Egon Erwin Kisch
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Egon Erwin Kisch

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Wirklich gedruckt

Das vorige Jahrhundert und meine Existenz überschneiden sich, fünfzehn Lebensjahre haben wir beide gemeinsam. Ich sitze längst nicht mehr redigierend, druckend und herausgebend unter dem Stehpult. Nur die Kiste dient mir noch. Sie, die mir Schreibtisch und Absatzgebiet gewesen, ist nun Depot für Manuskripte meiner Poesie und Prosa. Sogar ein Theaterstück enthält sie; für das anderthalbaktige Schauspiel »Die Rathausuhr« sollten nur die Bretter der Kiste die Bretter der Welt bedeuten.

Gerne würde ich meine Werke richtig gedruckt sehen. Aber da steht ein Aber: »Mitarbeit an Zeitungen oder Zeitschriften, beziehungsweise Einsendungen, auch wenn sie keine Veröffentlichung zur Folge haben, werden auf das rigoroseste, gegebenenfalls mit Relegierung bestraft.« Mit diesen Worten des Amtsstils versucht die »Disziplinarordnung für Schüler der k. k. Mittelschulen« jede Äußerung eines jugendlichen Genies zu ersticken.

»Auf das rigoroseste bestraft . . .«, das würde mir unter normalen Umständen keine besondere Angst einflößen, im allgemeinen heißt das einige Stunden Karzer, und die nähme ich gern für Ruhm in Kauf. Relegierung steht ja nur »gegebenenfalls« auf das Verbrechen der versuchten Literatur.

In meinem Fall aber ist es schlimmer. Dreimalige Verurteilung zu Karzer innerhalb eines Schuljahres hat automatisch den Ausschluß aus der Schule zur Folge. Und ich habe gleich zu Beginn des Schuljahrs 1899-1900 das Pech gehabt, zweimal nacheinander in den Karzer gesteckt zu werden.

Der erste Vorfall war eine Prügelei auf dem Schulhof. Gemeinsam saßen mein Gegner und ich die vier Stunden ab, und einer ließ den anderen die Strafarbeit abschreiben, was nicht hinderte, daß die Gegner unversöhnt schieden. 33

Am zweiten Delikt trug nicht ich die Schuld, sondern meine Großmutter. Wie oft wurde ich in meinem Berufsleben an diese groteske Episode erinnert, wie oft haben Redakteure, genau so wie damals meine Großmutter und aus ähnlichen Gründen, Tatsachen in meiner Arbeit beanstandet. War ich gegenüber meiner Großmutter im Recht? Urteilt selbst:

Ich war Quartaner, vierzehn Jahre alt, saß zu Hause und lernte Heimatkunde, die Geographie der im »österreichischen Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder«. Ich hatte das Buch vor mir auf dem Tisch, das Kapitel »Herzogtum Salzburg« aufgeschlagen, die Arme aufgestützt, das Kinn in den flachen Händen.

Gestern hatte der Lehrer beim Schüler Kinzl zu prüfen aufgehört, der im Alphabet vor mir kam, morgen konnte ich als erster gerufen werden.

Neben dem Tisch saß Großmutter und strickte. Halblaut las ich: »Das Herzogtum Salzburg hat einen Flächeninhalt von 7,153 Quadratkilometern und 192,760 Einwohner.« Ich wiederholte: »7,153, 7,153« und »192,760«. Folgendermaßen ging der Text weiter: »Die Bevölkerung auf dem flachen Lande ernährt sich zumeist von Ackerbau und Viehzucht, in manchen Gegenden auch von Salzgewinnung. In den Städten sind Handel und Industrie bedeutend.«

Das brauchte nicht intensiv eingeprägt zu werden. War es doch die Eigenschaft aller Kronländer von Österreich, soweit ich sie gelernt hatte, daß Handel und Industrie in den Städten bedeutender waren als auf dem flachen Land, wogegen Ackerbau und Viehzucht niemals in den Städten blühten. Neu war nur die Salzgewinnung. Ich wiederholte mir: ». . . in manchen Gegenden auch von Salzgewinnung.« Dann lernte ich weiter: »Die Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Deutschen. Die Hauptstadt von Salzburg ist Salzburg . . .«

Ein leichtes Brummen ließ sich hören. Eine Fliege? Ich sah keine Fliege. Vielleicht war es mir nur so vorgekommen, als ob etwas gebrummt habe, eine akustische Täuschung. Großmutter saß strickend da. Sicherlich hatte nichts gebrummt, wo sollte denn auch jetzt, im September, eine Fliege herkommen? 34 Ich schaute wieder in mein Buch, um weiterzulernen. Wo war ich denn stehengeblieben?

»Die Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Deutschen. Die Hauptstadt von Salzburg ist Salzburg . . .«

»Mach' keine Witze und lern',« sagte Großmutter in einem Ton, der Güte und Freundlichkeit war. Verständnislos sah ich sie an, sie aber bemerkte den fragenden Blick nicht, sie strickte.

». . . fast ausschließlich aus Deutschen. Die Hauptstadt von Salzburg ist Salzburg«, wiederholte ich.

»Du sollst keine Witze machen und lernen.« Kein Groll lag in ihrer Stimme. Es schien nur ein freundlicher Rat zu sein, den sie mir erteilte, eben der Rat, keine Witze zu machen und zu lernen.

»Ich lerne doch, Großmama.«

»Gut, gut, mein Kind.«

Verärgert über diesen ihren Gleichmut, wiederholte ich den letzten Satz, möglicherweise sogar etwas lauter, als es die Weisheit, daß Salzburg die Hauptstadt von Salzburg ist, erfordert hätte. Vielleicht hätte ich ihn überhaupt nicht wiederholen sollen. Vielleicht habe ich doch einige Schuld an dem Vorfall? Wie dem auch sei, ich will mich heute weder mit Selbstvorwürfen noch mit Verteidigungsreden plagen, beides wäre verspätet. »Urteilt selbst«, habe ich oben gesagt.

»Die Hauptstadt von Salzburg ist Salzburg . . .«

Großmutter drohte: »Du wirst ein paar Ohrfeigen kriegen, wenn du nicht aufhörst, Dummheiten zu reden.«

Ich trotzig: »Ich rede keine Dummheiten, ich lerne, was hier im Buch steht.«

Bestimmt, Gerechtigkeit in jedem Akzent, erklärte sie: »Wenn du lernst, was im Buch steht, werde ich nichts reden.«

Da hatte ich sie. Wollen mal sehen, ob sie ihr Wort halten wird, nichts zu reden, wenn ich das lerne, was im Buch steht. »Die Hauptstadt von Salzburg ist Salzbu . . .«

Und schon hatte ich eine Ohrfeige. Wie gesagt, ich war Quartaner. Ein Quartaner läßt sich nicht ohne weiteres ohrfeigen, am allerwenigsten wegen einer wissenschaftlich 35 erwiesenen Tatsache, die er schwarz auf weiß vor sich hat. Ich stampfte mit dem Fuß und schrie. Großmutter aber schrie jetzt auch, ihr Garn war gerissen und ihre Geduld.

Meine Mutter kam ins Zimmer geeilt und gab mir noch eine Ohrfeige. Begründung: »Warum ärgerst du die Großmutter?«

»Ich ärgere sie nicht, ich lerne nur, was im Buch steht, und Großmama behauptet, ich mache Witze.«

»Blödheiten redet er, anstatt zu lernen«, rief Großmutter in mein Plädoyer.

». . . nur was im Buch steht.«

»Die Hauptstadt von Salzburg ist Salzburg, und solchen Unsinn quatscht er.«

»Au«, machte ich, denn ich hatte eben die zweite Ohrfeige von meiner Mutter bekommen, »da steht doch, daß Salzburg . . .«

»Wo steht das?« sagte meine Mutter, hob, neuerlich schlagbereit, die rechte Hand und lenkte ihre Augen in das Buch.

Dort stand es tatsächlich.

»Mutterl«, sagte meine Mutter zu der ihren, »hier steht wirklich, daß . . .«

»Was steht dort?«

». . . daß Salzburg die Hauptstadt von Salzburg ist.«

»Sehr gut!« kreischte Großmutter. »Das ist ja sehr gut!« Sie war ganz außer sich. »Das ist großartig!« So wütend hatte ich sie noch nie gesehen. »So? Steht das dort? Salzburg ist die Hauptstadt von Salzburg, steht dort? Was steht noch dort? Böhmen ist die Hauptstadt von Böhmen, Wien ist die Hauptstadt von Wien – steht das auch dort?«

»Aber, Mutterl, wenn wirklich . . .«

»Dann braucht er das nicht zu lernen. Das kann er sowieso. Jungbunzlau ist die Hauptstadt von Jungbunzlau!« Großmutter hatte eine Tochter in Jungbunzlau verheiratet, eine andere in Pilsen und eine dritte in Brünn. Bei dem Wort »Jungbunzlau« erinnerte sie sich wohl, daß sie diese beiden anderen Töchter und meine Mutter, die in Prag war, nicht vernachlässigen dürfe, und schrie, Pilsen sei die Hauptstadt von Pilsen, Brünn die Hauptstadt von Brünn und Prag die 36 Hauptstadt von Prag. Mehr Töchter hatte sie nicht, wir glaubten also, mit diesen Hauptstädten werde es zu Ende sein. Aber es war nicht zu Ende. »Afrika ist die Hauptstadt von Afrika, Deutschland ist die Hauptstadt von Deutschland – wenn das alles in dem Buch drinsteht, braucht er nicht zu studieren.«

Sie sprang auf und packte – die wirtschaftlich sparsame Großmutter! – das Lehrbuch der Heimatkunde und warf es mit Wucht und in großem Bogen aus dem Fenster. »Nicht einen Neukreuzer geb' ich für sein Studium her, so wahr ich leb'. Italien ist die Hauptstadt von Italien, wirklich, sehr gut!«

Beruhigungsversuche blieben vergeblich, Ein wahrer Paroxismus hatte Großmutter erfaßt. Vor einer imaginären Landkarte tanzte sie hin und her, sprang von einem Weltteil auf den anderen, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt. Mit ausgestreckten Armen behauptete sie, Österreich sei die Hauptstadt von Österreich, Amerika die Hauptstadt von Amerika, Berlin die . . .

Es klingelte an der Wohnungstür, wir hörten aus dem Vorzimmer die Stimme der Frau Popper, aber Großmutter war nicht willens oder nicht in der Lage, auf Besuch Rücksicht zu nehmen, sie fuhr fort mit ihren geographischen Feststellungen. »Berlin ist die Hauptstadt von Berlin, Frau Popper ist die Hauptstadt von Frau Popper«, schrie sie, und schrie, bis Babitz, der kleine Ort, dem sie entstammte, von ihr zur Hauptstadt von Babitz erklärt worden war.

Tags darauf ging unser Geographielehrer, ein glatter, übertrieben elegant gekleideter Herr, wie immer zu Beginn des Unterrichts, die Bankreihen durch, um zu kontrollieren, ob jeder Lehrbuch und Geographieheft vor sich liegen habe. Auch ich hatte beides auf dem Pult, die Heimatkunde sogar in sauberes blaues Papier eingeschlagen. Leider kam ihm das Buch etwas zu dick vor, er nahm es in die Hand und stellte fest, daß es die französische Grammatik war.

»Hm, hm. Wo haben Sie die Heimatkunde?«

»Ich habe sie vergessen.« Unmöglich konnte ich ihm doch sagen, daß meine Großmutter sie gestern aus dem Fenster geworfen habe. 37

»Nun, das macht nichts«, bemerkte er mit seiner gleisnerischen Freundlichkeit und schwang das lange schwarze Band, an dem sein Kneifer befestigt war. »Wenn Sie die Heimatkunde im Kopf haben, brauchen Sie kein Buch. Kommen Sie heraus.«

Wahrscheinlich wäre ich auch gerufen worden, wenn ich mein Lehrbuch besessen hätte, denn die Prüfung hatte ja in der letzten Stunde bei Kinzl, meinem Vorgänger im Alphabet, aufgehört. Jedenfalls aber überstürzte sich infolge des Fenstersturzes der Heimatkunde nun auch der Lauf der Ereignisse.

»Was wissen Sie über das Herzogtum Salzburg?«

Ich begann aufzusagen, sehr laut, sehr schnell. Er wird merken, daß ich über das Herzogtum Salzburg genau unterrichtet bin und wird mir – so hoffte ich – eine andere Frage stellen. »Das Herzogtum Salzburg hat einen Flächeninhalt von 7,153 Quadratkilometern und 192,760 Einwohner. Die Bevölkerung auf dem flachen Land ernährt sich zumeist von Ackerbau und Viehzucht, in manchen Gegenden auch von Salzgewinnung. In den Städten sind Handel und Industrie bedeutend. Die Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Deutschen. Die Hauptstadt von Salzburg ist Salzburg . . .«

Ich schaltete eine Pause ein.

»Weiter«, forderte mich der Lehrer auf und wirbelte seine Kneiferschnur durch die Luft.

Ich wiederholte den letzten Satz nachdenklich, als ob ich mich an die Fortsetzung erinnern wolle. »Die Hauptstadt von Salzburg ist Salzburg . . .«

»Das haben wir schon zweimal gehört. Daß Salzburg die Hauptstadt von Salzburg ist, ist doch wohl selbstverständlich.«

Das war mir zu viel. Meiner Großmutter war gestern der Satz, Salzburg sei die Hauptstadt von Salzburg, so unwahrscheinlich, so unglaubhaft, so unmöglich erschienen, daß sie darüber einen Tobsuchtsanfall bekommen hatte, und jetzt sollte es auf einmal »doch wohl selbstverständlich« sein! »Das ist gar nicht selbstverständlich«, schrie ich mit krebsrotem Kopf. 38

»Wieso ist das nicht selbstverständlich?« fragte der Lehrer und vergaß, so starr war er über meine Frechheit, die Kneiferschnur zu schwingen, »wieso?«

»Fragen Sie die Großmutter!«

Er schleifte mich zum Direktor, der eine Lehrerkonferenz einberief. Die Lehrerkonferenz entschied: fünf Stunden Karzer. Als mir der Direktor dieses Urteil verkündete, fügte er hinzu: »Und was es zu bedeuten hat, wenn Sie sich noch das Geringste zuschulden kommen lassen, wissen Sie.«

Ja. Wußte ich. Ich verhielt mich so artig wie ich konnte. Nach Schulschluß lief ich immer stracks nach Hause, um in keine Konflikte zu kommen. Abends saß ich in unserer Tuchhandlung, dichtend und träumend, hauptsächlich davon träumend, meine Dichtungen gedruckt zu sehen.

Soweit dieser Ehrgeiz seine Erfüllung fand, verdanke ich es der Tatsache, daß ich ein Tuchhändlerssohn war.

Alle Läden der Schwefelgasse handelten mit Material für Herrenkleidung, aber mitnichten standen sie alle auf der gleichen Stufe. Aristokratischen Rang hatten die Tuchhandlungen, denn um ihretwillen kamen die Schneider aus ihren Werkstätten in unsere Straße, die Schneider aus der Provinz nach Prag. Hier befühlten und beäugten und berochen sie den Cheviot, den Kammgarn, den Buckskin, den Homespun und den Palmerston, ja sie behorchten ihn auch, während sie ihn zwischen den Fingern klacken ließen. Manche verlangten die Lieferscheine zu sehen, zum Beweis, daß der vorgelegte Ballen wirklich aus Manchester und nicht aus Reichenberg oder Brünn stamme. Sie studierten den Fabrikpreis des Ballens und dividierten ihn durch die Zahl seiner Ellen (bei englischer Ware: der Yards). Ein Einkauf dauerte mehrere Stunden, oft einen ganzen Tag oder zwei Tage lang.

Der Schneidermeister Orlik zum Beispiel brachte immer seine beiden Söhne mit, »den Emil wegen der Farbe, den Richard wegen des Stoffs«. Der Emil hatte nämlich an der Malerakademie studiert, der Richard an der Schneiderakademie. Als Emil später nach Berlin ging, wurde er von zu Hause regelmäßig mit Anzügen beliefert, so daß er dort als 39 der am würdigsten gekleidete Maler galt und bald Professor der Kunstakademie wurde. Aber auch Richard machte seinen Weg, er war nicht nur maßnehmend, sondern auch maßgebend in der Prager Hautevolee. Wenn man zu ihm von seiner Werkstatt sprach, fuhr er ärgerlich auf: »Eine Werkstatt hat mein Bruder. Ich habe ein Atelier!«

Dieses Atelier befand sich im Prachtgebäude der Triester Versicherungsgesellschaft »Assecurazioni Generali«, in Prag kurz »Generali« genannt. Während eines Besuchs in Karlsbad füllte der Schneider Orlik den Anmeldeschein lakonisch aus: »Richard Orlik, Generali, Prag«. Worauf die Zeitungen veröffentlichten, daß General Richard Orlik aus Prag zum Kuraufenthalt eingetroffen sei. Boshafte Freunde sandten ihm ein Telegramm: »seiner exzellenz general richard orlik karlsbad stop sollen knöpfe auf grauem anzug für kommerzialrat pick einreihig oder doppelreihig genäht werden stop zuschneider wopitschka generalstabschef«.

Seither hieß der Schneider Orlik nur General Orlik, und das Witzwort kursierte, der Kriegsminister habe ihm die Bewilligung erteilt, Generalsuniform zu tragen, und zwar über dem linken Unterarm.

Krasse Gegenstücke zu den anspruchsvollen Orliks bildeten die Kunden aus der Provinz. Die Dorfschneider kamen in der Regel frühmorgens im Bauernwagen an und fuhren am nächsten Tag mit dem eingekauften Jahresbedarf wieder heim. Am Abend gingen sie ins Nationaltheater, der Stoff, den sie von dort mitnahmen, schien ihnen fast ebenso wichtig wie der aus unserem Laden. Ich hatte die Aufgabe, unsere Landkundschaft zum Theater zu begleiten und nach der Vorstellung abzuholen – allein hätte sich keiner durch das rasende Großstadtgewirr von Droschken und Fahrrädern gewagt.

Eines Nachts wartete ich vergebens vor dem Theaterausgang an der vereinbarten Stelle, mein Pflegebefohlener kam nicht. Alles Suchen blieb erfolglos, auch die Polizei fand ihn nicht. Am nächsten Tag kam er an, er war bei Ibsens »John Gabriel Borkman« so fest eingeschlafen, daß er erst am Morgen im Theater aufwachte. Ausgeruht und mit geschärftem kritischem 40 Sinn ging er daran, die Modeneuheiten auszuwählen, die seine Kunden zur Kirchweih und zur nächsten Dorfhochzeit tragen sollten.

Bei weitem nicht so langwierig wie die Wahl des Tuchs war der Einkauf des Zubehörs. Damit handelten die kleineren Kaufleute unserer Straße, sie führten Lüster, Serge, Inlett und Cloth für Futter und Taschen, Zwirn und Cordonetteseide für Knopflöcher, Steifleinen und Kanevas für den Revers, Roßhaar für die Fassonierung, Watteline für die Schultern, Knöpfe, Schnallen und Ösen für Herrenanzüge.

Welches von diesen Geschäften der Schneider aufsuchen sollte, war ihm gleichgültig, zumeist ließ er sich von seinem alten Geschäftsfreund, dem Tuchhändler, beraten. Deshalb wurde der Tuchhändler von allen »Zubehörern« devot gegrüßt und seinen Kindern Näschereien zugesteckt.

Penible Kunden, die bis in die späten Abendstunden wählten und feilschten, ließen manchmal einer Knopf- oder Futterhandlung sagen, sie möge offenhalten, es werde noch ein Käufer kommen. Der Bote war ich, oft holte ich sogar diese Nebenwaren selbst ein.

Drüben im Haus »Zu den fünf Kronen« – Witzbolde nannten es »Zu zwei Gulden fünfzig«, was fünf Kronen der neuen Währung entsprach – hatten die drei alten Schwestern Iserstein ihre Wohnung und ihr Knopfgeschäft. Ihr Untermieter war ein Redakteur, wie die ganze Gasse wußte, denn er versorgte die Schwestern Iserstein mit Freikarten ins »Theater Variété«. Der Redakteur war Inseratenagent bei einem in deutschen Familien vielgelesenen Wochenblatt.

Gerne hätte ich diesem Redakteur meine Gedichte vorgelegt, und deshalb führten mich alle Botengänge in Knopfangelegenheiten zu den Isersteins. Sogar Ösen und Schnallen kaufte ich dort, obwohl ich wußte, daß sie das nicht auf Lager hatten und es erst vom Haftelmacher Benedikt Bar holen mußten, der den Isersteins freilich Provision gab.

Kurz vor Weihnachten 1899 hatte ich für einen Schneider aus der Garnison Theresienstadt zehn Gros Infanterieknöpfe und sechs Dutzend Artillerieknöpfe zu besorgen. Ein großer 41 Posten fürwahr, und in seinem Schutz warf ich, so leichthin wie ich's vermochte, der diensthabenden Iserstein die Frage hin, ob sie dem Herrn Redakteur meine Gedichte zeigen könnte.

Mit einem Paket von zehnmal zwölf Dutzend Infanterieknöpfen und einem halben Gros Artillerieknöpfen ging ich davon, um mit einem Paket »Gedichte von E. Kisch« wiederzukehren. Den vollen Namen »Egon« wagte ich wegen der strengen Schulvorschrift nicht hinzusetzen, und um ein Pseudonym zu wählen, dazu war ich wohl zu stolz auf meine Werke. Ich unterschrieb »E. Kisch«, – so konnte ich dort wo ich wollte, mich der Autorschaft berühmen, und sie dort wo es nötig war, abstreiten.

Bebend vor Erwartung schlug ich die Weihnachtsnummer auf. Nichts war darin. Am darauffolgenden Sonntag jedoch erschien eines von den Gedichten. Es stand in der unteren Ecke auf der ersten Seite. Wie mußte es dem Redakteur gefallen haben, da er es auf der ersten Seite druckte! Daß der Abdruck mit den zehn Gros Infanterieknöpfen und den sechs Dutzend Artillerieknöpfen in Zusammenhang stehen könnte, fiel mir nicht ein.

Dichter pflegen ihre Vornamen nicht abzukürzen. Deshalb hatte der Redakteur den Punkt nach dem E weggenommen und den Namen ergänzt. »Von Erwin Kisch« stand unter dem Titel des Gedichts. Weiß Gott, wie er darauf kam, ich hatte niemals Erwin geheißen.

Zeitig bin ich am Dienstag nach den Weihnachtsferien, dem ersten Schultag des neuen Jahrhunderts in der Klasse, um allen Mitschülern unter dem Siegel der Verschwiegenheit meinen Eintritt in die Unsterblichkeit zu zeigen. Einige haben das Gedicht bereits gelesen und trotz des falschen Vornamens die Klaue dessen erkannt, der die Fußballzeitung redigiert.

Es gibt zwei Kategorien von Lehrern: die »anständigen Kerle« und die »gemeinen Hunde«. Garzaroni, unser Chemielehrer, gehört unbestritten in die zweite Kategorie. Wir fürchten ihn, wozu sein grauviolett geflecktes Gesicht beträchtlich beiträgt. Eine Säure muß sich einmal racheschäumend gegen 42 seine Wangen und seine Stirn geworfen haben; ob sie auch das Kinn erwischt hat, ist unter seinem Spitzbart nicht zu sehen. Dagegen kann man erkennen, daß sich die aufbrausende Flüssigkeit am Haaransatz festkrallte, denn seine borstigen Haare stehen längs grauvioletten Zacken. So unheimlich wie er selbst, ist das Thema seines Kurses, den er an der Universität abhält: »Feststellung von Vergiftungen am Leichnam der Opfer«.

Wir nennen ihn »Karzeroni«, er hat sich diesen Spitznamen um manchen von uns verdient. Ich allerdings verdanke meinen letzten Karzer nicht ihm, sondern dem Lehrer der Heimatkunde, aber auch Karzeroni »sitzt mir auf«, das heißt: er kann mich nicht leiden, und meine chemische Prüfung ergibt zumeist ein negatives Resultat ohne Rückstand.

An jenem Dienstagmorgen nach meiner literarischen Defloration, während ich noch mit meinen Mitschülern darüber streite, ob mein Gedicht ein Mist oder ein Meisterwerk sei, tritt Karzeroni ins Klassenzimmer, wie immer ein Tablett mit Eprouvetten und Retorten vor sich hertragend.

Kaum hat er das Katheder bestiegen, da ruft er meinen Namen. Das ist auffallend, beunruhigend. Um so auffallender, um so beunruhigender, als Karzeroni in der letzten Stunde keineswegs beim Schüler Kinzl zu prüfen aufgehört hat, und ich erst kürzlich geprüft worden bin.

Ganz nah tritt er auf mich zu und schaut mich an wie ein Ungeheuer den armen Zwerg, der in Gefangenschaft geraten ist. Mit einem Ruck stößt er mir eine Eprouvette vor die Nase: »Was ist hier drin?«

Hilfesuchend wende ich mich zur Klasse.

»Drehen Sie sich zum Fenster«, sagt Karzeroni. »Was ist in der Eprouvette?«

Gift ist darin, denke ich bei mir, in meinem Leichnam wird man es feststellen. Ich sage nichts. Draußen schneit es.

»Also Sie wissen es nicht.« Mit weithin sichtbarem Schwung trägt er ins Klassenbuch eine große Fünf ein. »Nicht genügend.« Dazu sagt er: »Ich habe in der letzten Zeit Gedichte von einem Kisch gelesen. Sind das etwa Sie?« 43

Alle halten den Atem an. Weiß er? In einer Sekunde muß sich entscheiden, ob die Klasse einen Mitschüler verlieren wird, den linken Außenstürmer der geheimen Fußballmannschaft und Redakteur ihres Sportblattes.

Für mich bedeutet die Frage mehr. Weiß er? Ich bin blaß. Ich zittere. In einer Sekunde muß sich mein Schicksal entscheiden.

»Nein«, antworte ich. Ganz zu verleugnen vermag ich meine Literatur aber nicht, und füge hinzu: »Die Gedichte sind von meinem Bruder.«

So still ist es im Klassenzimmer, daß man die Schneeflocken fallen hört. Weiß er? Karzeronis nächster Satz kann die schreiende Lüge schreiend als solche brandmarken und die Enthüllung bringen, daß die Wahrheit festgestellt und der Anklagezustand gegen mich erhoben sei.

»Ihr Bruder scheint ja den Grips für die ganze Familie abbekommen zu haben«, sagt Karzeroni.

Diese Bemerkung löst die Spannung der Klasse in Gelächter auf, und die Freude, den linken Flügel der Fußballmannschaft nicht zu verlieren, lacht schallend mit. Das ist nicht das Gewieher, in das Schüler beim Witz eines Lehrers auszubrechen pflegen, durch Übertriebenheit ihre Ironie zum Ausdruck bringend; übrigens ist in Karzeronis Stunde selbst ein solches Pflicht- und Parodielachen bisher nie vorgekommen, weil er niemals Witze machte. Es ist dieses Mal zum erstenmal, daß die Schüler in seiner Stunde lachen.

Und – Karzeroni lacht mit, mitgerissen von der unverkennbar echten Wirkung seines Witzes, überwunden von seinem unüberwindlichen Humor. »Ja, ja«, stöhnt er in das schon verebbende Lachen hinein, »manchmal findet sich in der gleichen Familie ein gescheiter Mensch und ein kompletter Trottel.«

Neuerlich steigt der gelachte Orkan an, wer würde sich nicht über den Hereinfall eines Lehrers freuen, noch dazu eines so verhaßten! Karzeronis grauviolettes Säuregesicht strahlt bis zum gezackten Haaransatz hinauf. Draußen wirbeln die Flocken so dicht, als schüttle sich selbst der Himmel. 44

Zweieinhalb weitere Jahre hatte ich Karzeroni als Lehrer. In Quarta, in Quinta und in Sexta ließ er mich im ersten Semester durchfallen, und ich mußte deshalb das Abitur auch aus anorganischer und organischer Chemie ablegen, die normalerweise kein Prüfungsgegenstand waren.

Aber ich grolle ihm nicht, denn zweieinhalb Jahre lang ließ er keine Gelegenheit vorübergehen, ohne seinen Humor an mir zu erproben, indem er die jeweilige literarische Leistung des begabten Erwin über den grünen Klee lobte, um den unbegabten Egon herabzusetzen, den »ungleichen Zwilling«. Hab' Dank, du mein erster Kritiker. Friede deinem Leichnam, Gott schütze ihn vor »Feststellung von Vergiftungen«.

Alljährlich vor Schulschluß wurden die Absolventen der Realschule nach ihrem künftigen Lebensberuf befragt. Lächerlicherweise gab es nur sechs Berufe, aus denen man zu wählen hatte: Bauingenieurwesen, Architektur, Maschinenbau, Chemie oder Militärwissenschaft. Für den Kaufmannsberuf prangte im gedruckten Jahresprogramm das stolze Wort »Handelswissenschaft«.

Als ich 1902 gefragt wurde, antwortete ich: »Journalistik«.

»Ich verbitte mir Ihre albernen Scherze«, herrschte mich der Klassenlehrer an.

»Ich will wirklich Journalist werden«, sagte ich.

»Natürlich, Sie müssen immer eine Extrawurst haben! So etwas kann ich nicht eintragen.« Nach einer Pause des Unwillens: »Das muß ich der Lehrerkonferenz zur Entscheidung vorlegen.«

Die Lehrerkonferenz beschloß, daß mein Lebensberuf »Publizistik« zu sein habe.

Vor ein paar Jahren kam mir der alte »Jahresbericht der k. k. Ersten Deutschen Staatsrealschule in Prag« zur Hand, und ich las, wie viele meines Jahrgangs Militärwissenschaft als Beruf angegeben. Sie hatten gehofft, dadurch bei der Matura weniger streng geprüft zu werden, – was schadet es einem Leutnant, wenn er die Eigenschaften des Ameisenbärs nicht kennt, und was nützt es einem General, wenn er weiß, wann Goethe die »Iphigenie« vollendete. Ernsthaft hatte kaum 45 einer daran gedacht, sich der Militärwissenschaft zu widmen, und erst der Weltkrieg hat alle gleichermaßen, die seinerzeit zukünftigen Militärwissenschaftler ebenso wie die Prätendenten des Ingenieurwesens und der Handelswissenschaft, zu Soldaten gemacht, zu Kriegskrüppeln oder Heldenleichen.

Von den Überlebenden habe ich einige wiedergetroffen. Als ich Sing-Sing besuchte, war unter meinen zwei internierten Landsleuten, die Warden Lawes mir vorführte, ein Mitschüler; vor der Matura hatte er angegeben, Chemie studieren zu wollen, aber nachher war daraus Alkoholschmuggel geworden mit Todesschuß gegen einen Polizisten. In Berlin begegnete ich einem, der 1902 die Frage nach der künftigen Profession mit Architektur beantwortet und wirklich von Wolkenkratzern und Akropolen geträumt hatte; statt sie zu bauen, leitet er die Sargfabrik des Beerdigungsinstituts Grieneisen. Einen dritten – Berufsangabe: Maschinenbau – traf ich als »Letzten Mann« des Kasinos von Monte Carlo, und er enthüllte mir die Geheimnisse des Roulettes. Ein vierter, mein sommersprossiger Nebensitzer, war zukünftiger »Handelswissenschaftler« gewesen, aber er erfand das abstrakte und schriftlose Plakat und wartet seither im Pariser Café du Dôme auf Aufträge.

Eigentlich war es voreilig von mir, die Tatsache, daß die Realschulleitung nur sechs Berufe zur Auswahl freistellte, als lächerlich zu bezeichnen. Sollen etwa im offiziellen Schulprogramm Berufe wie Alkoholschmuggler, Leichenbestatter, Abortwächter oder Surrealist prangen?

Auch hatte 1902 keiner von den vieren, die ich erwähnt, an solche Zukunft gedacht. Keiner segelte aus nach diesen Häfen, es waren die widrigen Winde der Zeit, durch die sie strandeten.

Bismarck hat einst die Journalisten als Leute abgetan, die ihren Beruf verfehlt haben. Im Falle unserer Schulklasse stimmt es gerade umgekehrt; nur der eine, der Journalistik, beziehungsweise die akademischer klingende Publizistik gewählt hatte, hat diesen Beruf nicht verfehlt.

Jedoch nicht gleich nach Absolvierung der Realschule strafte ich Bismarck Lügen. Zuerst inskribierte ich an der 46 Technischen Hochschule. Hätte dort das Studium mit Materialkunde und Technologie samt Exkursionen begonnen, wäre ich vielleicht dabeigeblieben. Es begann mit Integral- und Infinitesimal-Rechnung (oder wie immer man es ausspricht), und in solchen Fächern stand ich schon als Realschüler kläglich da. So schwänzte ich Collegia. Unser geheimer Fußballklub »Sturm« war jetzt, da einige seiner Mitglieder zu akademischen Bürgern aufgestiegen waren, ein öffentlicher, registrierter Verein und gab mir viel zu tun. Immerhin blieb mir Zeit, mich in der Literarischen Sektion des Studentenverbandes »Lesehalle« zu betätigen und – was, reicht denn mein Leben bis ins Mittelalter zurück! – drei Duelle, eines auf Pistolen und zwei auf Säbel, auszutragen, an die ich mich nur erinnere, wenn ich im Spiegel meine abgeschlagene und schlecht angenähte Nasenspitze erblicke. /

Nach einem Jahr des Nichtstudiums trat ich meinen Militärdienst an; doch nicht den papageigrünen Einundneunzigern wurde ich zugeteilt, zu denen ich von Kindheit an gewollt, sondern den milchgrauen Elfern, einer in Prag garnisonierenden Truppe, die Wallenstein im Dreißigjährigen Krieg aus den Insassen der böhmischen und mährischen Zuchthäuser formiert hatte. Jetzt hieß sie »k. u. k. Infanterieregiment Johann Georg Prinz von Sachsen Nr. 11«, ein langatmiger schwieriger Name, den sich die Böhmerwäldler Holzfällerburschen nur in der Form »Hans Sachs Nummer Elf« merken konnten.

Ein neunzehnjähriger unbekümmerter Studiosus, der sich literarisch betätigt und Ehrenhändel ausgefochten hatte, machte ich mich auf Kasernenhofhumor gefaßt. Bald aber lernte ich, daß man beim Militär unbekümmerte Studiosi, und insbesondere solche, die sich literarisch betätigt und Ehrenhändel ausgefochten hatten, durchaus nicht leiden mochte, und daß man in Kasernenhöfen jedes Humors, einschließlich des Kasernenhofhumors, bar war.

Wer eine Strafe entgegenzunehmen, wer eine Strafe anzutreten oder wer eine Strafe verbüßt hatte, wurde zum Tagesrapport befohlen und hatte an dessen linkem Flügel strammzustehen. Wie in den vorhergegangenen Jahren beim 47 Fußballspiel und in den nachfolgenden Jahren anderer Betätigungen, stand ich auch hier am linken Flügel. Und wurde verurteilt, zu vierzehn oder zu einundzwanzig Tagen verschärften Arrests, je nachdem. Nach dem Dienst führte mich der Korporal vom Tage in das Arrestgebäude an der Ecke des Kasernenhofs. Dort habe ich von den 365 Abenden und Nächten meines Dienstjahrs nicht weniger als 147 verbracht, die Sonn- und Feiertage ganz. Dieses mein erstes Gefängnis war kein fideles. Dunkel die Einzelzelle, ungehobelt die Pritsche, ungenießbar das Essen, schmutzig das Trinkgerät, durchlöchert die Waschschüssel, gefährlich die Latrine.

Theoretisch war ich infolge meiner Schulbildung ein Offiziersanwärter, und wenn ich auch praktisch wegen meiner Strafen diese Anwartschaft verloren hatte, galt für mich noch immer eine Reihe ebenso ehrender wie peinlicher Vorschriften. So durfte ich die Zelle nicht mit gewöhnlichen Mannschaftspersonen teilen und saß deshalb in Einzelhaft. So durfte ich – damit niemand einen künftigen Offizier als Häftling sähe – nicht an dem morgendlichen Ringelspaziergang im Hof teilnehmen, sondern mußte im finsteren Staub bleiben. So durfte ich mich nicht an der Reinigung des Hauses beteiligen wie die Häftlinge aus dem Mannschaftsstand, die sich, Bürste, Eimer und Lappen in Händen, auf den Korridoren und in der Wachstube unterhalten konnten, sogar abends und nachts. Von solch entwürdigenden Arbeiten befreit, sollte ich allein in meinem dunklen Loch stecken.

Zum Glück lag das Arrestgebäude so, daß der davorstehende Posten das Herannahen des Inspektionsoffiziers von ferne sehen und den Wachkorporal rechtzeitig benachrichtigen konnte. Darum riskierte es dieser gegen ein Trinkgeld, den Nobelhäftling Licht und Leben der Wachstube atmen und die Gemeinschaft mit den anderen Arrestanten genießen zu lassen, bis lange über die Mitternachtsstunde hinaus.

Unter den Häftlingen gab es Kriminelle, die erst nach Verbüßung von Zivilstrafen zum Militärdienst eingezogen worden waren und nun als Soldaten neuerdings Eigentumsdelikte begangen hatten. Andere saßen Disziplinarstrafen wegen 48 Wirtshausraufereien und Gewalttätigkeiten ab oder weil sie, um der Liebe und des Suffs willen, eine ordnungswidrige Entfernung aus dem Kasernenbereich dem ordnungsmäßigen Verbleiben im Kasernenbereich vorgezogen hatten.

Neugierig und fasziniert hörte ich die Gespräche aus Regionen, von denen ich bisher nur in der Zeitung gelesen. Meine Mitgefangenen erklärten einander verschiedenartige Praktiken beim Gebrauch des Dietrichs, sie unterhielten sich über Leben und Treiben in den Spelunken, über ein Zuhälterkonsortium und den Handel mit Jungfrauenschaft und über die Möglichkeit von Fluchtversuchen aus Inquisitionsspital und Garnisonsgericht. Das war eine andere Welt als die, in der ich bisher gelebt, da gab's manches zu lernen, manches zu verlernen. Ich, der ich nicht einmal mit einem meiner Brüder aus der gleichen Kaffeetasse getrunken hätte, trank jetzt aus der Schnapsflasche, die reihum ging. Ich sog an dem gemeinsamen Zigarrenstummel. Ich ließ mich tätowieren, um zu beweisen, daß ich mich weder fürchte noch ekle vor der rostigen Nadel und dem schmutzigen Lappen, mit dem das ausströmende Blut und die einströmende Farbe auf der durchlöcherten Haut verrieben wurden.

Morgens wurde ich aus meiner Zelle zur Einjährigenkompanie hinübergeführt und machte Dienst wie meine Kollegen, die die Nacht fern von Pritsche, Arrestanten und Tätowierung zugebracht und in ihren Betten berechtigterweise davon geträumt hatten, in Kürze Reservefähnriche oder Reserveleutnants zu werden. Ich war via facti von solcher Zukunft ausgeschlossen. Alsbald bekam ich es auch schriftlich.

Das geschah im Unterricht Militärgeschäftsstil, einer ganzen Wissenschaft über Zusammenfalten des Papierbogens, über Respektdistanz von vier beziehungsweise sechs Fingern Breite, über Anredefloskeln und dergleichen. Wir hatten als Prüfungsarbeit ein Gesuch abzufassen, mit dem wir uns dereinst, nach allfälliger Erlangung einer geachteten Existenz, um den Rang eines Reserve-Offizierstellvertreters bewerben konnten. 49

Auf feinstem Ministerpapier, mit reichlicher Anwendung von Kalligraphie und Geometrie berief ich mich in der utopischen Eingabe auf einen utopischen Beruf: »Diensthöflichst Unterfertigter, Redaktionsmitglied der Tageszeitung ›Die Zeit‹, mit einem Monatsgehalt von 200 Kronen österreichischer Währung, stellt hiermit alleruntertänigst das Ansuchen . . .«

Unser Lehrer, der siebzigjährige Hauptmann-Truppenrechnungsführer Bjehauneck strich das Gesuch durch und schrieb darunter: »Kann infolge krasser Unkenntnis des Militärgeschäftsstils niemals einer Zulassung zum Ehrenkleide des Offiziers gewürdigt werden, kann aber gleichermaßen ebensowenig Redaktionsmitglied einer Tageszeitung sein, sintemalen jedes Mitglied einer P.T. Druckerei ein derartiges Manuskript, wie es das vorliegende darstellt, dem Schreiber um die Ohren hauen würde.«

Wie mag sich wohl der Lehrer des Militärgeschäftsstils ein Zeitungsmanuskript vorgestellt haben? 50

 


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