Egon Erwin Kisch
Marktplatz der Sensationen
Egon Erwin Kisch

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Kämpfe um die Lokalnotiz, speziell um Selbstmorde

Was ausländische Meldungen anbelangt, waren die sechzehn Prager Tageszeitungen auf eine einzige Nachrichtenagentur beschränkt, die amtliche. Die Informationen aus dem böhmischen Landtag und von den politischen Parteien besorgten sich die Zeitungen selbst, aber das stellte beileibe keinen Lesestoff dar.

Wollte man Originalnachrichten fürs Publikum haben, mußte man sie aus dem Strom des lokalen Lebens angeln. Dennoch hatte jede Zeitung nicht mehr als einen Reporter, und auch der stand nicht hoch im Rang. Er war der Taglöhner der Journalistik, le journalier, bezog meist nur ein Zeilenhonorar, bangte darum, es täglich zu verdienen, bangte darum, es stündlich zu verlieren.

»Bin ich ein Vogel, daß ich an zwei Stellen zugleich sein kann?« mochte er grollen wie der Barbier im Börsenwitz. Nein, auch der Lokalreporter hat nicht die Fähigkeit, an zwei Stellen zugleich zu sein, obwohl ihm das, als er noch ganz allein und nur für sich auf Nachrichten ausflog, besonders nötig gewesen wäre. Während er einen Mord recherchierte, konnte anderswo ein Gebäude zu Schutt und Asche verbrennen.

Zum Glück fand er den Ausweg, den schon die Urgesellschaft betreten hatte: den Tauschweg. »Gib mir deine Beute«, sagte der Jäger zum Fischer der benachbarten Sippe, »und ich gebe dir dafür meine.« Es entstand ein Markt, auf dem jeder seine Produkte anbot, und weitere Teilung der Arbeitsprozesse.

Anfangs trafen sich Notizenjäger und Notizenfischer aller Zeitungen jeden Abend in einem Absteighotel auf dem Wenzelsplatz. Diese Zusammenkünfte wurden von ihren Teilnehmern »Börse der Nachrichten« genannt. Da man aber 90 nicht auf Grund von Warenproben oder gar mit unsichtbaren Werten handelte, vielmehr die Ware greifbar vorlag, war diese Börse in volkswirtschaftlichem Sinne eigentlich keine Börse, sondern ein Markt. Andererseits stellten die Waren nur Papierwerte dar, Börsenmeldungen notierten oder wurden notiert, und von einer Barzahlung war keine Rede. Also war es eigentlich doch eine Börse und kein Markt. Übrigens ist das ganz egal, denn von der Börse stand niemals ein Wort in den Zeitungen, obwohl sie nur für diese ihre Tätigkeit entfaltete.

Als sich die Leserkreise einiger Zeitungen zu überschneiden begannen, wollte jede mehr Nachrichten bringen als die Konkurrenz, jede wollte der anderen zuvorkommen, womöglich einen »scoop« haben, wie man in Amerika sagt, einen »Solokarpfen«, wie man in Prag sagte.

So spaltete sich die Einheitsbörse. Es gab nun zwei. Die eine tagte im Restaurant Chodiera in der Ferdinandstraße mit Ausnahme eines kurzen Interims, in dem das Restaurant polizeilich geschlossen war, weil eine Gruppe tschechischer Stammgäste die im Stiegenhaus aufgestellte Kaiserbüste kurz und klein geschlagen hatte. Die andere Börse tätigte in einem Hinterzimmer des Restaurants Brejschka von sechs bis acht Uhr abends ihre Geschäfte.

Innerhalb jeder der beiden Börsen waren die Aufgabenkreise verteilt. Ein Reporter hatte täglich das Krankenhaus zu besuchen und die eingelieferten Fälle von Distinktion zu notieren, ein anderer das Rathaus, um die Maßnahmen der Kommunalverwaltung festzustellen, ein dritter hielt die Verbindung mit der Feuerwehr, ein vierter die mit dem Gendarmerie-Kommando aufrecht.

Die Polizei war dreißig Jahre lang von Herrn Melzer besorgt worden, und ich war auf der Brejschka-Börse sein Nachfahr, sieben Jahre lang. Wenn von der Polizei eine Nachricht offiziös ausgegeben wurde oder ein großer Vorfall die Beamten in Bewegung hielt, so hatte ich davon alle Börsenkollegen zu informieren. Erfuhr ich eine Nachricht privat, die nicht im Bereich der Gefahr lag, auch von der Konkurrenzbörse ergattert zu werden, durfte ich sie für meine Zeitung allein 91 behalten oder – natürlich nur an ein Mitglied unserer Börse – gegen eine andere Spezialnachricht austauschen.

Für das Restaurant Chodiera ging zur Polizei der »bleiche Schnüffeles«, der gleichfalls eine deutsche Zeitung vertrat, das »Prager Tagblatt«. Wie man sieht, schwieg in Börsensachen der nationale Boykott, den die Presse in ihren Spalten predigte.

Mehr Nachrichten zu erjagen als die andere Börse war auf beiden Seiten ein Sport, der manchmal in persönliche Kämpfe ausartete. Einer der heftigsten entbrannte wegen einiger Menschenknochen, die kurz vor meinem Amtsantritt auf dem Dorfplatz des Vorortes Krtsch gefunden wurden, und auf denen ein Zettel lag mit der Aufschrift: »Die da wurde im Keller erschlagen.«

Die Brejschka-Mannschaft hatte allein von dem Fund erfahren mitsamt dem Detail, daß die Knochen verletzt seien und nicht von einer Person, sondern von einem Mann und einer Frau stammten. Das schien Grund genug, die Nachricht als »Geheimnisvollen Doppelmord in Krtsch« groß aufzumachen.

Die andere Börse, solcherart ins Hintertreffen geraten, versuchte die Bedeutung des Fundes abzuschwächen. Allen Anzeichen nach habe ein makabrer Witzbold die Gebeine in einem Friedhof ausgegraben, und die, die auf Grund des Zettels an einen Mord glaubten, stünden nun da »blamiert bis auf die Knochen«. Wie im Pathologischen Institut festgestellt worden sei, rühre die Knochenspaltung mitnichten von gewaltsamen Verletzungen her, sondern Adipocire, eine Seifenbildung bei Leichen, habe das Platzen der Knochen verursacht.

Die zeitunglesende Bevölkerung war in erregte Lager geteilt; das eine schäumte: Mord, das andere: Seife, als aus dem Keller einer Krtscher Villa zwei Leichen ans Tageslicht stiegen und ein wüstes Spiel von Geldgier und Sexualgier enthüllten. Drei Jahre vorher hatten die Gärtnersleute dieser Villa, ein gewisser Vales mit Frau und Stieftochter, ein ungarisches Liebespaar, das in der Villa den Winter verbrachte, durch Beilhiebe ermordet und beraubt. Hernach hatten sie 92 die Kleider der Toten mit Stroh ausgestopft und diese Puppen in der Dämmerung mit einem Wagen weggefahren, damit die Nachbarschaft die Abreise der beiden Fremden sehe.

Verscharrt im Keller lagen die Leichen in Totenruhe bis zu dem Tage, da es dem fast siebzigjährigen Vales zu bunt wurde, daß sich seine Stieftochter – sie war über fünfzig – seinen Liebeswerbungen hartnäckig entzog und bei jedem gegebenen Anlaß ihre Mutter zu Hilfe rief. »Wenn ihr euch weiter widersetzt, bringe ich euch und mich an den Galgen«, drohte Vales. Sie widersetzten sich weiter, auch nachdem Vales mit der öffentlichen Preisgabe der Knochen bewiesen hatte, wie ernst es ihm mit seinen Worten war.

Erst als eine Polizeikommission in Krtsch von Haus zu Haus ging und Vales schwor, er werde sie mit dem Eingeständnis des Mordes empfangen, erlaubte Frau Vales ihrem Mann, sich mit ihrer Tochter im Zimmer einzuschließen. Schon näherte sich die Kommission dem Garten, Frau Vales trommelte an die Tür: »Rasch, macht rasch, sie kommen!«

Glückselig lächelnd, ist er doch am Ziel jahrelanger Wünsche, öffnet Vales die Liebeskammer im gleichen Augenblick, da die Beamten eintreten. Die merken Erregung und beginnen eine genaue Untersuchung des Hauses. In einer Ecke des Kellers sind Geräte und Möbel aufgestapelt, hinter ihnen finden sich Spuren einer frischen Grabung, ein süßlicher Geruch ist spürbar – man exhumiert zwei Leichen.

Fürwahr, das ist ein »Geheimnisvoller Doppelmord«, fürwahr, das ist kein Adipocire! Die Reporter von Chodiera, die dieses Wort den bei Brejschka versammelten Konkurrenten eine Woche lang höhnisch zugerufen, müssen sich nun selbst mit »Adipocire« verspotten lassen.

Solche Sensationen bildeten selbstverständlich nur die Ausnahme, die tägliche Nahrung der Börsenmitglieder bestand nicht aus großen Solokarpfen, sondern aus kleinen Fischen, und davon konnten jene Reporter, die von der Zeile in den Mund lebten, nicht satt werden.

Oft brachte ich derart winzige Fische, daß meine Kollegen sie ins Wasser zurückwarfen. Gleich zu Beginn kam ich mit 93 der Meldung, fünfzehn Mitglieder einer Damenkapelle seien aus Portugal nach Prag abgeschoben und heute von der Prager Polizei nach ihrer Heimatgemeinde Nechanitz weitertransportiert worden.

Diese Nachricht wollte niemand, weil, wie mir erläutert wurde, sie sich mindestens sechsmal im Jahr wiederhole. Wann immer ein Musiklokal Bankrott mache oder ein Impresario durchbrenne, würden die Mädchen, mittellos und zumeist geschwängert, nach Nechanitz zurückexpediert. (Alle Damenkapellen stammen aus Nechanitz.) Für meine Kollegen war das eine abgestandene Sache, mir war es neu und schien mir mit einer Bühnenaktualität verknüpfbar.

Ungefähr ein Jahr vorher hatte der Schriftsteller Hans Müller die Liebesgeschichte einer solchen Wandermusikerin novellistisch behandelt, und der Komponist Oskar Straus fragte an, zu welchen Bedingungen er diese Geschichte zu einer Operette verwenden könne. Hans Müller hielt eine magere Abfindung in der Hand für besser als eine fette Tantieme auf dem Dach und verkaufte seine Autorenrechte für hundert Kronen. Einige Monate später wäre ihm eine tausendfach größere Tantieme zugefallen, und dabei stand der »Walzertraum« erst am Anfang seines Millionenerfolgs.

Ich leitete meine Notiz über die heute abgeschobene Damenkapelle mit einem Hinweis auf die Operette ein. Man findet das Ende im »Walzertraum« zu sentimental, schrieb ich, will sich nicht damit abfinden, daß die Heldin auf ihr Glück verzichtet, resigniert den Fiedelbogen streicht und von dannen zieht. Aber der Prager Polizei sind weit tragischere Schicksale von Wandermusikerinnen bekannt . . . Und so.

Erstaunlicherweise gab das Korrespondenzbüro die Notiz im Wortlaut aus, und die obige Einleitung wurde von den Wiener Zeitungen als ästhetische Erkenntnis und als Gefühlsausbruch der Prager Bevölkerung aufgefaßt. »Prag zweifelt an der Richtigkeit des ›Walzertraums‹! Aber die Polizei bestätigt sie.« Unter solchen Titeln stand, von Sperrungen und Fettdruck unterbrochen, mein harmloser Exkurs: »Man findet, wie aus Prag telegrafiert wird, dort das Ende der Operette 94 ›Der Walzertraum‹ zu sentimental. Wie die ›Bohemia‹ meldet, will man sich in Prag nicht damit abfinden, daß die Heldin auf ihr Glück verzichtet, resigniert den Fiedelbogen streicht und von dannen zieht. Dieser ablehnenden Auffassung über das Ende der Operette steht aber, wie das genannte Blatt selbst zugeben muß, die Tatsache entgegen, daß der Prager Polizei weit tragischere Schicksale von Wandermusikerinnen bekannt sind . . .«

Manche Börsentage waren so flau, daß eine Meldung von der Abschiebung einer Damenkapelle auch meinen Kollegen ein willkommener Happen gewesen wäre. Müßig saß man herum und fluchte um die Wette.

Allein der fromme Herr Adalbert Betzek von der »Volksgemeinde«, dem Tagesblatt der klerikalen Partei, fluchte niemals, er wehklagte nur. Er nannte sechs Kinder sein eigen, und die »Volksgemeinde«, von deren Zeilenhonorar die Familie ernährt werden sollte, verschwieg – wie übrigens damals alle katholischen Zeitungen der Welt – jede Mitteilung über Selbstmorde, weil man einem von der Religion verbotenen Akt keine Verbreitung geben, nicht zu seiner Nachahmung verlocken wollte.

So führte die Zentrumspartei im Ruhrgebiet nach dem Tode des Kanonenkönigs Friedrich Alfred Krupp eine Kampagne gegen die Sozialdemokratie. Krupp hatte sich umgebracht, als er von sozialistischer Seite beschuldigt wurde, in Capri homosexuelle Orgien zu feiern. In einem erbarmungslos naturalistischen Sonderbericht aus Capri schilderte die katholische »Germania« das Sterbezimmer Krupps: der Revolver lag neben dem Stuhl, Blut bedeckte die Diele, die Augen des Toten waren entsetzt aufgerissen – der Leser mußte glauben, die Sozialdemokratie habe Krupp erschossen, denn die Tatsache des Selbstmordes war nicht einmal angedeutet.

Über die Tragödie auf Schloß Mayerling soll der Pariser »Gaulois«, um das vatikanische Selbstmord-Nachrichtenverbot nicht zu verletzen, berichtet haben, daß man aus dem Schlafzimmer zwei Detonationen gehört und beim Eindringen 95 den Kronprinzen Rudolf von Habsburg und die Baronesse Vetsera vom Herzschlag getötet aufgefunden habe.

Hingegen verschwieg die klerikale Presse Nachrichten über Diebstahl, Raub, Meineid, Mord aus Rache oder Totschlag am Ehebrecher nicht, obwohl auch Eigentumsverbrechen, falsche Zeugenaussage, Mord und Ehebruch in den Zehn Geboten untersagt sind und gleichfalls zur Nachahmung verlocken könnten. All das druckte sie mit der gleichen Ausführlichkeit wie die profanen Zeitungen.

Deshalb lag der fromme Herr Adalbert Betzek Tag für Tag, ehe er zur Nachrichtenbörse ging, in der Maria-Schnee-Kirche auf den Knien und betete zur Mutter Gottes, sie möge eine ausgiebige Bluttat geschehen lassen oder eine Katastrophe mit vielen Todesopfern, Amen.

Aber der fromme Herr Adalbert Betzek war nicht nur fromm, er war auch zynisch, er verließ sich nicht allein auf die Hilfe der Madonna. Seine Kenntnisse vom Privatleben einiger kirchlicher Würdenträger benutzte er, um sich von ihnen Nachrichten zu beschaffen. Auch Gerüchte von bevorstehenden Veränderungen im Klerus, vom An- und Verkauf von Kirchengrund usw., die sein Blatt nicht bringen konnte, erfuhr er auf diese Weise und machte anderweitige Geschäfte damit. Auf der Börse wurde der fromme Herr Adalbert Betzek oft geneckt, daß er mit solchen Praktiken nicht in den Himmel kommen werde. Er lächelte überlegen: »Gewiß, Sankt Petrus hätte die Macht, mich abzuweisen, er hat ja eine Vertrauensstellung. Aber ist er wirklich so vertrauenswürdig? Er glaubt sicherlich, es sei schon vergessen, daß er der Peter war, der seinen Herrn dreimal verriet . . .« – »Was kann Ihnen das nützen, Herr Betzek?« – »Wenn mich der heilige Petrus zweimal abgewiesen hat, werde ich draußen krähen. Dann macht er sofort auf – an alte Geschichten sind die hohen Herrschaften nicht gerne erinnert.«

Immer wenn auf der Börse Selbstmorde oder Selbstmordversuche notiert wurden, an denen der fromme Herr Adalbert Betzek nicht teilhaben durfte, jammerte er über die Kleinmütigkeit der Generation: »Die jungen Menschen von 96 heutzutage haben keinen Glauben mehr, deshalb legen sie Hand an ihr Leben, was Christus verboten hat in seinem Testament. Hat einer kein Geld – Selbstmord; ist einer eifersüchtig – Selbstmord. Gibt es denn keine Panzerkassen mehr, die man aufbrechen kann, keine Unterschriften, die sich nachahmen lassen, kein Vitriol, um die Nebenbuhlerin beiseite zu schaffen? Ich bin gewiß der letzte, der das gutheißt . . .«

»Na, na, Herr Betzek!«

». . . Immerhin ist es doch besser, als sich umzubringen. Aber statt ein paar Monate Haft zu riskieren, ziehen es die Leute vor, für immer tot zu sein. Sie fürchten die Polizei mehr als die Strafe Gottes.«

Der fromme Herr Adalbert Betzek drehte mit seinen Fingerspitzen den Rosenkranz in seiner Westentasche und klagte dem Himmel und allen heiligen Seelen den Verfall der Zeitläufte: »Das ist keine Kunst, sich selbst totzuschlagen, da gibt's ja keine Gegenwehr. Früher haben die Menschenkinder mutigere Auswege aus ihrer Not gesucht, ohne gleich an Selbstmord zu denken. Nehmen Sie zum Beispiel die beiden Jünglinge, die die Juwelierin Gollerstepper am hellichten Tage erschlagen und den Laden seelenruhig ausgeräumt haben. Sechshundert Zeilen habe ich über sie geschrieben.«

Zärtlich streichelten seine Finger die Rosenkranzperlen: »Oder diese drei Trainsoldaten – wie hießen sie denn nur? Da hat ihnen ein Hotelier aus der Provinz unchristliche Anträge gemacht, noch dazu an einem Karfreitag, so sind sie denn mit ihm auf die Schanzen gegangen und haben ihm dort das Faschinenmesser irgendwohin hinten hineingestoßen, bis er selig im Herrn entschlafen ist. Herrgott, waren das Burschen, groß und schlank wie Zedern auf dem Libanon. Im Garnisongefängnis hat man sie gehängt, nachdem ihnen der hochwürdige Herr Divisionspfarrer Hummelhans das Heilige Abendmahl gegeben, und dann wurden sie in geweihter Erde bestattet, nicht wie die Äser von Selbstmördern. Der Herr der Heerscharen schenke ihnen Gnade am Tage des Jüngsten Gerichts, den drei armen Schächern, 97 hundertzwanzig Zeilen Borgis hat man mir allein über die Hinrichtung abgedruckt.«

Er hatte den Rosenkranz aus der Tasche gezogen und ließ ihn sanft über dem Gefild der Erinnerung baumeln. »Wie haben die drei nur geheißen?« fragte der fromme Herr Adalbert Betzek die Tafelrunde.

»Cucko, Velek und Otterstatt«, antwortete ich, »und der Ermordete hieß Gustav Wolf.«

Alle schauten auf. »Wieso wissen Sie das? Das war doch lange vor Ihrer Zeit. Haben Sie sich etwa auf Ihren Beruf vorbereitet? Sie glaubten wohl, Sie müssen bei uns eine Aufnahmeprüfung aus alten Lokalnotizen machen?«

Man lachte.

In der Tat, ein Hofmeister hatte mich eingepaukt. Mir klingt es noch heute im Ohr, was der blinde Methodius über den ermordeten Hotelier Wolf aus Franzensbad sang, der sich nur mit Männern unterhielt, »aus Schüchternheit« die Gesellschaft von Frauen mied. Seine drei Mörder aber sind Trainsoldaten:

»Zufällig ohne Chargengrad.
Cucko, Velek, Otterstatt,
Lotterhaft
Ha'm sie den Wolf erschlagen.«

Und nicht nur die Moritat an Hotelier Wolf kannte ich besser als jene, die sie seinerzeit recherchiert und beschrieben hatten, ich kannte auch andere causes célèbres. Zum Beispiel die vom Vorstadtschneider Slanecek; Frau und Söhne hatten ihn bestialisch raubgemordet und wurden nachher auf dem gleichen Galgen gehängt. Das gab dem Textlieferanten des blinden Methodius Anlaß zu herzzerreißendem Lamento, und mit den Worten »So mußte eine geachtete Familie enden« endete sein Lied.

Auch den Fall der Sankt-Wenzels-Vorschußkasse wußte ich in Versen auswendig. Die war ein klerikales Unternehmen, das infolge von Millionenunterschlagungen Bankrott machte. 98 Die Schuld traf den Bankpräsidenten, einen lebenslustigen Monsignore Drossel, und zwei andere geistliche Aufsichtsräte namens Hahn und Schwalbe, weshalb das Spottlied alle Witze herbeizog, die irgendwie mit Vögeln in Zusammenhang zu bringen waren. An diese Affäre erinnerte sich der fromme Herr Adalbert Betzek, Redaktionsmitglied einer klerikalen Zeitung, freilich nicht gerne.

Aus der Reminiszenz an goldene Zeiten zur rauhen Gegenwart erwacht, den leeren Notizblock vor sich, Rosenkranz und Fingerspitzen wieder in der Westentasche versenkt, schielte er dem Kollegen Wenzel Vilde über die Schulter, als ob er die Formulare nicht gekannt hätte, die Kollege Wenzel Vilde für jede Kategorie von Vorfällen in Bereitschaft hatte.

Kollege Wenzel Vilde war Vertreter der »Volkspolitik«, die zweimal täglich in einer Auflage von mehr als hunderttausend Exemplaren erschien und ihrem Namen zum Trotz auf Politik keinen Wert legte, um so mehr aber auf ausführliche Behandlung jedes Lokalereignisses.

Trüben Auges mußte der fromme Herr Adalbert Betzek zusehen, wie Kollege Wenzel Vilde mit gelangweiltem Gesicht einen »Schimmel« nach dem andern ausfüllte, kaum zwei Worte und zwei Ziffern einzufügen hatte und schon mit achtzehn Zeilen fertig war.

»Phosphorvergiftung. Gestern hat die im Haus Nr. . . . der . . . Straße angestellte, . . . Jahre alte Dienstmagd . . . ova in selbstmörderischer Absicht von mehreren Schachteln Streichhölzern den Phosphor abgekratzt, diesen in einem Glas Wasser aufgelöst und dieses ausgetrunken. Alsbald wurde das bedauernswerte Mädchen von großen Schmerzen gepackt und begann um Hilfe zu rufen. Die Rettungsstation erschien mit dem Chefarzt MUDr. Vladimir Kotab sofort an Ort und Stelle und veranlaßte nach erster Hilfeleistung die Überführung der Lebensmüden mittels Ambulanzwagens in das Allgemeine Krankenhaus. Das Motiv der Tat ist in unglücklicher Liebe zu suchen, die sich das besonders empfindliche Mädchen sehr zu Herzen genommen hat.« 99

Kamen mehrere solcher Vergiftungen am gleichen Tage vor, so blieb der Schluß vom »besonders empfindlichen Mädchen« nur in einer Notiz stehen, aus den anderen Formularen mußte er weggestrichen werden, was Kollege Wenzel Vilde immer sehr unwillig tat, denn er haßte jede Arbeit, wenn es sich nicht um einen Raubmord handelte.

Der fromme Herr Adalbert Betzek hatte nichts auszufüllen oder zu streichen, er schlug seinen Rosenkranz auf den Tisch: »Der Staat ist der Massenmörder! Warum verbietet er nicht einfach den Verkauf von Phosphorstreichhölzern? Um des Profits willen läßt er seine Bewohner sich umbringen.«

Er war dagegen. Er war gegen vieles, auch gegen die Brücken. Dieser ungeschützte Brückenrand sei geradezu eine Aufforderung an den Passanten, sich darüber zu schwingen, ins Wasser hinein. Warum legt man keine Drahtnetze an? Warum sperrt man nicht abends von der Gasanstalt aus alle Gasleitungen ab? Hunderte von Mädchen könnte man dadurch am Selbstmord verhindern. Gifte und Revolver sollte man nur an Leute abgeben, die von ihren Familien oder von ihrer Firma eine Bestätigung vorweisen, daß sie weder an unglücklicher Liebe leiden, noch Geld unterschlagen haben.

»Wäre es denn nicht besser, Waffen- und Giftverkauf überhaupt zu verbieten, Herr Betzek? Man kann doch nicht den Waffenverkauf nur auf Mörder beschränken?«

»Mord und Totschlag kommen sogar im Evangelium vor«, antwortete er, »dagegen kann man nichts machen.« Der fromme Herr Adalbert Betzek war nur gegen Selbstmorde, weil durch sie andere Taten, gute Lokalfälle unterblieben.

Übrigens war es ihm einmal gelungen, einen Selbstmord so zu regulieren, daß er in seinem Blatt erwähnt werden mußte. Als die Nachrichtenbörse noch in dem Stundenhotel tagte, trat ein verstörter junger Mann aus einem Zimmer und bat um Tinte und Schreibpapier. Es war klar, daß es sich um einen Lebensmüden handelte, der Abschiedsbriefe schreiben wollte. Der fromme Herr Adalbert Betzek ließ sich den Grund auseinandersetzen und sagte: »Sie haben zwar recht, aber . . .« – ». . . aber?« In dem jungen Mann blinkte ein 100 Hoffnungsstrahl auf. »Sie müssen den Selbstmord so verüben, daß Ihre Geliebte sich sagt: das ist ein Kerl! Wenn Sie sich einfach erschießen, wird das auf das Mädchen gar keinen Eindruck machen.« Der Lebensmüde fragte mit gebrochener Stimme, wie er es also tun solle.

»Gift schlucken, sich auf dem Fensterbrett erschießen und auf die Straße – nicht in den Hof – fallen lassen.« Der fromme Herr Adalbert Betzek erbot sich, das Gift aus der nächsten Apotheke zu holen. Zurückgekehrt, übergab er dem jungen Mann das Pülverchen und schärfte ihm ein, die Verpackung nach verübter Tat sichtbar auf dem Tisch liegen zu lassen. Dann segnete er ihn und verließ ihn mit den Worten: »Requiescat in pace

Der Lebensmüde schrieb, schluckte, schoß und sprang, und der fromme Herr Adalbert Betzek verfaßte eine Notiz. Sie hieß selbstverständlich nicht »Dreifacher Selbstmordversuch« wie bei den anderen, sondern »Aufsehenerregender Vorfall auf dem Wenzelsplatz«, und beschrieb nur, daß der junge Mann X. Y. in angeschossenem und vergiftetem Zustand vom Fenster des Hotels auf die Straße gefallen sei, die Aufregung der Passanten und was mit dem Verletzten geschah.

»Was geschah denn mit dem Verletzten, Herr Betzek?«

»Der Trottel wurde gerettet, Gott sei gelobt und gepriesen. Nicht einmal zielen konnte er, kaum seine Schulter hat er getroffen. Und er sprang aus dem ersten Stock, so daß er sich nur die Beine verstauchte . . . Nun, ich will nicht undankbar sein, meine dreißig Zeilen Petit habe ich in der Tasche gehabt und dem heiligen Adalbert drei Gesetze Rosenkranz gebetet – wissen Sie, für Petit-Notizen danke ich immer nur meinem Namenspatron und nicht dem Heiland.«

»Aber das Gift, Herr Betzek?«

»Was für Gift? Bin ich denn von allen Heiligen und Aposteln verlassen, daß ich für teures Geld Gift kaufe und mir noch Ungelegenheiten mache? Ein Brausepulver habe ich ihm gebracht.«

Diese Episode gab der fromme Herr Adalbert Betzek selbst oft zum besten. Dagegen bestritt er entrüstet, daß er 101 allabendlich nur deshalb zu Fuß in seine Vorstadtwohnung zurückkehre, um unterwegs Kinder zum Herunterspringen aus dem Fenster zu verlocken. »Niemals würde ich mich so versündigen«, beteuerte der fromme Herr Adalbert Betzek, »ich gehe zu Fuß, weil ich das Fahrgeld sparen will. Nur durch Gottes Fügung wurde ich zweimal Augenzeuge, wie Kinder aus dem Fenster fielen. Über den einen Sturz habe ich nicht mehr als zehn Zeilen geschrieben; über den anderen allerdings fünfundfünfzig, weil es das Töchterchen eines bischöflichen Domänenrats war und sich erschlagen hatte. Die Wege des Herrn sind wunderbar.« 102

 


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