Karl Kraus
In dieser großen Zeit – Aufsätze 1914-1925
Karl Kraus

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Klarstellung

Ich habe neulich gesagt, daß ich mich schämen würde, wenn ich auch nur vor einem Menschen in diesem Saal gesprochen hätte, dessen Verstand und Charakter ihn nicht davor bewahren würden, zum Wähler des Grafen Czernin herabzusinken. Ich möchte mich der angenehmen Illusion hingeben, daß sich auch heute, nachdem es vollbracht, kein solcher Verirrter hieher verirrt hat, denn man könnte doch unmöglich von mir verlangen, daß ich zu Menschen spreche, deren Gruß ich gegebenenfalls nicht erwidern würde, und wenngleich ich bei ihnen nicht ebensoviel Schamgefühl voraussetze wie bei mir selbst, so glaube ich doch, daß eine gewisse Befangenheit sie davon abhalten müßte, meine Vorträge zu besuchen, da sie ja vielleicht wissen, wie empfindlich ich im Punkte der weltgeschichtlichen Ehre bin und daß ich sogar mit solchen Lappalien wie dem nutzlos vergossenen Blut von Millionen keinen Spaß verstehe. Dieser Czernin nun hat sich, kurz bevor sich der Auswurf der Menschheit, also die vorzüglichsten Männer der Innern Stadt für ihn unbedenklich wie für den Besuch des Chapeau rouge entschieden haben – ich bitt Sie, was fängt man mit dem angebrochenen Weltuntergang an – dieser Czernin hat sich damit verteidigt, daß er schlicht sagte, er habe, propheta in sua patria, allerdings gewußt, daß jeder deutsche Sieg eine Niederlage und die Fortsetzung des Krieges aussichtslos sei, aber er habe doch unmöglich die Armee, die eben damit beschäftigt war, sich heldenhaft zu schlagen – ein Wort, für das eine Gasbombe gehört – darin unterbrechen und darüber aufklären können, daß es vergebens sei. Diese Verteidigung war darnach angetan, die Besucher des Chapeau rouge in ihrem Vertrauen zu dem Mann ihrer Wahl zu bestärken. Aber wahrlich, kein Ehrensitz, der Ehrlosigkeit einer Gesellschaft abgerungen, die bald ihren Untergang vergessen haben wird, kein Abgeordnetenmandat wird ihm die Immunität vor dem Weltgericht sichern! Welch ein Fluch aber ist es, unter diesen Toten zu leben und unaufhörlich an diese Vergessenden erinnert zu sein! Könnten sie erwachen, so würde Schamrot zur Parteifarbe und sie wüßten, daß sie noch mehr auf dem Gewissen haben, als einem Schlachtbankrotteur auf die Beine zu helfen. Denn das einzige, was sich nirgendwo in der Welt vorstellen, aber hierzulande erleben läßt, ist geschehen: daß sie eine Partei, die ihr Vaterland an eine Mörderbande verkauft hat, die Urheberin und Zutreiberin all der vernichtenden Siege, nicht zerbrochen haben, sondern ihr wieder einen dieser Siege erringen halfen, vor denen uns nichts rettet als der Tod. Daß Schwarz und Gelb sich in solidum des österreichischen Schmutzes verbanden und ein Christentum, vor dem uns Gott erhalte, Gott beschütze, mit Hilfe der jüdischen Presse einen Sieg errang, der auf der Börse mit einer stürmischen Hausse begrüßt wurde. Ich habe mich mein Lebtag geschämt, ein Österreicher zu sein, und nie mich dieser Scham geschämt, wissend, daß sie der bessere Patriotismus sei. Nun erst, da das Vaterland kleiner und die nationale Natur klarer geworden ist, erweist sich mir die tiefere Berechtigung dieses Schamgefühls. Ist es nicht die hoffnungsloseste und toteste aller Gewißheiten, unter einer Nation zu leben, die durch Schaden dümmer wird? Die von dem furchtbaren Trugschluß der Dummheit vegetiert, daß, weil es einmal besser war, bevor es schlechter wurde, nicht die Schuldigen, sondern die Verschuldeten an der Entwicklung schuld seien? Daß an den Folgen des Brands die Feuerwehr schuld sei, weil sie nicht auch imstande ist, den Schaden zu ersetzen? Mit einem Wort, daß das Verlangen nach der Kaisersemmel vom Kaiser befriedigt würde, der den Präsidenten um sie betrogen hat! Welch ein drückendes Bewußtsein, unter Menschen herumzugehen, deren Dummheit größer ist als ihre Not, und die nicht wissen und nicht spüren, nicht glauben und nicht verstehen, daß auf ein Jahrtausend hinaus alles was es leider nicht mehr gibt und was es leider gibt, eine Kriegsfolge sei und die allerfurchtbarste die eigene geistige Ausgeronnenheit, die des plansten Zusammenhangs nicht mehr gewahr wird! Aber welch eine Politik, die an diesem Horizont ihre fata morgana etabliert und um die Gläubigen nicht zu enttäuschen, ihnen das Blaue vom Himmel herunterlügt und durch Verleumdung aller Wahrheit und durch kriegsmäßige Ausschaltung aller Wirklichkeit immer das Prävenire spielen muß, damit die Dummheit nur ja nicht zur Besinnung ihrer selbst komme, weil doch schließlich einmal auch ein Kadaver die Natur nicht verleugnet. Welch eine Stickluft von verdorbenem Christentum, in der eine Welt von Pfaffen, Mördern und Journalisten die Handelskette der Nächstenliebe schließt! Welch ein Qualm der geistigen Erbärmlichkeit, aus dem sich Tag für Tag Argumente gegen das moralische Einmaleins erdreisten, deren sich ein rechtschaffener Schurke der Vorzeit in den Geldsack hinein geschämt hätte! Welch ein Pferch der engen Herzen, die es nicht verwinden können, daß sie zu dreißig Millionen Toten auch noch den Adel und die Orden verloren haben sollen, und die darum unerschöpflich sind an jenen öden Gedankengängen einer selbstvergessenen Korruptheit, die nur die fremde sieht und den Republiken mindestens zum Vorwurf macht, daß jetzt öfter Regen als Kaiserwetter ist oder daß man jetzt die Krawatten weniger elegant knüpft als ehedem die Galgenstricke, oder daß heutzutag ein Minister das Messer in seinen Mund steckt, was doch immerhin erträglicher ist als wenn er's der Welt ins Herz stieße. So toll schiebt diese Höllenbande in ihr Verderben, daß sie den Teufel nicht Pfui! bei ihrem Empfang rufen hört. Was soll, wer noch Worte hat, dazu sagen, daß ein Führer dieser Walpurgishetze neulich die Frage gestellt hat, wie lange man denn noch »mit der faulen Ausrede durchzukommen hoffe, an allem immer dem längst beendeten Krieg die Schuld zu geben«? Bis zum jüngsten Tag! Denn nehmt alles nur in allem und dies eine für ein Millionenfaches: vor dem Salzburger Schwurgericht stand ein Knecht wegen Raubmordes an einer Häuslerin. Auf den Vorwurf des Vorsitzenden, daß er wegen hundertzwanzig Kronen ein Menschenleben vernichtet habe, sagte der Mörder: »Ich habe im Krieg das Morden gelernt, so daß es mir zur zweiten Natur geworden ist. Ich habe auch keine Gewissensbisse mehr empfunden.« Er stand für die Menschheit vor dem Schwurgericht; ihr ist der Weltkrieg zur zweiten Natur geworden, aber sie weiß es nicht so gut wie jener, der sich noch an die erste erinnern kann. Er hofft mit der faulen Ausrede, dem längst beendeten Krieg die Schuld zu geben, durchzukommen. Quousque tandem? Bis die letzte Lues dereinst dem Hirn der Welt entwichen ist mit einem frommen Wunsch für den nächsten Untergang! Und allen, die nicht glauben, nur rauben können, und die darum an allem Gewesenen und allem Lebendigen vorbei, an Natur und Kunst, am Tod und an der Liebe vorbei, an aller Persönlichkeit vorbei nur in sich selbst eingehen und in ihrer eigenen Tasche verschwinden, von wo sie aber ganz gewiß der Teufel hervorholen wird – ihnen allen sei gesagt, weil sie mich für eben das halten, was sie sind, für einen Politiker: Dies und nichts anderes ist der Inhalt meiner Politik! Dies und nichts anderes ist mein Sozialismus! Was ich bin und nicht bin, was ich denke, schreibe, tue, geht sie so viel an, als ihr ganzer Menscheninhalt wert ist: einen Dreck! Dies ist genau so viel als die Politik ergibt, wenn sie über das Lebensmittel hinaus am geistigen Zweck frißt. So verachte ich sie, anders bejahe ich sie, und bleibe damit im Einklang mit allen meinen Widersprüchen, die weitaus haltbarer sind als die Schwachköpfe, die an ihnen zerbrochen werden. Denn ich sitze konsequent an einem Schreibtisch und will immer eben das schreiben, wovon sie behaupten, es hätte ihnen besser gefallen. Aber ihr Lärm stört mich und hindert mich daran. Vor der Tür ist ein Streit entstanden, worin es um mein Leben geht, und ich muß mich unterbrechen, um mich dazu zu stellen, denn die Entscheidung droht, mich noch gründlicher zu stören. Ich aber entscheide mich für den, der mir das Leben und somit alles Weitere bewahren will. Was er darüber hinaus für die Kultur bedeutet, darnach durfte ich einst, da es noch nicht an den Menschen ging und den Menschen nicht anging, darnach darf ich jetzt nicht fragen. Ich möchte auf die Gasse stürzen, alle aufrufen mitzuhelfen, denn es geht um aller Leben. So treibe ich Wahlpropaganda. Es ist ein Weltkrieg und dennoch ein heiliger Verteidigungskrieg. Wem's nicht paßt, der soll schauen daß er mit seinen unentwegten Fortschrittsbeinen weiterkommt, und soll mich tiefer verachten als ich ihn, wenn das möglich wäre! Welche aber glauben, daß ich je um der Macht willen, der Macht zuliebe, um Ruhm und Gunst, Gewinn oder Vorteil oder irgendeinen außerhalb meiner selbst und innerhalb ihrer vorhandenen Zweck ein Wort geredet habe, die wird der Teufel früher holen, als sie ahnen. Ich bin Gottseidank einer anderen Macht verantwortlich als den Juden des Geistes und den Christen des Gelds! Ich habe mit ihnen ein Vaterland und eine Epoche gemeinsam. Da kann ich nichts dafür. Aber ich schäme mich, mit ihnen denselben Weltraum und dieselbe Ewigkeit zu teilen!


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