Karl Kraus
In dieser großen Zeit – Aufsätze 1914-1925
Karl Kraus

 << zurück weiter >> 

Aus der Sudelküche

Die Menschheit kann an jedem Tage und vor jeder Zeile sehen, daß sie verloren ist, wenn sie sich dem Journalismus ausliefert, und sie will doch nicht anders. Jedes Wort, das er spricht, ist Lüge, jeder Atemzug, den er tut, das todsichere Verderben. Die vollkommene Wurstigkeit, mit der er den Ereignissen gegenübersteht, wohl wissend, daß sie ohne ihn keine wären, drückt sich in der Aufschrift aus, die ein Berliner Blatt über ein Telegramm setzt:

Mordanklage gegen Erzherzog Stephan Friedrich.

Wie in Wiener politischen Kreisen verlautet, hat die Budapester Staatsanwaltschaft beschlossen, auf Grund der gepflogenen Erhebungen gegen Stephan Friedrich die Anklage wegen Anstiftung zur Ermordung des Grafen Tisza zu erheben. Friedrich war der erste bürgerliche Ministerpräsident nach der Beseitigung des Regimes Bela Kuns.

Was der schwere, verantwortungsvolle Beruf, über den sie immer wieder seufzen, den sie aber doch niemand zwang statt jenes, den sie verfehlt haben, zu ergreifen, mit einem telegraphierten Sachverhalt anstellen kann, ist da mit einem Federzug bewiesen. Verbrecherische Irreführung und Störung ernster Männer in der Erfüllung schwerer Berufspflicht durch sie selbst. Man kann noch vom Glück sagen, daß es mit der Mordanklage gegen irgendeinen Erzherzog Stephan Friedrich nur deshalb nicht stimmt, weil sie leider nicht erhoben wird. Die Weltgeschichte läuft nun einmal so, doch sie verläuft ganz gewiß letal, solange man sich nicht zur Anklage gegen die eigentlichen Mörder aller Wahrheit, aller Vorstellung und eben darum auch allen Lebens entschließt. Nicht durch die parteipolitische Verpflichtung zur Lüge, zur täglichen Entstellung, zur Herabsetzung derselben Taten, die dem eigenen Schmutzbezirk zur Zierde gereichen – es wäre das geringere, leichter überblickbare Übel –, sondern durch prinzipielle Ehrlosigkeit sündigt diese Profession am geistigen und materiellen Wohl der Welt, und sie lebt sich und tobt sich in dem Mißverhältnis zwischen der völligen, durch kein Strafgesetz einzudämmenden Verantwortungslosigkeit inferiorer Charaktere und miserabler Intelligenzen und der Zaubermacht des gedruckten Wortes aus, in dem von sich selbst zuerkannten Verfügungsrecht, das die grauenhafte Eigentümlichkeit bewährt, den Benützer durch den Gebrauch noch niedriger zu machen und so das Mißverhältnis noch mehr zu steigern. Aber geschieht denn einer wollenden Menschheit, die nicht einmal ihr Untergang, das Fazit aus dem Kriegswerk dieser Tintenbuben, zur Änderung des Zustands bestimmen kann, die sich zur Zerschlagung von Thronen, aber nicht von Redaktionssesseln aufraffen konnte, Unrecht? Was der Journalismus vermag, erlebe ich, dessen geringfügige Welt doch weitab von seiner verderblichen Neugierde aufgerichtet ist, an den spärlichen Gelegenheiten, wo er sich herbeiläßt, meinen Namen oder meine Sache in die Fänge seines eklen Mechanismus zu zerren. Da kann man Gift drauf nehmen, daß eine Lüge herauskommt. Doch will ich ihm mit den dürftigen Mitteln, die das Gesetz gewährt, die Lust dazu nehmen, in seiner Überzeugung, daß ich nicht auf der Welt bin, nachzulassen.

Was haben diese Zeitungen nicht über einen Prozeß zusammengelogen, den ich anzustrengen gezwungen war, weil eben in dieser unwahrscheinlichsten aller Sphären die Behauptung Platz finden konnte, von dem Ertrag der Grabrede für Peter Altenberg sei etwas in meine Tasche geflossen. Die Tollheit des Anwurfs, nur aus dem Wahnwitz einer alle Besinnung verkürzenden Profession erklärlich, wird natürlich von einer Berichterstattung begleitet, die die Erfindung für zuverlässiger hält als den Bericht. Einer dieser Schöpfer, der noch nie davon gehört hat, daß der Angeklagte die Wahrheit seiner Behauptung und nicht der Kläger deren Unwahrheit zu beweisen habe, meldet allen Ernstes, »bei der ersten Verhandlung« hätte ich, offenbar vom Gericht zur Rechenschaft gezogen, »den Beweis angetreten«, daß der Ertrag wohltätigen Zwecken zugeflossen sei. (Wenn dafür ein Angeklagter, was er muß um nicht verurteilt zu werden, Beweisanträge stellt, so heißt es, der Prozeß »hat eine interessante Wendung genommen«.) Es hilft nichts, als systematisch mit dem einzigen Strafparagraphen, vor dem diese Romantiker noch halbwegs Respekt haben, weil seine Übertretung leicht zu fassen ist und schweres Geld kostet, mit dem armseligen § 19 sie zu der Einsicht zu bringen, daß Totschweigen allerwegen noch am besten gegen mich schützt. Ist es etwa nicht sicherer, so zu tun, als erschiene die Fackel nicht, als zu behaupten, sie erscheine seit einer »Dekade«? Gerade wenn eine Wiener Zeitung nicht weiß, seit wann die Fackel erscheint, und eine Dekade, die sie doch zu spüren bekommen hat, ihr aberkennt, sollte man verlangen dürfen, daß sie sich über diesen Punkt ausschweige. Tut sie's nicht, so muß sie dafür das folgende tun:

»Die Ichzeitung«.

Wir erhalten nachstehende Zuschrift:

An den verantwortlichen Redakteur der »Wiener Mittags-Zeitung«

Wien, 1.

Mit Berufung auf den § 19 des Preßgesetzes fordern wir Sie auf, die nachfolgende Berichtigung des in Nr. 9 der »Wiener Mittags-Zeitung« vom 13. Jänner 1921 erschienenen Artikels »Die Ichzeitung« in der dem Gesetz entsprechenden Weise aufzunehmen.

Sie schreiben: »Vor über zwanzig Jahren erschien »Die Zukunft« Maximilian Hardens, vor über zehn Jahren »Die Fackel« Karl Kraus' in Wien. In jeder der letzten Dekaden hat ein in die Künstlerschaft hineingewachsener Publizist seinem Jahrgangsgeschlecht die große »lchzeitung« zu geben gesucht...« Es ist unwahr, daß »Die Fackel« Karl Kraus' »vor über zehn Jahren erschien«. Wahr ist vielmehr, daß »Die Fackel« Karl Kraus' am 1. April 1899, also vor mehr als einundzwanzig Jahren erschienen ist.

Verlag »Die Fackel«.

Der Fall ist nicht so ephemer, so »vor über«, wie er ausschaut. Es ist gar kein Zweifel, daß der Autor des Artikels, Müller (Robert), einer der dynamischesten Nichtskönner der neueren Literatur, einfach deshalb mit der Zeitgeschichte so verfuhr, weil er die »Dekade« gebraucht hat, um zur lebendigen Gegenwart des Herrn Flake zu finden. So arbeitet der Journalismus, er muß nicht erst in die Künstlerschaft hineinwachsen, er ist schon drin; er stellt einfach seine Schöpfung hin, der natürlich eine Bestreitung der äußeren Wahrheit nichts anhaben kann.

Oder es ist eines jener Tinterl an der Tour, die seit Jahr und Tag davon leben, mir meinen Stil zum Scheuel und Greuel zu machen; plötzlich, es nicht länger tragend, rächt es sich dafür, daß es keinen hat, und »faßt« mich »auf«. Psychoanalytisch natürlich, »Selbsthaß des Juden«, »Vaterverleugnung« und so Ingredienzen aus der Sudelküche des neuen Literatentums, das den eigenen Defekt für einen Rebbach hält und ihn an dem durchschaut, der ihn nicht hat, im Kompensationsverfahren, zu dem eine Wissenschaft Mut macht, beobachterisch und mit allen Finten und Tinten versorgt, aus sich selbst das Schmalz und von mir die Antithese, gottwietalentvoll, mit allen dreimal gewendeten Gemeinheiten einer Milieukonstruktion, zu der das psychologische Schlieferltum berechtigt, wie sich eben so etwas nicht vorstellen kann, daß ich anders als aus seinem Schleim erschaffen sein könne, darauf bauend, daß mein Taschentuch am Ende nicht groß genug sein werde, um alle Judennasen zu schneuzen, und wenn doch, daß der Spektakel eine Mezzie sei. Ein Schmierblatt – nämlich eines, das ich speziell so nennen würde, wenn ich nicht alle dafür hielte – »bringts«; und rühmt, daß ich hier als jüdischer Geistestypus »geschaut« und »zum erstenmal in meinem unheilvollen Einfluß auf die junge Generation beschrieben« werde, wahrscheinlich auf jene, die mir als Gefolgschaft zu erhalten, das Ziel meines verzehrenden Ehrgeizes ist. Denn die andere besteht doch nur aus Leuten, die trotz meinem Einfluß reine Menschen geblieben oder geworden sind und die zum Beispiel, wenn sie mich selbst in Sibirien lasen, noch immer Gott gedankt haben, der sie davor bewahrt hatte, in eben diesen Jahren Zeitungsschmierer und Kaffeehausschmarotzer zu sein. Und von solchem Dank haben sie mich wissen lassen, dessen sittliche Leistung für eine Jugend, die nicht »verdorben« werden soll, zwar nicht an das Vorbild von Dielenbajazzos heranreichen mag, den aber, und fräßen ihn für alle sonstige Schuld und Verirrung die Wanzen, immerhin das Verdienst, daß sein Wort ein paar hundert Märtyrern in Kavernen und Baracken zugesprochen hat, vor der Beschmutzung durch eine Presse, die sich demokratisch nennt, bewahren müßte. Weil man ja doch immer wieder wähnt, ein letztes Gefühl für Sauberkeit könnte dem Drang nach Sensation widerstehen. Nun, ausgeliefert an eine Zeit, die nur noch vom Verlust der Ehre lebt, schlage ich, wie den Schmutz der Wiener Straße oder die Qual einer österreichischen Eisenbahn, es zu den unvermeidlichen Minussen des Lebens, daß ich irgendwo auf einer dieser Unlustreisen so etwas zu Gesicht kriegen muß. Diem perdidi, wenn mir nicht dafür übel mitgespielt wurde, daß ich an dem Tag etwas Gutes getan habe. Ich bin aber so gründlich abgehärtet gegen die Vorstöße des Typus »Asis-Ponem« in der Literatur – vergebens werden sie über meiner Kunst des Nachjüdelns ihre eigene Anregung vergessen machen –, ich habe in meinem geistigen Erdenwallen und speziell aus Prag, wo jetzt der jüdische Urfaust zur Welt gekommen ist (»Ich will sterben« »Gut! Sterben! Aber wozu?«... Mönch: »Du bist geweiht, so wirst du erleben!«) schon so viele Beweise von Chuzpe empfangen, daß ich wirklich nichts mehr gegen den Ehrgeiz des Einzelfalls auf dem Herzen habe, nur immer wieder was gegen die Schande des deutschen Verlagswesens, das in einer Zeit, der Nahrung und Kleidung alle Geistigkeit verzehrende Probleme sind, Luxuspapier für Dreck übrig hat und wahrlich den Hingang einer besseren Jugend abgewartet zu haben scheint, damit Frechheit und virtuose Impotenz zu überlebendiger Fülle gedeihen. Aber man beachte nur auch die Ökonomie eines Journalismus, der für die Zurechtweisung eines Kaffeehausbesuchers Telegrammspesen aufwendet, mit denen man einem Dutzend lungenkranker Kinder eine Woche lang den Tisch decken könnte Eine bübische Anspielung auf die Körperlichkeit eines Mannes, von dessen Sittlichkeit eine Generation von Prager Schmöcken ein zimmerreines Dasein führen könnte, sollte ihre Remedur erfahren. Daraus macht die Presse zwischen Wien und Berlin – die Lüge wälzt sich im Schneeballsystem fort, die Berichtigung bleibt isoliert – ein »Revolverattentat«, das ein »Verehrer« von mir, für mich, geplant hat, weil »der auch in Berlin bekannte Schriftsteller und Literat« den Karl Kraus »als einen Hysteriker bezeichnete«. So werden Karrieren. Wenns wahr wäre – ach ich hätte schließlich nichts dagegen, daß sichs die Herren Verehrer so einteilten, daß immer der, der es noch ist, dem zuletzt ausgesprungenen eine herunterhaut, weil ich ganz aufrichtig bekennen muß, daß es die praktischeste Art wäre, Ruhe zu schaffen und ein Unwesen, dessen polemische Befassung nichts Neues mehr aufschließen könnte und leider doch immer wieder notwendig ist, ein für alle Mal abzustellen. Natürlich kann mich jeder Kuhmist zu einem Vers anregen, an dem er kein anderes Verdienst hat als eben den, ein Kuhmist zu sein, aber schöner wär's schon, wenn der Verdruß im Keim erstickt würde, und da ein geistiger Mitgänger sich zu so etwas nie entschließen könnte, wiewohl gerade wahrer Anteil es wünschen müßte, so wäre gar nichts dagegen einzuwenden, daß die Verehrer sichs untereinander abmachen. Welche Form von Erledigung mir aber bei Leibe nicht nur gegen jenes Klettenwesen des neuen Literatentums wünschenswert scheint, das sich heutigentags mit der Hoffnung, doch ohne die Aussicht, von meiner Erschöpfung zu leben, an meine Organe klammert und Helfer findet, die das Schulbeispiel eines Versuchs mit untauglichen Mitteln als »Abrechnung mit dem Polemiker Kraus« auf der Buchhändlerbörse ausbieten. Wo gäbe es im Chaos der drängenden Anlässe dieser losgelassenen Welt ein Ding, geschaffen aus Kot und Zufall, das mich nicht eben dadurch physisch bedrängte, daß es da ist mit dem Anspruch, in Geist und Plan eingeordnet zu werden? Da könnte einer, dessen Anschauung Format und Stoff nicht wertet und dessen Kraft der Weisheit ermangelt, vor einer Quantität zu verzichten, die er nur vermehrt, nie zum Entschluß mechanischer Ausschaltung, wohl aber zu dem Wunsch mechanischer Erledigung gelangen: einen Vanderbilt zur Seite zu haben, der ihm die Hydra aufkauft, oder einen Herkules, der sie ihm erschlägt. Und wie nun gar vor der Qual jener Herausforderungen, nicht weil sie mich betreffen, sondern weil sie die Zeit nicht besser betreffen könnten als durch mich! Sollte nicht wirklich ein abgekürztes Verfahren dort am Platze sein, wo das Prager Judendeutsch den Versuch unternimmt, sich polemisch mit mir zu verständigen und wo einer, der vermutet, daß ich mir eine Gefolgschaft aus seinesgleichen zusammengestellt habe, sich darüber beschwert, daß als Reaktion auf seine reine Geistestat »pünktlich auch schon der bekannte Qualm von Hysterie und Gekeif aufsteigt«, dem – nicht etwa: kein diesem Rayon sich Nähernder, sondern – »keiner diesem Rayon sich Nähernde« entrinnen, nein: »entraten« kann. Soll sich denn wirklich so ein Fall innerhalb der Literatur abspielen, dessen Held zwar der Kenntnis der Sprache, die er schreibt, enträt, aber nicht des Muts, sich auszureden, er habe jenen Hinweis auf ein körperliches Gebrechen »natürlich nur metaphorisch« gemeint, und stolz darauf, daß die Metapher »saß« – worunter der Schwachkopf nicht ihre Berechtigung als Metapher, also der angeblichen geistigen Kritik, versteht, sondern den hinzutretenden Beweis, daß auch ihre physische Realität vorhanden ist – seinen schäbigen Einfall eine »Divination« nennt! Soll, wenn in der Literatur einmal das körperliche Moment in Frage kommt, Konsequenz verpönt sein und gegen ein Betragen, das die Tat dreist leugnet und dreister die Gesinnung zugibt, das die Niedrigkeit, die es ablehnt, noch übertrumpft, die Watschen eine Metapher bleiben? Die Überlegenheit der geistigen Arbeit gegenüber der manuellen wird oft so herausfordernd betont, daß diese schon der Ehrgeiz anwandeln könnte, durch eine symbolische Handlung zu beweisen, daß jene keine war. Man entlaste mich. Ich bin überzeugt, daß es möglich wäre, auf einen Hieb dem ganzen Unfug des expressionistischen Geballes ein Ende zu setzen, das sich jetzt als Erinnyenchor für einen erschlagenen Plagiator (der mich aber wieder verehrt) in Deutschland und überall, wo noch Papier zu haben ist, gegen mich regt. Denn das andere unfehlbare Mittel anzuwenden, dem Beinfraß der Sprache ein aufmunterndes Wort zu sagen und mir die wertlosesten Herzen dieser Welt zu gewinnen, konnte ich mich doch mein Lebtag nicht entschließen. Was diese Schleimrüssel, deren Unfähigkeit, sich sonstwie fließend auszudrücken, sie verhindert, endlich in den Schoß der alleinseligmachenden Presse einzugehen und die darum handgeschöpftes Bütten brauchen, dem Leser an esoterischen Beziehungen, Verständigungen, Voraussetzungen, von einem Kaffeehaustisch zum andern, gestikulierend, zwinkernd, an- und mißdeutend, deutend, in hundertfach verklausulierten Sätzen zumuten, geht auf keine Kuhhaut. Ich verstehe von dem Geseres, das doch hauptsächlich auf meine Beachtung abzielt und die unerwiderten Liebesbriefe fortsetzen soll, buchstäblich nichts anderes als das Wort »Material«, das als Drohung immer wiederkehrt, und es scheint sich wirklich eine ganze Maffia von Kettenhändlern mit einer Ware, die nicht vorhanden ist, zusammengeschlossen zu haben, um es gegen mich aufzunehmen, da sich nun einmal, endlich, immer klarer herausstellt, daß mit mir kein Geschäft zu machen ist. Dabei sind sie doch so ehrlich, sich mit der Erinnerung an ihre einstige Liebe wie der Mephistopheles mit den Rosen herumzuschlagen, und so weit ich überhaupt verstehe, was sie wollen, außer mit mir und jedenfalls mit ihrem Verleger abzurechnen, bekennen sie, ich sei ein Phänomen gewesen, aber seit der vorigen Woche, seitdem ich einem der ihren das Verdienst eines Plagiats geschmälert habe, sei ich ein Mistkerl, und weil sie halt von mir enttäuscht sind, sagen sie, sie hätten's immer schon gewußt. Aber wenn sie mich auch durch und durch erkennen, besonders natürlich darin, daß all mein Wüten nur der bekannte jüdische Selbsthaß ist – die Väter führten's auf die Neue Freie Presse zurück –, so werden sie doch alte Expressionisten werden, wenn sie glauben, daß mich eine Ballung sämtlicher Chuzpen von Berlin, München, Dresden, Prag, Brünn und Wien einschüchtern könnte.

Sie versuchen es aber nicht nur durch die Tagespresse, sondern auch auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Weg der Unsterblichkeit, soweit sie ihrer bereits mit meiner Hilfe teilhaftig geworden sind. Das heißt, sie polemisieren gegen mich in »magischen Trilogien«, in Werken, deren erhabenem Ladenpreis man es nicht ansehen würde, daß sie für meine Wenigkeit Raum haben. In dem von Herrn Bahr – wie denn nicht – rekommandierten »österreichischen Faust«, der eigentlich aus Prag ist, aber von der Tschechoslowakei keineswegs reklamiert werden dürfte, steht, weil ja bekanntlich auch Goethe seinen Nicolai als Steißseher entlarvt hat, die Behauptung, daß ich nebst allem möglichen andern, was auszusprechen den Herrn Werfel das Gedenken seiner anbetenden Tage nicht gehindert hat, ein »Fürzefänger« sei, und dies, diesen bescheidenen Hinweis auf meine Kritik Werfelscher Hervorbringungen – er meints natürlich nur metaphorisch –: der Inhaber des Verlages der Schriften von Karl Kraus, der keine Gelegenheit vorübergehen läßt, den einzigen Autor seines Nebenverlags seiner Achtung zu versichern, wahrlich das weiteste Herz, das in der heutigen deutschen Literatur Platz hat, Herr Kurt Wolff hat es gedruckt! Er hat gedruckt, was Herr Werfel von mir nicht glaubt: daß ich einer sei, der »den Stadtklatsch zu einem kosmischen Ereignis macht«. Wann hätte denn der Herr Werfel so eine Wahrnehmung gemacht! Ich und Stadtklatsch! Er wäre nicht Manns genug, sich zu einer Lüge zu bekennen, die er mit keinem Eindruck aus der Zeit erhärten könnte, da er seinen Planeten für ewig an den meinen gebunden gefühlt, also in denkbar engster Nachbarschaft mit mir gelebt hat. Wohl aber ist er Weibs genug, die Ranküne aus der verschmähten Beziehung in Lügen zu sublimieren, was er sich ja leisten kann, weil er zugleich einer der talentiertesten Büßer ist, wie kein zweiter in der Literatur imstande, sich an die Brust zu schlagen und sich hinauszuwerfen, denn er bricht sich das Herz, indem bekanntlich – oh Mensch – in jedem Gefühlsschlampen so eine Art Tolstoi steckt. Herr Werfel weiß nicht, was er tut, und ist deshalb ein Dichter. Doch Herr Wolff hat gewußt, was Herr Werfel tat, und ihn dennoch gewähren lassen. Er mag und muß nicht gewußt haben, daß Herrn Werfels Werk kein Kunstwerk sei, aber er hat gewußt, daß dieser Monolog des »Spiegelmenschen« eine Zutat der Rache sei, und es mit seinem langjährigen Respekt vereinbar gefunden, daß in seinem Hause, in dem ich zum Glück nur einen Seitentrakt bewohnt habe, aber scheinbar geehrt und als vorlesender Gast durchaus gehört wurde, ein allgütiger Windbeutel, ein Schreiber, der im Krieg patriotische Aufrufe für Görz geliefert und in der Schweiz die Firma verschrien hat, zu deren Propaganda er hinausgeschickt war, von »meinem leider allzu abhängigen Charakter« zu sprechen wagte. Und um auch nicht einen der oberen Zehntausend, die das erste bis zehnte Tausend des »Spiegelmenschen« (522 Kronen) kaufen könnten, auf dem Gewissen zu haben, will ich jedem die auf mich klar bezügliche Stelle im Wortlaut (und mit den Spationierungen des Originals) ersetzen:

– Was soll ich nun in den nächsten Tagen der Beschäftigungslosigkeit beginnen? Halt! Ich will unter die Propheten gehn, natürlich unter die größeren Propheten! – Das Erste ist, ich gründe ... eine Zeitschrift und nenne sie: Die Leuchte? Nein! Der Kerzenstumpf? Nein! Die Fackel! Ja! – Ah! Alle Größen der Weltliteratur jucken mir in den Fingern! Man soll meinen, Goethes plus Shakespeares Ingenium sei in der Natur eines östlichen Winkeladvokaten reinkarniert. Ich will den Stadtklatsch zu einem kosmischen Ereignis machen und die kosmischen Ereignisse zu einem Stadtklatsch. Ich will mit Kalauer und Pathos so trefflich jonglieren, daß jeder, der bei der einen Zeile konstatiert, ich sei ein spaßiger Denunziant und Fürzefänger, bei der nächsten zugeben muß, daß ich doch der leibhaftige Jesaja bin. – Vor allem will ich aber als Cabarettier meiner apokalyptischen Verkündigung auftreten, denn ich bin ein guter Komödiant, und gerade daran erkennt man mich, ganz zu schweigen von meiner Eignung zum Stimmenimitator. Mein leider allzu abhängiger Charakter hat ein großes Talent auch zum akustischen Spiegel.

Kurz und gut, weil ich zwar den Menschen aus den Augen, doch nicht in die Augen sehen kann, will ich ihnen lieber gleich in den Hintern schaun, ob dort ihr Ethos in Ordnung ist.

Also keine Angst! Ich gehe nicht unter, und wenn heute ein Unglück geschehen sollte ... (Herr Kapellmeister!) ...

Seid ruhig, seid stille,
Als Bildchen, als BildchenIch bleibe, ich bleibe,
in eurer Pupille!

(nach kurzem Tanz ab).

In der Überführung von Schlüsselliteraten habe ich seit alten Zeiten eine gewisse Übung. Die eines Schlüsselmystikers dürfte, wenn er nicht im Ernstfall glaubhaft macht, er habe die »Fackel« natürlich nur metaphorisch gemeint und zwar die, die in Frankfurt erscheint, nicht allzu schwer sein. Um den Literarhistorikern, die da kommen werden, auch noch etwas übrig zu lassen, sei nicht jede Andeutung dieser geradezu klassischen Walpurgisnacht kommentiert:

Was aber die Weltweisen anbelangt, so kenne ich einen großen Zeitgenossen, der am Grabe seines besten Freundes mit geschminkten Lippen eine Rede hielt, und als er zurück zu den Trauernden trat, nicht nur an mich die berechtigte Frage stellte : »Wie hab ich gewirkt?«

Daß diese Worte auf mich abgezielt seien, eine solche Schweinerei möchte ich selbst einem Magiker nicht zutrauen. Eher schon, dank der Identität des Partners, wäre ihm die Absicht bezüglich der Stelle zu glauben:

Merken Sie, ich habe nicht nur den Vorzug, der ursprüngliche Motor aller Kultur zu sein, das weit Angenehmere an mir ist, man kann sich in meiner Gegenwart gehn lassen, so – gehn lassen ... nun, kein Wort mehr darüber.

Die Vielflächigkeit dieses Spiegelmenschen ermöglicht indes nur eine faßbare Beziehung, auch Herrn Kurt Wolff verständlich, von dem Punkt an, wo er den Entschluß faßt, die Fackel zu gründen. Und jener hat geduldet, daß in einem Buch, welches den Namen eines Verlegers trägt, der im Firmenaufdruck der meinen immerhin an zweiter Stelle vorkommt, der Satz steht:

Kurz und gut, weil ich zwar den Menschen aus den Augen, doch nicht in die Augen sehen kann, will ich ihnen lieber gleich in den Hintern schaun, ob dort ihr Ethos in Ordnung ist.

Er hat diese von jeder Silbe meines Lebenswerks Lügen gestrafte Zeichnung, die ihren eigenen Sinn meinem Kampf für das Recht der sexuellen Persönlichkeit verdankt und deren Wahnsinn mich geradezu mit dem von mir enthüllten Enthüller der Moltke-Prozesse verwechselt; er hat die Entgleisung eines haßgeblendeten Literaten, der wie kaum ein zweiter in der Runde meiner Judasse die Fähigkeit eingebüßt hat, mir in die Augen zu sehen, aber auch wie kaum ein zweiter die Gabe bewährt, in der seit jenem Romansudler literaturgängigen Methode hysterischen Umtausches alle tiefgefühlte Minderwertigkeit auf mich abzuwälzen: er hat einen Schulfall der von mir so häufig dargestellten Spiel- und Schielart, die heute vor allem mich in ihrem Zwielicht sieht, um mit der Treffsicherheit der Imbezillen ihr Spiegelbild zu zeichnen, wider sein besseres Wissen um den Sachverhalt meines Lebens und Denkens und gegen seine tausendmal beteuerte Überzeugung zum Druck befördert. Es bleibe Herrn Kurt Wolff überlassen, die Konsequenz aus diesem Verhalten für eine gesellschaftliche Verbindung zu ziehen, die mir nicht unwert, und für eine geschäftliche, die mir gleichgiltig war und in die ich nur jener zuliebe eingewilligt habe. Und er verteidige sich nicht damit, daß ihm als Verleger ein Eingriff in die künstlerische Schöpfung nicht zustehe. Was ihm als Verleger zusteht, ist das Recht, sich dagegen zu wehren, einer Beleidigung mitschuldig zu sein, selbst wenn sie nicht den Autor seines andern Verlags beträfe, den zu gewinnen er ehedem freiwillig eine weit gelindere Infamie aus einer gedruckten Auflage ausgemerzt hat. Er verteidige sich ferner nicht damit, daß ihm auch eine Zensur meiner Bücher, die er gar erst nach Drucklegung kennen lernt, nicht zustehe. Allerdings enthalten diese Bücher mehr und stärkere Polemiken als der Werfelsche Faust, aber dem polemischen Element dürfte die Absicht eines Ehrenangriffs schwerer nachweisbar sein als einem Mysterium, in dem zwischen den Rätseln der Menschennatur eben noch Raum für die Ranküne eines Weltfreunds bleibt. Mein Verleger kann seine Verantwortung für mein Wort getrost in der meinen geborgen wissen. Für das des Herrn Werfel würde ich nicht den Autor, sondern den Verleger belangen, und er hat die Möglichkeit nicht verhindert, daß ich es täte, daß ich überlegt habe, ob die von jedem deutschen und österreichischen Gericht erwirkbare Konfiskation eines Faust nicht angebracht wäre, um die Grenzen des künstlerischen Schaffens zu fixieren und eine Büberei außer die literarische Debatte zu stellen. Ich tue es nicht, weil zwar die materielle Schädigung eine verdiente Strafe und zudem ein berechtigter Schutz vor einem Lesepöbel wäre, der den Faust um einer Pikanterie willen kauft, mein Wunsch jedoch stärker ist, die Schande dieser Selbstentblößung vom ersten bis zum zehnten Tausend sich auswirken zu lassen, und ich werde mir erst die Schauspieler von den Bühnen, denen gegenüber die Dichtung als Manuskript gedruckt ist, herunterholen, die es wagen sollten, ein Parterre von Schiebern mit dem Vorsatz des »Spiegelmenschen« zu erheitern, eine Zeitschrift zu gründen, die nicht »Der Kerzenstumpf, nein: Die Fackel« heißen soll. Vielleicht kann Herr Kurt Wolff, der auch den Bühnenvertrieb hat, wenigstens rechtzeitig für eine Bearbeitung Sorge tragen. Verstehe er nur recht, wie ichs meine, woran ich Anstoß und worauf ich Einfluß nehme. Wenn sämtliche Autoren seines Verlags sich um den Beweis bemüht hätten, daß ich ein Nichtskönner sei, so würde meine Eitelkeit, in der sich nun einmal alles Nichts spiegelt, den gemeinsamen Verleger vor keine Entscheidung stellen. Mein Sonderverlag ist auf der Basis meiner grundsätzlichen Mißachtung der vom Hauptverlag Kurt Wolff geförderten Literatur errichtet, und ich hätte gar nichts dawider, daß diese, wenn sie dazu imstande wäre, gegen mich ein Verfahren übte, an dem mich gegen sie keine private oder geschäftliche Rücksicht zu hemmen vermocht hätte. Hier liegt eine Neuerung vor, und sie besteht darin, daß eine seltene Vielseitigkeit verlegerischer Interessen, deren Träger so oft meiner Kritik seiner Literatur zustimmte, nunmehr die Entehrung meines Charakters toleriert hat. Er nehme auf diesem Wege – und ein anderer schien weder dem persönlich Beleidigten noch dem Vertreter der allgemeinen Sache literarischen Anstands gangbar – zur Kenntnis, daß der »Verlag der Schriften von Karl Kraus« mit dem nächsten Buch einen neuen Inhaber anzeigen wird. Möge ihn die Erfahrung entschädigen, daß eine zu weit getriebene Objektivität, gegen die mir die Errichtung eines Sonderverlags unter gleichem Dache keinen hinreichenden Schutz gewährte, unter keinen Umständen gut tut und daß es besser ist, sich der Förderung des Literatentums hinzugeben, ohne sich gleichzeitig den Luxus seines Widerspiels zu leisten. Wenn es mir schon nicht gelang, ihn von jenem, so soll es mir doch gelungen sein, ihn von diesem zu befreien, vor dem als einem viel zu verläßlichen Zeitgenossen ich ihn seit jeher noch eindringlicher gewarnt habe.

Was aber den Herrn Werfel anlangt und weil ich nun weiß Gott doch mehr dem Nicolai gleiche als er dem Goethe, so könnte ich ihm beweisen, daß die Tätigkeit, die er mir zuschreibt, beiweitem nicht so unappetitlich ist wie die Gewohnheit, von der sie lebt, wie das Talent der metaphysischen Blähungen, bei denen nichts herauskommt, wie das Unternehmen eines, der faustische Klänge und was sich sonst im Kosmos begibt, hinlegen kann, daß man es nicht nur für echt, sondern für garantiert echt hält. Wenn ich mit einer sprachlichen Schätzmeisterschaft, welcher Wert und Echtheit des zartesten oder, wie Werfel und Goethe sagen, zärtesten Hauchs nicht entgehen, jenem Zeile für Zeile bewiese, wie tüchtig er ist, er würde sich, schaudernd vor diesem »Spiegelmenschen«, wundern, welchem Schwindler er da aufgesessen ist, als er sich bei seinen Arien zuhörte – von den Gimpeln der deutschen Literaturkritik und vom Bahr, der stets Gimpel und Schwindler in Einem ist, gar nicht zu reden. Ich würde seinen »knäbischen Gebärden« nachweisen, daß das Ringen mit dem »Vaterkomplex« und sonstigem Judenleid, durch das sich diese Prager Faustusse coram publico hindurchläutern, um aus der Misch- in die Epoche zu gelangen, noch keinen Faust macht, selbst wenn er, das Orakel verspottend, den gordischen Weichselzopf mit dem frechen Witz durchhaut.

Das Erbe, dem du nicht entgehen kannst,

Ermord es, um es – zu besitzen!

wobei der talentlose Gedankenstrich nicht unbeträchtlich ist. Daß die versatile Kunst Werfels, die schon mit »unter uns« und »wir Brüder tuns« die Dichtung einleitet – ein Reim, der wohl nur in der Welt des »Machen wir« eine Deckung der Sphären ergibt –, auch von einer schlechten Peer Gynt-Übersetzung Knopfgießerisches und wenngleich nicht Großes, so doch Krummes mitgenommen hat und, weil man Symbolisches von überall brauchen kann, nicht versäumte, die Tierstimmen meines Schieberlokals in seine »Höhle des Ananthas« einzufangen – »Was liegt daran!« »Wenn schon!« »Kann ich dafür?« nein, gewiß nicht –: es zeugt von einer Aufnahmsfähigkeit, die nicht darauf angewiesen ist, sich faustisch abzugrenzen und immer bei der Stange einer orientalisch zugerichteten Mephisto-Handlung zu bleiben. Doch wird man diesem gastfreundlichen Ohr nicht bestreiten können, daß es doch am liebsten jene Klänge aufnimmt, in denen beide Tonfälle, des Suchers und des Versuchers, Psalter und Grille, zusammenschleimen wie die zwei Seelen, die ach in der Brust dieses Dichters wohnen, ihn aber beide zu den Gefilden hoher Ahnen heben. Wir wollen das einmal aus dem Schema F dartun, nach dem er dichtet:

So wird es immer wieder Tag und Nacht! | Faust
Das, was ich wähnte, hab ich nicht vollbracht. |
Im Herzen schleimen schon des Zweifels Maden, | Faust und Mephisto
Die Sprung- und Triebkraft leidet an Verdickung. |
Der scharfe Wille kommt zu Schaden, |

Der Glaube an Erwählung, Tat und Schickung, | F.
Den du in ferner Nacht mir suggeriert, |

Asthmatisch schrumpft er hin. Der Mensch laviert | M.
Fad, zuchtlos, indolent und ohne Steuer. |

Die Tat kommt nicht! Kaum kommen Abenteuer, – | F. u. M.

Und bestenfalls hat man sich amüsiert. | M.

Faust oder Mephistopheles, wer diagnostiziert so richtig? Wer ist es? Wer hält so aus dem Seelendüster Rückschau? Faust? »Er, unbefriedigt jeden Augenblick«?

Ich habe nur begehrt und nur vollbracht
Und abermals gewünscht, und so mit Macht
Mein Leben durchgestürmt –

Gleich werden des Zweifels Maden zu schleimen beginnen, ob nicht doch wieder Mephistopheles den Mund spitzt, und bestenfalls hat man sich amüsiert. Sinds nicht zwei Tonfälle, ganz wie wenn ich mit Pathos und Kalauer so trefflich jongliere, daß man mich mit mir verwechselt? Denn sie sind ja doch beide von mir! Hat der Spiegelmensch Herrn Werfel nichts darüber gesagt, von wem der Faust ist? »Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm«, nämlich die vorgetönte; »was er erkennt, läßt sich ergreifen«. Mißtöne hör' ich, garstiges Geklimper? Nicht doch, man findet sich wie M. drein und möchte – die Racker sind doch gar zu appetitlich – diese Verse fragen: »Ihr schönen Kinder, laßt mich wissen: Seid ihr nicht auch von Luzifers Geschlecht?« Nämlich: Es ist mir so behaglich, so natürlich, als hätt' ich euch schon tausendmal gesehn. Denn wie sagt doch der Spiegelmensch: ich habe ein großes Talent zum akustischen Spiegel! Und wenn ich nicht hundert Auditorien mit dem Nachweis erschüttern kann, daß der windigste Wortbetrug eines Virtuosen unerlebter Bedeutung eine sprachferne Zeitgenossenschaft entzückt hat und daß orphischen Liedes Reim, ich wette, in der Operette der Librettisten Hofmannsthal und Werfel steht; furzum, wenn die Sphärentöne, die ich da fange (was nicht genügte, ließ er fahren; was ihm entwischte, ließ er ziehn) nicht jede bessere psychoanalytische Spürnase als sublimiert erkennt – so soll das, was mein Spiegelmensch, sein Spiegelmensch, von mir behauptet, wahr sein; so soll ein Bocher, ders faustdick hinter den Ohren hat, von mir sagen dürfen, ein »östlicher Winkeladvokat« bilde sich ein, in ihm sei »Goethes plus Shakespeares Ingenium reinkarniert«, so soll einer, der im Weimarer Großvaterrock Prager Kindheitseindrücke gehabt hat, behaupten können, ich hätte ihm ihm und nicht dem rechtmäßigen Besitzer gestohlen, so soll ein Bauchredner der himmlischen Heerschaaren mich einen »Stimmenimitator«, ein Unterkantor Gottes mich einen »Cabarettier meiner apokalyptischen Verkündigung«, ein schlechter mich einen »guten Komödianten« und ein trauriger Werfel mich einen »spaßigen Denunzianten« nennen dürfen, und zum Schluß mögen die, ausgerechnet, »sechsundzwanzig Mönche ungerührt und mild grinsend hockenbleiben«. Wie wird ihm? Hiobsartig? Beul' an Beule der ganze Kerl, dem's vor sich selber graut? Und triumphiert zugleich, wenn er sich ganz durchschaut, wenn er auf sich und seinen Stamm vertraut (nicht wahr?): gerettet sind die edlen Teufelsteile! Denn wir können auch schillern, nicht wahr? Spiegelmensch, ich kenne dich! Aber ich will nächstens unter euch treten und fürchterlich Musterung halten.

Ich bleibe, ich bleibe,
Seid ruhig, seid stille,
Als Bildchen, als Bildchen in eurer Pupille!

Denn was die ganze Rasse der Neu-, Nach- und Nebbichtöner betrifft, die sich jetzt vereinigt zu haben scheinen, um das Literaturgeschäft auf meinem Rücken zu effektuieren und mit dem Polemiker Kraus oder wenigstens mit seiner Hilfe abzurechnen, so sei ihnen bedeutet: Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuld, wenn's schief geht. Wer schon unsterblich ist, soll es bis auf Widerruf bleiben. Ich habe genug Pathos, um Magiker nicht ernst zu nehmen, und genug Witz, um vor Hanswursten keinen Spaß zu verstehn. Also mehr Angst! Ich gehe nicht unter, und wenn heute ein Unglück geschehen sollte! Doch die Hoffnung, daß ich, Herr aller Geräusche, als Fürzefänger derart unerschrocken sein werde, die unaussprechlichsten Namen – wie etwa Przygode – in der Fackel einzubürgern, ist ein Irrwahn. Ich mache es auf meine Art. Und die deutschen Verleger werden es schon zu spüren bekommen, daß die Unterstützung der ganzen Tagespresse und eines speziellen Tagebuchs nicht ausreicht, wenn ich ihre Wirksamkeit statt der Mitwelt bloß der Nachwelt überliefere, wenn ich zwar zur Verabscheuung, aber nicht zur Verbreitung des gröbsten Unfugs helfe, der je, aller Zucht von Sprache und Moral entratend, dem Polizeiparagraphen entronnen ist!


 << zurück weiter >>