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9.

Florian war schon eine gute Strecke Wegs ins Land hineingegangen, und je weiter er hinschritt, desto mehr vertiefte er sich in Gedanken über Vergangenheit und Zukunft. Vom Böswirt war er in allen Ehren »auf baldig Wiedersehen« geschieden. Er hatte ein ordentlich Stück Geld ersparten Lohnes im Sack. Der Soldatenstand hatte ihm auch immer als etwas absonderlich Schönes geschienen. Die Residenzstadt gar war der goldene Mittelpunkt seiner Wunsche.

Florian war dem Böswirt in seinem Herzen nie so dankbar gewesen als jetzt, da er aller Wahrscheinlichkeit nach aus den tagtäglichen Gelegenheiten schied, diesem seinen Dank tatkräftig zu beweisen, und nun machte es ihm ein Vergnügen, die Wohltaten, so er von dem jähzornigen Alten, wenn auch selten ohne Zanken und Schläge erhalten hatte, aus der Rumpelkammer seines Gedächtnisses zu stöbern. Da kam er wieder an die Jahre seiner Kindheit, und ein anderes Kind stand neben ihm, die kleine Urschi, die sich auf einmal fest vor seine innere Vorstellung pflanzte.

Wie der Mensch meistenteils in jenen Stunden, wo eine Veränderung der Lebenslage ein Stück alter Gewohnheit mehr oder minder schmerzhaft abbricht, sich selber hätschelt und streichelt, so sagte nun auch Florian auf der Landstraße zu sich: »Wer weiß, ob du je einmal wieder dahin kommst, wo du so viel Gutes genossen hast!« Und obwohl er eben das Glück, das ihm im Leben geworden war, dankbar anerkannt hatte, fuhr er doch fort: »Du bist schon so ein Unglückskind. Daß du dich hineinspielst, das ist so sicher und ausgemacht, wie etwas; dann kannst du sechs lange Jahre den Schießprügel spazieren schleppen, und weiß Gott, wie's nachher da heraußen aussieht. Den Alten hat der Zorn umgebracht, oder er hockt hinter dem Ofen und kümmert sich um nichts mehr, denn im Gasthaus schaltet die Urschi, die sich mittlerweil' einen Mann herausgesucht hat, wie er ihr taugt. Du bist alsdann ein Fremder und kannst hingehn, wo d' herkommen bist.«

Er hatte in seinem ganzen Leben nie sehr viel auf Urschi gehalten, noch weniger, daß er Wohlgefallen an ihr empfunden hätte, noch viel weniger, daß es ihm auch nur im Schlaf eingefallen wäre, seines reichen Wohltäters Kind jemals heiraten zu können, und doch – was für ein neidisches unzufriedenes Wesen ist der Mensch! – jetzt wurmte und würgte ihn der Gedanke an einen fernen möglicherweise auftauchenden Bräutigam der kleinen Ursula in ganz unerträglicher Weise. Bald stand er still, bald tat er einige Schritte rückwärts, ging dann wieder seinen rechten Pfad, bis er nach einigem Zaudern sich auf einen Steinhaufen an der Landstraße setzte und gerade vor sich in die Radspuren des Weges hinsah, wo zwei vergnügte Spatzen sich im Staube badeten.

Es war nicht der Schmerz um das, was er zu verlieren ging, der ihn eine lange halbe Stunde auf dem harten Sitz verweilen ließ, sondern eine Art Feigheit des Entschlusses, die den Menschen zuweilen zurückhält, der Vergangenheit, mit der er abschließen soll, mit einer raschen Wendung entschieden den Rücken zu kehren und mit harter Stirne der Zukunft entgegenzutreten.

»Ich möchte das Urscherl, das meinetwegen so viel Schläg' ausgestanden hat, doch noch einmal sehen,« sprach er laut vor sich hin, »eh' sie mich vielleicht totschießen da hinten in der Krim oder sonst wo … Wie sie sich wohl ausg'wachsen hat?«

Fernes Klingen von Pferdeschellen unterbrach seinen Monolog, und aus dem aufwirbelnden Staube erkannte er bald das Wägelchen des Schusters, dessen Haus sich nächstnachbarlich an des Böswirts Schenke lehnte.

»Schau', da könnt'st aufsitzen,« dacht' er flugs; »dann bist daheim, wenn die Urschi kommt, und um dich von deinem Korporal plagen und zausen zu lassen, kommst noch immer früh genug auf München … Bist ein rechter Tropf, Flori! Was geht dich die Urschi an, und der Schuster und die ganze Bagage? Vorwärts marsch, Rekrut, vorwärts! – Guten Morgen, Schusternaz, ein'n schönen Gruß an meinen alten Herrn! Juchhe!« Und das Wägelchen rollte vorüber.

Florian ging ein paar Schritte weiter in den Staubwolken, die das holpernde Fuhrwerk auf der dürren Straße aufwirbelte, dann blieb er plötzlich stehen. Der Schuster bog eben um eine scharfe Ecke und verschwand hinter den Bäumen der Landstraße; da fing der junge Konskrit auf einmal an, wie besessen dem Davonrollenden nachzulaufen.

»Nazi!« schrie er, »Schusternaz! Halt a bißel auf! Bitt' di gar schön, laß mi aufsitzen! Weißt, i hab' daheim no was vergessen, und dös muß i notwendig haben, sonst können's mi beim Militär net brauchen!«


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