Egon Erwin Kisch
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Egon Erwin Kisch

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Von der Reportage

Lachen und Kreischen dringt durch die Mauern des Bärenhauses. So stark war des blinden Methodius humoristische Wirkung noch nie.

Hm. Dieser Fall also ist es . . .

Dieser Fall ist in fachmännischem Sinne keine Tagesnachricht. Nur die Nachbarn der Beteiligten wußten davon, und einer von ihnen hat mir die Begebenheit erzählt, gelegentlich, als sie schon mehrere Wochen alt war. Immerhin schrieb ich sie auf.

Der blinde Methodius singt nun, was ich damals schrieb, die Geschichte vom Eisenbahnschaffner, der sich morgens von seiner Frau verabschiedet, um auf Fahrt zu gehn. Wie üblich kocht sie ihm kein Frühstück, sie behauptet, es dauere zu lange, bevor der Herd warm wird. Wie üblich bleibt sie noch im Bett. Wie üblich ist ihr Abschied ein liebevoller – »sie reicht ihm Kuß und Pfötchen«, singt der blinde Methodius. Aber das Schicksal erspart dem Schaffner heute zufällig den Dienst und er kann nach Hause zurückkehren. Leise, um Frauchen nicht zu wecken, sperrt er die Türe auf, und – braucht's da eines Gedankenstrichs? – Frauchen ist höchst wach, und ein Gast ist's mit ihr. Und was vielleicht das Schlimmste ist, im Herd, der angeblich so schwer zu erheizen ist, brodelt ein fröhliches Feuer.

Während der Gast, seine Wäsche und Kleider in den Händen, das Weite sucht, packt der wütende Schaffner die ungetreue Schaffnerin. Mit starken Armen hebt er sie hoch und setzt sie mitten auf den geheizten Küchenofen, den flammenden Beweis ihres Ehebruchs; und zwar dergestalt, daß sie im Herdloch steckenbleibt. Vergeblich versucht sie von diesem Sitzplatz aufzustehen, sie ist vom eisernen Ring umfaßt und unter ihr steigt die Wärme hoch, die sie selbst entfacht hat. 252

Das also ward würdig befunden, Substrat einer Ballade zu sein, und die Hörerinnen lachen, weil der treulosen Gattin tüchtig eingeheizt wird, und freuen sich, daß der Untugend die Strafe auf dem Fuße oder auf sonst etwas folgt. Warum so wenig Solidarität mit der Geschlechtsgenossin? Ist es der Neid darüber, daß sich die Frau Schaffnerin einen Schichtwechsel ihrer Belegschaft leistet?

Wie dem auch sei, es ist zum erstenmal, daß eines meiner Themen in Poesie und Musik gesetzt, vom Ideal meiner Kindstage vorgetragen wird. Da habe ich nun etwas Ersehntes erreicht und prompt stellt sich die Enttäuschung ein. Der blinde Methodius könnte wirklich bessere meiner Stoffe verwenden.

Andere verwenden bessere meiner Stoffe, aber auch das ist mir nicht recht, bringt mir nur zum Bewußtsein, wie gering der Marktwert der Wahrheit ist. Jeden Abend füllt die Operette »Die Galgentoni« das Stadttheater. Alles kommt darin vor, was ich in meinem Artikel geschrieben, die Schlacht zwischen Stotterbetty und Galgentoni im Café Mimose, der Cafetier Mungo Natscheradetz und die heuchlerische Frieda Kniefall, und vor allem die anklagende Verteidigung, auf die sich die Galgentoni vorbereitet hat und die sie mir in ihrer häßlichen Kammer im Ledergäßchen vorgesprochen.

Ich verklagte die Plagiatoren, und das Gericht stellte mir die Frage, ob Handlung und Figuren erfunden seien. Selbstverständlich antwortete ich, daß sie nicht erfunden seien. Überdies fand sich ein Zeuge, ein Angestellter des verklagten Stadttheaters, und er beschwor, eine Frau habe ihm ihr Leben so erzählt, wie es auf der Bühne gespielt werde. Die literarischen Sachverständigen erklärten, mein Artikel sei nur ein Tatsachenbericht gewesen und kein Phantasieprodukt, »weshalb ihm ein geistiges Eigentumsrecht keinesfalls innewohnen könne.« So wurde meine Klage abgewiesen und ich zur Tragung der Prozeßkosten verurteilt. Seither ging ich mit Plagiatoren nicht mehr zu Gericht.

Nach dem ersten Weltkrieg recherchierte ich die Hintergründe und Zusammenhänge des Redl-Falles, den ich 1913 253 aufgedeckt hatte, und veröffentlichte die Ergebnisse. Ohne mich zu fragen, ohne mich zu nennen, wurde meine Darstellung mitsamt dem verlorenen Fußball-Wettspiel, dem Entschuldigungsbesuch des Schlossers Wagner, dem komischen Verhalten der Detektive, den Dialogen usw., von Zeitungen abgedruckt, von »Autoren« an Zeitschriften verschickt, zu Romanen ausgewalzt, dramatisiert, verfilmt und als Grundlage von Anthologien der Spionage verwendet. In einer ernsten Geschichte der Spionage, die in Amerika erschien, hat sich der Verfasser die Mühe genommen, die vielen gleichlautenden Publikationen über Redl durchzustudieren und sie gewissenhaft zu zitieren; nicht mich, denn er wußte nicht, daß sie allesamt von mir abgeschrieben waren.

Der Preis, den Nazi-Hamburg meiner Geschichte aus dem Magdalenenheim erteilte, ist nicht meine einzige Ehrung durch eine Stadtgemeinde. Ein Volksdichter X. Y. (er ist tot, und so lasse ich ihn leben) bekam den Literaturpreis der Stadt Wien für seine Autobiographie. Das Interessanteste in seinem Leben ist ohne Zweifel das Erzählertalent seiner böhmischen Großmutter. Wann immer sie im Lebensbuch ihres Enkels auftaucht – und sie taucht bei Beginn jedes Kapitels auf –, erzählt sie eine meiner Geschichten, die in der »Bohemia« als Sonntagsfeuilletons erschienen waren, aufs Komma genau. Nur den Namen des Verfassers nennt sie nie, wahrscheinlich hat sie ihn vergessen, begreiflich bei einer so alten Frau.

Oft rieten mir Freunde und Kritiker, mich nicht selbst einen Reporter und meine Produkte nicht Reportagen zu nennen, nicht zu betonen, daß meine Stoffe mit wirklichen Ereignissen übereinstimmen. »Lassen Sie doch Daten und Namen weg, und schreiben Sie als Untertitel ›Novelle‹ hin. Dann werden Sie literarisch beurteilt werden, als Mann von Phantasie.«

»Von Phantasie!« Bedarf die Gestaltung der Wahrheit keiner Phantasie? Es ist wahr, die Phantasie darf sich hier nicht entfalten wie sie lustig ist, nur der schmale Steg zwischen Tatsache und Tatsache ist zum Tanze freigegeben, und ihre Bewegungen müssen mit den Tatsachen in rhythmischem Einklang stehen. Und selbst diesen beschränkten Tanzboden hat 254 die Phantasie nicht für sich allein. Mit einem ganzen Corps de ballet von Kunstformen muß sie sich im Reigen drehen, auf daß der sprödeste Stoff, die Wirklichkeit, in nichts nachgebe dem elastischsten Stoff, der Lüge.

Ist schließlich das Darzustellende folgerichtig dargestellt, dann erscheint es dem Leser so klar, daß er ausruft: »Das ist doch klar!« Wobei das Wort »klar« soviel wie »selbstverständlich« bedeutet und den Vorwurf der Banalität, der Plattitude, der Photographiererei ausdrückt. »Er hat ja nur aufgeschrieben, was er gesehen«, wie Doktor Dykschy sagte.

Ich nahm den Rat nicht an, das Wahre als Erlogenes zu tarnen. Im Gegenteil, ich versuchte, das Fehlen der Fakten, unter dem ich während des Mühlenfeuers gelitten, durch Fülle, oft durch Überfülle von Details zu kompensieren, selbst graphische Darstellungen, Situationspläne, Termini technici, Fußnoten und Bibliographien verschmähte ich nicht. Eine solche Genauigkeit bringt wieder andere Vorwürfe als den des Mangels an Phantasie. Die anspruchsvolle Akribie reizt den Leser, nach einer Lücke zu suchen.

In der Tat kann auch dem Sachlichsten etwas Wichtiges entgehen, wofür der Reisechronist Thomas Platter aus Basel ein klassisches Beispiel ist. Der kam zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts nach London und stöberte alle Besonderheiten auf. Auch im strohgedeckten Globe-Theater war er bei der Novität »Julius Cäsar« und widmete ihr den Satz: »Haben in dem streuernen Dachhaus die Tragedy vom ersten Keyser Julio Cäsare mit ohngefähr funfzehn Personen sehen gar artlich agiren, und dantzeten sie zu endt der Comedien, ihrem gebrauch nach, gar überaus zierlich.« Er spricht also einmal von einer Tragödie und das andere Mal von einer Komödie, weil er wohl merkt, daß hier weder das eine noch das andere im aristoteleischen Sinne »agiret« wird. Aber daß hier die Revolution des Dramas vorliegt, merkt Thomas Platter nicht, oder hält es nicht der Aufzeichnung wert. Wie grundlegend wäre sein Buch durch eine zeitgenössische Kritik oder gar durch ein Interview mit Shakespeare gewesen, während es so 255 nur als ein Dokument aus der Stadt und der Zeit Shakespeares Erwähnung findet, das den Namen Shakespeare nicht kennt.

Von den Fesseln des aktuellen Anlasses emanzipierte ich mich bald. Daß ich das konnte, verdanke ich einem neuen Redaktionskollegen, Paul Wiegler. Er schätzte meine Lokalberichte anders ein, als es die anderen Redakteure taten. Einmal kommentierte ich die Nachricht vom Verkauf des aus der Mozartzeit stammenden Clamschen Parks, der zu einem Tanzlokal geworden war. Am Sonntag fand ich die Glosse im Gehege des Feuilletons, wo bisher nur die berühmtesten Schriftsteller Deutschlands abgedruckt worden waren, mit meinem Namen und dem Serientitel »Prager Streifzüge« samt einer römischen I. Auf diese Weise war ich via facti zum ständigen Wochenfeuilletonisten ernannt, und ich schrieb jahrelang allsonntäglich die Prager Streifzüge, eine Art unaktueller Lokalschilderungen, ähnlich denen, die mir im Liederschatz des blinden Methodius so gefallen hatten.

Ich drängte mich mit der Masse der Frierenden in den Wärmestuben, ich wartete mit den Hungernden in der Volksküche auf die Armensuppe, ich nächtigte mit den Obdachlosen im Nachtasyl, mit den Arbeitslosen hackte ich Eis auf der Moldau, schwamm als Flößerbursch nach Hamburg, statierte im Theater, zog mit dem Heerbann des Lumpenproletariats ins Saazer Land auf Hopfenpflücke und arbeitete als Gehilfe des Hundefängers. Gab es Hindernisse, so registrierte ich die Hindernisse, und sie waren oft merkwürdiger als das Thema selbst.

»Als ich den Friedhof der Strafanstalt St. Pankraz beschreiben wollte, lehnte der Oberstaatsanwalt mein Ansuchen ab: »Das Betreten des Anstaltsfriedhofs kann aus disziplinären Gründen ebensowenig bewilligt werden wie ein Besuch der Gefangenenzelle. Da die innerhalb der Anstalt Beerdigten vor Abbüßung ihrer Strafe gestorben sind, unterstehen sie de jure auch weiterhin den k. u. k. Gefängnisvorschriften. Ein Sträflingsfriedhof kann niemals als Stätte öffentlicher Pietät betrachtet werden.« 256

Mir blieb nichts anderes übrig, als die Friedhofsmauer zu überklettern und nachher minuziös zu beschreiben, wie ich dies bewerkstelligt hatte, und daß ich dabei das Verbot des Oberstaatsanwalts in der Tasche trug. Ebenso genau schilderte ich die Gräber, in denen politische Häftlinge und lokalhistorische Personen lagen.

Nach Erscheinen meines Artikels wurde ich zum Oberstaatsanwalt zitiert, der mir ein Verfahren wegen Hausfriedensbruchs, Leichenschändung und Verletzung von Amtsgeheimnissen androhte. Ich fragte, wie er denn Tag, Stunde und Durchführung dieser Verbrechen feststellen wolle? Ob er Zeugen aufführen könne?

»Sie wollen also Ihre Tat leugnen, die Sie selber beschrieben haben?«

»Ich werde nur von dem Recht des Beschuldigten Gebrauch machen, die Aussage zu verweigern.«

Er ließ es nicht darauf ankommen.

Eine meiner unaktuellen Reportagen war die reale Suche nach einem irrealen Stoff. Vom Hohen Rabbi Löw, dem Thaumaturgen, erzählt die Sage, daß er aus Lehm und lebensgroß den »Golem« schuf und ihm menschliches Leben einhauchte. Als dieser Frevel Unglück über die Gemeinde brachte, habe der Hohe Rabbi Löw die Lehmfigur auf dem Dachstuhl der tausendjährigen Altneu-Synagoge beigesetzt und einen Bannfluch gegen jeden verkündet, der den toten Nichtmenschen zu stören wage. Die Treppe zum Dach wurde abgetragen.

Mit Hilfe von Steigeisen stieg ich im Morgengrauen die Außenwand der Synagoge empor und schwang mich in die Dachkammer. Ich versuchte vorwärts zu gehen, aber es gab keinen Fußboden, es gab nur spitze Hügel und spitze Abgründe aus Stein, – die Außenseite der Wölbungen, welche die darunterliegende Bethalle überdachten. Auf dieser Felsenlandschaft balancierte ich, nach rechts und links lugend. Eine aufgestörte Fledermaus prallte immer wieder gegen meinen Kopf.

Hätte ich die von meinem Ahnen geschaffene Statue gefunden, dann hätte ich vielleicht versucht, sie wieder zum Leben zu erwecken. Aber das wäre mir keinesfalls so 257 geglückt, wie dadurch, daß ich sie nicht fand. Der Golem wurde lebendig infolge meiner vergeblichen Suche und dem Bericht darüber. In der Einleitung zu seiner Golem-Monographie schildert Professor Chajim Bloch diese meine Einleitung der Golem-Renaissance. Dramen, Filme, eine Oper und ein Oratorium hatten nun den Golem zum Helden. Vor allem aber geistert er durch Meyrinks gleichnamigen Roman. Mein Vater, der dem Bankier Gustav Meyer viele Stoffe lieferte, hat kaum geahnt, daß sein Sohn dieser Kundschaft einmal einen Stoff von so anderer Art liefern werde. Die Prager Stadtgemeinde errichtete dem Hohen Rabbi Löw, dem Schöpfer des Golems, ein künstlerisches Denkmal, das die Nazis am Tage ihres Einmarsches zertrümmerten.

Paradox und aus paradoxen Gründen veranlaßt, war meine Fahrt auf dem Moldau-Dampferchen »Lanna 8«, – eine Reportage ohne Erkundungszweck, ein Spaß, der sich über viel Zeit und Raum erstreckte. Der winzige Schleppdampfer war von der Behörde bestimmt worden, auf dem Wasserweg von Prag nach Preßburg abzugehen. Dabei hatte man eines nicht bedacht: Prag liegt an der Moldau, die zum Flußgebiet der Nordsee gehört, während Preßburg an der Donau liegt, die nach Süden ins Schwarze Meer fließt. Als der Spediteur, der mit dem Transport beauftragt war, auf die Undurchführbarkeit des Befehls hinwies, äußerte der verantwortliche Beamte frei nach Kaiser Wilhelm: »Wo ein Wille ist, ist auch ein Wasserweg.« Allerdings, es gab einen, wenn auch nur den lächerlich umständlichen auf Moldau und Elbe nordwärts nach Hamburg und Cuxhaven, von dort übers Meer westwärts zum Rhein, diesen südwärts zum Main und dann auf Kanälen zur Donau. Diese Route rund um Europa mußte also die »Lanna 8« nehmen, und der halb ärgerliche, halb amüsierte Spediteur konnte nur protestieren, indem er mich als Administrator für diese Fahrt anheuerte. Begeistert nahm ich an.

Das Schiffchen mit der Bemannung von zwei Mann, die nie aus dem Prager Hafenbezirk herausgekommen waren, und ich als dritter, ging nun auf Weltumseglung. Wir hatten einen Schulatlas mitnehmen wollen, ihn aber vergessen. Gleichfalls 258 vergessen, oder besser gesagt, nicht gewußt hatten wir, daß ein Flußdampfer nicht übers Meer fahren kann, weil er keinen Kondensator für Salzwasser besitzt. Aber da wir das nicht wußten, fuhren wir ahnungslos von der Elbemündung über das Meer. Und das Meer, das noch nie ein Flußdampferchen gesehen hatte, erkannte nicht, daß die »Lanna 8« ein Flußdampferchen sei, und ließ es dahingehen. Bei unserer Landung in Wilhelmshaven waren wir ganz mit funkelnden Salzkristallen bekleidet, unsere Bärte, Haare, Kleider und Schuhe, der Kamin, die Reling, die Schiffswand, das Steuerrad; sogar die den Bordrand überhängende W.C.-Hütte war in eine Märchengrotte verwandelt. Unser Kapitän und unser Maschinist, der Getränke des Nordseegebietes ungewohnt, hielten es für eine vom Alkohol bewirkte Halluzination, als sie ihre alte »Lanna 8« im Flitterkleid sahen. Hunderte Menschen standen entzückt um das Schiff aus dem Fabelland.

Grotesk war unsere Passage durch die Felsenengen des Rheins. Von hohen Leuchttürmen und Felsengipfeln herab zeigen Signalwächter, sogenannte »Wahrschauer«, jedem Schiff an, ob es weiterfahren darf oder zu warten hat, denn in dieser Enge können zwei Schiffe nicht aneinander vorbeifahren. Für jeden Winkel dieser Strecke müssen die Schiffe einen anderen Piloten aufnehmen, der nicht nur Strömung und Tiefe, sondern auch die komplizierten Licht- und Flaggen- und Hornsignale kennt. Nachtfahrt ist verboten.

Wir aber wußten nichts von alledem. Wir besaßen nur eine zusammenlegbare Ansichtskarte des Flußlaufs, die ich am Ufer gekauft hatte. Ohne Piloten und ohne die verzweifelten oder wütenden Signale der Wahrschauer zu verstehen, fuhren wir durch eine gewitternde Nacht, unausgesetzt an Riffe und verankerte Schiffe prallend.

Nach meiner Rückkehr habe ich die Weltumseglung der »Lanna 8« in Gemeinschaft mit Jaroslav Hasek, dem Verfasser des »Braven Soldaten Schwejk«, dramatisiert. Die Szene vom Rhein ist zur Gänze von Jaroslav Hasek, und ich setze sie wegen ihrer grandiosen Mischung von Gottesglauben, Blasphemie und Naturmythos hierher: 259

Maschinist Mikulaschek: Achtung, ein Fisch! Ausweichen!

Kapitän Struha: Ich sehe gar nichts in diesem Regen. Gleich werden wir kaputtgehn in dieser Finsternis, dieser gottverfluchten.

(Es blitzt und donnert.)

Reporter Kisch (immer mit Notizbuch und Bleistift): Wir sind verloren! Schiffbruch! Wir werden herniedersinken auf den Grund des Rheins, wo der Nibelungenhort liegt. Hier unter uns tanzen die Rheintöchter, die Walküre und Carmen. (Notiert:) »Unser geschätzter Mitarbeiter Kisch stirbt den Seemannstod!« Hurra!

Mikulaschek: Man sagt, daß der liebe Gott die Betrunkenen beschützt, also müssen wir uns schnell besaufen. Seht ihr jetzt ein, wie vorsorglich es von mir war, daß ich gestern den Liter Rum eingekauft hab'? Nicht diesen milden holländischen Genever, den soll der Teufel holen.

(Blitz und Donner.)

Struha: Ich sehe nicht einmal das Steuer.

Mikulaschek: Ja, ja, finster wie im Hintern ist es und dazu immerfort diese unanständigen Geräusche vom Himmel.

(Ein Blitz fährt neben dem Schiffchen ins Wasser.)

Mikulaschek (zu den Wolken hinauf): Du willst uns abschießen, weil wir fluchen? Da mußt du schon besser zielen! Ein Patzer bist du, laß dich ausstopfen!

(Blitze sausen backbord und steuerbord vorbei.)

Mikulaschek (schwenkt den Arm): Fehler! Fehlgeschossen!

(Es donnert furchtbar.)

Struha: Wenn ich je schon so einen Krach gehört hab', soll mich der Blitz erschlagen.

(Blitz und Donnerschlag.)

Struha (bekreuzigt sich erschreckt. Zum Himmel): Na, na, man wird doch noch ein Wörtchen reden dürfen. 260

Kisch: Mit Recht sagt man, daß die Landschaft nirgends so heroisch ist, wie an der Lorelei. Die Lorelei ist die Scilla und Charybdis, die Homer besungen. Seit das Weltmeer unseren Ozeandampfer »Lanna 8« mit Stalaktiten und AdamitenKisch verwechselt Stalagmiten mit Adamiten, einer mittelalterlichen Sekte, die nackt wie Adam in den böhmischen Wäldern umherlief. geschmückt hat, war nichts so romantisch auf unserer Fahrt.

Struha: Schwätzen Sie nicht so viel, Herr Reporter.

Mikulaschek: Man kann ja bei Ihrem Geblödel nicht einmal den Donner hören.

Struha: Zünden Sie lieber ein Streichholz an, Herr Reporter, damit wir den Weg sehen.

Kisch: Ja, ich werde die Wasserstraße beleuchten. Ich werde der Scheinwerfer sein, ich werde als Leuchtturm strahlen. Ich bin das Licht, ich bin die Flamme. (Er entzündet ein Streichholz) Wie wildromantisch! Wie schön!

Mikulaschek: Schön? Wenn das schön ist, will ich verdammt sein.

(Blitz und Donner.)

Struha: Laß das Fluchen, Mikulaschek. Die Streichhölzer werden genügen.

Kisch: Ganz richtig! Bedienen wir uns des technischen Fortschritts. Was brauchen wir mythische Kräfte? Heutzutage beherrscht der menschliche Verstand vollkommen alle Naturkräfte. Es bedarf keines Gottes mehr.

(Blitze und schauerlicher Donner gehen nieder.)

Struha: Schweigen Sie doch, Herr Reporter, sonst kippt das Schiff um. Zünden Sie wieder ein Streichholz an.

Kisch: Ich hab' keins mehr.

Struha: Also dann müssen Sie fluchen. Aber schnell, bitte, hier scheint ein Schiff zu sein.

Kisch (nach einer Pause des Nachdenkens): Donnerwetter, noch mal . . .

(Kleiner Blitz.) 261

Struha: Das war gar nichts, Herr Reporter.

Mikulaschek: Das hat so viel Wirkung wie ein Furz im Hochwald.

Struha: Mikulaschek, fluch du.

Mikulaschek (gegen den Himmel): Du kannst uns den Buckel runterrutschen, kreuzweise, damit du's weißt!

(Blitze kreuzen sich.)

Kisch: Das war ein sehr lichtstarker Fluch. Bitte, lästern Sie noch so etwas, Herr Mikulaschek, etwas Gepfeffertes womöglich.

Struha: Nicht mehr nötig. Wir haben die Felsen schon umschifft. Wir schwimmen jetzt im breiten Strom.

Kisch: Gerettet! (Notiert:) »Unsere Fregatte ist wieder flott. Wir haben offene Fahrt!« Ahoi!

Struha: Ja, uns sturmgewohnten Seeleuten kann kein Unwetter etwas antun. Aber in Schweiß bin ich geraten, zum Teufel!

(Kurzer Donnerschlag.)

Struha (zum Himmel): Brauchst dich gar nicht mehr aufzuregen, wir lassen dich jetzt in Ruhe! 262

 


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