Karl Kraus
In dieser großen Zeit – Aufsätze 1914-1925
Karl Kraus

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Ein kalter Schauder über den Rücken

wenn man diesen Gipfel journalistischer Möglichkeit erklommen hat. Ein armer Junge ist über eine Planke geklettert, um in einem Garten zu übernachten. Dort wird er am nächsten Tag zerfleischt aufgefunden. Der Ruf des Sterbenden: »Mutter! Mutter!« sei gehört worden. Es wird festgestellt, daß die tödlichen Verletzungen von Bluthunden herrühren. Dieser grauenvolle Sachverhalt ließe die grauenvollere Perspektive zu, daß der Besitz mehr Schutz genießt als das Leben. Etwa auch die, daß es Kinder gibt, die, sei es aus Armut, sei es um den Qualen der Häuslichkeit zu entrinnen, das Obdach so gefährlicher Freiheit suchen müssen, während die Menschenbestien, die dies alles so wohl bestellt haben, in Üppigkeit wohnen und in Sicherheit ruhn. Dem Blick, der die entsetzliche Planmäßigkeit des neuzeitlichen Zufalls wahrnimmt, ergäbe sich auch die Verbindung mit dem Fall, den dieselben Tage erleben ließen und der darnach angetan war, selbst den Menschen, die den Krieg vergessen haben wollen, die Nachtruhe zu stören – dem Fall, daß ein Alters- und Elendsgenosse des unglücklichen Wiener Kindes, der an der ungarischen Grenze mit zwei Kilogramm geschmuggelten Zuckers, durch den Fluß watend, erfaßt wurde, im nächsten Moment ein zerfleischter Leichnam war wie jener, doch nicht von Geschöpfen getötet, die Bluthunde nach dem Willen der Schöpfung sind, sondern von Grenzgendarmen, die ihn zertrampelten wie jene, und dann noch, was jene nicht taten, ihm ins Hirn schossen. Und hieran wieder könnte sich die Perspektive knüpfen, daß gegen Teppichschmuggler in derselben Zeit und an derselben Grenze ein geregeltes Verfahren eingeleitet wurde, und etwa noch, daß Herr Castiglioni schon damals, als er über die italienische Grenze Milliardenwerte von Bildern hereinbrachte, mit der Justiz sich ausgeglichen und die Funktionäre dieser Staatsordnung an seinem Tisch gespeist hat, um ihnen hernach die Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Alles in allem: daß man die kleinen Diebe zerfleischt, die großen aber hängen läßt, was sie herübergeschmuggelt haben; daß Bluthunde doch bessere Wilde sind; daß die Bestien der Tierwelt wenigstens nicht so infam sind wie die anderen. Kurz was man will konnte zu dem Fall gesagt werden, wenn man schon den Beruf ohne die Berufung hat, zu allem etwas zu sagen, anstatt vor solcher Begebenheit, solcher Möglichkeit, solcher Wehrlosigkeit der Kreatur gegen die Kreatur in Schmach und Gram der Kreatur zu verstummen. Das Blatt, das um die Mittagsstunde den Mord durch die Gassen ruft, den seine Existenz an dem Rest von Ehre bedeutet, welchen dieser Welt von Gurgelabschneidern der Krieg übriggelassen hat; das mit der Unbefangenheit, die das Nichtsnutzige als Trumpf ausspielt, den hellen Tag zum Nachtlokal macht; das Blatt, das der Moral von Rowdies und Schiebern eine Weltanschauung abgewinnt und das die Metaphysik der Haifische begründet hat – es brachte einen Leitartikel »Die Planke«, worin das Schicksal des zerfleischten Knaben tatsächlich mit dem Fall Castiglioni verknüpft ward. Nämlich so: Die Planke schützt allerdings den Besitz gegen das Eindringen der Armut, aber einer solchen, die gleichfalls »nach des Lebens Freuden lechzt«. Wir glauben zu verstehen, ohne es für möglich zu halten: die Planke grenzt also den alten Reichtum gegen den neuen Reichtum ab, der, wenn's ihm doch gelungen ist, hinüberzukommen, von den »Hunden des Besitzwahns«, nämlich dem ganzen Heerbann des alten Kapitalismus, zur Strecke gebracht wird. Wirklich und wörtlich:

– Du darfst nicht klettern, armer Mann. Du hast dich vor ihr zu beugen, vor ihrer Majestät, der Planke.

Und ist es dir, dank deiner Muskelkraft, dank deiner Skrupellosigkeit, dank deinem Wagemute geglückt, über den ersten Zaun zu klettern, dann starrt dir einige Schritte später schon ein zweiter entgegen. Und über diesen kommst du nicht, wenn du nicht alle Eigenschaften der bissigen Wachthunde dir angeeignet hast. Du mußt werden wie sie, barbarisch gegen jeden Eindringling in dein Reich. Kommst du nicht über die zweite Bretterwand, bist du ein gestrandeter Unternehmer, dann stürzen sich neue Bestien auf dich, reißen dir deine kostbaren Kleider vom Leibe und rufen schließlich nach dem Gendarm wegen Waldfrevels auf den Jagdstätten des alten Reichtums. Mensch, der du von Glück und Unglück geschaukelt wirst, sei gewarnt, du kennst sie nicht die mörderische Abwehrkraft der Planke.

– Ein tragischer Vorfall hat es bewiesen: wir stehen immer vor einer Planke und dahinter lauern die wütenden Hunde ...

Welche kosmische Phantasie war imstande, in dem bleichen Gesicht des zerfleischten Kindes die Züge des Herrn Castiglioni zu entdecken! Wahrlich, zwischen Himmel und Hölle klafft an keinem Punkt eine Antithese gleich jener, die den Kindesleichnam zum Symbol des gestrandeten Haifisches gemacht hat und den Todesschrei »Mutter! Mutter!« als Signal empfing für einen Leitartikel über den Fall Castiglioni. Hol mich der Teufel, nach dessen Diktat sich Leben und Schreiben dieser Welt vollzieht diese Ruchlosigkeit grenzt an Genie!


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