Egon Erwin Kisch
Marktplatz der Sensationen
Egon Erwin Kisch

 << zurück weiter >> 

Vorträge und Theater

Den erfolgreichen Erwin ließ Egon am Leben, auch als letzterer des ersteren nicht mehr bedurfte. Beide Namen standen auf der Buchausgabe der Gedichte, die ich zwischen meinem fünfzehnten und achtzehnten Lebensjahr gereimt hatte: »Vom Blütenzweig der Jugend«, Verlag E. Pierson in Dresden, 1904.

Der Tonfall der Verse war von Heinrich Heine entlehnt, das Stoffliche von den Elf Scharfrichtern, einer Münchner Künstlergruppe. Heine ist ein Meister des Verses und die Elf Scharfrichter besaßen eine kühne Thematik, aber in den Gedichten desjenigen, der sie plünderte, findet sich von diesen Vorzügen nichts. Wenn man Erstlingswerken symptomatische Bedeutung beimißt, mußte man den Schluß ziehen, daß ein solcher Blütenzweig in der Zeit der Reife ungenießbare Früchte tragen werde.

Der Verlag E. Pierson war ein Druckkostenverlag, jedermann konnte, sofern er zweihundert Mark bezahlte, dort sein Werk erscheinen lassen. So erschien auch meines. Unter meinen Freunden aber sprengte ich aus, diesen Betrag als Honorar erhalten zu haben. Ja, ich erhöhte ihn sogar um hundert Mark. Wenn ein Verleger mich mit so hohem Geldeswert einschätzte, konnten kritische Einwände meiner Freunde nur geringe Beweiskraft haben. Man bedenke: dreihundert Mark!

Leider verstand meine Mutter nichts von Literatentricks, nicht einmal von denen eines Anfängers. In der Meinung, etwas, wofür zweihundert Mark ausgegeben worden seien, müsse sein Geld wert sein, hielt sie mit der Wahrheit nicht hinterm Berg, die Herausgabe des Buches finanziert zu haben. Und weil etwas, das noch mehr kostet, auch noch mehr wert sein müsse, erzählte sie überall, im Glauben, mein Ansehen zu steigern, sie hätte dreihundert Mark dafür bezahlt. 51

Schon frühzeitig habe ich mich der Gedichte geschämt und schäme mich ihrer noch heute. Schon frühzeitig habe ich mich geschämt, die Druckkosten bezahlt zu haben, aber ich schäme mich nicht mehr dafür. Je mehr meine Kenntnis der Literatur wuchs, desto weniger hätte ich gewagt, ein Buch zu veröffentlichen. Nur der Wunsch, das klägliche Debut wettzumachen, ermutigte mich ein zweites Buch zu veröffentlichen. Diesmal war es eine Novellensammlung »Der freche Franz«, und der Verlag Hugo Steinitz, Berlin, gab sie heraus; nach einem Jahr verkaufte er das Verlagsrecht an eine Eisenbahn-Leihbücherei weiter, die mir auf meine Anfrage mitteilte, daß sie dafür 2000 Mark bezahlt hatte. Mir sollte laut Vereinbarung mit Steinitz eine jährliche Abrechnung Honorar bringen, aber ich bekam weder Abrechnung noch Honorar.

Nach meinem Militärdienstjahr bot ich mich dem »Prager Tagblatt«, das eine Kurzgeschichte von mir veröffentlicht hatte, als Volontär an. Der Feuilletonchef, der mich empfing, trug lange, wenn auch schüttere Künstlerlocken, eine Samtjacke und eine großgetupfte Lavallière-Krawatte. Er hieß Neuhof oder Altberg, oder vielleicht hieß er Althof oder Neuberg, oder vielleicht hieß er auch ganz anders, ich habe es vergessen, wahrscheinlich, weil er sich nur »Herr Feuilletonchef« nennen ließ. Auch an der Tür seines Büros stand: »Feuilletonchef des Prager Tagblatt«.

Seines Amtes war es vor allem, aus der hauptstädtischen Presse Kulturnachrichten auszuwählen, und wenn das Idealprodukt der Journalistik, die »Frankfurter Zeitung«, eine Wiener Notiz abdruckte, die auch er für sein Blatt ausgeschnitten hatte, dann strich er stolzgebläht seine Locken. Aus den einlangenden Manuskripten suchte er täglich eines aus, das er als Feuilleton in Satz gab und schrieb biographische Notizen über Schriftsteller und Künstler, die starben oder sonstwie aktuell wurden. Am nächsten Tag fragte er alle Kollegen, ob sie seine Notiz gelesen hätten und nahm selbstzufrieden ihr Lob entgegen. Nur darunter litt er, daß nicht er, sondern der Chefredakteur Heinrich Teweles die Theaterkritiken schrieb. 52

Nachdem der Feuilletonchef mich reichlich geprüft hatte, übertrug er mir die Berichte über die allwöchentlichen Vorträge von vier Bildungsvereinen: der naturwissenschaftlichen Gesellschaft »Lotos«, des Vereins zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse, des Bundes »Frauenfortschritt« und der studentischen »Lesehalle«.

»Die Rezension der Concordia-Vorträge behalte ich natürlich mir selbst vor«, sagte er und fuhr sich schwungvoll durchs Haar. Die Concordia war der Schriftstellerverband.

So ward ich denn kritische Instanz für Vorträge über Ruinenfunde bei Edschmiadsin (mit Lichtbilder-Projektion), über Pflege des Kindes vor der Geburt (weibliche Gäste willkommen), über Metaphern im Codex Argenteus des Bischofs Ulfilas (anschließend Aussprache), über die Entdeckung der Fingerabdrücke durch Goethes Freund Purkynje (nur für Mitglieder), über die Assimilation der Kohlensäure durch das Chlorophyll der Tropenpflanzen (mit Experimenten) und über ähnliche, weder miteinander noch mit mir in Zusammenhang stehende Themen.

Wagte ich es, meinen Berichten einige Glanzlichter aufzusetzen, dann verlöschte der Feuilletonchef, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, sie erbarmungslos mit seinem Blaustift. Zweifellos strich er meine Manuskripte deshalb zusammen, weil nur in seinen Referaten Brillanten blitzen sollten, er behauptete jedoch, es geschehe meiner Langatmigkeit wegen. »Kürzer, junger Mann, kürzer.«

Deshalb, und nicht etwa, weil ich von dem Thema kein Wort verstand, beschränkte ich mich darauf, über einen Vortrag des Zivilrechtlers Josef Kohler aus Berlin zwanzig Zeilen zu schreiben. Am nächsten Tag sagte der Chefredakteur Teweles böse zu mir: »Es ist ein Zeichen von Unbildung, Geheimrat Kohler mit zwanzig Zeilen abzutun.«

In der studentischen »Lesehalle« las ein Raimund Schwarr, dessen Roman »Der Ungebärdige« kurz vorher im »Prager Tagblatt« als epochal gepriesen worden war, aus neuen Werken, und zwar stundenlang mit Pathos und bei rot abgedämpftem Licht. Ohne Rücksicht auf das begeisterte Attest in 53 unserem Blatt und ohne Rücksicht auf die Tatsache, daß der Bruder des Dichters Generaldirektor des Böhmischen Bankverbandes war, überschüttete ich ihn mit Hohn.

Tags darauf empfing mich der Feuilletonchef, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, mit einem Gesicht, als habe er eine Spinne gefrühstückt: »Sie sollen zum Chefredakteur kommen.« Von dem bekam ich eine Philippika zu hören, die noch gehässiger war als meine Kritik über Raimund Schwarr. Chefredakteur Teweles schloß mit der Lehre: »Einen solchen Ton schlägt man nur gegen die Roten an, merken Sie sich das.«

Die Roten waren die Sozialdemokraten. Von den tschechischen Parteien waren sie die einzige, die gegen die antideutschen und antijüdischen Straßendemonstrationen, gegen die Dreyfus-Hetze und gegen die Hilsner-Hetze aufgetreten war. Demnach hätte sie dem »Prager Tagblatt« sympathischer sein müssen als die anderen Parteien. Warum sollte man also einen solchen Ton nur gegen die Roten anschlagen? Warum sollte ich mir das merken?

Ich begriff nur, daß meine Position in der Redaktion nicht sehr stark sei, etwas Lobendes hatte mir Chefredakteur Teweles noch nie gesagt, getadelt hatte er mich wiederholt.

Teweles war Anhänger des humanistischen Gymnasiums und hielt alle für ungebildet, die nicht acht Jahre lang Latein und Griechisch gelernt hatten. Den Begabtesten unserer Redaktion, den jungen Karl Tschuppik, verletzte er regelmäßig mit den Worten: »Als Gewerbeschüler können Sie das natürlich nicht wissen.« Den Gerichtssaalberichterstatter Urban, der inmitten des Hilsner-Prozesses vom antisemitischen »Wiener Volksblatt« zum liberalen »Prager Tagblatt« herübergewechselt war, nannte Teweles nur »den Maurer«, – allerdings nie in Urbans Anwesenheit, was die Sage bestätigte, Urban sei ihm einmal mit proletarischen Fäusten gekommen. Einen, der absolvierter Handelsakademiker war und bei Teweles »der dumme Kohn« hieß, verjagte er aus der Redaktion in die Administration, von wo aus »der dumme Kohn« sehr bald die 54 Herrschaft über die ganze Zeitung und sich den Namen »der schlaue Keller« eroberte.

Ich, der Benjamin, hatte nur Realschulstudium und war außerdem ein leidenschaftlicher Fußballer, was nicht allein dem Chefredakteur, sondern selbst den nicht humanistisch gebildeten Kollegen als der Gipfel von Unseriosität erschien. Wer da öffentlich schreibt, muß privat Würde an den Tag legen, das galt als die Vorbedingung von Erfolg und Anerkennung. Ich habe die Würde nie erlernt, das schadete mir zeitlebens und oft erwog ich, ob ich nicht in einem Buch »Die Rolle von Vollbart und Bauch in der Gesellschaft« gegen die Würde polemisieren sollte.

Unser Chefredakteur trug übrigens weder Bauch noch Bart, er bezog seine Würde vom humanistischen Gymnasium her – auch der flachste seiner Artikel barg ein kostbares lateinisches oder gar (an Sonntagen) griechisches Zitat. Alle in der Redaktion bewunderten die Schnelligkeit seines Schreibens. »Bevor die Tinte des Titels trocken ist«, rühmten sie, »setzt er schon den Schlußpunkt hin.«

Außer seiner redaktionellen Tätigkeit entfaltete Teweles auch eine dramaturgische. Unter anderem hatte er das Drama seines Freundes Theodor Herzl »Das neue Ghetto« für die Prager Uraufführung bearbeitet, und Theodor Herzl nahm einige Tewelessche Feuilletons für die Wiener »Neue Freie Presse« an. Allerdings mußten sie mit einem Pseudonym gezeichnet sein, da der Zionistenführer Herzl einen so jüdischen Namen wie Teweles in dem liberalen deutschen Blatt nicht drucken durfte. Für Reclams Universalbibliothek vollendete Teweles das Schillersche »Demetrius«-Fragment. Dem Theater diente er mit noch größerer Leidenschaft als der Zeitung. »Ich bin bei Angelo Neumann zu erreichen«, sagte er allabendlich, wenn er die Redaktion verließ.

In der Tat war Teweles der Freund Angelo Neumanns, der seinerseits der Freund Richard Wagners gewesen war. In Prag sprach das mehr für Richard Wagner als für Angelo Neumann. Angelo Neumanns Amt, sein Äußeres und vor allem seine Ehe machten ihn zu einer mythischen Gestalt. Er war 55 Direktor der beiden deutschen Theater Prags, die in der europäischen Bühnenwelt hohes Ansehen genossen, die besten Schauspieler und Sänger deutscher Zunge waren von ihm entdeckt und gefördert worden und viele Kapellmeister und Komponisten, einschließlich Richard Wagner und Gustav Mahler.

Angelo Neumanns Direktionsloge war eine Bühne für sich. Punkt sieben Uhr abends erschien er dort, ein père noble, mit pechschwarz gefärbtem Haar und Schnurrbart, schwarzem Anzug und schwarzer Krawatte, maß aufrechtstehend, mit langanhaltendem Blick, den Zuschauerraum vom Parkett bis zur Galerie, und dann erst gab er das Zeichen, nein, die Erlaubnis zum Beginn der Vorstellung. Neben ihm saß sein Stiefsohn, ein schöner Knabe in der Kadettenuniform der Adelsakademie, der wohl kaum ahnte, daß die auf die Loge gerichteten Operngläser ihm galten und warum sie ihm galten. Bei Neuinszenierungen hatte Angelo Neumann außerdem den Chefredakteur Teweles an seiner Seite, bei den Opern den Prager Abt P. Alban Schachleitner und dessen Coadjutor Graf Galen.

Pater Alban Schachleitner führte später in Deutschland den nazifreundlichen Flügel der Katholiken und wurde deshalb nach seinem Tod in München von Hitler mit königlichen Ehren bestattet. Aber damals, als er zur Rechten des Juden Angelo Neumann sitzen durfte, durfte er es, weil er ein Musikmäzen war; in der Politik bekämpfte er damals vehement die antiliberale und antiklerikale Partei Georg von Schönerers, mit dessen Programm Adolf Hitler viele Jahre hernach zur Macht kam.

Der Geistliche neben Alban Schachleitner hatte eine interessantere Gegenwart und charaktervollere Zukunft. Graf Galen waltete als Beichtiger auf Schloß Konopischt. In Graf Galens Ohr gingen die ehrgeizigen Pläne des Erzherzogs Franz Ferdinand, und Graf Galens Lippen hielten sie verschlossen. Dieser junge Mann in der Loge kannte Europas Zukunft und seine eigene Zukunft, denn menschlichem Ermessen nach 56 mußte das Beichtkind bald Kaiser von Österreich und der Beichtvater Erzbischof von Wien werden.

Es kam anders. Nach dem Zusammenbruch Österreichs verließ Graf Galen die Prager Diözese und wurde Bischof von Münster. Ich sah ihn nicht mehr wieder, aber ich denke dankbar an ihn. Als ich 1933 seit der Nacht des Berliner Reichstagsbrandes im Spandauer Zuchthaus saß, empfing ich eines Tages meinen ersten und einzigen Besuch. Es war mein Anwalt, der mir von Bemühungen Außenstehender zu meiner Freilassung berichtete. Unter anderem habe der Bischof von Münster in einem Brief an das Polizeipräsidium erklärt, daß er mich aus seinem früheren Amtsbereich kenne und mich einer feigen Brandstiftung für unfähig halte. Das konnte Naivität sein – kam es denn den Nazis auf Schuld oder Unschuld an? – aber Graf Galen zeigte bald offener, daß er nicht naiv, sondern ein bewußter Gegner des Regimes sei. Er wandte sich zunächst gegen den Nazitheoretiker Alfred Rosenberg, später in einem Hirtenbrief gegen Hitler selbst und wurde als verhaftet erklärt. Da er sich weigerte, sein Bischofsgewand abzulegen, wagte die Polizei nicht, ihn aus dem Bischofspalast abzuführen. So unterblieb die Verhaftung, aber ein Staatsbegräbnis, wie es seinem einstigen Chef Alban Schachleitner inszeniert wurde, kann er von Hitler nicht erwarten.

Seit dem Selbstmord des Kronprinzen Rudolf war Erzherzog Franz Ferdinand österreichischer Thronfolger, aber auch Angelo Neumann war Nachfolger des Kronprinzen Rudolf, und zwar durch seine Frau, die verwitwete Gräfin Török. Sie hieß auf dem Theaterzettel »Johanna Buska« und im Privatleben »Frau Gräfin«, jedoch niemals, niemals »Frau Neumann«. Man erzählte sich, ein neuer Bühnenarbeiter sei einmal zu Angelo Neumann mit der Mitteilung gekommen: »Herr Direktor, Ihre Frau Gemahlin erwartet Sie.« – »Sie haben zu sagen: die Frau Gräfin«, korrigierte ihn Angelo Neumann, »verstehen Sie?« – »Jawohl, Herr Graf«, antwortete der eingeschüchterte Mann. .

Bevor Johanna Buska Frau Gräfin oder gar die Gattin Angelo Neumanns wurde, hatte sie zum Ensemble des Wiener 57 Burgtheaters gehört, und Kronprinz Rudolf begann, sich für die gertenschlanke Schauspielerin mit den wunderbar langen Augenwimpern und dem wunderbar langen Haar auffallend zu interessieren. Kaiser Franz Joseph, selbst mit einer Kollegin der Buska, der Hofschauspielerin Katharina Schratt, liiert, duldete so etwas nicht. Sein Sohn mußte Wien für einige Zeit verlassen, und der kaiserliche Obersthofmeister Fürst Montenuovo übermittelte dem altersschwachen ungarischen Feldmarschalleutnant Graf Török den Allerhöchsten Befehl, Fräulein Buska zu heiraten. Knapp nach der Hochzeit und noch knapper vor seinem Tode schenkte die junge Gräfin ihrem Gatten einen männlichen Leibeserben.

Jener Fürst Montenuovo, der sich mit der Liquidierung dieser und anderer Liebesaffären der Habsburgerfamilie zu befassen hatte, war ein Enkel von Maria-Louise, Kaiserin der Franzosen, aus ihrer zweiten Ehe. Als Maria-Louise an der Seite Napoleons auf dem Herrscherthron Europas saß, ahnte sie nicht, daß es dereinst das Amt ihres Enkels sein werde, Bettgeschichten von österreichischen Erzherzogen und Erzherzoginnen zu bereinigen. Noch weniger aber konnte sie voraussehen, daß sich ihr Enkel ihres Gatten schämen würde, sich schämen Napoleons!

Mit dem Fürsten Montenuovo (Montenuovo ist die Italisierung des Namens Neipperg) hatte ich als Journalist wiederholt zu tun. Vor allen Besuchen des Kaisers Franz Joseph in Böhmen fuhr der Obersthofmeister voraus, um die Räume zu inspizieren und das Zeremoniell vorzubereiten und empfing einzelne Vertreter der loyalen, das heißt der deutschen Presse, denen er über die Arrangements Auskunft gab. Bei einem meiner Interviews mit ihm schien er über meine unverfrorenen Fragen besonders belustigt zu sein, so daß ich die Frage wagte, ob in seiner Familie unbekannte Andenken an Napoleon vorhanden seien. Augenblicklich wurde sein Gesicht abweisend.

»Wir Montenuovos haben mit Bonaparte nichts zu schaffen«, sagte er langsam und in einem Ton, der ergänzend ausdrückte, daß die Montenuovos ein Fürstengeschlecht seien und 58 Bonaparte nur ein Bürgerlicher war, weshalb er eben nichts mit ihm zu schaffen haben könne.

Unleugbar zu schaffen gehabt hat Fürst Montenuovo mit der obenerwähnten Liebesgeschichte des Kronprinzen Rudolf, und er hat sie auf wohlfeile Weise bereinigt, denn Frau Buska und ihr Sohn erbten die Generalspension, die nicht aus der Privatschatulle der Habsburger, sondern vom Militärärar ausbezahlt wurde. Johanna Buska durfte sich Frau Gräfin nennen, auch nachdem sie Angelo Neumann geheiratet. Ihr Sohn war Graf. Und wenn sich im Prager Theater alle Operngucker in die Direktionsloge bohrten, so geschah es immer wieder um der Feststellung willen, der Junge sei dem Kronprinzen Rudolf wie aus dem Gesicht geschnitten.

Bei der Mutter des Knaben hingegen wollte man Ähnlichkeiten mit der Baronesse Vetsera entdecken, die ihre Nachfolgerin im Herzen des Kronprinzen geworden und mit ihm in den Tod gegangen war. Wie weinten die Fenster, wenn der blinde Methodius in unserem Hof von der Tragödie auf Schloß Mayerling sang!

Johanna Buskas Bühnenehrgeiz war durch ihre Romanze mit dem jungen Kronprinzen nicht erloschen. Auch nicht durch ihre Ehe mit dem alten Feldmarschalleutnant, die allen Tempelhüterinnen Thalias in deutschen Landen als Gipfel der Karriere erschien, und sogar von Theodor Fontane in diesem Sinne behandelt wurde. Die verwitwete Gräfin heiratete den Bühnenprinzipal Angelo Neumann, um Diva zu werden, und spielte ihrem wachsenden Alter zum Trotz Mädchenrollen. Sie kopierte die Sarah Bernhard, im »Hamlet« trat sie jedoch nicht als Hamlet, sondern als Ophelia auf, weil sie in der Wahnsinnsszene ihr langes Haar aufgelöst und mit Blumen geschmückt zeigen konnte. In einer Pantomime »Rund um Wien«, die ihretwegen nie aus dem Repertoire verschwand, stellte sie ein Mädchen dar, das aus der Donau gefischt wird, und dessen Haar bei Rettern und Neugierigen Bewunderung erweckt.

Das Theater und alles, was dazu gehört, war in jener Zeit, da es keinen Film, kein Radio, kein Auto, keinen Massensport, 59 keine Weekendausflüge gab, Monopol und Gipfel des gesellschaftlichen Lebens. Deshalb versuchten die Zeitungen vor allem durch die Theaterkritik einander zu übertreffen, nicht nur was die Qualität, sondern auch was die Quantität anlangt. Langstreckenmeister der Kritik war Professor Alfred Klar, dessen Rezension über einen neueinstudierten »Don Carlos« drei Tage lang in Fortsetzungen die Spalten der Zeitung füllte; auf Grund dieses Rekords wurde Professor Klar an die »Vossische Zeitung« nach Berlin berufen.

Eine so heilige Sache wie die Unabhängigkeit der Theaterkritik konnte keineswegs als gewahrt gelten, wenn der Kritiker des »Prager Tagblatt« gleichzeitig der Freund des Theaterdirektors war. »Ich danke Gott, daß ich nicht bin wie jener«, beteuerte der Kritiker des Konkurrenzblattes »Bohemia« und Nachfolger des Professors Alfred Klar, Herr Doktor Dykschy, indem er seine Meinungsfreiheit durch schärfsten Tadel der Vorstellungen und insbesondere der Johanna Buska kundtat. Anläßlich einer Aufführung von »Minna von Barnhelm«, des hundertfünfzig Jahre alten Lustspiels, leistete er sich den »Witz«, Frau Buska habe die Titelrolle schon bei der Uraufführung gespielt.

Heinrich Teweles ließ sich nicht beirren. Nach wie vor zeigte er sich in der Direktionsloge, lobte unentwegt Repertoire und Aufführung, insbesondere Frau Buska. Nach Angelo Neumanns Tod übernahm er selbst für einige Zeit die Theaterdirektion und wurde später wieder Freund seines Nachfolgers und wieder Kritiker und hob wieder alles in den Himmel. Nur als 1924 meine Komödie »Die gestohlene Stadt« gespielt wurde, griff er sie, die doch ein heimisches Thema und einen heimischen Autor hatte, in einem Ton an . . . just in dem Ton, den er mir achtzehn Jahre vorher nur gegen die Roten bewilligt hatte.

Sein Tadel von 1906 hatte mich schwerer getroffen, mich nahe an den Entschluß getrieben, das Schreiben an den Nagel zu hängen. Auf jeden Fall wollte ich das »Prager Tagblatt« verlassen, wo meine beiden Vorgesetzten, der Chefredakteur Teweles und der Feuilletonchef, an dessen Namen ich mich 60 nicht mehr erinnere, mir offenkundig nicht wohlgesinnt waren. Ich bewarb mich bei der »Bohemia« um eine Stellung, bekam aber keine Antwort.

Allnachmittäglich saß ich mit der Prager Literatur im Café Central. Hätte ich damals unseren Stammtisch als die Prager Literatur bezeichnet, so wäre ich schön verlacht worden. Anerkannt als die Prager Literatur waren jene Dichter, die niemals in einem zweisprachigen Café verkehrten, sondern nur im deutschen Café Continental oder im Deutschen Casino, und für die der langhaarige Frauenarzt Dr. Hugo Salus der Dichterfürst war.

Die Ablehnung des nationalen Sektierertums und der führenden Kunstclique einte die junge Generation, so uneinig sie auch in ihren literarischen Richtungen war, der satirische Dämoniker Paul Leppin, der katholische Neoromantiker René (später Rainer) Maria Rilke, der ethische Erotiker Max Brod, der mystische Realist Franz Kafka, der philosophische Bibliothekar Hugo Bergmann. Gegen Hugo Salus hatte einer von uns den Zweizeiler verfaßt:

Hugo Salus ist ein Gebu-
Rts-Helfer und Poet dazu.

Eines Nachmittags war die literarische Debatte im Café Central besonders heiß.

Es ging um die Poesie. Rilke sprach wie immer erregt auf uns ein; seine langen Hände flatterten wie Tauben auf uns zu. »Ich habe die Formel gefunden: Poesie ist Liebe, und Liebe ist Gottesglaube.«

Ärgerlich stülpte der halb taubstumme tschechische Essayist Antonin Macek seine Hand, die bisher wie ein Hörrohr sein Ohr verlängert hatte, als Sprachrohr auf den Mund und schrie unartikuliert: »Welcher Gottesglaube? Sie als Katholik können doch nicht das Heidentum der griechischen Tragiker, den Mohamedanismus von Tausendundeiner Nacht, den Protestantismus der deutschen und englischen Dichter . . . Sie dürfen das doch nicht Gottesglaube nennen, Sie nicht, René!« 61

Ich warf die Namen Oscar Wilde und Anatole France, die uns damals Ideale waren, als Beispiele ungläubiger Dichter ins Gespräch.

Rilkes Tauben hoben sich hoch, um auf uns herabzufliegen, aber ehe ihre Botschaft uns erreichte, klopfte mir jemand auf die Schulter. Es war ein alter Redakteur der »Bohemia«, bei Gästen und Kellnern des Café Central unbeliebt, weil er aus den aufliegenden Zeitungen Notizen ausschnitt oder gar Seiten herausriß.

Ich stand auf und wandte mich zu dem Redakteur. Er habe mir zu bestellen, sagte er, daß ab Anfang April eine Stellung in der Redaktion frei sei.

»Das ist sehr schön«, antwortete ich, »ich nehme sie an.«

»Nicht so stürmisch, junger Mann, Sie wissen ja noch gar nicht, um welche Art von Arbeit es sich handelt. Es ist die Stelle des Herrn Melzer, unseres Spezialisten in Mordfällen . . .«

Hinter mir flatterten Rilkes Tauben mit der Botschaft, daß aus dem Haß niemals Poesie entströmen kann und daß der Katholizismus alles umfaßt, was andere Religionen an Liebe enthalten.

»Ich könnte den Posten sofort antreten«, sagte ich zu dem Redakteur.

Er schien das nicht erwartet zu haben. »Herr Melzer war unser Lokalreporter, wissen Sie das?«

Der halb taubstumme Antonin Macek stöhnte: »Shakespeare sprüht überall Haß, und die Bibel ist ein Buch der Rache, wissen Sie das, René?«

»Ja«, antwortete ich dem Redakteur, »ich weiß das. Ich komme noch heute in die Redaktion, um mich vorzustellen.«

Sicherlich hätte ich auch angenommen, wenn man mir eine Stellung in der Handelsrubrik oder im Sportteil, als Leitartikler oder als Kunstkritiker angeboten hätte. Wäre dann mein Leben anders verlaufen?

Nun, wohin immer mich der Zufall hingesetzt, der Sitz wäre jedenfalls sehr bald ein Auslug geworden, dafür hätte die heftigste meiner Eigenschaften gesorgt: die Neugierde. Wie 62 andere Menschen bei etwas Bedrohlichem aus dem Traum aufschrecken, so erwache ich, weil ich nicht weiß, wer jene Person im Hintergrund des Traumes ist. Ich kann in keiner Straßenbahn fahren, ohne herauskriegen zu wollen, welches Buch der Herr in der entgegengesetzten Ecke liest. Ich verfolge ein Paar durch mehrere Straßen, um zu erfahren, welche Sprache sie sprechen. Ich gaffe in fremde Fenster, ich lese alle Wohnungsschilder in dem Haus, in dem ich zu Besuch bin, ich durchforsche Friedhöfe nach vertrauten Namen. Gleichgültige Menschen frage ich über ihr Leben aus. Ungewöhnliche Straßenbezeichnungen zwingen mich, zu ergründen, warum sie so lauten. Jede Rumpelkammer und jeden Stoß alter Papiere möchte ich durchsuchen, jedes »Eintritt verboten« lockt mich zum Eintritt, jede Geheimhaltung zur Nachforschung.

Diese Kuriosität ist nicht nur kurios, sondern auch beschämend, und ich würde mich wohl kaum so unverblümt zu ihr bekennen, wenn sie mir nicht dazu verholfen hätte, sie auch bei Dante zu entdecken.

Dantes Neugierde ist stärker als sein Grauen darüber, daß er vorbeiziehen muß an allem, was, vom Plusquamperfekt bis zum Präsens der Menschheit, je gelebt und gesündigt hat, oder als lebendig und sündig gedacht war, an den Monstren der Mythologie, der Theologie und der Geschichte und an allen unausdenkbaren Arten der Marter.

Fleht er etwa seinen Geleitsmann an, in der Durchwanderung und Erörterung innezuhalten? Nichts davon findet sich in den Gesängen der Göttlichen Komödie, und ebensowenig steht geschrieben, daß er eine solche Bitte unterläßt. Deshalb ist den Forschern, die sich nur an das Geschriebene halten und das Fehlende übersehen, deshalb, sage ich, ist ihnen entgangen, daß Dante den Gang durch die Hölle nicht unausgesetzt als Höllenqual empfindet und daß seine Neugierde das Maß seines Mitleidens übersteigt. Wo Virgil ihm ein Detail ersparen, wo Virgil an einem Verdammten wortlos vorübereilen, wo Virgil ermüden will – Dante will kein Detail erspart haben, Dante will nirgends wortlos vorübereilen, Dante will nie ermüdet sein. 63

Angesichts der schreienden Menge jener, die wegen ihrer Parteilosigkeit, ihrer Lauheit nicht einmal durchs Höllentor eingelassen werden, forscht Dante, wer sie seien, und gleich darauf erbittet er Auskunft über das Wer, Wie und Warum der Schatten am Acheron. Er möge sich nur gedulden, antwortet ihm sein Begleiter in solcher Weise, daß Dante eingestandenermaßen seine Blicke beschämt senkt und sich weiterer Worte enthalten will. Freilich wirkt sein Vorsatz nur bis zum Höllendistrikt der Seelen aus vorchristlicher Zeit. Virgil, der in diesen Bannkreis gehört, ist besonders erregt, aber Dante nimmt keine Rücksicht darauf und fragt ihn nach Strich und Faden aus.

Bei jeder Gelegenheit versucht er Interviews zu machen. »So wirksam war mein anteilvolles Rufen«, rühmt er sich seiner Tüchtigkeit, daß ein Jüngling und eine Frau sich aus dem Wirbel einer schwarzen Windsbraut lösen, um ihm Rede zu stehen. Dante hat an ihrer Darstellung nicht genug, er unterbricht sie mit einer indiskreten erotischen Detailfrage. Nun erst läßt sich die Frau, Francesca di Rimini, mit dem ausdrücklichen Hinweis auf Dantes »so entschiedenes Verlangen«, zu der Enthüllung herbei, wie ihr Ehebruch geschah und gestaltet dadurch das Interview zum berühmtesten der Weltliteratur.

Manche der Verdammten verhalten sich so, wie Strafgefangene einem Berichterstatter gegenüber sich gewöhnlich verhalten: sie schließen eine knurrig-kurze Auskunft mit den Worten: »Mehr red' ich nicht, noch geb' ich weiter Antwort«, oder sie versuchen ihr Gesicht zu verbergen. Manche antworten barsch: »Was geht's dich an, wie ich heiße«, manche fauchen: »Was bist du so neugierig . . ., wer heißt dich, so in uns dich zu bespiegeln!«

Das ficht Dante nicht an. Mit allen Mitteln entlockt er Informationen, manchen verspricht er, er werde für ihre Rechtfertigung eintreten, in der Oberwelt für sie Stimmung machen. Solche, die gerade das vermeiden wollen, läßt er in dem Glauben, auch er sei nur ein Schatten, der nicht auf die Erde zurückkehren könne. Ein andermal greift er zum Mittel des 64 Nachrichtenaustauschs, erklärt sich bereit, von der Welt der Lebenden zu berichten, unter der Bedingung, daß die Höllengefangenen über sich aussagen. Nicht einmal davor schreckt er zurück, eine im See eingefrorene Gestalt an den Haaren zu packen, ihr ganze Büschel auszureißen und sie mit weiteren Gewalttaten zu bedrohen, falls sie ihm ihren Namen nicht nenne.

Noch mehr liegt ihm daran, Odysseus zum Sprechen zu bringen; dem fühlt er sich verwandt, »weil nichts vermochte, jenen Trieb in ihm zu dämpfen, der ihn die Welt, die Tugenden und Laster der Menschen stets weiter zu erkunden hieß . . .« Aber Dante ist nicht konsequent: gegen Eva zeigt er sich gehässig, weil sie, kaum geschaffen, es nicht ertrug, daß ihr etwas verhüllt bleibe. Er fühlt nicht, wie sehr er ihr Enkel ist. Er fühlt nur seine Pflicht und Neigung als Korrespondent: »Bedenkst du, Leser, welch peinliches Begehren mehr zu vernehmen du empfändest, bräch' ich hier plötzlich ab, was ich begonnen habe, so wirst du selbst erkennen, welch Verlangen ich zu erfahren trug, wer diese seien, seit offenbar sie meinem Blick geworden.«

Auf Lokalnachrichten aus Florenz ist Dante besonders scharf. Allenorts erkundigt er sich, ob Landsleute da seien und fragt sie nach ihrem Kriminalfall aus. Die Prominentenliste, das »Unter den Anwesenden bemerkte man« scheint in Dante ihren Urheber zu haben: »Sag' mir, ob unter denen, die dort wandeln, du welche siehst, die des Bemerkens wert sind, denn darauf nur ist jetzt mein Sinn gerichtet.« Einige Insassen von Plutos Kerkerparzelle kommen dem Dante – zumindest behauptet er das – bekannt vor, aber der Führer weist Dantes Irrtum brüsk zurück: hier seien alle so verwandelt, daß jegliches Erkennen unmöglich wäre. An den Grüften erlaubt Virgil dem Dante nur unter der Bedingung, daß er sich kurz fasse, mit einem Begrabenen zu reden: »Gezählt sei'n deine Worte!«

Was, von einem anderen ausgesprochen, wie ein Sakrileg an Dante gelten würde, Dante selbst gibt es ungeniert zu: daß er den Wunsch habe, einer Peinigung beizuwohnen: 65

Ich sagte: Meister, sehr wär' ich begierig,
Zu seh'n, wie man ihn taucht in diese Brühe . . .

Wohl verdient der in die Brühe zu Tauchende diese Mitleidslosigkeit ganz besonders, und Virgil ist mit ihr einverstanden; dennoch klingt in seiner Antwort Ironie mit:

. . . Noch eh' die andere Küste
Sich dir gezeigt, wirst du befriedigt werden.
Die Lust, die du begehrst, sollst du genießen!

Einmal reißt dem Virgil die Geduld und er beschuldigt Dante niedriger Gesinnung, weil er sich von dem Gezänke zweier Verräter nicht loszureißen vermag.

Aber kehren wir auf die Erde zurück. Uns kommt es nicht darauf an, Dante die Neugierde eines Reporters zu unterschieben, sondern darauf, daß ein Reporter durch den Hinweis auf Dantes Neugierde den Mut findet, sich zu der seinen zu bekennen.

Ohne Zweifel bot die Lokalrubrik meiner Neugierde einen Tummelplatz, wenngleich keine Befriedigung auf Lebensdauer. Dagegen ist mein Nachfolger im Vortragsreferat bis heute auf dem Posten geblieben.

Dieser mein Nachfolger war ein junger Mann, der bis dahin für eine Pilsner Zeitung »Prager Briefe« schrieb und gleich mir die Vorträge besuchte. Wiederholt waren wir beide fast das einzige Publikum im Saal, saßen immer nebeneinander, diskutierten den Vortrag, halfen einander mit unseren Notizen aus. Er war der Sohn eines Pilsner Beamten, hatte klassische Philologie studiert, aber das Gebiet schien ihm zu eng, er wollte über alles schreiben, was Menschen bereits durchdacht hatten. Nur eine einzige Reise wollte er machen: zu der Stätte, wo Karthago einst gestanden. Wenn ich ihn in seinem Zimmerchen auf dem Franzenskai besuchte und die Aussicht pries, sagte er: »Ich sehe nur Karthago.«

Die Vortragsreferate füllten seine »Prager Briefe« nach Pilsen aus, er war glücklich, darüber berichten zu können, 66 was ein Fachmann dem Auditorium unterbreitet hatte. An ihn, den Vortragenden, waren seine »Prager Briefe« eigentlich gerichtet, und es schmerzte ihn, daß sie den Adressaten und dessen Fachkollegen fast nie erreichten. Ich hingegen schien ihm beneidenswert, denn ich schrieb für ein großes Blatt der Hauptstadt, wenn diese auch nur eine Provinzhauptstadt war. Da wir Freunde waren, vermieden wir es, über die ungerechte Verteilung der journalistischen Wirkungsbereiche viel zu sprechen, wir sprachen lieber von anderem.

So sehr schwärmte mein Freund von Karthago, daß ich ihm vorschlug; unsere Urlaubsreise dorthin zu machen. Er lachte nur: »Fahr' nicht hin, du würdest schön enttäuscht sein. Nichts ist dort als Schutt und Geröll.«

»Weshalb also willst du hinfahren?«

»Eben weil dort gar nichts zu sehen ist. Nichts wird mich stören, wenn ich der Dido begegne, wie sie mit dem Riemen aus einer Ochsenhaut den Bezirk umspannt. Ungestört werde ich zusehen, wie Baal Kinder verschlingt. Nichts wird mich abhalten, an Hannibal heranzutreten und an seine punischen Krieger mitsamt den Kriegselefanten, und an Scipio Africanus, der die Stadt in Stücke schlägt. Weil dort alles öde und leer ist, kann ich die ganze Herrlichkeit genießen.«

Als ich den Posten bei der »Bohemia« annahm, war mein Freund der erste, dem ich das anvertraute. Er konnte es nicht fassen, daß ich das Vortragsreferat gegen das Niederschreiben von Lokalnotizen eintauschen wolle. Noch erstaunter aber war er, als ich ihm riet, sich um meine Stellung beim »Prager Tagblatt« zu bewerben.

»Nein«, sagte er, »wozu sich in Hoffnungen wiegen und hinterher durch die Ablehnung enttäuscht werden?« Ich entwickelte ihm einen Plan: ich würde einen Demissionsbrief abschicken, und er möge am gleichen Tage beim »Prager Tagblatt« wie zufällig nach einer Arbeit fragen. Mein Brief würde psychologisch vorbereiten, daß ein guterzogener junger Mann aus altösterreichischer Beamtenfamilie wohl aufgenommen werde. 67

Er schwieg lange und sah mich dankbar an. »Sollte ich die Stellung wirklich bekommen«, sagte er schließlich, »so würde ich mich nur als deinen Platzhalter betrachten.«

Drei Tage später erschien mein Freund bei Chefredakteur Teweles, und dieser, der die klassischen Philologen liebte, engagierte ihn, die Vorträge zu besprechen.

Er bespricht sie noch heute, wohnt im gleichen Zimmer am Franzenskai und träumt von einer zukünftigen Karthagoreise. Wann immer und wo immer ich in den letzten dreißig Jahren nach Prag kam, besuchte ich ihn. Seine erste Frage war immer, ob ich gekommen sei, um meine alte Stellung anzutreten. Erst wenn ich ihn darüber beruhigt hatte, gab er sich uneingeschränkt seiner Freude des Wiedersehens hin. Stundenlang gingen wir einst durch die Nacht, und er erzählte begeistert von der bunten Vielfalt der Vortragsthemen, über die er in der Zeit meiner Abwesenheit berichtet. Manchmal unterbrach er sich erschreckt: »Um Gottes Willen, mach' ich dir nicht Lust zur Rückkehr?« 68

 


 << zurück weiter >>