Karl Kraus
In dieser großen Zeit – Aufsätze 1914-1925
Karl Kraus

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Ein Kantianer und Kant

» ... Es hat das Jahr 1917 mit seinen großen Schlachten gezeigt, daß das deutsche Volk einen unbedingt sicheren Verbündeten in dem Herrn der Heerscharen dort oben hat. Auf den kann es sich bombenfest verlassen, ohne ihn wäre es nicht gegangen ... Schon gestern habe ich in der Umgebung von Verdun eure Kameraden gesprochen und gesehen, und da war es wie eine Witterung von Morgenluft, die durch die Gemüter ging ... Was noch vor uns steht, wissen wir nicht. Wie aber in diesen letzten vier Jahren Gottes Hand sichtbar regiert hat, Verrat bestraft und tapferes Ausharren belohnt, das habt ihr alle gesehen, und daraus können wir die feste Zuversicht schöpfen, daß auch fernerhin der Herr der Heerscharen mit uns ist. Will der Feind den Frieden nicht, dann müssen wir der Welt den Frieden bringen dadurch, daß wir mit eiserner Faust und mit blitzendem Schwerte die Pforten einschlagen bei denen, die den Frieden nicht wollen.«

»Der völlige Sieg im Osten erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit. Er läßt uns wieder einen der großen Momente erleben, in denen wir ehrfürchtig Gottes Walten in der Geschichte bewundern können. Welch eine Wendung durch Gottes Fügung! Die Heldentaten unserer Truppen, die Erfolge unserer großen Feldherren, die bewunderungswürdigen Leistungen der Heimat wurzeln letzten Endes in den sittlichen Kräften, im kategorischen Imperativ, die unserm Volk in harter Schule anerzogen sind ...«

»... Um so dankbarer wird gerade in Ostpreußen das Gottesgericht im Osten empfunden werden. Unseren Sieg verdanken wir nicht zum mindesten den sittlichen und geistigen Gütern, die der große Weise von Königsberg unserem Volke geschenkt hat ... Gott helfe weiter bis zum endgültigen Siege.«

»Nach einem beendigten Kriege, beim Friedensschlusse, möchte es wohl für ein Volk nicht unschicklich sein, daß nach dem Dankfeste ein Bußtag ausgeschrieben würde, den Himmel im Namen des Staats um Gnade für die große Versündigung anzurufen, die das menschliche Geschlecht sich noch immer zu schulden kommen läßt, sich keiner gesetzlichen Verfassung im Verhältnis auf andere Völker fügen zu wollen, sondern stolz auf seine Unabhängigkeit lieber das barbarische Mittel des Krieges (wodurch doch das, was gesucht wird, nämlich das Recht eines jeden Staats, nicht ausgemacht wird) zu gebrauchen. – Die Dankfeste während dem Kriege über einen erfochtenen Sieg, die Hymnen, die (auf gut israelitisch) dem Herrn der Heerscharen gesungen werden, stehen mit der moralischen Idee des Vaters der Menschen in nicht minder starkem Kontrast; weil sie außer der Gleichgültigkeit wegen der Art, wie Völker ihr gegenseitiges Recht suchen (die traurig genug ist), noch eine Freude hineinbringen, recht viel Menschen oder ihr Glück zernichtet zu haben.«

Franz Grüner

ist, dreißig Jahre alt, aus dem Leben gerissen worden, durch einen jener vollkommen wirksamen Zufälle, die das menschliche Ingenium erfunden hat, um sein Opfer auch nicht mehr begraben zu müssen. Es ist an der Südwestfront geschehen, wo er als Leutnant beschäftigt war. Der ursprünglich von ihm gewählte Beruf war der eines Kunstforschers. Lesern der Fackel ist er als Autor eines kritischen Beitrags im Gedächtnis, aus jener Zeit, da sie Mitarbeiter hatte und nicht allzu viele, deren persönlicher Wert sich auch späterhin haltbar erwies. Er war einer der wenigen, denen es gegeben war, die Farbe zu sehen und das Wort zu hören, und dabei den eigenen Menschen zu bewahren. Aus einem treuen Verstand zu allen Himmeln emporgewendet, war seine Haltung vor der Kunst Andacht und Wissenschaft in einem Zug. So sachlich hingerissen, war er die Ausnahme einer Generation, die um das Licht schwärmt, ehe sie ins eigene Zwielicht eingeht. Wie lebhaft konnte er zuhören und wie still davon sprechen! Da sein von Güte und Klarheit auf den Geist gerichtetes Wesen ein Trost meines Lebens war, so kann mir selbst die Vorstellung, daß er für eine allgemeinere Sache gestorben ist, keinen Ersatz gewähren. Im Gegenteil werde ich dieses Jünglingslächeln, das viel weiser als mein Zorn allem Widersinn entgegnete, gerade zu dem Ereignis entbehren, das mir ihn entrückt hat, und zu dem absurden Zufall, der ihn nicht wiederkehren läßt, und wie erst zu dem Weltbetrug, solches einen Heldentod zu nennen und dessen Anwärter nach einem im Geist zufriedenen Leben mit dem Zeugnis der »Schneid« zu entlassen. Nun, da die Italienreise eines jungen Kunstgelehrten so zeitgemäß beendet ist, bleibt mir nichts als der Wunsch, dieses lebendige Leben von einer irdischen Ordnung zurückzufordern, deren Unmündigkeit sich des schwersten Eingriffs in überirdische Rechte allzulange schuldig macht. An der Unmöglichkeit der Erfüllung wächst der Wunsch ins Grenzenlose und an der hoffnungslos trauernden Liebe nährt sich der Abscheu vor einer Gegenwart, die ihr solches antun konnte. Was mit den Mitteln der geistigen Macht gegen sie unternommen werden kann, soll geschehen! Denn Gott ist von ihren Taten noch nicht so in Abrede gestellt, daß er nicht auch dem Gedanken seine Volltreffer ließe.


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