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13.

Auch den übrigen Tag ging Urschi dem Soldaten mit augenscheinlicher Sorgfalt aus dem Wege und war sogar während des Mittagessens im Gespräche gar kurz angebunden. Florian aber, der es verlernt hatte, weibliche Schüchternheit und mädchenhaften Trotz auf sich beruhen zu lassen, wartete nur, bis der Böswirt in seinem Stuhl eingeschlafen war, dann durchstreifte er suchend das Haus, bis er Urschi auch richtig nächst der Küchentüre fand. Er nahm sie leise bei der Hand, was sie gern zu leiden schien, und zog sie sachte auf die Schwelle heran. Sie sah ihn mit lichten freudigen Augen neugierig an, so daß er seine Redensarten mit etwas unzuverlässiger Stimme vorbrachte.

»Sag' mir nur, was ich dir 'tan hab, daß du gar so harb auf mich bist! Gelt, magst halt jetzt gar kein Mannsbild mehr sehn, seit ein'n Schatz hast? Ich hab's schon g'hört, daß d' bald heiratst, und i wünsch' dir nur viel Gluck dazu!«

»Geh', du bist a Narr!« erwiderte Urschi unwillig, ließ seine Hand los und trat abgewendet zwischen zwei geschäftige Mägde, nun gleichfalls rüstig Hand anlegend. Florian schob sich verdutzt, beschämt, freudig überrascht und doch von Zweifeln geplagt, aus einem Winkel des Hauses in den andern und faßte hundert Dinge an, um sie gleich darauf wieder liegen und stehen zu lassen. Der Ton, aus tiefstem Herzen klingend, und das ganze Gebaren, mit welchem das Mädchen die wenigen Worte ihm ins Gesicht geworfen hatte, schien ihm deutlich auszudrücken: Wie kannst du so überflüssige Reden führen? Ist's denn nicht eine uralte abgemachte Geschichte, daß für alle Zeit du mein Schatz bist und ich der deinige? Und wer in der Welt kann denn daran was verändern?  … Sah er aber dann das spitzige fast unfreundliche Wesen an, welches ihm Urschi bei jeder Gelegenheit vor den Leuten zeigte, beherzigte er, wie sie seiner Anwesenheit gar kein Augenmerk zuzuwenden schien, dann meinte er wieder klar und unwiderleglich einzusehen, daß ihr der geringste Häusler im Dorf, ja die letzte Kuh in ihres Vaters Stall wichtiger sei als der beurlaubte Füsilier des königlichen Leibregiments.

Über vielen solchen und ähnlichen Überlegungen ward es Abend und wieder Morgen, und nun währte es nicht lange, da zog Lärm und Lust in des Böswirts Haus ein. Köchinnen und Kellnerinnen, Herr und Knechte hatten alle Hände voll Arbeit; vom Tanzboden her aber schmetterte der lustige Kirchweihtanz, und Jodeln und Strophensingen, Fluchen und Zuschreien schallten verworren durcheinander. Florian hatte viel zu tun, all den alten Bekannten die Hände zu schütteln, aus ihren nach Landessitte entgegengehaltenen Maßkrügen Bescheid zu trinken und auf die vielen Fragen nach der Residenzstadt in aufschneiderischen Berichten zu antworten. Urschi dagegen, die es mit Braten und Backen gar notwendig hatte, kam den Nachmittag über gar nicht auf den Tanzboden. Erst gegen Abend erschien sie –– versteht sich in prangendem Sonntagsstaat – plötzlich in den lustigen Reihen. Florian, der schon lange mit schwerem Herzen auf sie geharrt hatte, trocknete sich die erhitzte Stirn und trat, durch die freundliche Aufnahme bei den übrigen Bekannten des Dorfs wieder sicherer geworden, in Positur vor sein aufgeputztes Jugendgespiel. Wie erstaunte er aber, als sie ihn trotzig lachend anließ: »Wer z'erst kommt, der mahlt z'erst. Der Grubenbauers-Seppl hat mi aus der Kuchel g'holt zum Tanz und drum tanz' i mit ihm; wärst du kommen, tanzet i mit dir.«

Damit ging's in die lachenden Wirbel des Reigens mitten hinein und Florian drückte sich mit dem peinlichen Gefühl beiseite, daß er einen Fehler begangen hatte, indem ihm unter Schwatzen und Zechen nicht in den Sinn gekommen war, die Urschi aus der Küche zu holen. Dies überlegend schritt er am Orchester vorüber. Da rief ihm sein alter Stiefvater, ohne eine Falte zu verziehen, über die Baßgeige herab zu: »No, Flori, hast denn gar kein'n Appetit mehr auf d' Musik? und magst net a bisl mit aufspiel'n zum Tanz?«

»Der Teufel soll Euch aufspielen!« antwortete Florian und ging voll Zorn hinweg.

Kaum war der Tanz zu Ende, so drängte er sich mit groben Ellbogen durchs Gewühl, um diesmal zur rechten Zeit zu kommen. Aber an ihm vorbei schob sich der rote Broz von Haching zu den Musikanten. Er warf ihnen gar fürnehm ein Geldstück hin, und als Florian endlich die Urschi erreicht hatte, erhielt er die Antwort: »Der Schmidhuber laßt für mich aufspiel'n; du kommst halt allemal z'spat.«

Und schon hob die Klarinette wieder hoch ausholend einen flotten Schleifer an.

Florian lehnte sich breit und trotzig an eine der grün umrankten Säulen und schaute, ohne irgend einem tanzenden Paar nur eine Linie auszuweichen, mit wütenden Augen auf jede Bewegung der mit ihrem stolzen Tänzer bald näher, bald wieder entfernter herumkreisenden Urschi.

»Geh' aus'm Weg da, Soldat, einbilderischer!« schrie ihm voll Ärger der eine oder andere Bursche zu, der beinah oder wirklich über sein vordringliches Bein stolperte.

Sei es aber, daß Florian in der Tat Händel suchte, sei es, daß er für nichts mehr Augen und Ohren hatte, als für das flinke rotglühende Mädchen, er machte sich nur um so vierschrötiger aus dem eingenommenen Platze breit. Freude strahlte aus Urschis Blicken, sie lachte und scherzte und war so ganz mit Leib und Seele beim Tanz, daß Florian, der das sah, am liebsten mitten in den Ringelreihen hineingesprungen wäre und die »falsche Person« an den Haaren gepackt hätte; denn war es nicht verbrecherisch, so kreuzlustig zu tun, während ihn die Wut, nicht bei ihr zu sein, fast erdrosselte?

Der Walzer klang endlich auch zu Ende, und als bald zu einem andern angetreten wurde, sah Florian wohl, wie Urschi seitab stehen blieb und ihre Augen umgehen ließ wie jemand, der auf einen andern wartet, der nun kommen soll. Der aber stand fest auf seinem alten Platz, die Hände in den Hosentaschen, und wetzte in trotziger Behaglichkeit seinen kurz geschorenen Kopf an dem ihm zum Polster dienenden Laubgewinde. Urschis Blick begegnete dem seinigen; sie sahen sich beide eine Zeitlang unverwandt an; dann kehrte sich das Mädchen plötzlich um, und als ihr wieder der rote Hachinger die Hand zum Tanze bot, schlug sie ein und raste mit ihm dahin.

Das hatte dem Florian noch gefehlt.

»Also du bist derjenige, welcher?« sagte er zu sich. »Dich roten Spitzbuben will sie heiraten? Wie's nur miteinander schön tun! Da schaust amal!«

In diesem Selbstgespräch ward der Eifersüchtige plötzlich durch einen unsanften Ruck gestört, mit dem ihn ein erboster Landsmann, der in der vorigen Tour seinetwegen gefallen war, unversehens von der angemaßten Säule wegstieß. Flugs entspann sich Streit, der aber ebenso schnell von den Beistehenden ins Scherzhafte gezogen und abgewendet wurde. Die Menschenmenge, die nun eben nach geendetem Tanz ihren Sitzen zustrebte, teilte überdies rasch die beiden Ergrimmten, und Florian schickte sich nunmehr an, die Urschi zu suchen; er fand sie aber nirgends.

Es dunkelte schon gewaltig. Über dem Tanzboden wurden die Lichter angesteckt, aber keines von allen fiel auf Ursulas sorgfältigen Feststaat. Müde von Ärger und vergeblichem Suchen, setzte sich Florian an einen Tisch, wo sich die jungen Haupthähne der Umgegend ein übrig Gutes taten. Sie zechten und sangen immer mächtiger darauf los, und besonders der rote Broz tat sich in Übermut und Prahlerei hervor, denn die Tänze mit des Böswirts schöner Tochter hatten Öl ins Feuer seiner Eitelkeit gegossen. Die Lieder wurden immer häufiger und anzüglicher, das Lärmen immer ärger, und schon fing hie und da einer an, seine Stimme mit aller Gewalt anzustrengen, um alles zu überschreien, um von allen gehört zu werden, und ein anderer schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Maßkrüge wackelten und umfielen.

Das ist die Stimmung, wo bei uns zu Land der Streit unter dem Tisch, wo er geschlafen hat, die Gliedmaßen streckt, um beim geringsten Anlaß auf die Platte zu springen. So währt' es auch diesmal nicht lang, und der Bursche, welcher Florian aus dem Tanzboden geschoben hatte, band wieder mit ihm an. Dieser aber erwiderte, trotz der Wut, die in ihm kochte, nur mit kaltem Hohn und kurzer Grobheit. Allmählich wurden sie heftiger; da mischte sich der Hachinger in die Sache und schrie dem Florian ins Gesicht: »Ja, was meinst denn du, du herg'laufener Bettelbub'? weil du sieben Vierteljahr Kommißbrot g'würgt hast, darfst jetzt zu uns 'raus kommen und den Kavalier spielen? O, du Tropf, du eiskalter!«

»Roter, halts Maul oder 's reut dich!« rief Florian. »I bin Soldat und darf nix auf mir sitzen lassen!«

Aber der andere unterbrach ihn: »Was bist? Soldat bist? a Lump bist, der gern mit unseren Dirn'n tanzen möcht'. Aber was nur ein'n Funken Ehrg'fühl hinterm Brustfleck hat, das druckt sich vor dir, denn 's müßt sich ja schamen mit dir, den's irgendwo amal auf der Straßen z'sammg'kehrt haben, und der no heut zu nix gut ist als höchstens zu an Gendarm.«

»Gendarm!« – Polizeischerge! Welch ein Schimpfwort im Munde unseres Landvolkes! Von doppelter Wucht gegen einen Soldaten der Linie, von dreifacher gegen einen Gardisten des Leibregiments. »Gendarm!« welch ein Ausdruck eigentümlicher Verachtung nun gar im Munde des roten Brozen von Haching!

»Jetzt schlag' i di nieder, du Hund!« schrie Florian und lief den Hachinger an, der seinerseits mit einem festen Tritt seinem Stuhl das vierkantige Bein ausstieß und eben mit dieser Waffe weit ausholte, als ihm Florian mit aller Leibeskraft einen geschlossenen Maßkrug an die Schläfe schlug, daß Blut und Bier und Steingutscherben davon stoben und der Getroffene dumpf aufstöhnend unter die Bank rollte. Mit laut schimpfendem Parteinehmen strömten die Kirchweihgäste auf dem Tanzplatze zusammen. Während aber alles um den Leblosen beschäftigt war, ergriff den bestürzten Florian eine starke Hand am Kragen und zog ihn eiligst ins Dunkel der Gebüsche.

»Mach', das d' weiter kommst und versteck' dich droben auf'm Boden!« raunte der Böswirt. »Was recht z'machen is, das wird schon g'schehn, aber für heut is's g'nug, sonst könnt's dir schlecht gehn. Also marschier' dich!«


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