Karl Kraus
In dieser großen Zeit – Aufsätze 1914-1925
Karl Kraus

 << zurück weiter >> 

Großmann

macht es mir schwer. Da ich in einem polemischen Menschenalter hinreichend bewiesen zu haben glaubte, daß mir schon vor gar nichts graust, hat er es sichtlich darauf angelegt, daß mir doch vor etwas grausen solle und er einem Übermaß von Unappetitlichkeit schließlich seine Rettung verdanken werde. So tritt denn der selbst von mir nicht für möglich gehaltene Fall ein, daß sich der Stephan Großmann noch unanständiger aufführt als er ist, was mich freilich im ersten Augenblick etwas verwirrt macht, aber doch in dem, was der Dienst heischt, nicht wankend machen kann, sondern im Gegenteil die Erfahrung, daß mir aber schon vor gar nichts graust, nur bestätigen wird. Denn mir ist leider nicht gewährt, die Reinheit der geistigen Sphäre bloß durch Abwendung von dem Schmutz, der sie berührt, herzustellen, statt erst durch dessen Beseitigung, deren Qual noch um das Wissen vermehrt wird, daß es keine Herakles-, sondern eine Sisyphusarbeit ist. Aber wie wird sie dafür versüßt durch die bildnerische Lust, die selbst die Materie eines Stephan Großmann zu jener Harmonie der Schöpfung hinaufführt, welche ihm die Natur versagt hat; und wahrlich nur die allgemeine Zerrissenheit dieser häßlichen Zeit macht die Kreaturen meines Blicks so undankbar, aus der formalen Geschlossenheit, zu der ich ihnen verholfen habe, aus der schönen Endgiltigkeit wieder hervorzubrechen, die künstlerische Fassung zu verlieren und ihrem eigenen Schöpfer polemisch entgegenzutreten, mit aller Unzulänglichkeit bewehrt, die dem Rohstoff gegeben ward, mit dem schlechten Atem der Gesinnung bewaffnet und voll des Vertrauens auf den Ausgang einer Sache, die das Reinheits- und Ruhebedürfnis des Angegriffenen zu ihren Gunsten entscheiden werde. Muß ich immer wieder staunen, daß Gestalten, die in den »Letzten Tagen der Menschheit« vorkommen, noch eine bürgerliche Wirksamkeit ausüben, so umsomehr, daß Typen, die nur noch von mir sind, wieder individuelle Ansprüche erheben und die Vermessenheit aufbringen, gegen mich, nein mit mir zu hadern. Denn so dumm ist zwar selbst der Stephan Großmann nicht, nicht zu spüren, daß ihn ein Satz von mir wieder in die Form zurückweist, die ich ihm angemessen habe, und ihn ad personam wieder so unmöglich macht wie er ist, aber er tut ein Übriges und will dartun, daß ein Satz von ihm das noch weit besser trifft. Da mag es ihn denn überraschen, daß ich mir die Arbeit trotzdem nicht abnehmen lasse oder wenigstens seiner Bemühung nachhelfen will. Gewiß ist nie zuvor – in der langen Reihe von Tröpfen und Wichten, Hysterikern und gewendeten Verehrern, Schmierfinken und Spaßvögeln, Lyrikern und Journalisten, Patienten und Psychologen, die ihr Nichts an mir auftreiben wollten und nur aufreiben konnten und die im Zusammenprall mit mir das wurden was sie waren, also weit weniger als sie schienen – gewiß ist nie ein so krasser Fall hervorgetreten von jener offensiven Ohnmacht, die das letzte Gefühl, dessen sie fähig: in meiner Nähe nicht bestehen zu können, in den Drang umsetzt, die eigene Leere und den eigenen Schmutz durch die schmutzigste Entleerung zu rächen und sich für die Unerreichbarkeit des Wertes durch dessen Besudelung zu entschädigen, kurzum alles das an mir zu verrichten, was solche Imbezille dann als meine Methode entlarven möchten. Aber es hat auch noch nie zuvor eine gegen mich verübte Schlechtigkeit ein solches Aufsehen und selbst bei jenen, die mir sonst jede Belästigung vom Herzen gönnen würden, so sachliche Erbitterung erregt. Es war, als ob die mir verdankte und nie gedankte Erkenntnis, daß das Machtmittel der Druckerschwärze dem bösen Willen hörig und der Gemeinheit verpflichtet sei, einmal doch exemplarisch erfaßt wäre, und war es schon vorher kaum möglich, das antimoralische Phänomen der journalistischen Existenz deutlicher als an der über ganz Mitteleuropa verzweigten Tätigkeit eines Stephan Großmann darzustellen, so schien hier noch tief unter den Tiefpunkt hinuntergegriffen und man ermaß die Möglichkeiten eines Journalismus, innerhalb dessen eben alles möglich ist, das Blaue vom Himmel heruntergelogen werden kann, damit die Hölle weiß erscheine, und einem Stephan Großmann gewährt ist, selbst einen Stephan Großmann zu übertrumpfen.

Wäre das Problem hier nicht die Selbstverständlichkeit, daß, je größer die Niedertracht ist, umso bereiter die journalistische Gelegenheit, sie auszuüben – also die nur von der Sensation regulierte Mechanik des Geisthasses, die die Notorietät einer Erscheinung braucht, um sie zu verleugnen; die an der Kraft schmarotzt, welche sie negiert –, so bliebe der Fall Großmann das – sit venia verbo – reine Objekt künstlerischer Psychologie. Was mich seit jeher an ihm anzieht, ist, wie man weiß, seine Verlogenheit, die durch ihre abgründige Tiefe von der sonstigen Seichtheit seines Wesens überraschend absticht. Wird mit der Berührung dieses Motivs sein Lebensnerv gereizt – denn der Schwindel ist sein Betriebskapital und er hat sein ganzes Vermögen investiert –, so wird er zum Epileptiker, dem die Lüge als Schaum vor den Mund tritt. Der spezifische Reiz seiner Gestalt, für den Kenner, beruht nun darin, daß er, der kein Wort glaubt, das er schreibt, kühl bis ans Herz hinan und darüber hinaus, mit jedem Wort doch an den Glauben des Lesers appelliert, eine Wärme entfaltend, wie sie sonst nur in schöneren Gegenden anzutreffen ist. Aus dieser immer spürbaren Antinomie ergibt sich eine geradezu betäubende Humorlosigkeit, die ihrer Lachwirkung selbst dann sicher sein kann, wenn sie einen Witz versucht, und vollends, wenn sie unaufdringlich, aber doch, eine Träne zerdrückt; wenn sie mit eigenem Aplomb lügt oder bescheiden im Schatten eines großen, aber trotzdem wehrlosen Toten ein Wahrwort von ihm erfindet, das er, eh es ans Sterben ging, noch rasch dem Stephan Großmann vermacht hat. Da der letzte Wille aller bedeutenden Menschen von der Art eines Jaurès oder Viktor Adler nicht ausschließlich darauf gerichtet war, daß sie Ruhe vor dem Stephan Großmann haben wollten, bevor sie sie endlich bekamen, so hält er sich für den Vollstrecker, und weil sie durch den Tod verhindert wurden, ihre Toleranz zu bereuen, so erblickt er darin einen Beweis ihres anhaltenden Vertrauens. Schwerer noch als die Toten haben es die Lebenden, denen er Aussprüche in den Mund legt. Großmann hat meine Voraussage, daß er dereinst preisgeben werde, was ich ihm nie gesagt habe, schon bei meinen Lebzeiten erfüllt, indem er behauptet, ich hätte vor fünfundzwanzig Jahren, als mein erster Beitrag in der Münchner ›Gesellschaft‹ erschien, zu ihm die Worte gesprochen: »Was gäben Sie drum, wenn Sie so berühmt wären?« Diese naive Entblößung einer pathologischen Eitelkeit sei »der erste starke Eindruck« gewesen, den er von mir empfangen habe. Aber mein Gedächtnis läßt ihn da im Stich. Der erste starke Eindruck, den er von mir empfangen hat, waren zehn Gulden, die er sich letztwillig im Hinblick auf sein unmittelbar bevorstehendes Ableben erbat, ohne mich persönlich zu kennen, aber bereit, die nun einsetzende Beziehung mit einer Unwahrheit zu eröffnen, denn seine Angriffe beweisen, daß er noch nach so langer Zeit in unverminderter körperlicher Frische wirkt. Er erinnert sich an jenen Ausspruch so genau, als ob es gestern gewesen wäre, wiewohl es tatsächlich schon dreißig Jahre her sind, daß jener Artikel in der ›Gesellschaft‹ erschien, also ein Zeitpunkt, wo er mich noch gar nicht gekannt hat. Ich habe, da mein eigenes Gedächtnis, sonst so unerbittlich getreu, in diesem Fall, nämlich was die Worte betrifft, ganz und gar versagt, nur in der Aussage Großmanns einen zuverlässigen Beweis dafür, daß ich sie nicht gesprochen habe. Ich könnte es beeiden, denn ich würde mich für den Beweis, daß ich sie nicht gesprochen habe, auf die Erklärung Großmanns berufen, wenn er mich nicht im Ernstfall doch im Stich ließe. Denn ein Verlaß auf ihn ist ja keineswegs möglich. Die Natur hat ihm den Stachel der Unwahrhaftigkeit verliehen, auf daß er sich gegen Verfolgung schütze, aber er ist imstand, umzufallen und einmal die Wahrheit zu sagen. Es wäre interessant, einem Selbstgespräch Großmanns beizuwohnen (ich meine nicht einen jener Berliner Monologe, wo zumeist der Präsident des Deutschen Reichstags oder Viktor Adler dabei ist oder sonst jemand, der vor Großmann kein Geheimnis hat): etwa, wenn er an den Flügel schreitet (ich meine nicht den Kotflügel des Autos, worin Ebert sitzt), also wenn er ans Klavier schreitet, um es nicht spielen zu können. Ich stelle mir vor, daß er, wenn er im Wald so für sich hingeht, ein leichtes Grinsen über die Aussicht, wie er damit den Leser anschmieren wird, anfangs nicht unterdrücken kann, daß aber dann die volle Wahrheit in ihm zum Durchdruck kommt, nämlich daß er da nichts zu suchen hat. Dann wird er ausspucken. Wenn er sich an der Ostsee sonnt, wird er zehn Durchschläge von dem Feuilleton kalkulieren, das diese Vorstellung dem Publikum wert ist. Und wie mit der Natur, geht es ihm mit der Kunst, aber auch mit allen jenen Gebieten menschlicher Betätigung, in die eine wenn auch noch so denaturierte Leidenschaft den Zutritt hat. Als ein überall dort, wo er ihm verwehrt ist, Beschäftigter wird er von so vielen Zeitungen geschätzt. Die schon an Inbrunst grenzende Ehrfurchtslosigkeit, die ihn vor aller Kraft und Kunst beseelt, die gelegentliche Unzuständigkeit und innere Beziehungslosigkeit, welche ihm in gleichem Maße alle Interessen, die er nicht hat, zugänglich macht, die Objektivität, mit der er unter allen politischen Parteien steht, und die absolute Gesinnungslosigkeit, die ihn »am äußersten Rande« jeder einzelnen gaukeln und unentwegt die Farbe stagelgrün bekennen läßt, all dies bildet den eigentümlichen Reiz einer Feder, deren Beiläufigkeit, Saloppheit, Mißtönigkeit und Armut selbst an den dürftigen Grazien des Feuilletons jedem Chefredakteur auffallen müßte. Aber eine erkannte tiefe Unredlichkeit, die keiner von ihnen als Privathausherr für zimmerrein hielte, scheint hier eben dem wesentlichsten Anspruch der neuen Zeitung entgegenzukommen und er wurde, vom Rande des Sozialismus überallhin, vom Käfig in jeden Koben flugbereit, die Zierde eines Berufs, der über dem Schreibtisch jenes B. Z.-Machers sein made in austria in der selbstvernichtenden Formel bekannt hat: »Wir brauchen zu haben Dreck«. Von dem Expansionsdrang geschüttelt, der den mährischen Eindringling auf dem Berliner Boden über ein kurzes Redaktions- oder Filmjahr zur Karikatur des Betriebswesens macht, aber gelegentlich zum imponierenden Heimkehrer, benützt er als solcher das Wiedersehen, um sich über die Rückständigkeit und Enge der Wiener Interessen annähernd so lustig zu machen wie der Berliner über den Zuwachs. Nichts ist heiterer als die Großmannssucht, die, wenn die schmalzige Berufung auf ein Mutteraug, das ihn doch nicht erkannt hat, und auf einen Stephansturm, der sich am liebsten den Namen ändern ließe, ihre Wirkung verfehlt, sich unvermittelt auf den Standard des Berliner Lebens zurückzieht, so tut, als ob einer, der hier unmöglich wurde, einzig darum schon draußen möglich wäre, und auf den »Lokalhumoristen« herabblickt, von dem er »seit zehn Jahren nur dann und wann eines der roten Hefte, die er herausgibt, gelesen hat« und dem »naturgemäß das große Deutsche Reich verschlossen ist«. Ihm geöffnet, der ganz genau weiß, daß der Lokalhumorist zwar eine kulturlebendigere Beziehung zur deutschen Welt unterhält als der Herausgeber eines Konkurrenzblattes des »Roland von Berlin« und daß er lieber als der letzte Wiener untergehen wollte, ehe er zugäbe, daß seine Administration sich einem deutschen Buchhändler anbietet und eine Offerte schreibt, wie sie jener, sich berufend auf seinen »Kauf von Fackeln« und in der Absicht, an deren Wiener Verbreitung zu schmarotzen, eigenhändig geschrieben hat. Aber was alles weiß nicht dieser Großmann, dessen Ausdruck die Fülle von Verlogenheit gar nicht fassen kann, die er ihm zumutet, und der darum Gefahr läuft, daß der Leser ihm so wenig glaubt wie er selbst – was weiß er nicht alles vorzuspiegeln, um die Geste zu retten, deren Zweifelhaftigkeit durch mich so außer allen Zweifel gesetzt wurde. Diese unwiderstehliche Ostentation von Pofel und Pleite, dieses maximum en effort zu einem minimum en effet, dieser volle Einsatz von Nebbich und Nichts, den ich als das Kennzeichen des Mausi-Typus dargestellt habe und den die undankbare Heimat mit einem »Gehst denn nicht!« ablehnt, zeigt ihn in der Rolle des geistig wie räumlich von mir distanzierten Weltbürgers, dem »Bekannte, die aus Wien kamen«, erst »erzählen« mußten, »der Fackel-Kraus« habe zwanzig Seiten über ihn geschrieben. Wieder einmal wird ihm das zugetragen. Große haben eben immer Ohrenbläser. Und keiner von ihnen wollte ihn mit der Zusendung des Heftes belästigen, offenbar in der Gewißheit, daß er es eh' schon gelesen haben wird; oder sie wollten es, weil die Post jetzt so unzuverlässig ist, doch aufschieben, bis sie einmal selbst nach Berlin kämen, hatten aber dann vergessen, das Heft mitzunehmen. Beschafft hat er es sich daraufhin natürlich nicht, aber schon die beiläufige Kunde regt ihn zu einem Artikel an, von dem ich wetten möchte, daß das neue Wiener Journal zu anständig war, ihn zu drucken, und der deshalb nur in einem Montagsblatt, das den Stephan Großmann mit Recht seinen geschätzten Mitarbeiter nennt, erscheinen konnte. Er hat also die zwanzig Seiten – man hat ihm die Zahl genau angegeben – nicht gelesen und vermutet deshalb fälschlich, sie seien die Antwort auf den »Nasenstüber von etwa 50 Zeilen«, mit dem er sich »begnügt« hatte. Hätte er sie gelesen, so wüßte er, daß nur knapp zwölf davon die Antwort sind, die ersten acht aber vor dem Nasenstüber geschrieben waren, aus keinem andern Beweggrund als der unschuldigen Freude an der Gestalt, die bei Nacht schreiend durch meinen Wohnbezirk rennt. Da dieses Kunstwerk, das auch achthundert Seiten umfassen könnte, bereits geschaffen war, als die 50 Zeilen im Neuen Wiener Journal erschienen, so ergriff mich eine panische Angst, man würde nun glauben, es sei die Quittung, was die Perspektive heillos verschoben hätte. Lediglich aus dieser Besorgnis entstand das Nachwort. Mit keiner polemischen Silbe wäre, im Vertrauen darauf, daß niemand den Großmann derart unmöglich machen kann wie ebenderselbe, dies Unternehmen gefördert worden, wenn nicht die Satire schon vorhanden und gedruckt gewesen wäre. Zu ihrer Rettung konnte nur die polemische Fortsetzung helfen, und es ist gut, daß sie entstanden ist, weil ja doch auch schade um jedes Wort von dieser gewesen wäre und weil es schließlich ebenso wohltuend wie schicklich ist, sich nach einem Nasenstüber, den man von Großmann bekommen hat, die Nase zu reinigen. Was das noch immer krasse Mißverhältnis von 50 Zeilen zu zwölf Seiten anlangt, so bleibt nur die Erklärung, daß ein Schmierer eben gleich einen Raum von 50 Zeilen in Anspruch nimmt, während die Sprache, wenn sie etwas gegen einen solchen auf dem Herzen hat, auf knappen zwölf Seiten ihr Auskommen findet. Interessant ist nun, wie der Gaukler, der seit den zwei Jahrzehnten, da ich ihn entfernt hatte, die Hoffnung nicht aufgegeben hat sich mir zu nähern, sei es indem er als Feuilletonredakteur Essays über meine Bücher anzuschaffen strebt, sei es indem er in meinen Berliner Auditorien sich durch Applaus bemerkbar macht, jetzt endgiltig das Desinteressement eines in die höhere Geschäftssphäre Entrückten feststellt. Jedes Wort eine Lüge, jede Miene ein Mausi. Er darf nicht informiert sein und muß so tun, als ob ein gelegentlicher Blick in »eines der roten Hefte« die Auffassung, die er sich vorgenommen hat, vollauf rechtfertigen würde, während er das, was darin über ihn selbst geschrieben ist, gar nur vom Hörensagen weiß. Nun ist es ja gewiß belanglos, ob Herr Großmann die Fackel liest, und es zu erreichen von aller Art Ehrgeiz, den man mir zutrauen mag, wohl der letzte; es genügt mir vollauf und ist auch wichtiger, daß mir seine Werke nicht entgehen. Immerhin entbehrt es nicht des Reizes, einen Schwindler, der in der Welt den großen Jungen spielen möchte, bei der Aufmachung zu attrapieren. »Vor fünfundzwanzig Jahren – ich mache Kraus die Freude, mich an ein Gespräch mit ihm zu erinnern – als u. s. w.« Bekannte, die nach Berlin kamen, haben ihm offenbar auch erzählt, daß ich vorausgesagt habe, er werde sich erinnern. »Ich will, obwohl wir von alten Zeiten plaudern, nicht von seiner glühenden Begeisterung für Otto Ernst sprechen«. Woher hat er das? Möchte man nicht glauben, ich sei damals als ein Otto Ernst-Fanatiker herumgegangen, als solcher geradezu markiert gewesen und Großmann, der rechtzeitig erkannte, daß aus dem Stürmer der Conrad-Gruppe und Freund der Liliencron und Dehmel der dickdeutsche Spießer werden würde, habe mich immer ausgelacht? Großmann erinnert sich. Aber ich selbst erinnerte mich nicht, als vor einem Jahr ein erzürnter Prager Schmock etwas unter dem plausiblen Titel »Karl Otto Ernst Kraus« erscheinen ließ, worin er die Enthüllung brachte, daß ich vor drei Jahrzehnten den Otto Ernst als Satiriker gerühmt habe. Der Anspruch eines Tropfes, der von mir die Stetigkeit der kritischen Ansicht durch drei Jahrzehnte erwartet, die er selbst nicht für drei Monate gewährleisten kann, wäre gewiß selbst dann unbillig, wenn das Objekt die Kontinuität hielte und der Otto Ernst Schmidt, der Philisterfeind, den die um Liliencron allesamt als einen sogenannten »Prachtkerl« ansahen, entweder seit damals dreißig Jahre alt geblieben oder schon damals sechzig gewesen wäre. Ich habe die Drolerie durch die Fackel weitergegeben. Großmann hat die Fackel gelesen und nun erinnert er sich an den sensationellen Fall von damals, dessen Kenntnis ich selbst erst dem Prager Schmock verdanke. Dagegen räumt er ein, von einer anderen Publikation von mir, die geringeres Aufsehen gemacht hat als die Otto Ernst-Kritik, nämlich von den »Letzten Tagen der Menschheit«, nichts zu wissen. »Sein Werk ›Die letzten Tage der Menschheit‹ oder wie es heißt«, sagt er und nur durch einen puren Zufall hat er den Titel richtig erraten. Er »kennt den Schöpfer zu gut, als daß er auf die Schöpfung neugierig wäre«. Wetten ließen sich wohl nicht abschließen, daß er seine Neugierde längst befriedigt hat, denn niemand fände sich, der das Gegenteil zu behaupten riskieren würde. Immerhin kennt er den Schöpfer so gut, daß er ihm nachrühmt, er reiche eben noch an den »Hans-Jörgl« heran. Außerdem habe er »auch ein hübsches Vortragstalent ... .. singe so gut wie ein durchschnittlicher Possenkomiker« (zum Beispiel das Couplet: Sich so zu verstell'n, na da g'hört was dazu) und habe daneben noch ein sehr tönendes Schauspielerpathos, »das aus der Tradition der alten Burg stammen soll«. Genau weiß es Großmann nicht, weil er diesen kleinen Wiener Angelegenheiten seit dem Hinauswurf aus der Volksbühne naturgemäß entrückt ist. Was meine Literatur betrifft: gemessen an der aktuellen Frische des 'Tage-Buchs', das über die reiche Heirat eines Schauspielers und über den Selbstmord einer Schauspielerin auf dem Laufenden ist, erscheint ihm jedes Heft der Fackel »in drei Wochen altgebacken«. Er ahnt nicht, wie recht er hat. Meistens ist schon drei Wochen vor dem Erscheinen jedes Heft der Fackel altgebacken, es beginnt in der Regel erst drei Jahre nach dem Erscheinen einigermaßen aktuell zu werden und dürfte nach dreißig das Interesse des Publikums von den Neuigkeiten des 'Tage-Buchs' so ziemlich abgelenkt haben. Aber »niemand kann« dem Großmann »einreden« – es bemühen sich so viele –, daß bei mir etwas »aus erster Hand kommt«. Die Justiz anzuklagen habe ich, der bürgerliche Witzbold, bei Großmann gelernt, aber freilich nicht bei dem geschätzten Mitarbeiter der Sonn- und Montagszeitung, des Neuen Wiener Journals und der Neuen Freie Presse, sondern »bei uns Redakteuren der Arbeiter-Zeitung (die ihm die ersten Nummern der Fackel schrieben)«. Eine stolze Erinnerung an Großmanns Heroenzeitalter, die nicht mit dem gleichen Stolz empfangen wurde. Mit welchem Undank wir Redakteure der Arbeiter-Zeitung von der Anhänglichkeit des von andern Zeitungen geschätzten Mitarbeiters, von diesem letzten Beispiel von Nibelungentreue Notiz nahmen und eine wie kalte Schulter sich der Schulter gezeigt hat, die bereit war bis zum letzten Hauch von Mann und Roß am Rande der Partei zu verharren – einen bessern findst du nit –: das haben wir Leser der Arbeiter-Zeitung inzwischen bemerkt. Daß aber wir Redakteure der Arbeiter-Zeitung die ersten Nummern der Fackel geschrieben haben, ist als Tatsache so wahr wie daß in der Zeit, da sie erschienen, der Herr Großmann schon das gewesen ist, was er nie hätte werden sollen, nämlich Redakteur der Arbeiter-Zeitung. Seine Geschichtsauffassung ist zwar materialistisch, aber seine Geschichtsschreibung nicht frei von sachlichen und chronologischen Irrtümern. Wie nach dem Ausspruch eines Wiener Fiakers die hiesigen Rösser schneller stehn als die in Paris laufen, so kann unsereins gar nicht so schnell die Wahrheit sagen wie der Großmann lügt. Gewiß haben auch seine Lügen kurze Beine, aber es ist, als ob sie lange Finger hätten, mit denen sie immer auch schon die nächste Wahrheit eskamotieren. So habe ich, kaum daß mir die Redakteure der Arbeiter-Zeitung die ersten Nummern der Fackel geschrieben haben – später hab ichs dann von selbst getroffen –, »von Frank Wedekind den Haß gegen die bürgerliche Erotik übernommen« und kaum daß sich das begeben hatte, von Peter Altenberg den »revolutionären Ingrimm gegen die wienerisch-jüdische Bourgeoisie«, ja aus dessen revolutionären Kaffeehausreden stammt sogar »das Schema meiner Satire wortwörtlich«. Da kann man nichts machen als höchstens Mausi flüstern. Da Großmanns Aussage an Zuverlässigkeit einem Phonogramm der revolutionären Kaffeehausreden Altenbergs gleichkommt und das Schema meiner Satire ohnedies vorliegt, so erscheint eine Kollationierung unschwer durchführbar. Ein Jahr im Leben Peter Altenbergs und dementsprechend ein Jahrgang der Fackel können ohnedies ausgeschaltet werden, da hat Peter Altenberg keine revolutionären Kaffeehausreden gehalten, sondern in einer der schwersten Nervenkrisen gelebt, die ihn nur zusammenzucken ließ, sobald der Name Großmann an sein Ohr drang. Dieses Zeugen Mund, durch den noch nie und keineswegs die Wahrheit kund wurde, täte besser, die Erinnerung an Peter Altenberg, der an ihn nicht erinnert werden wollte, den besseren Freunden vorzubehalten. Er vermeide es, zu erzählen, was Altenberg gesagt hat, damit es nicht auch die Erinnerung an das, was Altenberg gelitten hat, heraufbeschwöre. Das wäre bei weitem nicht so scherzhaft wie der Nachweis, daß ich, ursprünglich »Zeitungsschreiber von Passion«, mich mit Schopenhauer-Zitaten, die mir ein Polyhistor »gezeigt« habe, als prinzipiellen Zeitungsfeind kostümierte. Unheimlich, wie dieser Großmann doch hinter alles kommt; erst hinter mich, dann hinter die Tatsachen, die meine Entwicklung entscheidend beeinflußt haben. Richtig ist, daß ich einmal einen Polyhistor gekannt habe, der von mir viel wußte und es dann mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückzog. Ich verdanke ihm mannigfache Anregung und zog mir seine Feindschaft dadurch zu, daß er mir eines Tages ein Feuerbach-Zitat, das von Goethe war, zeigte. Wenn die dargebotenen Schopenhauer-Zitate, die mir die Augen über die Presse geöffnet haben, nicht vielleicht von Kant waren oder wenn sie nicht der Welt als Wille und Vorstellung Großmanns entstammen sollten, so können sie nur auf eine ebenso verläßliche Quelle zurückzuführen sein, nämlich auf die Waschfrau, die ihre bekannte Zwiesprach mit dem Assistenten oft in der Seele des Mannes der Wissenschaft abmacht. So bemerkenswert nun die tatsächlichen Feststellungen sind, die Großmann aus der Geschichte der Fackel vornimmt, so interessant sind seine psychologischen Wahrnehmungen, indem er nämlich meine ganze polemische Existenz aus jenem Erlebnis der »Haßliebe« erklärt, deren Objekt zu sein ich mich sonst in so vielen Fällen gerühmt habe. Er will an mir das bekannte Umkippen der Verehrung in Haß beobachtet haben, die echt weibchenhafte Reaktion auf das unerträgliche Gefühl, vom Gegenstand der Liebe nicht genug beachtet zu sein und bei ihm keine Gegenliebe zu finden. So erklärt sich ihm mein Kampf gegen die Presse (wohl insbesondere gegen die Neue Freie, in die ich nicht gelangen konnte), gegen Harden, den ich imitiert habe, »um die Imitation in (immer noch) nachahmende Satire zu verwandeln«. Wer die quellfrische Satire Hardens kennt – es sind ihrer hierzuland nicht viele, da einem Weltsatiriker naturgemäß das kleine Österreich verschlossen ist: ein Umstand, den ich mir denn auch weidlich zunutze mache – und wer damit Heft für Heft die Fackel vergleicht, zum Beispiel die Serie »Desperanto«, wird die Wahrnehmung nur bestätigen können. Von Otto Ernst wollen wir nicht sprechen; der Fall liegt auf der Hand. Bemerkenswert ist aber der Fall Hauptmann. Warum finde ich, daß »Die Jungfern von Bischofsberg« ein so trostloses Lustspiel sind? Ich habe Hauptmann »angeschwärmt« – Großmann wußte es –; ich wurde von ihm »nicht genug beachtet« Großmann merkte es –; ich ward »gelb vor Giftigkeit« – Großmann, der sich darin auskennt, sah es mir an, natürlich nur von weitem –; und ich wollte »dann mit einem Male Hauptmann nach dem 'Hannele' das weitere Dichten untersagen«. Dabei ist es psychologisch interessant, wie meine offenbare Wut gegen Hauptmann mir noch so viel Hingabe übrig ließ, immer wieder die Werke, die ich für Dichtungen hielt, vorzutragen; wird sich aber auch schon irgendwie erklären lassen. Und so geht es die ganze Reihe nach.

Kein Lebendiger größeren Formats, dem der Zwerg nicht aus mehr oder minder verschmähter Liebe Beschimpfungen nachschmisse. Hauptmann, Hofmannsthal, Schnitzler, Werfel, Ehrenstein, Reinhardt, Kainz, jeder ist kleinwinzig vor Karl Kraus. Das gehört ja auch zum Gesetz der Gattung. Der Zwerg will nur Zwerge sehen! Bin ich Zwerg, so sollst Du es auch sein!

Jeder einzelne Fall ist charakteristisch. Mit Hofmannsthal, dem ich immer schon durch meine Verehrung lästig war, bin ich seit Gründung der Fackel nur einmal in persönliche Berührung gekommen: als ich mich ihm anbiederte, damit er sich von mir aus der heillosen Situation, in die ihn seine Absage zur Liliencron-Feier gebracht hatte, retten lasse. Er gab schließlich meinen Bitten nach, nicht ohne deutlich merken zu lassen, daß er mich nur in diesem Fall, aber sonst nicht beachten wolle. Seither bin ich gegen ihn. Wie ich Schnitzler mit meiner Liebe zugesetzt habe und wie er mir sagen ließ, daß er sie verschmähe, ist bekannt. Reinhardt wollte durch volle zwei Jahrzehnte von mir nichts wissen, wiewohl ich mich ihm als Regisseur geradezu aufgedrängt habe, sodann zwang ich ihn, sich um die Aufführung der »Letzten Tage der Menschheit« zu bewerben, er tat mir den Tort an, daß ich sie nicht gestatten wollte, seither schreie ich das Salzburger Welttheater als eine Kirchenschändung aus. Wenn Kainz das Burgtheater verließ, stand ich bei der Bühnentür, er ging vorüber; einmal wandte er sich um und sagte, daß er mich nicht genug beachten wolle. Seit damals habe ich Matkowsky als den volleren Heldendarsteller erkannt. Großmann verwechselt das und meint, ich hätte »ihm den Berliner Bonvivant Eugen Burg als Vorbild unter die Nase gehalten«. Das hätte wenig geholfen, da Kainz sich nie in das Fach dieses tatsächlich vortrefflichen Schauspielers eingespielt hätte. Auch bleibt Großmann das Motiv meiner Anerkennung des Eugen Burg schuldig: er hat mich beachtet. Aber nicht immer nützt bei mir die Beachtung. Großmann selbst, der damit nicht gekargt hat, ist ein Beispiel. Er bat Ehrenstein, der an mir vorüberging, ohne mich zu beachten, »Worte in Versen« für sein Feuilleton zu besprechen: das hat beiden bei mir nichts genützt. Es war eben zu spät, ich hatte mich schon verbissen. Überhaupt Ehrenstein! Bei diesem und bei Werfel springt das Motiv verschmähter Liebe so in die Augen, daß man die frappante Beobachtung fast nur einem zutrauen würde, der auch in den letzten Jahren noch die Fackel gelesen hat. Ehrenstein hat sich ja meiner angenommen. Er hat mir erlaubt, ihn zu entdecken, zu drucken, seine Gedichte mit ihm durchzuarbeiten, er hat mich gefördert, wie und wo er nur konnte, aber bis ans Ende konnte er nicht mit mir gehen. Er machte schließlich kein Hehl daraus, daß mir seine Waschzettelverbindungen unsympathisch seien, und beachtete mich nicht mehr. Auch faßte mich der Neid, daß ihn infolge seines Einfalls, mich St. Crausiscus zu nennen, viele für den ersten Satiriker Deutschlands hielten, und ich konnte es ferner nicht verwinden, daß er in meinem Gedicht »Apokalypse« eine starke Ähnlichkeit mit der des Johannes erkannt hatte. Wenn aber jemals, so läßt sich das Motiv verschmähter Liebe an dem Fall Werfel nachweisen. Ich meine die meine. Wie backfischhaft bin ich diesem Werfel, der mich so wenig beachtete, nachgelaufen, wie habe ich ihn mit vergötternden Briefen und Telegrammen bombardiert, ihm Bücher mit Beteuerungen unwandelbarer Treue und Verehrung, Liebe und Bewunderung ins Haus geschickt, und wie überzeugt vertrat ich den Anspruch, daß unsere beiderseitigen Planeten auf ewig mit einander verbunden bleiben müßten. Er aber blieb unbeweglich; ich, beweglich wie ich bin, schrieb »Literatur«. Dagegen ist mir, bezeugt Großmann, »jeder schlechte Lyriker, der einmal an den Stammtisch kam, ein Phänomen«. Woraus mindestens hervorgeht, daß ich einen Stammtisch habe. Die Mittelmäßigen werden systematisch hinaufgelobt, »nicht um sie zu erquicken, sondern um die anderen zu verkleinern«. Zu dem gleichen Zweck werden »ein paar unschädliche Tote als Hausgötter aufgestellt«, etwa Nestroy, vor welchem ich dann einen Ehrenstein, der mir gefährlicher ist, »opfern kann«. Aber natürlich, »über den freiesten und anmutigsten Dichter Wiens vor und nach der 'großen Zeit', über Alfred Polgar, war in fünfundzwanzig Jahren der ›Fackel‹ kein Wort gesagt«. Das weiß Großmann natürlich nur vom Hörensagen, aber es ist fast wahr, und hier gäbe es wirklich nur die Entschuldigung, daß ich ihn nicht dafür halte. Doch halte ich ihn für den geistigsten und literarisch erheblichsten Fall der Wiener Kritik, mit Nachsicht der Verlockungen durch einen Witz, der auch edlere Teile der Schöpfung verletzt, und selbst in diesem Gebiet für mehr anmutig als frei, wenn ich den Umstand erwägen darf, daß er als berufskritische Instanz an meiner doch umfänglicheren Produktion in eben den fünfundzwanzig Jahren vorbeigelangen konnte, bis zu der anständigen Äußerung bei dem schon unvermeidlichen Anlaß der »Letzten Nacht«. »Was für ein hysterisches Zwergengekreisch würde der Fackel-Kraus über solches Totschweigen anstellen.« Eben nicht, Mausi, nie, in Erkenntnis der lokalen Bedingungen, denen auch der besser Geartete unterworfen ist, wohingegen das »Totschweigen« in der Fackel eher die Anerkennung eines Kopfes bedeutet, der nicht zwischen die Saltens gehört. Ich habe keine Versäumnis begangen und keine beklagt, mich oft an einer Feinheit der Erfassung und Fassung erfreut, neben welcher der Alfred Kerr erst als der Weinreisende erscheint, der er ist, und ein Problematisches höchstens darin erblickt, daß ein so auf alle Wendungen und Windungen der Menschennatur parates Tastgefühl selbst bei einem Mindestmaß heroischer Ansprüche nicht vor Krötigem zurückschrickt, daß einem so ausgeprägten Durchschauersinn, einer so untrüg lieben Witterung für alles Mausihafte der krasse Fall in der Nachbarschaft noch keinen Witz entrissen hat,– in fünfundzwanzig Jahren. Da, muß ich sagen, waltet der moralische und geistige Reinheitswille eines Stephan Großmann schon mit mehr Strenge. Der läßt mich ganz fallen; und mit einer geringeren geistigen Schärfe, als sie einem Polgar eignet, hat er nicht nur meine Lächerlichkeit erfaßt, sondern auch erkannt, daß der Brechreiz, den ich vor seinem Gehaben empfinde, und das Grausen, welches mich angesichts der Möglichkeit packt, daß die öffentliche Meinung aus den Senkgruben des Geistes und des Charakters gespeist werde, bloß der Erbitterung des Zwerges gegen die Riesen, die Großmänner, entspringe. Während anderseits mein Haß gegen die Zeitung auch »die Auflehnung gegen mein eigentliches Element« bedeutet. Ganz zutreffend beobachtet Großmann, daß ich, »der Papierzwerg«, die Welt nur durch die Zeitung sehe und alles nur mehr auf dem Umweg der Zeitung erlebe. Er meint aber nicht bloß den Concordiaball, dem ich gewiß weit mehr Gerechtigkeit widerfahren ließe und neidlos zugestehen würde, daß er seine Vorgänger weit übertrifft, wenn ich mich einmal selbst überzeugen und nicht immer nur den Bericht lesen wollte – nein, selbst den Weltkrieg habe ich, während Großmann in der vordersten Front stand, »aus den Zeitungen erlebt«. Wie wahr das ist, da ich sogar den Weltkrieg selbst für das Werk der Zeitungen halte, läßt sich gar nicht sagen. Als ein goldenes Wort funkelt auch dieses: »Er hat nie einer politischen Partei direkt ins Auge gesehen, er kennt sie nur aus der Zeitung«. Als Großmann der sozialdemokratischen Partei direkt ins Auge sehen wollte, mußte sie es freilich zudrücken, um ihn gewähren zu lassen, und als sie es dann öffnete und es ihr überging, war jener schon am Rande. So kann er jetzt in einem Prager Blatt, das ihn angriff, weil er dem Tod einer jungen Schauspielerin direkt ins Auge gesehen hat, stolz verkünden – in einer Berichtigung, in der er sich faktisch zu einem »Wahr ist« versteigt –, er habe, »an den Grenzen der sozialdemokratischen Partei stehend, in diesem Jahre der Entwicklung alle Parteifarben abgelehnt«. Man hat ihm sie dreimal angeboten, aber er hat sie alle zurückgewiesen, wie gesagt mit Ausnahme von stagelgrün, einer Farbe, die auch in Zeiten der Entwicklung zu nichts verpflichtet. Das Prager Blatt antwortet mit einer Aufzählung seiner Verdienste, Taten und Abenteuer, als da sind seine Entlassung als Kritiker der ›Vossischen Zeitung‹ und insbesondere »sein schamloses Verhalten gegen Viktor Adler«, das aber nicht nur in der Fingierung des Gesprächspartners und in der Zurichtung seiner Aussprüche für die Sensationspresse besteht, sondern vor allem in der Verfertigung eines Schlüsselromans aus den Anfängen der österreichischen sozialdemokratischen Partei, worin nach der Meinung des Prager Blattes »Produkt seiner Phantasie« ausschließlich die verleumderische Erfindung von Tatsachen des Privatlebens ist, die von der betroffenen Seite »als schmutziger Undank des früheren Mitarbeiters der Arbeiter-Zeitung empfunden und auch so bezeichnet wurde«. Seine eigene Verwahrung bestätige aber »das Urteil, das sich jedermann aus der Lektüre des erwähnten Schundromans über Stephan Großmann bilden kann und das vernichtend ist«. So etwa wie dieses Zitat hier Großmanns Ansicht bestätigt, daß ich alles auf dem Umweg der Zeitung erleben muß, weil ich »nicht (oder nicht mehr) die Fähigkeit habe, ein Buch zu lesen«. Mein Gebiß ist eben »nur mehr auf Zeitungsbrei eingerichtet«. Es ist merkwürdig, wie bescheiden die Journalisten von ihrem Handwerk denken, wenn man es angreift, und wie frech sie sich als das Weltgewissen spreizen, wenn sie sich den Lesern rekommandieren und glauben, mit diesen allein zu sein. Sie selbst können sich, etwa auf Kongressen, nicht genug Ehre erweisen, aber wenn man sich mit ihnen polemisch befaßt, erweist man ihnen zu viel Ehre. »Zeitungsbrei« nennen dann die Köche selbst das Produkt einer Sudelküche, aus der sonst nur die erlesensten Leckerbissen hervorgehen. Aber wenn es der Zeitungsbrei ist, an dem sich die Menschheit den Magen ruiniert hat, so war ich ja nicht mit meinem Gebiß, sondern mit meiner Diagnose daran beteiligt. Wie ich ja auch als »Läusesucher« mich stets frei von dem hielt, was ich suchte. Und wäre ich faktisch nichts weiter als ein Vertilger von Ungeziefer, so wär's doch eine nützliche Arbeit, die die Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse, die Ratten und insbesondere die Mäuse zwar bedauerlich, aber nicht lächerlich finden dürfen. Den Journalisten mag es mit Recht absurd erscheinen, wie jemand sich in ein Zeitungsblatt vertiefen kann, weil ja wirklich sein Kopf im Nu auf der Rückseite zum Vorschein kommen muß. Aber mir, der kaum eine halbe Stunde an solche Lektüre wendet, genügt ein Hauch dieser Pest, um durch den ganzen übrigen Tag das Siechtum der Menschheit zu beklagen. Immerhin darf zugegeben werden, daß dieser Großmann, ohne es zu wissen – weil er die Fackel nicht liest – an jenes Problem meines Lebens gerührt hat, dessen Zusammenhang mit dem Problem dieser Zeit mir so schmerzlich bewußt ist: daß ich den Wald vor lauter Blättern nicht sehe, obgleich sehen möchte, aber eben darum nicht sehen kann, weil er nicht mehr vorhanden ist, sondern in der Hinrichtung der Natur durch die Technik der Triumph der Halbnaturen über den Geist und das Leben besiegelt ward.

Der Stellung des »Papierzwergs« in dieser Katastrophe wird Großmann nur durch die sinnbildliche Beziehung auf dessen Vater gerecht, der, wie er feststellen kann, in Gitschin zuhause war, in einem Ort, der nicht nur zu den denkwürdigsten und landschaftlich schönsten Punkten Böhmens zählt, sondern auch etwas die Lachlust Reizendes an sich haben muß.

Dort hatte der alte Kraus eine Papiersäcke-Fabrik; will sagen, die Sträflinge in den österreichischen Zuchthäusern klebten, wie ich auf meinen Wanderungen durch die Strafanstalten

will sagen, als Sozialpolitiker

immer wieder klagen hörte, zu Schundlöhnen Papiersäcke für den alten Kraus. Aus diesem zusammengeklebten Vermögen entspringt Krausens innere Freiheit.

Individuen, die sich wegen Beleidigung eines Toten dort aufhalten und deren Gemeinsamkeit Raubmörder und Taschendiebe zumal dann als Verschärfung der Strafe und der Schmach empfinden, wenn die Beleidigung des Toten, den der Beleidiger nie gesehen und der ihm nie etwas zuleide getan hat, bloß begangen wurde, um sich an dem Lebenden zu rächen – solche Individuen sind von dem Zwang, Papiersäcke zu kleben, befreit. Es lohnt sich darum nicht, sie der Verurteilung zuzuführen. Der da, bebend vor der Vergeltung und wenn nichts fühlend, so doch fühlend, was er getan hat, tastet sofort nach einem Milderungsgrund:

Es ist erlaubt, vom alten Kraus in Gitschin zu sprechen, weil dieser Kontrast: alter jüdischer Kaufmann – junger christelnder Poet das eigentliche Schema der Krausschen Satire ist. (Es stammt, wie gesagt, wortwörtlich aus den revolutionären Kaffeehausreden Altenbergs.) Nach diesem Schema hat er Werfel gegen Werfel, Hofmannsthal gegen Hofmannsthal, ja sogar Stefan George gegen einen nicht existierenden Papa Abeles ausgespielt.

Welch ein fanatischer Lügner! Nicht in der Behauptung des »Schemas« – dessen Illustration durch die Fälle Hofmannsthal und George auch von so hoffnungsloser Dummheit ist –, sondern in der Vorspiegelung, daß mein Schema identisch mit seiner Infamie sei und er nichts weiter getan habe als »diesen Kontrast« aufzustellen. Als ob ich in dem Fall Werfel, mit dem ich ja, wenngleich in allgemeinster Darstellung, diesen Kontrast wirklich ergriff, den (lebenden) Vater zur Rache am Sohn geschmäht und nicht im Gegenteil das vom Sohn geknüpfte Problem durchaus zugunsten des Vaters gelöst hätte. Welch ein fanatischer Lügner vor allem in der Zubereitung der Lüge, der er die Ehre des Toten opfert, obschon doch mehr davon in einen Papiersack ging als auf alles Papier, das dieser Großmann je beschmiert hat, und wiewohl man doch selbst den Erzeuger dieses nicht für die Lumpen verantwortlich machen kann, für die es erzeugt wird. Leiht er der Lüge nicht den Tonfall des Notorischen? Tut er nicht, als wäre er da über irgend eine Begebenheit informiert, die seinerzeit eine tagebuchreife Sensation gewesen sein muß? Als wüßte er etwas, wo nichts zu wissen, nur zu kuschen ist? Als wäre die Strafanstaltsarbeit keine Einrichtung des Staates, dessen Gerichte die Entlohnung bestimmen, sondern die Schmach des einzelnen, für welchen in »den« Strafanstalten, in sämtlichen, gefrohndet werden mußte? Als hätte die Behörde diesem nicht für die Erfüllung des leersten Lebenstags mit der geeignetsten Arbeit und für die Vermehrung des Lohns um Prämien, immer wieder, gedankt, sondern dem Skandal ein Ende gemacht, seit die Sträflinge sich keinen andern Ausweg mehr wußten, als sich über das Vorgehen des Fabrikanten, über dessen unerlaubte Zumutungen, über Lohndrückerei, Willkür und Mißbrauch ihrer Wehrlosigkeit bei Herrn Großmann, der als Retter des Weges kam, immer wieder zu beklagen. Wenn es wahr ist – aber selbst die Wahrheit würde in diesem Mund zur Lüge –, so mache ich mich erbötig, mit ihm eine Zelle, nein ein Redaktionszimmer zu teilen. Mag die Sträflingsarbeit eine so notwendige oder so unsittliche Einrichtung sein wie die Justiz und wie die Fabrik, wie der Staat und alle Ordnung dieser Welt, so wird es doch schwer möglich sein, mit dem Odium ihrer Verantwortung den einzelnen Fabrikanten mehr zu belasten als die Vertreter eines Berufs, der zwar an Nützlichkeit hinter der Erzeugung von Papiersäcken zurückbleibt, sie aber dafür an Klebrigkeit weit übertrifft. Wem's beliebt, darf sie mit meiner Leistung in den »Kontrast« bringen, den der Schwachkopf für das Schema meiner Satire hält, aber nur ein Bösewicht kann erfinden, daß »diesem zusammengeklebten Vermögen« meine innere Freiheit entspringt, daß etwa die Gründung der Fackel ohne solche Basis nicht erfolgt wäre und auf ihr erfolgt ist, daß auch nur ein Heller von diesem »Vermögen« mich heute in den Stand setzt, die Freiheit zu behaupten, die ein geschätzter Mitarbeiter der Sonn- und Montagszeitung sich mit geistigen Mitteln errungen hat. Wäre nicht Hauptmanns Großvater ein Weber, sondern sein Vater der leibhaftige Fabrikant Dreißiger gewesen, so würde das wenig gegen den Wert seines Werkes beweisen und nur ein Verdacht, der von diesem selbst ausginge, könnte die Betrachtung des »Kontrastes« rechtfertigen, den der Bösewicht als meine Methode ausgeben muß, um sich ein gutes Gewissen zu verschaffen. In meinem Fall mache sich der Herr Großmann mit Kontrasten nicht mausig. Sonst könnte man sich lustig machen, und der Quelle nachgehen, welcher seine innere Freiheit entspringt, die vielleicht äußere Abhängigkeitsverhältnisse nicht ausschließt, aber dafür, wie allein der letzte Vorstoß beweist, ein Freisein von moralischen Hemmungen bedeutet, das sich schon sehen lassen kann. Denn selbst einen Toten grundlos herabzusetzen oder, bei objektiver Berechtigung des Anwurfs, ihn als Waffe gegen den Lebenden zu benützen, dies wie jenes mag noch im Bereich einer menschlich ermeßbaren Unsauberkeit liegen, wiewohl die häßlichste Verletzung der Pietät der Angriff auf die des andern ist. Aber die Konstruktion eines Makels zu solchem Zweck reicht über alle Schnödigkeit. Dieser Großmann – ich glaube immer, die Legende der »von hinten erdolchten Front« muß sich auf ihn beziehen – dieser Großmann, der ein Erzlügner hieße, wenn nicht sein Stoff dies Wort noch Lügen strafte, harrt der dichterischen Zeichnung. Ein Franz Moor ist er nicht, zum Spiegelberg fehlt ihm das Talent, zum Schufterle die Figur. Zum Jago ist er zu dumm, aber vielleicht langts zum Borachio. Er ist ein Anstifter, mittleren Kalibers, aber exakt; einer, der seines Wesens Spur im Raum zurücklassen muß und dann sagen wird, ein anderer habe es getan. »Nicht auf eine redliche Art, gnädiger Herr, aber so versteckt, daß keine Unredlichkeit an mir sichtbar werden soll.« Diesmal wurde sie sichtbar. Die mutwillig feige und durch nichts begründete Schmähung des Toten, bloß als Mittel zu dem Zweck, dem Lebenden etwas anzutun – es ist der Gipfel dessen, was das Handwerk zwischen der Gelegenheit und der Unverantwortlichkeit ermöglicht. Keine legitime und keine illegitime Abwehr könnte da Genugtuung bieten. »Wo ist der Bube? Laßt mich sehn sein Antlitz, daß wenn ein Mensch mir vorkommt, der ihm gleicht, ich ihn vermeiden kann!« Dieses Gefühl wartet auf eine Zeit, wo der Staat anklagt, wenn die verletzte Ehre der Menschheit nach Sühne ruft, und wo ausgepeitscht wird und die Stirn gebrandmarkt mit dem Namen der Zeitung, die dem geschätzten Mitarbeiter Beistand gewährt hat.


 << zurück weiter >>