Karl Kraus
In dieser großen Zeit – Aufsätze 1914-1925
Karl Kraus

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Hussarek – Sinclair

Welche Mittel in Schwurgerichtsverhandlungen angewandt werden und welcher Aufrichtigkeit die Verteidigung des Christentums fähig ist, hat der Fall des sympathischen Hussarek gezeigt, der Upton Sinclair einen Schurken genannt hatte und dafür zu jener halben Million Kronen verurteilt ward, die dank der Initiative der Habsburger 35 Friedenskronen gleichkommen. In den Berichten waren die folgenden Versionen zu lesen, die alle zusammen wohl ein richtiges Bild von einer Verteidigung geben dürften, die einerseits erklärt, daß sie den Wahrheitsbeweis für den Schurken führe, und anderseits, daß sie das Wort ganz anders gemeint habe.

Im Übrigen hat der Angeklagte nicht behauptet, Sinclair ist ein Schurke, sondern nur gesagt, er halte ihn dafür; es sei dem Leser freigestanden, sich der Meinung anzuschließen.

So in der Reichspost, die in solchem Falle wohl wahrheitsgetreu berichtet. Wenn Herr Hussarek gesagt hätte: Sinclair ist ein Schurke, so wäre dieser es und jener hätte keine Meinung geäußert, sondern eine Tatsache behauptet, deren Berichtigung nach § 23 sich die Reichspost offenbar nicht widersetzt hätte. Aber Schurke bedeutet nicht einmal einen Schurken.

Dr. Hussarek habe nach einem Shakespeareschen Ausdruck gesucht und diesen in dem Wort »Schurke« zu finden geglaubt.

Oder auch so:

Hussarek habe bei Shakespeare gesucht, bis er einen passenden Ausdruck gefunden habe. Das Wort »Schurke« sei ihm dort so häufig aufgestoßen, daß er es gewählt hat.

Man muß sich das nur vorstellen. Hussarek schreibt für die Reichspost – zum Ersatz für Lammasch, der nicht nur tot ist, sondern ihr noch lebend die Mitarbeit verweigert hat – einen Artikel gegen Sinclair, will diesen irgendwie benennen und sucht zu diesem Behufe bei Shakespeare nach einem Ausdruck. Nur weil ihm das Wort »Schurke« dort immer wieder aufstößt, wählt er es; sonst hätte ers nicht getan. Eigentlich hat ihn also Shakespeare verleitet. Aber dieser hat es nicht so gemeint und infolgedessen auch Hussarek nicht, der sich in allem an Shakespeare hält. Denn – sagte der Advokat –:

Dieses Wort bedeutet entweder »ehrlos« oder »geschickt«. Sein Klient habe es in dem Sinne von »geschickt« gemeint.

Meinte der Advokat, der mithin ganz gewiß kein Schurke ist. Aber wie kommt er nur auf die Vermutung, daß es auch »geschickt« bedeute? Wohl so: Wenn bei Shakespeare ein Diener von seinem Herrn irgendwohin geschickt wird, so sagt dieser: Schurk', mach dich fort! oder dergleichen. Eigentlich könnte man also auch sagen, Schurke bedeute so viel wie »Diener«. Herr Hussarek hat von Sinclair allerdings nicht sagen wollen, er halte ihn für seinen Diener, aber ob er wirklich sagen wollte, er halte ihn für geschickt, das mag er mit seinem christlichen Gewissen ausmachen. Ein Angeklagter darf ja lügen, aber er sollte nicht. Freilich, was immer er über jenen sagen wollte und wie immer man »Schurke« deuten will, Sinclair war ihm persönlich nahegetreten, indem er nicht nur den religiösen Empfindungen – die ja nebst den nationalen die zerbrechlichste Materie dieser Welt sind – nahegetreten ist, sondern auch dem österreichischen Patriotismus. Es stellt sich nämlich heraus, daß Sinclair gar kein österreichischer Patriot ist:

Sowohl auf religiösem Gebiete wie auf dem Gebiete des Patriotismus, auf dem Gebiete der österreichischen Vaterlandsliebe hat Upton Sinclair sich schwer verfehlt.

Wofür natürlich der Umstand, daß er ein Kalifornier ist, höchstens als mildernd in Betracht kommt. Ich bin leider kein Kalifornier und kann es darum Hussarek nachfühlen, wie weh das tut, in der Österreichischen Vaterlandsliebe verletzt zu werden. Und Hussarek legt Wert auf mein Zeugnis. Nach dem Bericht der Reichspost hat er gegen das Vorbringen des Prof. Singer, er habe im Jahre 1895 mit ihm von der Bereicherung der Klöster gesprochen, eingewendet:

Karl Kraus hat in seinem Aufsatz behauptet, daß ich schon 1892 mich im katholischen Sinne betätigte.

Vergebens habe ich dieses Wohlverhaltenszeugnis in der Fackel gesucht und nur gefunden, daß in einem der ersten Hefte von dem jüngeren Hussarek als einem älteren Betbruder, aber ohne jede zeitliche Limitierung, die Rede war und die lustige Geschichte erzählt wurde, wie sich der ägyptische Erbprinz seinen katholischen Erziehungsversuchen durch die Flucht entzog. In der Republik ist der Karriere des Herrn Hussarek vom Präfekten des Theresianums zum Ministerpräsidenten zwar Einhalt geboten, aber nach der Verurteilung durch die Geschwornen steht der Vorrückung zum Glaubensmärtyrer nichts im Wege, versteht sich, wenn der Leitartikel, den die Reichspost unter dem Titel »Eine tapfere Tat« veröffentlicht hat, richtig auf die Beschimpfung eines Mannes, der in Kalifornien wohnt, und auf die Interpretation von »Schurke« bezogen wird und nicht etwa darauf, daß er gleich neben dem Entschluß der Reichspost steht, das Prostitutionszeichen, das ihr der Oberste Gerichtshof beigebracht hat, an die Spitze des Textes zu stellen. Daß die tapfere Tat die Gründung eines Hussarek-Fonds nach sich zieht und die Ovationen der Christenheit vor dem Hause des Glaubenszeugen, der als Angeklagter nicht allein für die Religion, sondern auch für die Wahrheit unschuldig gelitten hat, ist nur selbstverständlich.

Wenn sich aber Sinclair sowohl auf religiösem Gebiete wie auf dem der österreichischen Vaterlandsliebe schwer verfehlt und die diesbezüglichen Gefühle der Reichspost alteriert hat, so hat sie ja keine Ahnung, wie sehr er gar ihren journalistischen nahegetreten ist. Seine Verfehlung auf diesem Gebiete ist höchstens mit der meinigen zu vergleichen und wie gut es der Instinkt der Reichspost hier getroffen hat, mag ihr der folgende Artikel der Jena-Weimarer sozialistischen Zeitung ›Das Volk‹ dartun – von einem mir unbekannten Kritiker und über zwei Autoren, von denen ich nur einen kenne –, den der Zufall just ein paar Tage vor dem Sinclair-Prozeß erscheinen ließ und der die Verabredung der deutschen Presse zum Schweigen über mich wieder einmal durchbricht, aber eben auch darum der Wiederholung wert ist, weil er die beiden von der Weltpresse und allem ihr gehorsamen Christensinn derzeit gehaßtesten Autoren in einem Gespann vorführt, mit dem das Biedermannstum zweier Welten wirklich nicht gut zu fahren scheint:

Der Sündenlohn

Upton Sinclair : Der Sündenlohn. Eine Studie über den Journalismus. (Verlag: Der neue Geist. Dr. Peter Reinhold, Leipzig).

Nun haben wir das klassische Werk einer gesellschaftskritischen Betrachtung des modernen Journalismus. Eine Naturgeschichte des Journalismus gibt uns Upton Sinclair in diesem 300seitigen Werk, das im Deutschen veröffentlicht zu haben, ein nicht überschätzbares Verdienst des Reinholdschen Verlages ist. Der Sinn des Buches wird von Sinclair selbst mit folgenden Worten formuliert: »Der Zweck dieses Buches liegt nicht darin, den Charakter Upton Sinclairs, sondern das Wesen des Mechanismus zu zeigen, von dem man jeden Tag seines Lebens bezüglich der Nachrichten über die Umwelt abhängt. Wenn dieser Mechanismus mit Vorbedacht und systematisch dazu mißbraucht werden kann, über Upton Sinclair zu lügen, so kann er auch dazu mißbraucht werden, die Volksbewegung in der ganzen Weit zu zerrütten und das Herannahen der sozialen Gerechtigkeit zu hemmen.« Niemand scheint berufener, die große Soziologie der Presse zu schreiben als Upton Sinclair, da wohl niemand unserer Tage eine so gewaltige Sukzession unaufhörlicher, symptomatischer Infamien von Seiten der Presse am eigenen Leibe zu spüren Gelegenheit hatte wie dieser heldenhafte amerikanische Publizist, der mit dem ewigen »Trotzdem« auf den Lippen immer wieder, immer wieder den Kampf auf sich nimmt.

Es sei allerdings zunächst gestattet, auch ein Wort über die Einleitung von Professor Singer, dessen Übersetzung bis auf ganz wenige, kleine Ausnahmen ausgezeichnet ist, zu sagen. Leider hat er die »Fackel« in einem Atemzuge mit der »Zukunft« genannt, von welchen beiden Zeitschriften er schreibt: »Kritisieren, nichts als Kritisieren ist wohlfeil, wie man aus der Unzahl von Kritikern der Presse in den Literaten-Kaffeehäusern, aus kongreßlichen Redeturnieren, aus ›Zukunft‹ und ›Fackel‹ zur Genüge ersehen kann.« Er hat Karl Kraus, den größten lebenden Dichter Österreichs und den genialsten Kritiker der heutigen Gesellschaft, den vielleicht Europa aufzuweisen hat, in einen Topf mit Herrn Harden geworfen, mit eben jenem Maximilian Harden, der sich seit 20 Jahren bemüht, in der »Zukunft« deutsch zu schreiben. Er hat vergessen, daß Karl Kraus – der unerbittliche und strenge Meister der Sprache – gerade durch sein »nichts als Kritisieren« der einzige aller Kritiker ist, der dieses »Negative« so gewaltig und so genial gesteigert hat, daß es schon längst wieder in das Positive hineinragt, und nur gemessen werden kann an dem gesellschaftskritischen Werke Voltaires. Er hat vielleicht nicht bemerkt, daß das Bleibende, Wertvolle des Sinclairschen Buches die Kritik der Presse ist, die Kritik der Presse als ein Teil der Gesellschaftskritik, die notwendig ist, um einzusehen, daß die heutige Ordnung der Dinge von Grund und ganz von Grund auf verschwinden muß, ehe die wesentlichen Dinge dieser Welt anders, besser werden können, eine Einsicht, die Sinclair und Kraus gemeinsam sein dürfte.

Das Buch Sinclairs ist in drei große Abschnitte eingeteilt. Nämlich: 1. Der Tatbestand, 2. Die Erklärung und 3. Das Heilmittel. In 34 Kapiteln des ersten Teiles protokolliert Sinclair das Unglaubliche. Er zeigt seine Wunden, die Wunden, die die »Hure Journalismus« diesem einzigartigen Upton Sinclair in 20 langen Jahren des Kampfes für die Befreiung der Menschheit schlug. Kommentarlos erzählt er die Geschichte seiner Leiden und der Atem stockt einem beim Lesen, denn der gewöhnliche Leser hält es nicht für möglich. Endlos zieht die Kette der Intriguen, Bestechungen, der ausgeklügeltsten Lügen zur Vernichtung dieses Mannes an uns vorbei. Wie ein Anatom zerlegt er den Apparat der Presse, zeigt uns die »harmloseste« Entstellung, die oft nur im Weglassen eines Wortes, ja sogar nur im Weglassen eines Kommas besteht. Ja so ist sie, die kapitalistische Presse, der vorderste Vorposten der ausbeutenden Klassen. Alle Thesen Karl Kraus', des andern größten Kenners und darum Hassers der Presse, werden 10 000 mal erhärtet durch immerwiederkehrende Veröffentlichung von Fällen, niemand wird in diesem Buche geschont. Da stehen sie mit Namen alle die, die täglich, stündlich »den reinen Körper der Wahrheit packen und ihn auf dem Markt verkaufen, die die jungfräulichen Hoffnungen der Menschheit an das ekelhafte Bordell des großen Geschäfts verraten«. Sie marschiert auf: die ganze amerikanische Plutokratie und wir erblicken die millionenfachen Fäden, die diese Plutokratie über die Erde gespannt hat: auf deren Wink hin Hunderte von Millionen der Menschheit in derselben Minute denselben vergifteten Gedanken zu denken gezwungen sind.

Upton Sinclair weiß es: »So und so allein werden wir die Macht der kapitalistischen Presse brechen, indem wir den Kapitalismus selbst brechen.« Man kann über die von ihm vorgeschlagenen Methoden im Einzelnen anderer Meinung sein. Nicht darin liegt der große Wert dieses Werkes, im Einzelnen Wege zu weisen, nein, seine Größe besteht darin, daß es den gesellschaftskritischen Sinn und Instinkt von Tausenden zu wecken imstande ist. Denn das ist der Beginn von allem Sozialismus und seiner Propaganda: daß der Mensch sieht und erkennt: Eines ist sicher, diese Gesellschaft ist faul, faul, faul bis auf den Grund. Und das muß der Einfältigste erkennen, der mit Sinclair diese bedeutendste Exekutivmachtposition der heute herrschenden Gesellschaft durchleuchtet. Und deshalb kann dieses Buch, das endlich, endlich die nackte Wahrheit über den Journalismus mit allen seinen tausendfältigen Brechreizen aufweist (Karl Kraus aber ist der große geistige Vater davon), gar nicht genug Verbreitung finden.

Sinclair sagt in einer Schlußanmerkung: »The Brass Check« (der englische Titel des Buches) wird natürlich auf dieselbe Art behandelt werden. Sollte es irgend eine Publizität erlangen, so wird dies nur wegen eines Verleumdungsprozesses der Fall sein«. Mögen diese Zeilen bewirken, daß alle, die sie lesen, dieses Buch kaufen und weitergeben. Denn die kapitalistische Presse von fünf Erdteilen kennt keine wichtigere Aufgabe, als es totzuschweigen.

Helft alle, dieses Buch, dieses wahrhafte Protokoll der ewigen Schandtaten des internationalen Journalismus zu verbreiten, auf daß ihr erkennen möget, wie die »vornehmste« Institution, die Presse des »Freien Amerikas« (aber natürlich auch genau so die Europas), des Landes, das sicherlich nicht zu Unrecht das »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« genannt wird, aussieht, wie die Presse aussieht, zu der ihr in, heute noch zum Teil aufgezwungener Blindheit blickt, als zu beinahe etwas Heiligem.

Helft dieses Buch Upton Sinclairs verbreiten, auf daß die schurkischste aller Masken der kapitalistischen Gesellschaft um einen Tag früher heruntergerissen werde.

Julius Epstein.

Um die Reichspost jedoch über den Unterschied zwischen Sinclair und mir zu beruhigen, kann ich ihr versichern: erstens, daß ich mein Buch »Untergang der Welt durch schwarze Magie« keinesfalls von einem kalifornischen Singer hätte übersetzen lassen und zwar in Erinnerung an all das, was seinerzeit seiner ›Zeit‹ mit dem Kohlengutmann widerfuhr. Ferner daß ich, wenn mich eine kalifornische Reichspost einen Schurken genannt oder vielmehr es dem Leser anheimgestellt hätte, sich der Meinung anzuschließen, oder wenn ein dortiger Hussarek bei Shakespeare gesucht, bis er einen passenden Ausdruck gefunden hätte, um im Ernstfall zu sagen, er habe ihn im andern Sinne gemeint: daß ich dann nicht geklagt, sondern über die Sache ein Kreuz gemacht hätte, das ich natürlich im andern Sinne meine, indem es nämlich auch das Symbol der christlichen Nächstenliebe bedeuten kann.


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