Egon Erwin Kisch
Marktplatz der Sensationen
Egon Erwin Kisch

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Tötet der Buchstabe?

Die Landschaft von Smichow (zu deutsch: Lachende Au) war im Zeitalter des Rokoko das Rokoko an sich. Hier besaßen die Herren des böhmischen Adels ihre Lustschlösser und Lustgärten, und wer eine besonders privilegierte Freundin innehatte, ließ ihr in nächster Nachbarschaft ein eigenes Tuskulum erbauen, wie zum Beispiel der Graf Clam für die Sängerin Duschek. Diese wiederum hatte einen Freund, der Wolfgang Amadeus Mozart hieß und im lauschigen Garten der Madame Duschek mancherlei Andante und Allegro komponierte. So schuf er hier die Ouvertüre zum »Don Giovanni«, denn dieser Garten »Bertramka« war der adäquate Platz zum Musizieren über Wollust und Tod.

Jeglicher der Herren in diesem Bezirk war mehr oder minder ein Don Juan, den eine Donna Elvira liebte und dem eine Donna Anna Rache spann, und an Smichower Zerlinchen gab's genug, die sich die Werbung der feinen Herren gerne gefallen ließen. Vom Hügel des Gartens blickte der Kompositeur auf den Friedhof »Malvazinka« hinunter. Der war zwar ein verspielter Rokokofriedhof, aber nichtsdestoweniger ein Friedhof. Sicherlich galt eines der Grabmonumente dem Komthur, der vom Verführer seiner Tochter erstochen ward und nun darauf sinnt, im steinernen Gewand beim Gastmahl des Mörders zu erscheinen . . .

Bereits in der ersten Halbzeit des neunzehnten Jahrhunderts schwand der galante Charakter der Gegend, und wenn nun jemand das Wort Smichow mit »Lachende Au« übersetzte, so geschah es im Witz. Die Lust in den Lustschlössern hatte aufgehört, denn ein ununterbrochenes Dröhnen drang heran, das drohender war als der nahende Schritt eines steinernen Gastes. Es war der Schritt einer neuen Zeit.

Selbst ein Mozart hätte hier nicht mehr reine Engelstöne aus dem himmelblauen Himmel auf sein Notenpapier 169 übertragen können. Bliesen doch Fabrikschlote dichte Rauchschwaden in diesen Himmel, und schrille Sirenen zerrissen die Harmonie der Sphären. Die Lachende Au war zu einem Industriedistrikt geworden. Kurz nach den großen Weberaufständen von Lyon und Schlesien, die sich gegen die Bedingungen der Heimarbeit richteten, brach in Smichow wegen der Aufstellung eines Kattundruckautomaten der erste Fabrikarbeiterstreik auf dem europäischen Kontinent aus. Diese Entwicklung setzte sich weiter fort, Smichow wurde und blieb ein radikaler Wahlbezirk, und deshalb wurden hart an den Mietskasernen große Militärkasernen aufgeführt, darunter auch die, in der ich meiner Dienstpflicht samt Arreststrafen Genüge getan hatte. Auf dem Grundstück dreier Adelsparks erhob sich eine Waggonfabrik, auf anderen Brauhäuser, Metallwaren- und Textilfabriken. Das Clamsche Grafenschloß war zu einem Tanzlokal umgewandelt, wobei allerdings die Bosketts im Garten ihren alten Zweck erfüllten. Nur das durch Mozart geheiligte Tuskulum »Bertramka« sowie der mystische Rokokofriedhof »Malvazinka« blieben unverändert bestehen und hatten sogar einen Gärtner. Mit einer seiner Töchter war ich befreundet.

Sie war Verkäuferin in einem Smichower Kurzwarenladen, vor dem ich oft bei Geschäftsschluß wartete, um sie bis zum Tor der Bertramka zu begleiten oder, wenn der Abend zu dunkel war, durch den Mozartgarten und seine lauschigen Büsche auf weichem Rasen bis zum Gärtnerhaus.

Meine Freundin war ein bescheidenes Mädchen. Kehrten wir irgendwo ein, wollte sie sich nie den Kaffee bezahlen lassen, und es gab Kämpfe, bevor sie ein Geschenk annahm. Demnach mußte ein ernsthafter Grund vorliegen, als sie eines Morgens aufgeregt zu mir kam und hundert Kronen erbat. Ein paar Tage später klärte sie mich auf, wozu sie das Geld gebraucht: für eine Fahrkarte nach Frankreich, damit ihr Bruder zur Fremdenlegion könne.

»Zur Fremdenlegion? Dazu hast du ihm noch verholfen?«

Ach Gott, mit dem Rudolf sei's schlimm gewesen, und noch Schlimmeres war zu befürchten. Er war unter den Einfluß 170 eines gewissen Litera geraten, eines ehemaligen Sportkollegen, und ihm sklavisch ergeben. Jede Nacht durchbummelten sie. Ob sie mit Mädchen ausgingen, die sie im Sommertheater »Arena« aufgabelten, ob sie sich beim »König Ottokar« betranken, oder ob sie in den Flößerkneipen am Holzhafen Karten spielten – nie kamen sie vor Morgengrauen nach Hause.

Meine Freundin hatte sich schon seit langem Sorgen darüber gemacht, wo die beiden das Geld hernahmen, aber erst in den letzten Tagen, als Rudolf ganz verstört umherging, gelang es ihr, ihm eine Beichte abzupressen. Er habe mit seinem Freund eine Reihe von kleinen Diebstählen verübt, und jetzt bereite dieser Litera eine »Nasse Sache« vor, das bedeute wahrscheinlich etwas, wobei Blut fließen könne. Dazu aber fehlte Rudolf der Mut und noch mehr der Mut, dem Litera abzusagen. Aus Angst, es könnte mit ihrem Bruder etwas Gräßliches geschehen, hatte sie ihm geholfen, ins Ausland zu gehen. Nun war Rudolf bei der Fremdenlegion angekommen und schrieb bereits aus Algier.

Seitdem mir meine Freundin das anvertraut hatte, waren einige Wochen vergangen, als in Smichow eine Mordtat verübt wurde. Pünktlich um halb ein Uhr nachts hatte der Inhaber des Restaurants »Zum König Ottokar« wie allnächtlich hinter seinen Angestellten das Tor von innen versperren wollen. Am Morgen fand man ihn mit eingeschlagener Schädeldecke neben der geleerten Handkasse im Hausflur. Also ein Raubmord.

Dennoch erhob sich sogleich die Behauptung, die räuberische Absicht sei nur vorgetäuscht, in Wirklichkeit handle es sich um ein politisches Attentat. Anzeichen dafür lagen in der Atmosphäre. Die Sozialdemokratie hatte, nachdem sie das allgemeine Wahlrecht erkämpft, bei den ersten Wahlen auf Kosten aller Parteien einen überlegenen Sieg erfochten. Eine »Allparteiliche Zentralstelle zur Bekämpfung der Internationalen Sozialdemokratie« rüstete zur Abwehr; sie warnte vor dem drohenden Zukunftsstaat, der die sparsamen Bürger zwingen würde, ihr Vermögen mit jedem Hungerleider zu 171 teilen. Informationsmaterial über die Verbrechen der Sozialdemokratie ging den Redaktionen zu, um dort in Artikel umgemünzt zu werden. In ganz Österreich wurden nationale Arbeiterparteien und nationale Gewerkschaften gegründet, und insbesondere die slawischen hatten starken Zulauf, da die Wiener Führer der österreichischen Sozialdemokratie deutsch orientiert waren.

Eine Zeitlang war der Vorsitzende der Nationalen Kellnergewerkschaft Böhmens der Mann gewesen, der nachher das Restaurant »Zum König Ottokar« erwarb und daraufhin Leiter der Nationalen Sozialisten von Smichow wurde. Als solcher stand er in erbittertem Kampf mit den Sozialdemokraten, und noch am Morgen, an dem man ihn im Hof seines Hauses ermordet auffand, war in der sozialdemokratischen Presse ein heftiger Angriff gegen ihn erschienen.

Neben der Auffassung, daß ein politischer Mord vorliege, gab es eine, die einen Akt persönlicher Rache annahm. Der Wirt vom »König Ottokar« hatte eben seine Ehescheidung angestrengt, um eine andere Frau zu heiraten, die wiederum von einem Verehrer mit Eifersuchtsszenen und Todesdrohungen verfolgt wurde.

Die Polizei verhörte Stammgäste und Personal und Nachbarn des »König Ottokar«, verhaftete in großem Maßstab, und fand keinen Anhaltspunkt.

Im Sicherheitsbüro unterhielt ich mich mit dem Detektivinspektor Binder, der mich seit der Wasinski-Affäre für ein unfehlbares Orakel ansah. »Was halten Sie von dem Fall?« fragte er, und ich antwortete: »In Smichow glauben die Leute, daß es ein gewisser Litera war.«

»Wer ist Litera?« fragte Inspektor Binder.

»Ich kenn' ihn nicht.«

»Aber Sie wissen doch etwas über ihn.«

»Gar nichts weiß ich über ihn.«

»Und warum glauben die Leute in Smichow, daß er es war?«

»Das weiß ich nicht.«

Ich wußte wirklich nicht, warum die Leute in Smichow das glauben sollten. Den Namen hatte ich mir gemerkt, weil es 172 ein merkwürdiger Name war; »Litera« ist das tschechische und lateinische Wort für »Buchstabe«.

»Ihren Litera hab' ich mir geholt«, kam abends der Detektivinspektor Binder auf mich zu.

»Meinen Litera?« sagte ich erschrocken, »wieso denn meinen Litera?«

»Sie haben mich doch auf ihn aufmerksam gemacht.«

»Ich habe Sie auf gar nichts aufmerksam gemacht«, sagte ich, »ich habe nur im Gespräch erwähnt, was man in Smichow glaubt.«

»Ja, genau so habe ich es auch dem Herrn Polizeirat referiert. Ich soll Sie fragen, wer Ihnen den Namen genannt hat.«

Ich murmelte etwas von Frauen, die ich in der Straßenbahn über den Mord sprechen gehört. »Mir ist nicht im Traum eingefallen, den Mann zu beschuldigen«, fügte ich hinzu.

»Nun, nun«, beruhigte mich Inspektor Binder, »morgen werden wir ihn sowieso entlassen. Diesmal waren Sie kein Prophet. Der Litera ist ein harmloser Tunichtgut, ich hab' auch kein Geld bei ihm gefunden. Außerdem stimmt sein Alibi: er hat in einem Gasthaus am Holzhafen Karten gespielt und ist bis zur Sperrstunde dort geblieben. Im ›König Ottokar‹ hat er nie verkehrt, den Wirt überhaupt nicht gekannt.«

»Im ›König Ottokar‹ hat er verkehrt«, sagte ich.

Binder sah mich groß an: »Wieso wissen Sie das? Sie haben mir doch gesagt, daß Sie den Litera nicht kennen, gar nichts über ihn wissen!« '

»Ich wiederhole Ihnen, daß er bestimmt im ›König Ottokar‹ verkehrt hat.«

»Hm, hm, sehr merkwürdig. Dann werde ich ihn also mit den Kellnern konfrontieren.«

In der Tat erkannten ihn die Angestellten, wußten sogar seinen Namen. Dagegen stimmte es, daß er in der Mordnacht in dem Flößergasthaus Karten gespielt hatte. Knapp vor halb eins war er hinausgegangen, seine Notdurft zu verrichten, und etwa zehn Minuten draußen geblieben. Das bezeugten seine 173 Mitspieler, die auf ihn gewartet hatten, sowie der Wirt, der das Lokal schloß, nachdem Litera wieder hereingekommen war und seine Zeche beglichen hatte.

Innerhalb von zehn oder sagen wir fünfzehn Minuten hätte Litera, wenn er der Mörder wäre, folgendes ausführen müssen: das Mordinstrument von irgendwo holen, die neunhundert Schritte zum »König Ottokar« zurücklegen, auf das Opfer lauern, den Mord begehen, Beil und Beute an sicherer Stelle verbergen, sich der Blutspritzer entledigen (mit welchen er bei einem Axthieb rechnen mußte) und den Rückweg machen. Länger hätte er aber nicht wegbleiben dürfen, ohne sein Alibi zu zerstören, ohne den Verdacht seiner Zech- und Spielkumpane wachzurufen.

Nein, Litera war nicht der Mörder, darüber war die Presse sich einig. Nur mir wollte es nicht aus dem Kopf, daß er, den ich fast zufällig nannte, seine Bekanntschaft mit dem Tatort und dem Wirt geleugnet, sich in der Nähe der Mordstätte aufgehalten und um die kritische Stunde vom Kartenspiel entfernt hatte. Ich stellte meine Berichte auf die Täterschaft Literas ein.

Die anderen Blätter schrieben, der wahre Täter sei ganz woanders zu suchen; dort wo die Polizei ihn nicht suchen wolle, nämlich im Parteihaus der Sozialdemokratie. Es handle sich um planmäßige politische Mordtaten, befohlen vom Triumvirat der sozialdemokratischen Internationale, Viktor Adler, August Bebel und Jean Jaurès. Nicht genug, daß die Polizei gegen die Roten untätig bleibe, verhafte sie einen Unbeteiligten, um die Spuren der wahren Täter und ihrer ausländischen Hintermänner zu verwischen. Selbstverständlich verteidige die deutsche Zeitung »Bohemia« die Ermordung tschechischer Nationalisten und helfe den Behörden bei den Ablenkungsmanövern, indem sie faule Beweisgründe für die Schuld eines Unschuldigen zusammentrage.

»Ich möchte nicht«, sagte der Chefredakteur stirnrunzelnd zu mir, »daß wir in den Verdacht kommen, die Sozialdemokraten zu decken.« 174

Ein Reporter kann auf solchen Vorwurf nur mit dem Hinweis auf seine Recherchen erwidern. »Und wenn nun«, wandte ich ein, »Litera wirklich der Mörder wäre?«

»Und wenn nun«, äffte er mir nach, »und wenn nun Litera wirklich der Mörder wäre, so müssen wir deshalb noch lange nicht den Roten helfen. Wir sind ein unparteiisches Informationsorgan, aber ein politisches.«

Er gab mir zwei Broschüren, herausgegeben von der »Allparteilichen Zentralstelle zur Bekämpfung der Internationalen Sozialdemokratie«. Ich nahm die Büchlein als gute Prise für meine kriminalistische Bibliothek. Was darin stand, wußte ich, denn seit dem Smichower Mord brachten alle Zeitungen Reminiszenzen an den Überfall auf den Fabrikanten Merstallinger und den Bankier Eisert, an die Brandlegung auf den Nußdorfer Holzplätzen und an die Ermordung der Polizeibeamten Hlubek und Blöch, verübt von den Anarchisten Kammerer und Stellmacher. Die Fälle lagen schon mehr als zwanzig Jahre zurück, sie waren in Wien geschehen, als die Behörden eine wahre Ausrottungskampagne gegen die beginnende Arbeiterbewegung führten, worauf einige verwirrte Elemente mit Terrorakten antworteten. Mit dem Smichower Mord hatte das nichts zu tun.

Am nächsten Tag sagte mir der Chefredakteur, er wünsche wirklich nicht, daß wir in den Verdacht kämen, das sozialistische Gesindel zu decken. Dabei runzelte er die Stirn mehr als gestern, denn das Ausland zitierte in den Berichten über die »Sozialistische Mordtat in Prag« ausschließlich unsere Konkurrenzblätter.

Am übernächsten Tag wiederholte er mir, er wollte unter keinen Umständen im Verdacht bleiben, die roten Mordkumpane zu verteidigen. Er habe mir das schon dreimal gesagt und werde es mir nicht ein viertes Mal sagen. Überall werden über den Sozi-Mord Leitartikel geschrieben, nur er könne sich meinetwegen nicht rühren. »Ich wage mich gar nicht mehr ins Deutsche Kasino«, sagte er, »man behandelt mich dort wie einen Helfershelfer der Sozis.« Dabei legte er 175 seine Stirn in noch tiefere Falten als gestern, geschweige denn vorgestern.

Das sozialdemokratische »Volksrecht« führte eine verzweifelte Kampagne, um die Partei vom Vorwurf des Meuchelmords zu reinigen, und stützte sich dabei auf meine Berichte. Das wieder wurde von der nationalistischen Presse als Beweis für die Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokraten und deutschen Bürgerlichen gewertet.

Die Worte meines stirnrunzelnden Chefredakteurs waren mißbilligende Worte, ein sich steigernder Tadel, aber als ausdrücklichen Befehl faßte ich sie nicht auf. Da wurde die Mutter Literas dafür gewonnen, gegen die »Bohemia« eine Verleumdungsklage einzubringen; ein angesehener Anwalt übernahm ihre Rechtsvertretung, und der Prozeß konnte uns teuer zu stehen kommen.

Der Chefredakteur runzelte nicht mehr die Stirn und wünschte nichts mehr. Er sagte nur: »Wir sprechen uns am Ersten.« Das war die Kündigungsformel, am Monatsersten wurden die Entlassungen ausgesprochen.

»Über den Smichower Mord verbiete ich Ihnen auch nur eine Zeile zu schreiben«, fügte der Chefredakteur hinzu. »Wenn Sie etwas Wichtiges in der Sache erfahren, so melden Sie es einem anderen Kollegen, und er soll es behandeln.«

Ich sollte meine Berichte von einem anderen schreiben lassen, wie ein zufälliger Melder von der Straße! Das war noch beleidigender als die Entlassung.

Dieses Mal waren beide Nachrichtenbörsen konform in ihrer Auffassung: politischer Mord. Ich war der einzige, der aus der Reihe tanzte. Am Abend des Tages, an dem mir der Chefredakteur die Entlassung verkündet und das Schreibeverbot auferlegt hatte, eröffnete mir Papa Vejvara: »Wir haben Ihren Ausschluß aus der Börse beschlossen, und zwar bedingt. Wenn Sie den Litera noch mit einem Wort beschuldigen, dürfen Sie morgen hier nicht mehr erscheinen.«

Die anderen Reporter hatten die Bleistifte hingelegt, zum Zeichen, daß die Erklärung Papa Vejvaras offiziell war. Nach einer Pause wandte sich der fromme Herr Adalbert Betzek 176 an mich: »Jawohl, es steht geschrieben: der Buchstabe tötet. Aber er tötet Sie!« Und er warnte mich mit dem Bibelspruch: »Wir sollen dienen im neuen Zeichen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstaben!«

Kollege Wenzel Vilde, wie immer in den Tagen eines Mordfalls bis zur Unkenntlichkeit verjüngt, sagte mir: »Wenn Sie beim Reporterberuf bleiben sollten, so merken Sie sich, daß es nichts Schlimmeres gibt, als sich in eine fixe Idee zu verbeißen. Sie haben sich verrannt. Sehen Sie, ich bin heute nachts um halb eins den Weg vom Flößergasthaus zum ›König Ottokar‹ in schnellem Schritt abgegangen. Wissen Sie, wie lange ich gebraucht habe? Acht Minuten, ohne Rückweg.«

»Aber Litera ist ein Sportler, ein Schnelläufer«, widersprach ich.

Kollege Wenzel Vilde lächelte überlegen: »Deshalb bin ich ja nachts hingegangen, um zu sehen, ob jemand ohne aufzufallen um diese Zeit dort rennen kann, wie ein . . . wie ein . . .«

». . . Ammoniakläufer«, half ihm Oberleutnant Bacula aus, der an Amokläufer dachte.

»In der Mozartgasse sind drei Gasthäuser«, fuhr Kollege Wenzel Vilde fort, »die um halb eins schließen; mindestens zwanzig Menschen sah ich aus diesen Lokalen herauskommen. Vor dem Hotel ›Don Juan‹ standen vier Liebespaare. Außerdem traf ich zwölf Passanten. Glauben Sie, daß da jemand unbeobachtet rennen kann wie ein . . .«

». . . wie ein Ammoniakläufer«, beendete Oberleutnant Bacula die Beweisführung des Kollegen Wenzel Vilde.

Ehe ich antworten konnte, trat ein Smichower Bürgersmann ein. Seine Freunde hätten ihn bewogen, hierherzukommen; er sei nämlich Stammgast im »König Ottokar« und habe einige sensationelle Beobachtungen zu melden. Diese sensationellen Beobachtungen bestanden darin, daß vor einigen Tagen drei Männer mit breitkrempigen Hüten und provokatorischen Krawatten einander in der Gaststube »Zum König Ottokar« rot eingebundene Broschüren gezeigt hätten. Selbige Broschüren aber seien ausländische, jawohl ausländische Broschüren 177 gewesen! Wiederholt hätten die drei den Wirt so eigentümlich gemustert, daß es ihm, dem Smichower Bürgersmann, sehr aufgefallen sei, aber sehr!

Nachdem er gegangen war, verarbeiteten alle Kollegen seine Wahrnehmungen. Nur ich saß mit verschränkten Armen da, – mir war ja das Schreiben von Chefredakteurs wegen untersagt.

»Warum schreiben Sie das nicht?« schrie Papa Vejvara, »was Ihnen nicht in Ihre Verleumdungskampagne paßt, schweigen Sie einfach tot.«

Der rauhe Ritter Wuk von Rosenberg hatte mich knapp vorher erfolgreich um einen Barbetrag von drei Glas Weichselschnaps angepumpt, wohl um mir zu zeigen, daß ich durch die Maßregelung seine persönliche Wertschätzung nicht eingebüßt habe. Nun fiel er mir in den Rücken: »Diese sozialistischen Hungerleider sollte man alle an den Kugeln aufhängen und Sie daneben.«

Zu diesem harten Strafausmaß gab der fromme Herr Adalbert Betzek kopfnickend sein Placet und ergänzte es mit einem Bibelspruch: »Und wird also Dasjenige, als welches von Natur eine Vorhaut ist, dich richten, der du unter dem Buchstaben und der Beschneidung bist.«

Ja, so schien es. Ich war sub literae, der Teufel soll den Buchstaben holen! Als ich das Börsenzimmer verließ, erwiderten alle meinen Gruß, was sonst nicht üblich war. Es war ein Abschied.

Ich ging nach Smichow, um meine Freundin abzuholen, auf andere Gedanken zu kommen, weg vom Mord. Aber die Gedanken waren nicht wegzubringen, und ich ging nicht zu meiner Freundin. Es zog mich hin zum Mord.

Was wollte ich an der Mordstätte? Zu recherchieren gab es nichts, und wenn es etwas zu recherchieren gäbe – für wen sollte ich's tun? Alles hätte ich für möglich gehalten, nur meine Entlassung nicht. Als ich in die Redaktion eintrat, war die »Bohemia« ein Moniteur des Prager Deutschen Kasinos und des Deutschen Volksrats für Böhmen gewesen, abonniert aus achtzigjähriger Tradition, eine Familiengruft. Seither 178 waren einige Faktota der Redaktion infolge Altersschwäche oder Tod ausgeschieden, der verbohrte Doktor Dykschy hatte mit dem Berliner Schriftsteller Paul Wiegler den Platz getauscht, der unser Blatt modernisierte. Ein junger Jurist hatte eine Handels- und Industrie-Rubrik geschaffen, die Massen neuer Leser brachte und Inserate. Die »Bohemia« war die führende Zeitung Böhmens geworden, und – ich muß es wohl oder übel aussprechen – ich hatte diese Entwicklung eingeleitet, und aller Lesestoff, soweit er nicht aus ausländischen Zeitungen ausgeschnitten war, stammte von mir.

Und wie war es auf der Börse? Ich hatte den großen Melzer ersetzt, meinen Kollegen viele Tausende von bezahlten Zeilen verschafft und Siege über den Erbfeind von Chodiera.

Nun schmiß man mich heraus, mir nichts, dir nichts. Weil ich in einem Kriminalfall eine falsche Fährte verfolgte. Nach jeder Mordtat werden, ehe sie aufgeklärt ist, unzählige Leute verhaftet, und über jeden Verhafteten trägt die Presse so viel Belastungsmaterial zusammen, wie sie erfährt. Das hat noch nie zur Entlassung eines Reporters oder zu seinem Ausschluß von der Nachrichtenbörse geführt.

Gut, mag der Mord im »König Ottokar« ein politischer Mord sein. War ich deshalb verpflichtet, für die nationalen Sozialisten gegen die internationalen zu schreiben? Hätte ich eine Partei der Täterschaft beschuldigt, so wäre das allenfalls ein Grund, mich zu maßregeln. Keinesfalls ist es ein Grund, wenn ich – sei es auch zu Unrecht – an einen Raubmord glaubte.

Mit solchen Gedanken sah ich mich vor dem Restaurant »Zum König Ottokar« stehen, dessen Tor seit der Bluttat geschlossen war. Die Idee des Kollegen Wenzel Vilde, den Weg vom Flößerwirtshaus bis hierher abzugehen, war ein guter Reportereinfall. Ich werde ihn kopieren, obgleich ich auch darüber nicht schreiben darf.

Ich ging, die Schritte zählend. Neunhundert. Zweimal neunhundert Schritte konnte ein Sportler wie Litera in weniger als sechs Minuten zurücklegen, so daß ihm, falls er wirklich nur zehn Minuten von der Kartenpartie weggeblieben war, noch 179 vier Minuten zum Auflauern im Flur, zum Zuschlagen und Rauben zur Verfügung standen. Aber das Mordwerkzeug?

Unwahrscheinlich, daß ein Assistent auf Litera gewartet hat, um ihm die Requisiten vor der Tat zu überreichen und nach der Tat wieder in Empfang zu nehmen. Wer wird sich einer Handreichung wegen einen Mitwisser nehmen, der schon durch sein Warten Aufmerksamkeit auf sich lenken könnte, wer wird ihm geraubtes, noch nicht gezähltes Geld anvertrauen? Zwar wußte ich, daß Litera ursprünglich an einen Komplicen für die »Nasse Sache« gedacht hatte, an den Bruder meiner Freundin, der ihm hörig gewesen; aber dieser Sklave diente jetzt in Afrika, und einen neuen Freund besaß Litera nicht, wie die Polizei auf der Suche nach Komplicen festgestellt hatte.

Kollege Wenzel Vilde hat recht, die Gegend ist zu belebt. Bis zur Mozartgasse könnte einer rennen, ohne Aufsehen zu erregen, denn am Holzhafen ist nachts kein Verkehr. Um so mehr Verkehr aber ist in der Mozartgasse.

Möglicherweise ist Litera aus diesem Grunde nicht durch die Mozartgasse gelaufen, obwohl sie die direkte Verbindungslinie ist, sondern durch die nächste Parallelstraße. Diese, die Lorenzo-da-Ponte-Gasse, wäre allerdings ein Umweg, denn sie liegt – ich zähle – dreihundert Schritte südlich. Zweimal dreihundert Schritte läuft man in zwei Minuten. So wäre Litera noch immer genug Zeit zur Tat geblieben. Das kann ich dem Kollegen Wenzel Vilde erzählen, falls ich ihn noch einmal wiedersehen sollte. Selbst werde ich kaum mehr etwas schreiben, am allerwenigsten über diesen Fall.

Aber die Idee des Umwegs ließ mich nicht los. Ich fand, daß die nächste Parallelstraße zur Mozartgasse und Lorenzo-da-Ponte-Gasse nicht parallel verlief, sie divergierte mit ihnen. Außerdem verlängerte sie sich dadurch, daß sie einen Bogen machte. Ihr Name erinnerte weder an den Komponisten noch an den Librettisten des »Don Giovanni«, ganz unmusikalisch hieß sie Kohlengasse. Dementsprechend bestand sie aus verrußten Häusern, war eng und spärlich beleuchtet. Ich maß ihre Schrittlänge nicht mehr, für einen Spielraum von zehn 180 Minuten kam diese unregelmäßig gebogene, abseits gelegene Straße nicht in Frage.

Andererseits konnte sie sich aber über ein Zuviel an Verkehr nicht beklagen. Obwohl es erst früh am Abend war, traf ich keine menschliche Seele.

Zwischen zwei Häusern bemerkte ich einen Bauplatz, dicht verschalt. Die Bretterwand war über zwei Meter hoch. Könnte sich hier jemand hinüberschwingen? Dazu sind die Latten wohl zu dünn. Sie würden wahrscheinlich zusammenbrechen. Ich taste die Wand ab. Ob sie mich tragen würde, wenn ich mich emporziehe? Eine Planke bewegt sich, sie ist nur oben befestigt, sie schaukelt. Ich drücke sie nach hinten, mein Atem setzt aus.

Innen, gleich neben der Luke, liegt ein dunkles Bündel, darunter schaut etwas wie ein Stock hervor.

Ich telefoniere dem Detektivinspektor Binder und brauche nicht lange zu warten, bevor er mit zweien seiner Leute ankommt. Was sie hinter der Bretterwand aufheben, ist ein Mantel, unter ihm liegt ein Handtuch, ein Taschentuch und eine Axt. Dem Mantel ist ein Sack als Kapuze angenäht und unten am Saum ein zweiter Sack, der bis zur Erde reicht, alles über und über mit Blut bedeckt. Die Taschen sind gefüllt mit Geldscheinen, Kupfer- und Nickelmünzen, Speise- und Biermarken.

Eine halbe Stunde später wird Litera aus seiner Zelle in das Zimmer des Polizeirats geführt. »So spät am Abend wollen Sie mich entlassen?« sagt er lachend beim Eintreten, »mein Hausbesorger wird in Ohnmacht fallen, wenn er den Raubmörder jetzt heimkommen sieht.«

Da aber der Polizeirat auf den Mantel zeigt, weicht aus Litera alle Gesichtsfarbe, seine Unterlippe schiebt sich hoch, und er fängt zu wanken an, so daß ihn Inspektor Binder stützen muß.

»Probieren Sie mal den Mantel da«, sagt der Polizeirat.

»Nicht nötig«, sagt Litera heiser, »es ist mein Winterrock.«

Mit der Nachricht vom Geständnis Literas eile ich in die Redaktion. Ich denke nicht an meinen morgigen Siegesbericht, 181 dessen Titel mit den Worten beginnen wird: »Unser Berichterstatter entdeckt . . .« Ich denke nur daran, wie sich der Chefredakteur beschämt bei mir entschuldigen wird.

Nichts dergleichen geschieht. Der Chefredakteur sieht kaum vom Schreibtisch auf, als ich ihm von meiner Entdeckung und von Literas Geständnis Mitteilung mache. Er ordnet nur an: »Schreiben Sie in der Einleitung, wir haben als die einzigen die Wahrheit zu sagen gewagt, den Anwürfen zum Trotz, daß wir mit den roten Banditen im Bunde stehen.« 182

 


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