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2.

Der rote Broz von Haching war freilich nicht so rücksichtsvoller Natur und, wenn's ihm darauf angekommen wäre, dem Böswirt einen tüchtigen Hieb ins Gewissen zu versetzen, so hätt' er auch die leibhaftigen Prügel nicht gescheut, welche ihm unzweifelhaft von dem stets jähzornigen und schlagfertigen Alten dafür geworden wären. Indessen war der Hachinger Peter gegen niemand auf der Welt so zuvorkommend, man möchte sagen so demütig, als gegen den Böswirt. Wer ihn kannte, der wußte gar wohl, daß dieses Gefühl nichts mit feiger Ehrfurcht vor des Böswirts raschen Fäusten gemein hatte. Was ihn für den alten Polterer gewonnen hatte, war eine Art von vorausgewährter Bewunderung, war der kriminelle Duft, den er sachverständig aus dessen Wesen und Gebaren herausroch. In der weiten Umgegend waren es nach seiner Meinung nur er und der Böswirt, denen man etwas Arges zumuten mochte, und wenn er, von seinem Zuchthausstandpunkt aus, die um ihn sich regende Menschheit durchmusterte, so war der Alte der einzige, welchen er sich, so wie er ging und stand, ohne Zusatz oder Abnahme, in der grauen Sträflingsjacke denken konnte. Gerade dieses Gefühl setzte ihn in vermeintliche Wahlverwandtschaft zu jenem und erzeugte in ihm eine ehrfürchtige Aufmerksamkeit für dessen Tun und Treiben, die einer herzlichen Zuneigung nicht ungleich, sah. So war es denn auch weder das glatte Gesicht der schönen Urschi, noch ihre stattliche Mitgift, die den Schmidhuber zum Entschluß brachte, auf Freiersfüßen vor ihren Erzeuger hinzutreten, sondern der Glaube, daß nur dieser ein würdiger Schwiegervater für ihn sei, der lang genährte Wunsch, die beiden gefürchteten Namen sozusagen in einer Firma zu verbinden.

Diese Wahlverwandtschaft beruhte jedoch wie so manch andere aus einem Irrtum. Der Böswirt war keineswegs von der Art des Roten, sondern im Grunde seines Wesens kreuzbrav und bieder; er war rechtschaffen und wohlwollend, und selbst sein größter Fehler, der ihn weit und breit in üblen Ruf brachte, stammte aus einer seiner Tugenden, aus einem hartgesottenen unbeugsamen Gerechtigkeitsgefühl. Aber dieses Gerechtigkeitsgefühl, schickte seine Tatäußerungen nicht durch die Prüfung der Überlegung; verbogen von harten Eltern und nachgiebigen Freunden, hatte er seinen angeborenen Bauernstolz daran gewöhnt, für sich immer recht zu haben, und da er immerdar in behäbigen Verhältnissen gelebt hatte, war ihm bei anderen von mildernden Umständen des Mangels, der Sorge, der drängenden Leidenschaft nichts bekannt.

Auffallend war bei einem Manne, der, so lang er die Augen offen hatte, in seinem lodernden Jähzorn wie ein Salamander im Feuer lebte, ein umfangreiches Bedürfnis nach Ruhe. Der Böswirt schlief vom Abend bis zum Morgen feine geschlagenen neun bis zehn Stunden; er schlief nach Mittag und auch sonst allezeit, wenn er allein war und ihm nicht seine Pferde, vorübergehende Menschen oder die schweigende Natur in ihrer erbsündlichen Schlechtigkeit Anlaß zum Schelten und Fluchen gaben. Mit dieser Gewohnheit schien eine andere sonderbare Eigenschaft zusammenzuhängen. Der Böswirt konnte vergessen wie kein zweiter Sterblicher. Einmal verhandelt oder verprügelt, war eine Sache auch aus und abgetan für alle Zeit. So wie er nie einem, den er mit Fug ab gestraft hatte, einen Fehler nachtrug, so konnte er auch nie begreifen, was denn die von ihm mißhandelten Leute für Grund hätten, ihm feindselig oder mißliebig zu begegnen. Das Vergangene war für ihn, als wär' es nie gewesen, und wehe dem, der im Bereiche seiner zwei Fäuste hinter abgetane Dinge ein Licht der Erinnerung steckte, daß sie unfreundliche Schatten in sein gegenwärtiges Leben oder auf die Pläne seiner Zukunft werfen sollten. Was er einmal von der Tafel seines Gedächtnisses mit dem letheischen Schwamme weggewischt hatte, existierte für ihn nicht mehr, und so galt ihm auch seine Tochter seit dem Tage, da er den unwillkommenen Enkel zu einem ihm nicht näher bekannten Mann in einem andern Landgerichtsbezirk in Kost und Pflege gegeben hatte, für eine tadellose Jungfrau.


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