Karl Kraus
In dieser großen Zeit – Aufsätze 1914-1925
Karl Kraus

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Die Welt ohne Blatt

Es hat sich so getroffen, daß zur Feier meiner hundertsten Wiener Vorlesung die Wiener Zeitungen durch ihr Eingehen an der Berichterstattung verhindert sind. Dieser Umstand soll uns aber nicht traurig stimmen, da er im Gegenteil in viel höherem Maß als meine hundertste Wiener Vorlesung würdig ist gefeiert zu werden. Und wenn ich schon tausend Wiener Vorlesungen gehalten hätte, so wäre ich nicht so hochgestimmt, wie wenn ich dazu von dem Eingehen der Wiener Presse höre. Wiewohl es wahrlich spät genug wäre, wenn es sich erst dann vollziehen sollte. Ob uns die Not beten lehren wird, ist noch zweifelhaft. Aber wenn sie nichts bewirkt hätte als uns das Zeitunglesen abzugewöhnen, so hätte sie jene kulturelle Wirksamkeit bewährt, zu der keine Regierung je die Initiative gefunden hätte. Denn keine, die konservativste nicht und nicht die revolutionärste, würde sich aus dem Mut der Erkenntnis und nicht bloß aus dem der Not von dem Vorurteil freimachen, welches den heute lebenden Menschen gebietet, den Fortschritt in eben den Errungenschaften zu erblicken, welche geradenwegs zum Ende führen. Keine würde sich je bedenken, um jenes falschen Begriffes von Freiheit willen auf die wahre zu verzichten, die nicht in der Freiheit der Presse, sondern erst in der Freiheit von der Presse begründet ist. Vermöchte die Staatsweisheit an die Leiden der Menschheit heranzureichen, die ihr Mangel herbeigeführt hat, wahrlich, sie hätte sich nach diesem blutigen Exempel dazu aufgerafft, die selbstmörderische Rüstung der journalistischen Betriebe zu zerschlagen, die Maschinbereitschaft des Worts, das noch, ehe es lügt, schon die Phantasie vergiftet hat, und hätte durch eine Tat, die den wahren Friedensschluß bedeutet, jenes große Symbol einer Selbstbesinnung aufgerichtet, ohne die weiterzuleben schmählicher ist als der vollbrachte Mord. Aber wo mit der Erkenntnis auch alles andere fehlt, bleibt es der Not überlassen, das Nötige zu tun. Ich weiß nicht, ob wir für das Rotationspapier, das zum Unterzünden des Weltbrands gelangt hat, heute genug Kohle bekämen, uns zu wärmen. Aber wenn mir auch unbekannt ist, für welche nützlichen Dinge wir es jetzt unbedruckt dahingeben, das eine weiß ich doch: daß, wenn wir es selbst ohne jeden Gegenwert dahingäben, wir noch immer ein vortreffliches Geschäft machten, und ferner weiß ich, daß wir, wenn dieses Papier schon früher unbedruckt gewesen wäre, uns das erspart hätten, was wir erlebt haben bis zu dem Notstand, der uns jetzt zwingt, es unbedruckt dahinzugeben. Doch der Angsttraum, in dem wir weiter befangen sind und in dem wir weiter genarrt und betrogen werden, da sich unsere Räuber und Mörder weiter als unsere Kulturhüter empfehlen, hält uns so an der Kehle, daß wir nicht lachen und nicht weinen können, daß wir uns aber wie einst im Krieg für die Ideale jener aufrufen lassen, deren Geschäft unser Ruin ist. Haben nicht diese Entwerter aller Werte, diese Schänder aller Wirklichkeit und aller Vorstellung, die mit der Kuppelung von Text und Annonce, von Lüge und Betrug, jedes Spiel ohne Einsatz gewinnen, haben sie nicht alle heiligen Vorwände zur Hand, um den Bestand Ihres Unternehmens als eine Lebensnotwendigkeit des Menschengeschlechts glaubhaft zu machen? Haben wir nicht von jenem jungen Monstrum, das die ungeschmälerte Erbschaft eines weltzerreißenden Tons übernommen hat – als versagte der Tod vor dieser Gewure; als wäre die Menschheit verurteilt, noch dies Naturspiel einer sie erschreckenden Familienähnlichkeit zu genießen –, haben wir nicht von diesem Stürmer und Dränger den Herzensschrei vernommen, daß »die wichtigsten Interessen der Kunst nicht befriedigt werden können«, wenn man solcher Unzucht nicht mehr Papier zur Verfügung stelle? Worauf wir freilich, mit jener Springlebendigkeit, die das kostbarste Erbstück dieses Hauses ist, »die Kunst« sogleich als das Bedürfnis der Zeitgenossen definiert bekamen, »der Öffentlichkeit zu sagen, was sie liefern können und was sie benötigen«. Nun und ist das vielleicht keine Kunst? Sollte aber wirklich doch auch jene andere gemeint sein, so könnte ich natürlich nicht sagen, ob zu Ihren wichtigsten Interessen auch die Angelegenheiten meines Wortes und meiner Wirkung gehören. Aber das eine weiß ich ganz gewiß, daß diese Interessen bisher ohne die Mitwirkung der Wiener Presse befriedigt werden konnten und daß sie in aller Zukunft ohne jede Rücksicht darauf, ob die Neue Freie Presse vier Seiten mehr bekommt oder nicht, zu befriedigen sein werden. Ja, ich möchte so unbescheiden sein zu sagen, daß gerade diese Interessen, und ihre Befriedigung vor der breitesten Öffentlichkeit, ein Beispiel für die vollkommene Überflüssigkeit der Presse, selbst in ihrem reduziertesten Umfang darstellen. Nicht daß ich von der Entbehrlichkeit der Tageskritik in meinem Falle Aufhebens machen wollte – schon die bloße Vorstellung, daß ich mich von so etwas »rezensieren« lassen müßte, ist ja ein Operettenschlager –; aber sollte denn nicht allein die Tatsache von kulturgeschichtlicher Bedeutung sein, daß ich in Wien, in der Stadt der Presse, die zur Befriedigung der wichtigsten Kunstinteressen Papier braucht, hundert Säle füllen konnte, ohne je einen Ton von dieser Presse strapaziert zu haben? Sollte nicht, für je unwichtiger meine Kunstinteressen von ihr gehalten werden, die völlige Ausschaltung der Presse als eines vermittelnden Faktors, als des Trägers der letzten Funktion, die man ihr zugestehen wollte, der des bezahlten Ausrufers, eine ungewöhnliche Tatsache sein, eine sogar publizistisch beträchtliche, und eine Tatsache, die jede kulturell bestrebte Verwaltung vor die Frage stellen muß, ob denn jene künstlerischen Interessen, die auf die Unterstützung der Presse angewiesen sind, die nur von ihr befriedigt werden können, nicht selbst dieser Unterstützung unwert seien und der Hilfe von staatswegen so unwürdig wie die Presse selbst, als deren Geschöpf sie die Herkunft aus Dreck und Schmach nicht verleugnen und in ihrem Schutz erst verraten! Wenn aber die Neue Freie Presse, die sich füglich die Welt ohne »das Blatt« nicht vorstellen kann, das Herz hat, vor der Welt sich zu beklagen, daß sie zu wenig Papier zur Förderung der Kunst bekomme, so steht es dem Neuen Wiener Tagblatt wohl an, seine Inserate als ein »aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten erwachsendes Naturprodukt« zu bezeichnen, ganz abgesehen davon, daß es befürchtet, durch die Verminderung seines Umfangs werde »eine unerträgliche Verengung des geistigen Horizonts der Bevölkerung herbeigeführt werden, die unaufhaltsam zu einer intellektuellen Verarmung führen muß«. Ich glaube, das Neue Wiener Tagblatt sieht da zu schwarz. Während die Neue Freie Presse die Kunst schlicht als das Bedürfnis erklärt, der Öffentlichkeit zu sagen, was sie liefern und was sie benötigen, hat das Neue Wiener Tagblatt gewiß recht, zwischen jener feschen Blondine, die gestern im Café Siller von brünettem Herrn auf das Blatt aufmerksam gemacht wurde, und eben diesem die Gemeinsamkeit eines Naturprodukts zu vermuten. Aber ich bin überzeugt, daß weder durch eine Einschränkung des Textteils des Neuen Wiener Tagblatts noch auch durch eine Vernachlässigung des Kleinen Anzeigers eine Verengung des geistigen Horizonts der Wiener Bevölkerung herbeigeführt werden wird, erstens weil dies nicht so sehr durch den Raum, um den das Neue Wiener Tagblatt verkürzt wird, als durch den Raum, der dem Neuen Wiener Tagblatt noch bleibt, bewirkt würde und zweitens: weil es überhaupt nicht mehr möglich ist. Wenn man bei Ausübung eines verlogenen Handwerks noch ehrlich sein könnte, würde man's ja ohne kulturelle Umschweife heraussagen, daß es einem nicht so sehr um das Wohl und Wehe der Menschheit oder der Bevölkerung zu tun ist als um das eigene. Über Existenzfragen ließe sich ja sachlich reden, wenn Reue über ein falsches Leben sichtbar wäre und das Streben, den Beruf, den man verfehlt hat, wieder zu suchen. Solange dies nicht der Fall ist und jene, die nun auch selbst für ihr Wirken büßen sollen, sich darauf versteifen, Führer des Volkes zu sein und die Tätigkeit, durch welche sie es, Gott seis geklagt, sind, fortzusetzen, bekenne ich kalten Herzens, daß ich am Grabe der europäischen Menschheit die Subsistenzlosigkeit solcher, die sie dahin geführt haben, für kein Problem halte. Denn wenn zu Gottes Ehre die Armeen verkracht sind, so hat man andere Wünsche, als sie wieder zu errichten, damit die Gagisten, denen ein Berufswechsel schwer fällt, nach Auskommen und Ansehn versorgt sind, und wieder Kriege zu führen, damit die, die nichts anderes gelernt haben, nicht aus der Übung kommen. Leider kann ihnen die Vorzugsstellung nur in dem Sinne eingeräumt werden, daß eben die Träger eines Berufs, durch dessen Wirken auch alle andern zu Schaden gekommen sind, vor diesen sich damit abzufinden haben, Opfer ihres Berufs zu sein, so schmerzlich das in jedem einzelnen Fall zu erleben wäre. Und was von der Generalität gilt, die mit dem Ruhm auch das Risiko übernommen hat, daß durch ihre Tätigkeit der Staat zugrundegeht, und die vom Vaterland doch nicht verlangen kann, es als dulce et decorum zu empfinden, für die Generale zu sterben – gilt ganz ebenso von jenem Beruf, dessen Inhaber einander noch heute als Fahnenträger oder Generalstabschefs des Geistes ansprechen und deren Werk es vorzüglich war, die Menschheit die Segnungen der militärischen Sphäre erleben zu lassen und sich selbst mit ihren Metaphern zu schmücken. Und leider muß es auch von den geistigen Munitionsarbeitern gelten. Was die graphischen Helfer des Journalismus anlangt, so möchte ich mit jener freien Stirne, die den Zierat der Lüge so schlecht verträgt, bekennen, daß ich mir die sozialistische Umwälzung niemals als den Fortbestand der ihr feindlichen Einrichtungen zugunsten der an ihnen interessierten Lohnarbeiter vorgestellt habe. Und weiters, daß mir schon lange vor dieser sogenannten Krise, die ich in Wahrheit als eine Katharsis empfinde, die Mitwirkung von Proletariern an dem ihrer Idee gefährlichsten Werk als tief unsittlich erschienen ist, so wahr selbst das härteste Kriegsdienstleistungsgesetz keinen Arbeiter je in die Munitionsfabrik des Feindes gezwungen hat! Aber wenn in Zeiten der wirtschaftlichen Wohlfahrt das gemeinsame kapitalistische Interesse über die tiefere Feindschaft betrügen konnte – den Arbeiter, nicht den bürgerlichen Journalisten, der sich seiner als Instruments im Kampf gegen den Arbeiter wissend bedient –, so sollte diesen doch die Not die seltsame Bettgenossenschaft schaudernd erkennen lassen. Ob Menschen brotlos werden müssen, weil die Menschheit endlich um ihr Gift kommt, und ob man, weil wir einmal das Glück haben, Rotationspapier unbedruckt an den Mann zu bringen, die Setzer nicht zu nützlicherer Tätigkeit als der bisher verübten anstellen könnte, und ob es vielleicht doch noch saubere Bücher zu drucken gibt, wenn's keine schmutzige Zeitung mehr zu drucken gibt: dies alles dürfte eine weit ernstere Debatte ergeben als jene, welche eine aufgestörte Interessengemeinschaft abführt, die nach altem Bürgerbrauch Vorteil und Phrase über die Gelegenheit zu allgemeinem und höherem Nutzen stellt. Mir aber konnte zu dem Datum der heutigen Vorlesung keine bessere Ehre widerfahren als die durch eines jener Gerüchte, welche in der Stadt, die immer noch von Gerüchten leben wird, wenn sie schon keine Journale mehr hat, meine so schwer kontrollierbare Privatperson umschwirren. Ich soll, nicht durch meine seit so vielen Jahren sichtbare Beharrlichkeit – was ja natürlich wäre –, nein durch heimliche Umtriebe bewirkt haben, daß den Zeitungen endlich das widerfahren ist, was ihr Rädelsführer so anschaulich das »Einwürgen des Raumes« nennt. Ich wollte, wir hielten, durch die Entschließungen einer höheren Regierung, schon beim Einwürgen der Zeit! Denn auch sie war ja, dank dem maßgebenden Journalismus, allzu groß. Aber was mir das Gerücht nachsagt, bringt mich wieder einmal in eine jener fatalen Parallelen mit Wilhelm II., die mir seit meinem Zusammenbruch in Innsbruck anhängen. Und doch ist es ein Unterschied, auf den ich stolz sein werde, wenn ich mit dem verantwortlichsten Redakteur einer maßlosen Epoche vor das Weltgericht trete. Denn er war, Schulter an Schulter mit dieser Presse, wohl schuld an zu viel Blut. Aber ich bin nicht schuld an zu wenig Papier. Er hat es getan, aber nicht gewollt. Ich habe es nicht getan, aber: ich habe es gewollt!


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