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22.

Schwer und glühend lag die Sommerluft über der Landstraße. Die Fliegen summten betäubend und die Vögel schrieen so schrill. Das rauchende Rößlein schlug mit dem Schweif bald nach rechts, bald nach links und schüttelte ab und zu heftig mit Kopf und Ohren, des Böswirts Wägelchen im Schritt langsam hinter sich her ziehend. Dieser saß mit gerundetem Rücken, das Haupt vornübergebeugt, als wollte er mit aller Kraft das Kinn in die Brust bohren. Aus der Zipfelmütze quollen die starren Haare hervor, über der pochenden Stirne klebten sie in nassen Büscheln. Unter den geschlossenen Lidern regten sich die Augäpfel, wie die ängstlichen Köpfe gefangener Vögel unter einem Tuche. Seine halbgeöffneten Lippen blieben einseitig nach unten gezogen. Das Schnarchen, das aus ihnen ging, klang wie furchtbares Gestöhne. Von dessen Heftigkeit schien wie ein Röhrchen im Winde die Spitze der Peitsche bewegt zu werden, die zwischen des Böswirts Knieen stand und hin und wieder nickte. Die linke Hand auf dem linken Knie hielt in krampfhaftem Schlusse das Leitseil fest, während die andere halb geöffnet über den rechten Schenkel herunterhing und ihre gekrümmten Finger bewegte, als versuchten sie sich in der Luft einzukrallen, die doch keinen Halt bot.

Ein entsetzlicher Traum mußte des Schläfers Sinne belasten. Der Ausdruck seiner Gesichtszüge war furchtbar. Hilflose Qual schien die ganze Gestalt zu durchwühlen. Aber auf die dampfende Stirne brannte die unerbittliche Sonne ihren heißesten Strahl, als spottete sie des gepeinigten Schläfers: es weckt dich doch keiner!

Der harte Stein am Wege mußte sich des harten Mannes erbarmen. Der Stein, den die Straßenbauleute dahin gelegt hatten, damit die Fuhrleute die schadhafte Stelle schonten und mit Hufen und Rädern einen Umweg machten, um eben die Stelle, welche der Stein hütete, nicht zu belasten. Der Braune hatte dessen nicht geachtet. So stieß der Stein wider das Rad, daß das Rad stille stand, der Wagen erschütterte, Klein-Aloys vom Wagenpolster fiel und selbst der Böswirt aus seinem schweren Schlaf erwachte.

Sein Atem flog, seine Brust pochte, wie wenn er weit hergelaufen käme. Er sah mit stieren Blicken um sich, wischte sich mit dem Rücken der Hand die Stirne, suchte nach seinem herabgefallenen Hut und griff mit noch zitternder Hand nach der Peitsche.

»Hat es nicht just aus heiterem Himmel geblitzt?« fragte er, vor sich hinmurmelnd, als wäre jemand da, ihm Antwort zu geben.

Aber es war nur das Kind bei ihm und dieses drückte sich scheu in die Ecke des Wagens, nach wie vor mit weit offenen Augen und offenem Munde den alten Mann anstarrend, der sich so seltsam gebärdete. Über dem Anstarren schien das Gehör ganz außer Kampf gesetzt. Der Böswirt wartete auch auf keine Antwort. Er gab sich die Antwort selbst, indem er mehr lallte, denn sprach: »Freilich war es ein Blitz, ich hör's ja noch, wie der Donner durch die Luft rumpelt!«

Er riß dem Pferde die Zügel im Maul herum und knallte mit der Peitsche dem vermeintlichen Donner nach. Trab, trab! Das Wägelchen rasselte dahin. Ein Wölkchen Staub verdeckte den Stein am Wege.

Nicht lange hernach hielt der Böswirt selbst sein Gefährt an. Vor ihm teilte sich der Weg, und ein Weiser aus altem, wurmstichigem Holz, daran mancher Jahre Sonnenschein und Regen die Landesfarben ausgeblaßt und verwaschen hatten, streckte seine beiden Arme über die beiden Straßen. Rechts oder links? nach Hause mit dem Jungen oder in die Berge zu den Fremden? … Der Böswirt hatte die Frage nicht so reiflich bedacht, wie er gewollt hatte; er war ja darüber eingeschlafen. Über dem Schlafen war ihm aber auch die gemütliche Anwandlung, die ihn von Jürgels Familienglück angeflogen, so ziemlich vergangen. Er wußte selbst nicht mehr genau, warum er denn nicht stracks linksum gefahren: es war wie ein mechanisch unbewußtes Tun gewesen, daß er den Gaul vor der Wegscheide zum Halten gebracht hatte. Und doch auch wieder nicht so ganz mechanisch. Es war mit einem Mal eine so abscheuliche Angst in ihm rührig, eine Angst, wie sie der trotzige Wirt nie empfunden hatte, selbst als Kind nicht, da er zum erstenmal im Beichtstuhle kniete. Was wollte, was sollte die Angst? Tat er denn was Böses? Nein, es war nur so ein Anflug von Übelbefinden. Die Sonnenhitze … der Zorn … die Schlechtigkeit der andern Menschen … Gleichviel, sein tapferes Herz rasselte ihm im Leibe wie eine ablaufende Uhr. Er warf einen wägenden Blick auf den Rangen an seiner Seite. Hoho! Der Knirps fürchtete sich augenscheinlich noch viel mehr und fürchtete sich vor ihm! Das war in der Ordnung. Sollte die fleischgewordene Sünde sich nicht vor der in ihm gekränkten Ehre fürchten? Und wie der Knirps seinem Vater, dem verwünschten Florian, ähnlich sah!

»Alysi! rechts oder links? was meinst?« rief jetzt der Alte.

Der Knabe gab keinen Laut von sich.

Des Böswirts Stimme klang so heiser und schrill, daß sich das Bübchen nur um so mehr fürchtete und in der Furcht zusammenkrümmte. Schützend hob es den Arm vors Auge, als wären Schläge im Anzuge.

Den Alten juckte es in der Tat schon gewaltig in den Fingern, als er den Knaben nicht zur Rede bringen konnte. Er versuchte es auf andere Weise.

»Willst d' mir in allem Folg' leisten und mir aufs Wort gehorchen und mich in hohen Ehren halten, wie sich's g'hört, du kleiner Gaudieb? … Hörst oder hörst net? … Willst oder willst net?«

Er starrte das Bürschchen mit zwingenden Augen an. Dieses aber, ob es schon kein Wort aus dem Munde brachte, schüttelte so heftig den struppigen Kopf, daß über seine Meinungsäußerung nicht der leiseste Zweifel bestehen konnte.

Da rief der Böswirt, indem er fester an Zügel und Peitsche griff: »Das mußt du, denn ich bin dein Großvater!«

»Kein' Schein!« rief das Kind trotzig dagegen.

Es berührte den Alten seltsam, daß der zusammengekrümmte Wurm nun doch den Mund zum Reden auftat. Und er tat den Mund auf mit seitwärts gehobener Oberlippe wie ein junger Hund, der beißen will, wenn auch beißen aus Furcht.

»Nu wart', du wirst's schon lernen, wer ich bin,« knirschte der Alte. »Links um, Bräunel, links um, ins Gebirg! So! Hopp, hopp! … Dir werden sie's schon noch beibringen; davor ist viel gut!«

Das Roß mochte sich verwundern, daß es heute nicht den gewohnten Weg zum heimischen Stalle traben durfte. Die Peitsche, die der Böswirt ihm über die Schenkel klatschen ließ, belehrte es bald, daß seine Einwendungen keinen Glauben verdienten. Und nun sprang das Roß im gestreckten Trabe mit sprühenden Nüstern und fliegendem Haar die ungewohnte Straße dahin, daß es eine Freude war, den flotten Traber zu sehen. Unter dem Hufschlag flogen die Kiesel weg und schlugen ab und zu gegen den Bauch des Wägelchens, daß es laut knallte. Der Böswirt keuchte, als lief' er neben dem gehetzten Pferde zu Fuße her, und immer wieder mußte er den Jungen ansehen, der sich mit beiden Händen am Sitzbrette festhielt. Es war ihm, als müßte der kleine Mensch ihn bitten, daß er umkehrte und lieber nach Hause führe – er glaubte selber, dann würde er sich durch vieles Bitten dies eine Mal erweichen lassen. Aber Bitten müßt' er vorher und wie sehr bitten!

Jedoch der Kleine schwieg still und bat nicht. Der Böswirt sah ihn immer wieder an, und über dem vielen Ansehen kam der Braune außer Trab.

»Mag er sich verschnaufen,« dachte sein Herr und ließ die Zügel nach. Auf den Schritt brauchte er nicht acht zu geben und konnte so das Kind genauer betrachten. Ganz und gar nicht sah das Kind dem Florian ähnlich. Ihm, ihm, dem Böswirt, dem Schory, dem Großvater sah der Bengel gleich, als wär' er ihm aus dem Gesichte geschnitten! Wie der dralle Knirps dasaß, wie er die Augen aufriß und unter der heißen geröteten Stirne ihn anstarrte, so unverwandt, wie er ihn; wie er die Fäustchen krampfhaft geballt in den Schoß hängen ließ, ein Bild des Trotzes und der Hartnäckigkeit, über der tosenden Angst im Innern die zornigen Zähnchen zusammenbeißend, das war ja er in Fleisch und Blut. Und je länger der alte Schory hinstarrte, desto schrecklicher und überwältigender ward ihm der Gedanke, daß er sich selber an sich selber rächte, daß er sein eigenes Ich von Haus und Hof in die Fremde bannte, daß er sich selbst auf eigenem Wägelchen ins Elend fuhr. Immer hastiger klopfte sein Herz, immer heftiger pochten seine Schläfen. Er wollte sprechen, er wollte dem Kinde sagen, daß es dem Großvater sehr übel sei. Aber er konnte den Mund nicht öffnen, keinen Laut von sich geben in seiner Angst, so wenig wie sein kleines anderes Ich ihm gegenüber einen Laut von sich gab.

Er ließ die Peitsche aus der Hand fallen. Er deckte die Augen mit der Hand. Es hatte ihn geblendet. Was? Er dachte wohl wieder, es wär' ein Blitz aus unbewölktem Himmel gewesen. Gewiß dacht' er das, denn, wie's des Landes dabei Brauch ist, bekreuzte er sich jetzt. Er machte das Zeichen des Kreuzes mit dem Nagel des Daumens erst über der Stirn, dann über dem Mund – nur das dritte Kreuz, das über dem Herzen, das brachte er nicht mehr zustande. Die Hand fiel ihm herab und lag dann schlaff übers Knie mit halb gekrümmten Fingern. Und sein Kinn sank wieder auf die Brust und der Rücken wölbte sich immer mehr und der Atem stöhnte wie vorhin im Schlafe.

Das Rößlein zog ruhigen Schrittes die gewiesene Straße weiter. Der Knabe starrte den Schläfer an nach wie vor. Er sah, wie es den Alten noch einmal ein wenig emporriß, als wollt' er sich vom Sitzpolster erheben. Das Kinn schnappte in die Höhe, dann öffneten sich die Kiefern, ein zerbrochener Laut ging aus ihnen hervor. All das war in einem Augenblick vorüber, und der Böswirt legte sich tief in den Winkel seines Wagens zurück, wo das staubige Dach aus schwarzem Leder sein Gesicht vor der Sonne verdeckte. Die Zügel entfielen seiner Hand und nach dem Blitze, den er allein gesehen hatte, hörte er nun im Schlafe die Donner rollen – die Donner der Ewigkeit.


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