Karl Kraus
In dieser großen Zeit – Aufsätze 1914-1925
Karl Kraus

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Phantome

(Mit einer Beilage: Zeichnungen von Chr. Dark)

Ein Schauspiel für Götter bildet, was herauskommt, wenn man den Versuch unternimmt, sich die Clichés und Verkürzungen der Literarhistoriker wieder in lebendiges Geschehen aufgelöst vorzustellen und nun dieses mit der Wirklichkeit, soweit sie einem bewußt oder doch fühlbar ist, zu konfrontieren. In den »Verlautbarungen der Urania« war durch die folgende Notiz auf sechs Vorträge über »die österreichische Moderne (1890-1920)« aufmerksam gemacht worden:

Im Laufe der Siebzigerjahre setzt in Deutschland wie in Österreich eine Opposition gegen die Herrschaft des liberalen Großbürgertums ein, die seine politische Machtstellung erschüttert und in den Achtzigerjahren zur Literaturrevolution in Deutschland führt. 1890 begründet Hermann Bahr die österreichische Moderne in Anlehnung an M. Barrès, 1893 Richard von Kralik eine katholische Moderne; auf den Wiener Theatern gewinnt die Richtung Brahm's allmählich die Oberhand. Die Sezession erweckt neues Interesse für die bildenden Künste und das Kunstgewerbe. Gegenüber dem Kunst- und Literaturtreiben in Wien erheben die Provinzen die Forderung nach einer »Heimatskunst« (1899). Bahr nimmt dieses Schlagwort auf, findet aber jetzt in Wien selbst Widerspruch und Gegnerschaft, namentlich bei Karl Kraus. Indessen hat sich die Moderne die Theater erobert. Reinhardt sucht den Ausgleich zwischen dem hohen Stil des alten Burgtheaters und dem Realismus Brahm's. Man macht Versuche mit der Stilbühne. Die Literaturbewegung im katholischen Lager führt zur Gründung des Gralbundes unter Kraliks Einfluß (1905). Bahr rechnet mit Wien ab und verläßt es (1906/08). Von der Sezession löst sich die Klimt-Gruppe ab, die 1908 die Kunstschau veranstaltet. Die Moderne, welche jetzt die Theater, den Büchermarkt und die Kritik beherrscht, kommt zum Genuß ihres Sieges. Gegen diese Verbürgerlichung der Moderne erhebt sich um 1910 eine neue Opposition, deren Führer in Österreich Karl Kraus ist. Der Weltkrieg scheint zunächst die neue ästhetische Revolution aufzuhalten, tatsächlich leistet ihr seine lange Dauer den größten Vorschub; sie setzt sich beim Zusammenbruch in eine politische Revolution um, die aber ihr Ziel nicht erreicht und die man jetzt wohl schon als abgelaufen betrachten darf. Die ästhetische Revolution dauert dagegen noch an. Das Streben der Zeit nach höchster Kunst scheint aber noch nicht den großen Künstler der Zeit hervorgebracht zu haben. – Abonnement für sämtliche sechs Vorträge K 6000. Einzelvorträge K 1000. Keine Ermäßigung.

Abgesehen von dem Spürsinn des Literarhistorikers, dem der Weltkrieg nichts vormachen konnte, indem dieser so tat, als ob er die neue ästhetische Revolution aufhalten wollte, um ihr in Wahrheit den größten Vorschub zu leisten, und welcher auch gemerkt hat, wie sie sich in eine politische Revolution umsetzte, die pünktlich abgelaufen ist, während jene noch andauert – abgesehen davon hat er auch in der Vorkriegszeit schon allenthalben eine Bewegung gespürt, die in seiner Darstellung förmlich als Straßenrummel bemerkbar wird. Es ist einfach verblüffend, wie viel Leben die Entwicklungsclichés enthalten, und ging es in Wien drunter und drüber, so war doch auch die Eindringlichkeit nicht zu verkennen, mit der die Provinzen die Forderung nach einer Heimatskunst erhoben. Daß Bahr, ein Hans Dampf in allen Gassen der Entwicklung, die größte Rolle dabei spielte und das Schlagwort aufnahm, wie wenns nichts gewesen wäre, ist nur selbstverständlich. Neu ist immerhin, wie ich mich zum Führer einer Opposition aufwarf, die mir auf den Wink folgte und ohne deren Begleitung ich keinen Schritt machen konnte. Es bildeten sich Gruppen, die sich aber wieder ablösten. Dies wurde von der Moderne benützt, um sich die Theater zu erobern und zum Genuß ihres Sieges zu kommen, und während Versuche mit der Stilbühne gemacht wurden – die Passanten standen Kopf an Kopf und waren nicht wegzubringen, wiewohl man sie aufmerksam machte, es seien nur Versuche, die man nicht zu stören bittet –, wurde der Gralbund gegründet. Da war es geschehen. Ältere Zeitgenossen erinnern sich noch an das Aufsehen, und obzwar es insgeheim geschah, kam es doch sofort auf. Alles das vollzog sich rapid und etwa im Tempo der Weisung »Die Linienwälle müssen fallen«, mit der Franz Joseph I. eine Entwicklung eingeleitet hatte. Die unter seinem Szepter blühenden Künste werden allerdings wieder durch den etwas jähen Entschluß Bahrs, mit Wien abzurechnen – er verläßt es sogar –, unterbunden. Aber das macht nichts, die ästhetische Revolution überlebt sowohl den Weltkrieg, den jener reiflich erwogen hatte, als auch die politische, die ein Akt momentaner Ratlosigkeit war, und dauert noch an. Die Zeit strebt nach höchster Kunst, allerdings muß man auch wieder zugeben, daß sie doch noch nicht den großen Künstler der Zeit hervorgebracht zu haben scheint. Da heißt es also noch etwas Geduld haben. Einstweilen freilich dürfte – neben George Grosz – der Zeichner genügen, der, als ich ihm den hastigen Abriß der Literaturgeschichte vorhielt, ebenso geschwind das Leben erfaßte, das aus diesen knappen, aber noch von den Ereignissen dampfenden Meldungen springt. Es ist ihm geglückt, es wenigstens in einigen Beispielen festzuhalten, und ich glaube speziell sagen zu können, daß die Art, in der Bahr das Schlagwort aufnimmt, etwas Beruhigendes hat, während es direkt aufregend ist zu sehen, wie er mit Wien abrechnet, aber wieder eine reine Freude gewährt, wie er es verläßt, wiewohl es gewiß nie zuvor einen so gekränkten und gekehrten Rücken gegeben hat wie diesen. (Bei dieser Gelegenheit fällt einem auf, daß der alte Mann noch kurze Hosen trägt, und man bestätigt sich erst, daß man sich ihn gar nicht anders vorstellen könnte.) Diesseits der Gabe, die Gespenster des Tages zu sehen, erinnert es an Wilhelm Busch. Auch darin, daß der zweite Streich sogleich folgt. Es ist der Diplomat in diplomatischer Stellung. Wie er im Buch steht, das heißt im deutschen Roman. »Es sieht kolossal diplomatisch aus, wenn er die Ellenbogen so kwiß nach außen spitzt«, notiert der Zeichner. Es deutet große Welt an, hilft beim Fortkommen in derselben und speziell zur Annäherung an die Entente. Das Mündchen immer herzförmig, ein Rosamundchen. Dann folgt das Idol jener Geistesverfassung, die eine Mentalität genannt wird, was eines der handgreiflichsten Beispiele für einen lucus a non lucendo bildet. In Bereitschaft sein ist alles. Es kann wieder beginnen. Großer Verbraucher von Menschenmaterial, wie sichs gehört und wie es das Menschenmaterial goutiert. Miles gloriosus in jedem Betracht. Strategischer Blick. Kann bei infolge seiner Tätigkeit eintretender Hungersnot von dem Germknödel leben, den er als Kinn trägt. Hat ausgesorgt. Vorne Platz für ein gigantisches Hakenkreuz. Zuletzt das Bild einer deutschen Familie – die zeugete kein sterblich Haus –, Feier einer Primiz. Der junge Mann konnte nicht anders und hat sich dem Herrn ergeben. Die Damen bilden eine teilnahmsvolle Gruppe. Der alte Filuzius ist es zufrieden. Die dort mit dem Himmelfahrtsblick weckt Zuversicht; die rechts daneben hat Crème céleste in der Nase; der mit der bösen Stirn möchte ich im Traum nicht begegnen. Aus der guten, aber dumpfen Kinderstube schreit die verprügelte Natur zum Erlöser empor. Myriaden von Kerzelweibern verfinstern die Sonne. Antlitze, die eine größere Wirkung als Nietzsches Antichrist zu versprechen scheinen, aber vorläufig nur jene Symbolkraft bewähren, in deren Bann die deutsche Menschheit Gut und Blut opfert.


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