Egon Erwin Kisch
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Egon Erwin Kisch

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Die alten Herren

Nach dem italienischen Krieg von 1859 und nach dem preußischen von 1866 hatte die in ihren Fundamenten erschütterte österreichische Monarchie ihren Völkern einige Freiheiten gewähren müssen; Parteien und Vereine entstanden und mit ihnen eine Flut von Zeitungen und Zeitschriften. Ein zweiter Aufschwung der Presse erfolgte durch die Aufhebung des Zeitungsstempels.

Die jungen Journalisten von Anno Königgrätz und die von Anno Zeitungsstempel waren inzwischen zu Greisen herangewachsen, sie hatten ein halbes Jahrhundert in Druck befördert und waren blasiert. Mochte auch die originellste Nachricht eintreffen, so erinnerten sie daran, daß sich die gleiche Sache schon vor soundso viel Jahren ereignete und damals weit sensationeller. »Es ist schon alles, alles einmal dagewesen«, mit dieser Weisheit – fürwahr keiner Weisheit, die einem Journalisten ansteht – redigierten sie in den Weltkrieg hinein. Als einmal jemand kreidebleich auf einen der Alten zustürmte: »Kaiser Franz Joseph ist gestorben!« zuckte der Angesprochene nur gleichmütig die Achseln: »Na und? Das war doch zu erwarten bei einem so alten Mann.«

Unsere Lokalrubrik hieß »Local- und Provincial-Nachrichten«, obwohl sich längst kein Lokal mit einem c und keine Provinz ohne ein z schrieb. Ich schlug vor, die beiden Buchstaben zu ändern, worauf ich die sarkastische Antwort bekam: »Warum nicht! Wir können ja ›Lozal- und Provinkial-Nachrichten‹ schreiben.«

Unser Nachtredakteur war in seiner Jugend auf dem böhmischen Schloß Königswart Hilfssekretär des Exkanzlers Metternich gewesen. Wahrscheinlich dachte man in der Redaktion, er habe seinem bisherigen Chef staatsmännische Weisheit abgeguckt. Aber diese beschränkte sich auf den Satz: »Seine Durchlaucht Fürst Metternich hätte das ganz 78 anders gemacht.« Sein Ressort war außer dem Nachtdienst die Abfassung von Nekrologen. Als der Erbprinz eines deutschen Großherzogtums vom Pferde stürzte und einen Schädelbruch erlitt, ließ unser Nachtredakteur einen Nachruf aufsetzen und wartete auf die Todesnachricht. Der Verunglückte erholte sich jedoch, heiratete, bestieg den Thron, bekam Kinder und Enkel, erlebte Krieg und Gefangennahme, Vertreibung und Wiedereinsetzung – und jede dieser Phasen wurde von unserem Nachtredakteur seinem vorbereiteten Nachruf sorgfältig angefügt. Bis schließlich die Todesnachricht kam. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er frohlockend in den Setzersaal eilt, das in verschiedenen Abtönungen vergilbte Manuskript zwischen Daumen und Mittelfinger schwingend: der Schmetterling, dem er ein ganzes Leben lang nachgejagt, war ihm nun endlich ins Netz gegangen.

Damit machte er die Schlappe wett, die er kurz vorher erlitten, als er eine telefonische Mitteilung über die Aufführung von Tolstois »Macht der Finsternis« aufnahm. Ob es seinem mangelhaft gewordenen Gehör, seiner mangelhaft gewordenen Bildung, oder ob es der undeutlichen Telefonverbindung zuzuschreiben war – jedenfalls erschien im Blatt die Notiz über ein Drama »Maxl Winternitz«.

Ein anderer Kollege, Prager Korrespondent eines Wiener deutschnationalen Blattes, telefonierte diesem mindestens zweimal im Monat die politische Lage und immer in der gleichen Form: »Die Nachricht von . . . . . . . . . . hat in den deutschen Kreisen Böhmens eine tiefgehende und nur allzu berechtigte Empörung hervorgerufen. Man muß sich fragen, wie lange es die Regierung wagen wird, die durch die letzten Maßnahmen erbitterte deutsche Bevölkerung noch weiterhin zu reizen. Wie Ihrem Korrespondenten aus maßgebenden politischen Kreisen versichert wird, wird dieser neuerliche, gegen alle nationalen Empfindungen gerichtete Streich eine Interpellation im Abgeordnetenhaus und die Veranstaltung nachdrücklichster Protestkundgebungen zur Folge haben. Caveant consules!« 79

Wenn dieser Kollege abends aus dem Büro ging, so hinterließ er dem Nachtredakteur sein schon hundertmal verwendetes Exposé: »Falls etwas kommt, so füllen Sie das hier aus und blasen Sie's nach Wien.«

Die anachronistischeste Figur in unserer Redaktion war ohne Zweifel Herr Lobing. Mehr als vierzig Jahre lang war er Leitartikler gewesen, das heißt, er hatte an mehr als vierzigmal dreihundertfünfundsechzig Abenden eine Nachricht oder einen Standpunkt oder eine Forderung mit Empörung, Belehrung oder Verehrung behandelt, bis alles zusammen genau zwei Spalten à hundert Zeilen lang war und sich an der Spitze des Blattes sehen lassen konnte.

Von der neunten bis zur zwölften Nachtstunde saß Lobing an seinem Leitartikel. Niemand durfte es wagen, auch nur ein Wort an ihn zu richten, denn er schrie jeden Störer mit Stentorstimme an: »Zur Erregung brauche ich Ruhe!«

Selbst Nachrichten, die sich auf das Thema des in Entstehung begriffenen Artikels bezogen, nahm er während des Schöpfungsaktes nur im äußersten Notfall entgegen. Telegraf und Telefon waren für ihn Büttel Luzifers, ausgesandt, um die schönstgeschliffenen Prämissen ins Gegenteil zu verkehren und die eben gezogenen Folgerungen »Zur Situation«, ja, die Situation selbst aufzuheben. Aber jenen Neuerungen gegenüber, von denen dem Leitartikel keine direkte Gefahr zu drohen schien, zeigte sich Lobing modern, sogar die Erfindung des Automobils erweckte sein Wohlwollen, wenngleich er seinem Lob die Einschränkung hinzufügte: »Ein Verkehrsmittel wird es allerdings niemals werden.«

Was er noch mehr haßte als Telefon und Telegraf, war das »Klavier des Teufels«. In der Ära des Handsatzes war der gänzliche Umbau eines Leitartikels unmöglich gewesen, der Setzer brauchte genau so viel Zeit zum Setzen wie Lobing zum Dichten brauchte. Als das Klavier des Teufels, die erste Setzmaschine, aufgestellt wurde, barg jede noch so spät einlaufende Nachricht die Gefahr, in einen Leitartikel umgemünzt zu werden. Allerdings nicht von Lobing selbst. Ihm, der vierzig Jahre lang allmitternächtlich das Büro in der Gewißheit 80 verlassen hatte, der Welt die richtige staatsmännische Beurteilung »Zur Situation« geliefert zu haben, ihm widerfuhr es nun wiederholt, daß er morgens an der Spitze des Blattes etwas las, was mit dem gestern abend von ihm Verfaßten in keiner Weise identisch war.

Dem senil werdenden Lobing war ein anderer Leitartikler zur Seite gesetzt worden, nach einiger Zeit wurde Lobing überhaupt nicht mehr herangezogen, und als er in den Ruhestand versetzt wurde, vergaß der Herausgeber, ihm davon Mitteilung zu machen. So wußte Lobing nicht, daß er kein Redakteur mehr, sondern nur ein pensionierter Redakteur war, und nahm an jedem Monatsersten seine Pension in Empfang, die er für das Gehalt hielt. Die »Bürostunden verbrachte er nach wie vor in der Redaktion, würdig und allzeit leitartikelbereit die Räume durchmessend.

Während des Weltkrieges und auch nachher machten sich die Kollegen oft das Gaudium, den alten Lobing, der die Zeitung nicht einmal mehr las, nach seiner Ansicht über aktuelle Ereignisse zu fragen und ergötzten sich an seiner ahnungslosen, gespreizten Antwort. Allmählich hörte dieser Spaß auf, ein Spaß zu sein, und man ließ den Alten in Frieden und Feierlichkeit durch die Redaktionszimmer wandeln. An einem Sommertag des Jahres 1923 sprach ich ihn an: »Was sagen Sie dazu, Herr Lobing, daß das Parlament die Abschaffung der Todesstrafe beschlossen hat?«

Er hielt inne in seinem Löwenkäfigsgang und hob belehrend den Finger: »Wobei füglich zu bedenken ist, daß jede beschlossene Änderung der Verfassung oder der Gesetze zuvörderst der Approbation des Kaisers bedarf.«

»Welches Kaisers?« fragte ich verblüfft.

Den Namen des Kaisers vorsichtig vermeidend, antwortete er: »Seiner Apostolischen Majestät des Kaisers von Österreich, Königs von Ungarn, Königs von Böhmen . . .«

Sicherlich hätte er den ganzen großen Titel zu Ende deklamiert, wenn ich ihn nicht unterbrochen hätte: »Wir haben doch keinen Kaiser mehr, Herr Lobing.« 81

»Höre ich recht? Keinen Kaiser mehr? Was haben wir denn, mit Verlaub zu fragen?«

»Eine Republik.«

Ganz fest sah er mich an: »Seit welchem Zeitraum soll denn diese von Ihnen behauptete Staatsform der römischen res publica hierzulande Kraft und Geltung haben?«

»Seit fünf Jahren schon, Herr Lobing.«

Er zuckte zusammen: »Seltsam und befremdlich!« Dann wandte er sich brüsk um und nahm mit erregten Schritten seinen Aufundabgang wieder auf.

Ich schaute dem Alten nach, der einst alles Geschehen der Zeit ausführlich und kategorisch beurteilt hatte und nun vom Ausgang des Weltkrieges, vom Umsturz, von der Schaffung des tschechoslowakischen Staats keine Kenntnis mehr besaß. Vielleicht habe ich ihm diese Tatsachen zu rücksichtslos beigebracht, ihn dadurch gekränkt, daß er vor mir eine beschämende Lücke bloßlegen mußte. Ich eilte ihm ins andere Zimmer nach, um mich zu entschuldigen: »Aber, Herr Lobing, Sie wußten natürlich, daß wir eine Republik haben, Sie wollten doch nur einen Spaß . . .«

»Nein«, fiel mir Lobing ins Wort, elementar brach ein jahrzehntealter Groll gegen seine Hintansetzung hervor, Verbitterung und Beschwerde, »nein, ich hab' das natürlich nicht gewußt. Ich bin ja in dieser Redaktion das fünfte Rad am Wagen. Mir sagt man doch nichts.«

Und dieses schreiend, ballte er die Fäuste gegen einen Feind, der ihm die wichtigsten Ereignisse verheimlichte.

Es gehörte zur Tradition, daß die polemische Glosse, die neben dem Leitartikel der Zeitung den politischen Charakter gab, vom Chefredakteur selbst geschrieben wurde. Dieser hatte sich, als er noch Provinzadvokat war, um ein Reichstagsmandat beworben, wozu ihn sein mächtiger holzfarbener Backenbart, der nahe den Brustwarzen in Spitzen auslief, wohl prädestinierte. Aber kurz vor der Wahl bot ihm sein millionenschwerer Gegenkandidat die Chefredaktion der »Bohemia« an, wenn er von der Kandidatur zurücktrete. Das Geschäft war ein sicheres und dauerndes, wogegen die 82 Wahlaussichten schwankten und ein Abgeordnetenmandat nach sechs Jahren ablief. So nahm er den Handel an, wurde Chefredakteur, bekleidete wichtige Funktionen in der Fortschrittspartei und im Deutschen Volksrat für Böhmen, und schrieb tagtäglich die Polemik gegen die tschechische Presse, obwohl er kein Wort tschechisch verstand. Er ließ sich einfach erzählen, welche »Perfidie« oder welche »Ignoranz« sich eines der »Tschechenblättchen« heute geleistet habe, strich entschlossen die hölzernen Flügel seines Gesichts bis zu den Brustwarzen hinab und bestieg dann seinen Chefredakteursfauteuil, um die kühne Attacke zu reiten. Niemals ließ er sich die gegnerische Replik übersetzen. »Was können die schon darauf antworten!« meinte er.

Einer seiner Witze bestand darin, in die Polemik Bemerkungen, wie »die neu frisierte falsche Behauptung des Herrn Palacky«, einzufügen. Mit der »frisierten falschen Behauptung« war die Perücke des vor einem Menschenalter gestorbenen Professors Palacky gemeint. Diese Anspielung konnte niemand mehr verstehen, und das war dem Chefredakteur eben recht. Er wollte dartun, wie wenig er sich um die Vorgänge im tschechischen Lager kümmere, obwohl er gegen sie aufzutreten genötigt sei.

Besonders hochmütig schauten er und die anderen Herren der Redaktion auf die Angriffe der Zeitung »Union« herab. Die »Union« war eine gemeinsame Gründung der alttschechischen Bürgerpartei und des tschechischen Großgrundbesitzes. Die Idee war, durch ein deutsch geschriebenes Blatt die tschechischen Auffassungen den deutschen Lesern, vor allem den Wiener Staatsmännern und den Politikern anderer Provinzen direkt zu vermitteln.

Aber die Durchführung der Idee mißlang. Wer tschechisch gesinnt war, las tschechische Blätter, wer deutsch gesinnt war, las deutsche, und für ein paar Berufspolitiker und Pflichtabonnenten ließ sich keine anständige Tageszeitung machen. Die Redakteure, meistens ehemalige Gutsbeamte, beschränkten sich darauf, tschechische Reden, Beschlüsse und Blätterstimmen zu übersetzen. Das Feuilleton war einer Dame 83 anvertraut, die mit Vorliebe deutsche Klassiker zitierte, obwohl sie sie jedenfalls nur in tschechischer Ausgabe besaß. So mußte sie rückübersetzen: »In betreff des jetzt doch eingefundenen Frühlings möchten wir mit dem Titelhelden des ausgezeichneten Theaterstücks Friedrich von Schillers, ›Waldstein‹, ausrufen: ›Sie treffen zwar spät ein, Herr Graf Isolani, aber es ist schön von Ihnen, daß Sie wenigstens eintreffen‹.« Im Original sagt Wallenstein kürzer: »Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt.«

Nur ein einziger Redakteur, Maurus Bloch, fiel aus dem Rahmen der »Union«. Seine Leitartikel hatten eine sehr persönliche Note. Von dem jeweiligen Anlaß offenkundig tief bewegt, rief der Verfasser den Leser an, selbst zu entscheiden. In den polemischen Notizen fühlte sich Maurus Bloch derart in den Angegriffenen ein, daß es fast wie ein Mangel an eigener Persönlichkeit anmutete. Schlug er dann auf den Gegner ein, so war es, als ob er sich selbst geißelte. Maurus Blochs stilistische Wandlungsfähigkeit verblüffte mich immer wieder und um ihretwillen habe ich jahrelang täglich die »Union« gelesen.

Nachdem das Blatt eingegangen war, bekam Maurus Bloch, schon ein fünfzigjähriger Herr, durch Vermittlung der tschechischen Politiker einen hohen Posten beim österreichischen Ministerratspräsidium in Wien, und als auch Österreich einging, einen noch höheren in der neuen Tschechoslowakei.

Als Pressechef der Regierung saß er nun auf der Prager Burg. Sein Amtszimmer war der sechsfenstrige Tiziansaal; darin pflegte sich einst Kaiser Rudolf II. mit den Frauenbildnissen Tizians tagelang einzuschließen, des Völkerlärms nicht achtend, der den Beginn des Dreißigjährigen Krieges ankündigte. Jetzt hingen keine Tizians mehr an den Wänden, nur ein Venezianer Spiegel, dessen Spiegelfläche durch ein vergrößertes Photo Masaryks ersetzt war.

Wie es vorkommt, beruhte meine Sympathie für die Artikel Maurus Blochs auf Gegenseitigkeit. Sooft ich ihn auch besuchte, immer redete er stundenlang mit mir von den vergangenen Zeiten der Prager Journalistik. Mit ausländischen 84 Korrespondenten könne er das nicht, die seien ortsfremd, und mit seinem Stab erst recht nicht, das seien geborene Officiosi, Protektionskinder, aber keine Journalisten, und das »Fieber bei Blattschluß« hätten sie nie mitgemacht. Was wissen die!

Bei einem meiner Besuche fand ich ihn augenkrank. Die sechs Fenster des Tiziansaals standen offen, aber die Jalousien waren herabgelassen, so daß es stockdunkel war. In dieser Finsternis tobte Maurus Bloch gegen seine Krankheit und gegen seinen Posten. Bald tobte er von rechts, bald von links, ich hätte kaum gewußt, auf welcher Seite des Saals er war, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein Windhauch die Jalousien bewegt und einen Lichtstrahl auf Blochs schwarze Brillengläser geworfen hätte. Manchmal sprang auch auf Masaryks spiegelnden Rahmen ein kurzfristiger Sonnenstrahl.

»Was hat das alles für einen Sinn!« brummte es bald vom Schreibtisch, bald von der Tür her. »Gegen wen soll ich denn Polemiken führen von der Höhe der Burg herab? Heute hat man mir einen Artikel aus der ungarischen Presse vorgelesen, auf den ich verdammt gern geantwortet hätte. Der Budapester Herr hat zwei Jahre lang von uns Subvention bezogen und das Gegenteil geschrieben von dem, was er jetzt verzapft. Aber das darf ich nicht sagen. Gar nichts darf ich sagen. Farbloses Zeug muß ich schmieren für die Staatskorrespondenz, diplomatische Noten stilisieren und Regierungserklärungen . . .«

»Verfassen Sie auch Reden für Präsident Masaryk, Herr Bloch?« fragte ich in die Richtung, aus der sein Schelten kam.

Ein Lachen war die Antwort: »Sie glauben wohl, ich kann Amtsgeheimnisse verraten, weil man hier nichts sieht? Ein Amtsgeheimnis gilt mindestens ebensoviel wie ein Redaktionsgeheimnis!«

»Das ist eine bejahende Antwort, Herr Bloch.«

»Lieber Freund, versuchen Sie nicht, allzu schlau zu sein! Aber ich kann Ihnen ruhig die Wahrheit sagen. Ich schreibe wirklich für den Herrn Präsidenten: jede Ansprache, jeden Dank auf eine Begrüßung, jede Antwort auf eine Delegation.«

»Also war ich doch nicht allzu schlau, Herr Bloch.« 85

»Doch, Sie waren allzu schlau. Der Herr Präsident besteht darauf, daß ich die Sachen abliefere, aber, zum Teufel, er verwendet sie nicht. Nicht ein einziges Wort, nicht einen einzigen Gedanken, nicht die Linie des Ganzen! Er liest mein Manuskript, legt es neben sich und schreibt etwas total anderes. Vielleicht ist es besser als meines, ich muß sagen, es ist besser als meines . . . Aber ich liebe das nicht. Das ist mir selbst in Wien nie passiert, da hat man mir nicht einmal . . .«

Er brach den Satz ab.

Ich wußte, was ihm durch den Kopf ging. Zu genau hatte ich seinerzeit den Stil von Maurus Bloch studiert, um ihn nicht auch dann zu erkennen, wenn er sich unter einem nom de guerre versteckte. Ich hatte diesen Stil in dem berühmten Manifest erkannt, das Kaiser Franz Joseph gleichzeitig mit der Kriegserklärung »An meine Völker« gerichtet hatte. Daß der Kaiser sich darin nicht »Wir, von Gottesgnaden« nannte, sondern in Ich-Form sprach, daß in seinen Worten das Herz eines Landesvaters pochte und daß das Vorgefühl seines baldigen Todes rührend hindurchschimmerte, daß er darin seine Landeskinder mit zitternden Händen beschwor, ihm zu glauben, wie sehr er sich gegen den Krieg gesträubt – das alles konnte mich nicht täuschen. Dieses Ich war nicht das des alten Kaisers, es war wie das pochende Herz und die zitternden Hände, das Ich des Herrn Maurus Bloch.

Hundertmal war während des Krieges diese Proklamation zitiert worden, in jeder Ansprache an die Truppen, in jeder Feldpredigt, in jedem Armeebefehl, in jedem Artikel kehrten ihre Worte wieder. Und je öfter sie wiederholt wurden, desto mehr festigte sich meine Überzeugung, daß sie von Maurus Bloch stammten.

». . . nicht einmal das Manifest des Kaisers korrigiert«, vollendete ich seinen Satz.

»Wie? Wovon sprechen Sie? Phantasieren Sie?«

Ich zuckte die Achseln, aber das konnte er nicht sehen. Er konnte nur hören, daß ich keine Antwort gab.

»Welches Manifest meinen Sie?« 86

»Das Manifest bei der Kriegserklärung trägt Ihre Handschrift, Herr Bloch.«

Es war windstill draußen und stockdunkel drinnen, denn die Jalousien bewegten sich nicht. Aber ich wußte, daß Maurus Bloch unmittelbar vor mir stand, ich spürte seinen Atem. Was ich da rede, sei Unsinn. Niemand habe bisher eine solche Vermutung geäußert. »Von wem haben Sie das gehört?«

Darauf sagte ich, es sei ganz und gar unvorstellbar, daß einer von den kaiserlich-königlichen Pressebeamten, die in den offiziösen Organen ihre Apologien ablagerten, eines solchen Stils fähig gewesen wäre.

»Fanden Sie denn die Proklamation wirklich so gut?«

»Ich fand sie meisterhaft. Ich fand sie menschlich. Sie konnte nicht wirkungsvoller sein. Bedenken Sie, Herr Bloch: der unpersönliche Kaiser wurde plötzlich persönlich, ein unzugänglicher Greis wendet sich an seine Familie, um ihr seinen Schmerz zu klagen.«

Die Stimme von Maurus Bloch lächelte: »Nun, nun! Sie sind ja ganz begeistert. Eine solche Kritik habe ich noch nie gehört . . . also gut.« Er gestand mir die Autorschaft ein. Aber ich möge darüber schweigen, solange er lebe. »Sehen Sie«, sagte er, »die österreichischen Republikaner würden mir übelnehmen, daß ich für den Kaiser geschrieben habe, die tschechoslowakischen Republikaner würden mir übelnehmen, daß ich für den österreichischen Kaiser geschrieben habe. Dabei dankt mir die Tschechoslowakei ihre Existenz. Im letzten Manifest Kaiser Karls habe ich eine Reorganisation im Sinne der nationalen Selbstbestimmung versprochen. Auf Grund dieser Selbstbestimmung zerfiel die achthundertjährige Monarchie binnen vierundzwanzig Stunden.«

Er war stehen geblieben, während er das sagte, ich wußte nicht, nach welcher Seite des Dunkels ich meine Antwort richten sollte: »Alle Achtung, Herr Bloch! Noch nie hat ein Journalist unter so klingenden Pseudonymen geschrieben wie Sie. Ghostwriter von zwei Kaisern . . . !«

»Zwei Kaisern?« unterbrach er mich. »Ich werde Ihnen etwas zeigen.« Er zog eine der Jalousien hoch, ging zur 87 Zimmertür und versperrte sie. Dann holte er aus einem Schreibtisch eine groß gedruckte Proklamation in Plakatform hervor, an deren Rand mit Bleistift und Tinte Korrekturen gemacht waren. »An meine geliebten Völker«, lautete die Aufschrift, »Franz III., Kaiser von Österreich, König von Ungarn, König von Böhmen, etc.«, lautete die Unterschrift.

Niemals hatte es einen Kaiser Franz III. in Österreich gegeben. Was bedeutete dieses Manifest, von wem ist es? fragte mein Blick die schwarzen Brillengläser Maurus Blochs.

»Sie wissen nicht, was das ist?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Raten Sie.«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«

»Das ist die Proklamation für die Thronbesteigung des Erzherzogs Franz Ferdinand. Ich hatte sie jahrelang vorbereitet, Kaiser Franz Joseph konnte doch jeden Tag sterben. Wiederholt hat man sie mir geändert, die Korrekturen mit Tinte sind vom Kabinettchef Graf Bardolf, die mit Bleistift vom Thronfolger selbst. Daß der vor dem alten Kaiser sterben wird, haben wir alle drei nicht erwartet.«

Maurus Bloch schloß die nie erschienene Kaiserproklamation in das Schubfach und ließ die Jalousien herab. »Ja, ja«, klagte er dabei, »so bleiben mir die besten Sachen im Übersatz.«

Er war wieder im Dunkel verschwunden, aber er hatte Licht geleckt und erzählte weiter von seinen pseudonymen Arbeiten. Nachdem 1917 der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau das private und geheime Separatfriedensangebot Kaiser Karls, den sogenannten Sixtus-Brief, der Öffentlichkeit preisgegeben hatte, mußte Kaiser Karl dazu Stellung nehmen. So schrieb Maurus Bloch, Clemenceau habe einen Satz unterschlagen, in welchem ich (Kaiser Karl) die französischen Ansprüche auf Elsaß-Lothringen als unberechtigt bezeichnete.

»Wissen Sie, das war mir vorgeschrieben worden. Gewöhnlich aber bekam ich nicht einmal eine Andeutung über das, was ich schreiben sollte. Eines Abends rief mich Minister Geßmann an, ich solle ihm die Grabrede für den eben verstorbenen Wiener Bürgermeister Karl Lueger aufsetzen. Sie erinnern 88 sich sicherlich noch an das Aufsehen, das diese Rede machte. Geßmann kündigte mit ihr eine Schwenkung der christlich-sozialen Politik in liberalere Bahnen an. Am meisten erstaunt war wohl Geßmann selbst über seine Worte. Immerhin – er hat diese Worte erfüllt.«

So behaglich sich Maurus Bloch, geschützt durch die Dunkelheit des Raumes, in die Erinnerung an die Zeit vertiefte, da er Kaisern und Staatsmännern bei deren denkwürdigen Kundgebungen die Feder geführt, Weltpolitik und Weltgeschichte gemacht hatte, weit stolzer schien er auf die Projektile der Polemik zu sein, die er einstmals in der »Union« gegen die deutschen Journalisten Prags abgeschossen. Er wollte genau wissen, was man in unserer Redaktion zu diesen Angriffen gesagt hatte. Unmöglich konnte ich ihm antworten, daß außer mir bei uns niemand die »Union« zu lesen pflegte. So stotterte ich etwas, jedoch er merkte meine Verlegenheit gar nicht. »Ja, ja«, kicherte er aus einer Ecke des finsteren Zimmers, »euch wird nicht sehr wohl zumute gewesen sein.« 89

 


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