Karl Kraus
In dieser großen Zeit – Aufsätze 1914-1925
Karl Kraus

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Monarchie und Republik

Mag die Vertretung des monarchischen Prinzips als der Methode, einen Haufen zuchtlos eigensüchtiger Menschheit unter dem Zeichen der physischen Gewalt zu bändigen – und was derlei sonst zu Gunsten der Monarchie vorgebracht wird –, zu allen Zeiten eine denkbare und durchdenkbare Ansicht gewesen sein, so bin ich heute weit entfernt, ihr auch nur die Entschuldigung der Dummheit angedeihen zu lassen, sondern halte sie vielmehr für den dolus, mit dem brüchige Charaktere ihre durch den Umsturz beschädigten Privatinteressen auf dem Rücken der Allgemeinheit wieder in Ordnung bringen möchten. Leider können sich diese Manager einer abgetakelten Herrlichkeit nicht nur auf die Einfalt der Massen stützen, die auch ihr Denkvermögen an die Not verloren haben und nur erinnert zu werden brauchen, daß es ihnen in der Monarchie vor dem Krieg besser gegangen ist als in der Republik nach dem Krieg, um zu glauben, daß es ihnen in der Monarchie besser gehen müsse als in der Republik, ja ohneweiters auch zu der Überzeugung zu gelangen, daß die Republik den Krieg geführt habe. Leider also steht jenen Parasiten der Entkräftung nicht allein die Stütze dieses schlechten Gedächtnisses zu Gebote, sondern sie können sich auch auf die Klugheit und Besinnungsfähigkeit jener Einzelnen berufen, welche in der Literatur als die wahren Kronzeugen eines zerschlissenen Ideals in Zeiten aufgetreten sind, die das Problem der Staatsform noch dem Spiel der Gedanken und noch nicht der Not der Tatsachen überlassen konnten. So mag sich die heute frappierende Erscheinung hinlänglich erklären, daß erlauchte Geister wie Goethe und Schopenhauer in ihrem Denken über die Dinge der Menschheit an irgend einem Punkt durch den Kronreif beengt waren, der wertloseren Zeitgenossen auf der Stirne saß und dessen Vorstellung unsereinem nur den Atem behindert. Es ist vielleicht die gefährlichere Funktion der Monarchen, daß sie, ohne ihre Henker zu bemühen, imstande waren, den denkenden Menschen um einen Kopf kürzer zu machen, und wir nehmen mit Staunen wahr, daß gerade solche Geister, die ins Höchste gestrebt haben, vor dem, was doch nur das Allerhöchste ist, Halt machen konnten und auf dem Weg in die himmlische Region an einen Baldachin angestoßen sind. Aber sie lebten schließlich vor einer Verfallsentwicklung, die es mit sich gebracht hat, daß das konservative Ideal, in dem Natur und Glück der Menschheit hinreichend geborgen sein mögen, von seinen Vertretern an die Gemeinheit verraten und verkauft wurde und daß die korrosivischen Gifte der Zeit sich an eben jener Stelle am wirksamsten und merkbarsten zeigen mußten, deren Symbolkräften jene doch alle Gewähr für die Erhaltung des Volkskörpers zuschrieben. Nachdem wir schaudernd erlebt und bitter gelernt haben, daß als das einzige Symbol des dynastischen Lebens nur die namenlose Verrottung sichtbar blieb, mit deren Beispiel die Edelsten der Nation ihr vorangegangen sind, so muten uns die Schopenhauerschen Argumente für die erbliche Monarchie wohl kleingeistiger an, als sie gedacht waren. Wenn Schopenhauer zu Ehren des Königs vorbringt, er sei »gleichsam die Personifikation oder das Monogramm des ganzen Volkes, welches in ihm zur Individualität gelangt«, so ist es gewiß nicht immer ausgemacht, ob die Identität auch dem Volk zur Ehre gereicht, oder ob es nicht Sache der führenden Persönlichkeit wäre, durch ihre höheren Eigenschaften einen solchen umformenden Einfluß auf das Volk zu gewinnen, der ihm die Identität erst zur Ehre macht. Wenn aber Schopenhauer sich zum Beweise der vorweg gegebenen Identität darauf beruft, daß bei Shakespeare die Könige von England und Frankreich, »gleichsam sich als Inkarnation ihrer Nationalitäten betrachtend«, einander Frankreich und England und auch den Erzherzog von Österreich in »König Johann« Österreich anreden, so ist namentlich das letztere Ehrenzeugnis insofern verunglückt, als damit der ganzen österreichischen Bevölkerung ein Kalbsfell um die schnöden Glieder gehängt wäre. Aber Schopenhauer legt ja auch sichtlich weniger Gewicht auf die Qualität der repräsentierenden Persönlichkeit als auf die Unzulänglichkeit der regierten Masse, die eben einen Herrn über sich brauche. Man würde nun glauben, daß gerade zu einer solchen Funktion wie zu keiner anderen der Befähigungsnachweis erforderlich sei. Schopenhauer aber sieht die regierte Masse auf einem so niedrigen Niveau, daß er, weit entfernt von dem Wunsch, es zu heben, sie schon in dem gebornen Führer den berufenen erkennen läßt. »Um einen vollkommenen Staat zu schaffen«, sagt er, »muß man damit anfangen, Wesen zu schaffen, deren Natur es zuläßt, daß sie durchgängig das eigene Wohl dem öffentlichen zum Opfer bringen. Bis dahin aber läßt sich schon etwas dadurch erreichen, daß es eine Familie gibt, deren Wohl von dem des Landes ganz unzertrennlich ist ...« Und man denke, selbst diesen doch wahrhaft bescheidenen Anspruch auf staatliche Vollkommenheit hat eine uns bekannte Familie enttäuscht! Denn abgesehen davon, daß Schopenhauer sich leider damit begnügt hat, die Garantie für die Selbstlosigkeit einer solchen Familie in der Erblichkeit ihrer Rechte anstatt in der Befähigung zu deren Übernahme zu erblicken, hat wohl noch nie eine Familie so vollkommen wie diese Familie bewiesen, daß ihr persönliches Wohl nicht nur von dem des Landes nicht unzertrennlich war, sondern daß sie ihr persönliches Wohl bis zur Zertrennlichkeit des Landes befördert hat. Ich halte es für durchaus zweifelhaft, ob Schopenhauer heute den Satz geschrieben hätte, der Monarch heiße »mit Recht 'von Gottes Gnaden'« und er sei »allemal die nützlichste Person im Staat, deren Verdienste durch keine Zivilliste zu teuer vergolten werden können, und wäre sie noch so stark«. Denn er hat in einer Zeit, in der die Publizität jenes Familienlebens noch beiweitem nicht so erschlossen war wie heutzutag, nicht den Fall eines Monarchen erlebt, der, wenn es ihm schon nicht gelang, sich als die nützlichste Person im Staate zu bewähren und wieder einzuführen, sich wenigstens durch den Anspruch einer Zivilliste betätigen wollte, und wäre sie noch so stark. Aber Schopenhauer vertritt ja allerdings die Ansicht, daß die Nützlichkeit eo ipso gegeben und daß es darum ein Unrecht ist, einen Monarchen davonzujagen. Denn im Staatswesen vermöchten die Vorrechte des persönlichen Wertes gar nicht die der Geburt zu ersetzen, weil, so sehr auch jene der Vernunft angemessen wären, sie doch nicht »die Stabilität des gemeinen Wesens sichern« können. Weil nämlich, sagt er, die große Mehrzahl der Menschen »höchst egoistisch, ungerecht, rücksichtslos, lügenhaft, mitunter sogar boshaft und dabei mit sehr dürftiger Intelligenz ausgestattet ist«, so erwachse hieraus »die Notwendigkeit einer in Einem Menschen konzentrierten, selbst über dem Gesetz und dem Recht stehenden, völlig unverantwortlichen Gewalt, vor der sich alles beugt, und die betrachtet wird als ein Wesen höherer Art, ein Herrscher von Gottes Gnaden«. Leider widerfährt es Schopenhauer, den Vorrechten der Geburt die des persönlichen Wertes hier stillschweigend zu supponieren. Denn er läßt sich gar nicht auf die Frage ein, ob das Wesen höherer Art noch als solches sich fühlbar machen kann, ob der Herrscher von Gottes Gnaden noch als solcher glaubhaft ist, wenn er – was tut Gott! – mit der Mehrzahl seiner Untertanen gerade deren hervorstechendste Eigenschaften teilt, nämlich höchst egoistisch, ungerecht, rücksichtslos, lügenhaft, mitunter sogar boshaft und dabei mit sehr dürftiger Intelligenz ausgestattet zu sein. Aber vielleicht kommt er ja gerade dadurch dem Ideal nahe, die Personifikation oder das Monogramm des ganzen Volkes zu bilden, welches in ihm zur Individualität gelangt. Und im übrigen mag es dem monarchische Gedanken gelingen, das was Gott in seinem Zorn erschaffen hat, mit dessen Gnaden regierungsfähig zu erhalten. Denn nur für Republiken, wie die in Nordamerika, erkennt Schopenhauer ausdrücklich die Gefahr des »verderblichen Einflusses« an, »welchen die Verleugnung der Rechtlichkeit in der obern Region auf die Privatmoralität ausüben muß«. Die Republiken haben ferner den Nachteil, daß es in ihnen den überlegenen Köpfen schwerer werden müsse, zu Einfluß zu gelangen, als in Monarchien, wo »Verstand und Talent natürliche Fürsprache und Beschützer haben«. Denn der Monarch selbst »dient dem Staate mehr durch seinen Willen als durch seinen Kopf, als welcher so vielen Anforderungen nie gewachsen sein kann. Er muß also stets sich fremder Köpfe bedienen, und wird natürlich, angesehn daß sein Interesse mit dem des Landes fest verwachsen, unzertrennlich und Eines ist, die allerbesten, weil sie die tauglichsten Werkzeuge für ihn sind, vorziehn und begünstigen; sobald er nur die Fähigkeit hat, sie herauszufinden; was so gar schwer nicht ist, wenn man sie aufrichtig sucht«. Also angesehn, daß sein Interesse von dem des Landes unzertrennlich ist, und sobald er nur die Fähigkeit hat, sie herauszufinden, was aber gar nicht so schwer ist – versteht sich: in Monarchien. Aber zumeist wird nur das eine der Fall sein, daß der Monarch mehr durch seinen Willen als durch seinen Kopf dem Staate dient, vorausgesetzt daß er wenigstens einen Willen hat. Denn Schopenhauer, der zwar nicht erlebt hat, daß ein mehr als Achtzigjähriger einen Weltbrand legte, gibt immerhin die Tatsache zu, daß »zu allen Zeiten viele Millionen, ja, bis zu Hunderten von Millionen Menschen ... selbst einem Kinde unterworfen« waren. Er erklärt sich diese sonderbare Erscheinung aber nicht aus einem Irrwahn, der nur auf dem Niveau der Menschheit Platz greifen kann, das er ihr zuerkennt und dem er nicht die Hebung, sondern die Befestigung durch Monarchien wünscht, sondern aus einem »monarchischen Instinkt«, der im Menschen liege und durch den offenbar die Natur, die ihn auf die Habsburger und die Hohenzollern hingewiesen hat, ohne ihm zugleich die Waffen zu geben, sich gegen diese Feinde zu schützen, Gottes Gnaden entgegenkommen wollte. Das monarchische Prinzip kommt nach Schopenhauer überall in der Schöpfung zum Durchbruch. Selbst das Planetensystem sei monarchisch, und der tierische Organismus sei es auch, indem nicht Herz, Lunge und Magen, sondern »das Gehirn allein der Lenker und Regierer« ist. Womit freilich eher bewiesen wäre, daß der tierische Organismus anders regiert wird als die Monarchie. Erst dadurch, daß sich der Mensch die Monarchie gefallen läßt, ja sie zurückwünscht, wenn er sie einmal verloren hat, und somit klar wird, daß das Gehirn doch nicht der Lenker und Regierer des tierischen Organismus sein kann, würde dessen Vergleich mit dem monarchischen System wieder einleuchtend. Wenn wir aber selbst annehmen wollen, daß wirklich das Gehirn den tierischen Organismus regiert und auch im Planetensystem sichtlich eine starke Hand die Führerschaft ausübt, warum sollte man da, falls man nicht geradezu durch einen monarchischen Instinkt drauf angewiesen ist, die Monarchie für naturgemäß zu halten, die Natur für eine Monarchie halten müssen? Vollends anfechtbar wird Schopenhauers Auffassung, wenn sie dem Menschen die monarchische Regierungsform als die ihm natürliche aus dem Grunde nahelegt, weil sie auch »die Bienen und Ameisen, die reisenden Kraniche, die wandernden Elephanten, die zu Raubzügen vereinigten Wölfe haben und andere Tiere mehr, welche alle Einen an die Spitze ihrer Unternehmung stellen«. Am plausibelsten dürfte noch der Hinweis auf die zu Raubzügen vereinigten Wölfe sein. Aber sollte nicht lediglich die monarchische Ideologie die Vorstellung verwehren, daß die wandernden Elephanten einen Präsidenten haben? Und ist dafür die Vorstellung erträglich, daß sie an der Einrichtung der erblichen Monarchie festhalten, selbst wenn sie genötigt wären, einem Elephantenbaby unterworfen zu sein oder bis zu dessen Mannbarkeit einen Horthy anzuerkennen? Daß der Löwe der König der Tiere ist, dürfte als Redensart so auf der Hand liegen, daß der monarchische Gedanke sich schwerlich darauf verlassen könnte. Aber wenn sich der Philosoph nicht scheut, die einzelne Tiergattung vor solche Entscheidungen zu stellen, schien ihm da nicht auch die Möglichkeit greifbar, daß die Metapher einer Königin der Bienen bloß aus einer Zeit bezogen wäre, die eben keine Präsidentin gekannt hat? Wenn es in der Naturgeschichte heißt, die Königin der Bienen sei »das einzige vollkommene Weibchen im Volke«, sollte das bloß ein vom Byzantinismus der Bienen bezogenes Kompliment sein oder nicht vielmehr die Feststellung, daß sie eben das vollkommenste Weibchen, nämlich »die längste unter ihnen«, zu ihrer Königin erheben? Daß sie eben nicht die Erblichkeit, sondern ausschließlich die Fähigkeit zur Bedingung der Thronfolge machen? Das erhellt doch schon aus der Methode, wie sie den sogenannten »Königinwechsel« vornehmen. Denn in ihrer Verfassung ist geradezu die Revolution vorgesehen und es heißt dort: »Geht nach drei, bisweilen erst nach fünf Jahren die Fruchtbarkeit einer Königin zu Ende, so erbrütet das Volk rechtzeitig eine junge und beseitigt die alte«. Nur ein einziges Moment könnte allenfalls der Auffassung zuhilfe kommen, daß der Bienenstaat ein durch und durch monarchischer sei, nämlich die bekannte Tatsache, daß die Königin der Bienen von Drohnen umschwärmt wird. Ein Übelstand, der aber durch den wahren Bienenfleiß, den das Volk entfaltet, wieder reichlich wettgemacht wird, ja es soll dort vorkommen, daß die Drohnen von den Arbeitsbienen unbarmherzig zum Flugloch hinausgetrieben oder gar vertilgt werden. Wer vollends erfahren will, was Demokratie ist, braucht nur zur Ameise zu gehn, und wenn nun auch diese Nation Einen an die Spitze ihrer Unternehmung stellt, so läßt sie sich dabei nur so weit von Gottes Gnaden beraten, daß sie sich eben das wohlgeschaffenste Exemplar für den Posten aussucht. Nun, es ist doch wohl einem echten Geist angemessener, in Realitäten zu denken als in Ornamenten, und da dürfte es sich herausstellen, daß die Tiere, die nicht ahnen, daß wir ihnen die Embleme unserer Staatskunst verliehen haben, und die wahrlich unbelastet vom menschheitlichen Irrsinn dahinleben, den Besten, Stärksten und Größten zu ihrem Führer ausersehen und nicht jenen unter ihnen, dessen Vorzug, einer bestimmten Familie anzugehören, seine Erbärmlichkeit wettmachen soll. Gewiß werden die Kamele das größte Kamel an die Spitze ihrer Unternehmung stellen. Aber damit haben sie doch noch lange nichts für die monarchische Staatsform bewiesen.


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