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25.

Als des Böswirts Leiche und sein lebendiger Enkel zu den Ihrigen gebracht wurden, war der Schmerz groß und groß war auch die Freude. Zur Ehre des Menschengeschlechts sei's gesagt: der Schmerz war weit größer denn die Freude. Aber der Schmerz ward begraben und lebte nur als herzinnige Trauer noch eine Zeitlang fort; die Freude blieb und führte über den leeren Platz des Geschiedenen die Fülle tatkräftigen Lebens.

Nur mit innerlicher Beschämung dachte Ursula der Gedanken, welche sie am letzten Lebenstag ihres Vaters in seiner Abwesenheit heimgesucht hatten, und betete manches inbrünstige Ave sich selbst zur Buße, ihrem Hingeschiedenen zur ewigen Ruhe. Nun sah sie's ja alle Tage vor Augen und griff es mit liebenden Händen, das lebendige Zeugnis seiner freiwilligen Zustimmung, seines letzten Willens.

Der Bader-Wastl begriff nun, was des Böswirts Reden hatten bedeuten wollen; denn, wenn er selber den Buben der Urschi ins Haus brachte, dann war es ihr ja ebenso unmöglich als überflüssig, ihn erst aufzusuchen. Der glückliche Jürgel verstand nun das Unverständliche, warum der alte Schory ihm seinen Enkel, den er ja so gut wie seine eigenen Kinder kannte, aus dem Gesicht geleugnet hatte; denn es war auf eine Überraschung abgesehen, darin er und besonders in der Wirkung auf den Florian, der das bißchen Fopperei schon verdient hatte, nicht gestört werden wollte. Der rote Broz von Haching aber lachte die anderen hochfahrend aus, denn der Böswirt habe ihn schon tags zuvor ins Vertrauen gezogen und ihm seinen Plan bezüglich des Florian aufs ausdrücklichste mitgeteilt, freilich mit so aufgeregten Worten und Gebärden, daß man schon damals hätte glauben sollen, der Schlag wollt' ihn auf der Stelle treffen.

Der kleine Alysi mußte die Geschichte seiner Heimfahrt in das Dorf der Geburt ein übers andere Mal erzählen. Er vermeldete, wie ihm der Großvater zuerst eine große Ohrfeige gegeben habe, dann aber freundlicher mit ihm gewesen sei. Zuerst müsse er einen bösen Traum gehabt haben, denn das Röcheln und Stöhnen sei gar schaurig und ohn' Ende gewesen. Nachdem er aber zum zweitenmal eingeschlafen sei, habe er nur ganz leise geschnauft. Auf einmal hab' er sich dann so viel fürchten müssen, obwohl er nicht gewußt warum; doch sei er deswegen so weit als möglich vom Großvater weg und so nah als möglich zum Gaul gerückt. Was aber am meisten in seiner Erzählung so gefiel als verwunderte, das war die Versicherung des Kleinen, daß der alte Schory nur aufgewacht sei, um das heilige Kreuz zu schlagen und dann sogleich wieder einzuschlafen. Der Pfarrer des Dorfes brachte mit diesem Motiv in seiner Grabrede aller Augen zu Tränen der Rührung, und er erflehte sich laut für den Unglücksfall eines unvorhergesehenen plötzlichen Todes einen gleichen Hilfstoß der unergründlichen Barmherzigkeit.

So war denn alle Welt von der gutwilligen Großmut, der augenscheinlichen Nachgiebigkeit des Verstorbenen in tiefster Seele überzeugt. Einige feine Beobachter auf dem Dorfe wollten indessen die Bemerkung gemacht haben, der Florian, der freilich durch seine Krankheit um den unmittelbaren Zauber des überraschenden Faktums gekommen war, schiene in undankbarer Verstocktheit nicht so recht an die allen übrigen sonnenklar einleuchtende Sinnesänderung seines seligen Schwiegervaters zu glauben. Indessen hat er sich selbst nie in ähnlicher Weise oder überhaupt bei allen den erstaunlichen Erzählungen über des Böswirts Leichenfahrt anders geäußert als: »Der Mensch denkt und Gott lenkt!«

Der rote Broz von Haching wollte ihm einmal auf diese Redensart etwas sagen, »Weißt, was im betreffenden Fall das – Lenken anbelangt –« aber er besann sich sogleich und schwieg und lächelte nur so vor sich hin.

Sobald es die Trauerzeit um den Verstorbenen gestattete, führte Florian seine vielgetreue vielgeliebte Urschi zum Altar. Wahrend der ehelichen Feierlichkeiten schüttete sich ein rechter Wolkenbruch übers Land aus. Trotzdem war das ganze Dorf und die nächste Umgebung auf den Beinen und die ältesten Leute versicherten den triefenden Nachbarn, solch ein heftiges Regnen während der Trauung sei ein gar gutes Zeichen und bedeute jedesmal eine lange glückliche Ehe.

 

Ende.

 


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