Karl Kraus
In dieser großen Zeit – Aufsätze 1914-1925
Karl Kraus

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Nachruf

»Vater, es wird nicht gut ablaufen,
Bleiben wir von dem Soldatenhaufen.«

Schiller

... Nicht dies, sondern, daß die Kerle uns nicht totschießen, ist das Merkwürdigste.

Friedrich der Große bei einem Parademanöver

Man sollte glauben, dieses alles, mit Kunst, Wissenschaft, Tapferkeit und Ehrenpunkt, Leben und Habe, könnte einmal durch ein unberechenbares Versehen in die Luft fliegen. Zu solchen Ereignissen in großartigstem Stile dürfte, nachdem unser Friedenswohlstand dort verpufft wäre, nur noch die langsam, aber mit blinder Unfehlbarkeit vorbereitete allgemeine Hungersnot ausbrechen ... Während jeder Zeitungsschreiber in der Regel nichts andres repräsentiert als das verkommene Literatentum oder verunglückte reine Geschäftswesen, bilden viele, oder gar alle Zeitungsschreiber zusammen, die ehrfurchtgebietende Macht der »Presse«...

Wie der Patriotismus den Bürger für die Interessen des Staates hellsehend macht, läßt er ihn noch in Blindheit für das Interesse der Menschheit überhaupt, ja, seine wirksamste Kraft übt er darin aus, daß er diese Blindheit, die im gemeinen Lebensverkehre von Mensch zu Mensch oft schon sich bricht, auf das eifrigste verstärkt.

Richard Wagner

Ich möchte was drum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie wären für das Vaterland getan worden.

Es soll in einem gewissen Lande Sitte sein, daß bei einem Kriege der Regent sowohl als seine Räte über einer Pulvertonne schlafen müssen, solange der Krieg dauert, und zwar in besondern Zimmern des Schlosses, wo jedermann frei hinsehen kann, um zu beurteilen, ob das Nachtlicht jedesmal brennt. Die Tonne ist nicht allein mit dem Siegel der Volksdeputierten versiegelt, sondern auch mit Riemen an den Fußboden befestigt, die wieder gehörig versiegelt sind. Alle Abend und alle Morgen werden die Siegel untersucht. Man sagt, daß seit geraumer Zeit die Kriege in jener Gegend ganz aufgehört hätten.

Es macht den Deutschen nicht viel Ehre, daß anführen so viel heißt, als einen betrügen. Sollte das nicht ein Hebraismus sein?

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.

Lichtenberg

Orakel

»Sag an,
wer wird in diesen Kriegen
unterliegen?«
»Der tapfere Mann.«
»Der kann nur siegen!«
»Wohlan!
Weil er nur siegen kann.«
Worte in Versen

»O meine Bürger, welch ein Fall war das!«

Shakespeare

Durch die Nacht der Nächte, in der wir, hungernd und frierend, vom Schicksal als Deutsch-Österreicher gezeichnet, gebeugt von dem Fluch, Wiener zu sein, also nicht staub-, nur kotgeborne Wesen, uns forttappen müssen zum Frieden und an den Tag hin, wo die Notwendigkeit des Lebens nicht mehr Denkproblem und Daseinsinhalt sein werden – leuchtet ein trost- und hoffnungspendender Stern: nicht mehr Österreicher zu sein! Die Glückesfülle dieses Bewußtseins, die den Jammer mit Freudentränen überwältigt, von gestern auf heute errafft, in der überraschenden Antwort auf ein »Wie geht's?« zwischen Bekannten, die sich neulich noch als Österreicher begegnen mußten, dies Erlebnis, seltener als eine Jahrtausendwende, kann durch nichts getrübt werden als durch den Namen des neugebornen Staates, der der Welt nach dem ganzen zentralmächtlichen Odium klingen wird, durch die mitgeschleppte Erinnerung an die Hölle der Jahrhunderte, durch solche Zeremonie pietätvoller Selbstbefleckung, womit er sich dem Verdacht preisgibt, nur eine Neubildung jenes welthistorischen Krebses zu sein, an dessen Überwindung der Erdkreis den Todeskampf dieser vier Jahre gewendet hat. Das Hochgefühl, zwar nichts auf der Welt zu sein, mit Sünden und Schulden vor ihr zu stehen, weniger als nichts, aber doch nicht mehr Österreicher zu sein, wird ferner beeinträchtigt durch die Enttäuschung aller, die dem befreiten Menschentum gern ein Fest gegönnt hätten: daß dieser aufgelöste Verein jovialer Scharfrichter, diese Gevatterschaft weltbetrügerischer Kräfte, deren Einheit in der Schändung des Heimatgefühls sämtlicher Nationen gewährleistet war, dieser bürokratische Alpdruck landschaftlicher Schönheit, diese k. k. und zum Überdruß noch k. u. k. Verunreinigung der Anlagen, die von Gott dem Schutze des Publikums empfohlen und vom Teufel als Privatbesitz einer allerhöchst bedenklichen Familie zugeschanzt waren, daß also dieser elende Staat, den man doch am treffendsten mit dem Schimpfwort Österreich bezeichnet, seine Auflösung nicht mehr erlebt hat! Er ist, eingedenk der Lorbeerreiser, die das Heer so oft sich wand, an der Glorie gestorben, ehe er in die Lage versetzt war, seine Niederlage in vollen Zügen, in jenen, von welchen noch die heimkehrenden Soldaten fallen, zu erleben, und die Verantwortung für diese letzte, größte Schurkerei eines Zwangs zum Tod für ein Vaterland, das nicht mehr existierte, hatte er füglich nicht mehr zu tragen. Wie dieses unwahrscheinliche Vaterland, nach dem Geständnis des unwahrscheinlichen Czernin, seine Märtyrer in einen Krieg schickte, von dem es wußte, daß er verloren sei, so zwang es sie noch zu sterben, nachdem er beendet und mit ihm das Vaterland selbst verloren war. So wäre der Perversität eines Verbrechens, welches bis zum Schlußpunkt das realste Leben dem nichtigsten Schein geopfert hat, eine Sühne phantastischer Art angepaßt gewesen. Wohl läßt sich über die Selbstausrottung eines sündigen Staates und über die Auflösung in seine Lumpenmoleküle hinaus ein welthistorischer Strafprozeß nicht führen und die Erhaltung eines Reiches zwecks persönlicher Teilnahme an seiner Vernichtung nicht denken. Dennoch ist es in diesem speziellen Fall, wo es sich um ein an Ausnahmszustände gewöhntes Staatswesen handelt, dessen Kriegsjustiz so häufig unschuldigen Greisen die Todesstrafe durch die Nötigung, das eigene Grab zu schaufeln, sohin durch die befohlene Zeugenschaft bei der eigenen Hinrichtung verschärft hat – es ist also ein schmerzlich empfundener Mangel des Verfahrens, daß eine Exekution nicht möglich war, der dieser greise Gewohnheitsverbrecher der Weltgeschichte zugleich mit sehenden Augen beiwohnen konnte, so daß er, wenn auch nur einen Tag lang vor dem sichern Ende, noch einmal die umfassende Schmach seiner Existenz, die volle Beschämung ihres Ausgangs, das ganze Maß seiner Züchtigung gekostet hätte. Für die Satansidee eines Staates, dessen Dasein allen Anforderungen physischer und sittlicher Reinheit widersprach, der, weit über die Zumutung europäischer Rücksicht für einen kranken Mann im Osten, das Ärgernis eines unbegrabenen Leichnams im Hause bot, nein, durch sieben Dezennien der Welt das Schauspiel eines als Thron kaschierten Leibstuhls gewährte, worauf sich die legendäre Dauerhaftigkeit eines nicht mehr Vorhandenen breitmachte; für das frevle Unterfangen einer Autorität, die in unablässigem Regierungswechsel nur die Beständigkeit der europäischen Mißachtung gesichert hat und von der einen Reisepaß zu besitzen eine durch Schamröte vor dem Ausland teuer erkaufte Wohltat war; also für diesen Schlager einer Blutoperette: daß ein solcher von der Großmut zivilisierter Anrainer geduldeter Übelstand der gesamten Umwelt Krieg angesagt hat, weil sein Prestige nicht vierundzwanzig Stunden länger den Zustand, daß sie sich die Nase zuhielt, ertragen konnte, und daß ein Dreckhaufe ein Ultimatum an den Mistbauer gestellt hat, um seiner Wegräumung um ein paar Jahre zuvorzukommen – für diesen tragikomischesten aller Präventivkriege war das Kaputtwerden eine zu geringe Sühne! Man denke nur, wenn man sich in der Enttäuschung an einem Sieger nicht genugtun kann, der nach Millionen unsühnbarer Morde den vollen Ersatz für den durch einen räuberischen Mißwachs bewirkten materiellen Schaden begehrt – man denke nur einmal, was da durch die Eingebung herz- und phantasieverlassener Staatsbankrotteure über die atmende Welt verhängt worden ist. Ein Staat, der in seinen vielen Kirchen Gelegenheit hatte, jeden Tag auf den Knieen Gott zu danken, daß er noch auf der Welt sei, und ihrer Aufmerksamkeit seine innere Schande keineswegs aufdrängen durfte; ein Staat, dessen Regierungsmaxime »Mir san ja eh die reinen Lamperln« wirksam nur durch den Vorsatz »Schön stad sein!« zu stützen war; dieser Schalanter einer Völkerfamilie; dieser alte Staatsfallot, dem zwar nie etwas erspart blieb, der aber doch stets mehr Kaiserwetter als Verstand gehabt hat; ein Hundsgemeinwesen, dessen Anspruch, die Wellt mit seiner nationalen Mordshetz zu belästigen, ausgerechnet in der Gottgewolltheit des Pallawatsch unter Habsburgs Szepter begründet war, unter einem Szepter, dessen Mission es schien, als Damoklesschwert über dem Weltfrieden zu hängen; ein budgetprovisorisches Gebilde, dessen ewiges Völkerproblem nur durch die innere Amtssprache des Rotwelsch tunlichst zu lösen war und dessen Verständigung durch ein Kauderwelsch versucht werden mußte, wie es die hohnlachende Epoche noch nicht gehört hatte; dessen ethnisches Kunterbunt die Einheit einer undefinierbaren Kultur ergab, die dem europäischen Geschmack als die Spezialität einer gräulichen Melange mit Doppelschlag aufgenötigt und im Abort der Welt zur Anlockung der Fremden ausgelegt war; dieser Wiener Gemeindeschlauchtrommelwagenspritzenbegleiter, wenn's eh geregnet hat, und Staubaufwirbler, wenn's trocken ist; dieses hochlöbliche Chaos und wienerische Telephongespräch zwischen den Nationen; dieser gestutzte Doppeladler als Wahrzeichen von einer Mode, wenn halt die Völker Sekzession machen, weil man halt sonst nix machen kann; ein Unwesen, in allem Geistigen und Körperlichen windschief und deformiert, auf den Glanz hergerichtet und rettungslos verhatscht, dessen rebellische Lebensform, aus Manieren, Plakaten und Walzern brüllend, wie der Protest gefangener Rassen war, die so ihre Werte reklamierten, ihre Unwerte zu einem Monstrum aller Dialekte veruneinigt fühlten; dieses Unikum von viribus unitis aus siebzig Jahren, da ein Dämon der Mittelmäßigkeit wie eine Trud auf den Herzen der Völker lag, ihnen allen dafür das goldene Wienerherz einschupfend, da der in der Geschichte der Schöpfung beispiellose Fall sich begab, daß eine Nichtpersönlichkeit ihren Stempel allen Dingen und Formen lieh, so daß wir in allem was uns den Weg verstellte, in allen Miseren, Verkehrshindernissen, im Querschnitt jedes Pechs diesen Kaiserbart agnoszierten; diese angestammte Schlamperei, die das Justament zum fundamentum regnorum erkoren hatte; dieses graue Verhängnis, das sich durch die Zeiten frettet wie ein chronischer Katarrh und unsere Entwicklung glücklich von Schwind bis Schönpflug, von Lanner bis Lehar geleitet: dieses ganze blutgemütliche Etwas, dem nichts erspart blieb und das eben darum der Welt nichts ersparen wollte, justament, sollen s' sich giften beschließt eines Tages den Tod der Welt. Mit einem Satz, der wahrhaftig die volle Bürde der Altersweisheit trägt und die ganze Würde des Schwergeprüften – kürzer als jeder Satz, der zur Brandmarkung des Ungeheuers dient –, mit einem Satz, dessen angemaßte Tiefe nur darum echt war, weil der Verfasser ein anderer war, ein Stilkünstler aus dem Ministerium, der glaubte und darum erlebte (der an die Fackel und dennoch an Österreich glaubte), mit einem Satz, dessen ausgesparte Fülle den Schwall aller Kriegslyrik aufwog: mit einem »Ich habe alles reiflich erwogen«, springt die Vergangenheit, die sich nicht zu helfen weiß, der Welt an die Gurgel. Und doch war nie etwas weniger reiflich erwogen, und Shakespeares altersberatener Monarch, der aus Hitze und nicht aus Kälte ins Verderben raste, ist daneben ein Gipfel staatsmännischer Erkenntnis. Ein Serbien, das keineswegs schuldig einer Tat war, auf der sich eben dieses greise Österreich bei kaum gehemmten Jubelgefühlen frisch ertappen ließ – eine ganze Welt, deren Kondolenz von einem Jahrmarktsfest, welches »Begräbnis dritter Klasse« hieß, ausgesperrt wurde: sie fanden sich plötzlich im Besitz eines Ultimatums, mit dem ein passionierter Selbstmörder seine Vernichtung angedroht hat, wenn ein anderer nicht binnen vierundzwanzig Stunden in die seinige zu willigen bereit war. Wohl, dieses Ultimatum Österreichs an sich selbst, binnen fünf Jahren vom Erdboden zu verschwinden, wenn Serbien nicht sofort bereit sei, seine Staatlichkeit auslöschen zu lassen, diese hirnverbrannte Zumutung, den Mangel an österreichischen Gendarmen in Sarajevo durch einen Überfluß an österreichischen Gendarmen in Belgrad wettmachen zu lassen, der tragische Scherz, der in jenem Blutrotbuch von der Unschuld, die die Forderung gestellt hat, zur jüdischen Anekdote gewendet wird: »Und wegen so einer Lappalie haben sie sich hergestellt und da ist der Weltkrieg ausgebrochen« – wohl, dieser gröbste Unfug der Geschichte wäre nicht möglich gewesen, wenn die Weltanschauung des »Wer' mr scho machen« nicht auf die Nibelungentreue des »Machen wir« hätte pochen dürfen. Es versteht sich von selbst, daß die Kapuzinergruft bei aller Begehrlichkeit allein nicht zu dem Gelüste fähig gewesen wäre, die ganze lebendige Welt zu verschlucken, wenn sie nicht ihren Rückhalt in der einzigartigen Verbindung mit jenem Warenhaus gehabt hätte, das die Zeit gekommen sah, der schon auf die rascheste Verbindung Berlin-Bagdad wartenden Kundschaft seine Pofelware anzuhängen. Die Ursache des Weltkriegs hat so viel Flächen wie er Fronten hatte: ob man aber von der österreichischen Hausmacht oder vom made in Germany her, von dieser oder jener Mache ausgeht, von Prestige oder Export, serbischen Schweinen oder Hohenzollern, hohen Zöllen oder gezogenen Schwertern, Habsburg oder Fertigware, Scheißgasse oder Platz an der Sonne – man wird unfehlbar zu dem Punkte gelangen, wo in Wahrheit die Kräfte aufgespeichert waren, welche die Explosion bewirken mußten, und eben das, was uns durch vier Lügenjahre zum Treffpunkt von russischer Eroberungsgier, französischer Revanchelust und britischem Neid gedreht wurde, offenbart sich als ein viel tieferer Mischmasch, als jene Furcht und Mitleid erweckende Tragödie, in der sich ein Geist, der nach dem Mittelalter, und ein Gefühl, das nach den Lebensmitteln orientiert ist, zu dem Gesamtkunstwerk einer mitteleuropäischen Lebensform manifestiert haben: ebenso anziehend in den Gestalten dieser kriegsgewinnerischen Erzherzoge wie in der Vision jenes schwertzückenden und seine Porzellanmanufaktur rekommandierenden Kaisers, der im Königlichen Schauspielhaus lernt, wie man in den Krieg zieht, bei Kempinski auftritt, um einen Kachelraum zu eröffnen, Bierhäuser im Geschmack der Walhalla träumt, Odin und Siegfried sich bei »Rheingold« soupierend vorstellt und eines Tags auf die Idee verfällt, seine Mannen auszusenden, um seinen Commis voyageurs den Weg in die Welt zu bahnen. Aus dem Chaos der Gleichzeitigkeit, aus dem Anachronismus eines Schiebertums in schimmernder Wehr, das dann wieder zur Bereinigung solchen Wirrsals giftige Gase ausströmt, ist der Weltkrieg entstanden, dessen Beginn nichts war als der letzte verzweifelte Ausbruch von Todeskandidaten und dessen Verlauf nichts anderes als die Exekutive des unumgänglichen Endes. Mochten wir, pochend auf jene »Organisation«, die als die feinste Blüte einer auf Krieg eingerichteten Geistesverfassung die völlig entleerte Seele Deutschlands seit Sedan vor der Welt beglaubigt hat, mochte, so angefeuert, unsere Käserinde von einem Staat ihr Milbenmaterial mobilisieren; mochten wir in einer der hiesigen Gemütslage ungemäßen, in ähnlicher Ekelhaftigkeit vom Ohr der Neuzeit noch nicht gehörten Tonart zwischen Berserkerwut und Börseanerlust von Sieg zu Sieg taumeln – das Ende, bis zu dem wir durchhielten, war unentrinnbar, und statt des Mutes, es durch Niederlagen zu beschleunigen, hatten wir die Dummheit, es durch Siege aufzuhalten. Das Ende davon ist ein solches Ende, daß wir nicht nur bis zum Ende, sondern noch darüber hinaus durchhalten müssen. Die Schieber hatten es uns so lange als möglich hinausgeschoben, und die Führer hatten den Kopf, den man ohnedies nicht bemerkt hätte, in den Sand gesteckt, in der Hoffnung, ihn so eher behalten zu dürfen. Aber deren Herz für die gefolterte Menschheit schlug und deren Patriotismus nicht die Hyänenhoffnung war, daß durch den Martertod von noch hunderttausend Mitbürgern sich vielleicht doch einmal die Kriegsanleihe rentieren werde – die bangten vor jedem Sieg der Zentralmächte; erbebten und erbleichten, wenn jene verhungerte Proletenstimme die trostlosen Triumphe »beida Berichtee« ausrief; grämten sich durch vier Kriegsjahre, daß Österreich nicht im Herbst 1914 die Konsequenz seiner natürlichen Untreue gezogen hatte, wenn es schon nicht der eben unzulänglich mobilisierten russischen Armee damals gelungen war, uns weiter entgegenzukommen, um uns und der Menschheit unendliches Weh zu ersparen; erschraken bei dem umgekehrten, dem verkehrten Gelingen von Gorlice und bei all dem kriegsverlängernden Zeitvertreib einer zum Niederbruch verurteilten und dennoch die Welt fortschröpfenden Glorie; frohlockten über das erste Heil an der Marne, das, was immer folgen mochte, die Entscheidung zugunsten einer schnöde überfallenen Zivilisation gesetzt hatte, eine Entscheidung, deren Gültigkeit durch diese fluchwürdigen Scheinsiege mit ihrer blutigen Realität und ihrer historischen Nichtigkeit aufgehalten, aber nicht aufgehoben werden konnte. Ich weiß nicht, ob es viele in Österreich und Deutschland gegeben hat, die so empfunden haben. Ich habe so empfunden, nie solche Empfindung verhehlt und soweit es ging, ihr öffentlich, schriftlich und mündlich, Ausdruck gegeben. Daß ich am Leben bin, ist nicht der Ruhm protegierender Henker, sondern das Verdienst des Schicksals, das jene entfesselte Mechanik des Zufalls, die uns vier Jahre durch diesen Höllenspuk gejagt hat, einmal gewendet haben muß. Ich habe so empfunden, und weit entfernt, die Vaterlandsliebe als eine pathetische Gewinstchance aufzufassen, weit entfernt von dem schuftigen Drang, den Kronenkurs, diesen und jenen, durch Heldentode befestigt zu wissen, mein Gut durch das Blut der andern, durch das weitere Leiden auch nur eines einzigen Soldaten, durch die Beschmutzung auch nur eines einzigen Landsmanns, durch die Vergeudung von Glück und Zeit des Nebenmenschen vermehrt oder vor Entwertung bewahrt zu sehen, hätte ich im Gegenteil alles geopfert, Gold für Eisen gegeben, durchgehalten, Wehrmänner benagelt, schwarzgelbe Kreuzeln gekauft, Kriegsanleihe gezeichnet und jedes nur denkbare Scherflein zur Endniederlage beigetragen, wenn ich auf diese Art auch nur einer einzigen Mutter ihren Sohn hätte erhalten können, einem einzigen Mädchen ihren Geliebten, einem einzigen Freund den Freund, und doch war alles, was ich dafür tun konnte, daß ich inbrünstige Gebete während der Schlacht für die schleunige Waffenstreckung dieses absurden Vaterlands verrichtet habe, damit das sichere, durch keinen Sieg abzuwendende Ende nicht durch den Blutverlust jeder fernern, schrecklich vorgestellten Stunde aufgehalten, erschwert, verschärft werde, damit unser Grab nicht durch weitere Luftbomben und, wenn's denn ein Geschäft sein soll, durch täglich, endlos, versenkte Bruttoregistertonnen belastet sei. Und damit der Tag näherkomme, wo diesen nichtswürdigen Generalen, Monturdepoträubern, uniformierten Schleichhändlern und befehlenden Hurentreibern endlich die Rechnung präsentiert und der vaterländische Vorwand in seiner wahren Beschaffenheit gezeigt wird, unter dem sie die besseren Menschen zum Sterben und gar zum Töten zwangen. Aber ganz abgesehen davon, daß sich mein werktätiger Patriotismus in der Sorge um die wehrlosen Soldaten betätigt hat, die für Gott-erhalte zugrunde gehen mußten, für das Lebensgeschäft von Blutspekulanten in Tod und Jammer gepeitscht wurden, für die Champagnergelage in Hauptquartieren verhungert, für die Hochzeitsausstattung von Generalstöchtern erfroren sind; ganz abgesehen von meinem durchhaltenden Staunen über die menschenmögliche Erniedrigung durch die schäbige Regiegewalt eines Kommandos und über die Tragfähigkeit einer Komparserie des Todes, die nicht schon am ersten Tag dieses ganze Schinderensemble von Stabskretins, Auditoren, Handeljuden, Regimentsärzten und allerlei Hoflieferanten von Menschenfleisch auseinandergejagt hat; ganz abgesehen davon, daß die Menschlichkeit mit dem Gedenken aller befaßt sein mußte, die an allen Fronten Europas und Asiens im Joch der Schande oder im Joch der Pflicht, sie zu bekämpfen, so Unsägliches erleiden mußten – war es mein nie verhehlter Herzenswunsch, den Krieg bald zugunsten der Feinde beendet zu sehen. Denn nicht allein die Abneigung vor der Möglichkeit, daß die ungerechte Sache über die gerechte triumphiere, daß die Verbrecher an Serbien, die Einbrecher in Belgien am Ende statt der Strafe jene Palme davontragen, die ein delirantes Herrenhausmitglied schon in der Luft baumeln gesehn hat – nein, ein tiefes Grauen vor den kulturellen Möglichkeiten, die ein Sieg der Zentralmächte, die Erhaltung der Zentralmächte eröffnen mußte: das war der Gemütszustand, in dem ich diese besoffenen Offensivzeiten, vor körperlicher Gefahr bewahrt, der geistigen preisgegeben, durchgehalten habe, ohnmächtig verzweifelnd an einer Staatlichkeit, die anstatt feierlich und rechtzeitig Selbstmord zu begehen, Glorie nimmt von der Tat eines Chemikers, durch die drei italienische Brigaden lautlos hinsinken, worauf die Durchbrecher in geraubten Weinfässern ertrinken, während Seidenwarenhändler im Nachtrab erscheinen und Filmtrupps die Schande für die nachrückenden Generationen aufheben, wonach ein christkatholischer Kaiser mit einem Erzherzog, dem man vergeben muß, weil er nicht weiß, was er nicht tut, Marschallsstäbe wechselt! Ein Entsetzen davor, daß ein Sieg solcher Geistesart zur Unterlage des Fühlens einer kommenden Welt werden könnte, der man mit »Saschafilms«, auf Schandblättern und mit jenen Dokumenten eines schmählichen Ruhmes aufwarten wollte, die in eigenen Anstalten von den vor dem Verrecken bewahrten Uniformträgern präpariert wurden; eine Furcht davor, daß die Erkenntnisse des Kriegsarchivs und die Wahrheiten des Kriegspressequartiers zur Quelle einstigen Bildungsdurstes werden könnten, daß ein eiserner Hindenburg noch nach fünfzig gemästeten Friedensjahren von solchen benagelt werde, die unter Umständen auch wieder mit Flammenwerfern zu hantieren verstehn, daß Conrad v. Hötzendorf ein Fibelheiliger, Manfred Weiß ein dramatisches Vorbild sei, auf der Ringstraße eine Viktoria erstehe, gegen deren Halbkugeln einer schlechtern Welt die Brüste unsrer Pallas Athene Gspaßlaberln sind; die Todesangst vor einer Elephantiasis jener hypertrophischen Mißkultur, die uns schon vor 1914 durch ihren Drang nach Quantität, durch ihren grundlosen Lärm, durch die bunte Qual ihrer Operetten und Plakate das Leben zum Krieg gemacht hatte; ein Schüttelfrost vor der Verdickung jener Couleur, die zuerst Berlin, dann Deutschland durch Berlin, dann Wien und schließlich Österreich durch Wien geschändet hat, vor der Ausgestaltung des Typus: Koofmich mit Hellebarde; der Abscheu vor den Explosionen von Siegern, die die denkbar schlechteste kulturelle Verdauung haben und nichts geistig schwerer vertragen als den Gewinn materieller Güter – ließ mich das Undenkbare befürchten. Aber auch das Mögliche hoffen: daß die durch Zucht wie Unzucht des Großstadtwahns verdorbene Menschenwürdigkeit von Menschen, die in Thüringen oder in den Alpen wohnen, daß ein an der Welt erkranktes deutsches Wesen, welches im Fortschritt sich selbst verlor, durch Abtreibung der Exportideale, durch politische Demütigung, durch Verarmung zu jener Tiefe zurückfinden werde, von welcher zur »Es ist erreicht«-Höhe des neudeutschen Typus etwa der Weg von Claudius zu jenen lyrischen Gestaltungen des Wolffbüros war, in denen ein selbstgenügsames Gemüt sich nach getaner Versenkung oder ausgiebiger Belegung seiner Bravheit versichert. Welcher wahrhaft Gerechte empfände nach solch täglicher Scheinheiligsprechung, die Paris und London in Festungen verwandeln mußte, um die dortigen Säuglinge bei Nacht zu ermorden, nicht das innerste Bedürfnis, den Frevel der Lüge und der Tat in Armut zu büßen? Welcher wahrhaft deutsche Mann – und stünde er, wenn's ihn nicht mehr gibt, aus der Weimarer Fürstengruft auf – müßte nicht, und litte er darob Hunger und Kälte, vom Sieg der andern befriedigt sein? Und wer, der die Erde des Wienerwalds liebt, würde nicht, und sehnte er sich durch den finstersten Winter nach einem Frühlingstag in Hainbach, alle Lerchen beim Untergang Österreichs jubeln hören? Wäre all der Jammer, den wir nun durchhalten müssen, weil wir so verblendet waren, schon vier Jahre vorher durchzuhalten, nicht so winzig im Vergleich zu den unvorstellbaren Leiden der Millionen Märtyrer in den Schützengräben, der Zehntausende, die kein Licht haben, weil sie erblinden mußten, und die kein Feuer mehr haben, weil sie erfroren sind, so geringfügig auch im Vergleich zu den nie vorgestellten Leiden der Bevölkerung des von uns gemarterten Serbien und des von unseren Bundesbrüdern gefolterten Belgien; wäre das Los, ein paar Wochen in einer kalten und finsteren Wohnung zu sitzen, nicht so gleichgültig im Vergleich zu den sibirischen Wintern unserer Verwandten und Freunde, zu der jahrelangen Haushaltung in Kellern, die unsere Feinde dem Besuch deutscher Bomben vorzogen; wäre es selbst keine Phrase, den Siegern den Plan der »Brandschatzung« durch einen Gewaltfrieden vorzuwerfen, da sie ja doch nur die zivilrechtliche Sühne für eine reale Brandstiftung bedeutet; wäre es selbst nicht Christenpflicht, getrost allen Mangel an Feuer, Licht und Gas hinzunehmen für die Wirtschaft von vier Jahren, wo wir wahrlich zu viel hatten an Gas, Feuer und Flammen – selbst wenn das Nachspiel unverdient hart jene Unschuldigen träfe, die doch schuldig sind der Duldung der härtern Ungebühr, der größeren Schmach durch die vaterländischen Gewalten: selbst dann, und wenn die tyrannischen Allüren des Siegers nicht offensichtlich nur das deutsche Vorbild treffen, uns wie der Alpenkönig dem Rappelkopf die Fratze des Menschheitshasses im Spiegel zeigen wollten, selbst dann müßte der Sucher ursprünglicher Werte, der Freund der deutschen Sprache, der den verlorenen Menschenlaut in diesem Gebrause von Donnerhall und Betrieb bejaht, bekennen: So soll es sein, damit zwar die Welt nicht am deutschen Wesen, aber dieses endlich selbst genese! Und damit sein Genius der Welt wieder mehr zu bieten habe als ein Gift, das ihre Gasmasken illusorisch macht! Die Kunst sich zu freuen, die ein Schmock der Nibelungentreue zum Durchhalten in großer Zeit empfohlen hatte, jetzt ist sie brauchbar, wo die große Zeit beginnen könnte, jetzt wo Not auch den Wucherer beten lehrt, und den Pfaffen dazu, der keinen Anlaß mehr hat, für das Walten von Minen und Mörsern den Segen des Himmels herabzuflehen. So elend können wir durch die Niederlage gar nicht werden, daß wir nicht reich entschädigt würden durch die Niederlage! Der Gewinn dieses Umschwungs ist so über alle Vorstellung ungeheuer, daß er mit den kleinen Maßen des Bewußtseins gar nicht zu bestätigen ist und eben darum vor dem Gefühl der unmittelbaren Verluste verschwindet. Welches äußern und innern Zuwachses sind wir nicht versichert durch den Zusammenbruch jener Vampirgewalt, die das Denken und Handeln der Generationen von Kindheit an besessen und den Müttern bei der Geburt des Sohns zum Schmerz die Furcht gefügt hatte! Die Todesangst durch ein Leben im Staatsgehorsam, die Bedingtheit in allem und jedem durch eine Macht, die uns eher als Gott über die Schwelle des Unerforschlichen weisen konnte, sichtbar und riechbar in den Spukgestalten eines Musterungslokals, in diesem Fiebertraum von Brutalität, Schmutz und Zufall, die viehische Möglichkeit einer Fleischbeschau an Menschen, die Musik im Sinn haben, für einen ihnen fremden und verhaßten Zweck – ein Menschheitsfaktum, das allein schon hinreichte, die Geschöpfe aller andern Sterne zur kosmischen Ächtung dieser Sklavenerde zu bestimmen –, die Infamie an Gott und Menschheit, die so ein Fahneneid bedeutet, die Pflicht: Ehre, Ansehen und Alter von einem Feldwebel besudeln zu lassen, und die noch grausigere Schmach, daß solche Exekutive des vaterländischen Willens durch die Darbietung eines Guldens paralysiert werden kann, die Bestimmung des Menschen, »abgerichtet« zu werden für irgendeinen dunkeln, seinem Einfluß völlig entrückten Plan, wenn nämlich Staatskretins, die er doch bezahlt, Krieg beschließen sollten, und nicht nur sterben zu müssen für solchen Unfug, nein mehr, habt acht stehn, rechts schaun zu müssen, so und so schreiten zu müssen, salutieren zu müssen, wenn ein durch und durch grußunwürdiger Bube vorbeigeht – nein, wer nicht plötzlich wie ich gewahr wird, daß diese ganze irrsinnsgejagte Gesellschaft die Hand an die Stirn führt, um einander auf den Zustand aufmerksam zu machen, der hat nie wie ich gespürt, was für eine Zeit das war, und der spürt nicht, was ihr Ende bedeutet!

Ich war gewiß nicht einer Gesinnung verdächtig, die in einer Friedenswelt den Wert autoritativer Turnübungen für die zuchtlose Mittelmäßigkeit grundsätzlich unterschätzt hätte, wiewohl ich den Staat nur dann als Zuchtmeister anerkannt habe, wenn die tiefe Kniebeuge nicht ihm gilt, sondern den Weg für die erwartete Persönlichkeit frei macht. Ich bekenne mich jedoch fanatisch jedes scheinbaren Widerspruchs schuldig, der aus dem sichtbaren Widerspruch gegen die Natur folgt, in den sich die Autorität am 1. August 1914 begeben hat. An diesem Tage habe ich, wenn man's so verstehen will, weil man die tiefere Konsequenz nicht begreift, umgelernt – doch wahrlich nicht für diesen Tag und niemals seit diesem Tage! In einer Welt, die ich von dunklen Gewalten an den Abgrund geführt sah, konnte, ehe sie hineinstürzte, der Wunsch, daß »der Säbel recht habe vor der Feder, die sich sträubt«, Geltung bewahren. Als aber der Säbel der Feder gehorchte, war er verruchter als sie selbst! Der Kopfsturz des konservativen Gedankens in ein Chaos, in dem er nur als der grausige Büttel einer ihm todfeindlichen Weltansicht walten konnte, ist mein beispielloses Erlebnis an dieser Zeit. Zur Rettung des innern Gutes, das sein Wächter nie gehütet und nun so schmählich verraten hat, bleibt nichts übrig, als die völlige Vernichtung aller autoritären Hülle, die längst nichts anderes war und in der Betriebszeit nichts anderes sein kann als der Unterschlupf aller Sünde wider den heiligen Geist. Die Gleichzeitigkeit von Thronen und Telephonen hat zu Gelbkreuzgranaten geführt, um die Throne zu erhalten. Sie müssen weg, um das technische Leben wieder dem Leben dienstbar zu machen. Die Alternative: Republik oder Monarchie wird nicht mehr vom politischen Geschmack, sondern vom unbeirrbaren Zeitwillen zugunsten jener entschieden und hat längst aufgehört, ein Problem zu sein. In Epochen, deren ungeistiger Drang auf die Unterstellung des Lebenszwecks unter das Lebensmittel gerichtet ist, zehrt die Monarchie innen und außen vom Leben, sie streckt alle Symbole einer übermateriellen Welt dem Geschäft vor und wir verarmen eben darum am Notwendigen, noch ehe Kriege als die ultima ratio des zeitverirrten Scheins es zu Rande bringen. Da durch die Monarchie, die den Geist irgendwo bejahen muß und also am falschen Punkte setzt, das Selbstverständliche zum Problem wird, so kann ihre Möglichkeit kein Problem mehr und muß ihre Unmöglichkeit selbstverständlich sein. Ihr Geist war zu Ornamenten abgezogen, die das Geschäft beleben sollten und Blut gekostet haben, mehr Blut, als er selbst in Zeiten wert war, da er einen Inhalt bedeutet hat. Was fange ich mit einem Monarchen an? Er ist mir nur, ich spür's in meinem Schreibzimmer, der höchste Vorgesetzte meines Kohlenmanns, aber er setzt mir ihn nicht in Gang. Präsident der Republik kann meinetwegen dieser selbst sein wer immer: 's wird eher Kohle geben. In der Republik, die den Staat als den Konsumverein bejaht, wo sich das Essen von selbst versteht und nicht jene Gnade bedeutet, für die man mit Ehrfurcht dankt, also mit einem Gegenwert, den man nur Gott und dem Geist schuldet, in der Republik sind die Menschen so schlecht und so dumm, wie sie sind, aber von keiner Schranke gehindert, den Zustand zu heben. Die monarchische Macht muß, um zu bestehen, die Menschen dümmer und schlechter machen, als sie sind. Sie zehrt den inneren Vorrat auf, um uns den äußern zu geben, nimmt den äußern, und anstatt daß wir durch die Bestellung des Lebens leichter zu uns selbst gelangten, finden wir zuletzt in uns nichts vor und nichts mehr außerhalb. Und daß, wo nichts ist, auch der Kaiser das Recht verloren hat, diese Erkenntnis ist schließlich der wahre Gewinn aus dem Zustand, und der heißt dann Republik. Vor allem Denken stand das hindernde Bewußtsein, daß es Kaiser gibt, aber die leere Seele und der leere Herd zeugten für das angestammte Übel. Mangel ist der Ehrfurcht hinderlich, die den Überfluß nicht zuließ. Wir müssen wieder Gott, wir dürfen nicht mehr dem Staat für die Dinge danken, zu deren Beschaffung er da ist und von uns bezahlt wird. Die Gotteslästerung der Idee, daß der Mensch für den Staat da sei, hat ein Ende mit Schrecken gefunden. Wehe dem Bäcker, der für unser tägliches Brot, das wohl Gottes Gnade, aber seine Pflicht ist, als Majestät verehrt sein will! An der Überschätzung dieser Dinge sind sie uns ausgegangen. Ein zu großer Teil der Menschheit hat sich als den Vorgesetzten des Rests aufgespielt und davon gelebt, sich zwischen uns und unsere Notdurft zu stellen, anstatt sie uns zu verrichten. Wenn wir in diesem Punkt klar zu sehen beginnen, werden wir uns nach den fleischlosen Töpfen der Monarchie nicht zurücksehnen und uns dadurch allein eine bessere Zukunft sichern, daß wir uns die meisten Beamten und alle Offiziere ersparen. Das, unheimliche Symbol des Zauberlehrlings, der den Besen zum Herrn über sich selbst gesetzt hat und einer Sintflut nicht mehr wehren kann, ist als Warnung vor einem Leben gestanden, welchem die Behelfe den Zweck verdorben haben; im Erlebnis büßt es die Sünde einer Zeit, aus der der alte Meister sich doch einmal wegbegeben hat. Dies gilt von dem Fluch, den der Zauberbesen der Technik über uns gebracht hat, es gilt aber auch für das System, das die animalischen Instrumente, die Mittler und Händler, in die Weihe einer Lebensverfügung eingesetzt hat. Herr, die Not ist groß! Die wir riefen, die Geister, müssen wir radikal und ein für allemal los werden, wenn anders die Katastrophe dieses Kriegs nicht auch die Zukunft uns ersäufen soll. Das Lehrgeld des Zauberlehrlings müssen wir bezahlen. Und das Wesen unseres besondern Chaos ist, daß wir er und der Stock zugleich waren und jeder von uns in beiden Gestalten, als Verwirrer und Verwirrter, das Unheil mehrten. Was die Beamten anlangt, die in diesem glücklich ersoffenen Haus Österreich den Anspruch erhoben, daß die Eigenschaft der Dummheit allein schon gottähnlich mache, und die sich als die unmittelbaren Stellvertreter jener Macht fühlten, durch welche die Welt tatsächlich erst da war, nachdem der Schöpfungsakt erledigt war, was diese perfekten Hüter einer naturwidrigen Ordnung betrifft, so wird es gewiß schwer genug fallen, sie – in die Ecke, Besen! Besen! Seid's gewesen – zu Dienern unserer Notdurft zurückzubilden. Den Offizieren, die der bunte Vorwand waren, um uns diese abzugewöhnen, bleibt nichts übrig, als zu der Verlustliste der Menschheit mit dem Opfer ihres Berufs beizusteuern, dessen eigentliche Tragödie es ist, überflüssig zu werden, anstatt es längst gewesen zu sein. Der Katzenjammer beim Anblick von Farben, die einen so peinlichen Kontrast zur greulichen Erinnerung und zur düstern Gegenwart bilden, hat keine Tendenz gegen solche, die aus dem redlich mitgetragenen Sklavenelend dieser Jahre heil zurückgekehrt sind. Wenn sie sich jetzt von ihm betroffen fühlen, so mögen sie eine Schwäche büßen, die sie den Konflikt zwischen einem vorzeitlichen Begriff von militärischer Ehre und den Anforderungen eines durch und durch ehrlosen Handwerks neuzeitlicher Kriegführung oder der willenlosen Duldung täglich durchschauter Schmach nicht eher austragen ließ. Niemandem fällt es ein, den Sklaven einer verfluchten Pflicht und Teilhabern einer sinnlosen Gefahr zu grollen, wenn die Zeit, die das nackte Leben retten möchte, gegen die Reize einer Uniform glücklich abgestumpft ist. Die ermüdende Albernheit des Einspruchs, man dürfe »nicht generalisieren«, die zudringlichen Proteste von hohen militärischen Seiten, die es nicht mehr gibt, wiewohl sie wahrhaftig keines Heldentods verblichen sind, die tägliche Mobilmachung einer so gründlich abgerüsteten Berufsehre beruht auf dem Anspruch, dem Hinterland noch heute imponieren und es über die Verteilung von Lorbeer und Lasten dieses Kriegs betrügen zu dürfen. Wenn »generalisieren« – dieses einzige Fremdwort, das den Weltkrieg nicht zu überleben verdient hat und das im Munde aller Minister für Landesverteidigung und Landespreisgebung doch nicht zu Tode malträtiert worden ist – etwa so viel wie stehlen heißt, sich auf Staatskosten Villen einrichten, mehr Wäsche beziehen als im Frieden, den Krieg auch im Hinterland als eine Gelegenheit für Beute auffassen, oder für Umsetzung der Macht in sonstige Werte, das Alphabet der Menschheit nach A-, B- und C-Befunden buchstabieren, zwischen denen Spielraum für Gefälligkeit oder Grausamkeit bleibt je nachdem, frontentfernte Blutsverwandte haben, für ein Kilo Filz dann und wann auch einen Fremden vorn Heldentod entheben, Nierenkranke verhöhnen und zur Kur ins Stahlbad schicken, mit Sterbenden Salutierübungen vornehmen lassen, Fasane fressen, wenn der gemeine Mann heut Salvator'sches Dörrgemüse mit Würmern hat, Champagner trinken, wenn er Abspülwasser bekommt, Soldaten anbinden und Berichterstattern die Ehrenbezeigung leisten, für den Ganghofer ein Gefecht veranstalten, bei dem sechzehn von den Eigenen durch zurückfliegende Geschützböden getroffen werden, von der Schalek sich über das Ausputzen von Schützengräben informieren lassen, Advokaturskonzipienten mit Todesurteilen beauftragen, angeblich erst Vierzehnjährige durch eine Untersuchung der Zähne galgenreif machen, von allen Menschenrechten nur noch das auf Entlausung anerkennen, die Schöpfung in Menschenmaterial und sonstiges Material einteilen, aus Sibirien heimkehrende Wracks monatelang hinter Stacheldraht beobachten, um sie dann erst einrückend zu machen, beim Bridgespiel Vorstöße anordnen, auf der Flucht einen fehlenden Uniformknopf beanstanden und der Ordnung halber einem Kranken ein Zeltblatt von der Tragbahre wegnehmen, weil's ins eigene Auto regnet, statt der Mannschaft sein Klavier in Sicherheit bringen, und hinterdrein das alles ableugnen – wenn etwa dies und das und noch etwas generalisieren heißt, so bin ich allerdings auch der Ansicht, daß man nicht generalisieren darf. Aber es sind ja nur Einzelfälle und man darf nicht generalisieren. Überdies haben wir von zuständiger Stelle, nämlich vom gewesenen Armeeoberkommando gehört, daß das Generalisieren auch unfehlbar alle jene trifft, »die ihre Pflichterfüllung mit dem Tode besiegelt haben oder als Krüppel weiter durchs Leben wandern müssen«, ein Los, das bekanntlich den Angehörigen des gewesenen Armeeoberkommandos und seiner Filialen erspart geblieben ist. Es war aber, da ja die Ressorts eben getrennt und Kompetenzstreitigkeiten tunlichst zu vermeiden sind, immer die Lebensaufgabe jener, die in den letzten Jahren in Baden zur Nachkur geweilt haben – die wohltätigen schwefelhaltigen Quellen sind für Rheumatiker so indiziert wie die Teschener Milchkur –, auf das beispielgebende Verhalten jener hinzuweisen, die in der gleichen Zeit gesund genug waren, sich an Sturmangriffen zu beteiligen. Wenn sie dabei zufällig gestorben sind oder schon bei der Generalprobe von der eigenen Handgranate – die eben nur aus Kriegsmaterial hergestellt war – zerrissen wurden, so darf man nicht vergessen, daß Krieg Krieg ist und daß man nicht generalisieren darf. Oder eben nur, um in Bausch und Bogen auf die vorbildliche Ordenswürdigkeit der in der Stabsmenage Hinterbliebenen hinzuweisen. Auch ist zu bedenken, daß zwar die Lebensmittel, die im Krieg ausgehen, jenen, die ihn führen, nur dort erreichbar sind, wo sie nicht so leicht in Feindeshand geraten können, wo es aber oft strapaziöse Telephongespräche kostet, um die Aufopferung der eigenen Regimenter durchzusetzen. Die Toten, die mit ihren Schadenersatzansprüchen von einem Vaterland, das auch nicht mehr lebt, auf die Fibel verwiesen werden, haben es besser. Fraglich bleibt nur, ob beim Generalisieren sich die Krüppel mit größerer Genugtuung an die Generale erinnern werden oder an jene, die deren Tätigkeit wenigstens zu einer Zeit charakterisiert haben, als der Säbel, aus dem Dienst der schlechten Feder entlassen, der guten nichts mehr zu verbieten hatte. Die Voranschickung der Toten und Krüppel in den Kampf um die Ehre, das einzige, was bekanntlich dem Berufsoffizier geblieben ist, entspricht einer alten militärischen Tradition jener Kreise, bei denen selbst diese Gabe nur in verschwindenden Mengen vorkommen dürfte, so daß eine Requisition, etwa für den Zweck der Wiederaufrichtung des Berufs, nur ein schwaches Ergebnis zeitigen würde. Wenn wir vollends hören, daß die Verteidigung »denselben liebenswürdigen, bescheidenen, dienstesfrohen und anspruchslosen Offizieren« gilt, »auf die wir Osterreicher immer so stolz gewesen waren«, weil sie »Blut von unserem Blute, Geist von unserem Geiste« sind, so müssen wir geradezu die Bitte aussprechen, nicht zu generalisieren. Besonders, was das Blut, und auch was den Geist anbelangt. Denn in solchen Momenten, wo wir uns vom Geist der Sirk-Ecke umwittert fühlen, stellt sich unfehlbar das tödliche Wort »Mullatschak« ein, welches denn auch der deutschösterreichische General, dieser von einem neuen Geist berufene Boog, pünktlich zur Entschuldigung jener harmlosen Spielart ins Treffen führt, die halt aus Feschaks besteht, die Fülle der österreichischen Dialekte um den liebenswürdigsten Jargon bereichert hat, der jeden Satz mit »Weißt« beginnt, und, man kann's ihr nicht verübeln, Krieg ist Krieg, manchmal über die Stränge geschlagen hat, die halt in zwölftausend Fällen Galgenstränge waren. Weißt, daß ich in einer Sphäre, in der diese Klasse zwar nicht mehr über unser Blut gebietet, aber noch Miene zu machen scheint, unsern Geist von ihrem sein zu lassen, nicht allzulange aushalten werde. Aber ich muß, da ich ja nicht in der Lage bin, auf meinem Rückzug mich durch Preisgebung meines Menschenmaterials und unter Mitnahme von anderm beweglichen Gut in Sicherheit zu bringen, bis zur Heimkehr in eine lichtere Heimat auf meinem Posten bleiben und versuchen, einer widerstrebenden Gegenwart die Grundbegriffe verlorener Menschenwürde beizubringen und nebstbei die Grundregeln verlorenen logischen Denkens. In dieser Diskussion ist es dann wohl unvermeidlich, zu erraten, daß Generalisieren nicht so sehr Schlechtigkeiten begehen als jene Tätigkeit bedeuten dürfte, die in der Verallgemeinerung der darauf abzielenden Vorwürfe besteht. Und da ist denn zu sagen, daß der Protest der Getroffenen, der in seiner eintönigen Schwindelmanier sowohl der Verallgemeinerung wie der Anführung konkreter Tatsachen entgegnet, selbst jener Methode gegenüber vergebens mit dem Tonfall der Entrüstung spekuliert. Zur Rechtfertigung derer, die da generalisieren, sage ich geradezu, daß sie die Wirkung ihrer Anklage durch die Beschränkung auf konkrete Tatsachen eher abschwächen würden, weil just diese es den unehrlichen Verteidigern möglich macht, darauf hinzuweisen, daß es in jeder großen Organisation sogenannte Elemente gibt. Zum Glück bleibt die Vorführung von Tatsachen, wie sie von der sozialdemokratischen Publizistik geübt wird, nie ohne verallgemeinernde Perspektive, und eben dieser ist mit der Berufung auf die Elemente, die es überall gibt, denn Menschen Menschen san mr alle, in diesem Falle nicht beizukommen. Denn es kommt gar sehr auf die Lebensbedingungen des Berufskreises an und auf die Atmosphäre, in der sich die Elemente ausleben können, und es gibt eben Offizien, die es erheischen, ja zur höchsten Ehre machen, daß wir alle Unmenschen sind. Die Atmosphäre, in der man für Medaillen »eingegeben« wird, ist ja nicht immer die Luft eines Büros, sondern manchmal wirklich der Blutdunstkreis und je mechanischer just hier das Verdienst gedeiht, um so besser wächst es der Seele, die keine Hemmungen kennt. »Verbrechernaturen«, räumt jener Boog ein, können wohl im Felde ihr Unwesen getrieben haben, aber man dürfe nicht generalisieren. Ist dem so, so muß man. Denn es ist wohl für das Feld charakteristischer, als für jeden andern Betätigungskreis, daß es das Feld der Verbrechernaturen ist, und wenn wir lesen, daß ein General vor der Piave-Offensive den Befehl erteilt hat: »Wenn eine Patrone fehlt, kannibalisch strafen!«, »Mit kräftigem Hurra! ungestüm auf Gegner stürzen; ihm noch auf kurze Distanz eines unter die Nase brennen, dann sofort mit dem Bajonett in die Rippen!«, »Ungetreue rücksichtslos niederbrennen!«, »Gewehr bleibt trotz Handgranate und MG. stets bester Freund der Infanterie«, »Offiziere müssen da hart sein und letzte Kräfte herausfordern!« – so ist es wohl klar, daß sich hier den Verbrechernaturen eine bessere Aussicht auf Erfolge eröffnet als etwa den Künstlernaturen, und man würde die Intentionen dieses Generals sehr durchkreuzen, wenn man Bedenken tragen wollte, bezüglich ihrer Wirkung zu generalisieren. Wir haben von fachmännischer Seite den Aufschluß erhalten, daß das österreichische Offizierskorps »erstklassig« gewesen sei, ein Lob, das sonst nur dem ihnen anvertrauten Menschenmaterial oder dem ihnen vertrauten Ensemble des »Gartenbau«-Varietés gespendet wird. Andere Berufskreise wählen andere Ornamente ihrer Leistungsfähigkeit. Aber sie unterscheiden sich von dem Offiziersberuf auch darin, daß man ihnen durch ein Generalisieren der Verfehlungen einzelner Angehöriger tatsächlich unrecht täte. Selbst den Bankbeamten, deren Tätigkeit doch gewiß der Versuchung von Requirierungen fremden Eigentums ausgesetzt ist, würde man nahetreten, wollte man ihren Beruf nach den Verbrechernaturen beurteilen, die unter ihnen nicht nur wie überall vorkommen, sondern die auch die Gelegenheit auf ihre Rechnung kommen läßt. Denn der Dieb findet sich zwar zum Geld, aber es besteht zwischen beiden Kräften nicht der kausale Zusammenhang, der zwischen dem Blut und dem Mörder waltet, und die Anziehung, dort nur von der Gelegenheit, wird hier vom Wesen bewirkt. Auch hat man wohl noch von keinem Generaldirektor gehört, der seinen Angestellten knapp vor der Generalversammlung in einem Merkzettel zum Stehlen Mut gemacht hätte, auch wenn er sich selbst in dem Fach gut auskennen sollte. In dem andern Beruf jedoch, dessen Angehörige vor einer Offensive wehrlos auch noch der Ermunterung zum Morden ausgesetzt sind, soll es vorgekommen sein, daß Triebe, deren ausgiebige Befriedigung ja sogar Ehre, Ruhm und Auszeichnung verheißt, vor der Gelegenheit, die die eigene Umgebung bot, nicht haltgemacht und zu Taten geführt haben, die zwar kein Verdienstkreuz, aber doch auch nicht die Unzufriedenheit des Vorgesetzten geerntet haben mögen. Es müssen nicht einmal Verbrechernaturen, also Elemente gewesen sein, sondern ganz harmlose Feschaks, die an der Sirk-Ecke keiner Prostituierten ein Haar krümmen können: welche den Umstand, daß ein alter serbischer Bauer von der Drina Wasser holte, Krieg ist Krieg, nicht vorübergehen lassen konnten, ohne die Gefechtspause auszufüllen, oder welche einen Zugsführer, der zurückging, um Munition zu holen, in der immer gerechtfertigten Vermutung, es handle sich um einen »p. u.« oder gar einen »p. v.« – fällt kein Meteor vom angewiderten Himmel, um diese Abkürzer der Sprache und des Lebens zu strafen? – alstern kurzerhand »abgeschossen« haben. Zur Ehre der Berufsoffiziere sei aber gesagt, daß einrückend gemachte Spießbürger, deren Harmlosigkeit im Frieden höchstens die Greuel einer Faschingsnacht des Wiener Männergesangvereins zuzutrauen waren, sich plötzlich in keiner andern Gemütsverfassung befunden haben. Also: wenn eine Wirksamkeit jene, die sie von Grund aus verabscheuen, zum Generalisieren berechtigt, so war es die der Individuen, die sich aus ihrer subalternen Lage ohne Übergang zu einer Machtfülle gelangt sahen, vor der einer Dschingis-Chan Lampenfieber gehabt hätte oder irgendein verantwortlicher Gewalthaber vorzeitlicher Kriege doch etwas Herzklopfen. Die völlige Unverantwortlichkeit des heutigen Kriegsteilnehmers, der vom Gefühl der mobilisierten Quantität nicht zermalmt, sondern entfesselt ist, erklärt diese anonyme Grausamkeit, welcher die Hemmung der Phantasie längst von der Mechanik aus dem Weg geräumt war, ehe sie zur Waffe griff, und von der sich das Gewissen der Heimgekehrten wieder so schnell zu Schlaf und Tagwerk erholt, wie es sich aus der Banalität ihrer Vergangenheit in den Weltkrieg gefunden hat. Wäre ich Offizier, ich würde mich, wenn ich meinen Seelenfrieden heimgerettet hätte, keineswegs auf die Ehre dieser Abenteuer versteifen, sondern schweigend ihren Opfern an die Seite treten. Nie würde ich durch einen Vergleich mit anderen Berufen, die auch ihre Schädlinge haben, die Problematik des Berufs und die Zweideutigkeit einer Denkweise entblößen, die nach den Exzessen dieser Schandzeit überhaupt noch die Geltung eines Berufs, wenn nicht gar die unveränderte Vorzugsstellung im Staatsleben beansprucht. Da muß denn ein für allemal klargestellt werden, daß zwar jeder, der da mitgetan hat, ob er nun von Berufswegen oder durch »Tauglichkeit« dazu verpflichtet war, zwar das Mitgefühl als Objekt der Gefahr, aber nicht die Bewunderung als Subjekt der Tat, zwar den mildernden Umstand des Zwangs, aber keinesfalls eine Erhöhung der Ehre ansprechen kann. Dagegen kommt wieder bei jenem, der den Krieg nicht als eine Unterbrechung, sondern als eine Probe seines Berufs durchlebt hat (die häufig genug bloß eine Etappe auf seinem Lebensweg war), das professionelle Moment als erschwerend in Betracht. Daß selbst bei gleich verteilten Kriegslasten eher dem Zivilisten als dem Berufsmilitär eine bevorzugte Stellung im friedlichen Leben gebührt, hätte sich schon vor dem Krieg von selbst verstehen sollen. Wenn es überhaupt noch Professionskrieger geben sollte, müßte solches nach dem Krieg noch evidenter sein. Und nicht etwa deshalb, weil nach übereinstimmenden Aussagen die Männer der Tat den Löwenanteil an den militärischen Erfolgen in Bahnhofkommanden, Maschinenhallen, Hühnerzuchtanstalten und Nudelfabriken erringen durften, während die Fabrikanten, Ingenieure, Landwirte und Lehrer sich in aussichtsloseren, wenn auch besser eingesehenen Stellungen bescheiden mußten. Es hat keinen Sinn, über den Verteilungsmodus der Gefahren nachträglich zu richten, weil man sich plötzlich einer unkontrollierbaren Statistik von überlebender militärischer Seite gegenüberbefindet und weil ja der Selbsterhaltungstrieb vor einem Vaterland, dessen Bestand keinen Schuß Pulver wert war, gewiß nicht zu verdammen ist. Es wird mehr Drückeberger ohne diese Erkenntnis, patriotische Feiglinge, gegeben haben, die sich und dem Staat ein langes Leben wünschten; aber gewiß noch mehr solche, die sich für den Glauben an eine schlechte Sache geopfert haben und denen keine geringere Ehre gebührt als den Blutzeugen der Idee. Auch der Märtyrertod eines einzigen Menschen – und im ersten Rausch dieser Orgie haben gewiß auch zahllose Berufsoffiziere daran glauben müssen – ist eine so ehrfurchtgebietende Tatsache, daß jede Kritik dieser Verhältnisse fast zum Standpunkt jenes hohen Militärs führt, der bei einer Inspizierung recht zufrieden war und nur bemängeln mußte, daß »zu wenig Herren gefallen« seien, oder gar zur idealen Forderung des rigoroseren Pflanzer-Baltin: »Ich werde schon meinen Leuten das Sterben lehren«. Also nicht die schlampige Verteilung von Glorie und Gefahr auf militärische und zivile Kämpfer ist es, was zu einer Revision sozialer Vorrechte führen müßte. Vielmehr war schon vor dem Krieg und in Erwartung einer gerechtern Rationierung der Kriegslast die gesellschaftliche Bevorzugung des Offiziers eine plane Dummheit, gleichsam eine stehengebliebene Schildwache der Ehre aus der Zeit, die noch nicht die Wohltat der allgemeinen Wehrpflicht gekannt hat und darum den Mann, der einmal fürs Vaterland in den Tod gehen sollte, bei Lebzeiten zu entschädigen bestrebt war. Nicht weil er jetzt fürs Vaterland in die Kanzlei gegangen ist, sondern weil doch die Vermutung besteht, daß alle in den Tod gehen müssen, hätten eher jene einen Anspruch auf Begünstigung, die mit geringerer handwerklicher Ausbildung und ohne Zweifel auch mit geringerem Interesse an diese Aufgabe herantreten. Die Zeit jedoch, die nur fortschreitet wie eine Paralyse, hat das Überbleibsel aus der Vorzeit der Berufskriege so weit ausgebaut, daß sie auf Kriegsdauer allen um ein Stück Ehre mehr verlieh, angesichts der allgemeinen Uniformierung alle Menschen einander zu grüßen zwang und ein Schauspiel aufführte, das zur Verstärkung des klinischen Bildes wesentlich beitrug. Zur Erholung ist es dringend angezeigt, daß in Hinkunft überhaupt nicht mehr salutiert wird. Wir wollen diese von einer imbezillen Geistesverfassung und einer niedrigen Erotik genährte Autorität mit allen Wurzeln ausgerottet haben; sie mag Köchinnen faszinieren, ab-er die Staatsmänner seien vor ihr bewahrt; sie soll uns nicht mehr die Plätze im Leben und auf der Eisenbahn annektieren und dafür Tod und Plage überlassen. Sie ist selbst jenen, die sie noch nicht erkannt hatten und in diesen Kriegszeiten nur psychisch erfahren haben, durch ihre überhebliche Unerheblichkeit schwer auf die Nerven gefallen, in den vielen Gelegenheiten, wo sie diese Qualität nicht in der Kampfleitung zu bewähren hatte. Gibt es denn einen Wirkungskreis, der nicht schmutziger geworden wäre in diesen vier Jahren, da der Militarismus seinen Rüssel darin stecken hatte, ein Volksgut, das nicht ärmer geworden wäre seit dem Tag, da er seine Pranke darauf gelegt hat? Gibt es ein österreichisches Wirrsal, das nicht bunter wäre durch die unberufene Einmengung der Montur? Und wenn wir dem Unvermeidlichen nur auf den wahren Passionswegen begegnet sind, die zur Beschaffung eines Passes führten, um seiner Kompetenz zu entfliehn, etwa als einem jener grauslichen Kriegsüberwacher, die doch gar nicht wußten, wie das aussah, was sie zu überwachen hatten, und die uns mit ihm gestohlen werden konnten, oder dann als einem jener größenwahnsinnigen Grenzschutzoffiziere, die die Spione durch die blödesten Fragen langweilten und um derentwillen allein diese Grenzen es verdient hätten preisgegeben zu werden – wir, die so glücklich waren, nicht dem Krieg ins Gesicht sehen zu müssen, wußten doch genug von ihm, da wir diesen Oberleutnants ins Gesicht sehen mußten! Die Berufung auf den liebenswürdigen und bescheidenen Standesgenossen, dessen Eigenschaften auch vom feindlichen Ausland anerkannt worden seien, »im Gegensatz zu den Offizierskorps anderer Länder« – also mit deutlicher Abrückung der einen Schulter von der andern – dürfte wenig zur Korrektur der im Krieg gewonnenen Eindrücke, des einzigen was für uns im Krieg gewonnen wurde, beitragen. Der preußische Offizier mag von der Außenwelt mit Fug als ein Monstrum bestaunt worden sein und von dieser Verblüffung der beweglichere österreichische Kamerad profitiert haben, schon deshalb weil ihn der Feind nicht so häufig zu Gesicht bekam. Im Lande selbst hat jener nur die Schnauze seiner Volksart, die schon militärtauglich geboren ist, während dieser durch eine dem allgemeinen Charakter ungemäße Löwenhaut Aufsehen und Ärgernis erregt, so daß er in seiner Umgebung weit preußischer wirkt als der Preuße. Darum hat er sich jetzt auch über die Äußerungen einer Antipathie zu beklagen, die dem andern in solchem Maße erspart bleibe, und über einen Mangel an heimatlicher Wärme, die dem nördlichen Kameraden vielleicht zuteil wird. Darum muß er sich gegen das Generalisieren zur Wehr setzen. Mir san ja eh die reinen Lamperln, das ist jetzt die tägliche Tonart der Wölfe, die damit freilich auf die heimische Gemütsverfassung Eindruck machen könnten. Werden sie der anonymen Grausamkeit beschuldigt, so berufen sie sich auf die Gefallenen; werden sie des anonymen Griffs in das vom Vaterland beschlagnahmte Gut beschuldigt, so wollen sie nur Wohltätigkeitsaktionen geleitet und höchstens noch dem »isolierten Gagisten«, der sich nicht anders zu helfen wußte, mit etwas Wäsche ausgeholfen haben, da die andern ja eh an der Front bedient wurden. Wie sie an der Front bedient wurden, davon könnte viel Ungeziefer berichten, wenn es nicht Bedenken trüge, mit der Presse in Verbindung zu treten; und der isolierte Gagist ist offenbar der Erzherzog Max, dessen Wäschekammer von unserem Mangel komplettiert wurde. Die Technik dieser Rechtfertigungen besteht im Alibi eines überführten Diebs, der beweisen kann, daß er ein anderes Mal nicht gestohlen hat, und in der Beteuerung, daß man nicht generalisieren darf. Kein anderer Beruf war je in die Zwangslage versetzt, durch solche Argumente und durch solche Fürbitte sich ein Ehrenzeugnis verschaffen zu müssen. Wenn die Berufsoffiziere Postbeamte oder Versicherungsagenten sein werden, so wird man ihrem Stande bitteres Unrecht tun, indem man ihm die Verfehlungen einzelner anrechnet. Auch fünfzig verbrecherische Postler unter hundert würden nichts gegen die Institution beweisen. Aber zehn Soldatenschinder unter hundert Offizieren beweisen sehr viel gegen die Institution, deren Wesen die unwiderrufliche Macht ist und das Verhängnis des Zufalls, der uns gerade der Ausnahme untertan macht und also einen Professor zwingt, sich von seinem Schulbuben ohrfeigen zu lassen. Die inappellable Möglichkeit, daß ein Kulturmensch unter einem von jenen zehn dienen muß, macht den Militarismus zur Infamie, selbst wenn er nicht eo ipso eher der Nährboden für die Existenz solcher wäre als der andern; macht einen Beruf verhaßt, dem sich die rechtschaffensten Leute verschrieben haben können. Sie leben gewiß in der Sklaverei und nicht in der Position der Sklavenhalter. Welche Tätigkeit zwänge unter den Einwirkungen eines demoralisierenden Ehrbegriffs so den Menschen in die Wahl, Hammer oder Amboß, Knecht oder Kanaille zu sein? Von allen Brandmalen der Zeit wohl das deutlichste ist die Verzerrung der militärischen Ehre, deren fortwirkendes Dekorum in einer veränderten Kriegshandlung, welche statt Söldner Sklaven der Wehrpflicht, statt Helden Märtyrer beschäftigt, selbst das Blutgeschäft korrumpiert hat.

Aber zweifellos auch das intellektuelle Niveau seiner Verteidiger herabgesetzt. Denn die Entrüstung, die diese Debatte täglich fortspinnt und mit gräßlicher Monotonie die aus dem Zusammenbruch der Armee gerettete Ehre, den einzigen Besitz des Standes, zum Standesmonopol macht, erkennt nicht einmal, wie sie den verallgemeinernden Tadel mit gewiß geringerem Recht durch ein verallgemeinerndes Lob ersetzt. Hat ein Stabsoffizier zufällig recht, von sich zu behaupten, daß er sich um das Wohl seiner Leute gekümmert habe, so ruft er »die Mannschaft« zum Zeugen dafür auf, daß sich »die Stabsoffiziere« um ihr Wohl, das Wohl der Mannschaft gekümmert hätten. Die Mannschaft war aber offenbar auch schon während des Krieges Zeuge für den Heldenmut, mit dem »das Offizierskorps einen vierjährigen beispiellosen Kampf gegen die Übermacht einer Welt«, also gegen die Mannschaft aller Ententestaaten, »bestanden hat«. Und solch ein ehrlich erregter und für seine eigene Schuldlosigkeit glaubwürdiger Verteidiger der Standesehre merkt nicht, daß sie, selbst preisgegeben, besser dastände als unter dem Schutz der verächtlichsten Zeitung Deutsch-Osterreichs, jener, deren Wesensart der ursprüngliche Sinn militärischer Tapferkeit ferner liegt als einem Erzengel das Börsenspiel. Ist es ein Zufall, daß heute gerade so etwas hinterher ist, die Offiziersehre zu apportieren? Die armen Kriegshunde, diese gütigsten Opfer des Militarismus, für die kein Kläger auftritt, hätten, weiß Gott, keinen Grund dazu! Da es aber doch eine Zeitung ist, die sich der Pflicht, amtliche Feststellungen über die Militärjustiz zu veröffentlichen, auch durch den kleinsten Druck nicht ganz entziehen kann, so erfahren wir auf der zweiten Seite: daß die Stabsoffiziere sich »für das Wohl und die möglichste Schonung der Mannschaft«, für die »Pflege eines innigeren, herzlicheren Kontaktes mit derselben«, für die »tunlichste Herabminderung der persönlichen Gefahr« – der Untergebenen – aufgeopfert haben, und auf der siebenten Seite: daß ein Generalstabshauptmann zwölf Unschuldige, davon zehn in zehn Tagen, sechs an einem Tag, hat erschießen oder aufhängen lassen. Dieser mag so wenig ein Typus sein wie jener; aber jener sollte diesen zum Schweigen bringen. Hier entscheidet die Zahl nicht; ein Mörder der Mannschaft wiegt hundert ihrer Freunde auf und zehn machen einen Beruf zu schanden, den die Menschheit nicht vermissen wird, wenn seine anständigen Vertreter auf ihn verzichten, weil sie seine Pflicht und ihre Ehre wenigstens hinterdrein als inkompatibel empfinden müssen. Mein Tadel generalisiert nicht, denn ich lasse Ausnahmen zu, deren ich manche zu genau kenne, um von ihrer unzerstörbaren Vornehmheit nicht den Entschluß zu erwarten, nach den Offenbarungen dieses Kriegs über ihren Beruf den Flammenwerfer als Waffe so sehr zu verabscheuen wie den Säbel als Ornament. Sie wissen, daß die Anklagen nicht sie treffen können und daß erst jene Verteidiger generalisierend wirken, die unter dem Vorwand oder in der naiven Meinung, es gehe gegen alle, sich schützend vor die Schuldigen stellen. Sie wissen aber auch jetzt, daß diese weit mehr geeignet sind, den beruflichen Anforderungen im neuen Krieg, der beruflichen Ehre gerecht zu werden als sie selbst, die Tüchtigen und Ehrenhaften. Sollten sie nicht wissen, daß eine Spezialehre, die solches Geklapper einer Verteidigung nötig hat, nicht für sie, sondern für jene restauriert wird, die da spüren, daß es ihnen an den Goldkragen geht? Man unterlasse den Versuch, einen Offiziersehrenrat als Instanz über dem Weltgericht zu etablieren. Man verzichte auf das Bemühen, einen Korpsgeist, den wir in unserm Jammer auch noch entbehren möchten, gegen den aus keinem Bewußtsein verlierbaren Kontrast aufzuwiegeln: zwischen dem Leben in der Offiziersmenage, wo es als Abendmenu einen »Sautanz« gibt oder ein Festmahl mit achtzehn Gängen, darunter: »Handgranaten«, und dem brotlosen Beruf der Mannschaft, die darüber beruhigt wird, daß Insektenmaden »die Bekömmlichkeit von Dörrgemüse nur insoweit beeinträchtigen, als sie ekelerregend sind«, und daß man ja an ganz anderen Dingen stirbt. Und zwischen dem Soldaten, der erschossen wird, weil er getrunken hat, und dem Leutnant, der Zimmerarrest bekommt, weil er eine Kellnerin, die keinen Wein bringt, erschossen hat. Wir haben genug von diesen Räuschen und lehnen die Nüchternen ab, die nicht von der Kameradschaft angewidert in einem weniger ehrenträchtigen Beruf Vergessen suchen, sondern uns weiter mit seinen Zieraten ködern, die uns auch ohne solche Mahnung unvergeßlich sind. Der Rhythmus dieser Empörung, der, wenn ich ihn auch zehnmal in all seiner Dürftigkeit nachgebildet habe, dem Schreibenden nacheilt und täglich noch, wie alle unbesiegbare Banalität, dem satirischen Echo seine drei Motive versetzt: »generalisieren«, »Blut von Eurem Blute, Geist von Eurem Geiste« und »das Einzige, was sie besitzen, die Ehre« – er möchte unsere Wehrlosigkeit verewigen, und so bleibt nichts als die Hoffnung, daß solchen, die sich am fremden Opfer befriedigt und bereichert, sich selbst für die Auszeichnung und uns für die Verelendung eingegeben haben, in einem staatlichen Gerichtsverfahren nachgewiesen wird, daß das einzige, was sie nach diesem Krieg nicht besitzen, die Ehre ist. Und nicht nur vermöge ihrer persönlich bewährten Defekte, sondern weil dieser unermeßliche Blutverlust seinen letzten Sinn verloren hätte, wenn die Menschheit nicht endlich ad notam nähme: Eine Debatte über Ehre kann es überhaupt nicht geben, wo es sich um Erfüllung oder Nichterfüllung der Pflichten innerhalb einer Tätigkeit handelt, welche von Natur, vor Gott und allem Zweck der Menschheit die ehrloseste ist! Jene aber, die es nicht nötig haben, von den Schuldigen verteidigt zu werden, müssen erkennen, daß keine Standesfrage, sondern das Problem des Standes zur Erörterung steht. Sie erkennen die Verwandtschaft mit dem einzigen Beruf, der außer dem militärischen mit Recht generalisierenden Vorwürfen ausgesetzt ist, gleich diesem wesentlich dazu inkliniert, weil er gleich ihm aus den Quellen der Unverantwortlichkeit und der Anonymität seine entsetzliche Befähigung schöpft: mit dem der Journalisten – mit ihm auch in solcher Anlage verknüpft zu dem furchtbaren Bunde, dessen Walten die Welt zwischen Blut und Tinte so verwechseln gelehrt hat, daß beide Kräfte als Ursache und Wirkung zugleich erschienen. Wahrlich, es ist so, als ob die Phrase von beiden Substanzen flüssig wäre und nicht minder das Verbrechen, und als wäre, könnten wir uns da und dort noch entziehen, die Verschlingung doch das Übel, das Macht hat über uns. Das sind so die Lebensbedingungen im Totenreich. Es mußte jenem General, der das Armeeoberkommando nach der Auflösung der Armee übernommen hat, jenem gespenstischen Köveß, ein seltsames Abenteuer zustoßen: er brach durch eine Zeitungsspalte vor und rief: »Indessen« – nämlich bis der Beweis der Unrichtigkeit aller Anklagen erbracht sei, was gewiß sehr viel Zeit erfordert – »wirkt der Giftstoff, den die Ehrabschneider ausspritzen«. Er hatte aber trotz dieser Häufung artilleristischer Methoden schon vergessen, daß Krieg Krieg war, bis er in der benachbarten Spalte von der Entdeckung eines Sprengstofflagers in der Leopoldstadt überrascht wurde, in welchem zweihundert intakte Gasbomben gefunden wurden, ein Vorrat, den man in diesen notigen Zeiten in solcher Fülle nicht mehr vermutet hätte. Dort habe sich nämlich eine »Gasschule« – denn so etwas gab's wirklich – befunden, in der Offiziere und Mannschaften im Gasangriff und in der Gasabwehr unterrichtet wurden, also die heranwachsende Generation, die berufen war, dereinst im Zeichen des Grünkreuzes und des Gelbkreuzes zu siegen. Das Bildungsbedürfnis der Jugend habe jedoch nur bis zum Waffenstillstand vorgehalten, dann aber hätten Offiziere und Mannschaften die Gasschule geschwänzt und die dort eingelagerten Lehrmittel sich selbst und der Bevölkerung des Bezirkes überlassen, die nun durch die geringste Berührung, wenn etwa Kettenhändler ein Lebensmitteldepot vermutet hätten, in die Lage versetzt worden wäre, die Vorbedingung einer siegreichen Offensive mitzumachen, und dies ohne jede fachliche Ausbildung. Ja, nach sachverständiger Schätzung wäre sogar auch der Heldentod der angrenzenden Stadtteile verbürgt gewesen. Da kann man wirklich nur sagen, daß indessen, nämlich bis der Beweis der Unrichtigkeit aller Anklagen gegen den Militarismus erbracht ist, der Giftstoff fortwirkt, den die Gekränkten ausspritzen, und fragen, ob es berechtigter sei, nach Abschluß des Waffenstillstandes die bisher verschonte Festung Wien mit Gasbomben zu belegen oder ein Gewerbe zu hassen, dessen Inhaber Wert darauf legen, an der anonymen Mitwirkung bei solcher Glorie und an deren Fortwirkung beteiligt zu sein. Der Oberkommandant dieser Möglichkeit, die eine Stadtbevölkerung mit dem Grauen überfällt, das sie bis dahin nur in Zeitungstiteln zur Not erlebt hatte, der Unterrichtsminister einer im Stich gelassenen Gasschule wagt sich ans Tageslicht und spricht vom Giftstoffe der Ehrenbeleidigung. An den Kontrasten, nicht an den Dingen sollten wir zugrundegehen. Die Invaliden dieses Kriegs brauchen sich nicht gegen die Anschuldigung zur Wehr zu setzen, daß sie mehr als sechs Kreuzer täglich vom Vaterland genommen haben; aber den Leuten, die dafür, daß sie ihren Namen unter dem Generalstabsbericht lesen konnten, eine Felddienstzulage bezogen hatten, ist nichts geblieben als ein empfindliches Ehrgefühl. Die Polizei verbietet, daß man im Theaterfoyer eine Zigarette anzünde, und läßt die Stifter der hundertfachen Ringtheaterbrände laufen. Doch zur Ehrenrettung rückt selbst hier das Kriegsministerium aus. Auch wenn alle zweihundert Gasgeschosse explodierten, sei »die Gaswirkung nur lokal«, also mit dem Erfolg bei Tolmein nicht zu vergleichen; »unversperrt« seien »nur desadjustierte und unbrauchbare Reizhandgranaten« gelegen, also jene, deren Reiz sich sonst kaum ein lebendes Wesen, mit Ausnahme etwa der Generalstäbler, entziehen kann. Auch hätten die Lehrkräfte die Anstalt nicht verlassen, sondern »den Befehl gehabt«, auf ihren Posten zu verbleiben, »was auch tatsächlich durchgeführt erscheint«, da sie »bei der von der Gemeinde Wien am 12. d. stattgefundenen Kommission anwesend waren«. Ob sie auch bei der Entdeckung und bis dahin anwesend waren, läßt die vom Kriegsministerium stattgefundene Untersuchung dahingestellt. Es war aber immer die Weihe dieser munter fortfließenden Blutarbeit, daß gute Reden in einem Deutsch, das nur sich selbst gefiel, sie begleiteten, und so werden die Angriffe des Gegners noch heute mühelos abgewiesen. Die Kanzlei des Mordes arbeitet weiter und ist jetzt mit Alibis für Täter, Komplizen und Mitwisser überhäuft. Die unbegrabenen Leichen, die auf jedem der vielen Stützpunkte ihrer Ehrsucht liegen, stören ihren Schlaf nicht; die Todesopfer der Heimfahrt, die von der Menschenfracht in den Tunnels abfielen, machen sie nicht verstummen. So komme wenigstens das Blut der Kinder über sie, die in einer Stadt, welche Kinder und Handgranaten unbeaufsichtigt läßt, vom mitgebrachten Spielzeug zerfetzt werden! Wäre ich General und läse diese verspäteten Kriegsberichte, ich ginge an die nachgelassene Front der Soldatenspiele und stürbe den Heldentod von eigener Hand. Wäre ich General, ich wollte den Schafhirten nicht überleben, den aus einem vorüberfahrenden Heimkehrerzug die letzte Kugel dieses Krieges traf. Gibt es nicht mehr genug Phantasie, Strafen zu erfinden, wenn Taten aller Kombinationskraft der Träume gespottet haben? So exzentrisch in allen Einfällen ist dieses gigantische Schicksal, und seine Autoren und Parasiten sollten in die bürgerliche Norm einkehren dürfen, und wenn wir eben eine Speise zum Mund führen mögen, dürfte der Kellner uns zuflüstern: »Wissen S' wer der Herr daneben war? Das war der Teisinger!« Nein, ich will ihnen allen in einem Musterungslokal begegnen, nackt müßten diese Satane ihrem Höllenobersten vorgeführt werden und wenn ein zweifelnder Regimentsarzt einen nierenkranken Heerführer pardonnieren wollte, müßte jener mit einem Witz, den der Oberteufel nur im Kriegsministerium gehört haben kann, rufen: Tauglich! Und hätten sie selbst nicht Millionen widerstrebender Seelen, hätten sie einen, nur einen hinfälligen Körper in diese Qual verdammt, hätte ihre Jurisprudenz nicht zehntausend, nein nur einen Galgen beschäftigt, hätte ihre Medizin nur einen Verwundeten zurechtgeflickt für neue Wunden, und wäre in diesem Krieg kein anderes Wort gesprochen worden als das jenes Generalarztes, der zuckenden Soldaten das Trommelfeuer empfohlen hat – sie alle, der fürchterliche Wasenmeister frontverdächtiger Menschen, vor dessen Namen alle Leibeigenschaft dieses Hinterlands erbebte, und hinter ihm der ganze Troß von Menschenschlächtern und Markthelfern aller Fächer und Grade müßten antreten, und hätten nichts weiter zu gewärtigen als die Herzensangst der einen Stunde, in der eine nackte Seele oder ein zitternder Leib ihre schäbige Grausamkeit befriedigt hat, und dann einrückend gemacht werden in die Hölle!

Weil aber selbst dort auf Zimmerreinheit gesehen wird und demnach schon die Anwesenheit von Männern der Wissenschaft auf Bedenken stieße, indem eigentlich nur fachlich befugte Massenmörder hingehören und nicht Individuen, die sich aus Selbsterhaltungstrieb zur Mitwirkung gedrängt haben, so könnte vollends den Zeitungsherausgebern, die von der Schlachtbank Pauschalien bezogen, höchstens der Abort der Hölle aufgetan sein. Desgleichen natürlich den Kriegslyrikern, die nach den Flügelschlägen des Doppelaars skandierten und sich vom Motiv eines Minenvolltreffers, eines russischen Sumpftodes oder auch nur eines Gurgelbisses anregen ließen und nun in derselben Anstalt, in der sie eben noch an Habsburgs Herrlichkeit geschafft haben, mit derselben Bereitwilligkeit schon die Dokumente der Österreichischen Galgenjustiz bearbeiten. Auch den Jugendbildnern, die durch einen den außerordentlichen Verhältnissen angepaßten Unterricht die Kinder auf den Tod durch herumliegende Handgranaten vorbereitet hatten, würde leider keine andere Gelegenheit zum Nachdenken über der Zeiten Wandel offen stehen, und sie ist hoffentlich geräumig genug, um sie alle zu fassen, die dem Gedanken gelebt haben, daß es schön ist, andere fürs Vaterland sterben zu sehen. Dieser allseits rekommandierte Heldentod, der nur manchmal in sonst unverständlichen amtlichen Kundmachungen als die höchst zulässige Strafe für Hinterlandsvergehungen deklariert wurde, während die Kriegsanleihe nie als schlechtes Geschäft eingestanden erschien, hat nach dem Hingang eines Vaterlands, dem wir nicht nachtrauern, an Tragik gewonnen, und so belebend der Verlust dieses Staats eintrat, er hat den Schmerz unserer Erinnerung zur Qual gesteigert. Denn der Heldentod war ein Betrug jener, die ihn gefordert, vorbereitet, herbeigeführt oder gepriesen haben. In den Tod betrogen werden – das war das ausgesuchte Schicksal solcher, die an Österreich geglaubt oder sich gegen Österreich nicht gewehrt hatten. Kann ein Staat ein grauenvolleres Andenken hinterlassen als das Gefühl derer, die heute wissen, für welchen Haufen von Unrat sie ihre Liebsten verloren haben? Kein Mittel gibt es, diese Verzweiflung zu beschwichtigen, und es hilft weniger, von ihr zu schweigen als von ihr zu sprechen. Sie und nicht die Not allein wirkt an der Unruhe dieses Übergangs. Ein Massenselbstmord der Schuldigen könnte ihn erleichtern. Daß sie mit jenen, die sie beraubt und beschmutzt haben, über die reine Schwelle wollen, schafft dies Gedränge, das die neue Macht allein nicht bändigen kann. Nicht die Autorität der Scham und keine andere weist sie aus dem Leben. Denn die Charakterluft dieser Bevölkerung, deren vertretende Typen mit Recht sich gegen Generalisierung wehren, weil hier alles auf Vereinzelung hinausläuft und selbst die tragische Quantität nur als die Häufung einzelner Trauerfälle empfunden wird, läßt keinen Zusammenschluß zu, nach jenem, den die Befehlsgewalt zum Mord vermocht hatte. Dem durchdringendsten Wehruf wird es nicht gelingen, das Ensemble der Sühne aufzustellen. Die Unfähigkeit zur Konsequenz, die völlige Negation auch jener letzten Menschlichkeit, die eine Untat verantworten könnte, ein Bewußtsein, das höchstens zu dem Geständnis reicht, daß es ein anderer getan hat – wenn nicht die Zeit ein Wunder vermag, in dieser Wüste des Empfindens grünt keine Hoffnung! Ist es nicht ein Sinnbild dieses Exitus, daß in einer Zeitungsspalte – unter dem Titel »Eine berechtigte Klage« und nicht als Bitte an den Kosmos um ein Erdbeben – mitgeteilt wird, daß hierzulande die Kriegsblinden gefrozzelt werden, und daneben von der Großmut der Kohlennot berichtet wird, die gestattet hat, die Operettentheater zu eröffnen, damit die Konsortien zur Verwertung Schubertscher Unsterblichkeit nicht im Geschäft behindert seien. Die Schande geht am Tage bloß und drängt sich nach Kaffeehausschluß an jener Ecke der Kärtnerstraße zu einem sinnlosen Rudel von Böcken, die nichts hienieden zu tun haben, als sich durch gegenseitiges Anstarren zu vergewissern, daß sie alle da sind. Das Schulter an Schulter unseligsten Andenkens hat sich in der Sitte verewigt, Arm in Arm zu sechsen das Trottoir abzusperren und durch eine Fröhlichkeit, die der siegreichen Welt zur Revanche eine Haxen ausreißen will, über die wahren Sachverhalte hinwegzutäuschen. Das jubelt, nicht weil es Österreich nicht mehr gibt, sondern wiewohl es Österreich nicht mehr gibt, und ist eben darum verächtlich. Das Straßenbild dieser Menschheit ist nicht der Eindruck, der zur Versöhnung mit der Vergangenheit beitragen könnte: der Reue, in diesem Staat und in dieser Zeit geboren zu sein. Vielmehr setzt es bloß die Serie der Kriegsbilder fort und bietet noch immer den Anblick des gruseligen Hinterlands, das den Tod an der Front vom Hörensagen kennt und nur als die Gelegenheit erlebt, daß sich alle untereinander auswuchern können und alle zugleich bettelarm und steinreich wären, wenn es nicht doch schließlich einem Haufen von bessern Schiebern gelänge, stolz und mit dem Zahnstocher im Maul durch ein Krückenspalier von Bettlern und Helden hindurchzuschreiten. Unverändert bleibt sie die Stadt der Individualitäten, die durch nichts als durch die Taten ihres Selbsterhaltungstriebes den Anspruch auf ihr Dasein, ihr Dabeisein und ihr Bemerktwerden erbringen. Diese wesenlose Konsistenz ist der Nährboden einer Gerüchthaftigkeit, deren Bazillen mit Händen zu greifen sind und die hier den eigentlichen Ersatz für die Verantwortung bildet. Die Anonymität alles Geschehens hat hier die Kraft einer Beglaubigung, die der Persönlichkeit unerreichbar wäre. Die Verbindung mit den Kriegsgreueln, die den Krieg übertroffen haben, wird durch diese Lebensart leicht hergestellt. Das sonst unfaßbare Maß der militärischen Willkür wurde von einem Triebe aufgefüllt, der die eigene Freiheit nur darin erlebt, daß er die Freiheit des andern zum Spielball seiner Schadenslust, seiner Ranküne, seines Betätigungsdranges macht. Wie die reichsdeutsche Bevölkerung aus Pflicht zum Belogenwerden dem Krieg nachgeholfen hat, so die unsrige aus Hetz. Was sich einer nur dann vorstellen kann, wenn es ihm selbst geschieht, und was er nicht will, daß ihm geschehe, das fügte er dem andern zu. Alle Mächte gefahrloser Anonymität waren in einer Zeit aufgeboten, deren Element die Gefahr war. Anonym war alles an dieser vierjährigen Schand- und Standjustiz, deren Deliriumswitz den Heldentod zugleich als Glorie und Strafe genehmigt, anonym wie die Waffe, die nichts ist als der maschinelle Ersatz für Mut und die maschinelle Vermehrung der Leiden, war das Mittel, um auch den Untauglichen in die Gelegenheit zu einem Bauchschuß, zu einer Erblindung, zum Tod für dieses unnennbare Vaterland zu bringen. Es brauchte bloß einer sich hinzusetzen und über einen, der seinen Gruß nicht erwidert, seine Bitte um Geld nicht erfüllt oder tatsächlich seine Ansicht über die sogenannten Katzelmacher oder über den U-Boot-Krieg nicht geteilt hatte, im Namen des Vaterlands, nicht im eigenen Namen, eine Zuschrift an die Kriegsüberwacher zu richten. Frauen, die die Machtbüberei nicht in die Front verdammen konnte, gab sie gern einen Reisepaß, um ihnen den blödsinnigen Tort der »Kontumaz« anzutun, und in der Schweiz unterhielt sie ein Elitekorps von Kellnern und Konsuln, die für die Mitteilung über verdächtige Bewegungen österreichischer Staatsangehöriger, wie etwa Englisch sprechen, nach dem Einlauf entlohnt wurden. Jeder, der nicht im Krieg war, war ein Kriegsüberwacher, ob er dazu in einem Amt saß oder bloß eine Meinung hatte, die er anonym zu Papier brachte. Das Schwelgen in der Kriegsmaterie war so echt, daß der heutige Überdruß nicht das Format der reuigen Erkenntnis, sondern nur die Gebärde jenes Abwechslungsbedürfnisses hat, dem es zu fad geworden ist. Was fängt man mit dem angebrochenen Krieg an? Revolution. Auf der Szene dieser tragischen Operette stand ein Reigen, der im Vollbewußtsein seiner Unverantwortlichkeit die Russen und die Serben in Scherben hauend oder schon in Venedig einziehend, »wo die Gipsstatuen und Bilder sein«, sich vom höchsten Unwürdenträger zum letzten Extraausgabenrufer schlingt, vom Zeitungsbesitzer zur Soubrette, die dem Publikum mitteilt, daß soeben 40 000 Feinde am Drahtverhau verblutet sind. Es schlingt sich weiter. Larven und Lemuren einstiger Mehlspeisgesichter erkennen sich und markieren ein Leben, dem die Plakate, die keine Spielverderber sind, durch einen Veitstanz aufhelfen. Und dennoch hat er nicht die überredende Macht dieses einen sinnenden Antlitzes, das mit der Frage »Bist du's, lachendes Glück?« alle Pforten einer Welt aufriegelt, in der Hunger, Grippe und Geld keine Rolle spielen; es ist Meister Lehars ... Antinikotin siegt noch immer, und es ist gut so, weil es darin hors concours ist. Ganz wie's denn auch eintraf, fliegen in der Luft Russenlebern und Serbenohren herum und sonstige Bestandteile der Entente, während sich einer von den Unsrigen, von den Eigenen, von den Braven, hopsdoderoh, freut, weil ihm so etwas, dös is gscheit, erspart geblieben ist. Was da scheinbar an die Wand gedrückt ist, freut sich seines und unseres Daseins und ist springlebendig wie eh und je. Aber auch die schweigenden Gestalten haben eine Eindringlichkeit, der man sich nicht so leicht entzieht. Jenseits allen merkantilen Zwecks leben sie um ihrer selbst willen und locken den Passanten nicht an die Ware, sondern zu sich selbst. Es behielt sie nicht; wer durchhielt, hat sie nicht verloren und der Heimkehrer findet sie wieder. In den Alpen sind Leichenberge entstanden, aber das Ponem jenes Elementargeists, der sich »Homunculus« nennt, ist noch da und überschattet mit nachdenklichen Wimpern die Melancholie der Zeit. Und zu denken, daß man, von der Außenwelt abgesperrt, unter dem Blick des Lysoformjüngels leben und sterben wird! Es entschädigt. Kaiser und Könige haben ihre Zugkraft eingebüßt, aber jener, gigantischer denn je, schmunzelt heute im Bewußtsein seiner Unentbehrlichkeit. Konträr, jetzt präsentiert er sich erst wie das letzte Reichskleinod. Hat das nicht alles, in seiner unqualifizierbaren Modernität, irgendwie zu Habsburg gehört? Nichts derlei ist verschwunden. Nyari Jozsi geigt es einer leibhaftigen Gräfin ins Ohr und Macho – haben Sie schon Macho gehört? – steht in riesenhafter Einsamkeit, umgeben von Szegediner Hieroglyphen und neudeutschen Farbenwundern und sagt nichts als: »Waren Sie schon im K. W. K.?« Aber das bedeutet nicht mehr das; denn das gibts nicht mehr. Das A. O. K. gibts auch nicht mehr; es bedeutet aber auch nichts anderes. Die Schrecken, die unendlich schienen und in den abgekürzten Namen dieser Blut- und Wucherzentralen noch allen Ekel der Zeit draufgaben, sind nicht mehr. Abgekürzt bis zur Anonymität waren uns das Leben und der Tod, und der letzte Mann, bis auf den gekämpft wurde, sitzt im KM. und nennt es jetzt StAFHW. Anonym war alles und selbst die führenden Persönlichkeiten waren anonym. Der Generalstabschef war nur sein Stellvertreter, der Stellvertreter des Generalstabschefs, der den Bericht signierte, las am Abend in der Zeitung, daß an der Front nix Neues sei, und unbeteiligt wie nur Gott an diesem Grauen waren die Heerführer, die durch vier Jahre, Mann für Mann, ihr Konterfei in einem Theaterrevolverblatt an der Stelle vorführen ließen, wo im Frieden die Fritzi-Spritzi anläßlich ihres Sprungs vom Brettl auf die Bretter von Ödenburg abgebildet war. Anonym ist dieser Höchstkommandierende durch die Blutzeit gestapft, mit dessen Namen der Schauder einer organisierten Lynchjustiz verknüpft bleibt und die Vorstellung einer Unersättlichkeit der Gewalt, neben welcher der Nero als der erste Missionär des Christentums erscheint. Und doch blickt uns und bleckt uns ein Lulatsch an, der bei einem Hoch auf den obersten Kriegsherrn nicht bis drei zählen konnte und wenn ihm das Malheur geschah, daß das dritte Hoch auf der nächsten Seite des vorgelesenen Toastes stand, umblättern mußte, um es darzubringen. Wie sollte er bis zu jenen 11 400 Galgen zählen können, die in seinem Namen errichtet waren? Wie ein zum Greis gepäppelter Säugling, der zu Taten gekommen ist und weiß nicht wie, lächelt er und weiß nur von Milch, nicht von Blut. Wird die Stille seiner Mordzentrale von vollbusigen Skandalen unterbrochen, die einen in der Weltgeschichte einzigen Zusammenhang zwischen der pragmatischen Sanktion und den Pschüttkarikaturen offenbaren, so stutzt man, führt auch dies auf einen infantilen Gusto zurück und denkt, daß für diese Komplikation zwischen dem Sterben der Menschheit und dem öffentlichen Privatleben ihres Befehlshabers wieder nur eine Umgebung verantwortlich ist, die nicht rechtzeitig die Erinnerung verhinderte, wie viel Grazie die Guillotine beseitigt hat und daß einmal ein König war, der wegen einer Lola Montez unmöglich wurde. In unserer Monarchie war die Weltgeschichte nicht einmal ein Exekutionsgericht, denn ein solches hat sich an die von dicker Freundschaft behüteten, an der strafgesetzlichen Ehrfurcht beteiligten Monstren nicht gewagt, Statthaltereiräte unterhandelten über die Abfindungssummen und erwirkten nur durch den Hinweis auf Polizeischub eine Ermäßigung, und Revolution bedeutet hier, daß im Gerichtssaal unappetitliche Briefe erörtert werden können und deren beneidete Besitzerin das Wertobjekt in journalistischer Obhut gesichert weiß. Und im Hintergrund der Aktion diese kriegerische Erscheinung, vor deren Tatenruhm Napoleon als der erste Defaitist erscheint. Darin wahlverwandt und verbündet mit jenem Barbarenkaiser, dem wahren Imperator der geistigen Knödelzeit, der keine Quantität unberührt lassen konnte und dazu seinen eigenen Schenkel klatschend schlug und sein grölendes Wolfslachen ertönen ließ – so lachte der Fenriswolf, als die Welt in Flammen aufging. Zwischen assyrischen Backsteinen und Generalstabskarten, zwischen aller Halbwissenschaft, die das stundenlang stehende Gefolge peinigte, immer wieder mit obszönen Scherzen um Formen kreisend. Sich weidend an der Verlegenheit, wenn er, auf der Jagd oder beim offiziellsten Anlaß, durch einen Schlag auf den Rücken, durch einen Tritt ins Bein, durch eine Frage nach seinem Sexualgeschmack den Partner überrascht hatte. Mit Ferdinand von Bulgarien entzweit, dem es in die Nase gestiegen war, daß er ihn einst ganz wo andershin gekneipt hatte. Das waren die Blutgebieter. Der eine im Format dem öden Sinn dieses Weltmords gewachsen, verantwortlich für die Tat; der andere mit ahnungslosem Behagen in der Wanne eines Blutmeers plätschernd. So verschieden beide, dennoch Busenfreunde, sich begegnend in einer Kennerschaft, zum Austausch feinschmeckerischer Wahrnehmungen, wenn's die Formen der Germania und der Austria betraf, in einem Seufzer über den Wandel der Zeiten. Wohl, nie dürfte man an dem lebendigen Leib, und wenn ihn ein Königskleid umschließt, Wünsche und Irrungen der Nerven darstellen. Sie sind Privatmenschlichkeit, solange das beteiligte Bewußtsein nicht erloschen ist, und gehören nur den Memoiren, um den Umfang der Persönlichkeit zu zeigen, wie Napoleons Zeitvertreib, der sie nicht entwertet und nicht die Zeit. Hier aber tritt es, wie es leibt und lebt, aus der Kriegsgarderobe gleich in die kulturhistorische Erscheinung, weist auf die Quantität der Zeit, in Freuden und Leiden; und hier war das Miterlebnis der selbstherrliche Mangel an Hemmung und Würde, der das Übel protokolliert, der das Bewußtsein, von solchem Minus regiert zu sein, zur stündlich empfundenen Qual macht und das Wissen um die niedrigste Lebensart, die an höchster Stelle sich auslebend der leidenden Menschheit spottet, zur Mitschuld. Maitressen und Hausmeisterinnen konnten sich über den intimsten Einfluß unterhalten, wenn die wehrlose Mannheit sich ans Ende aller Lebenslust zerren ließ, geweihte Bündnisse reiner Herzen blutig zerrissen wurden und Unschuldige in der letzten Stunde vor dem Galgen nach einem Gnadenblick bangten. Das alles haben wir gewußt. Es war anonym, der Täter unschuldig wie die Opfer. »Sehn S', sagt dieser Schlachtenlenker einmal, »jetzt is in Serbien gut gangen. Wissen S', ich hab halt dem Kövesch g'sagt, Sie Kövesch, hab ich ihm g'sagt, des dürfen S' net so machen wie der Potiorek. Schön langsam, schön langsam, nix überstürzen. Sehn S', er hat meine Pläne befolgt – und nacher is' gangen.« Einem ist ein Angehöriger im Feld gestorben; jener fletscht die Zähne und fragt: »Ihr Bruder is g'fallen?« »Jawohl, kaiserliche Hoheit.« »Das is a Pech.« Oh, er hat selbst einmal Soldaten fallen gesehn, einen nach dem andern, im Kino des Hauptquartiers, neben Ferdinand von Bulgarien. Kein Laut im Saal. Nur eine Stimme in der ersten Reihe nach jedem der zwanzig Bilder, die Mörserwirkungen vorführen: »– Bumsti!« Gleich darauf erschienen Rektor, Dekan und Prodekan aus Wien und machten ihn zum Ehrendoktor der Philosophie. Bumsti! So animalisch empfindet sich der Krieg selten. »Sacrebleu!« aus dem Munde eines romanischen Strategen würde doch der Bravour des Apparats gelten. Menschenleiber fallen: Bumsti! der da spürt das Ergebnis. So nehmen wir andern das kinodramatische Ende Österreichs entgegen. Bumsti! ... Sollte es nicht nach der Quantität dieser Kriegshandlung, im dimensionalen Geschmack ihres führenden Geistes, im Sinne dieser ganzen Gefühlsmechanik unseres Lebens und Sterbens, der Titel des großen tragischen Karnevals sein? Dieser schwarzen Messe, die ein gedunsenes Gespenst zelebriert hat? Bumsti! – das war der einzige Lebenslaut aus einem Munde, welchem Dokumente des Generalstabs den Wunsch zusprechen, daß bald auch das ganze Hinterland in Blut ersaufe. Man hatte ihm erzählt, daß die Tschechen Hochverräter seien, und nun schrieb eine fleischige Geisterhand an den Kaiser. Es floß Blut in Katarakten und es sollte noch mehr Blut fließen, weil diese Menschen gar nicht lebten. »Was sagen S', Österreich is hin?« »Jawohl, kaiserliche Hoheit.« »Das is a Pech.« Dann zwinkert er freundlich durch den Zwicker und weiß nicht, wie ihm geschieht; erwartet ein Zwickerl, dort wo die Mördergrübchen sind. Zeig ihm die Uhr der Ewigkeit – es hilft nicht, er wird sie in den Mund nehmen. Schöne Gschichte diese Weltgeschichte. Zwischen einem Blutsäugling und einem Lemur bestand eine unterirdische Verbindung und anonym war alles. Es gelang nicht immer, denn es gibt Tage, wo auch die Lemuren a Ruah haben wollen, es war ja auch so sehr schön und hat uns sehr gefreut. Wo ohnedies kein Leben ist, da kann man halt nix machen. Es war doch alles unwirklich, Österreich das Weiland seiner kaiserlichen Hoheit.

Ein Lebenszeichen gibt jener Soldatenvater Erzherzog Josef, der Gatte der lästigen Soldatenmatrone Augusta, welcher »sein Bestes eingesetzt hat«, nämlich Maschinengewehre in den Rücken seiner halbtoten Mannschaft, um sie halt zum Halten unhaltbarer Stellungen zu bewegen, seiner Soldaten, denen er selbst das Zeugnis ausstellt, daß viele unter ihnen schließlich »aus vollster Erschöpfung Selbstmord begingen«. Der tatenreiche Boroevic, eine Kapazität im Aufopferungsfache, rühmt es ihm nach. »Es mangelt ihm keineswegs an Energie. Wenn er als ein Mitglied der a. h. Dynastie das Odium auf sich nimmt, Truppen durch Maschinengewehrfeuer am Weichen zu verhindern ... so glaube ich, daß es nicht an ihm liegt, wenn Teile des Korps versagen.« Nicht das Mitglied der aha-Dynastie war also Schuld an dem Rückzug, sondern das Korps, und diese Aussage eines hervorragenden Sachverständigen für Menschenmaterial hat es jenem ermöglicht, bis zum Endsieg Soldatenvater zu bleiben, also auf einem Posten auszuharren, den er nicht durch den Gebrauch, sondern nur durch die Wirkungslosigkeit der Maschinengewehre verloren hätte. In der Aufzählung der mildernden Umstände für das Verhalten der Truppe, deren geringer »Kampfwert« immer offenkundiger wurde, hat der Fachmann einen lapidaren Satz, den die Klio in ihr Gedenkbuch kriegslustiger Staaten eintragen dürfte: »Die vorgekommenen Erfrierungen Schlafender erzeugen Furcht vor dem Einschlafen«. Denn ohne Lagerfeuer, ohne Stroh, in kahlen Gräbern sind die Schützlinge des Soldatenvaters gelegen, ehe er sich entschloß, ihnen durch Maschinengewehrfeuer ein wenig einzuheizen, nachdem offenbar auch der Zuspruch der Feldgeistlichkeit seine wärmende Wirkung verfehlt hatte. Doch selbst der Tod, den der geliebte Kommandant in ihre Reihen sandte, hatte keine belebende Kraft mehr, und der Soldatenvater sah sich zum strategischen Rückzug genötigt, da es nun auch den Sachverständigen einleuchten mußte, daß das »schwächliche Korps«, wie es diese Bestien nannten, ja doch nicht mehr imstande war, seine Stellung und vollends die seines Generals zu halten. Es war der galizische Winter, in dem die Kommanden häufig keine telephonische Antwort aus den vordersten Linien bekamen, wo alles ruhig war und später die stehenden Leichen erfrorener Soldaten, Mann neben Mann, das Gewehr im Anschlag, aufgefunden wurden. Den übrigen blieb noch die Wahl zwischen anderen Heldentoden übrig. Vor ihnen der Feind, hinter ihnen das Vaterland und über ihnen die ewigen Sterne. Wir schliefen in Betten. Wo mußten diese unglücklichsten aller Märtyrer, die je dem Antichrist geopfert wurden, wo mußten sie, wenn nicht schon Todesangst und Körperqual sie in die Gefangenschaft des Irrsinns trieb, den »Feind« erkennen: in ihm, der keineswegs darauf bestand, sie zum Halten ihrer Stellungen zu bewegen, oder hinterrücks in jenem Vaterland, das sie beim ersten Schritt als Mördergrube empfing? In diesem vielfachen Zwang der Heldentode, dem durch die Natur, dem durch die Munition, dem fürs Vaterland, dem durchs Vaterland, haben sie Selbstmord gewählt. Wir lasen den Bericht und gingen in unsere Betten. Aber die frosterstarrten Leichname in den galizischen Schützengräben, Mann neben Mann, das Gewehr im Anschlag, standen als die Protagonisten Habsburgischen Totlebens. Welch eine Kapuzinergruft! Schließt die Augen vor dem Bild, damit jene auf Lorbeerreisern ruhen können! Diese Gut- und Blutegel haben an uns Menschheit gesogen, und wir glaubten, das müsse so sein. Unser Tod war ihr Lebenszeichen. Aber wenn sie im Hinterland praßten, so war's ein Streich von Lernuren. Alles war unwirklich.

Lebt denn die Gestalt dieses Schwiegersohnes, der, schnurstracks vom Roten Kreuz, am Abend des Tages, an dem die Russen Czernowitz zum drittenmal genommen haben, sich samt Anhang vom Wolf in Gersthof das Lied ins Ohr singen läßt: »Draußen im Schönbrunner Park sitzt ein guater alter Herr, hat das Herz von Sorgen schwer«? Der Schwiegersohn! Und lebt dieser jugendliche Feschak, der in der Kärntnerstraße den Hofwagen halten läßt, weil er – Serwas Fritzl! – einen Operettentenor gesehn hat, der wie's Kind im Erzhaus ist? Der einzige von ihnen allen, der im Feld eine Wunde empfing, indem er im Siegesrausch sich eine Beule schlug. Der in den Kriegswintern »mullattierend« – furchtbarstes Zeitwort von jenem militärischen Hauptwort »Mullatschak« – im Ausseer Sommer in Judenfrozzeleien die Frohnatur auslebt. Ist es nicht nur eine Fortsetzung der Tradition jener doch bessern Tage, da die Vindobona noch beim Ballett und nicht beim Kabarett war, da man mit Fiakern Bruderschaft trank und über Leichen nicht schritt, nur galoppierte? Und, Hand aufs Herz, konnte aus dem mit Muskete-Bildern tapezierten Arbeitszimmer eines Thronfolgers, und wäre er noch so gutartig veranlagt, ein Licht in unser Dunkel dringen? Der einzige unter ihnen, den ein Herrenmaß vom Niveau der Grüßer, Drahrer und Walzertraumdeuter schied, dem die Wartezeit neben der unsterblichen Nullität das jähe Blut ins Stocken brachte und dessen schwarzgelbe Drohung nur die der Galle war vor diesem Unwesen von Wurschtigkeit und Hamur, ist gestorben, nachdem er den Weltkrieg, der um seinetwillen ausbrach, verhindert hatte. Dem Wilhelm abgeschlagen hatte. Das deutsch-ungarische Pathos wußte genau, was es an ihm verlor; und der Wiener Schmerz nicht minder. So stark war diese Ohnmacht im Wünschen, daß ihr alles glückte, der Krieg und sein Grund; und nie größer im Lügen als nun, da ein Reich die Stirn des Grames hatte, sich in sie zu falten und mit einem heitern, einem nassen Auge den Hingang des Mannes zu beklagen, der wohl darnach geartet schien, uns mit der Lebenslust auch ihren Aussatz zu nehmen. Da aber die Wartezeit einer verspäteten Herrschernatur nicht Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte zurückreicht, so gibt die Stärke der Härte nach, der Abstand erlebt sich in Geiz und Grausamkeit und solchen Zügen, die dem leutseligen Klatsch eines dauernd herabgelassenen Hofes greifbar sind. Er war das verhaßte Hindernis des Stillstands und mußte sich einer Gesellschaft, die nur frei war, weil sie nicht mehr wert war, geführt zu werden, als Unhold alles Rückschritts offenbaren, dem hinterdrein auch die Brandtat mediokrer Spieler zu Gesichte stand. In Wahrheit hat es der Gemütlichkeit nicht genügt, erlöst zu sein. Zur Erhaltung der Gemütlichkeit hat's Krieg gegeben. Aber daß sie auch den leidenden Völkern nicht ausgehen wollte, war das Wunder. Es überstieg nicht die Maße aller uns zugemuteten Kriegsgeduld, daß eine dieser unsere Ehrfurcht herausfordernden Individualitäten, die das Subjekt eines Strafparagraphen waren und nie das Objekt eines solchen sein konnten, daß der Generalinspektor der Artillerie im Treubund mit einem Champagneragenten ein Millionen-Liefergeschäft entriert hatte, welches zur Aushungerung der Front wesentlich beitrug und, solange die Volkshymne keinen andern Text bekommt, zu einer Verwechslung von Lorbeerreisern und Dörrgemüse führen wird. Gott erhalte, Gott beschütze vor der Sippe unser Land! Nein, eure Liebden waren die unsern nicht. Wie, es gibt Menschen, deren Herz nichts Schöneres zu tun hat, als nach ihrer Wiederkehr zu schlagen? Aber wenngleich solche die Monarchie für eine praktische Einrichtung halten und die majestätsbeleidigenden Eigenschaften einer regierenden Familie für nebensächlich und für ein Erbteil aller Dynastien, so werden sie doch nicht leugnen, daß die Evidenz und Aufdringlichkeit dieser Eigenschaften, die Entartung in den Erlaubnissen einer gelockerten Zeit, die Skandal-, ja Kriminalreife höchster Vorbilder, und würde dies alles noch nicht die Absetzung empfehlen, doch keineswegs die Berufung dringlich macht. Man kann ein Preistreiber in Konserven sein, wie dieser Artillerieinspektor, man kann an Holz dick verdienen wie jener Marschall Bumsti, aber man muß bei Abwicklung der Geschäfte nicht gerade dem Wucherparagraphen entzogen und vom Ehrfurchtsparagraphen unterstützt sein, und wenn solche Privilegien, die zum Neid der Branchen bestanden hatten, einmal abgeschafft sind, so ist es ganz gewiß nicht nötig, sie wiederherzustellen. Nein, die Hoffnung auf diese Revenants wollen wir in das Reich des Aberglaubens verweisen. Eine »Restauration« der Monarchie – die Vorstellungen, die sich für den Wiener an dieses Fremdwort knüpfen, würde sie keineswegs erfüllen, wiewohl die Monarchie hierzulande, in allen ihren kulturellen Auslagen und Niederlagen, nie etwas anderes war als das größte Etablissement der Monarchie, und die Identität der Kaiser und Kaffeesieder bis auf die Manifeste eines Jubiläums, einer Erweiterung und einer Abdankung zu den Herzen sprach. Aber die offenbar zeitgebotene Verbindung von Kapuzinergruft und Nachtkaffee, die Melange von spanischem Zeremoniell und Budapester Orpheum müßte gerade den grundsätzlichen Monarchisten unerwünscht sein, und so wird ihnen nichts übrigbleiben, als einem Ideal, den Royalisten der Bars und Salonkapellen jedoch, einem Andenken nachzutrauern. Wer hätte sich nicht ein Ekelgefühl vor der spezifischen Kaisertreue bewahrt, die unlösbar mit der dunstigen Vorstellung eines Animierlokals verknüpft bleibt, wo es plötzlich allerhöchst hergeht, zwischen den Gassenhauern der Liebe das Vaterland in seine Rechte tritt und die nur hier denkbare Schmach ehrfürchtig gestimmter Defraudanten, Büfettdamen, Lebemänner und Wurzen aller Grade sich von den Sitzen erhebt unter Assistenz flaschenfertiger Kellner, des Garderobepersonals und last not least der Toilettefrau. Diese tiefen Zusammenhänge mögen unausrottbar sein und der nervenstarken Republik zum Trotz noch über eine Silvesterstimmung hinaus demonstriert werden. Sie können nur den Rückschluß fördern, daß es im Erzhaus wie im »Tabarin« zugegangen sei, und die Hoffnung, daß auch diesem Nachtleben die Sperrstunde geschlagen habe.

Sie alle wußten es, von den Dächern pfiffen es die Praterspatzen, d'Geigerbuam im siebenten Himmel tönten es: daß ein Kretin der Marschall unseres Verhängnisses war; Minister trugen es in Anekdoten von der Tafel ins Kaffeehaus und der Hof- und Staatswitz übte sich an der Erkenntnis, wie es denn überhaupt die Note dieses Österreich war – das einzige nebst der angestammten Dynastie einigende Band des Staatsbewußtseins –, die allerhöchsten geistigen und sittlichen Defekte spaßhaft zu finden, den Staat für zerfallsreif zu erklären, alle Beamten vom Nebenzimmer angefangen für Trottel und Schurken, und in der jeweiligen Camera caritatis eben das auszusprechen, wofür sie die andern aufgehängt haben. Die entgegenkommenden Funktionäre Österreichs kamen mit dieser Ansicht uns und der historischen Entwicklung entgegen. Ein Würdenträger des deutschen Zentralstaates fragte mich einmal: »No was glauben S', wern uns die Tschechen herausreißen?« Es war an dem Tag, an dem im Generalstabsbericht die Meldung, daß die in italienischen Gräben vorgefundenen tschecho-slowakischen Legionäre »ihrem verdienten Schicksal zugeführt wurden«, mit dem schuftigen Rufzeichen versehen war, das wie ein Galgen der deutschen Ehre aus diesem Blut- und Preßquartier aufragte. Jene Frage und dieser Ruf und die Gleichzeitigkeit beider Gemütslagen: in all dem war das österreichische Antlitz, das wie geschaffen war, Sonntagsfeuilletonisten freundlich anzumuten. Denn das österreichische Antlitz ist kein anderes als das des Wiener Henkers, der auf einer Ansichtskarte, die den toten Battisti zeigt, seine Tatzen über dem Haupt des Hingerichteten hält, ein triumphierender Ölgötze der befriedigten Gemütlichkeit, während sich grinsende Gesichter von Zivilisten und solchen, deren einziger Besitz die Ehre ist, dicht um den Leichnam drängen, damit sie nur ja alle auf die Ansichtskarte kommen. Sie wurde wirklich und wahrhaftig, von Amts wegen, hergestellt, am Tatort wurde sie verbreitet, im Hinterland zeigten sie »Vertraute« Intimen, und jetzt ist sie als ein Gruppenbild des k. k. Menschentums in den Schaufenstern aller feindlichen Städte, umgewertet zum Skalp der Wiener Kultur, ein Denkmal des Galgenhumors unserer Henker. Es war vielleicht seit Erschaffung der Welt zum erstenmal der Fall, daß der Teufel Pfui Teufel! rief. Es bildeten sich Gruppen, um nicht nur bei einer der viehischesten Hinrichtungen dabei zu sein, sondern auch zu bleiben, und alle machten ein freundliches Gesicht. Dieses, das österreichische, ist auch auf einer andern Ansichtskarte, der unter vielen ähnlichen eine nicht geringere kulturhistorische Bedeutung zukommt, vertreten, in zahlreichen Soldatentypen, die zwischen einer hängenden polnischen Gräfin und ihrer hängender Kammerzofe Schulter an Schulter die Hälse recken, um nur ja ins Dokument aufgenommen zu werden. Gott weiß, für welche satanische Blähung eines Generals, den vielleicht ein Zwischenfall beim Sautanz zu einer furiosen Aufarbeitung von »Wird vollzogen« gestimmt hatte, die beiden unglücklichen Frauen gestorben sein mögen. Das österreichische Antlitz lächelte und greinte je nach Wetter; aber Medusa bedeutet sowohl eine mythologische Schönheit wie eine Qualle, und dieser Gorgonenblick hatte wohl nicht die Kraft, was er ansah in Stein zu verwandeln, wohl aber in Blut oder in Dreck. Das österreichische Antlitz, mit dem zugekniffenen linken Auge, hat man in den letzten Jahren Schulter an Schulter neben einem mehr martialischen Gesicht so oft in den Schaufenstern gesehen, daß es wohl vierzig Friedensjahre brauchen wird, um die Erinnerung loszuwerden. Was mich anlangt, ich konnte den Photographen um so leichter entbehren, als ich die fatale Fähigkeit besaß, das österreichische Antlitz auf Schritt und Tritt, in jeder halbschlächtigen Handlung, in jeder mißratenen Lebensäußerung, in jeder luschen Andeutung zu erkennen, und wenn ich Gesichter brauchte, so waren sie mir zum Hineingreifen nah. Einmal, auf einem Bahnhofe bei Wien, habe ich das österreichische Antlitz an einem Kassenschalter gesehen. Der war vorher zwei Stunden lang herabgelassen, eine fünfhundertköpfige Schafsherde von Wienern stand geduldig, es waren nur noch zehn Minuten bis zum Eintreffen des Zuges, der die einstündige Verspätung wahrscheinlich hoffentlich hereingebracht haben dürfte. Nichts rührte sich, bis ich mit meinem Stock eine Anregung gab. Da ging der Schalter in die Höhe und ein Gesicht von außerordentlicher Unterernährtheit zeigte sich, wie ich es in der Sättigung eines teuflischen Behagens noch nie geschaut habe, und ein dürrer Finger, der hin- und herfahrend dem Leben alle Hoffnung vor diesem Höllentor nahm, ward sichtbar, und ich weiß nicht mehr, war es Finger oder Blick oder wirklich eine Stimme, die da rief – ich hörte die Worte: »Wird kane Koaten ausgeben! Wird kane Koaten ausgeben!« Es war der Auftakt zur österreichischen Revolution: die Wiener begannen zu toben, es bildeten sich Gruppen, ein Eingeweihter gab seine Bereitwilligkeit kund, alle durch ein Hintertürl auf den Perron zu führen. Das geschah, der Zug kam, war so übervoll, daß es auf die Fünfhundert auch nicht mehr ankam, sie fuhren ohne Koaten, und aus dem Gemenge ächzender Menschenleiber unterschied ich nur die Stimmen zweier Revolutionäre: »Vurn is leer, und mir hat der Kondukteur befohlen, hinten einizusteigen« und: »Mir hat er befohlen, vurn einizusteigen, so hab ich halt denkt, hinten wirds leer sein.« Ich sah kein Antlitz, aber es war das österreichische. Und immer werde ich den Finger sehn vor allem was im Leben unerreichbar ist und dann schließlich doch geht. Das österreichische Antlitz aber wirkt gerade in der Unsichtbarkeit. Seh' ich es nicht im Raufhandel eines Wiener Telephongesprächs, wenn sie, die ich nicht sehe, mir sagt: »Ja, mir haben Sie die Nummer nicht gesagt«? Ist es nicht in den Automaten, deren Funktion damit erschöpft ist, ganz von selbst Geldstücke einzunehmen? In diesen Taxametern, denen schon alles wurscht ist, weil der Kutscher, wenn er, nämlich der Taxameter, einmal funktioniert, ihn eh zudeckt? War es nicht in der ganzen Gangart, dem physischen und seelischen Trott und Getorkel eines von solchem Staat erzogenen Volkes, in dem Anspruch, durch die eigene Wegfreiheit sie dem nächsten zu nehmen, in der Habeascorpus-Akte der leiblichen Selbstbehauptung und Belästigung des Nachbarn, in der Verabredung, sich selbst das Leben so leicht als möglich, und dem andern so schwer als nur denkbar zu machen? In einem Verkehr, der nichts anderes war als sein Hindernis. In einem Verhältnis zum Recht, das in der Erwartung der Ausnahme, in einer Beziehung zur Amtlichkeit, die in der Furcht von »Scherereien« bekundet war. In einer Geschäftsmoral zwischen Handeln und Wurzen. In den vereinfachten Formen einer durch artilleristische Überlegenheit geschwächten Nationalökonomie: einem Notenumlauf, bewirkt durch den Hochdruck einer Staatsraison, der für jede Maßnahme die ethische Bedeckung fehlte, und einem Warenaustausch, der immer mehr durch Diebstahl bewerkstelligt wurde und schließlich dem Aufgeben eines Pakets am Postschalter den Charakter eines Verzichts gab. Nur der wachsenden Not war es zu danken, daß es am Ende nicht mehr so viele Dinge gab, als gestohlen wurden; gleichwohl wäre auch die raffinierteste Phantasie nicht imstande gewesen, sich alles das vorzustellen, was einem in diesem Reich, von ihm selbst abgesehen, gestohlen werden konnte. Gesandten wurden die Pässe nach der Kriegserklärung nicht zurückgegeben, sondern gestohlen, und dann erst nicht zurückgegeben. Im Kriege wurden den Invaliden die Prothesen gestohlen. Einer Sängerin wurde im enthusiastischen Gewühle nach Schluß der Oper – der Ruf »Hoch Elizza!« durchdrang Kriegsgeschrei und Revolutionslärm – die Pelzboa gestohlen. Und als die Not am höchsten war, wurde der Kadaver eines wutkranken Hundes gestohlen. Das einzige, was nicht gestohlen wurde, vielleicht eben weil es uns das konnte, war Kriegsanleihe; der Dieb einer Reisetasche – Reisetaschen wurden mit Vorliebe gestohlen und wenn einer eine Reise tat, so konnte er was erzählen –, einer Reisetasche mit 300 000 Kronen in ungarischer Kriegsanleihe, der vorsichtige Dieb behielt also die Reisetasche, den Inhalt jedoch fand man auf dem Abort des Bahnhofs, wo sich der Diebstahl ereignet hatte. Und wer hat hierzulande der Behörde mehr zu schaffen gegeben: der Dieb oder der Bestohlene? Hat das österreichische Antlitz nicht ein Auge des Gesetzes und eins, das es zudrückt, woraus dieser merkwürdig schwankende Ausdruck von Wissenschaft und Ehschowissen entsteht? Ist es nicht das des Konfidenten mit dem »schoarfen Blick« oder das des unbeirrbaren Wachmanns, der sich höchstens des Mißgriffs schuldig macht, eine Bürgerin geprügelt zu haben, weil er im guten Glauben war, sie treibe Prostitution? Oder dem eine interessierte Menge durch die Kärntnerstraße folgt, weil er aus diesem Haufen von Sünde ein dreijähriges Bettelkind hervorgezerrt hat? Und das seines rauheren Bruders von der »Mülidärpolizei«, der eine kranke Frau aus dem Bett auf die Straße prügelt, weil sie mit der Verhaftung ihres Jungen, der ein Stück Brot genommen hat, nicht einverstanden war? Ist es nicht in der Grausamkeit, der die Not nur ein erschwerender Umstand ist, und in der Scherzhaftigkeit, die sie zum Witzblatthema macht und ihr noch die Sexualehre zum Fraß hinwirft? Und dann wieder in der Stimme dieses Hexenhammers: »Wer Schanddirnen beherberget –«. Und in dieser schwärzesten Kriminalität, die eine Mutter straft, die dem von den Furien des Vaterlands gejagten Sohne »Obdach« gewährt hat statt ihn dem Galgen auszuliefern. In der Finsternis eines Wiener Abends, wenn das bekannte Weichbild durch diese nur hier mögliche Abart von Regen, der von unten kommt, so recht fühlbar wird, kann ich das österreichische Antlitz nicht wahrnehmen; aber ich höre ein Menschengebell, das in stoßartiger Zurechtweisung, als würden Gewehrgriffe geübt, einem armen Soldaten gilt, der in der Finsternis es auch nicht bemerkt und darum nicht salutiert hat; an einem Abend, da es am Piave noch feuchter und dunkler war. Wie das alles noch funktionierte, wo es nicht mehr weiter konnte! Es war bis zu der Stunde, da der Wiener doch unterging, mir immer das unheimliche Wunder unserer Existenz, daß dieses ganze Zubehör von Menschen und Maschinenbestandteilen nicht plötzlich mit einem »Ah woos« sich hinlegte und seine Selbstauflösung den mühevollen Gesten eines unmöglichen Betriebs einfach vorzog. Denn wer, der Österreich etwa auf einem Wiener Bahnhofperron in der Kriegszeit ins Antlitz geschaut hat, wäre imstande, das Schlachtfeld zu beschreiben »Ist dies das verheißne Ende? Sinds Bilder jenes Grauns?« mit umherliegenden Soldaten, zwischen denen ein keuchendes Chaos von Rucksäcken, Menschen, Rollwagen, Koffern und sonstigen Bündeln Elends sich vor Waggons mit reservierten Offizierscoupés und eingeschlagenen Zivilfenstern staut. Wer hätte sich durch diese Qual aller Sinne, durch einen Schauplatz, gegen den Wallensteins Lager eine Londoner Hotelhall ist, nicht mit dem Staunen durchgeschlagen: Und so etwas führt Krieg gegen England! Gott strafe es! Gegen Völker, denen, wenn schon nichts anderes, Seife den Sieg sichert. Und wenn das Antlitz in allem, was Dreck und Pallawatsch verhieß, aufglänzte: sich selbst zum Sprechen ähnlich war es erst in der Wildnis dieser Heimkehrerzeiten – getäuschte Hoffnung, daß sie dieses Heim kehren werden! – wenn ein Teil der Wiener Bevölkerung, vom ersten Schrecken erholt, selbst zur Bahn drängte, um den Demobilisierten ihre Konservenbüchsen abzuschwindeln. Und gar in der Entscheidungsschlacht einer Fahrt auf der Elektrischen, wo doppelt so viel Menschen jeder einen doppelten Raum beanspruchen, weil doch alle Berechnungen der unterernährenden Obrigkeit durch eine Vertiefung der Körper im Krieg zunichte wurden. Ich hatte einmal gerade die Ansprache des Erzherzogs Friedrich an den Kaiser memoriert, worin der gewiß selbstverfaßte Satz stand, daß der Marschallstab »der oberste Traum eines jeden Soldaten« sei, und war zu neugierig, ob er in einem dieser Erdäpfeltornister Platz hätte, an die angebunden solch ein armes, verschmutztes, verquältes Stück Mensch die große Zeit durchkeucht. Und war es nicht, Österreichs Antlitz mit dem offenen Mund und den ins Leere starrenden Pupillen, in der rührenden Ausdauer, wie diese Jammergestalt von Staat, dieser Lebensmittelkartenabmeldeschein von einem Nichts, den lachenden Nachbarn und den dumpf verzweifelten Angehörigen von der Erfüllung seiner Blütenträume sprach, von der bereits erfolgten oder im Zuge befindlichen »Erneuerung Österreichs«, darin bestärkt von einer alten Wahrsagerin, einer gewissen Hermann Bahr, die ihm gesagt hatte: Sie werden ein großes Glück machen und ein karolingisches Zeitalter ist im Anzug. Nämlich mit besonderer Berücksichtigung des Umstands, daß der betreffende Kaiser also Karl hieß, was auf viele Durchhalter ungemein suggestiv wirkte. Jene Wahrsagerin, die in Salzburg ihr Unwesen trieb und die katholischen Bauern durch einen »Kriegssegen« fing, die Wiener Juden aber durch ein freimütiges Tagebuch, mußte sich jetzt, vom Lauf der Ereignisse um ihren Kredit geprellt, angesichts der nicht mehr abzuleugnenden Tatsache, daß das karolingische Zeitalter infolge Auflassung des Geschäfts nicht durchführbar ist und selbst eine Erneuerung Österreichs nicht mehr stattfinden könnte, zu dem Geständnisse bequemen, es sei eigentlich das Österreich Masaryks gemeint gewesen; dann aber wurde sie frech: « ... Und ich glaube noch heute an mein Österreich, ja heute mehr als je ... Mein Irrtum war nur, daß ich mir dieses Österreich von unseren Deutschen versprach... Aber im Grunde kommt es, weltgeschichtlich betrachtet, auch gar nicht so sehr darauf an, durch wen und wie mein Österreich geschieht, wenn es nur geschieht.« Angesichts der Verwandlung eines Lebensmittelkartenabmeldescheins in einen Totenschein scheint hier etwas wie ein Glaube an Seelenwanderung die Konjunktur benützen zu wollen und die Erneuerung Österreichs in Prag anzustreben sowie die Errichtung eines karolingischen Zeitalters durch Masaryk, zu dem bereits tatsächlich eine Verbindung des Cola di Rienzo mit Karl IV. besteht. Aber schließlich, wenn wir schon im Umgruppieren sind, wird es sich herausstellen, daß wir auch nicht das Österreich Masaryks wünschen, sondern daß uns mehr das Österreich Marischkas am Herzen liegt. Nun, auch die Fähigkeit, am eigenen Grab noch eine Hoffnung aufzupflanzen, diese Zudringlichkeit dem Schicksal gegenüber, wenn hienieden noch ein Geschäft zu machen ist, diese ewige Wiederkehr des Hausierers, der eigentlich Böhmen gemeint, wenn er Österreich angeboten hat, diese Beharrlichkeit eines Phönix-Agenten, der die Auferstehung in jeder Form garantiert – auch dies ist einer der letzten Züge des österreichischen Antlitzes. Aber es weiß, wozu es auf der Welt ist. Es gehört ja dem Wiener, und darum zweifelt es nicht an seinem Davonkommen. Es bewährt sich todsicher in dieser Fähigkeit, sich, in guten und schlimmen Zeiten, als Protektionskind der Schöpfung zu erleben und den Wiener als den Wiener zu reklamieren, worunter eben ein Wesen zu verstehen ist, das sich mit Recht um seine Eigenart beneidet, indem es nämlich ein besonderes Blut hat, das sogenannte Wiener Blut, sich durch Schick, aber auch durch »Schan« von der Umwelt erfolgreich abhebt und, wie es anders zu essen gewohnt war, nun auch apart durchzuhalten versteht. Die Besonderheit seiner Sprache sind die vielfachen Spuren eines Gedankenlebens, das ausschließlich, in den Tagen der Erfüllung wie der Enttäuschung, vom Problem der Viktualien beherrscht ist, und es ist gewiß ein ethnologisches Wahrzeichen, daß der Wiener durch drei Gemütslagen mit der Erinnerung an eine und dieselbe Speise hindurchkommt: aus jenem Gleichmut, dem alles Wurst ist, durch die Zuversicht, daß es für ihn eine Extrawurst geben wird, in die Resignation, daß jetzt Krieg ist und daß es da keine Würschtel gibt. Und war denn das österreichische Antlitz nicht eigentlich die Hoteliervisage, deren Optimismus selbst dem Untergang noch einen Gusto gab, das Chaos beliebt machte und vom jüngsten Gericht überzeugt war, daß sich die Herren das loben? Deren Blick durch alle Finsternis mit jener letzten Hoffnung geleuchtet hat, die einem Trümmerfeld den Reiz der Spezialität abgewinnt, der Hoffnung auf Hebung des Fremdenverkehrs, und wäre es selbst, um ihnen Heldengräber als Sehenswürdigkeiten vorzuführen und die Konkurrenz der Hyänen zu schlagen. Wo suche ich das österreichische Antlitz noch? Wo kommt es uns nicht schöngefärbt entgegen und wo hat es nicht wieder den Mut, sich zu seiner Häßlichkeit mit dem letzten Gruß aus großer Zeit zu bekennen: »Gut schaun mr aus!« So oder so, immer wußte sich die lustige Person zu behaupten, indem sie die Gebärde jenes kühnen Luftspringers Schulter an Schulter parodierte oder das eigene heroische Mißlingen mit einem Purzelbaum abschloß. Der Knockabout ist der humoristische Träger jenes Lebensprinzips, das Mittel und Zweck zu ewiger Verwechslung verwendet und beide aneinander verliert. Welch ein Symbol österreichischen Daseins: In Feldkirch war es die letzte Pein derer, die entfliehen wollten, ihre Namen ausgebrüllt und den Mitreisenden preisgegeben zu hören, so peinlich wie der Zwang, die Nomenklatur dieser phantastischen Einkäufergestalten zu erfahren. Die deutsche Sitte des Nummernaufrufs – ist der Mensch schon eine Nummer, so sei er es auch – wäre der Pikanterie unseres Grenzverfahrens abträglich gewesen. Endlich wird sie eingeführt. Vor Feldkirch erfolgt die Verteilung der Nummern. Jeder hält die seine in der Hand und wartet auf den Ruf. Damit ist dem organisatorischen Vorbild Deutschlands Genüge geschehn; denn es wird nun jeder, der die Nummer in der Hand hält, mit Namen aufgerufen. Auf die Frage, wozu denn die Nummer sei, weiß kein Funktionär eine Antwort. Meiner Ansicht, es sei wohl nach deutschem Muster eingeführt, wird beigepflichtet. Vermutlich ist später, da der Mißgriff bemerkt wurde, mit dem Namen die Nummer ausgerufen worden. Die deutsche Organisation war das Irrlicht, das einen Unzurechnungsfähigen vollends ins Elend geführt hat. Der Treubund konnte nicht anders ausgehn, als daß Wien von der Mechanik die Roheit annahm und Berlin dafür die Schlamperei lernte. Wir aber hätten das österreichische Antlitz vor Seelenlosigkeit nicht wiedererkannt, wenn nicht auch mehr Schmutz sie verdeckt hätte. Wo stand es nicht vor dem, der hilfesuchend in ein Amt kam und Unrat fand? Muß ich es in den Aborten der Kriminalität suchen, in den Wanzen- und Bazillenräumen der Wiener Garnisonsarreste, an den verwahrlosten Spitalsbetten, wo dafür graduierte Profosen und Assistenten von Scharfrichtern nervenkranke Soldaten mit Starkstrom elektrisierten, um den Verdacht, sich von der Front zu drücken, auf sie abzuwälzen? War es denn nicht in jeder Schmach und Unappetitlichkeit jeder Amtshandlung und vor allem in der Gerechtsame jener Feldgerichte, deren eines die noch über den Justizmord unsittliche Forderung aufgestellt hat, daß der österreichische Staatsbürger seinen Behörden, diesen Behörden, »mit Ehrfurcht und Liebe zu begegnen habe«? Allen, selbst in den Gestalten der Zagorski, Preminger, König und Peutlschmid! Und solche Härte, verschärft durch die Sicherheit, daß hier nicht Naivität, sondern ein Vollbewußtsein der eigenen Schurkerei am Werke war und die diabolische Lust einer letzten Belastungsprobe auf unsere Geduld. Das von einer feindlichen Regierung längst verbotene Experiment der Hundsgrotte ist von der österreichischen tagtäglich den vierzig Millionen Menschen zugemutet worden, und das Antlitz zwinkerte bei dem gelungenen Gspaß, um nach eingetretener Erstickung in voller Heiligkeit zu erglänzen.

Da kann es denn, wenn hunderttausend serbische Leichen am Kriegsbeginn von einem Walten österreichischer Degenerale und progressiver Eroberer zeugen, denen das Anführen der dritten reitenden Artilleriebrigade geringere Schwierigkeiten gemacht hat als das Aussprechen derselben und die nachgewiesenermaßen eine bloßfüßige Infanterie in den Tod gejagt haben – da kann es denn passieren, daß sich ein Jockeyklubpräsident findet, der das Andenken Österreichs gegen den gelinden Vorwurf »Austrian Brutalities« verteidigt. Ein aus jener Zeit jetzt in London produzierter Armeebefehl sei »höchst wahrscheinlich apokryph«, aber selbst, wenn er authentisch wäre, »ein unerläßliches Gebot einer rationellen Kriegführung«. Diese rationelle Kriegführung, deren strategisches Ziel jenes Geburtstagsgeschenk für Franz Josef war, dessen Freude kaum den Geburtstag überlebt hat, war unter anderm durch den Gebrauch ausgezeichnet, Greisen, die im Verdacht standen, ein Gefühl für ihre Nation zu haben, eine Todestagsfreude zu bereiten, indem man sie, nach deutschem Vorbild, einlud, ihr eigenes Grab zu schaufeln – also eben das zu tun, was damals Österreich getan hat, ohne leider mit sehenden Augen dazu verurteilt zu sein. Diese Sitte und die Einteilung, daß in den ungarischen Serbenlagern täglich etliche Hundert an Epidemien, Hunger und Nachhilfe durch Kolbenschläge starben – man kann sie aus der Gruft der Reichsratsprotokolle die rationelle Kriegführung der Honveds berufen hören –, läßt ein anderes Faktum geringfügig erscheinen, das jetzt eben in London beklagt wurde, einen gemütlichen Brauch, durch den die österreichische Autorität ihren Familiensinn bekundet hat, indem sie nämlich die Angehörigen der Verurteilten einlud, bei deren Hinrichtung anwesend zu sein. Der Jockeyklubpräsident – es ist jener Botschafter a. D. Heinrich Graf Lützow, dem die Verwechslung mit dem verstorbenen böhmischen Historiker gleichen Namens fast so unangenehm war wie diesem – nennt die Erwähnung jenes Brauchs eine »alte Legende«, von deren Unwahrheit er aus dem einfachen Grunde tief durchdrungen ist, weil sie »ungezählte Male von der kompetentesten Stelle dementiert« wurde. Was ganz richtig und ebenso bekannt ist wie die Dementia der kompetentesten Stelle. Zum Glück stellt sich dem Mann, der die Aufgabe übernommen hat, das letzte was uns geblieben ist, nämlich die Ehre des Generals Potiorek zu verteidigen, ein treffendes Zitat ein, durch das der Sachverhalt einfach klargestellt wird. Ausdrücklich sei also jene Legende dementiert worden, »aber der alte Spruch ist ewig wahr: Calumniare audacter, semper aliquid haeret!« Wie wahr der alte Spruch ist, zeigt sich überhaupt erst im Falle Österreichs: die Feinde haben es tapfer verleumdet, es ließ sich aber in seiner rationellen Kriegführung nicht stören und, siehe da, immer blieb etwas hängen. Ob aliquid oder aliquis, war ihm ganz wurst, da bekanntlich ein alter Spruch lautet: Caesar supra grammaticam. Noch ein anderes Zitat fällt dem Grafen Lützow zum Glück ein, nämlich. »Tout est perdu hors l'honneur«, was ich aber nicht etwa übersetzen würde: »Das einzige, was wir besitzen, ist die Ehre«, sondern schlicht: »Wir haben alles verloren«. Dagegen haben wir zweifellos die Eigenschaft der Gerechtigkeit uns erhalten können, denn der Graf Lützow stellt die Frage: »Können denn im heutigen England die eigenen und die fremden Handlungen niemals mit dem gleichen Maße gemessen werden?« Das ist aber gar keine Frage, sondern einfach eine Antwort, die unter der Aufschrift gedruckt werden müßte: »Ungerechtigkeit in England«, was noch heute so erfreulich wäre wie »Hungersnot in Frankreich«. Denn: »Wir« – der Graf Lützow setzt das Wort in Sperrdruck – »stehen auf dem Standpunkte, daß der wehrlose Feind aufhört ein Feind zu sein«. Wir ja, die andern natürlich nicht; noch heute stehn wir auf dem Standpunkt, wo wir keinen wehrlosen Feind mehr haben, wohl aber die Möglichkeit, von dem Millionengeschenk der italienischen Gefangenen an uns weiter kein Aufhebens zu machen. »Den Schimpf einer unmenschlichen Haltung während des Krieges weisen wir mit Verachtung zurück«, ruft Lützow und ahnt gar nicht, wie recht er hat, und um so mehr, als ja die Verprügelung italienischer Soldaten auf den Bahnhöfen von Wörgl und Linz erst nach Abschluß des Waffenstillstandes erfolgt ist.

Wir haben aber während des ganzen Krieges englische Trainer und Jockeys ungestört ihren Beruf ausüben lassen und last not least bei Stone & Blythe eingekauft. »Wo bleibt da die ›Austrian Brutality'?« fragt der Graf Lützow, der nun einmal aus dem Weltteil zwischen Jockeyklub und Hotel Bristol nicht nur eine Weltanschauung, sondern auch die Vorstellung der Ereignisse schöpft, die sich in den umgebenden Partien Europas gleichzeitig abspielen mögen. Von der Hinrichtung Battistis scheint er zu wissen; nimmt aber allen Einwänden sogleich die Spitze: »Ob die Hinrichtung Battistis, der eidbrüchig unter den Reihen unserer Gegner kämpfte, eine staatskluge Handlung war, mag dahingestellt bleiben..., aber schließlich erhielt er für die vollzogene Handlung die gleiche Strafe, die Sir Roger Casement für die bloße Absicht zuerkannt wurde. Können denn im heutigen England die eigenen und die fremden Handlungen niemals mit dem gleichen Maße gemessen werden?« Dann allerdings nicht, wenn die Handlungen verschieden sind. Denn abgesehen davon, daß Casement von einem Gerichtshof zum Tode verurteilt und hierauf erschossen worden ist, während mit Battisti der kürzere Prozeß gemacht wurde, indem man ihn gefangen und aufgehängt hat, nachdem man ihn allerdings noch zur Verschärfung der Todesstrafe gezwungen hatte, die österreichische Volkshymne stehend anzuhören, dürften bei der Hinrichtung Casements, die England wohl als eine furchtbare Kriegsnotwendigkeit betrachtet, aber nicht als Kirmes gefeiert hat, kaum amtliche Photographien hergestellt worden sein. Bilder, die nicht nur eine Galgenprozedur, sondern auch die bestialische Assistenz als Triumph verewigen, Bilder, die einen strahlenden Henker im Kreise animierter oder verklärt blickender Offiziere zeigen, dürften selbst in der Heimat der farbigen Engländer schwerlich aufgetrieben werden. Ich aber möchte einen Preis aussetzen auf die Agnoszierung des schäbigen Klotzes von einem k. u. k. Oberleutnant, der sich direkt vor den hängenden Leichnam gestellt und seine aussichtlose Visage dem Photographen dargeboten hat, und auch jener dreckigen Feschaks, die heiter wie an der Sirk-Ecke versammelt sind oder mit Kodaks herbeieilen, um nicht nur in betrachtender, nein in photographierender Stellung auf das Bild zu kommen, in dem der sogenannte Seelsorger in der Runde von hundert erwartungsvollen Teilnehmern nicht fehlen darf. Es wurde nicht nur gehängt, es wurde auch gestellt; es wurden nicht bloß die Hinrichtungen photographiert, sondern auch die Betrachter, ja sogar noch die Photographen. Und der besondere Effekt unserer Scheußlichkeit ist nun, daß jene feindliche Propaganda, die statt zu lügen einfach unsere Wahrheiten reproduziert hat, unsere Taten gar nicht erst photographieren mußte, weil sie zu ihrer Überraschung unsere eigenen Photographien von unseren Taten am Tatort vorgefunden hat und uns »als Ganze« all in unserer Ahnungslosigkeit, die nicht spürte, daß kein Verbrechen uns so vor der Umwelt entblößen könnte wie unser triumphierendes Geständnis, wie der Stolz des Verbrechers, der sich dabei noch aufnehmen läßt und ein freundliches Gesicht macht, weil er ja eine Mordsfreud hat, sich selbst auf frischer Tat erwischen zu können. Denn nicht daß er getötet, auch nicht daß er's photographiert hat, sondern daß er sich mitphotographiert hat, ja daß er sich photographierend mitphotographiert hat – das macht seinen Typus zum unvergänglichen Lichtbild unserer Kultur. Wenn den Grafen Lützow die Zeit- und Landsgenossenschaft der Kujone, die den Hinrichtungen der Italiener Battisti und Filzi bis zum Schluß beigewohnt haben, sympathisch berührt und wenn er nicht im Gegenteil findet, daß diese für ein k. und k. Kriegsarchiv gestellten Gruppen das Andenken Österreichs mit einem Schandfleck behaften, der in Äonen,nicht untergehn wird, dann wiegt die Ehre, nicht Mitglied des Jockeyklubs zu sein, ein goldenes Vließ auf! Unsere Stellung vor dem Standgericht der Weltgeschichte macht ihm keine Skrupel.

Aber er hofft, daß die »Times« – er hat, wiewohl er ein Botschafter a. D. ist, »kein Mittel, um mit der Redaktion direkt zu korrespondieren« – seine Richtigstellung veröffentlichen werden, sobald sie davon Kenntnis erhalten. »Skeptiker«, setzt er hinzu, »werden über meine Naivität lächeln.« Aber er kennt sein England und hat die Überzeugung, »daß die alte englische Tradition des Fair play auch jetzt nicht ausgestorben ist«. Ob er das als Jockeyklubpräsident oder nur als Diplomat hofft, läßt er unerwähnt. Ich nun bin so sehr Skeptiker, daß ich die Erwartung des Grafen Lützow nicht einmal für seine stärkste Naivität halte. Der Gesinnung, die sich in dem vornehmen Bekenntnis des Chefs der englischen Militärmission in Wien ausgesprochen hat, »daß wir jetzt alle wünschen, die Greuel des Krieges zu vergessen und nicht an sie erinnert zu werden«, wäre auch zuzutrauen, daß sie dem humanen Zweck zuliebe noch die Wahrheit berichtigt. Und selbst dies ist wünschenswert, da der Menschheit augenblicklich nicht anders zu helfen ist als daß die Völker so schnell als möglich vergessen, was sie einander angetan haben. Aber sie würde den Fortschritt, den sie durch die Gnade erzielt, reichlich wettmachen, wenn sie es an Reue fehlen ließe, indem die Völker so schnell als möglich vergessen, was sie dem andern, und ganz besonders, was sie sich selbst angetan haben. Wehe uns, wenn wir Gnade üben wollten an uns selbst! Der Feind mag gegenüber einer Wiener Lügenzeitung, die ihm eine Anklage deutscher Grausamkeiten in den Mund gelegt hat, sich zum Wunsch bekennen, sie aus dem Gedächtnis zu tilgen. Aber wir dürfen es von ihm nicht verlangen, selbst wenn wir so naiv wären, sie zu bestreiten. Denn auf keiner Seite dürfte sich die Überschreitung der legitimen Ungebühr des Kriegslebens, die Verletzung völkerrechtlicher Normen, die selbst dem menschheitswidrigen Handel gesetzt sind, leichter nachweisen lassen, als auf der deutschen, weil hier ein ganzes Heer von journalistischen, literarischen und akademischen Tröpfen und Spitzbuben aufgeboten war, Söldner fremden Blutes, die mit derselben Feder, mit der sie den Vorwurf unmenschlicher Kriegführung auf die Feinde abzuwälzen hatten, ja auf demselben Papier, die Bombardierung von Krankenhäusern, Kirchen und Schulzimmern, die Torpedierung von Spitalschiffen, die Ehrung und Verklärung von Menschenjägern nicht nur beschrieben, sondern auch bejubelt haben. Die ständige Berufung auf das unschuldige Volk eines kriegsschuldigen Staates mag den Untertanen staatsmännischer Willkür, den Leibeigenen eines ruchlosen Generalstabs, ja selbst jenen helfen, die im Bann einer elenden Machtideologie Aufträge oder Fleißaufgaben des Mordes ausgeführt haben. Keineswegs hat die deutsche Intelligenz, welche wie die keines andern Landes, vom ersten Dichter bis zum letzten Reporter, vom ersten Völkerrechtsprofessor bis zum letzten Pastor, in der feldgrauen Materie gesielt, im fremden Bluterlebnis geschwelgt, ja vielfach von dieser Haltung ihre Existenz gefristet und durch den Claqueurdienst für Haudegen die eigene Unversehrtheit errungen hat, keineswegs hat die Barbarei der Bildung auch nur den geringsten Anspruch auf Mitleid, wenn sie die Strafe mitzuzahlen hat, und käme selbst ein Säkulum solchen Geisteslebens in wirtschaftliche Bedrängnis. Der Graf Lützow würde aber kein Glück haben, wenn er hier etwa die beiden Schultern voneinander trennen und die Anerkennung speziell unserer Menschlichkeit auf die Dokumente der österreichischen Kriegsbelletristik stützen wollte. Der Beweis würde auch da eher durch eine Verbrennung ganzer Zeitungsbibliotheken und Buchverlage zu erbringen sein. Der Schimpf, den seinesgleichen mit Verachtung zurückweist, ist nicht der unserer unmenschlichen Haltung während des Kriegs, sondern der des Vorwurfs, den man uns daraus macht. Wie sollten wir ihn verdient haben, da wir während des Kriegs doch eine Haltung angenommen haben, von der man die Gesetze der Menschlichkeit in künftigen Jahrhunderten erst ableiten wird. Daß wir dem Feind, der in unsere Gewalt geriet, in jeder nur möglichen Weise entgegengekommen sind, versteht sich schon aus dem Wesen des österreichischen Funktionärs. Wenn zum Beispiel die Okkupationsbehörde, in Betätigung ihres oft bewiesenen Familiensinnes, einmal in Montenegro Vater und Bruder eines obstinaten Menschen, der die Waffen nicht abliefern wollte und auf und davongegangen war, mit der Hinrichtung bedrohte, falls sich der Angehörige nicht binnen vierundzwanzig Stunden stelle, und den Bruder tatsächlic kaltgemacht hat, so ist dies durch eine rationelle Kriegführung, gegen deren Exekutoren der Geßler eben ein blutiger Dilettant war, hinreichend erklärt. Die Milde gegen den Vater ist ohnedies für eine Gemütsart, die mit sich reden läßt, bezeichnend. Die Rücksicht dem Feind gegenüber war aber auch immer gepaart mit einer Sorge für das Wohl und auch das Wehe der eigenen Mannschaft, die ja ein Ehrenkapitel im goldenen Buch unserer Kommanden bildet. Es ist außerordentlich lehrreich zu betrachten, wie nur in den äußersten Notfällen eine etwas strengere Tonart eingehalten wurde, wofür man gleich am Tag nach dem Auftreten des Grafen Lützow ein Beispiel erfahren hat. In Kragujevac – bekannt in der Weltgeschichte durch den Ruf »Krakuiefaz eropaat!« – hatten 44 nach vierjähriger Kriegsgefangenschaft einrückend gemachte Heimkehrer am Abend ihrer Ankunft eine elende Menage – vermutlich aus der Küche des Leopold Salvator – vorgefunden und sich aus Wut darüber einen Rausch angetrunken, der sich zu einem wüsten Exzeß, ja sogar zu Beschimpfungen der Offiziere steigerte. Die Justifizierung beschreibt nun der folgende Bericht, der auf der Aussage des dazu kommandierten Arztes beruht: «... In zwei parallelen Reihen waren je 22 Gräber aufgeworfen, die Erschießung wurde in zwei Partien vorgenommen. Zur Durchführung dieser Exekution waren Bosniaken kommandiert, die auf zwei Schritt Entfernung zu schießen hatten. Den Bosniaken jedoch zitterten die Hände, als sie ihren Kameraden ins Gesicht schießen mußten, und sie schossen schlecht. Die erste Partie wälzte sich auf dem Boden, es war beinahe kein einziger tot. Da wurde der Befehl gegeben, den Opfern die Gewehrläufe an den Kopf zu setzen. Als alle Gehirne zu Brei zerschossen waren, kam die zweite Partie daran, und die gleiche Szene wiederholte sich noch einmal. Der Stellvertreter des Generalstabschefs, ein Oberstleutnant, der sich auch sonst damit brüstete, daß er vielen Serben die Lampe ausgelöscht habe, sagte nach der Hinrichtung beim Abendessen, als manche schüchterne Bedenken gegen den Prozeß geäußert wurden: er hätte auch 300, nicht nur 44 hinrichten lassen. Die Opfer waren beinahe alle Familienväter, und alle waren vielfach mit allen Graden von Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet. Sie sahen auch diesem letzten Tode ohne Scheu in die Augen, lautlos, ohne eine Miene zu verziehen, ohne eine Abwehrbewegung.« Selbst dem Armeeoberkommando, das bei Verfehlungen von Soldaten wohl Stockhiebe, aber nicht Verminderung des Menschenmaterials guthieß, soll dieses Beispiel einer Pflege innigeren Kontaktes mit der Mannschaft – zwei Schritte Distanz und noch weniger – zu stark vorgekommen sein und es soll sich zu der Auffassung entschlossen haben, daß jene Offiziere, die sich so weit einließen, offenbar zu den sogenannten Elementen gehörten, gegen die eine Untersuchung, wenngleich nicht abgeschlossen, so doch eingeleitet wurde. Allein den Schimpf einer unmenschlichen Haltung während des Kriegs weisen wir mit jener Verachtung zurück, die nicht den Mördern, sondern den Anklägern gebührt. Denn wir sind nun einmal die Sorte von Österreichertum, die, wenn im Hause des Gehenkten vom Strick geredet wird, jede andere Version als daß es ein Perlenkollier war, schon mit Rücksicht auf den guten Ton und auf die erwiesene Tatsache, daß sie keinem Huhn den Hals umdrehn könnten, in Abrede stellt. Wenn man uns sagt, daß wir uns wenigstens eine Zeitlang und nicht einmal aus Grausamkeit, sondern nur aus Feigheit, aus Phantasiearmut, aus Unverantwortlichkeit, aus der Abhängigkeit von Phrase und Mechanik, aus Reklamesucht und Wichtigmacherei, kurz aus allen möglichen Mittellagen des Charakters, nicht wie Menschen aufgeführt haben, so geben wir die Möglichkeit bloß »im Hinblick« auf den Umstand zu, daß wir ja eben die reinen Lamperln sind, oder mit dem resoluten Geständnis des Grafen Czernin: »Es hat sich gezeigt, daß vieles bei uns nicht so war, wie es hätte sein sollen«, womit er aber gewiß nicht auf unsere auswärtige Politik anspielen wollte. Und daß so etwas noch immer oder schon wieder laut werden kann, zeigt, wie unverbunden die neue Staatsform neben der alten Lebensform zu bestehen sich anschickt. Der Stolz auf das kurze Gedächtnis pflanzt sich gleichmütig vor der Vergangenheit auf, mit demselben Achselzucken, mit dem man den Krieg hindurch über die drohende Realität hinwegsah, geht man jetzt an der mahnenden Schuld vorbei, und ist die angenommene Unwissenheit ein guter Vorspann für ein leichtes Gewissen, so wird kein distinguierter Fremder mehr der Einladung »Fahr' mr Euer Gnaden« widerstehn können, und es versteht sich ganz von selbst, daß wir keinen Richter nicht brauchen werden. Der Verständigungsfriede – alstern, san mr wieder gut – wird von der besiegten Frechheit, die ihn bis zum letzten Hauch von Mann und Roß verschmäht hatte, als ein Minimum dessen beansprucht, was ihrer Vorzugsstellung, nämlich ihrer Zuständigkeit nach dem ehemaligen Osterreich gebührt. Bis zum letzten Augenblick hat sie sich an der größten Schlechtigkeit in der Liste dieser Kapitalverbrechen mitschuldig gemacht und parasitär mitschuldig gezeigt, indem sie noch geschwind ihre versenkte Tonne neben den vierzigtausend des großen Bruders unter dem Titel »Unsere und deutsche U-Booterfolge« ausschrie – vielleicht, wie es dem halbschlächtigen Sieger ziemte, zugleich auf den Anteil von Ruhm und auf die Geringfügigkeit der Untat verweisend. Kein Schuft, nur ein Schufterle, nehmt alles nur in allem. Frech bis zur Harmlosigkeit, immer wieder das andere Antlitz, eh sie geschehn, das andere nach der vollbrachten Tat, und beides zugleich – das war das österreichische.

Und das muß man ja sagen: wenn je in der Tragödie mißleiteter Völker ein weltgeschichtlicher Humor mitgespielt hat, so wurde er von dem Anblick dieses in die Kriegsmaschine geratenen Charakterbreis bestritten, der, angekettet an eine Kapazität der Dressur die fremde Tonlage durchhalten mußte, in seiner angeborenen Stimmung zwischen »Wer' mr scho machen« und »Kann man halt nix machen« an der Seite eines machenden und schaffenden Ungeheuers kläglich verzappelt ist und wirklich eher den feindlichen Angriffen in die Front als den fortwährenden Freundesstößen in die Weichteile gewachsen war. Shakespeares ungleiches Gespann eines Junker Tobias von Rülp und eines Junker Christoph von Bleichenwang ist wohl ein Sinnbild dieser Liaison von Adelsmächten, die zusammen diesen Trunkenheitsexzeß genannt Mitteleuropa ergaben. »O Junker, du hast ein Fläschchen Sekt nötig! Hab' ich dich jemals schon so herunter gesehn?« »In eurem Leben nicht, Junker, glaub' ich, außer wenn mich der Sekt heruntergebracht hat ... Aber ich bin ein großer Rindfleischesser, und ich glaube, das tut meinem Witz Schaden ... Ich bin ein Kerl von der wunderlichsten Gemütsart in der Welt; manchmal weiß ich mir gar keinen bessern Spaß als Maskeraden und Fastnachtspiele.« »Taugst du zu dergleichen Fratzen, Junker? ... Weswegen verbergen sich diese Künste? Weswegen hängt ein Vorhang vor diesen Gaben? Bist du bange, sie möchten staubig werden? Warum gehst du nicht in einer Gaillarde zur Kirche, und kommst in einer Courante nach Hause?...« «... Wollen wir nicht ein Gelag anstellen?« »Was sollen wir sonst tun? Sind wir nicht unter dem Steinbock geboren?« »Unter dem Steinbock? Das bedeutet Stoßen und Schlagen.« »Nein, Freund, es bedeutet Springen und Tanzen. Laß mich deine Kapriolen sehn. Hopsa! Höher! Sa! Sal Prächtig!« – »Besteht unser Leben nicht aus den vier Elementen?« »Ja wahrhaftig, so sagen sie; aber ich glaube eher, daß es aus Essen und Trinken besteht.« – Tobias: «... ich will dir eine Ausforderung schreiben, oder ich will ihm deine Entrüstung mündlich kundtun.« ... Christoph: »O, wenn ich das wüßte, so wollte ich ihn hundemäßig prügeln.« Tobias: «... Deine wohlerwognen Gründe, Herzensjunker?« Christoph: »Wohl erwogen sind meine Gründe eben nicht, aber sie sind doch gut genug ... O, es wird prächtig sein!« Maria: »Ein königlicher Spaß, verlaßt euch drauf...« –Tobias: »O der Schuft!« Christoph: »Schießt ihn tot! Schießt ihn tot!« Tobias: »Still, still! ... Bis zu den Pforten der Hölle ... !« Christoph: »Ich bin auch dabei.« – Fabio: «... Da hättet ihr euch herbeimachen sollen ... Dies wurde von eurer Seite erwartet und dies wurde vereitelt. Ihr habt die doppelte Vergoldung dieser Gelegenheit von der Zeit abwaschen lassen...« Christoph : »Solls auf irgendeine Art sein, so muß es durch Tapferkeit geschehn; denn Politik hasse ich...« Tobias: »Wohlan denn, baun wir dein Glück auf den Grund der Tapferkeit. Fordre mir den Burschen auf den Degen heraus; verwunde ihn an elf Stellen. ..« Fabio: »Es ist kein andres Mittel übrig, Junker Christoph.« Christoph: »Will einer von euch eine Ausforderung zu ihm tragen?« Tobias: »Geh, schreib mit einer martialischen Hand; sei verwegen und kurz ... und so viel Lügen als auf dem Papier Platz haben, schreib sie auf! Geh, mach dich dran! ...« Tobias über Christoph: «... Was den Junker betrifft, wenn der geöffnet würde, und ihr fändet so viel Blut in seiner Leber, als eine Mücke auf dem Schwanze davontragen kann, so wollt' ich das übrige Gerippe aufzehren.« – Fabio: »Hier ist wieder etwas für einen Fastnachtsabend.« Christoph: »Da habt ihr die Ausforderung; lest sie; ich steh' dafür, es ist Salz und Pfeffer darin.« »Ist sie so verwegen?« »Ei ja doch! Ich stehe ihm dafür. Lest nur.« ... Tobias: »Geh, Junker, laure ihm an der Gartenpforte auf wie ein Häscher; sobald du ihn erblickst, zieh und fluche fürchterlich dabei: denn es geschieht oft, daß ein entsetzlicher Fluch, in einem rechten Bramarbaston herausgewettert, einen mehr in den Ruf der Tapferkeit setzt, als eine wirkliche Probe davon jemals getan hätte. Fort!« Christoph: »Nun, wenns Fluchen gilt, so laßt mich nur machen.« Tobias über Christoph: «... also wird dieser Brief wegen seiner außerordentlichen Abgeschmacktheit ihm keinen Schrecken erregen; er wird merken, daß er von einem Pinsel herrührt ...« Derselbe: «... und sein Grimm in diesem Augenblick ist so unversöhnlich, daß er keine andre Genugtuung kennt als Todesangst und Begräbnis. Drauf und dran! ist sein Wort; mir nichts, dir nichts!« Der Feind: «... Ich bin kein Raufer. Ich habe wohl von einer Art Leute gehört, die mit Fleiß Händel mit andern anzetteln, um ihren Mut zu zeigen; vielleicht ist er einer von diesem Schlage.« »Nein, Herr, seine Entrüstung rührt von einer sehr wesentlichen Beleidigung her; also vorwärts, und tut ihm seinen Willen...« «... Ich für mein Teil habe lieber mit dem Lehrstande als dem Wehrstande zu tun; ich frage nicht darnach, ob man mir viel Herz zutraut.« – Christoph: »Hol's der Kuckuck! Hätte ich gewußt, daß er herzhaft und ein so großer Fechter wäre, so hätte ihn der Teufel holen mögen, eh' ich ihn herausgefordert hätte. Macht nur, daß er die Sache beruhn läßt, und ich will ihm meinen Hans, den Apfelschimmel, geben.« Tobias: »Ich will ihm den Vorschlag tun; bleibt hier stehn, und stellt euch nur herzhaft an ... er hat mir auf sein ritterliches Wort versprochen, er will euch kein Leid zufügen. Nun frisch daran!« Christoph: »Gott gebe, daß er sein Wort hält.« – Tobias: «... und wegen seiner Feigheit, fragt nur den Fabio.« Fabio: »Eine Memme, eine fromme Memme, recht gewissenhaft in der Feigheit.« Christoph: »Wetter! Ich will ihm nach und ihn prügeln.« Tobias: »Tu's, puff ihn tüchtig ...« – (Junker Christoph kommt mit einem blutigen Kopfe.) »Um Gottes Barmherzigkeit willen, einen Feldscherer! Und schickt gleich einen zum Junker Tobias!« »Was gibts?« Christoph: »Er hat mir ein Loch in den Kopf geschlagen, und Junker Tobias hat auch eine blutige Krone weg. Um Gottes Barmherzigkeit willen, helft! Ich wollte hundert Taler drum geben, daß ich zuhause wäre ... Wir glaubten, er wäre 'ne Memme, aber er ist der eingefleischte Teufel selbst ... Ihr habt mir um nichts und wieder nichts ein Loch in den Kopf geschlagen, und was ich getan habe, dazu hat mich Junker Tobias angestiftet.« Der Feind: »Was wollt ihr von mir? Ich tat euch nichts zuleid. Ihr zogt ohn' Ursach gegen mich den Degen. Ich gab euch gute Wort' und tat euch nichts.« »Wenn eine blutige Krone was leides ist, so habt ihr mir was zu Leide getan. Ich denke, es kommt nichts einer blutigen Krone bei. Da kommt Junker Tobias angehinkt, ihr sollt noch mehr zu hören kriegen. Wenn er nicht was im Kopfe gehabt hätte, so sollte er euch wohl auf 'ne andere Manier haben tanzen lassen.« »Nun, Junker, wie stehts mit euch?« Tobias: »Es ist all' eins. Er hat mich verwundet und damit gut....« ... »Fort mit ihm! Wer hat sie so übel zugerichtet?« Christoph: »Ich will euch helfen, Junker Tobias, wir wollen uns zusammen verbinden lassen.« Tobias: »Wollt ihr helfen? – Ein Eselskopf, ein Hasenfuß und ein Schuft! ein lederner Schuft! ein Pinsel!« »Bringt ihn zu Bett und sorgt für seine Wunde!« Ist dieses nicht der Treubund vom Ultimatum bis zum Ultimo? Und je bleicher Christophs Wange ward, um so lauter rülpste Tobias und das Verhältnis ward ausgebaut und vertieft. Durch alle Trübsal unseres Daseins hopsen müssen, von dieser unerbittlichen Melodie der Treue gequält, spürten wir den Druck einer führenden Hand, die es allerdings, im Gegensatz zum Shakespeareschen Spaßmacher furchtbar ernst mit sich und uns meinte. Der verspätete Wadenbiß, als zwei auf der Erde lagen, war nur die natürliche Rettung aus einer falschen in eine schiefe Position.

Was hatte sich ein Staat zugemutet, dessen Entschluß zum Krieg, von jenem russischen Außenminister eine Keckheit genannt, doch nur die Vermessenheit anschaulich machen konnte, die sein Dasein selbst bedeutet hatte! Man mag darüber verschiedener Meinung sein, ob das Vaterland und selbst eines, das nicht gerade den Kotter seiner Nationen vorstellt, der Güter höchstes ist; der Übel größtes aber ist die Schuld am Weltkrieg, nebst dem Plan, die Mehrzahl seiner Nationen durch Maschinengewehre für die ihnen verhaßteste Sache zu begeistern. Die Hölle ward hell von dem Genieblitz der Idee, für ein von der Welt angezweifeltes Staatswesen, für die durch Großmachtwahn, falsche Politik und unfähige Verwaltung verschütteten menschlichen und landschaftlichen Werte eines Landes durch einen Weltkrieg Propaganda zu machen. Anstatt daß die Leute, die hier den Ton der Kultur angaben, einmal aus der Erkenntnis, daß sie der Auswurf der Menschheit seien, den Mut zu einem Verzicht geschöpft hätten, entschlossen sie sich lieber, da es so nicht mehr weiterging, andere in den Krieg zu treiben, zu dem sie ja mit den Machtmitteln der Lüge hinlänglich gerüstet waren. Unter der Führung jener unfaßbarsten Machthaber, deren einen Herr Maximilian Harden, ehe er sich zu einer Gesinnung gegen den Krieg entschloß, den »Generalstabschef des Geistes« genannt hat, damals, als die Schlacht bei Lemberg im Hintergrund des fünfzigjährigen Jubiläums der Neuen Freien Presse gefeiert wurde. Was wir seit damals im Maultrommelfeuer von vier Jahren erleiden mußten, das und nur das sollte auf der Friedenskonferenz uns die Barmherzigkeit der Feinde gewinnen und was noch heißer ersehnt werden muß, die Unerbittlichkeit gegen eine Autokratie des Worts, die, solange sie lebt, uns nie des Verlustes der andern wert sein lassen wird. Sollten wirklich Königreiche zerstoben sein und über dem größten Umsatz des blutigen Schicksals, den je die Welt erlebt hat, ein Schlachtbankier unerschüttert in seiner erhabenen Niedertracht thronen, bleibendes Hindernis aller Erhöhung und Befreiung, wirkender Vorschub allem Faulen in Welt und Staat? Als der schmutzigste Triumph der Materie über den Geist: denn wahrlich, was sind die Vernichter sichtbaren Menschheitsgutes, deren Unumschränktheit doch an der vorhandenen Quantität sich ersättigen mußte, gegen eine Pest, die fortwirkt in die Generationen! Es wäre wenig an der Welt geändert, wenn die Dämonen geblieben und nur die Prokura gewechselt wäre; sie würden die Tyrannei der Formen, durch die unser Inhalt so ins Verderben kam und deren Zertrümmerung all unsern Kriegsgewinn bedeutet, immer aus sich selbst erzeugen, und die Kolumnen, die ein Benedikt aus der Erde stampft, sind irgendeinmal Formationen, um für die schwärzeste Hausmacht die Atempause der Welt zu kürzen. Man müßte an der Macht des Geistes verzweifeln, wenn er wohl stark genug war, die Materie der Waffe zu bezwingen, aber an der des schlechten Worts versagte und was er über das Blut vermocht hat, gegen die Druckerschwärze nicht behaupten könnte. Ach, wenn der Neuen Freien Presse und allem Gelichter unserer Nacht nichts anderes widerfährt, als daß es das Opfer des Putsches von Feuilletonisten wird, die selbst diesen Beruf verfehlt haben und auf dem Umweg über die Rote Garde in eine Redaktion kommen möchten; wenn Zeitungsleute die Märtyrer eines Vorstoßes werden, der weniger Überzeugungskraft hat als ein landläufiger Grubenhund; wenn es den Zerstörern aller Friedenswelten gelingt, sich in den Schutz der republikanischen Ordnung zu flüchten, anstatt daß es dem neuen Weltwillen gelänge, die Bestie mit einem Axthieb niederzustrecken – dann wäre mindestens der Beweis geliefert, daß er unserem Umschwung mißtraut, daß er uns nicht für reif hält, ohne Aufsicht unserer Vampyre fortzuleben. Es scheint ja alles dafür zu sprechen, daß wir dem Gesetz der Trägheit, dem einzigen, welches keine österreichische Regierung je gebrochen hat, noch über das Grab der Monarchie Treue bewahren und, weil es sehr schön war und uns sehr gefreut hat, den ganzen Geistesdreck und Gemütströdel ihres Hausrats übernehmen wollen. Es scheint, daß die Revolutionierung der Herzen, die hier allzukühn mit einer Entfernung der Hoflieferantenwappen eingesetzt hat, es bei dieser bewenden lassen will und daß wir dazu verdammt sind, das österreichische Antlitz, welches so lange das Gegenteil der Welt war, auch fernerhin und auf der sich selbst überlassenen Schulter zu tragen. Der Portier des Auswärtigen Amtes, heißt es bereits, sei mit der Republik nicht einverstanden, und das will, zumal wenn sich die der andern Staatsämter anschließen, mehr bedeuten als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Man kann das nicht genug überschätzen; die Welt hat Krieg führen müssen, weil sie unsere lokalen Verhältnisse zu wenig gekannt hat. Aber die Hausmeister allein könnten's nicht richten, wenn sie nicht der Unterstützung der Parteien gewiß wären und wenn sich nicht diese ganze unausrottbare Art von Menschen, die einander alle hinter sich haben, schon verständigt und in einer passiven Resistenz, die viel mehr als alle Aktivität anderer Volkstemperamente Entwicklungen beeinflußt, sich zu Gruppenbildungen und Verkehrshindernissen gefunden hätte. Die falsche Besorgnis der einen, daß hier republikanische Zustände Platz greifen, und der andern, daß hier monarchistische Überraschungen eintreten könnten, beruht auf einer Überschätzung der Wiener Möglichkeiten, nein, es bleibt alles beim Neuen, nur daß ein konstanter Widerstand aus den Niederungen, in denen die Hof- und Personalnachrichten um ihr Dasein ringen, auf Schritt und Tritt die Anwendung neuer Normen verhindern wird. Gewiß, sie schreien nach Habsburg wie der Hirsch in der Jagdausstellung nach der Quelle, und sie würden das Wiederauftreten Karls so begeistert wie nur eines Marischka begrüßen, aber aus keinem andern Grund, als weil es ein Wiederauftreten ist. Nicht wer beim Bühnentürl herauskommt, sondern daß einer herauskommt, erzeugt die Wärme, und die Beliebtheit kommt hier ebenso von der Popularität wie die Armut von der Powerteh. Sie denken sich ja nichts dabei, höchstens daß nichts dabei ist und daß man dabei sein kann, was eben in der Republik, wo jeder dabei sein kann, viel schwieriger ist. Weil dieselben Leute, die eine Zeitlang »p. u.« waren, es nicht mehr erwarten können, wieder u. a. registriert zu werden und weil die Klio hier in der Kärntnerstraße spazierengeht, kann es passieren, daß zweitausend Republikaner in einem Konzertsaal einer Brettlsängerin zujauchzen, die durch die Erinnerung an den guaten alten Herrn in Schönbrunn, dessen Auge auf seinen Wiener Edelknaben wohlgefällig ruht, justament der Weltgeschichte beweisen wollte, daß mir mir san. Dabei übersehe man ja nicht die tiefe Unechtheit dieser Nostalgie, die, ohne Verbindung mit den Kulturreizen einer bessern Wiener Zeit, sich bloß von einem Farbendruck der Gemütlichkeit nicht trennen will. Es ist bei weitem nicht jene Nobelfäulnis, die bis um 189o der lokalen Kultur einen gewissen Weltwert verliehen hat und deren letzte Spuren im blutigen Chaos genau so vertilgt wurden wie die norddeutsche Spezialität der Ordnung. Es ist vielmehr eine Geschmackigkeit, die durch die Barbarei des Kriegs nur gewonnen hat: das neuwienerisch-jüdische Element, ein eben angelangter und sofort rabiater Provinzcharakter, jenes fast naive Widerspiel von Scham und Schönheit, jene picksüße Lebensfrische, die nicht überwintern kann ohne die Aussicht auf ein fettes Ischl mit seiner vollkommenen Pervertierung der Kaiserpracht zu einer Orgie der unwahrscheinlichsten Mißformen, seiner phantastischen Nachbarschaft von Kabinettskanzlei und Theatercafe und den betäubenden Tonfällen einer Esplanade, die als ein sommerlicher Franz-Josefs-Kai die Huldigung komplett macht. Es ist jenes Österreich, das sich wirklich mit Recht nach sich zurücksehnt, weil es, wenngleich abgeschlossen von der Welt, nie mehr so unter sich sein wird. Es ist das Österreich der kaiserlichen Räte. Sie waren nur das Spalier, durch das am 18. August die Majestät fuhr; aber die Staatsweisheit kam ans Ziel, als hätte sie wirklich von all dem Rat mitgenommen. Dieser echt österreichische Einfall war vielleicht mit ein Grund allen Mißverständnisses über uns: daß die letzte Menschenkategorie anstatt eines gelben Flecks einen Titel bekam, welcher der schlecht informierten Umwelt nach der höchsten Würde klingen mußte, jenen maßlos erstaunten Europäern, die solche Exemplare von Conseiller imperial die Sauce mit dem Messer essen sahen und sich nun vom Niveau der niedriger gestellten Bevölkerung eine Vorstellung machten. Und wie soll die durch solche Vertreter der Monarchie verwirkte Achtung einer Republik zurückgewonnen werden, die sich durch die Pflicht politischer Toleranz von der tiefern Pflicht entbunden glaubt, den Parasiten der alten Macht den Übertritt zur neuen zu verwehren, und die es erträgt, daß dem Wechsel der Systeme das feierliche Sinnbild eines im gekauften Hofwagen sich dehnenden Eskompteimperators entsteht. Die Möglichkeit solch apokalyptischer Vision und die Sehnsucht derselben Grabenpassanten, die den Scheuel nicht mit Pflastersteinen erlegen, nach dem frühern Insassen der Equipage, sie gehören in ein und dasselbe Bild einer spezifischen Kultur, die auf dem Erdkreis ihresgleichen nicht hat. Denn ihre wesentliche Einheit ist der Schlamm, der die Verschiedenheit aller möglichen Empfindungswelten undeutlich macht und schon einen Tiefseeforscher braucht, um die Geheimnisse einer am Tag ihrer Gründung versunkenen Stadt zu offenbaren. Für einen Marsbewohner wäre es jedenfalls unfaßbar, daß hier eine Republik etabliert wurde und die ganze Mischung von Ghetto und Bierstüberl, nicht nur als Naturfarbe, nein auch als der unmittelbare politische Ausdruck unserer Neigungen uns erhalten blieb; daß jene undefinierbare Spezies, die sich »deutschnational« nennt und die wohl unter allen lebendigen Formen die rätselhafteste ist, nicht nur nicht am ersten Tag weggeblasen war, sondern obenauf ist, nachdem sie bis zum letzten Generalstabsbericht den ganzen Bieratem ihrer Leidenschaft an einen Siegfrieden gewendet hat. Jene Sorte, neben der das feindliche Ausland, wenn es sich noch einen Funken Gerechtigkeitsgefühl bewahrt hat, den Preußen als einen Kulturträger hinnehmen müßte und für die mir auf der Suche nach einem Personennamen in meinem tragischen Karneval der Zufall einer Lokalnotiz ein Zauberwort, das alles Wirrsal bändigt, in den Schoß geworfen hat: Kasmader! In welchem Namen könnte sich diese Partie von Deutschösterreich, und eigentlich das ganze, glücklicher darstellen? Man spürt sofort, daß alles Eau de Lubin, über das die Entente verfügt und das sie allein schon befähigt hat, dem alldeutschen Gedanken die Spitze zu bieten, nicht ausreichen würde, um Kasmader der Welt unbedenklich zu machen, und es wäre wahrlich nicht unbillig, wenn sie sich zur dauernden Einrichtung eines Konzentrationslagers entschließen wollte, worin das Wesen, von Nahrungssorgen natürlich befreit, seine Tage hinzubringen hätte, mit der Erlaubnis, über die Lage der Deutschen in Österreich weiterhin nachzudenken, auch seinen sonstigen Belangen hingegeben, aber des Anspruchs verlustig, die bare Unmöglichkeit, an die Welt Kultur abzugeben, und die Unfähigkeit, sie von ihr zu nehmen, in gefährlichen Experimenten auszuleben. Das Wunder der Befreiung von der alten Macht, dessen wir uns bei jedem neuen Erwachen versichern müssen, berührt um so wunderbarer, als uns ihre Stützen vollzählig erhalten geblieben sind, so daß wir eigentlich nur dem Divertissement von Verwandlungskünstlern beiwohnen, die uns noch dazu die Methode verraten, indem sie uns zuzwinkern, sie wären eigentlich die Alten. Die Komik der Shakespeareschen Gelegenheitskomödianten, die dem Herzog und seiner Familie eine »höchst klägliche Komödie« vorführen, ist erst in der Zumutung, sich die Herren Wolf, Hummer und Teufel als Republikaner vorzustellen, übertrieben. »Ist unsre ganze Kompagnie beisammen?«... «... Wenn ich's mache, laßt die Zuhörer nach ihren Augen sehn! Ich will Sturm erregen, ich will einigermaßen lamentieren ... eigentlich habe ich doch das beste Genie zu einem Tyrannen; ich könnte einen Herakles kostbarlich spielen, oder eine Rolle, wo man alles kurz und klein schlagen muß.«... »Habt ihr des Löwen Rolle aufgeschrieben? Bitt' euch, wenn ihr sie habt, so gebt sie mir; denn ich habe einen schwachen Kopf zum Lernen.« ... »Laßt mich den Löwen auch spielen! Ich will brüllen, daß es einem Menschen im Leibe wohl tun soll, mich zu hören. Ich will brüllen, daß der Herzog sagen soll: Noch 'mal brüllen! Noch 'mal brüllen!« »Wenn ihr es gar zu fürchterlich machtet, so würdet ihr die Herzogin und die Damen erschrecken, daß sie schrien, und das brächte euch alle an den Galgen.« »Ja, das brächte uns alle an den Galgen, wie wir da sind.« »Zugegeben, Freunde! wenn ihr die Damen erst so erschreckt, daß sie um ihre fünf Sinne kommen, so werden sie unvernünftig genug sein, uns aufzuhängen. Aber ich will meine Stimme forcieren, ich will euch so sanft brüllen wie ein saugendes Täubchen: – ich will euch brüllen, als wär' es 'ne Nachtigall.« – »Es kommen Dinge vor in dieser Komödie von Pyramus und Thisbe, die nimmermehr gefallen werden. Erstens: Pyramus muß ein Schwert ziehen, um sich selbst umzubringen, und das können die Damen nicht vertragen. ..« »Ich denke, wir müssen das Totmachen auslassen, bis alles vorüber ist.« »Nicht ein Tüttelchen; ich habe einen Einfall, der alles gut macht. Schreibt mir einen Prolog, und laßt den Prolog verblümt zu verstehn geben, daß wir mit unsern Schwertern keinen Schaden tun wollen; und daß Pyramus nicht wirklich totgemacht wird; und zu mehr besserer Sicherheit sagt ihnen, daß ich Pyramus nicht Pyramus bin, sondern Zettel der Weber. Das wird ihnen schon die Furcht benehmen.«... »Werden die Damen nicht auch vor dem Löwen erschrecken?« »Ich fürcht' es, dafür steh' ich euch.« »Meisters, ihr solltet dies bei euch selbst überlegen. Einen Löwen – Gott behüt' uns! – unter Damen zu bringen, ist eine greuliche Geschichte; es gibt kein grausameres Wildpret als so 'n Löwe, wenn er lebendig ist; und wir sollten uns vorsehn.« »Deshalb muß ein anderer Prologus sagen, daß es kein Löwe ist.« »Ja, ihr müßt seinen Namen nennen, und sein Gesicht muß durch des Löwen Hals gesehen werden; und er selbst muß durchsprechen, und sich so, oder ungefähr so applizieren: Gnädige Frauen, oder schöne gnädige Frauen, ich wollte wünschen, oder ich wollte ersuchen, oder ich wollte gebeten haben, fürchten Sie nichts, zittern Sie nicht so; mein Leben für das Ihrige! Wenn Sie dächten, ich käme hieher als Löwe, so dauerte mich nur meine Haut. Nein, ich bin nichts dergleichen; ich bin ein Mensch wie andre auch: – und dann laßt ihn nur seinen Namen nennen, und ihnen rund heraus sagen, daß der Schnock der Schreiner ist.« – Der Hof: »Gut gebrüllt, Löwe!« – Doch hätte wohl keine Phantasie, die je dem Humor menschlicher Maskeraden nachging, an die Wirkung der Jammergestalten herangereicht, die die Rollen unserer Revolution verteilen und denen es zwar zeitgemäß erscheint, in die Verkleidung zu schliefen, aber auch ratsam, sie nicht ganz auszufüllen. Nur daß unser Galeriepublikum dickfelliger ist als selbst ein Löwe und die Produktion sich gefallen läßt, und wenn ihm rund heraus gesagt wird, daß es der Teufel ist, nicht im Gefühl der Beruhigung in helles Gelächter ausbricht.

Und wäre denn sonst auch das Wiederauftreten dieses Czernin auf einer Szene denkbar, wo sein erstes Engagement mit einem Theaterskandal geendet hatte, dem gewiß nur die Not an faulen Äpfeln den sichtbaren Ausdruck erspart hat? Eine politische Karriere jedoch, die sich nach Abschluß einer politischen Karriere geradezu auf die Erfahrung gründen will, daß in Wien alles möglich ist und nichts unmöglich macht, dürfte selbst in Wien eine Kuriosität sein und eben darum auf den Zuspruch des hiesigen Bürgertums rechnen können. Oder wie der gräßliche Vorbeter unserer Teufelsdienste es ausdrückt: »Wenn Graf Czernin das Wort ergreift, horcht die europäische Öffentlichkeit auf.« Die europäische Öffentlichkeit, das ist jene von Revolutionsstürmen unversehrte Gesellschaft, die im Saal des Gewerbevereins Platz hat, die irgendetwas »vertritt«, sei es die Industrie, die Politik oder die Wissenschaft, und deren Zwielicht auch ohne Übertretung der Beleuchtungsvorschriften das Bemerktwerden ermöglicht. Kurzum, »eine gleichsam politisch und geistig geschlossene Gesellschaft, ein Auditorium von besonnenen und ernsten Menschen, denen es ein Bedürfnis ist, mitten in der überreizten und überlauten Wirrnis dieser Tage, einen Rückblick über Vergangenes zu hören«. Redner befriedigt dieses Bedürfnis restlos, wobei sich »an markanten Stellen die Hand zur Faust ballt«, nämlich die Hand des Redners. »Aus dem herzlichen Beifall, der ihn begrüßt, sind die lebhaften Sympathien herauszuhören.« Die Sympathien schlechtweg, die Sympathien in ihrer Reinkultur, da sie aus solchen Herzen stammen. »Wann immer er das Wort ergreift und worüber immer er spricht« – ob über die Notwendigkeit eines Völkerbunds oder über die Unzerreißbarkeit der Nibelungentreue, über Abrüsten oder Durchhalten, über den ewigen Frieden auf dem Dach oder ein belgisches Pfand in der Faust des Redners, über die Getreideschätze in der Ukraine oder über den elenden, erbärmlichen Masaryk – »immer hat der Zuhörer das Gefühl: hier spricht eine starke Persönlichkeit«, eine, deren Engagement bei der Neuen Freien Presse nur eine Frage der großen Zeit ist und nach Aberkennung des innern Adels perfekt sein dürfte. Er spricht »in zwangloser Haltung, die eine Hand in der Hosentasche«, wo sich wahrscheinlich derzeit das Faustpfand befindet, alles blickt gespannt in die Richtung, »den vorgestreckten Köpfen, den aufhorchenden Mienen merkt man es an, daß alle begierig sind, einen Kronzeugen aus dem großen Prozeß des Weltkriegs zu hören«, der, wie das bei Monstreprozessen zu geschehen pflegt, sich plötzlich in einen Angeklagten verwandeln könnte. Man kann alle diese Vorgänge zum Glück genau sehen, wiewohl der Saal des Gewerbevereins »nur schwach beleuchtet ist«. Aber den Redner ficht das nicht an, er läßt auch »seine Gedanken klar und deutlich erkennen«, wozu ihm allerdings seine Sprache hilft, die er nämlich meisterhaft beherrscht und die ihm kein Mittel ist, jene zu verbergen. Was in meinen Augen ein Nachteil ist, den er vor den Diplomaten der alten Schule entschieden voraus hat. Aber was will man machen, der Kontakt ist sofort da, die Zuhörer sind im Banne, und »als Graf Czernin von dem Blutsbündnis mit Deutschland spricht, wird zum erstenmal laute beifällige Zustimmung vernehmlich«, wobei es unklar bleibt, ob zum Bündnis, das Blut gekostet hat, oder zum Lob eines solchen Bündnisses oder zum Bedauern über ein solches Bündnis. Immerhin, er hat heute »zum erstenmal als einfacher Privatmann, als Bürger des deutschösterreichischen Staates das Wort ergriffen« – die Zuständigkeit dürfte geklärt sein, da kein Hund in Böhmen vom Czernin einen Bissen aus der Ukraine nimmt – und die Zuhörer »verlassen den Saal mit einem starken Eindruck und mit dem Wunsche, den Grafen Czernin noch oft zu hören«. Gesagt, getan; schon reift der Wunsch zur Erfüllung, da der schlichte Republikaner von einer dankbaren Bevölkerung, der er den Brotfrieden gebracht hat, in die Nationalversammlung gewählt werden dürfte. Und was hat er ihr, was hatte er jenem Auditorium, das in der theaterlosen Zeit dem Gewerbevereinssaal zuströmte, zu sagen? Was könnte uns ein Mann zu sagen haben, der den Weltkrieg nicht begonnen, nein, verlängert hat? Was gibt ihm das Recht, die europäische Öffentlichkeit, die sich vor den Alibiträgern der Kriegsschuld die Ohren zuhält, aufhorchen zu machen, anstatt sich vor ihr in jenes Mauseloch zu verkriechen, das eine starke Persönlichkeit unstreitig noch besser zur Geltung bringen würde als ein nur schwach beleuchteter Saal? Tritt er uns als ein Reuiger an, der auf den mildernden Umstand rechnen könnte, daß er nicht gleich jenem Berchtold durch eine Flucht in die Schweiz, sondern an Ort und Stelle seine Schuld bekennt? Will er, indem er sich als ein Opfer der allgemeinen Dummheit vorstellt, die Schuld auf jene schieben, die ihn in solcher Zeit zum Staatsmann gemacht haben? Das könnte, wenn er zur Stelle wäre, jener Schwachkopf, der den Krieg eröffnet hat und der am Tag des Ultimatums mit leuchtenden Augen zu einem andern Würdenträger sagte: »Jetzt hat die Armee ihren Willen!« Das könnte der einfältige Berchtold; der vielfältige Czernin kann das nicht. Der kann anders. Wie kann er? Was kann er einer gleichsam geistig und politisch geschlossenen Gesellschaft, einem Auditorium von besonnenen und ernsten Menschen sagen, das diesen das Auftreten eines Mannes erträglich machte, der den Krieg verlängert hat? Er habe es getan, um gleichsam im Geiste Berchtolds der Armee ihren Willen zu lassen? Nein, im Gegenteil! Er hat den Krieg nur verlängert, weil das so sein mußte und weil er das eben gewußt hat. Aber es ist so originell, so verblüffend, so niederwerfend, daß man es nur durch das Medium des Leitartiklers auf sich wirken lassen kann, also durch eine Vermittlung, deren man sich sonst nicht ohne Abscheu bedient. Da gelingt es denn, über den Grafen Czernin, also über einen von den Staatsmännern, die in leitender Stellung »an den blutwarmen Ereignissen mitwirkten« – was schon eine kräftige Charakterisierung ist –, unter dem packenden Titel »Die Kämpfe des Grafen Czernin mit dem General Ludendorff über den Frieden« das Folgende zu erfahren: »Er hat gewußt, daß jeder Sieg eine Tragödie sei, weil er den Krieg verlängere, ohne das Ergebnis ändern zu können.« Er, nämlich der Sieg, nicht der Czernin hat den Krieg verlängert. Er, nämlich der Czernin, hat es gewußt! Er, nicht ich. Wenn ich nicht sicher wäre, daß diese Anerkennung an dieser Stelle nicht mir gelten kann, weil solche Umstürze im Kosmos eben undenkbar sind, ich hätte es einen Augenblick lang geglaubt. Daß es der Nachfolger Berchtolds sei, der solche Erkenntnis, der so wenig Neigung hatte, der Armee ihren Willen zu lassen, jener Mann, der's doch so ausgiebig getan hat, der Graf Czernin, merkte ich, als ich mit wachsendem Staunen über die unbegrenzten Möglichkeiten der Natur weiterlas. Er war also kaum drei Monate im Amt, da erkannte er schon die Gefahren für die Mittelmächte, sah die schwere Niederlage voraus, die Erschütterung der Habsburger und der Hohenzollern, die Revolution, und alles, was er fürchtete, sei »buchstäblich eingetroffen«. Er hat gewußt, daß Österreich nach jeder Rettung durch den deutschen Generalstab »erst recht verloren sei«. »Graf Czernin hatte den Kummer«, den Frieden anzustreben und ihn nicht erreichen zu können, weil der Ludendorff ihn nicht wollte. Er hatte »die Fähigkeit, die Zeit, worin er lebt, zu erkennen«. Er warnte vor optimistischen Täuschungen; er »hörte ein dumpfes Grollen«, es rieselte im Gemäuer, aber nicht etwa in dem der Entente, sondern im unsrigen; die Siege der Feldherren waren »die Irrlichter des Ruhms, die in den Sumpf lockten«, also ganz nach jenem Beispiel, wo sie immer geschrien haben nach der amerikanischen Unterstützung, »nach diesem Irrlicht der Entente, dem sie nacheilt und das sie immer tiefer hineinführt in den Sumpf, in Niederlage und Verderbnis«. Der Graf Czernin hat das alles, nämlich das andere, gewußt. Er war ein Talent. Wir haben gar nicht geahnt, was wir an ihm haben. Wir haben immer geglaubt, die Siege werden es machen. Wir haben immer den Versicherungen des Grafen Czernin geglaubt, und daß wir nur weiter siegen müssen, um zu siegen, und daß es jetzt durchzuhalten gelte. Wir sind dem Grafen Czernin, wie er sprach, hereingefallen, anstatt den Grafen Czernin, wie er war, zu erkennen. Mit einem Wort. »Wir sind Tür an Tür mit einem Manne gewesen, der in der Witterung eines Diplomaten gefühlt hat, daß der Krieg, wenn er immer wieder verlängert werden sollte, nach dem Hinterlande umschlagen und dort in Revolution sich entladen würde.« Und darum hat er ihn verlängert. Und das haben wir nicht gewußt; weder daß es so ist, noch daß es einen Mann gegeben hat, der es wußte. Denn wir haben immer nur auf die Erklärung des Grafen Czernin gehört, daß es nicht so sei, und auf die Anerkennung, die ihm die Neue Freie Presse dafür gespendet hat, und unser Vertrauen zu beiden ward in dem Maß ausgebaut und vertieft, als sie selbst es mit einem Blutsbündnis taten. Wenn sich jedoch noch nach tausend Jahren ein Bedarf herausstellen sollte, der heranwachsenden Jugend, wie es Personifikationen der unzertrennlichen Treue gibt (Osterreich-Ungarn und Deutschland, Kastor und Pollux, Hindenburg und Ludendorff), auch ein Beispiel für unzertrennliche Falschheit darzubieten oder für einen Seelenbund der Unehrlichkeit, die so dumm ist, sich von der Verlogenheit entlarven zu lassen, und der Verlogenheit, die so frech ist, die Unehrlichkeit zu übertölpeln, so wird man die Namen Czernin und Benedikt, jenem zur verdienten Ehre, zusammenstellen. Und wenn es darüber hinaus noch nötig sein wird, das Vorbild einer Schafsgeduld zu finden, die sich solches Spiel der bis zur Ehrlichkeit verlogenen Gestalten gefallen ließ und noch immer nicht wußte, mit wem sie Tür an Tür war, sondern dem Paar noch Beifall spendete, und nicht mit nassen Zeitungsfetzen den witternden Diplomaten hinausjagte, sondern ihn kandidieren ließ und sich gegen den Heilsboten der Siegestragödien nicht in einer Revolution entlud, sondern im Abonnement – wenn's dafür eines Vorbilds bedürfen sollte, so wird man unfehlbar auf das Wiener Auditorium von besonnenen und ernsten Menschen zurückgreifen, auf die gleichsam geistig und politisch geschlossene Gesellschaft der deutsch-österreichischen Republik. Die nicht nur einen Menschen täglich liest, der der deutschen Sprache, der Wahrheit, dem Takt, dem Gehör, dem Geschmack, dem Geruch, jedem Nerv, dem Magen, dem Sack und überhaupt allem was schutzbedürftig ist, Schmach und Gewalt antut, sondern die auch einen Menschen anhört, der ihr zum Beweis seiner Kriegsunschuld erzählt, er habe gewußt, daß der Krieg das infamste Verbrechen sei und der Sieg das größte Unglück, und welche mit keinem Zwischenruf die von jenem andern so geschätzte »Laienfrage« stellt, warum er denn nicht aus seinem Wissen die Konsequenz gezogen und nicht lieber den dunkelsten Abtritt dem Verbleiben im Licht der verantwortlichsten Stellung vorgezogen habe, warum er Wilson gemeint und Ludendorff getan, Kant gesagt und Krupp gemeint, den Weltfrieden gesagt und Brest-Litowsk getan, zum Zwiespalt von Wort und Tat sich auch des Widerspruchs zwischen Wort und Wort schuldig gemacht habe, nie aber der Verleugnung seiner Tat. Warum er, anders als Fiesko, nur malte, was andere taten, und anders als Czernin, nur meinte, was andere malten, und jene beschimpfte, diese konfiszieren ließ, so daß sein Mund jenen die Tat absprach und seine Hand diesen sein eigenes Wort aus dem Mund nahm; wenn er aber selbst nicht zu sprechen wagte, weil Ludendorff in der Nähe war, sich auf Hertling berief, der ihm »das Wort aus dem Munde nahm«. Aber dies hätte er seinerseits dem Frager besorgt; denn die ganze Haltung der schwankenden Gestalt, die sich uns wieder naht und zudrängt, nachdem sie sich einst dem trüben Blick gezeigt, erklärt er einfach damit, daß er nicht nur von der Katastrophe des Blutsbündnisses überzeugt war, sondern – und das »kann er ohne Überhebung sagen« – »dieses Bündnis verteidigt habe, wie sein eigenes Kind«. Bis zum letzten Blutstropfen, nämlich der seiner Tatkraft sowie Beredsamkeit anvertrauten Völker. Und das kann er wirklich ohne Überhebung sagen; aber daß er es auch ohne Reue sagen kann, ist erschreckend. Und warum tat er so? Warum hat er uns den Glauben an die deutschen Siege, den er als Irrwahn erkannt hatte, ausgebaut und vertieft und solches durch seinen Kumpan als das Leitmotiv einer unendlichen Melodie uns bis zur Verzweiflung eingeben lassen? Einfach aus dem zweifachen Grunde: weil »Deutschland, wenn wir austraten, den Krieg nicht weiterführen konnte« – scheinbar ein Ziel aufs innigste zu wünschen, zumal für einen Staatsmann, der den Frieden herbeiführen will; aber mit dem Wesen eines Blutsbündnisses offenbar nicht zu vereinen – und dann, weil »bei dieser Situation«, also wenn Deutschland keinen Krieg mehr führen konnte, »es gar kein Zweifel ist, daß die deutsche Heeresleitung einige Divisionen nach Böhmen und nach Tirol geworfen hätte, um uns dasselbe Schicksal zu bereiten, wie seinerzeit Rumänien«. Und keiner der besonnenen und ernsten, geistig und politisch doch geschlossenen Menschen, die in einem und demselben Satz Deutschlands Waffenstreckung und Deutschlands Offensive gegen Österreich verknüpft finden, fragt den Plauderer, ob er, wenn er vielleicht sagen wolle, daß das besiegte und darum unbeschäftigte Deutschland zu einer Unternehmung gegen Österreich fähig gewesen wäre, nicht auch der Meinung sei, daß die siegreiche und darum unbeschäftigte Entente noch fähiger gewesen wäre, Österreich vor dem provisorischen Schicksal zu behüten (ja es vielleicht gar abzuwenden), das ein siegreiches Deutschland Rumänien bereitet hat, nach dessen Eintritt in den Weltkrieg – nicht Austritt aus dem Weltkrieg – es ja nicht nur gegen Rumänien, sondern auch gegen die Entente gekämpft hat, während es jetzt »den Krieg nicht weiterführen könnte« und wenn doch gegen Österreich, so doch nicht gegen eines, dem die Entente zu Hilfe kommt. Und in der Hand des Mannes, dessen seichte Bravour nur eine gegen den Tonfall wehrlose Intelligenz von Wiener Zeitungslesern über den Mangel jeder sittlichen und geistigen Haltbarkeit, jeder Führung und Hemmung, jeder Stütze von Wahrhaftigkeit oder Logik betrügen kann, war das Schicksal dieser Millionen, das Schicksal der Menschheit verwahrt. Kein hohnvolles Echo wirft ihm den Appell an eine »bessere Welt« ins Gesicht zurück, die er aus dem Blutmeer aufsteigen sieht und deren Ankunft er um genau so viel Zeit verzögert hat als er Minister war. Kein Zornruf eines der zuhörenden Hinterbliebenen verschmäht die Kondolenz des Blutschuldners, daß »dann jene nicht umsonst gestorben sind, alle unsere Lieben, die da draußen liegen in der fremden kalten Erde«, jene, die sterben mußten, weil wir Tür an Tür mit einem Manne gewesen sind, der gewußt hat, daß jeder Sieg eine Tragödie sei, da er den Krieg verlängere, ohne das Ergebnis ändern zu können, und der nicht die Fähigkeit hatte, diese Erkenntnis in die Tat umzusetzen, aber auch nicht den Anstand, die Tür zu öffnen und die Stätte einer so aussichtslosen Untätigkeit zu verlassen. Der gewußt hat, daß der Sieg den Krieg verlängere, und der desgleichen tat! Wir aber, die vielleicht gewußt haben, was er wußte, aber nicht, daß er es wußte und seine und unsere Zeit mit schwermütigen Gedanken hinbrachte, hatten darum keinen Grund ihm jene Tür zu weisen, wohl aber heute Grund genug, die »männlich freimütigen und prophetischen Worte seiner Denkschrift an den Kaiser Karl« zu bewundern, die auf die politisch und geistig Geschlossenen einen nicht minder tiefen Eindruck machten wie das Wort vom Blutsbündnis. Und eine Erkenntnis, die die anständigen Menschen schon vor diesem elenden und erbärmlichen Czernin im Herzen getragen und nur mit scheuem Seitenblick nach irgendeinem seiner Spitzel einander zu versichern wagten; eine Erkenntnis, für die er hochgestellte und dabei reinliche Gegner seines Wirkens überwachen ließ, und vor der er den Kaiser absperrte, wenn die Gefahr bestand, daß sie zur Ehre eines Entschlusses reifen könnte; eine Erkenntnis, für die noch in der Ara Czernin der Generalstab manchen gehängt hat, ich aber, der sie hinausrief, unbehelligt blieb und erst als sie mir auch in einem anonymen Brief nachgerühmt wurde, der Kriegsminister die Staatspolizei zu mobilisieren suchte und ein Geheimakt entstand, worin ich, der nie eine Ehrenstellung angestrebt hat, zum »Haupt des Defaitismus in Österreich« ernannt wurde – eine solche Erkenntnis kann heute als der Beweis staatsmännischer Erleuchtung berufen werden und eines Staatsmannes, der von ihr nicht nur keinen Gebrauch gemacht, sondern die gegenteilige Überzeugung ausgebaut und vertieft hat. Gewiß, ich war ein Hochverräter; und konnte den Hochverrat, den ich dachte und lauter als andere, lauter als der Graf Czernin aussprach, leider nicht begehen. Aber welch ein Hochverräter war dieser Mann, der des Hochverrats fähig war, ihn nicht zu begehen! Wien, diese vollständige Schatzkammer aller menschlichen Fühllosigkeit und politischen Ehrlosigkeit, wird ihn dafür nicht zum Schandbürger ernennen, sondern in die Nationalversammlung berufen.

So, indem sie den papierdünnen Charakter, der so leicht wiegt, daß er nicht fallen, nur steigen kann, zum Mann ihres Vertrauens machen; indem sie den umsichtigen Lenker ihres Mißgeschicks, den Eitelkeit verhindert hat, rechtzeitig als einfacher Privatmann statt als vielfacher Staatsmann über die Unabänderlichkeit des Ausgangs nachzudenken, als Propheten des von ihm zerstörten Vaterlands anerkennen; indem sie den Schützer des deutschen Blutsbündnisses, der die deutschen Siege gefürchtet hat, den Minister, der es für seine und für unsere Pflicht hielt, bis zur deutschen Niederlage auf dem Posten auszuharren und bis unser Abfall schäbig war, den Politiker, der heute, wo die deutschen Siege nicht mehr zu fürchten sind, die Überzeugung ausbaut und vertieft, daß unser Anschluß an Deutschland vom Übel wäre – indem sie diesen Doppelgänger seiner politischen Karriere in die neue Welt geleiten: tritt am sinnfälligsten unser Verhältnis zu ihr hervor, das kein anderes ist als das der gaffenden Neugierde, welche gestern der Hoheit und heute der Freiheit das Wagentürl öffnet. Und wenn es wahr ist, daß jene dort, denen wir den Anblick verdanken, nun den Sieg des Rechts als Sieg genießen, weil – das eben ist der Fluch der deutschen Tat – die Waffe stärker ist als der Mann und als die Sache, für die er sie verwandt hat; und wenn diese hier, von der sittlichen Macht der Niederlage nicht aufzurichten, verurteilt sind, zu bleiben was sie sind: dann wäre wohl die Menschheit besiegt und der Sieg nur die Entscheidung, daß ihr nicht zu helfen ist. Jene entarten im Gewinn; unser ist der Verlust und vergeblich. Setzten die dort, wie uns, auch sich selbst das Maß, sie würden die Giftquelle erkennen, aus der unsere Welt vergast wurde, bevor wir es der Welt getan. Ihr Sieg hat uns geholfen; nun sollte er sie nicht um die Kraft bringen, nachzuhelfen. Sie haben uns von den Tyrannen befreit; sie sollten uns auch von dem Fluch befreien, Untertanen zu sein. Die Beseitigung des heimlichen Vorgesetzten, den jeder hier zwischen sich und dem Leben hat und den jeder hier jedem vorstellt, und die Erledigung der Gefahr, die solcher Botmäßigkeit von einer gebietenden Geistesfeindschaft droht – welche bessere Hilfe, welch edleren Sinn der Selbstbestimmung, könnten wir uns nach dem Ausgang eines Kriegs, in den diese Macht uns verstrickt hat, von der siegreichen Weltanschauung erhoffen?

Freilich würde die Machtlosigkeit derer, die uns besiegt haben, gegen jene, die uns vorher besiegt hatten, den status quo des allgemeinen Geisteselends wiederherstellen. Denn das gehört ja zum Verbrechen dieser mitteleuropäischen Wahnmächte, die sich den äußern Feind erschuf en anstatt den innern zu erkennen: daß sie den extremsten Zweifler an der weißen Kulturmenschheit – jener christlichen Couleur, die nicht weiß ist von Unschuld, sondern vor Lebensfurcht – in einen Optimisten verwandelt haben. In einen, der durch all ihre Weltvernichtung hindurch bejahen, trotz allem Verhängnis deutscher Siege an eine Entwicklung glauben und die Zurückstellung jeglicher Rassenfeindschaft, die aller diplomatischen Grundregeln spottende Einigung der Menschheit im Haß gegen das Zentrum der Hölle achten mußte als die letzte Regung eines christlichen Bewußtseins, als die letzte elementare Tatsache, deren dieses Europa fähig war, als den Verzweiflungsakt einer Zivilisation, die sich noch auf dem Abweg zeitlicher Richtung spüren konnte und in Todesangst verging, deutsch zu werden wie ein Deutschland, dessen Leben seit seiner Mißgeburt am Sedanstag eine fünfzigjährige Sünde war und das seinen guten Geistern Krieg erklärt hat mit dem Entschluß, die ungünstige geographische Lage zu einer Einkreisung der Welt durch die materialistische Ideologie zu benützen. Der einzig mögliche Optimismus dieser Trübnis würde selbst von der Verzerrung einer Rechtsidee nicht beschämt, die, nicht durch Predigt, sondern nur durch Anwendung analoger Machtmittel an ihr Ziel gebracht, nicht sofort auch der eigenen Rüstung entsagt. Wenn die abendländische Geistigkeit nach der Beseitigung eines Übels, das selbst ein technisch entehrtes Jahrhundert noch geschändet hätte, in ihre zeitgemäße Niederung hinabsinkt und diese Partie der Menschheit eben das ist, was sie ist, aber nur nicht das, was sie geworden wäre, so hat sie trotz allem genug getan, und ihr bliebe selbst in der imperialistischen Ausartung ihrer Lebensform noch eine Sicherheit, jene, die allüberall außerhalb Neudeutschlands, von den Feuerländern bis zu den Samojeden, Kultur bewirkt und die eben das Gemeinsame ist, das sie zur Abwehr geeint und befähigt hat: die Sicherheit, die die Geistesdinge und die Lebensdinge nicht zur Mixtur bringt und wie wenig auch für jene übrigbleibe, doch die Kraft des Auseinanderhaltens und schon dadurch die geistige Möglichkeit behauptet. Es war ein Sieg der einfachen Buchhaltung über die doppelte, und es war ein Sieg des Geistes: daß er sich durch die vollkommenste Investierung in das Lebensgeschäft auch des Kampfes, durch die Beschlagnahme aller Seelengüter bis zu Gott, nicht erringen ließ. Das Wunder am deutschen Sinn, ihn die Trennung der Realitäten von den Idealen erleben zu lassen, vermag nur die Niederlage. Berührt es nicht in dieser Zeit, die jedem Begebnis die Deutlichkeit eines Zeichens gibt, als ein Moment tragischer Läuterung, daß die deutsche Waffenstillstandskommission sich gezwungen sieht, das Herz des Feindes durch die Mahnung an das bevorstehende Weihnachten zu erweichen, uneingedenk einer Vergangenheit, in der ihm Bomben als »deutsche Weihnachtsgrüße« übersandt wurden! Es war das stärkste Beispiel von Verbindung seelischer und materieller Betätigung, und das stärkste Beispiel ihrer Trennung hat das Schicksal bewirkt. Man soll in Ehrerbietung vor solcher Macht nicht forschen, wie sie als Sieger gehandelt hätten, um so weniger als man ja weiß, wie sie als Sieger – nicht als Befreier ihres Landes, sondern als Eroberer – gehandelt haben und daß alle feindlichen Verfügungen nur Kopien sind, mit Ausnahme jener von höchster Würde diktierten Mahnung an die amerikanischen Besatzungstruppen, die kein Vorbild in den deutschen Tagen Belgiens hat, und die man wohl nicht, wie ehedem die Drohung einer von der höchsten Sittlichkeit mobilisierten Macht, als »Bluff« verlachen wird. Wären wir die Sieger, es würde den andern schlechter gehen als uns, die die Niederlage in einem Krieg erleiden, den wir begonnen haben. Der Menschenfreund auf besiegter Seite findet sich mit dem glimpflicheren Ausgang ab und begrenzt die Nächstenliebe nicht auf ein Vaterland, das in Wahrheit nur der eigene Magen oder die eigene Börse ist. Denn der Selbsterhaltungstrieb, der sich lange genug von den Nöten des Gegners genährt hat, befähigt kaum zu einer gerechten Betrachtung der Welt. Der will nicht Buße tun in Armut; er ruft das sittliche Gewissen an, um die Selbstbestimmung des Zinsfußes zu retten. Die Entente verlangt die Unterbringung des Goldbestandes der Reichsbank außerhalb des gefährdeten Berlin; ob Vorwand oder Vorsicht: »Diese Bosheit konnte nur in der Hölle ausgesonnen werden«. Welcher Region aber mag »Gelbkreuz« entstammt sein, die deutsche »Handgasbombe B, deren Giftmasse sich verspritzt und starke eiternde Wunden erzeugt, die eine ähnliche Flüssigkeit wie bei Tripper absondern und noch innerhalb eines Tages unter qualvollen Schmerzen den Tod des Betroffenen herbeiführen«? Wie bitter der feindliche »Sieg« in einem Kriege, den Deutschland bis zur Niederlage nur militärisch entschieden haben wollte, auf unserm äußern Leben lasten, wie hart er jene Unschuldigen treffen wird, die doch nie so unschuldig hätten sein dürfen, die Ruchlosigkeiten der Kriegführung und jene des Friedens von Brest-Litowsk ihren Verderbern und sich selbst als Triumph anzurechnen – der Gegenfaust, und wäre ihr Druck durch keinen Handschuh gelindert, gebührt der Dank aller, die sie von den härtern Bedrückern befreit hat, und vor dem härtesten, sich selbst, befreien möge! Wenn der Sieg den Siegern Unheil bringt – den Besiegten hat er geholfen. Der besorgte Republikaner, der schon vom Konkurs eines Staates, der ihm die Lebensgüter schuldig geblieben ist, ihre Rückerstattung erwartet, ist kein anderer als der unsaubere Patriot, der noch für sein späteres Wohlergehen fremde Leiden ertragen hat. Aber es ist ein Glück, daß die Jahrtausenddinge trotz der Enttäuschung jener geschehen, die sie aus der Perspektive ihrer Kaisersemmel betrachten, aus jener Perspektive, aus der der Krieg vor seinem Beginn zu betrachten und zu vermeiden war. Notwendiger als das Notwendige ist, daß wir ein Leben zu führen lernen, in dem wir geschützt sind vor der Möglichkeit, das Notwendige dadurch zu verlieren, daß wir uns daran verlieren.

Könnten sie uns den Lebenszweck wieder ins Land bringen, um den alle Regenten unserer Armseligkeit uns betrogen haben, wir lernten an einen Gott glauben, der die Niederlagen spendet. Denn mit den Lebensmitteln, deren Knappheit zwar auch der Mißerfolg jener ist, die durch eine Fülle an Todesmitteln der Welt zu imponieren glaubten – aber leider nicht ihre, sondern ihrer Sklaven Strafe –, ist es bei weitem nicht getan. Das primum vivere deinde philosophari ist eine plane physikalische Erkenntnis. Aber wenn primum philosophari wäre, käme es nie so weit, sie beherzigen zu müssen. Jetzt ist sie der Notausgang eines falschen Lebens, daß gerade anstatt alles Leben auf das Denken, alles Denken auf das Leben eingestellt hatte und darum an diesem und jenem verarmen mußte. Wenn philosophari primum ist, ergibt sich alles vivere »deinde« und viel reicher, es wird wieder zur selbstverständlichen Voraussetzung alles Denkens, so daß dann der Satz als die Anleitung zu einem geordneten Lebenshaushalt erst zu Ehren kommt. Wir brauchen das Leben als Zweck, damit uns künftig das Leben als Mittel nicht fehle. Die Zubuße ist Wohltat für Bettler, aber solange nicht jene zu büßen haben, deren Wille es war, daß wir zu Bettlern wurden, ist uns schon gar nicht geholfen. Eben an dem Schauspiel, wie eine am Krieg unbeteiligte, nur ihn führende Gesellschaft noch immer die Waggons zählt, die ihren Schleichhandel besorgen, und schon die Waggons, die sie von feindlicher Großmut und neutraler Barmherzigkeit erwartet, sollten Engländer und Franzosen, aber nicht die, die sie als »weiße« von den »farbigen« unterschied, sondern eben diese erkennen, welche Menschenart, keiner Farbe der Scham und der Beschämung fähig, am Fuße des Kahlenbergs haust. Die Schweizer, verkünden sie, sparen sich's vom Mund ab; jede Stadt dort will die erste sein, Hilfe zu bringen; die Leute in Zürich sagen, daß sie »unter den Hiobsnachrichten aus Wien seelisch leiden, als ginge das Gespenst des Hungers durch ihre eigene Stadt«. Und nun stelle man, wenn man genug Phantasie hat, Tatsachen zu bemerken, dem mitleidenden Ausland jene Wiener Wirklichkeit gegenüber, die nicht hungert und friert, nicht um ein Deka Fleisch die Nächte im Dreck steht, nicht barfüßig durch finstere Tage schleicht und nicht, eh' der Friede kommt, von der Tuberkulose erwürgt wird. Ja, gibts denn solche Ausnahme? Geschiehts denn nicht allen? Wenn Krieg ist, also wenn der Feind oder die Behörde für Hunger und Kohlenmangel gesorgt haben, so müssen doch alle frieren und hungern? Reich oder Arm kann doch nur in der Unbill des Friedens, wenn just keine Hungersnot herrscht, aber doch die einen es gut und die andern es schlecht haben, ein Unterschied sein; dann hungern, wie sich's gehört, die Armen. Aber wenn Krieg ist und Krieg Krieg ist, wenn also Hungersnot herrscht, so herrscht sie doch über alle? Nein, da wird der veränderten Sachlage höchstens die Konzession gemacht, daß auch der »Mittelstand« arm wird und deshalb hungert. Aber die Reichen hungern noch immer nicht. In keinem Notstandsausweis wird es behauptet. Und wenn sie nicht hungern, so wäre wohl der Beweis erbracht, daß Speise vorhanden ist, woraus sich mit zwingender, nur nicht die Reichen zwingender Notwendigkeit der Schluß ergäbe, daß keine Hungersnot herrscht. Die Erkenntnisse, die sich hier aus Problem und Quantität schöpfen lassen, sind so primitiv, daß man sich ihrer fast so schämt wie des Sachverhalts, und das Staunen des Tolstoischen Bauern über die Sünde des Zinsennehmens wird daneben zur nationalökonomischen Finte. Die zum Himmel eines Christenlands stinkende Infamie, daß die von Gott ganz gleichartig erschaffenen Magen nicht einmal nach dem Existenzwert der ganzen Leiber, sondern nach dem Inhalt ihrer Taschen unterschieden werden, so daß nicht nur jene, die sie schon vor dem Krieg gefüllt hatten, sondern auch solche, und zumeist solche, die sie erst durch den Krieg gefüllt haben, auch den Magen gefüllt kriegen, die andern aber auch damit leer ausgehen – raubt den Räubern nicht nur nicht den Schlaf, sondern wird von ihnen selbst, den aus irgendeinem geheimnisvollen kataphysischen Grund Bevorzugten, als der natürlichste Zustand von der Welt vom Morgen bis zum Abend dargeboten, zugegeben und erörtert. Es ist hier möglich, daß in Eßwarenhandlungen, die unser Idealismus zu Delikatessenhandlungen verklärt hat, wo also eo ipso Zartgefühl vorrätig sein müßte, Menschen ihre Einkäufe besorgen und während sie bedient werden, zuschauen, wie die von draußen hereinschauen und wie, die Nase an das Auslagefenster gedrückt, Hungergesichter die aufgeschichteten Würste als Schauspiel genießen; und in den Zeitungen, die der Verpackung der Ware dienen, werden die täglichen Chancen der Zufuhr aus dem Ausland erörtert für jene, die draußen stehn. Ich lasse mich zu einem Gelübde hinreißen: jedem dieser Wiener, die sich an der Kriegswohltätigkeit zu schaffen gemacht haben und den Weckrufen einer großen Zeit gehorsam selbst Gold für Eisen gaben, wenn's ihnen auf dem Wurstpapier bestätigt ward, jedem der einmal dabei betreten wurde, wie er eines der Kinder, deren hungerstarres Auge seinen Einkauf begleitet hat, in den Laden rief und ihm zu essen gab – will ich das eiserne Wiener Herz zurückverwandeln; doch fürcht' ich, daß das Scherflein, das mir da zu Lasten fällt, kaum ein Schwarzgelbes Kreuz wert sein wird. Denn diese Menschen regen sich selbst dann nicht, wenn vor dem Schaufenster der Delikatessen sich schon das Ausland ansammelt und an die Parias die Gabe wendet, welche man besitzt, indem man sie gibt. Unaufmerksam bleiben die drin nicht; mit der dem Schurkengewissen eigentümlichen Großmut wird der Verteilungsmodus erörtert und eingeräumt, daß nicht in erster Linie sie selbst – wie selbstlos –, sondern »zunächst die Ärmsten der Armen« beschenkt werden sollen. Würden sie nicht drinnen schon bedient, so müßte man fragen: Ja warum denn? Schafft Armut denn ein Vorrecht auf Sättigung? Alle Magen sind gleichartig erschaffen und wenn Hungersnot im Land ist, so haben doch die Reichsten der Reichen die Speise ebenso nötig wie alle andern? Aber sie geben ja zu, auch wenn wir's nicht im Vorbeigehn feststellen könnten, daß sie versorgt sind, und darum überlassen sie den Einlauf der Schweizer Wohltätigkeit zunächst den andern. Und sind sie denn nicht auch an ihr aktiv beteiligt, wie nur an den Gelegenheiten, die die Charitas während des Kriegs gemacht hat? Ihre »Aufmerksamkeit« gilt der Ankunft des Schweizer Hilfszugs, der seinerseits dem genius loci das Zugeständnis macht, daß er an diesem mit Verspätung ankommt und nicht, ohne eine Entgleisung in St. Pölten erlitten zu haben. Ist er aber einmal zur Stelle, so sind sie es auch, und ganz wie im Frieden, ganz wie im Krieg, ganz wie beim Debüt des Grafen Czernin sind sie unter jenen Anwesenden, unter welchen man bemerkte, sie und immer sie, die Spitzen und die Stützen, die Vertreter, die wenigen die auserwählt sind, die Frühaufsteher, die ersten die die letzten sein werden, die last not least, die Lückenbüßer, die Augendiener und die falschen Brüder, die mit unserem Pfunde wuchern, mit fremdem Kalbe pflügen, die da ernten wo sie nicht gesäet haben, Steine statt Brot geben, zahlreiche Offiziere und viele Damen. Ein Rudel von Immerdenselben, stets unter sich und dennoch, wie einsam in ihrer Schamverlassenheit! Keiner errötet bei der Vorstellung, daß der Schweizer Delegierte ihn fragen könnte, wieso er so gut aussehe. Und sie können von Glück sagen, daß die Frage, ob nicht die Ringstraße, das Rathausviertel, das Cottage und Hietzing annähernd so viel abgeben könnten wie ganz Zürich, auch von Zürich unterdrückt wird, nicht weil sie dann verlegen würden, sondern weil dann Favoriten, Fünfhaus, Brigittenau und Ottakring überhaupt nichts kriegten. Am wünschenswertesten freilich wäre jener moralische Ausgleich, durch den die Schweizer den einen ihr Mitleid bewahrten und für die andern ihre Verachtung übrig hätten, und beide Gefühle für eine Autorität, die jegliche Macht gehabt hat, nur die eine nicht, mit den Privilegien der Verdauung aufzuräumen und eine Ordnung der Not herzustellen, bei der die bekannte Rolle des Geldes, »keine Rolle zu spielen«, einmal im redlichen Sinne zur Geltung kommt. Weil dann erst das Recht einer Hungergemeinde feststünde, an die Mildtätigkeit des Auslands zu appellieren, die weiß Gott nicht zugänglicher sein sollte als das Gewissen des Inlands. Wer unterzöge sich der Mühe, in den gutsituierten Herzen Nachschau nach dem Vorrat an Erbarmen zu halten, an einer Nächstenliebe, die doch schon ein Raumbegriff wäre? Doch nicht einmal die Offiziere der englischen Mission, die jetzt von den Reichsten der Reichen, den Schamlosesten der Schamlosen an ihre Tafeln geladen werden und deren Reservestellung von den Besiegten im Sturm genommen wird. Wer untersuchte denn, ob die Wiener gleich den Zürchern unter den Hiobsnachrichten aus Wien seelisch leiden, als ginge das Gespenst des Hungers durch ihre eigene Stadt? Sie haben's ja nicht nötig, weil sie das Gespenst doch eh bei der Hand haben, also auf Erzählungen und Berichte nicht angewiesen sind; weil, wenn sie aus dem »Rostraum«, nicht etwa einer vom irdischen Jammer entlegenen Hölle, sondern des Hotel Bristol heraustreten, sie der Spazierweg durch eine Allee von Menschenstummeln aller Art führt, von Fragmenten und Freaks, die einen Barnum faszinieren könnten und wie erst mit diesem ganzen Kontrast lustwandelnder Beleibtheit! Dies alles haben sie doch alle Tage, vor und nach Tisch, und wenn's ihnen aufstößt, so steht es, liegt es, kriecht es vor ihren Füßen. Ein müder Sperling sitzt auf einem Schutthaufen, vor dem Gebäude des Kriegspressequartiers; nein, ein Umhängtuch ist es; nein, ein zaundürres, winziges Stückchen Greisenalter; sie ist vor Erschöpfung gerade dort eingesunken. Vor dem Kriegsministerium sitzt der Radetzky; sie sitzt vor dem Kriegspressequartier. Nie sah ich Ärmeres. Es ist die Glorie. So habe ich ihr Ende immer geschaut. Vom Mord zum Raub, vom Raub zum Fraß eilen die dort vorbei; das Kriegsglück hat sie über den Mittelstand emporgehoben. Für das Gespenst des Hungers, das da sitzt, wird schon die Schweiz sorgen. Sie machen sogar Propaganda. Wie einst, als es uns schlecht ging, für unsern Wohlstand, so jetzt, da sich nichts verändert hat, für unsere Not. Nichts ist ihnen erwünschter, als daß das neutrale Ausland und hoffentlich der Feind erfährt, daß es uns schlecht geht. Daß die Ärmsten der Armen verhungern und die andern zur Not versorgt sind. Sie genieren sich nicht, für die Bettler betteln zu gehen, auch wenn's keine Medaille mehr trägt und selbst wenn's keine Reklame mehr trüge, nur die Wohltat, nichts geben zu müssen; so selbstlos sind sie. Ihnen die Erbärmlichkeit, den andern das Erbarmen. In ihren Zeitungen wird der Hungertod von Studenten – die Fälle sind gesucht – zu Stimmungsbildern verarbeitet: »Wochenlang dauerte dieses stumme Ringen, wochenlang saß der Arme kraftlos zu Hause, sah er unzählige Male auf die Tür ... Niemand kam, niemand half, nur der Tod schlich herein und schlich langsam, langsam auf sein Opfer los«, und so starb jener, der durch das Feuilletonhonorar, das dieser an seinem Hungertod verdient, zu retten gewesen wäre.

Es muß das Klima sein; anders ist bei den Menschen, die hier den Kulturton geben und nehmen, dieser unbezähmbare Drang nach seelischer Entblößung nicht zu erklären, und in keiner andern Zone beobachtet man diese völlige, ihrer selbst unbewußte, keiner Fliege ein Haar krümmen könnende Grausamkeit, die sich noch an den Motiven des Mitleids und der Nächstenliebe vergreift. Sie fühlen vielleicht mehr, wenn sie Blinde frozzeln, als wenn sie Tote beklagen. Aber wenn sie beim Nachtmahl die Statistik der Kinderleichen ihrer Stadt lesen und daß sich da »die Kette zusammenschließt, die bei der Unterernährung beginnt und beim großen Sterben durch Tuberkulose und Blutarmut endet«, so fühlen sie nicht einmal, daß sie selbst die Kette sind mit ihrem Handel und Wandel, mit ihrer Presse, mit ihrer tödlichen Moral von Leben und Lebenlassen. Und während ein Schock ihrer Opfer verscharrt wird, wälzt sich eine Jauche von Frohsinn durch die Straßen, aus der kein Menschenfischer einer Seele habhaft werden kann. Die hier entarten noch in der Niederlage. Was hier lebt, wüßte keinen Grund hiefür anzugeben; aber sie sind von einem nie enttäuschten Wunderglauben berechtigt, der dem Selbsterhaltungstrieb eine Art Weihe gibt. Sie sind im Krieg nicht von Bomben, sondern von Flugzetteln heimgesucht worden, sie überstehen die Revolution, weit sie überzeugt sind, daß die Bolschewiken – Plural von »der Bolschewiki« –, deren Problem der Spießbürger aller Kapitalsverbände doch wenigstens in Angstträumen erlebt, nichts für Wien sind. Sie haben auf Vulkanen getanzt; sie machen sich's in Kratern kommod. Wie sollte ihnen die Revolution was anhaben, da sie die österreichische Ordnung aushielten und vor der Weltgeschichte mit dem Merkmal dastehn, »in diesem Wust von Raserei«, im Mittelpunkt der nationalen Hexenküche es »gemütlich« gefunden zu haben! Wenn ein Cafetier seinen Entschluß, abzudanken, feierlich widerruft, so nehmen sie's als Pfand für die Restauration der Monarchie, und der Untergang des Wieners vollzieht sich nur wie der des Hans Styx, der endlos aus der Versenkung auftaucht, um zu versichern, daß er einst Prinz war von Arkadien. Diese einzigartige, am höchsten Vorbild geschulte Überlebensfähigkeit erklärt sich als Gabe, zugleich nach oben und unten, nach der Vergangenheit und nach der Zukunft den Anschluß nicht zu versäumen. Er kriecht überall hinein, wo es dem ungelenkern deutschen Bruder »vorbeigelingt«, und wenn dieser noch untendurch ist, ist jener schon obenauf. Er hat einen »eisernen Vurrat« von monarchistischen Vorstellungen, an den er nicht rühren läßt, aber kein Schlagwort der Entwicklung gibt es, auf das er nicht anbeißt. Dieses Charakterbild einer in Bewegung geratenen Gallerte, deren Farbenspiel das Entzücken aller Kulturspezialisten bildet, kommt am deutlichsten in der Schamlosigkeit eines Literatentums zur Erscheinung, das gestern vor dem elastischen Schritt einer Sekundogenitur im Staube lag und sich heute um einen Freiplatz auf der Barrikade bewirbt, das seinen Männerstolz hinter Königsthronen nun ohne Königsthrone erst zur Geltung bringt. Mangels jeglicher Haltung diese in allen Lebenslagen bewahren; auf alles gefaßt sein, weil man von nichts zu fassen ist; aus nichts die Konsequenz ziehen können und nicht einmal aus dem Nichts ihres Seins; nichts ernst nehmen und nicht einmal diese größte Tragödie: sich selbst – das ist die Struktur von Menschen, für die nur das eine charakteristisch ist, daß sich zu ihrer Wesensbestimmung nichts Definitives sagen läßt, es wäre denn das tödliche Urteil, daß sie dazu geboren scheinen, die Wähler des Grafen Czernin zu sein. Wohl entspricht es ihrer Erziehung, mit Fingern auf einen zu zeigen, aber es gilt mehr den markanten Persönlichkeiten als den anrüchigen und solchen nur dann, wenn im Morgenblatt etwas zu lesen war, was aber die Leser wie die Betroffenen bis zum Abendblatt bereits vergessen haben, so daß diese sich getrost noch am selben Tag wieder am Graben zeigen können. Im Gegenteil, bliebe einer aus, so würde man allerlei munkeln und dann erst entstünde ein Gerücht, das bei weitem bedenklicher und verläßlicher ist als ein Beweis. Als Inbegriff einer Ehrenrettung aber dünkt sie jener Entschluß, der sich in der vollkommensten Negation aller Anfechtung ausdrückt: Gar net ignorieren!, und wenn einer tot ist, so scheint es sich ihnen endlich aufzuklären, warum man ihn jetzt so selten auf der Ringstraße sieht. Sie haben es gar nicht nötig, Katastrophen umzulügen; sie nehmen sie einfach nicht zur Kenntnis. Jene Selbstbekömmlichkeit des neudeutschen Wesens, der bei jedem Verlust ein Nationalschatz herauskommt, jeder Rückzug als strategischer Triumph resultiert, jeder feindliche Vorstoß als des Feindes bitterste Enttäuschung, und die uns diese letzten Geduldproben von Heeresberichten auferlegt hat, in denen noch die pure Wahrheit eine Lüge war, findet hier ihr Pendant in einer Gemütsverfassung, die sich gar nicht erst mit dem Umschalten abstrapaziert, sondern einfach ausschaltet, fertig. Um aber auch der Mitwelt tunlichst entgegenzukommen und damit sie die Mißbildung nicht merke, schließt man die Augen, und hält sich die Ohren zu, damit sich auch niemand über den Lärm beschweren kann. Indem sich aber keiner die Nase zuhält, ist der Beweis geliefert, daß es nicht stinkt. Was immer ihr Staatsamt aufdecken mag, Leute, deren Element die Neugierde ist, berührt kein sachliches Verschulden, wenn nicht etwa die Wäsche, die aus Monturdepots abhanden kam, Bettwäsche war, und wer nur in der Generalversammlung von Staatsverbrechern unter anderen bemerkt wurde, bleibt ein Mitglied der guten Gesellschaft. Auf Rehabilitierung wird kein Wert gelegt; gelingt sie, so gewahrt niemand, wie viel Schmutz für die andern abfällt. Da ein einziger Würdenträger von dem Vorwurf, Armeegut für sein Bedürfnis erhalten zu haben, losgesprochen war, schien die alte Macht rehabilitiert. Denn ihr war das Glück widerfahren, daß jener die Wäsche für arme italienische Kriegsgefangene gebraucht hat, die das Hemd acht Monate nicht gewechselt hatten und von Ungeziefer starrten. Und niemand empfand die Schmach einer Wirtschaft, der solche Anklage zur Verteidigung frommt. Niemand fühlt den Wunsch, man hätte doch tausend Lagerinspizienten zu Unrecht beschuldigen sollen, Wäsche und Nahrung für sich empfangen zu haben, wenn auf diese Art nur festgestellt wurde, daß es den armen Gefangenen zugute gekommen ist, und das Schauerbild aus der Erinnerung verbannt war von den zwei halbverhungerten Russen in dem seit Tagen nicht geöffneten Raum: sie waren schon so entkräftet, daß sie sich nicht erheben konnten, um den zwischen ihnen verwesten Leichnam ihres Bettgenossen fortzuschaffen, bis ein Namensvetter jenes Czernin, der damals seinen Frieden mit Rußland machte, auf den Übelstand aufmerksam ward und mit der Entfernung des Leichnams die des lebendigen Lagerkommandanten veranlaßte. Und die Verweser all unserer Lebensgüter spürten nicht das satirische Grauen jenes »Erlasses«, durch welchen militärische Stellen beauftragt wurden, »diesbezüglich das Weitere zu veranlassen«, damit durch die »Entfaltung einer der russischen Volksseele angepaßten Propaganda« tunlichst auf die Gefühle eingewirkt werde, mit denen die russischen Kriegsgefangenen »an die in unserem Vaterlande verbrachte Zeit zurückdenken«. Sie sollten dereinst sagen können: Schön war's doch! Zu diesem Behufe sollten sie aber, soweit sie nämlich mit dem Leben davonkamen und nicht bestimmt waren, noch auf dem Nordbahnhof erschossen zu werden, »erst knapp vor Abfahrt« dieser Propaganda ausgesetzt werden, damit »dieselben mit dem frischen unvermittelten Eindruck, den sie hiebei empfangen, in ihre Heimat zurückgelangen«. In einer der beiden urkomischen Fassungen, die mir vorliegen, wird die Hoffnung ausgesprochen, daß durch »eine im richtigen Augenblick zeitgerecht einsetzende Einwirkung unsererseits« es gelingen werde, »von den zahllosen, in der Gefangenschaft gewonnenen Eindrücken und Erfahrungen die ungünstigen abzuschwächen, die erfreulichen und angenehmen jedoch zu beleben und zu befestigen«. Unter den Mitteln, mit denen die Einwirkung auf die russische Volksseele erzielt werden sollte, fehlt nicht der Hinweis darauf, daß wir eh die reinen Lamperln sind, wie speziell, was nicht zu vergessen ist, auf die »vielen früheren Kriege, wo Russen und Österreich-Ungarn tapfer zusammengekämpft haben«, und so, wenn in den letzten Tagen auch noch a bißl die Menage aufgebessert wird, werde es denn nicht fehlen können, daß die in ihre Heimat zurückkehrenden Russen nicht nur »nicht mit stumpfer Gleichgültigkeit oder gar feindseligem Haß an uns zurückdenken, sondern wissentlich und aus voller Überzeugung als Sendboten öst.-ung. Kultur in ihrem eigenen Vaterlande tätig sein werden«. So daß also die Propaganda dann von ihnen selber gemacht wird. Mehr als das. Der auch den Russen unvergeßliche Typus Nowotny von Eichensieg, der jetzt seine humanen Abschiedskapriolen macht, hofft, daß sie ihn selbst zum Dank hiefür »stramm und gehorsam salutierend begrüßen« werden. Ich kann nur sagen, daß die russischen Kriegsgefangenen die Tränen, die sie hier vergossen haben, nun lachen müßten, wenn sie diesen Erlaß, in beiden Gestalten, zu Gesicht bekämen, in welchem noch speziell auf die »rasche und rückhaltlose Anknüpfung von Handelsbeziehungen« Wert gelegt wird, und daß ihre Geneigtheit, Sendboten der öst.-ung. Kultur oder sogar deren Agenten zu werden, schier zu einem unbändigen Verlangen ausarten würde. Eine solche »Umstimmung der russischen Volksseele«, die das Kriegsministerium im vierten Jahr der Verwahrlosung der russischen Volkskörper angeordnet hat, um den »Abbau der von unseren Feinden über die ganze Welt verbreiteten Lügenpropaganda« endlich herbeizuführen, ist infolge Demolierung des Hauses Österreich leider nicht mehr erfolgt; sie ließe sich nur durch Verteilung des Textes nachholen. Die Welt braucht eine Aufheiterung; ihr sollten die Schritte nicht vorenthalten werden, die Österreich diesbezüglich und tunlichst unternommen hat, »um eine günstige Einwirkung zu erzielen«, und die wie so vieles andere die Bemühung des tragischen Hanswurstes geblieben sind, um die letzten Zuckungen der Menschheit zu parodieren. Und ein Da capo würde am Schluß dem Saltomortale danken: »Mit einer aus tiefster Wahrhaftigkeit entspringenden Überzeugung kann gerade in Österreich-Ungarn« (wo also nicht?) »den heimkehrenden Russen die offenherzige Versicherung mitgegeben werden, wie wenig unser Vaterland den Krieg gewollt hat.« Ja dieser Janus mit den zwei Gesichtern, von denen das eine vorwärts sieht, das des Falloten, und das andere rückwärts, das des Idioten, konnte endlich den Tempel »zuspirrn«. Aber die Gläubigen werden nicht alle, und die Priester auch nicht, und da sie allesamt in einer Luft leben, in der sie Ehrlosigkeit einatmen, so ist es ihnen ein sittliches Bedürfnis, den armen, verfolgten Kerkermeistern der Menschheit gegen die grausamen Befreier beizustehn. Krieg ist Krieg der andern, Revolution der eigene Krieg. Der Kriegsgewinn erweist sich dem Säbel erkenntlich, und im Burgfrieden des durchdringendsten Judentums und des stumpfsten Antisemitismus arbeitet die einzig authentische Geldrasse, die gemeinsame, gegen alle Entsündigung. Welt- und wahlverwandt, der unverfälscht utilitarische Schlag geborner Parteigegner, die einander nur nicht riechen konnten, solange sie nicht wußten, daß sie beide stinken. Moabitische Gestalten, die schon im Frieden wie der goldgelbe Götze Mammon aussahen und nun den Bauch des Moloch dazugewonnen haben, sind jene »lndividualitäten«, für deren Entfaltung Spielraum verlangt und in biographischen Porträts geworben wird, die so ähnlich sind, daß man durch Brechreiz eine optische Täuschung erlebt, und da die Kontakte dieser eiterigen Welt die unumstößliche Norm sind, der auch alle Würde und selbst aller Umschwung erliegt, so hat der Staatskanzler manchmal die Liebenswürdigkeit, einem unserer Mitarbeiter Gelegenheit zu geben. Männer aber, deren Ehre, Mut und Verstand in der hirnlosen Schmach dieser Soldatenjahre heil geblieben sind, wie Heinrich Lammasch, von einem selbstverräterischen Volk so lange vereinsamt, bis er ihm nicht mehr helfen konnte, oder Friedrich Austerlitz, der durch seine Strafakten über die Feldjustiz mehr zur Belehrung der Überlebenden und der Nachlebenden getan hat, als hundert Kriegsschreiber zu ihrer Belügung imstande waren, haben Österreichs Hinterbliebenen weniger zu sagen als die bezahlten Lobredner des verblichenen Phantoms. Und das Andenken eines Viktor Adler, die in jeder Kulturgemeinschaft fortwirkende Macht eines sittlichen Vorbilds, das auch dem abgewandten Leben etwas von bleibender Ehrfurcht hinterläßt, versagt an der vorsätzlichen Niedrigkeit der Wiener Denkform, an dem unseligen Justament, das der letzte Wille einer Empuse ihren Völkern vermacht hat. Nichts ist zu hoffen, denn da kann man halt nichts machen. Gegen die Überraschungen der Wahrheit sind sie durch Frechheit gefeit, gegen den Zugriff der Gewalt durch Höflichkeit, und sie würden nicht zögern, zum Schutz vor Enthüllungen die Pariser Polizei in Anspruch zu nehmen, da ihnen die hiesige nicht mehr helfen kann. Gegen sie selbst aber, gegen ihre Verleumdung, gegen ihre schmutzige Annäherung schützt keine Ehre und kein geistiges Verdienst. An solche Kreaturen habe ich die Nächte von zwanzig Jahren gewendet. Keinen einzigen Beweis ihrer Unheiligkeit, ihrer Ungläubigkeit vor dem Geist, ihrer Abhängigkeit von der Lüge, ihrer jovialen Bosheit, ihrer souveränen Niedrigkeit und der stupiden Qual ihrer Klischees haben sie mir bis zu diesem Tage zum Opfer gebracht.

So sage ich denn: Daß ich dem toten Russen zwischen den Flügelmännern des Hungers mehr nachtrauere als diesem Österreich, dessen Verwesung noch die neue Zeitluft bedrängen möchte. Und daß ich nichts so sehr gehaßt habe als mein Vaterland, dessen Lebzeiten mir keinen Augenblick das Gefühl, in der freien Luft der Gotteswelt zu atmen, gegönnt, die Sorge um sterbende Werte genommen haben. Wiewohl sein Ruf in meine glorienreine Abgeschiedenheit kaum je anders als durch die phantastischen Zumutungen des vaterländischen Telephons gedrungen ist, in denen mir das ganze Wirrsal dieses kreuz und queren Staatswesens halluziniert war, mit seiner vielstimmigen Konferenz aller Kobolde und Genien des Lokus, mit seinem ganzen Inbegriff aller Störungsbüros; wiewohl ich mithin nur bestimmt war, diesem irreparablen Altar des Vaterlands mein Nervenleben zu weihen, so kann ich doch den beispiellosen Gewinn ermessen, den sein Verlust bedeutet, nebst der Frivolität jener, die ihn betrauern. Denn wenn zum endlichen Beweise der Menschheit allüberall die Stunde anbricht, wo Vaterland als Zeitverlust und als eine Einbuße an Lebensgütern empfunden wird, so grenzt es an Affenschande, den abgelebten Fabel- und Fibelwert einem Verein reservieren zu wollen, dessen Statuten geradezu darauf abgezielt waren, ihn zum Schaden seiner Mitglieder auszuwirken. Es kann angesichts des Hingangs dieses Toten, der es lange genug war und uns von der Pietät zu leben zwang, keine würdigere Empfindung geben als die der Freude, gemindert durch das schmerzliche Bedauern, daß kein Teilchen von ihm übriggeblieben ist, um sie zur Schadenfreude zu veredeln. Wenn Deutsch-Österreich sich vom Gemüt seiner Inwohner verführen lassen wollte, sich als ein Stück von ihm zu bekennen, so gäb's eine Mordshetz! Es sollte aber nicht. Nur den einen Zusammenhang darf es geben: die dumpfe Erinnerung an einen überstandenen Angsttraum. Wir hatten einmal eine Sage gehört von einem bösen Mißstaat, den ein Dämon träumte, nun schliefen wir ein und träumten's auch. Erwachend aber greift Zettel der Weber, der nicht in die Arme einer Feenkönigin, sondern einer Hexe eingerückt war, die ihn immer zu salutieren zwang, sich noch einmal an die Stirn und spricht: »Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt.« Er hat das österreichische Antlitz gesehn. »Ich hatte 'nen Traum – 's geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war. Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen läßt, diesen Traum auszulegen. Mir war, als wär' ich – kein Menschenkind kann sagen, was. Mir war, als wär' ich, und mir war, als hätt' ich – aber der Mensch ist nur ein lumpiger Hanswurst, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir war, als hätt' ich's; des Menschen Auge hat's nicht gehört, des Menschen Ohr hat's nicht gesehen, des Menschen Hand kann's nicht schmecken, seine Zunge kann's nicht begreifen, und sein Herz nicht wieder sagen, was mein Traum war. Ich will den Peter Squenz dazu kriegen, mir von diesem Traum eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettels Traum heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist, und ich will sie gegen das Ende des Stücks vor dem Herzoge singen.« Es geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war. Er hatte geträumt, daß er die Montur eines Esels trug! Was für ein Esel war er, diese Montur zu tragen! Und wie er sich schämt! Er war einrückend gemacht; nun rückt er von sich ab. Und die hier? Die bekennen sich zum Alpdruck dieser feldgrauen Nacht und träumen von ihrem Traum. Zeit- und Landsgenossen dieser Unsäglichkeiten gewesen zu sein, es erniedrigt sie nicht. Sie fühlen keinen Schauder vor dem guten Gewissen, das ihnen ferneren Schlaf, Verdauung und Begattung erlaubt; nein, sie fühlen einen Zuwachs an Ehre: den Anstiftern, Organisatoren und Helfern einer Tat, die eine Zukunftsbibel als das größte Erbrechen der Sünde in das Antlitz der Schöpfung zeichnen wird, auf der Straße zu begegnen und die blutige Hand zu drücken, den Charlatanen am Weltgericht, Diurnistenseelen, die den jüngsten Tag dazunahmen, und die, wenn sie sonst nichts über uns verhängt hätten als die Posaunen ihrer blechernen Phraseologie, und wenn wir ihres Waltens keinen Hauch verspürt hätten als die Verwandlung eines österreichischen Eisenbahnklosetts, des Inferno der Friedenszeiten, in einen Protektionsplatz – ihr ganzes emeritiertes Leben dortselbst zu verbringen Anspruch hätten! Diese Eisenfresser, die nicht einmal ahnten, daß sie vom Wucher geschoben wurden wie ein Waggon Speck, wenn sie nicht zufällig das Unternehmen in eigener Regie führten, sind wie Pfauen und Paradiesvögel durch unsere Hölle stolziert – und dieser Stolz war der unsere und diese Dummheit war die unsere. 's geht über Menschenwitz, zu sagen, wie dumm wir waren! Und wie erbärmlich wir sind, wenn wir noch auf das Naturrecht der Dummheit, sich vor ihren Betrügern zu schämen, verzichten wollen, wenn wir diese nicht verleugnen, sondern der schamlosen Dummheit fähig sind, jene zu verleugnen, die uns gerettet haben! Wollen wir aber das Beispiel Zettels des Webers nicht, so sollten wir doch den Schuster Voigt als Lehrmeister anerkennen. Und war's kein Traum, so war's eine gigantische Köpenickiade. Und wenn wir nicht die Uniform trugen, so sind wir ihr aufgesessen. Und sind einfach aus dem Grund, weil eine Horde von Plünderern – man liest dergleichen – in militärischer Verkleidung gegen uns angerückt kam, bereit gewesen, alles was wir am Leib und an der Seele hatten und das Leben selbst auszuliefern, denn wir waren im Glauben, es sei für's Vaterland. Aber wahrlich, die falschen Patrouillen, die so oft in die Wohnungen drangen und die Hausbewohner aufs Knie zwangen, waren um kein Jota weniger legitimiert als die echten, und der Menschheitsbetrug, zu dessen Opfern wir seit Generationen erzogen waren, bestand in der frechen Irreführung, daß die echten die echten seien. Die vaterländische Idee war nichts anderes als der Ruhmfusel zur Animierung für ein bei klarem Verstand zweifelhaftes Geschäft und unzweifelhaftes Verbrechen, als die verklärende Ausrede für einen Diebsplan, und darum ein Betrug am Beutel und am Ideal zugleich; ihre Exekutoren nichts als mehr oder minder bewußte Einbrecher, deren Komplizen Seelsorger, Jugendbildner, Ärzte und sonstige Konsorten der Humanität, ihre Opfer beklagenswert, tadelnswert und nur entschuldigt durch eine angeborne, von der vaterländischen Erziehung bestärkte Geistesschwäche. Einen größeren Schaden, um klug zu werden, hat es nie zuvor gegeben, seit dem Tag, da die bewohnte Erde die satanische Lust bekam, sich mutwillig der Vorteile einer Gottesschöpfung zu begeben. Nie ist mehr Licht in der Finsternis aufgegangen, nie war der Zusammenhang zwischen dem Geistproblem und der Wirtschaftsfrage so schonungslos klar bis zu der Erkenntnis, daß gedrosseltes Gas vom gedrosselten Atem kommt. Jener Welt, die es besser hat, Amerika, haben wir mehr zu verdanken, als wir durch den grausamsten Ausgang verlieren könnten, und auch durch alle Verluste, die alle blutberauschte Menschheit sich selbst noch vorbehält. Denn nicht von Feind zu Feind, zwischen Front und Stadt auch müssen diese Unstimmigkeiten beglichen werden; es gibt noch Panzerautomobile, einem Korso zu begegnen, und, zum Ungeheuren gewöhnt, warten wir, bis das Leben der Quantität im Tod ersattet ist. Nur dem Phantasiebankrott, der ihn ermöglicht hat, gedeiht die Vorstellung, daß dieser Krieg mit einem Frieden endet. So sachlich befriedigt sich eine durch Mechanik aufgerissene Natur nicht; und das Wunder der Idee wirkt nicht nach der Uhr. Wilsons unsterbliche Tat – von dem unsterblichen Gedanken jenes Kant bezogen, dessen kategorischen Imperativ die Deutschen als Reglementsvorschrift erfaßten, damit sie Nietzsches Willen zur Macht desto besser verstehen konnten – ist die Befreiung unseres geistigen Schatzes von dem bösen Königsdrachen, der ihn verarmt und verschmutzt hatte, von jenem Basilisken, der in unserer Mythologie durch seinen Blick getötet hat, aber in der Naturgeschichte Amerikas als eine unschädliche Eidechse geführt wird. Nie mehr wird aus den glücklich verhängten Schaufenstern, die noch keine neuen Mißgeburten bieten können, uns dieses Gesicht, vor dem sich der eigene Bart sträubte, bedrohen; nie mehr daneben das österreichische Antlitz zu unsern Herzen sprechen, als Edelgreis oder Edelknabe, im Gebet versunken oder vom Arbeitstisch des Hofsalonwagens ins blutige Leere schauend, beiderseits ohne es gewollt zu haben. Nie mehr sehen wir jenen Königsdrachen, den Leibesklumpen emporgereckt zu der ersehnten Höhe, zu der erträumten Geste des Schwertstreichs, die wahrhaftig den Krieg erklärt, unter Volksvertretern, die nicht mehr als Parteien, nur noch als Idioten gekannt sein wollen. Nie mehr die widerliche Szene, wie dem Basiliskenblick, gesenkten Hauptes, Tränen enttropfen; nie mehr die peinigende Berufung des Freiheitskriegers, dem es, noch im vierten Jahr, kein Kampf um die Güter der Erde ist; nie mehr das Schmählichste von allem, wie ein Haufe dieses ärmsten Menschenviehs, ganz mit den verzerrten Mäulern und irren Augen, ganz wie's zwischen Gitterstäben eines Transports zur Schlachtbank sichtbar ist, vor dem Sturmangriff »Wir treten zu beten vor Gott den Gerechten« anstimmt. Nie mehr werden wir's schauen, nie mehr wird es sein. Von der Glorie entlaust, mit dem Menschenrecht, daß wieder Geist wachse, wo Zierat und Untat war, gehn wir in die Welt ein, und das verdanken wir dem nüchternen Prinzip jener Anstalt, die unsere Romantik nicht gescheut hat, um uns den Kopf zurechtzusetzen. Denn es geschah das Wunder, daß der barste Lebenssinn an uns zur Ekstase entbrannte, um uns vom Mischmasch zu erlösen, und daß er sich freiwillig unter den letzten Fluch eines falschen Lebens begab, unter den Heldenzwang, fanatisch entschlossen, uns von ihm zu befreien. Wilson hat den Völkern Europas geholfen, ihre heiligsten Güter zu wahren! Der Gedanke des Völkerbunds ist so stark, daß es seiner Durchführung nicht braucht, um die Welt mores zu lehren, sondern nur der Bereitschaft eines Staates, lieber erobert als gerüstet zu sein. Die schlechte Einteilung, daß Menschen, die mit Lunge, Leber, Milz und anderen Organen ausgestattet sind wie wir, nur deshalb weil sie kein Gehirn haben, dafür durch Ansehen von uns entschädigt sein sollen, ist beseitigt. Daß solchen Individuen gar die Entscheidung über unser Leben anzuvertrauen wäre und daß es gut so sei, wird kein Fibelstück künftig mehr den Kleinen erzählen, die schon dadurch, daß sie nicht mehr gelehrt werden sollen, Speere zu werfen, wieder anfangen werden die Götter zu ehren. Eine Untersuchung darüber, ob irgendje an einer Feldherrntat der Genius beteiligt war, wird für eine künftige Geistesbildung unerheblich sein, da die Schändung des Handwerks durch die Inspiration jener, die eine Metzgerarbeit um ihrer eigenen Existenz willen befehligt haben, die angeekelte Menschheit zu anderen Interessen bekehren, und an der Erfindung des Schießpulvers für alle Zukunft nichts weiter bemerkenswert sein wird als ihre Gleichzeitigkeit mit der Erfindung der Druckerschwärze. Überhaupt wird der geschichtlichen Wissenschaft das Opfer nicht erspart bleiben, auf einen guten Teil ihrer positiven Ergebnisse für den verneinenden Gebrauch der Kulturgeschichte zu verzichten. Nicht jene, diese wird die Jahreszahlen der Offensiven verzeichnen; diese wird, nebst Konterfei, den Lebenslauf der Generale aufbewahren, die, von der technischen Durchbildung ihres Berufes abgesehen, auch alle Disziplinen des Geistes dem Zwecke der Menschenschlachtung unterzuordnen vermocht haben: die Theologie zur »Aufpulverung« einer Mannschaft, die durch Schlamm und Schnee stürmen und nicht vor dem Heldentod Hungers sterben soll, die Medizin zur Zusammenflickung ihrer Leiber, die Juristerei zu ihrer Hinrichtung, und die Philosophie zur Verleihung des Ehrendoktorats auf Grund dieser Verdienste an die Generalität. Die Kulturgeschichte wird, wenn sie allen strategischen Sinn als die Aufgabe erfaßt, den Völkern unter dem Vorwand der Kriegführung das Vaterland zum Feind zu machen, den eigentlichen Kriegsplan nicht übersehen dürfen: eine gerechte Einteilung der Welt in Front und Hinterland, die eben der Gelegenheit zum Mord auch eine Entschädigung durch Raub anschließt. Dabei wird die Kulturgeschichte des Anschauungsunterrichts in den wenigsten Fällen entbehren können, da die meisten des Versuchs, sie durch schriftliche Mitteilung glaubhaft zu machen, schon heute spotten. Wenn sie nicht versäumen wird, aus Weltspiegeln und interessanten Blättern die Photographien zu übernehmen, welche die Feldkuraten beim letzten Liebesdienst an sterbenden Helden zeigen und die Scharfrichter post festum beim Fest; wenn sie die Altare aus Schrapnells, die Kruzifixe aus Granaten, die Kronprinzeninitialen aus Flammen, die Kinder mit Gasmasken verewigen soll, so wird sie auch bestrebt sein, Genreszenen, die am Tatort nicht photographiert worden sind, nachzubilden, wie etwa die Frauen, die vor deutschen Offizieren einen Knix machen müssen; die deutschen Verwundeten, die vor dem Oberstabsarzt habtachtliegen; die Austauschinvaliden, die am Ziel unter den Klängen des Radetzkymarsches zusammenbrechen; und den Kaiser, der dem Kriegsschmock die Taschen mit Zwieback vollstopft; und den Blutsverbündeten, der in den Gassen des Hauptquartiers, mit dem Marschallstab spaziert; den Strategen, der während der Bluthochzeit auf Freiersfüßen geht, und wie er vom Photographen abwechselnd beim Kartenstudium sämtlicher Kriegsschauplätze betreten wird; und alle Großen, wie sie entweder vor der Offensive Skizzen für illustrierte Blätter entwerfen oder durch Bildhauerinnen vom Gang der Schlacht abgelenkt werden; und wie das übervolle Haus den Helden begeistert zujubelte, die stramm salutierend dankten; und überhaupt alles, was an Selbstenthüllung von Monumenten der Nichtigkeit, an stolzer Unwürde, frecher Entwürdigung des andern, spaßhaftem Grauen, Regimentsmusik zu Todeszuckungen, und allem Diskant von Phrase und Qual in dieser Dreck- und Feuertaufe einer wehrlosen Waffenwelt zustandegekommen ist, in der Ordnung dieser Jahre, die die Menschheit in Gruppen teilte, um die einen mit Ehrenzeichen, die andern mit Narben, die einen mit Prozenten, die andern mit Läusen zu versehn. Die Kulturgeschichte versäume mir nichts. Die Völker sollen untereinander vergessen: die Menschheit vergesse und verzeihe nichts, was sie sich angetan hat! Sie erkenne ihr Heldentum in den Exzessen der gepanzerten Ohnmacht, in den Räuschen der Feigheit, der Tücke und der Hysterie. Sie schaue das österreichische Antlitz in allen Formen. Sie fasse die Unermeßlichkeit der Tatsache, daß ein Renngigerl die Welt von anno dazumal in den Tod geführt hat, und agnosziere sie in den Zügen dieser feschen Harmlosigkeit, die sich im Leitartikel bestätigen ließ, daß sie in voller Verantwortung der diplomatischen Urheberschaft entschlossen war, persönlich in eine Stabsmenage der italienischen Front abzugehen, um dem Erbfeind Aug in Aug gegenüberzutreten. Die Kulturgeschichte unterlasse nicht, dieses »Schau mir ins Auge« des nun gesicherten Endsiegs in der schamlosen Darbietung für die »Woche«, diese beherzte Zugsführerattitüde, die nur statt der Virginier ein goldenes Vließ von einem reinen Lamperl eignet, diese Umgruppierung des Plateaus von Doberdo zur Freudenau, diese Umwertung des Weltgerichts in einen Praterscherz bis zum jüngsten Tag festzuhalten. Und könnte sie doch Bilder hinzunehmen von der Geselligkeit dieser blutigen Orgie, in der zum entehrten Mannestum die erniedrigte Lust in allen Varianten trat, in den Entartungen der Gewalt, in den Verwandlungen der Nächstenliebe, in der venerischen Vergiftung der Menschheit, die wie kein Kriegsplan ihren Befehlshabern gelingen sollte, in allen Totentänzen, durch die eine unerbittliche Natur ihr Menschenmaterial entschädigt und die dank Schwesterschaft und Heranziehung weiblicher Hilfskräfte zu jeglicher Dienstleistung noch ausschlagen wird zur Freude des kommenden Jahrtausends, durch welches ein Landsturm ohne Waffe, aber mit Hysterie und Lues dahinrast. Und wenn es dann ein Menschheitshirn gibt, noch zu fassen fähig, was ihm die Vorzeit angetan hat, so lasse es das österreichische Antlitz in dieser Vision erstehen: Es war einmal ein Oberstleutnant des Generalstabs, der bekam für jeden Waggon mit Schieberware fünftausend Kronen Provision, denn er ließ ihn als Militärfrachtgut laufen. Er trieb auch selbst Kettenhandel, welchen seine Geliebten für ihn besorgten. »Umarme dich im Geiste, mein einziges Lumpchen«, schrieb er, »ich kündige dir die Absendung von 600 Kilogramm Dörrgemüse an.« »Du, mein Liebchen«, schmeichelte er, »bist von uns zweien doch der größere Gauner, denn 100 000 Kronen per Waggon habe ich noch nicht verdient. Auch ich war nicht untätig, habe ein schönes Geschäft mit Speck gemacht.« »Ich bin riesig stolz«, rief er, »denn ich habe mir ein Sparkassabuch angelegt. Ich kann nur sagen: Ich bin sehr zufrieden mit dem Krieg.« Um ein Rendezvous einzuhalten, zu dem er 120 Pfund Schweinernes bringen sollte, gab er telephonisch Befehl, den Schnellzug warten zu lassen; und es geschah. Er hat den Sinn der großen Pflicht erfaßt. Er hat, für uns alle, die Konsequenz aus der Erkenntnis gezogen, daß eh alles wurscht ist. Er hat Selbstmord verübt. Es war ein Einzelfall. Die Nachwelt generalisiere ihn! denn ganz Österreich war darin, wie es leibte, lebte, tötete, starb. Es ist möglich, daß es auch der Oberstleutnant war, der die vierundvierzig Gräber aufwerfen ließ. Kann es nicht auch jener sein, der die Gendarmen anwies, Verdächtige niederzuknallen, und der die Anwendung des Standrechts auf das Leben eine verbohrte, juristische Klügelei genannt hat? Und der dort ist es, welcher russische Kriegsgefangene am Ostersonntag nach einstündigem Gebet hat töten lassen, weil sie einen Fluchtversuch unternahmen (den das Völkerrecht erlaubt), und andere, weil sie sich weigerten, sich zu Rettungsarbeiten im feindlichen Feuer verwenden zu lassen (die das Völkerrecht verbietet). Und sie alle sind es, die Grund haben, den Schimpf einer unmenschlichen Haltung während des Krieges mit Verachtung zurückzuweisen. Und auch jener, der sein Regiment durchs Sperrfeuer ins Verderben jagte und die Reste zu wohltätigem Zweck zwischen Operettenlieblingen das überstandene Todesgrauen darstellen ließ. Der spielt, der schießt, der schiebt – der Standort wechselt, nicht das Gesicht. Nur ehrlicher ist es im Raub als im Mord; appetitlicher im Fraß als in der Glorie. Ist es nicht der allem Fleische zugetane Humor, der uns animiert, das Geschlecht als Tauschwert für Viktualien zu begrinsen? Ist es nicht eine der strammen Masken an der Ringstraßenfront jener Sündenburg, nach deren Betreten man gefragt ward: »Von welcher Firma?« Ist es nicht das Antlitz, nicht Osterreich, nicht der Krieg? Ist es nicht jenes in Not und Tod und Tanz und Pflanz und Haß und Gspaß anspruchsvolle, gut- und blutgierige Gespenst, das uns in der Nacht der Jahrhunderte aus seinem Grabe besucht hat? Ja, er ist es! Für ihn haben wir Schmach und Entbehrung erduldet, an seiner Kette und an seinem Strang durchgehalten, für ihn sind wir verarmt, erkrankt, verlaust, verludert, verhungert, verendet, gefallen zur Hebung des Fremdenverkehrs! Er war Schinder, Schieber, Drahrer, Henker des Battisti, Hurentreiber, Erzherzog, Jud und Christ in einer Figur, wir haben ihm alles geopfert, und das letzte, was uns geblieben ist, ist seine Ehre. Denn dieser, jener, einer, viele, alle, sie waren nur Mörder aus Mangel an Phantasie, nicht weil's die Sache wollte. Und Herzen mußten zu schlagen aufhören, weil's ihnen bei der Sorte an Protektion gefehlt hat. Nicht zum Zweck, nicht als Opfer der Natur, nicht in despotischer Verantwortung, die vor der Sünde seelisch sich behauptet, nein, durch vergnügte Spießbürger, die nicht wußten, ob's die Schweinsjagd war oder nur die Menschenjagd, ist alles das vollbracht worden. Durch den grauenhaften Schlag, der von der »Deckung« sein Dasein fristet, um es dem andern zu zerstören: der Deckung durch den Akt, durch die Phrase, durch die Anonymität, durch den Mangel an Beweisen, durch alle Behelfe der Technik und der Lüge, die einer niedrigen Natur Vorstellung und Hemmung ersparen und den Mut zum Verbrechen ersetzen. Harmlose Mordskerle waren es, gemütliche Kanaillen, Folterknechte aus Hetz. Losgelassene Simandln, der Hausfraunzucht entsprungene Sumper, bleiche Kujone, die in Reglement und Fibel Ersatz für die Potenz suchen, haben im Pallawatsch der Quantitäten sich einen Weltmullatschak verstattet und die ungeheure Gelegenheit des Kanonenrausches zur Rache an einer höher gearteten Mannheit benützt. Man reiße ihnen die Orden von der Brust und weihe sie, indem man sie den Kriegshunden verleiht, den in Armut und Würde beispielgebenden Antipoden des Generalstabs! Von feigen Philistern, die kein Blut sehen können, ist es in Strömen vergossen worden. Es stehe auf gegen sie, es erstarre zum Riesenfanal dieser Nacht und es erschlage sie im Schlaf, so sie wieder an der Speckseite ihrer Hausehre liegen! Wenn Menschen vergessen können, nie vergißt die Natur, was ihr in diesem Sklavenaufstand angetan ward, und bis zum jüngsten Tag töne, dem Gebot des faustischen Generalissimus zur Antwort, der Racheschrei der Kraniche des Ibykus für Reiher und Menschheit über Pygmäen:

Mordgeschrei und Sterbeklagen!
Ängstlich Flügelflatterschlagen!
Welch ein Ächzen, welch Gestöhn
Dringt herauf zu unsern Höhn!
Alle sind sie schon ertötet,
See von ihrem Blut gerötet!
Mißgestaltete Begierde
Raubt des Reihers edle Zierde.
Weht sie doch schon auf dem Helme
Dieser Fettbauch-Krummbein-Schelme.
Ihr Genossen unsres Heeres,
Reihenwanderer des Meeres,
Euch berufen wir zur Rache
In so nahverwandter Sache.
Keiner spare Kraft und Blut,
Ewige Feindschaft dieser Brut!

Es war ein Traum. Wir waren auf Walpurgis zwischen Sautanz und Totentanz. Kinodramatisch mit viel Blut und Walzer ging es zu. Wir saßen in einem ungeheizten Saal. Wir wurden durch das Ende entschädigt. Und wie da, nachdem schon alles verpulvert war, ein gewaltiger Fall geschah, hörte man in atemloser Stille eine Stimme aus der vordersten Reihe nur ein Wort rufen, aber mit einem Ton, in dem alle Quantität der Leere dumpf zu Boden schlug, das große Wort des Nachrufs aller Nachrufe: Bumsti! .... Phorkyas aber richtet sich riesenhaft auf, tritt von den Kothurnen herunter, lehnt Maske und Marschallstab zurück und zeigt sich als Mephistopheles, um, insofern es nötig wäre, im Epilog das Stück zu kommentieren.


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