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11.

Florian schritt schnell und rüstig seine Straße. Die Sonne war gesunken und es dunkelte immer mehr, aber er merkte es nicht. Zuweilen kam es ihm in den Sinn, als müsse er doch traurig sein nach dem Abschied, aber es gelang ihm nicht, denn sein Herz war durch und durch von Freudigkeit getränkt, und als es ganz finster geworden, ward's ihm erst recht wohlig zu Mut. Da konnte er mit offenen Augen von der schonen Urschi träumen, ohne durch Begegnendes gestört zu werden. So ging er bald schweigend, bald singend die ganze Nacht durch, und als es wieder anfing hell zu werden, da ward es auch in der Seele des Rekruten klar, daß er in seines alten Herrn Kind aus allen Seelen- und Leibeskräften verliebt sei.

Diese Beobachtung war gewiß so richtig, als sie redlich angestellt war, und in den ersten Tagen, ja Wochen nach dem Wiedersehen auf der Landstraße trieb der frische Schößling im Herzen des Rekruten grün und lustig weiter.

Aber der Mensch denkt und Gott lenkt, und besonders beim Militär.

»Einundzwanzig – zweiundzwanzig! Einundzwanzig – zweiundzwanzig! Willst den Bauch einziehen, Bauernfünfer, sakramentischer, oder ich hau' dir den Kolben ins Genick! Brust heraus! Kopf in die Höh'!« Und so weiter mit Grazie in infinitum bei einer Hitze von dreiundzwanzig Grad im Schatten, daneben man aber im schönen Sonnenschein exerziert. Da vergingen dem Florian die Schmerzen zärtlicher Heimatsgefühle, und wenn dann in irgend einem kühlen Winkelchen eine Maß unverfälschten braunen Bieres lockte oder dort in einem schattigen Hausflur eine blühende Herrschaftsköchin, eine sorgfältig geputzte Kammerjungfer den fast erschöpften Füsilier erwartete, war es ein Wunder, wenn der in Dressur nach Luft schnappende Sohn der Natur sich gefesselt fand? Er, der noch in dem Alter blühte, wo man bei aller Schinderei und Plackerei nach keine Sorgen hat, sondern nur Schweiß und Durst, Flüche und gute Laune, und einen nagenden unverwüstlichen Hunger! Die Urschi war vergessen. Wenn er auch noch hie und da beim Abendläuten sich ihrer erinnert haben mag, wenn er auch noch manchmal, wo die Kameraden im Rundgesang ihre Schätze hochleben ließen, den seinigen »Ursula« taufte – das währte noch so ein Vierteljahr, dann war auch das dahin. Florian hatte viel anderes zu tun, als der Zeit zu gedenken, da er ein »dummer Bub« oder ein »ungebildeter gemeiner Bauernknecht« gewesen war, und selten nur und dann kaum merklich fuhr ein leiser Hauch des Erinnerns über jene Stelle seines wackern Herzens, darin unter Staub und Kehricht die Blüte seiner flüchtigen Liebe verschüttet lag schon über Tag und Jahr.


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