Karl Kraus
In dieser großen Zeit – Aufsätze 1914-1925
Karl Kraus

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Wilhelms Autorschaft

Amerika hat also, wie man jetzt weiß, das bessere Geschäft zu machen geglaubt, indem es anstatt Wilhelm II. auf Jahrmärkten dressiert vorzuführen, ihm seine Memoiren abkaufte. Ob es damit aber auch die größere Sensation eingekauft hat, ist schon nach den ersten Kapiteln recht zweifelhaft. Denn daß sich Wilhelm selbst dressiert vorführen werde, als einen solchen Ausbund von Friedens-, Volks- und Arbeiterkaiser, als ein imperialistisches Waserl, dem der Vater zu früh gestorben war und dem man alle Reden, Depeschen und sonstigen weltaufreizenden Dummheiten souffliert und aufgezwungen hat, als einen Mann, der gegen Bismarck auftrumpfen konnte, um Vernünftiges durchzusetzen, aber vor Hohenlohe zurückwich, um einen Unsinn zu begehen, als einen Monarchen von jedermanns Gnaden, der, wenn er was dawider gehabt hätte, zerschmettert worden wäre – das war denn doch nicht zu erwarten und bietet zwar die Sensation einer Überraschung, die sich aber sogleich auf ein Moment von allerhöchster Nüchternheit reduziert. Denn der außer mit dem sozialen Öl auch mit allen andern Salben Gesalbte hat sich an den Amerikanern nicht nur dadurch für seine Niederlage gerächt, daß er ihnen ein Dollarvermögen abknöpfte, sondern auch durch eine Leistungsprobe von Humbug, die geradezu das amerikanische Nationalbewußtsein beschämt. Harper Brothers glaubten, daß er, dessen literarische Fähigkeit bis zu Interjektionen und Randbemerkungen reicht, ihnen über den Exzeß seiner Regiererei etwas schreiben werde: und er hat einen seiner altgedienten Speichellecker beauftragt, den amor und die deliciae humani generis abzukonterfeien, als die er zeitlebens eben diesen erschienen war. Er hat einen Kaiser unterschieben lassen, der in der Phantasie dieser Sorte gelebt hat und den mit den Attesten einer Legion toter Staatsmänner zu beglaubigen einem halbwegs geschickten Thronschlieferl nicht mißlingen konnte, umsoweniger, als der größte Kronzeuge gegen eine unzurechnungsfähige Null bekanntlich auch schon tot ist. Er hat also Amerika hineingelegt und wenngleich man den Zimmermann kennt, der das Loch gemacht hat, so muß man in Anbetracht der investierten Summen doch so tun, als ob man Memoiren Wilhelms in Händen hätte. Schließlich ist ja Wilhelm insofern doch der Autor, als er das Honorar bekommt, und schon diese Sensation ist ihr Geld wert. Seine Getreuen haben ihn gegen die Vorwürfe, die ihm der pure Literatenneid aus der Höhe dieses Honorars gemacht hat, in Schutz genommen, indem sie erklärten, daß das Honorar »dem Rang und der Stellung des Autors durchaus angemessen« sei. Die tiefe Unsauberkeit, die eben darin liegt, daß Wilhelm, der ja als Autor überhaupt keinen Rang einnimmt, aus seiner politischen und gesellschaftlichen Stellung Kapital schlägt, daß er nicht das Talent, sondern den Stoff verkauft und einen, aus dem eine Welttragödie wurde – es liegt wohl im Wesen eines »Getreuen«, das nicht zu spüren und zur Ehre seines Monarchen länger zu stehen als dieser selbst. Doch mit weit besserem Recht könnte einer Fürstin, die sich heute im Bordell prostituieren würde, zu der Bewertung ihrer persönlichen Vorzüge ein Preiszuschlag aus dem früheren Beruf resultieren als dem vazierenden Monarchen, der zur Presse geht. Freilich hat das auch auf diesem Wege folgende Gefolge erklärt, daß »ein großer Teil« des Riesenhonorars wohltätigen Stiftungen zugedacht sei, ohne aber diese genauer zu bezeichnen und ohne vor Scham bei dem Gedanken zu vergehen, daß ein kleiner Teil in die Tasche ihres Kaisers fließt. Auch dürfte, wenns wahr ist, die Einteilung getroffen sein, daß er die paar hunderttausend Dollars, Francs etc. behält, während er die Millionen Mark und besonders Kronen, die er von reichsdeutschen und österreichischen Blättern bezieht, dem wohltätigen Zweck überläßt. Eben jene Komparserie von Generalen, die ich in der vielumstrittenen Szene der »Letzten Tage der Menschheit« der handgreiflichen Gunstbeweise ihres Abgotts teilhaft werden lasse, hat neulich auch gegen Verleumdungen der Majestät durch die amerikanische Sensationspresse Protest eingelegt. Aber abgesehen davon, daß das Tollste, was über Wilhelm erfunden werden kann, auch nicht annähernd an die pathologische Wirklichkeit hinanreicht, dürfte es schwer fallen, die Ehre eines Kaisers gegen eine feindliche Presse zu verteidigen, der er sie selbst verkauft hat und der man zuallerletzt die Sensation verübeln kann, den eigenen Mitarbeiter zu beleidigen und den Mann, der ihre Autorhonorare in Empfang nimmt, nicht glimpflicher zu behandeln als zu der Zeit, da sie bloß seine Generalstabsberichte abdruckte. Daß die deutsche Menschheit diesen Kaiser ertragen und erst einen verlorenen Weltkrieg gebraucht hat, um ihn loszuwerden, wie daß dieser nicht schon längst ausgebrochen war, ist gewiß eine der Abnormitäten, durch die sich das kulturelle Leben unseres Planeten aus der Schöpfung heraushebt. Und daß es Schichten der deutschen Bevölkerung gibt, die diesem Kaiser auch dann noch Tränen nachweinen, wenn sie erfahren, daß er von der feindlichen Presse eine Kriegsentschädigung bekommt, ist sicherlich ein Zeichen jener nationalen Bewußtlosigkeit, die als Verlassenschaft eines pathologischen Imperiums zurückgeblieben ist. Daß aber deutsche Monarchisten die Schande überleben, ihren Kaiser als bezahlten Mitarbeiter des Berliner Lokalanzeigers und der Neuen Freien Presse zu sehen, ist schlechterdings unfaßbar. Die Zeitungen wissen nur zu genau, daß diese Akquisition noch immer geeigneter ist, ihr Ansehen bei den Lesern zu erhöhen als das ihres Mitarbeiters herabzusetzen, und unterlassen es nicht, jenen zu erzählen, wie teuer ihnen Wilhelm II. ist und daß sie sich diesen Abonnentenvorspann etwas kosten lassen mußten. Die Kölnische Zeitung sagt:

Trotz der schwierigen Lage der Presse hat der Verlag ein beträchtliches Opfer gebracht, um den Lesern der Kölnischen Zeitung ein Werk zu bieten, an dessen großer geschichtlicher und menschlicher Bedeutung kein Zweifel bestehen kann. Neu hinzutretenden Beziehern wird etc.

Warum aber sollte ein Kaiser, der seiner Nation so teuer zu stehen kam und ihr größere Opfer abverlangt hat als je einer seiner Berufsgenossen, nicht auch von seiner Presse mindestens jene Opfer fordern, die er sogar der Presse seiner Feinde auferlegt? Und er, der viel aus seinen Erinnerungen herausschlägt, wird sich wenig daraus machen, daß sie ihm jenes so deutlich unter die Nase reiben. So spricht sich August Scherl G. m. b. H., zu dessen Verlag ja Wilhelm II. schon in seiner Regierungszeit inkliniert hat, über die Teuerung mit einem Satz aus, in dem die Seele des deutschen Kommis, wie sie leibt und lebt, aufgemacht erscheint:

Daß die Erwerbung des sensationellen Buches nur unter großen materiellen Opfern möglich war, möchten wir nicht unerwähnt lassen. Unsere Leser wollen daraus von neuem ersehen, wie wir auch unter den überaus schwierigen Verhältnissen der Jetztzeit bestrebt sind, den 'Tag' auf voller Höhe zu halten, getreu unserem stets sichtbar zum Ausdruck gebrachten Prinzip, daß für unsere Leserschaft das Beste gerade gut genug ist.

Es mag zweifelhaft sein, ob die Denkwürdigkeiten Wilhelms II. das Beste sind; gewiß aber sind sie für die Leser des Verlags Scherl gut genug. Diese dürften auch ohneweiters überzeugt sein, daß Wilhelm der Autor seiner Denkwürdigkeiten und mit der Lichtgestalt, die sie vorführen, identisch ist. Nie wird ihnen die Überzeugung beizubringen sein, daß die Denkwürdigkeiten des Kapitäns zur See Persius und somit das Stück Biographie, das ich ihrem Kaiser gewidmet habe, echter sind. Aber weit eher dürften doch alle Schlechtigkeiten und Dummheiten, die er während seiner Regierungszeit getrieben hat, von ihm selbst stammen als seine Erinnerungen an diese. Einigermaßen glaubhaft sind sie nur dort, wo sein Interesse für Kolonien und Marine in Erscheinung tritt. Das Animo, mit dem er die Erwerbung von Groß-Popo und Klein-Popo schildert – ja, da dürfte er selbst Hand angelegt haben!


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