Autorenseite

 << zurück weiter >> 

1.

Is der Böswirt z' Haus oder net?« fragte ein hagerer rothaariger Mann im langen landesüblichen Mantel die Kellnerin, die soeben, in jeder Hand fünf der vollen großen Steinkrüge, eiligst über den Flur von der Schenke her in die Wirtsstube schritt.

»Ja, Schmidhuber,« antwortete die Angeredete, ohne sich im geringsten aufhalten zu lassen, »'s wird grad g'schlacht't heut'. Trinkt's derweil a Maß?«

Und ohne sich nach dem Gast umzusehen, öffnete sie das Schiebfenster, das von der Gaststube in die Küche führte, und fuhr nur in etwas erhöhter Tonlage und lauter fort: »Hanni, geh' hinter ins Schlachthaus zum Herrn und sag', der rote Broz von Haching wär' da; er sollt' füri kema.«

Der Schmidhuber hörte jedoch diese schmeichelhafte Bezeichnung nicht mehr. Gleich nach empfangener Auskunft auf seine Frage war er kurze Zeit vor der Tür des Schenkzimmers stehen geblieben. Nachdem er ein Weilchen sinnend mit den Stiefelspitzen an der davorliegenden Staffel geklopft hatte, als wollt' er Schnee zum Abfallen bringen, ging er wieder vors Haus hinaus und ums Haus herum.

Draußen war aber weder Schnee noch Schmutz, sondern ein schöner trockener Junitag: kleine weiße Wölkchen lagen wie Schäfchen auf dem blauen Morgenhimmel, die Bäume trugen frisches Grün und die Amsel sang gar lieblich. Dem Rothaarigen schien das auch alles gar freundlich zu behagen, denn als er wieder um die Ecke kam, pfiff er stillvergnügt vor sich hin, schob, sich am Hinterkopf krauend, den Hut quer auf die rechte Stirne vor und trat unter lauten Begrüßungen in die Wirtsstube, an deren letztem Tisch sich neun oder zehn handfeste Bauern schon seit geraumer Zeit festgetrunken hatten, wiewohl es noch vor Mittag war.

»Da les', roter Broz,« sagte der eine, indem er dem Neueingetretenen den »Volksboten« hinschob und auf den Tisch schlug; »da steht's schwarz auf weiß, was der Lamperöhr für ein Spitzbub' ist. So ein schlauer ist dir in deiner Praxis doch noch net fürkommen.«

»Jeder red't eben, wie er's versteht!« sprach der Letztgekommene und fing nach einem guten Schluck an, eine gräßliche Räubergeschichte zu erzählen.

Schmidhuber oder, wie wir ihn nach Landessitte mit dem Spitznamen nennen wollen, der rote Broz von Haching, war nämlich als achtzehnjähriger Jüngling wegen Einbruchdiebstahls zu mehrjährigem Arbeitshaus verurteilt worden, ohne je einen fremden Groschen in rechtswidriger Absicht angerührt zu haben. Er war aber als junger und lebhafter Bursch in die Tochter eines Erzgauners verliebt gewesen; und als er mit dieser und ihrem vielerfahrenen Vater, der Teilnahme verdächtig, in einen und denselben Kriminalprozeß verwickelt worden war, wußten sie ihn durch Kreuz- und Querzüge so zu verwirren, daß es ihnen gelang, ein großes Teil ihrer Schuld scheinbar auf ihn abzuwälzen, und die Richter ihn verurteilten. Dritthalb Jahre später wurde der alte Gauner in einem Raufexzeß von seinen Mitgefangenen, die in ihm einen Aufpasser und Anzeiger hassen zu müssen glaubten, mit einer jener Kugeln, welche die Sträflinge an ihren Ketten tragen, so schwer an den Kopf getroffen, daß er wenige Tage darauf starb. Vor seinem Tode jedoch gestand er nicht ohne selbstgefällige Rückerinnerung die Übertölpelung »derer beim G'richt« und die Unschuld seines Mitgefangenen, der danach, ein angestauntes Weltwunder, in seine Heimat zurückkehrte.

Aber der mehrjährige Umgang mit wirklichen Verbrechern aller Gattungen und Grade hatte in ihm um so tiefer greifende Wirkungen zurückgelassen, als er im trotzigen Gefühl seiner Unschuld Aufsehern und Vorgesetzten der Strafanstalt zu einer Härte Veranlassung gegeben hatte, welche sein Gemüt nur zu größerer Empfänglichkeit für böse Reden reizen mußte.

Nicht daß er deshalb gleich ein Spitzbube geworden wäre, sobald er Hände und Füße von den Schellen frei fühlte; aber er wollte doch die erlittene Strafe nicht ganz umsonst ertragen haben. Die erste Folge war, daß er mit der Bekanntschaft großer Räuber und berüchtigter Halunken, wie ein anderer etwa mit bedeutenden Studiengenossen, renommierte; er erzählte nichts lieber als Gaunergeschichten, und wenn andere solche aufs Tapet brachten, schnitt er pfiffige Gesichter oder ließ sachverständige Grimassen und Redensarten fallen. Das zweite war, daß er den Haupthelden des Zuchthauses genau abgelernt hatte, wie sie räusperten und spuckten, wie sie die Haare trugen und den Bart strichen, wie sie das Halstüchel knüpften und die Jacke überhingen, so daß sein Äußeres eine Musterkarte gaunerisch burschikoser Trachten und Manieren abgab, wie man sie an keinem der echten Spitzbuben vereinigt finden mochte.

Eine schlimmere Folge war die, daß nicht nur sein äußerer, sondern auch sein innerer Mensch das Gewand eines Bösewichts trug. Er achtete nach wie vor Leben und Eigentum seiner Mitmenschen, er lebte schlicht und gerecht, daß ihm das königliche Land- oder Bezirksgericht gar nichts anhaben konnte; aber wenn auch nicht die Hände und das Herz, so hatte er nunmehr doch den Kopf eines Verbrechers. Ein großer Einbruch, ein Totschlag auf der Kirchweih eines nahe gelegenen Dorfes, solche und ähnliche Nachrichten wirkten auf ihn wie ein Schlachtbericht auf einen gedienten Krieger. Er stak voller Listen und Ränke, suchte, einst selbst so grausam übertölpelt, fortwährend andere hinters Licht zu führen, und auch wo er den Schaden nicht selbst angerichtet hatte, war er schadenfroh bis zur Ausgelassenheit. Dazu kam endlich, daß dieser Dorfintrigant wegen seiner unschuldig erfahrenen Leiden als eine Art von Märtyrer von den Bauern geachtet, von den Gendarmen gescheut, von den Behörden, denen er bei Gemeindewahlen, Zeugenschaften und ähnlichen Vorkommnissen durch sein vorlautes trotziges Gebaren oft lästig ward, geschont wurde. Seine Vergangenheit gab ihm ein Recht, sich in alles zu mischen mit Rat, Warnung oder Spott. Da er aber dabei durch sein Reden und Tragen nach Gaunerart die eigene Gewichtigkeit beeinträchtigte und doch unaufhörlich auf den Schatz seiner Erfahrungen und nicht selten auch auf seine nicht unbedeutende weltliche Habseligkeit pochte, so war es nicht zu verwundern, daß man ihn allgemein mit jenem absonderlichen Spitznamen getauft hatte. Der Broz (mit langem o) heißt eigentlich die Kröte, figürlich ein Mensch, der sich aufbläht wie eine Kröte. Man bezeichnet damit einen breitspurigen Gesellen, der ganz vom Bewußtsein seines Reichtums oder auch seines Standes oder seiner Tugend angefüllt ist. Daher am häufigsten die Zusammensetzung: Geldbroz, auch Kornbroz, Schrannenbroz und so weiter. Einen handfesten pater ordin. St. Benedicti, welcher sich darauf verstand, die Schüler zu allen Zeiten, auch wo sie sich am sichersten wähnten, zu überraschen und dem es dabei nicht darauf ankam, stundenlang in einem Korb unter schmutziger Wäsche verborgen zu lauern, nannte man Schleichbroz. Brozen mit etwas: prahlen, dick tun; brozig: aufgeblasen, zunftstolz, bauernstolz.

Eben war er wieder mitten in so einer Vollblutgaunergeschichte begriffen und weder der Erzähler noch sein Auditorium vernahm, wie der »Böswirt,« über den Hof schreitend, einen Jungen ohrfeigte, weil er nach der im Sonnenschein liegenden schwarzen Hauskatze mit Steinchen warf. An der Küche vorüberkommend fuhr er die Magd, die das Bratenrohr einrichtete, mit allen Donnerwettern an, ob sie denn verrückt sei, jetzt schon zuzusetzen, da sie wisse, daß die Herren vom Landgericht nie vor Zwölfe kämen.

»Aber laßt mir nur einer was vom Schlegel übrig,« polterte er, »nachher marsch mit dir, und du kannst hingehn, wo du herkommen bist!«

In die Schenkstube getreten, sah er sich eine Zeitlang um, als suchte er, während er die zum Schlachten aufgekrempelten Hemdärmel über die gewaltigen Arme herunterstrich, eine Ursache zu neuen grimmigen Äußerungen seines Gerechtigkeitsgefühls, und als nunmehr die Stimme des roten Brozen und seine Galgen- und Radgeschichte an sein Ohr schlug, ging er festen Schrittes, vorgebeugten Hauptes auf den ellbogenschweren Tisch zu, gab dem Rhapsoden einen ordentlichen Puff an die linke Schulter und rief dem überrascht Umblickenden ins Gesicht: »Jetzt pack' ein, Peter, mit deiner dalketen G'schicht' und sag', warum du mich von meiner Arbeit hast vorsprengen lassen. Willst mir die schwarze Kuh abkaufen oder was magst sonst? Erst red' mit mir, und nachher kannst mit denen andern tun, was di freut.«

Die Bauern hinter ihren Krügen wollten Einwendungen zugunsten ihrer Mördererzählung machen, aber der Böswirt stemmte sich mit beiden Fäusten in den Tisch und schrie: »Was meint's denn ihr, ich, der Wirt, hätt' nix anders z' tun, als vor euch herz'hocken? Gehts weiter und vertrinkts eure paar Kreuzer wo ihr wollt, wenn's euch bei mir net g'fallt; ich geh' dessentwegen net z' Grund!«

»No, du wirst's noch zeitig g'nug innewerd'n,« rief der rote Broz, sich vom Tisch erhebend und den Zechgenossen schlaubegütigend Blick und Lächeln seitabwerfend. »Komm' nur, alter Giftmichel, hörst's allemal noch bald g'nug.«

Damit trollten beide zur Tür hinaus, die Zurückgebliebenen aber steckten die Köpfe zusammen und fragten sich: »Was is's denn? was will der Hachinger vom Böswirt denn?«

»Lenerl, da geh' her! Was haben denn die Zwoa miteinander?«

»Mein Gott,« sagte die berufene Kellnerin, und dabei gab sie dem zu äußerst Sitzenden, welcher sie ums Mieder packen wollte, einen kräftigen Ruck. »Auf unser' Urschi wird er halt spannen, der rote Broz.«

»Ja, was sagst da? Auf d' Urschi! No, der war net dumm!«

»No, mei!« fiel der an der Ecke ein, »die soll froh sein, wenn er s' nimmt mit all dem, was mit ihr geht und steht.«

Als sich hierüber ein Meinungsstreit erheben wollte, versetzte Lenerl, die Augenbrauen in die Höhe ziehend: »Verstehst? Wie die Sali eines schönen Tags den Gürtel ums Mieder nimmer so fest hat schnallen können wie vordem, da hat er's fortg'schickt und g'sagt, solche Leut' könnt' er in seinem Hans net brauchen. Der armen Afra, Gott hab' sie selig, hat er's grad so g'macht. Aber gelt, die Urschi, die ist halt sei' Tochter!«

»Sie hat's schlecht g'ung g'habt bei ihm,« berichtete der eine, während ein anderer einfiel: »Du, wo hat er denn ihren Buben hinversteckt? Weiß man denn das wirklich nicht?«

»Auf Pfingsten,« sprach die Kellnerin, »werden's vier Jahr, da war der Bub' justament fufzehn Monat alt. – ›Tust mein Willen oder tust ihn nicht?‹ hat er der Urschi vom Wägerl noch runterg'rufen; die Urschi, die is in der Küchentür auf die Kniee g'fallen, sie hat vor Weinen kaum mehr schnaufen können, abers Fürtuch (Schürze) hat sie sich fest vor den Mund g'halten und nur so mit dem Kopf g'schüttelt. ›Also!‹ sagt der Böswirt, setzt's Kind zwischen seine Stiefel aufs Wagenstroh, haut mit der Geißel in die Pferd', daß die Funken von 'n Hufen springen, und fahrt davon. Seitdem haben mir vom Buben nix g'sehn und nix g'hört, man darf auch im Hans kein Sterbenswort von ihm reden, und am End' geht's uns ja auch gar nix an und euch noch weniger.«

Damit wandte sie sich um und ging der Küche zu, während die Bauern nach der Stubenuhr sahen und einander sofort zum Aufbruch antrieben. Ihrer drei blieben sitzen, ließen sich noch einmal einschenken und verhandelten bald wieder andere Dinge: denn die Großvaterschaft des Böswirts und sein Gebaren gegen seine Tochter war eine alte bekannte Geschichte; nur er selber hatte für seinen Stolz und sein polterndes Gerechtigkeitsgefühl die feste Meinung notwendig, daß er durch sein Stummsein die Vergangenheit zu Tode geschwiegen habe, und da es Regel im Menschenverkehr ist, von peinlichen kitzlichen Umständen lieber hinter den: Rücken als unter die Nase dessen zu sprechen, welchen sie am nächsten angehen, so wurde auch der Böswirt in dieser seiner Meinung wenig oder gar nicht gestört.


 << zurück weiter >>