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7.

Der Böswirt hielt sein Wort; er nahm den durch die wüste Härte des Baßgeigers verschüchterten, durch das vagierende Leben zu arger Zerstreutheit geneigten Florian in feste Zucht, und dieser gewöhnte sich bald an regelmäßiges Arbeiten und regelmäßigen Lohn. Freilich war der Junge an Wuchs und Kraft so sehr gegen seine Jahre zurück, daß man ihm anfangs nicht viel schwere Arbeit zumuten mochte; bevor jedoch ein halbes Jahr ins Land gegangen, war der gute Florian zu einem handfesten backenroten Bengel herausgefüttert, der in Feld und Stall seinen Mann stellte, und wenn der Böswirt im Vorübergehen dem flinken Arbeiter zusah, schmunzelte er stillvergnügt vor sich hin und freute sich jenes hitzigen Abends, da er solchen Burschen auf dem Tanzplatz dem Elend abgejagt hatte.

Niemand aber war fröhlicher über den neuen Hausgenossen als die kleine Urschi, die unter groben Männern und alten Mägden auf des Vaters Hof wild auswuchs. Florian war, wenn auch etwa um fünf Jahr älter, doch außer ihr das einzige Junge im Hause und hatte nach seiner bisher verkümmerten Knabenzeit noch so viel Kindereien und Schwänke im Kopf, daß er sich mit seines Herrn Tochter gar possierlich abzugeben wußte. Wenn sie mit aufs Feld hinausgefahren war, um den Arbeitern das Essen zu bringen, so trieb sie sich in seiner Nähe herum, bis Feierabend wurde; dann ließ sie sich an seiner Hand nach Hause zerren und ruhte nicht, bis er ihr wieder eine von den alten Geschichten erzählte oder eines der Lieder heruntersagte, die er einst beim alten Geiger feil geboten hatte.

Über diesen und anderen Dingen wurde es Winter, und wenn Florian auch noch die Hände voll Arbeit hatte, so kam doch immer öfter ein Feierstündlein geschlichen, da er aus der Ofenbank in der Schenkstube oder beim Fischzuber in der Küche saß und in einem Anfall seiner alten Zerstreutheit auf die angelaufenen Scheiben oder ins prasselnde Feuer stierte. Mit der steigenden Kälte wuchs auch die freie Zeit, die Neigung zu jenem Schlendern in Gedanken hatte bald auch ein leibhaftiges Schlendern zur Folge, und Florian, der nun immer behäbiger in die Flegeljahre hineinwuchs, strolchte nicht selten lange Stunden unter den kahlen Weiden am eingefrorenen Bach herum. Woche um Woche hatte ihn sein Wandel auf der Landstraße um ein Stück weiter geführt.

So kam es einmal – es war am Vorabend von zwei aufeinander folgenden Feiertagen – daß Florians Stuhl beim Nachtessen unbesetzt stand. Der Böswirt hielt große Stücke auf seinen jüngsten Knecht und achtete nicht darauf. Weil aber auch am andern Tag beim festlichen Mittagsschmause sich niemand auf des Burschen Platz setzte, wurde er ärgerlich und fing, als er auch am Abend noch nichts von ihm gehört noch gesehen hatte, sein Gesinde zu inquirieren an, ob keines wüßte, wohin denn der Florian gekommen sei.

Niemand konnte Auskunft geben, da spitzte die kleine Urschi gar pfiffig ihren Schnabel, und indem sie abwechselnd von einem Fuß auf den andern hüpfte, sagte sie: »Ich aber weiß schon, wo der Florian hinkommen is.«

»No, wenn du's weißt, nachher sag's!« donnerte sie der Vater an; Urschi machte ein ernstes Gesicht, schüttelte stumm den Kopf, und erst als der Alte sie drohend anließ, erwiderte sie, sie hab's dem Florian versprochen, nichts zu verraten, und der Vater habe ja selbst gesagt, was man einmal versprochen, das müsse man auch halten. Dieser wollte die Regel durchaus nicht gegen sich gelten lassen, sondern als eine tüchtige Maulschelle nichts weiter als Tränen zur Folge hatte, versuchte er es mit einer untadelhaften Tracht Prügel. Die aber erzweckte auch nicht mehr.

Der Böswirt war wütend über sein halsstarriges Kind und behandelte die schweigende Urschi am folgenden Morgen, da Florian noch nicht zurückgekehrt war, nicht barmherziger. Als er dann zu Tische kam, fehlten ihrer zwei.


Man läutete eben Mittag; die klare Winterluft trug den friedlichen Schall weithin über die verschneiten Felder, die im seltenen Sonnenschein wie silberbesäet erglitzerten; da sah Florian, der hastigen Schrittes die Landstraße daherkam, auf dem fest gefrorenen Erlenbach nächst einem Steg, der etwa sieben Viertelstunden von des Böswirts Hof entfernt lag, ein kleines Wesen auf dem Eis herumschlittern, wo es sich eine langmächtige Schleifbahn ausgestrichen hatte.

Kaum daß er den kleinen Wildfang von weitem erkannt hatte, als auch dieser auf allen vieren an den glatten abschüssigen Wänden des von der Flut verlassenen Rinnsals heraufkroch und seinem Gesellen in hurtigen Sätzen entgegensprang.

»Spiel' auf, spiel' auf, Florian!« jubelte das Kind, und seine von der Tummelei auf der Eisbahn erhitzten Wangen glühten. »Zeig' mir deine Geigen und spiel' eins auf!«

Florian war in der Tat, vom lang unterdrückten Heimweh nach der einst, wenn auch unter Zwang und Not betriebenen Musikantenkunst überwältigt, zur entfernten Residenz seines tyrannischen Stiefvaters gewandert und hatte von ihm gegen eine übertriebene Summe des ersparten Lohnes und mit einer Zuwage von schweren Vorwürfen und Verhöhnungen das alte verdorbene Instrument eingehandelt, aus welchem er sich vordem unter bitteren Tränen die ersten Schläge herausgekratzt hatte.

Die Kleine ruhte nicht, bis er den Fiedelbogen ansetzte und zum erstenmal nach langen Monaten unter Gottes freiem Himmel mit steifgefrorenen Fingern versuchte, ob er die mühsam eingepaukten Weisen nicht vergessen habe. Lachend und fiedelnd schritt er in rüstigem Marschtakt eines lustigen Liedes hinter der blonden Urschi drein, die, wie von der Tarantel gestochen, auf dem im Sonnenschein glänzenden festen Schnee der Landstraße dahintänzelte.

Geraume Zeit später, als seine Hände und ihre Beine einigermaßen müde waren, packte er ein und fragte, ob der Vater seinethalben gezankt habe.

Die Kleine aber, sei's, daß sie in ihrer Lustbarkeit sich durch keine mißliebige Rückerinnerung stören lassen wollte, sei es, daß sie sich der empfangenen Züchtigung schämte, erwiderte bloß: »Ach, er frißt dich nit!«

Auffallenderweise machte der Wirt seiner Tochter Rede nicht zuschanden. Als Florian etwas verschüchtert und auf ein großes Donnerwetter gefaßt seine Entschuldigung vortrug, wie er die stille Musik nicht länger mehr ausgehalten und deshalb die Feiertage benutzt habe, um seinen alten Ziehvater heimzusuchen und einen Zeitvertreib für den Winter einzukaufen, sah ihn sein Brotherr mit ruhigen großen Augen an und sprach: »Von mir aus kannst du deine Sonntagsspaziergäng' machen, wohin du Lust hast, und auf deiner Geigen herumkratzen, so viel dein Herz begehrt. Wird's mir einmal z'viel und z'wüst, dann werd' ich dir's schon deutlich zum Verstehn geben.«

Florian war zum höchsten überrascht, der Böswirt aber ließ ihn stehen, sperrte sich auf seiner Kammer ein und schrieb auf einen großen mit roten und blauen Blumen dick umkränzelten Briefbogen folgendes Ergebnis langwieriger Mühsal an seiner verstorbenen Frau verwitwete Schwester, die viele Meilen weit auf einem Einödhof im Gebirge wohnte.

»Vielliebe Susi, hochverehrte Frau Schwägerin!

»Unser lieber Herrgott hat mir gar früh meine liebe Frau, deine selige Schwester, genommen, und da hab' ich immer gemeint, ich könnte das einzige Kind, was sie mir hinterlassen hat, allein auferziehn, wie's rechtschaffen und Gott wohlgefällig wäre. Das Kind ist auch gesund und groß und bei Kräften, daß ich meine Freude daran haben muß: aber ich seh's ein, daß ich mich in einem Punkt doch verrechnet hab'. Bei mir geht ihr halt doch die Mutter ab; sie wird mir daheim unter lauter Männern so wild und trotzig und unbändig, als wäre sie selber ein Mordsbub'. Drum sei du so gut und lehr' du ihr an deiner seligen Schwester Statt spinnen und stricken und still sitzen und sittsam sein, wie's der Brauch ist für Weibsleut', und unser lieber Herrgott wird dir's gesegnen in deinen alten Tagen. Amen! Ich grüß' dich – u. s. w.

Aloys Schory.

Als Nachschrift fand sich noch der Passus:

»Wenn ich nichts von dir höre, so komm' ich mitsamt der Urschi am Sonntag.«


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