Egon Erwin Kisch
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Egon Erwin Kisch

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Die unabsehbaren Konsequenzen

Da war eine sommersprossige kleine Beamtin aus dem Städtchen Podiebrad zum Wochenende nach Prag gekommen, um sich einmal unkontrolliert von den Bewohnern Podiebrads zu amüsieren.

Solches Amüsement fand sie im »Hippodrom«, einer Reitschule, die sich allabendlich zu einem Nachtlokal billiger Art verwandelte. Für zwanzig Heller konnte man zehn Runden reiten, drei Ritte kosteten fünfzig Heller, und ein »Quartett«, aus drei Musikanten bestehend, spielte auf. Die weiblichen Gäste, meist junge Mädchen, saßen im Herrensattel, rissen am Zaumzeug und versuchten durch Schnalzen und Hüpfen die apathischen Gäule zu kühnem Galopp aufzustacheln und sich selbst als Amazonen zu fühlen. Von den sechs Pferden stand eines hoch im Kurs, die »Bella«, ein einäugiger Brauner mit einem weißen Fleck auf der Stirn und zweien auf der Kruppe, was wie eine Entblößung aussah und zu Witzen Anlaß gab. Rings um die Arena saßen die männlichen Gäste beim Bier und ließen die Damen und deren hochrutschende Röcke Revue passieren.

In diesem berittenen Nachtlokal fand das sommersprossige Kind Podiebrads Gefallen vor den Augen eines meiner Freunde, mit dem ich gerade einkehrte. Als er sich für ein paar Stunden entfernen mußte, sollte ich mich mit der Kleinen beschäftigen, damit nicht ein anderer sie ihm entführe.

Es war nicht sehr unterhaltend, denn erstens war ich nur Aufsichtsperson, statt Interessent zu sein, und zweitens gab's mit ihr nicht viel zu reden. Dennoch mußte ich mit ihr reden, sonst wäre sie immerfort geritten und das hätte Geld gekostet, zwanzig Heller pro Ritt.

Sie merkte wohl, daß sie langweile, und bemühte sich, mein Interesse zu wecken. Aber ihre Enthüllung, daß sie beim Postamt in Podiebrad angestellt sei, reichte nicht aus, um eben 135 großen Eindruck zu machen. So fuhr sie mit vermeintlich gröberem Geschütz auf: sie verstehe auch etwas Deutsch. Höflicherweise machte ich ein Gesicht, in dem Bewunderung und Zweifel sich mengten.

Jawohl, bekräftigte sie ihre Aussage und wiederholte nochmals, daß sie etwas Deutsch verstehe, jawohl, das brauche sie auch, »für unseren Herrn Fürsten Hohenlohe kommen doch öfters Telegramme in deutscher Sprache, jawohl, zum Beispiel vorgestern kam an ihn ein Telegramm vom Kaiser in Deutschland, vierundneunzig Worte.«

»Wirklich?« fragte ich. »Was stand denn drin in dem Telegramm?«

»Ich habe es selbst aufgenommen, jawohl«, sagte sie, teils stolz darauf, daß sie mich endlich doch zu interessieren verstanden, teils stolz darauf, daß sie das kaiserliche Telegramm selbst aufgenommen hat. Das hält sie für das wichtigere Detail.

»Was stand denn drin in dem Telegramm?«

»Es war in deutscher Sprache, jawohl. Über die Prager Relaisstation ist es gekommen. Vierundneunzig Worte, die Adresse nicht mitgerechnet, alles deutsch, und ich habe keinen einzigen Fehler beim Aufnehmen gemacht, jawohl, das hat sogar der Herr Postmeister gesagt und der lobt selten, sehr selten. Kennen Sie den Herrn Postmeister Beranek in Podiebrad? Nein? Das ist ein schöner Brummbär, an allem hat er etwas auszusetzen.«

»Was stand denn drin in dem Telegramm?«

»Ausgeschimpft hat der Kaiser unsern Herrn Fürsten. Wahrscheinlich ist der Kaiser auch so ein Brummbär wie der Herr Postmeister Beranek.«

»Weshalb hat denn der Kaiser euren Herrn Fürsten ausgeschimpft?«

»Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich weiß er es selbst nicht Der Herr Postmeister Beranek schimpft ja auch manchmal den ganzen Vormittag und weiß selbst nicht, warum. Jetzt möchte ich gerne wieder reiten, bitte schön.«

Ich bewillige ihr drei Ritte. Durch Protektion beim Stallmeister verschaffe ich ihr sogar das besondere Reiterglück, 136 die kaffeebraune, einäugige, hinternnackte Bella besteigen zu dürfen. Auch für mich nehme ich drei Tickets. Vielleicht kann ich, dieweil ich wie ein Knappe ihr zur Seite dahinsprenge, doch etwas über das Telegramm erfahren.

Wir stehen in der Manege, um unsere Rosse zu besteigen.

»Wie war das Telegramm unterzeichnet?« frage ich.

Sie hat ihren rechten Fuß in Bellas Steigbügel gehoben. Das ist ein von den Zuschauern besonders erwarteter Moment. Im gegebenen Fall offenbart sich weit und breit ein blaßrotes Barchenthöschen mit weißen Rüschen. Wie aus Gefälligkeit für das Publikum zuckt Bella ein wenig, und ihre Begleiterin muß ihr auf dem linken Bein nachhüpfen, das rechte hängt hoch und sichtbarlich in der Luft.

Mich aber darf das nicht ablenken, und ich wiederhole meine Frage, wie die Depesche unterzeichnet war. Während sie die andere Hälfte der rosaroten Hose mitsamt den weißen Rüschen emporschwingt, um sich im Herrensitz zu placieren, antwortete sie: »Wilhelm Komma Imperator.«

Ihre Antwort beseitigt meinen Verdacht, daß die Geschichte vom kaiserlichen Telegramm nur erfunden sei, um mir zu imponieren. Diesen Titel hat sie kaum jemals gehört, bevor sie ihn im Telegrammtext fand, und kann auch nicht wissen, daß zwischen Wilhelm und Imperator ein Komma gehört.

Das »Quartett« der drei Blechmusikanten spielt wie immer das Pikkolo-Lied aus der »Walzertraum«-Operette. Einem Jockei gleich schlage ich die Fersen in die Weichen meines apoplektischen Gauls, auf daß er mit der temperamentvollen Bella gleiches Tempo halte. Es gelingt nicht. Deshalb gehe ich zu der Taktik über, die der Swinegel gegenüber dem Hasen anwendet, ich bringe mein Pferd zum Stehen. Nach jeder Runde muß Bella an mir vorbei, ich kann ein paar Schritte neben ihr machen und ihre Reiterin über das Telegramm ausfragen. Sie hat sich nur gemerkt, daß die Worte »unabsehbare Konsequenzen« darin standen, jawohl, keine andere Beamtin hätte das so fehlerlos aufnehmen können wie sie, das sind keine leichten Worte, nicht wahr? 137

Allerdings, »unabsehbare Konsequenzen«, dem Mund eines Kaisers entflossen, sind keine leichten Worte.

»Pikkolo, Pikkolo, tsin, tsin, tsin«, arbeitet die Musikkapelle, »Da liegt alle Weisheit drin«, und die kaffeebraune, einäugige, vorn und hinten gefleckte Bella ist weit weg von mir.

»Worauf hat sich das Telegramm bezogen?« frage ich, da wir wieder an einem Tisch beieinander sitzen. Das wisse sie nicht genau. Als sie es dem Herrn Postmeister vorlegte, habe er den Kopf geschüttelt und gebrummt: »Weiß Gott, was das für eine Geschichte ist! Sicher hat unser Fürst dem Kaiser Geld geborgt und will es jetzt zurückhaben. Und deshalb schimpft der Kaiser wie ein Rohrspatz. Man soll eben niemandem Geld pumpen.«

Jedes Wort des Telegramms wäre mir wichtig, statt dessen wiederholt das Mädchen, vierundneunzig Worte habe das Telegramm enthalten, womit ich weder positiv noch negativ etwas anfangen kann. Auch aus der Hypothese des Herrn Postmeisters Beranek, daß es sich wohl um geborgtes Geld handle, läßt sich nichts machen.

Wo wäre mehr über die Sache zu erfahren? Einen Mann, der die Depesche verschaffen konnte, wußte ich: den Vizepräsidenten der Prager Postdirektion. Er hatte den Ehrgeiz, Minister zu werden, entweder postalischer Fachminister von strengster nationaler Überparteilichkeit oder aber deutscher Landsmann-Minister mit strengster Wahrung deutscher Belange gegenüber allen anderen Nationen.

Zu diesen Behufen hielt er einerseits fachliche Vorträge über Reformen des Postwesens, andererseits heftige Brandreden gegen die Bevorzugung tschechischer Beamten im Postdienst, und brachte unserem Chefredakteur jedesmal den Wortlaut dieser Reden mit eingeklammerten Bemerkungen wie »Lebhafter Beifall«, »Zustimmung« oder dergleichen. Vor unserem Chefredakteur scharwenzelte er, weil dieser als Mitglied des Deutschen Volksrats politischen Einfluß besaß, mit den anderen Redakteuren sprach er nie, dankte kaum für ihren Gruß. 138

Ich erzählte unserem Chefredakteur von dem Telegramm. Er lächelte nachsichtig über meinen Eifer. Seinen holzfarbenen Bart bis zu den Brustwarzen streichend, fragte er mich, ob ich denn im Ernst glaube, ein Kaiser werde Staatsangelegenheiten in offenen Telegrammen behandeln. »Entweder etwas ist für die Öffentlichkeit bestimmt, dann wird es offiziell verlautbart, oder etwas ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, dann wird es nicht offen telegrafiert.«

»Aber wenn der Kaiser von ›unabsehbaren Konsequenzen‹ telegrafiert, so muß es doch wichtig sein«, wandte ich ein.

»Gewiß ist es wichtig«, sagte er, »eine Familiensache oder eine Vermögensangelegenheit, die niemanden etwas angeht.«

Darauf konnte ich nur beschämt verstummen.

»Eines müssen Sie sich für Ihr ganzes Leben merken, junger Freund, hohe Politik wird nicht so gemacht, wie sich's der kleine Moritz vorstellt.«

Der Chefredakteur äußerte das mit Nachdruck, seinen ganzen Eichenbart entlang, und ich habe mir seinen Lehrsatz gemerkt, wenn auch mit einer kleinen Variante, die ich schon nach wenigen Stunden machte, mit der Variante, das Wörtchen »nicht« aus dieser Maxime fortzulassen. Denn in diesen wenigen Stunden hatte ich erfahren, daß sich das Telegramm weder auf eine Familiensache noch auf eine Vermögensangelegenheit bezog, sondern auf hohe, ja allerhöchste Politik.

Ich hatte dem Chefredakteur schließlich doch die Erlaubnis abgerungen, in seinem Namen den Postvizepräsidenten um das Telegramm anzugehen.

»Nur damit Sie erkennen, was für ein Kindskopf Sie in der Politik sind«, sagte er. »Aber vergessen Sie nicht, dem Herrn Vizepräsidenten zu bestellen, daß ich persönlich nicht an die politische Wichtigkeit des Telegramms glaube. Ich möchte nicht auch als politischer Kindskopf dastehen.«

Ich vergaß zwar diese Bestellung, ersetzte sie jedoch durch eine andere: der Herr Chefredakteur lege den denkbar größten Wert auf das Telegramm, und der Herr Vizepräsident würde sich ihn zu besonderem Dank verpflichten, wenn etc. etc. 139

Zunächst verhörte mich der Postvizepräsident, ob außer dem Chefredakteur jemand von meinem Besuch bei ihm wisse, und ob ich im Gebäude von jemandem gesehen worden sei. Erst nachdem er darüber beruhigt war, verabredete er sich mit mir für zwei Uhr in seiner Wohnung. Dort diktierte er mir folgenden knappen Satz: »Kaiser Wilhelm hat beim Fürsten Hohenlohe in Podiebrad gegen eine ohne seine Erlaubnis in den Journalen erfolgte Veröffentlichung telegrafisch protestiert und sie als grobe Taktlosigkeit bezeichnet.«

Wo die grobe Taktlosigkeit verübt wurde, war dem Telegramm nicht zu entnehmen gewesen; weil aber Veröffentlichungen gewöhnlich durch die Presse erfolgen, hatte der Postvizepräsident, wie sich bald herausstellte, die Worte »in den Journalen« hinzugefügt.

Es handelte sich keineswegs um einen Zeitungsartikel, sondern um eine auf dem Büchermarkt angekündigte Aktenpublikation, die politische Hinterlassenschaft des verstorbenen Reichskanzlers Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst; die Dokumente waren vom jüngeren Sohn des Kanzlers, dem Prinzen Alexander Hohenlohe, in Gemeinschaft mit dem Straßburger Historiker Friedrich Curtius für den Druck bearbeitet worden. Diese Publikation war es, die den Grimm Wilhelms II. erregte und ihn beim Chef des Hohenloheschen Hauses so heftige Klage führen ließ.

Ich aber wußte noch mehr, ich wußte, daß das Telegramm auch von »unabsehbaren Konsequenzen« gesprochen hatte, und fügte sie der Nachricht an, die in unserem Abendblatt vom 8. Oktober 1906 erschien.

Was für Konsequenzen konnten das sein, die der geschworene Gottesstreiter gegen alle Schwarzseher als unabsehbar bezeichnete? Auf diese Frage versuchten am Tag, nach dem das sommersprossige Mädchen aus Podiebrad mir diese beiden schwierigen Worte vom Rücken Bellas zugerufen hatte, die Regierungen und Zeitungen von London, St. Petersburg und Paris eine Antwort zu finden.

Ursprünglich hatte die Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart für die Hohenloheschen Memoiren eine Auflage von tausend 140 Exemplaren vorgesehen. Auf Grund unserer Veröffentlichung kamen Bestellungen aus aller Welt, ein amerikanischer Buchhandlungskonzern kabelte um zweitausend Exemplare. Drei Druckereien waren beschäftigt, der beispiellosen Nachfrage gerecht zu werden, ganze Kapitel wurden an die Auslandspresse telegrafiert. Schwarz auf weiß erfuhr die Welt, welche Gefahr Kaiser Wilhelm für den Weltfrieden darstellte, wie schnell und restlos er die Bismarcksche Annäherung an das Zarenreich zu liquidieren beabsichtigte. Ein Krieg schien unvermeidlich.

In der französischen Kammer forderte der Abgeordnete Clemenceau die sofortige Erhöhung des Heeresbudgets mit dem Ausruf: »Contre les unabsehbare Konsequenzen!« Das House of Commons verlangte, gegen den Dreibund einen Gegendreibund zu schließen, die Stunde sei gekommen, die vieldiskutierte Tripelalliance endlich wahrzumachen. Von der Regierung des Zaren wurde die englische Firma Armstrong mit der Lieferung von Panzerplatten für vier moderne Schlachtschiffe betraut; in der Dumasitzung schwangen Abgeordnete den Union Jack und die französische Trikolore: »Dasdrastwujet Antant-Kordial – es lebe die Entente Cordiale!«

Ich begegnete meinem Freund, für den ich im »Hippodrom« den Platzhalter gemacht. Er entschuldigte sich, mir die Kleine aufgehalst zu haben. »Du mußt dich ja schön gelangweilt haben. Ich wußte nicht, was für eine dumme Gans das ist.«

Dumme Gans? Die Außenministerien der Großmächte urteilten ganz anders. Downing Street hielt sie für einen Diplomaten von pazifistischer Prägung. Der Quai d'Orsay zählte sie zu jenen Schichten der preußischen Beamtenaristokratie, die treu zur Bismarckschen Politik stehen. Näher der Wahrheit kam der Wiener Ballhausplatz: er vermutete eine Indiskretion aus tschechischen Beamtenkreisen. Aber wenn das »Fremdenblatt«, Organ des österreichischen Außenministeriums, eine Reinigung der böhmischen Behörden forderte, so hatte es schwerlich die Podiebrader Post im Auge, und wenn es die Aufdeckung der Angelegenheit mit allen Dessous 141 verlangte, so ahnte es nicht, daß dabei nur ein blaßrotes Barchenthöschen mit weißen Rüschen aufgedeckt werden könnte.

Die internationale Aufregung mußte entspannt werden. Deshalb erklärte die deutsche Reichsregierung in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung«, das Telegramm Seiner Majestät an den Fürsten Philipp zu Hohenlohe-Schillingsfürst sei ein reines Privattelegramm. Nur die unbefugte Veröffentlichung und tendenziöse Wiedergabe durch die »Bohemia« habe zu falschen Folgerungen im Auslande geführt. Hiermit werde, um allen Weiterungen die Spitze abzubrechen, der Wortlaut mitgeteilt: »Ich lese soeben mit Erstaunen und Entrüstung die Veröffentlichung der intimsten Privatgespräche zwischen Deinem Vater und Mir, den Abgang des Fürsten Bismarck betreffend. Wie konnte es zugehen, daß dergleichen Material der Öffentlichkeit übergeben wurde, ohne zuvor Meine Erlaubnis einzuholen? Ich muß dieses Vorgehen als im höchsten Grade taktlos, indiskret und völlig inopportun bezeichnen, da es unerhört ist, daß Vorgänge, die einen zur Zeit regierenden Souverän betreffen, ohne dessen Genehmigung veröffentlicht werden.«

»Haben Sie den offiziellen Wortlaut gesehen?« fragte mich der Chefredakteur scharf.

»Nein«, antwortete ich, denn der politische Redakteur hatte die amtliche Erklärung soeben in Satz gegeben, ohne mir etwas davon zu sagen. Was ging das auch den Lokalreporter an?

»Nichts ist darin von Ihren unabsehbaren Konsequenzen, die die ganze Welt aufregen«, wütete der Chefredakteur. »Schön stehn wir jetzt da!«

Ich holte mir den amtlichen Wortlaut aus der Setzerei. Kein Journalist und kein Leser hätte in der Textierung etwas Auffallendes bemerken, keiner an der Richtigkeit des Wortlauts zweifeln können.

Mir aber mußte etwas auffallen, ein Zweifel auftauchen, denn . . .

. . . denn so töricht auch die Behauptung des Herrn Postmeisters Beranek aus Podiebrad gewesen war, daß es sich um 142 geliehenes Geld handle, er würde sie nicht gemacht haben, wenn das Telegramm die Stelle enthalten hätte: »den Abgang des Fürsten Bismarck betreffend.«

Als mir das Podiebrader Mädchen das Geschwätz ihres Herrn Postmeisters wiederholt hatte, war mir das herzlich belanglos vorgekommen. Und nun entdeckte ich dadurch eine von der deutschen Reichsregierung vorgenommene Einfügung. Warum sollte sich nicht auch die andere, mir unwichtig erschienene Mitteilung der Kleinen als wichtig erweisen, ihre Angabe über die Zahl der Worte? Ich zählte und verglich und schrieb: »Der für die Öffentlichkeit bestimmte Wortlaut enthält einschließlich der neueingefügten, einschränkenden Wendung, ›den Abgang des Fürsten Bismarck betreffend‹, nur zweiundachtzig Worte und Interpunktionen. Dagegen bestand jene Depesche, von der wir berichteten, aus vierundneunzig Worten und Satzzeichen, ausschließlich der Adresse, einschließlich der entscheidenden und nun eliminierten Bemerkung über die ›unabsehbaren Konsequenzen‹ und« – hier blitzte das rosarote Höschen mit den weißen Rüschen in mein Manuskript – »der Unterschrift ›Wilhelm Komma Imperator‹.«

Meine Glosse entfachte ein neuerliches Furioso. »Aufgedeckte Fälschung!« schallte es aus allen Blätterwäldern, »Official Forgery!« – »Falsification commise par le gouvernement du Kaiser.«

Die deutsche Regierungspresse antwortete mit Angriffen gegen ausländische Kriegshetzer. Im Leitartikel der »Norddeutschen Allgemeinen« stand: »Die anonyme Gestalt an der Moldau schürt unter rosenroter, gegen den Krieg gerichteter Tendenz selber den Krieg, den Krieg der Anderen. Bella gerant alii. Vermummt reitet sie gegen Deutschland zu Felde, aber durch den Schlitz des Visiers erkennt man das Auge des Staatsfeindes.«

Dies lesend pfiff ich durch die Zähne. Kannten Kaiserhof und Reichsregierung die Dessous meiner Nachricht? Warum hätten sie sonst als Farbe der Tendenz gerade die Farbe der Höschen gewählt, die meine Informatorin im »Hippodrom« 143 geoffenbart? Warum gebrauchen sie statt des deutschen Wortes »Krieg« das lateinische »Bella«, den Namen des Pferdchens im »Hippodrom«? Warum sprechen sie davon, daß die Gestalt reite, warum erwähnen sie den Schlitz?

Aber diese Terminologie schien nur Zufall zu sein.

Parlamente und Leitartikel mußten weiter raten, wer der Urheber der Veröffentlichung und was seine Absicht gewesen sein mochte. Sie rieten noch immer, als bereits eine neue, eine lustige Sensation die Welt beschäftigte. Ein Berliner Schuster namens Voigt hatte in Hauptmannsuniform eine Truppenabteilung auf der Straße angehalten, sie bis in das Rathaus der Vorstadt Köpenick geführt, und sich vom Bürgermeister die Stadtkasse aushändigen lassen. Hierauf verschwand er mit dem Geld.

»Der Kaiser depeschiert,
Der Schuster kommandiert,
Und ganz Deutschland marschiert«,

singt in unserem Hof der blinde Methodius, der sonst nur Prager Lokalfälle besingt. Dieses Lied ertönt überall, in allen Sprachen.

Vom Gelächter des Auslands aufgestachelt, entwickelte die deutsche Polizei eine wahre Kriegsstrategie, um des Hauptmanns von Köpenick habhaft zu werden. Dabei wurden aber die Nachforschungen nach dem Veröffentlicher der Kaiserdepesche mitnichten außer acht gelassen. Auf Wunsch des deutschen Konsulats nahm die Prager Polizei in unserer Redaktion eine Hausdurchsuchung vor; einige Manuskripte von meiner Hand wurden konfisziert und lagern wohl noch im Hohenzollernschen Hausarchiv zu Potsdam mitsamt dem Protokoll, in dem der verantwortliche Redakteur und ich, mit Berufung auf das Redaktionsgeheimnis, jede Aussage über die Quelle der Information verweigerten.

Unter denen, die herausfinden wollten, wer uns den Inhalt der Kaiserdepesche mitgeteilt, befand sich der Postvizepräsident, der uns den Inhalt der Kaiserdepesche mitgeteilt. Er war überzeugt, wir hätten sie bereits in Händen gehabt, als 144 wir sie von ihm verlangten. Wieso hätten wir sonst von den »unabsehbaren Konsequenzen« gewußt, wieso von der Unterschrift »Wilhelm Komma Imperator«, wieso die Zahl der Worte und wieso, daß der Passus über Bismarck nicht im Original enthalten war? Er befürchtete, es sei ihm eine Falle gestellt worden, um die Spur vom wahren Informator abzulenken.

Aber nicht das war es, was seiner Karriere ein Ende bereiten sollte. Durch den Einfluß unseres Chefredakteurs war er als Kandidat für die Reichsratswahl aufgestellt worden. Als jedoch die Gegenpartei enthüllte, daß er einer Tafelrunde »Die Mormonen« angehöre, deren Mitglieder ihre Ehefrauen nächteweise austauschen, trat er von der Kandidatur zurück und ging in den Ruhestand. Ich habe ihn nicht wiedergesehen, und auch die Podiebrader Postbeamtin mit ihren Sommersprossen, blaßroten Barchenthöschen und weißen Rüschen nie mehr.

Wiedergesehen habe ich aber Bella, das kaffeebraune, einäugige, vorne und hinten helle Pferd aus dem »Hippodrom«. Die unabsehbaren Konsequenzen waren eingetreten, der Weltkrieg im Gange. Bella diente bei unserer Maschinengewehrabteilung. Als ich sie erkannte, weidete sie gerade in der Nähe des Kompaniekommandos.

»Bella!« rief ich. Mit einem Ruck wandte sie den Kopf und schaute mich mit einem großen Auge und einer leeren Augenhöhle an. Erwartete sie, ich würde auf ihr in jene Zeit zurückreiten, in der sie eine lebensfrohere Last als Patronenbeschläge auf ihrem Rücken trug und die Musik zu anderem Zwecke aufspielte als zum Sturm in den Tod?

Ach, Bella, die glücklichen Nächte sind vorbei, ich kann nichts für dich tun, ich kann dir nur das alte Lied vorpfeifen.

Ich pfiff, und Bella setzte sich in Trab, zum Takt des »Pikkolo, Pikkolo, tsin, tsin, tsin« lief sie im Kreis herum, wie sie es getan, als da noch alle Weisheit drin lag. 145

 


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