tugendhaften eine Achtung, deren sie sich nicht erwehren können. Was durch Untreue und Betrug oder gar durch Dieberei und Raub gewonnen wird, ist nie Gewinn, sondern immer Verlust. Unrecht Gut gedeihet nicht; wie gewonnen, so zerronnen. Es kommt selten auf die Erben und brennt oft auf der Seele. Kein Betrüger kann zuversichtlich dem ehrlichen Mann ins Auge sehen; und kein Dieb kann ganz sicher und ruhig eine vergnügte Mahlzeit essen. Es soll so sein, die Gottlosen sollen keine Ruhe haben; denn Ruhe und innerliche Zufriedenheit der Seele ist nur und soll nur das Loos der Gerechten und Tugendhaften sein.

Eine der gewöhnlichsten Ursachen dieser schändlichen Gewohnheit ist auch die Faulheit. Wer von Jugend auf dem Müssiggang gefröhnet hat, wem Arbeit und Geschäfte Last und Plage sind, der kann sehr leicht in Versuchung kommen, ohne diese Mühe sich von der Arbeit der Andern nähren zu wollen. Der Lohn des Faulen muß Mangel sein. Diesem Mangel will er abhelfen, ohne seine Faulheit aufzugeben: er greift also gedankenlos zu, wo er nur einige Sicherheit zu sehen glaubt. So wird der Taugenichts ein Bösewicht, der Bösewicht ein Verbrecher; und wenn der Verbrecher auch der Strafe des bürgerlichen Gerichts entgeht, so ist er doch nur desto mehr ein Verbrecher. Gott, welcher Herzen und Nieren prüfet und alles Verborgene stehet, wird endlich fürchterlich recht richten, wird ihm geben sein Theil hier oder dort.


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